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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Am Montagmorgen, dem ersten Tag der Jahresendprüfungen, herrschte eine merkwürdige Mischung aus Ruhe, Nervosität, Verärgerung und Trübsal, als Julius mit seinen Klassenkameraden hinunter in den Speisesaal ging. Hercules ging wohl noch mal alle Zauberkunst-Formeln durch, denn er bewegte die leeren Hände, als wolle er einen Zauberstab so führen, wie er für den Aufmunterungszauber oder den Flammengefrierzauber gebraucht wurde. Claire wirkte gelassen, während Jasmine, Irene und Céline sichtlich gereizt waren und offenbar nicht besonders gut aus dem Bett gekommen waren. Die einzige aus der dritten Klasse des grünen Saales, die sich wohl nicht um die Prüfungen scherte, war Bébé. Doch Julius durchschaute ihre Maske der Gleichgültigkeit. Laurentine würde in den kommenden zwei Wochen darum kämpfen müssen, in den Ferien wieder zu ihren Eltern zu reisen. Versagte sie in einer der anstehenden Prüfungen, würde die Schulleitung in Absprache mit der Ausbildungsabteilung beschließen, sie in die Obhut einer Zaubererfamilie mit gutem Ruf in der Bildungsabteilung zu übergeben, ähnlich wie man es bei ihm damals getan hatte.

"Hat Professeur Kugelrund dich schon angeleitet, was sie von dir haben will, Julius?" Fragte Robert Deloire zwischen zwei Marmeladenbrotscheiben. Julius schüttelte den Kopf. Die wahrlich kugelrunde Professeur Bellart hatte ihm nichts gesagt, was sie in der Prüfung von ihm an Extraarbeit sehen wollte. Äußerlich wirkte auch er ruhig und gelassen. Doch innerlich wußte er, daß nun, wo die Lehrer hier wußten, was er konnte, alles von ihm abverlangen würden, was er ihrer Meinung nach bringen konnte. Die Lehrerinnen Faucon und Fixus, sowie der auf sein Fach fixierte Professeur Trifolio, der Kräuterkunde gab, hatten ihm durch einen sehr lichten Blumenstrauß verkündet, daß sie jede Note unterhalb von Gut als persönliche Beleidigung empfinden würden. Gut, das erreichte man in Beauxbatons, wenn man zwischen zehn und zwölf Punkten in einer Arbeit erwarb. Der Zauberkunstprüfung sah er noch mit einer gewissen Ruhe entgegen. Am Mittwoch würde es für ihn wirklich ernst, denn da stand Verwandlung an.

"Hat einer von euch die Prüfer der ZAG- und UTZ-Leute gesehen?" Fragte Gaston Perignon, der vor Nervosität nicht richtig essen konnte. Robert erzählte ihm, daß die gestern wohl nach Saalschluß eingetroffen seien und sich den Leuten aus der fünften und siebten Klasse wohl vor Antritt der Prüfungen vorstellen würden. Insgesamt acht prüfer seien angereist.

"Kann sein, daß wir die beim Mittagessen am Lehrertisch sehen", beendete Robert seinen kurzen Bericht.

"Für uns ist das ja im Moment auch nicht so wichtig", wandte Hercules Moulin ein. "Ich bin froh, wenn wir die Prüfungen von uns schon hinkriegen können."

"Das ist schon klar, Hercules", bestätigte Robert und nickte.

Die Posteulen flogen an und kreisten über den sechs großen Tischen im Speisesaal. Eine Waldohreule trug gleich drei Briefe herum, einen an jedem Bein und den dritten im Schnabel. Diesen legte sie vor Jeannes Teller ab, flatterte weiter zu Claire, der sie das linke Bein hinhielt und wartete, bis der daran hängende Umschlag losgebunden war und segelte dann geschmeidig zu Julius hinüber, dem sie das rechte Bein hinstreckte.

 

"Du hattest aber was zu tragen, wie?" Fragte Julius die Eule, die er gut kannte. Er nahm ihr den Umschlag ab und öffnete ihn, während drei weitere Eulen zu ihm herüberkamen, ein Uhu, ein Habichtskauz und eine Sumpfohreule. Julius las die ersten Zeilen des ersten Briefes:

"Lieber Julius, ich freue mich, daß sich das mit Claire und Goldschweif wieder eingeränkt hat und du nun entspannt ..."

"Wuu-huuu", kam es sehr eindringlich von dem Uhu, der mit einem Umschlag am rechten Bein zwischen Teller und Brotkorb hockte. Julius unterbrach das Lesen und nahm den drei übrigen Eulen die mitgebrachten Briefe ab. Der Uhu sprang förmlich nach oben und strich dann majestätisch über die anderen Tische hinweg.

"Von wem war der denn?" Fragte Hercules beeindruckt und deutete mit der linken Hand dem großen Eulenvogel nach.

"Das war der von Madame Delamontagne. Offenbar hat der für Virginie und mich Briefe mitgebracht", sagte Julius. Dann nahm er den Brief, den Madame Dusoleils Eule ihm gebracht hatte und las weiter, daß sie ihm viel Erfolg bei den Prüfungen wünschte und hoffe, daß Professeur Faucon oder Professeur Trifolio ihn nicht all zu arg drangsalieren würden. Sie wünschte ihm alles liebe und viel erfolg auch im Namen ihrer Familie.

Die Sumpfohreule hatte einen Brief von den Grandchapeaus dabei. Julius fragte sich, ob die hohen Herrschaften nicht auch einen Uhu als Postvogel beschäftigen würden, dachte jedoch, daß der wohl dann eher zu Belle an den violetten Tisch hinübergeflogen sein müßte. Er las:

Hallo, Julius,

auch im Namen meines Gatten möchte ich dir für die angehenden Jahresendprüfungen viel Erfolg und die nötige Ruhe wünschen, zumal dieses Jahr ja doch eine große Anzahl unvorhersehbarer und gleichermaßen aufwühlender Erlebnisse gebracht hat. Ich gehe davon aus, daß du dir vor den Prüfungen keine nennenswerten Sorgen machen mußt, da ich weiß, daß du dich immer sehr fleißig an allen aufgetragenen Schulaufgaben beteiligt hast.

Alles gute und viel Erfolg für deine Prüfungen!

                    Nathalie Grandchapeau

Julius nahm den Brief, den der Habichtskauz gebracht hatte und fand im Umschlag ein Stück Pergament und ein Stück gewöhnliches Schreibpapier. Er las zunächst den Pergamentbrief, in dem Catherine Brickston ihm Mut und Durchhaltevermögen für die Prüfungen wünschte, aber davon ausginge, daß er schon alles hinbekomme, was man ihm auftrüge. Dann las er den Papierbrief. In ihrer schönsten Handschrift schrieb seine Mutter:

Hallo, Julius,

ich weiß, daß du von heute an die Jahresendprüfungen machen mußt. Ich hoffe, die Lehrer dort überschätzen dich nicht zu heftig und prüfen dich im Rahmen dessen, was du gut verkraften kannst.

Falls du bei einer Aufgabe doch scheitern solltest, was zwar sehr unwahrscheinlich ist aber doch passieren kann, lass den Kopf nicht hängen! Niemand wird dich deshalb gleich zum Teufel jagen.

Noch einmal alles liebe und die Stärke, die du brauchst, um diesen Marathon zu schaffen.

          deine dich liebende Mutter, Martha Andrews

Blieb nur noch der Brief von den Delamontagnes. Madame Delamontagne schrieb:

Hallo, Julius,

du stehst heute vor der ersten wirklich wichtigen Runde von Jahresendprüfungen, da nun, wo erkannt und gefördert wurde, was du leisten kannst, auch wirklich sicher festgestellt werden kann, was du vollbringen kannst. Ich gehe sehr stark davon aus, daß du dich ranhalten und die dir auferlegten Aufgaben so sorgfältig und vollständig erfüllst, wie man es von einem Beauxbatons-Schüler erwartet.

Ich erfuhr, daß Professeur Faucon, wie auch Professeur Bellart dich in den direkten Zauberfertigkeitsprüfungen bereits oberhalb des Niveaus der dritten Klasse examinieren werden. Durch den eigenen Augenschein deiner Zauberfertigkeiten bin ich mir sicher, daß du diese höhere Leistungsprüfung auch mit einer überdurchschnittlichen Note bestehen wirst.

Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, daß du in einer der anstehenden Prüfungen doch überfordert werden und dadurch mit einer unterdurchschnittlichen Endnote bedacht werden solltest: Niemand ist perfekt. Wenngleich ich dich genauso anhalte, wie meine Tochter Virginie, möglichst das Beste zu erbringen, weiß ich aus eigener Erfahrung, daß nicht jede Prüfung ein überragender Erfolg sein muß. Ich möchte dich jedoch mit Nachdruck ersuchen, dich nicht mit der Gewißheit anzufreunden, daß du wegen der höheren Anforderungen ruhig auch mit niedrigere Noten auskommen magst. Ich hörte sowas, daß es dir früher einmal sehr recht war, nicht allzu leistungsbetont aufzutreten. Sollte sich erweisen, daß du aus reiner Nachlässigkeit oder gar Faulheit eine Prüfung verfehlst, sei dir sicher, daß dies nicht nur deine Lehrer sehr verstimmen wird!

Ich wünsche dir alle Beharrlichkeit, Geisteskraft und Ruhe, deine Prüfungen so gut zu bestehen, wie es dir möglich ist.

Mit freundlichen Grüßen

                    Eleonore Delamontagne

"Na toll", knurrte Julius und steckte den Brief von Madame Delamontagne wieder zurück in den Umschlag. "Dann werde ich mir wohl diesen Sommer was anderes vornehmen müssen, wenn ich eine Prüfung versiebe."

"Was will die gewichtige Dame denn von dir, Julius? Sollst du in allen Prüfungen fünfzehn Punkte plus Bonuspunkte abräumen, sonst darfst du nicht mehr gegen sie Schach spielen?" Fragte Robert Deloire.

"Oh, ich fürchte, die wird mich dann ausschließlich nur bei sich halten wollen, damit ich in den Ferien das pauken kann, was ich in den Prüfungen noch hätte wissen müssen, wenn ich irgendwo durchrassel", erwiderte Julius schnell.

"Wieso meint die, dich so rannehmen zu müssen?" Wollte Hercules wissen.

"Frag doch nicht so blöd, Culie!" Erwiderte Robert. "Die dicke Tante hat mitgekriegt, daß Julius viel drauf hat und will haben, daß er in der Spur bleibt."

"Hab ich dich gefragt, Robbie?" Knurrte Hercules verärgert zurück. Julius glättete die Wogen sofort:

"Leute, Madame Delamontagne fühlt sich für mich verantwortlich, weil sie das damals eingefädelt hat, daß ich nach Millemerveilles kam. Wenn meine Mutter das nicht eingesehen hätte, daß ich mit der Zauberei weitermachen soll, hätte Virginies Maman mich glatt zwangsadoptiert. Sowas ähnliches hat sie mir mal im letzten Sommer unter die Nase gerieben, bevor das zwischen meiner Mutter und meinem Vater gekracht hat."

"Ach ja, du warst ja in den Osterferien bei ihr", erinnerte sich Robert, der das von Céline gehört hatte, die es wiederum von Claire hatte. Julius nickte.

"Ich dachte, Claires Maman würde dich nun noch mehr einladen", wunderte sich Hercules. Doch dann schwieg er. Er kannte es von den Lavalettes, daß sie ihn zwar einluden, aber nie über Nacht bleiben ließen.

Nach dem Frühstück erhob sich Madame Maxime noch einmal und erheischte Ruhe. Alle standen wie hochkatapultiert von ihren Stühlen auf und standen stramm, auch Julius, der das vor einem Jahr noch belächelt hatte.

"Mesdemoiselles et Messieurs, heute beginnen für Sie alle die Jahresabschlußprüfungen. Für die Erstklässler unter Ihnen heißt das, zu beweisen, daß Sie die Ehrung verdient haben, in unserer Akademie in magischen Künsten unterwiesen zu werden. Für die Kandidaten der ersten Zauberergrade heißt dies, sich von jetzt über die nächsten zwei Wochen zu vergewissern, welche zukünftigen Lernziele sie verfolgen mögen, und für die Kandidaten des ultimativen Tests Zauberfertigkeiten bedeuten diese beiden Wochen den hoffentlich krönenden Abschluß ihrer siebenjährigen Ausbildung und den Aufbruch in die Eigenständigkeit, in der Sie eigene Verantwortung übernehmen und selbstgewählte Ziele verwirklichen mögen. Alle anderen Klassenstufen erfahren wie üblich, wo genau die Stärken und Schwächen liegen und wo es dringlich ist, Nachholarbeiten zu verrichten und in welchen Bereichen Sie sich bereits auszeichnen. Diejenigen, die bereits erfolgreich die ZAG-Prüfungen bestanden und nun das sechste Schuljahr unter unserem Dach zubrachten werden nun erkennen, ob der eingeschlagene Weg schwer oder einfach für sie verläuft, und wo es gilt, Versäumnisse oder Unzulänglichkeiten zu beheben, um dann im nächsten Jahr als stolze Kandidaten des ultimativen Tests Zauberfertigkeiten in ihrem eigenen Interesse und als Geste der Dankbarkeit an diese Akademie ihre bestmöglichen Leistungen zeigen können. Die Prüfungen beginnen heute um acht Uhr und fünfzehn Minuten, gemäß den Ihnen ausgehändigten und von meinen Kolleginnen und Kollegen mündlich verkündeten Plänen. Ich fordere alle Prüflinge auf, sich fünf Minuten vor dem angesetzten Beginn vor den jeweiligen Fachräumen einzufinden. Befindet sich jemand gesundheitlich unwohl, so mag er oder sie vor Antritt der Prüfung zu Schwester Florence gehen und sich untersuchen lassen. Sie wird im Bedarfsfall verfügen, ob heilmagische Behandlungen erfolgen oder der unpässliche Prüfling nicht an der angesetzten Prüfung teilnimmt, sie nach zwei Wochen nachholen möchte. Ich weise jedoch noch einmal darauf hin, da die Schülerinnen und Schüler der ersten Klasse dies vielleicht noch nicht wissen und die Schülerinnen und Schüler der höheren Klassenstufen es möglicherweise schon wieder vergessen haben, daß Schwester Florence bei Krankmeldungen auch prüft, ob jemand absichtlich seinen oder ihren Gesundheitszustand verschlechtert hat. Im Falle einer vorsätzlichen Beeinträchtigung der körperlich-geistigen Verfassung wird das betroffene Mitglied der Schülerschaft für dieses Jahr von allen Prüfungen entbunden und muß, sofern nicht der Verweis von der Akademie ausgesprochen wird, das ganze Jahr wiederholen. Dies nur noch einmal, damit nicht jemand auf tolldreiste Ideen kommt." Die Schüler sahen sie betreten an. Sie lächelte dann aber und sagte: "Da dies aber bis heute nur fünfmal in der langen und untadeligen Geschichte von Beauxbatons vorkam, bin ich zuversichtlich, diese Warnung nur der Form halber ausgesprochen zu haben und daß niemand die Absicht hatte, sich krank zu stellen oder durch unzulässige Methoden krank zu machen. Natürlich weiß ich, wie wichtig auch Ihnen die erfolgreiche Teilnahme an allen Prüfungen und eine unbelastete Schulzeit in unseren Mauern ist.

Weil dem so ist, versteht es sich von selbst, daß wir auch jede Möglichkeit des Betruges ausschließen. Pergamente wie Schreibgerätschaft werden von den Prüfern ausgehändigt. Die Pergamente sind gegen alle erdenklichen Formen von Korrekturzaubern oder Zitierzaubern gesichert. Federn sind so bezaubert, daß sie Betrugsarten wie das Abschreiben erkennen und melden, und die Tinte ist gegen selbstkorrekturzauber immun. Selbst verständlich dürfen Sie zu den Prüfungen keinerlei Text mitbringen, also weder Bücher noch Notizzettel oder angelegte Aufzeichnungen. Die Prüfer werden sie darauf untersuchen, ob Sie bücher mitführen und diese sofort einziehen, bis der Prüfungstag beendet ist. Bleibt mir nur noch, Ihnen, werte ZAG- und UTZ-Kandidaten, die amtlichen Prüferinnen und Prüfer zu präsentieren."

Alle sahen auf den Lehrertisch und Madame Maxime. Sie winkte der Tür, die in den zylinderförmigen Warteraum führte, aus dem die neuen Schüler in den Speisesaal einzutreten pflegten. Die Tür schwang lautlos auf, und ein steinalter Zauberer in moosgrünem Umhang mit schlohweißem Haar, noch heller als das von Dumbledore, einem gleichfalls weißen Schnurrbart und einer silbernen Brille mit dicken Gläsern, die an übergroße Froschaugen denken machten, schritt steif aber aufrecht in den Saal ein. Alle klatschten höflich Beifall, als Madame Maxime vorstellte: "Professeur Richard Moureau!" Der steinalte Zauberer lächelte den Schülern der älteren Klassen zu und entblößte dabei seine letzten zehn echten Zähne. "Professeur Alexandre Énas!" Setzte die Schulleiterin die Vorstellung fort. Ein untersetzter Zauberer mit silberweißem Haarkranz und Spitzbart schritt ein und bedachte alle Schüler mit einer huldvollen Geste. Wieder klang Beifall auf. "Professeur Balthasar Marat!" Rief Madame Maxime, als ein durchschnittlich gebauter Zauberer mit silbernen Locken und einer goldrandigen Brille gegen Weitsichtigkeit hereinkam. Er wirkte im Vergleich zu Professeur Moureau richtig frisch und tatendurstig. Julius staunte, als "Professeur Austère Tourrecandide!" in den Speisesaal einschritt. Er hatte geglaubt, alle Prüfer seien schon über hundert. Doch die Hexe im dotterblumengelben Rüschenkleid mit den weißblonden Locken, die ihr voll und fließend bis über die Schultern herabreichten, wirkte geradezu quirlig, wenngleich sie bei der Begrüßung der Schüler einen sehr erhabenen, ja unumstößlich überlegenen Eindruck machte. Er hörte ein leises Raunen und Zischen von den Schülern her, dem er die Worte entnahm: "Faucons frühere Lehrerin."

Die sehr füllige aber gelenkig einherschreitende Hexe mit dem weißblonden Haar, welches im Nacken zum strengen Knoten gebunden war, erkannte Julius sofort wieder. Es war Oleande Champverd, Virginies Großmutter mütterlicherseits, eine weltberühmte Expertin für Kräuterkunde, Mitverfasserin diverser Fachbücher zur magischen Herbologie. Er hatte sie bei Virginies ZAG-Feier kennengelernt. Sie galt als weitgehend gegen Muggel und Muggelstämmige eingestellte Hexe. Um so erstaunter war er damals gewesen, daß sie ihm für seine bisherigen Arbeiten Respekt bekundet hatte.

"Professeur Artos Perignon!" Rief Madame Maxime, worauf ein kleinwüchsiger, dafür sehr breit gebauter Zauberer mit graubraunem Haar eintrat. Julius hörte manche kichern. Gaston stöhnte.

"Na toll, hat der sich doch breitschlagen lassen. Das kann ja was geben, wenn wir die ZAGs machen."

"Dein Opapa?" Fragte Robert gehässig grinsend.

"Ja, du Lästermaul", knurrte Gaston. "Ist in der Liga gegen die dunklen Künste und ein Superzauberkünstler."

"Ui, da muß Gassi aber stark ranklotzen, wenn er Opapa nicht böse machen will, weil der ihn in zauberkunst wohl ziemlich gut rannehmen wird", klinkte Hercules sich in Roberts kleine Stichelei ein.

"professeur Léda Dujardin!" Stellte Madame Maxime eine kleine zierliche Hexe vor, die Julius wie ein um mehrere dutzend Jahre älteres Ebenbild Amélies vorkam, nur daß die Prüferin einen langen Zopf trug.

"Die ist gut in Zauberwesenkunde", machte Hercules Julius und alle in Flüsterhörweite aufmerksam. "Die arbeitet sonst mit meinem Pa zusammen."

"Da wird sich Amélie ja freuen, wenn ihre Oma oder Großtante sie in Magizoologie prüft", warf Julius leise ein.

"Professeur Zephyrus Lavalette!" Beendete Madame Maxime die Vorstellungsrunde. Ein großer, drahtiger Zauberer mit silberblondem Haar trat ein. Hercules stutzte.

"Ach, du großer Mist, das hat Bernie mir ja nicht erzählt. Ich habe den in den Osterferien kennengelernt. ich dachte, der hätte sich ganz aus dem Schulkram zurückgezogen. Der kennt sich gut mit flexiblen Verwandlungszaubern aus, Protheus-zauber und Mimetomorphe Gestaltung, falls die Faucon dir das schon mal erzählt haben sollte, Julius."

"Ist das Bernadettes Großvater?" fragte Julius sichtlich interessiert.

"Jawoll", bestätigte Hercules.

"Protheus-Zauber sind nicht einfach. Du mußt da mehrere Durchgänge machen, um einen Gegenstand ... aber das ist jetzt nicht so wichtig für uns", sagte Julius und würgte sich selbst ab, um nicht zu gut rüberzukommen.

"Mesdemoiselles et Messieurs aus den Klassen der ZAG- und UTZ-Prüfung, diese acht honorigen Hexen und Zauberer werden im Verlauf der nächsten beiden Wochen Ihre Prüfungen beaufsichtigen und Ihnen in den praktischen Durchgängen vorzuführende Zauber anweisen. Ich bitte mir strickt aus, daß jeder Anweisung dieser Damen und Herren aufs Wort zu folgen ist und ich keine Klagen seitens der Prüfer hören möchte", vollendete die halbriesische Schulleiterin die Vorstellungsrunde. Alle Schüler über der vierten Klasse murrten ungehalten.

"Nun, da der offizielle Auftakt zur diesjährigen Jahresendprüfung erledigt ist, ergeht an Sie die Anweisung: Fertig machen zum Antritt der Prüfungen. Ich weise darauf hin, daß das persönliche Erscheinungsbild in die Kommentare der Prüfungsleiterinnen und -leiter einfließen wird. Also bringen Sie alle Ihr äußeres auf bestmögliches Niveau! So, und nun verlassen Sie den Speisesaal!"

Das mit der Sorgfalt beim Erscheinungsbild nahmen die Mädchen so ernst, daß Julius und Robert nach dem letzten Besuch des Badezimmers einer Inspektion unterzogen wurden, kaum daß ihre Freundinnen den Mädchentrakt verließen. Claire zupfte bei Julius noch einmal am Umhang, sagte dann aber:

"So geht's. So kann ich dich auf die Prüfungen loslassen." Sie selbst hatte sich dezent aber haarfein geschminkt und ihr schwarzes Haar extra gestriegelt. Demonstrativ hakte sie sich bei Julius unter. Das war für Céline ein Signal, sich auch bei ihrem Freund unterzuhaken, dem sie vorher noch einmal mit Haarordnungszaubern den Schopf glattgekämmt hatte. So ging es hinunter zu Professeur Bellarts Klassenzimmer, zur ersten Jahresendprüfung: Praktische Zauberkunst.

Außer Claire, Hercules und Julius waren sämtliche Schülerinnen und Drittklässler aus dem grünen Saal nervös und gingen wohl noch wichtige Zauberkunststücke durch, während sie vor dem Klassenraum warteten. Als Professeur Bellart strahlend auf sie zukam, sprangen sie förmlich zur Seite, als würden sie in unmittelbarer Nähe der kugelrunden Hexe zu Asche verbrennen. Sie grüßte munter und wartete auf den üblichen Gegengruß. Dann schloss sie die Tür auf und ließ ihre Schüler eintreten.

"Da ich die Ehre habe, Sie als erste zu prüfen, darf ich Ihnen die betrugssicheren Schreibutensilien aushändigen. Vor jeder theoretischen Prüfung wird nachkontrolliert, ob Sie auch mit diesen Sachen hantieren. Öhm, Bevor ich die Aufgaben für den theorieteil aushändige, möchte ich Sie alle bitten, sämtliche Bücher und Aufzeichnungen, die Sie gerade mitführen, an mich zu übergeben."

Julius trennte sich schweren Herzens von seiner Centinimus-Bibliothek, der Sammlung aller Bücher, die er hatte, welche in einem bezauberten Schrank auf ein Hundertstel ihrer Größe eingeschrumpft aufbewahrt wurden. Professeur Bellart markierte den streichholzschachtelgroßen Minischrank und sah ihn zuversichtlich an. "Den kriegen Sie wieder, sobald die Prüfung vorbei ist. Vielleicht belassen Sie ihn für die nächsten Prüfungen im Schlafsaal. Ach nein, meine Kollegen könnten annehmen, Sie würden ihn dann verstecken, um zwischenzeitlich unerlaubte Nachforschungen zu betreiben."

Alle anderen hatten nur einige Aufzeichnungen dabei gehabt, die aber nicht für Zauberkunst, sondern ihre Freizeitkurse relevant waren.

"Der Theorieteil wird die Zeit beanspruchen, die eine gewöhnliche Doppelstunde dauert. Danach erfolgt eine große Pause, bis ich dann in alphabetischer Reihenfolge Ihrer Familiennamen jeden von Ihnen zur praktischen Einzelprüfung bitte. Für Monsieur Andrews dürfte dieses Procedere auch aus Hogwarts geläufig sein." Julius nickte bestätigend. "Das dachte ich mir", bemerkte die Zauberkunstlehrerin. Dann teilte sie die Unterlagen aus.

Alle Zauber, die im ablaufenden Schuljahr behandelt wurden, mußten in der schriftlichen Prüfung noch einmal dargelegt werden. Julius schrieb alles auf, was ihm einfiel und verwies sogar auf mögliche Nebenwirkungen bei falschen Zauberstabbewegungen. Als das Ende des theoretischen Teils dann von Professeur Bellart durch eine kleine Silberglocke verkündet wurde und auf der Tafel in roter Großschrift "ENDE DER SCHRIFTLICHEN PRÜFUNG" aufflammte, holte sich die Lehrerin per Aufrufezauber alle beschriebenen Pergamentseiten. Dann entließ sie ihre Schülerinnen und Schüler in die Pause. Sie sagte nur:

"Auch wenn nun der schriftliche Teil gelaufen ist, würde es bestimmt Probleme bereiten, wenn Sie die Aufgaben nun draußen diskutieren. Sie könnten sich und Ihre Mitschüler aus dem Konzept bringen und den Ausgang der praktischen Prüfung verderben."

"Das sagt sie jedes Jahr", stellte Robert vor dem Klassenraum fest. "Jedes Jahr dasselbe Geleier."

"Tja, aber jedes Jahr hört auch keiner so richtig drauf", warf Claire ein, winkte Céline und Laurentine und ging mit ihnen zu einer der allgemeinen Mädchentoiletten.

"Wie war das Zauberwort für diesen Gelblichtzauber noch mal?" Fragte Robert Julius. Dieser sah ihn erst verlegen an, weil er an und für sich nicht über die schriftlichen Aufgaben reden wollte. Dann sagte er doch:

"Lu-te-i-lu-mos, Robert."

"Jui, dann habe ich den richtig hingeschrieben", freute sich Célines Freund.

"An und für sich ja Stoff der vierten Klasse", warf Gaston ein. "Wundere mich, daß die den jetzt schon in die Arbeit reingenommen hat."

"Ach, Gaston, die hatten wir dieses Jahr, und deshalb hat Kugelrund uns die auch in der Prüfung reingedrückt. Dafür kommen die dann nächstes Jahr nicht mehr dran."

Julius zog sich zurück. Er dachte daran, daß er in dieser Klasse mal wieder der erste Depp war, der in die praktische Prüfung reinmußte und daß Bellart ihm sicherlich Sondersachen unterjubeln würde, wie Flitwick es in den beiden ersten Jahren schon bei ihm gemacht hatte.

Als Claire und ihre Freundinnen vom Nachschminken und sonstigem Notwendigen zurückkam sah sie Julius abseits der gegen die Empfehlung Bellarts über die schriftlichen Aufgaben diskutierenden Schüler stehen und grinste.

"Ach, wollten die von dir alles mögliche wissen? Mädchen haben's da doch gut. Die können sich einfach absetzen, um notwendige Korrekturen zu machen."

"Die wird mich wohl als ersten reinrufen, Claire. Wenn die das macht, was mein früherer Zauberkunstlehrer Flitwick angestellt hat, dann gibt's für mich gleich hammerharte Sachen zu tun. Ich habe keinen Drang, mich mit den anderen drüber zu unterhalten, was die mir reindrückt, was ihr vielleicht nicht machen müßt", erwiderte Julius. Laurentine, die in Claires Nähe stand sah ihn befremdlich an. Sie fragte:

"Ach, hast du Angst, zu gut rüberzukommen? Tja, kommt davon, wenn man denen auch alles zeigt. Ich denke nicht, daß Bellart mir dieses Jahr 'ne zwei geben wird. Ist mir auch völlig recht."

"Bébé, das hatten wir schon", knurrte Claire verächtlich. "Wenn du die Ferien wieder bei deinen Eltern sein willst, wirst du diesmal mehr bringen. Professeur Faucon hat's dir doch in der letzten Stunde von ihr noch mal gesagt, daß du dich dieses Jahr ranhalten mußt."

"In den Ferien kann ich den Krempel sowieso nicht machen, Mademoiselle Dusoleil. Außerdem werden die das nicht bringen, mich in den Sommerferien von meinen Eltern wegzuhalten, wo Papa schon mehrere Anwälte in Position gebracht hat und ..."

"Sollte Professeur Faucon bloß nicht hören", zischte Céline. "Sonst nimmt sie dich am Schuljahresende gleich mit zu sich nach Millemerveilles und läßt dich erst zum neuen Schuljahr wieder aus. Ne, Julius?"

"Lass mich bitte daraus, Céline!" Gab Julius verlegen zur Antwort. Claire sah ihn erheitert an.

"Immerhin hast du bei professeur Faucon viel gutes zu Essen gekriegt, konntest Quidditch spielen und hast mit Maman die grüne Gasse besucht, Julius."

"Ja, und immer ein Verbindungsarmband umgehabt", ergänzte Julius. "Leg's also nicht drauf an, daß sie dich für die Ferien einbehält, Bébé!"

"Hmm, jetzt haben wir ihn doch nicht rausgelassen", flachste Céline amüsiert grinsend. Julius nickte widerwillig.

"Ist die wirklich so heftig?" Fragte Laurentine, die nun nicht mehr so gleichgültig aussah. Julius nickte nur. Sie schlug die Augen nieder und zog ihre Stirn kraus. Claire zwinkerte ihrem Freund verschmitzt zu. Offenbar hatte er ohne großes Zutun was in der leicht untersetzten Junghexe mit den Pausbacken und der Stubsnase angerührt, was diese für unmöglich gehalten haben mochte.

Nach der Pause, in der alle einmal die Toilettenräume besucht hatten, trat Professeur Bellart aus der Klasse heraus und winkte Julius Andrews zu.

"Monsieur Andrews, bitte zur praktischen Prüfung antreten!" Befahl sie. Julius nickte seiner Freundin und den Jungs seiner Klasse zu und trat in den Prüfungsraum.

"Sie wissen ja", begann Professeur Bellart, als die Tür geschlossen war, "daß wir Sie auf höherem Leistungsniveau prüfen möchten, sofern Sie in der Lage sind, es zu halten. Doch zunächst werde ich Sie in den Standardsituationen für Drittklässler prüfen, bevor die für Sie angesetzten Sonderaufgaben zu vollbringen sind. Ich darf Ihnen zuversichtlich mitteilen, daß die reine Erfüllung der Standardaufgaben Ihnen bereits eine gute Note eintragen wird, sofern Sie sie bestmöglich bewältigen. zehn Notenpunkte werden Ihnen dafür gutgeschrieben. Wenn Sie jedoch in einer für Sie leicht zu erledigenden Arbeit Fehler machen, verringert sich die Note etwas drastischer als bei Ihren Kameradinnen und Kameraden. Also beginnen wir!"

Julius vollführte alle in der dritten Klasse erlernten Zauber ohne Schwierigkeiten. Als sie vorbei waren, verlangte Professeur Bellart, er möge diverse Zauber noch mal ohne laut ausgesprochene Zauberformeln wirken, ließ ihn dann Zauber aus der Freizeitgruppe ausführen, wie den Staubsammelzauber, den Magnacohesius-Zauber, der die Oberflächenspannung von Flüssigkeiten bis zum tausendfachen Wert steigern konnte oder bereits Illusionen erzeugen oder zerstreuen. Er brachte Weingläser zum singen oder Gegenstände zum leuchten, balancierte einen Tisch zwei Längen über dem Zauberstab oder verkehrte die Polung eines Magneten. Er beschwor kleine Zauberfeuer in Krüge oder ließ Nebel im Klassenraum aufwallen und wieder verfliegen. Die Krönung war der wortlose Aufrufezauber. Er mußte zehn verschieden schwere und große Objekte zu sich holen, nach Möglichkeit ohne lautes Zauberwort. Bei den kleineren Dingen war das kein Problem mehr. Bei den größeren Dingen, wie einer Kommode oder einem Waschkessel gelang das nicht auf Anhieb. Die Objekte sprangen hoch und polterten wieder zu Boden. Erst als er den Zauber laut und mit genauer Bezeichnung des zu holenden Objektes ausrief, kamen die zu rufenden Dinge folgsam angeflogen.

"Sie merken, daß Größe und Masse eines Objektes seine telekinetischen Eigenschaften sehr stark prägen. Sie können also kleinere Objekte wesentlich leichter herbeirufen als große. Haben Sie die Drei-Komponenten-Regel noch im Kopf?"

"Größe, Schwere, Entfernung, wobei gilt, daß die Größe die stärkste Komponente bildet und die Entfernung die geringste. der Passivlokomotive Widerstand unbezauberter Objekte erhöht sich halblinear zur Entfernung, benötigt also bei der vierfachen Entfernung gerade die doppelte Zauberkraft. Das Gewicht beeinflußt die PLR, die nicht mit der physikalischen Massenträgheit gleichgestellt ist, proportional, also doppeltes Gewicht fordert doppelte Zauberkraft. Bei der Größe haben wir eine Zunahme im Kubik. Ein Objekt mit der doppelten Größe eines Standardobjektes fordert den achtfachen Aufwand an Zauberkraft", zitierte Julius die Regeln für die Fernlenkbarkeit von Objekten, die er bereits in der ersten Klasse gepaukt hatte.

"Tja, und wieso ist die Größe eines Objektes derartig ausschlaggebend?" Fragte Professeur Bellart.

"Weil in der magischen Theorie eine ständige Wechselwirkung zwischen Raum, Zeit und Materie stattfindet. Ich habe bei einer zunehmenden Größe einen größeren Raumwiderstand, unabhängig vom Gewicht, also der gesamten Masse des Objektes. Deshalb ist ein noch so großes Objekt sehr schwer zu rufen, auch wenn es nur aus Seidenpapier besteht, eben weil es mehr Raum beansprucht."

"Genau, Monsieur Andrews. Was in der Physik durch die Massenträgheit bestimmt wird, ist in der Fernlenkungsmagie der räumliche Widerstand. Dabei ist es gleichgültig, ob Sie ein Objekt aus dem luftleeren Weltenraum beschwören wollen oder aus den Tiefen des Ozeans. Natürlich wirkt die Umgebung, also die Leere oder das dichte Wasser auf die Geschwindigkeit, mit der das Objekt Ihrem Aufrufezauber gehorcht. Doch die physikalische Massenträgheit wird beim Aufrufen auf Null gesenkt, sobald der Zauber voll greift. Deshalb ist dieser Schwellenwert beim Aufrufen oder dem Locomotor-Zauber so wichtig. Deshalb ist es auch einfacher, ein Objekt auf geringeres Gewicht zu erleichtern oder gar fliegen zu lassen als es gezielt durch den Raum zu bewegen. Dies nur, weil Sie meiner Auffassung nach ein gutes Theorieverständnis mitbringen. Sie haben alle angewiesenen Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit gelöst. Die Endnote werden Sie dann mit Ihren übrigen Kameraden kriegen."

Julius verließ mit dem Pokergesicht, nichts von seinem Inneren verraten zu wollen, den Prüfungsraum. Claire sah ihn neugierig an. Er wich ihrem Blick aus.

"Monsieur Deckers bitte zur praktischen Prüfung antreten!" Rief Professeur Bellart den nächsten Kandidaten herein.

"Was hat sie dir alles noch aufgeladen?" Fragte Claire. Julius flüsterte es ihr zu. Sie nickte.

"Sicher wollte sie wissen, was du schon hinkriegst, Juju", flüsterte sie zurück.

Robert war merklich hibbelig, als er aufgerufen wurde. André Deckers zog sich erleichtert vom Klassenraum zurück. Offenbar hatte er seine Prüfung gut hinbekommen.

"Mademoiselle Dornier!" Wurde Céline aufgerufen. Zehn Minuten später kam sie etwas geknickt dreinschauend heraus. Claire folgte ihr nach und kam ebenfalls nach zehn Minuten wieder zurück, mit leuchtenden Augen. Sie hatte wohl alles hingekriegt, was ihr Professeur Bellart aufgetragen hatte.

"So, Mademoiselle Hellersdorf, jetzt liegt es an Ihnen, die Bemühungen des letzten Jahres mit einer guten Leistung zu krönen", sagte Professeur Bellart, als sie Laurentine zu sich winkte. Sie zog die Tür zu, nachdem Bébé eingetreten war.

"Ich hab's ihr noch mal klar gesagt, daß die dieses Jahr keine Vier da rausbringt", zischte Claire Julius zu. "Ich meine, ich habe nichts dagegen, falls Bébé in den Ferien in Millemerveilles oder sonstwo in der Zaubererwelt unterkommen muß. Aber die macht es nicht leichter für sich, wenn die sich mit dieser Total-egal-Haltung durch alle Prüfungen fallen läßt."

"Immerhin hat sie ja wohl die Prüfungen in den ersten zwei Klassen bestanden", meinte Julius.

"Ja, aber gerade soeben. Bei Professeur Faucon war das im letzten Jahr sehr hart an der Grenze. Die hätte sie am liebsten in die Ehrenrunde geschickt, weil die in Verwandlung so dösig gewesen ist. Diesmal dürfte das nicht nur ein zweites Gastspiel in der dritten Klasse geben, wenn sie das noch einmal macht."

"Ja, dann fliegt sie, aber nicht auf dem Besen, sondern von der Schule", feixte Robert Deloire. Céline knuffte ihm in die Seite. Claire funkelte ihn böse an.

"Damit andere Muggelstämmige mit ähnlichem Unsinn im Kopf ihr hinterherfliegen können? Ich denke mal, die lassen sich da was anderes einfallen", bemerkte Claire sehr ernst.

Als Laurentine wieder aus dem Prüfungsraum kam grinste sie feist. Es war kein trotziges Grinsen, sondern Erleichterung. Sie ging zu Céline, flüsterte ihr was zu. Dann ging sie zu Claire, flüsterte ihr was zu und kam dann zu Julius. Claire strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

"Außer diesem Angstverminderungszauber ist alles gut gelaufen. Kugelrund hat mir sogar gesagt, daß ich mich gerade in den Fernlenkzaubern besser ausgemacht hätte als vorher. Deine Lichtspielereien vom Jahresanfang gingen auch gut über die Bühne, Julius. Ich denke, neun oder zehn Punkte könnten da rausspringen."

"Damit kannst du schon was reißen, Bébé", sagte Julius ernstgemeint.

"Ja, weil sie es langsam aber endlich doch noch kapiert, wer und was sie ist", gab Claire ihren Senf dazu.

Es erwies sich, daß Laurentine mit ihrer Prüfungsleistung zufrieden sein konnte. Denn außer Julius, Claire und Hercules hatte niemand mehr eine bessere Note als Bébé. Einige warfen sogar ein, Professeur Bellart habe Bébé absichtlich leichtere Aufgaben gegeben, um sie einmal besser aussehen zu lassen. Pech nur für Gaston, der das etwas zu laut gesagt hatte, daß die Prüferin das mitbekam und sofort sehr wütend gestikulierend Einspruch erhob:

"Das verbitte ich mir, Monsieur Perignon. Hier wird niemand wegen Herkunft oder Rang der Eltern bevorzugt. Es ist eher so, daß wir die Leistungsgrenzen jedes Einzelnen bis zum letzten ausreizen. Mademoiselle Hellersdorf hat sich vernünftigerweise darauf besonnen, nicht mehr die Verweigerungshaltung zu präsentieren, mit der sie in den letzten beiden Jahren negativ auffiel. Sie hat dieselben Aufgaben zu denselben Bedingungen erfüllen müssen, die ich Ihnen und dem Großteil der übrigen Mitglieder Ihrer Klasse gestellt habe. Bonusleistungen wurden erst erhoben, wenn die Standardaufgaben alle überdurchschnittlich gut erfüllt werden konnten. Daher haben Monsieur Andrews, sowie Mademoiselle Dusoleil die Bestnoten erarbeitet, wobei ich die Leistungen von Monsieur Andrews auf höherem Niveau prüfen mußte, um eine gerechte Benotung zu garantieren. Für diese Unterstellung, ich würde auf Marotten oder künstliche Schwächen von Schülern eingehen und sie im Namen besserer Notenwerte leichter prüfen als andre Schüler gebe ich Ihnen zwanzig Strafpunkte, Monsieur Perignon und die Strafarbeit, mir bis zur nächsten regulären Stunde den Entgasungszauber praktisch vorzuführen und seine theoretischen Voraussetzungen darzulegen, im Unterricht. Mißlingt Ihnen dies, verhänge ich noch einmal zwanzig Strafpunkte. Ich werde Ihnen und allen anderen schon beikommen, die immer noch dem Glauben nachhängen, hier würden Schüler gezielt bevorzugt oder benachteiligt."

Die Drittklässler gingen zum Mittagessen. Gaston sagte kein Wort mehr. Der Nachmittag war dann zur freien Verfügung. Viele nutzten die freien Stunden, sich in den Parks zu entspannen oder noch irgendwelche Alarmsitzungen vor den anstehenden Prüfungen abzuhalten. Claire hatte bestimmt, daß Julius sich nicht mit den anderen über die kommenden Prüfungen der praktischen Zauberfächer unterhalten sollte. Sie hatte ihn schlicht und ergreifend mit Beschlag belegt, ihm sogar angedroht, ihm den Sprechbann aufzuladen, wenn er sich auf Diskussionen mit den anderen einließ. Julius fand das zwar nicht unbedingt kameradschaftlich, wo die anderen ihn doch zu Kräuterkunde oder Zaubertränken was fragten, doch Claire war sehr unerbittlich. Im Zweifelsfall, so erkannte Julius, würde sie den Ärger der Anderen abkriegen.

Im Park auf der Nordseite des weißen Palastes lief ihnen Barbara über den Weg. Als sie Julius sah, grinste sie zufrieden.

"Die Muggelkundeprüfung ist mir wohl glatt von den Händen gegangen, Julius. Diese Tourrecandide hat Jeanne und mich beaufsichtigt. Schön, daß wir keine praktischen Übungen dazu machen müssen und den Tag genießen können."

"Was läuft morgen bei euch?" Fragte Julius.

"Verwandlung. Da könnte es heikel werden, wenn Professeur Énas mich persönlich prüft. Der war der Lehrer von Professeur Faucon und hat von Maya Unittamo selbst das Handwerk gelernt."

"Ach, der ist das gewesen, der ... von dem Maya Unittamo im letzten Sommer gesprochen hat", sagte Julius und ärgerte sich innerlich, daß er fast ausgeplaudert hätte, daß dieser Lehrer wohl das Verwandlungsexperiment mit Professeur Faucon, die damals noch Rocher geheißen hatte, unternahm, das diese Jahre später dazu veranlasste, auch an ihm, Julius, ein Verwandlungsexperiment zu versuchen, um ihm zu zeigen, wie weit in tote Objekte verwandelte Lebewesen ihre Umwelt noch wahrnehmen konnten.

"Was wollten die in Muggelkunde denn so wissen?" Fragte Julius schnell, um zu einem ihm angenehmeren Thema zu wechseln.

"Eine Aufgabe, für die es keine Antwortbeschränkung gab lautete: "Beschreiben Sie die Funktionen der informationsverarbeitenden Gerätschaften der Muggel und stellen Sie dar, inwieweit diese die Gesellschaft moderner Muggel maßgeblich prägen und gestalten!" Jeanne und ich, wohl auch Mademoiselle Grandchapeau, haben wohl dazu mindestens dreißig Zentimeter Pergament hingelegt. Gut, daß die anderen Aufgaben Einzelantworten verlangt haben. Ich wäre sonst mit der Zeit ins Gehege gekommen", sagte Barbara. Claire grinste Julius an.

"Dann müßte Barbara ja diesem van Minglern noch dankbar sein, daß der dich mit Belle zusammengeflucht hat. Ich frage mich nur, was Jeanne nun mit 'ner superguten Note in Muggelkunde machen will, wo die doch mit Bruno bei uns in Millemerveilles bleiben will."

"Die könnte sich 'nen guten Rechner mit Solarakku hinstellen und alle anfallenden Haushalts- und Geschäftsberechnungen darüber fahren", warf Julius ein. Barbara und Claire sahen ihn mitleidig an.

"Du möchtest doch wohl nicht noch mal hören, daß keinerlei Muggelgerät in Millemerveilles erlaubt ist, Julius. Außerdem muß sie ja nicht das machen, wo sie die besten Noten drin kriegt. Seraphine kann ja mit dem Zeug über Atombomben auch nichts anfangen, wenn die in Millemerveilles bleibt, wo jemand uns im letzten Sommer den Tipp gegeben hat, wie wir uns dagegen absichern können", wandte Barbara ein. "Allerdings vergisst der Monsieur den Notendurchschnitt im Gesamtabschlußzeugnis. Im Grunde kannst du nicht genug gute Noten kriegen, wenn du für's Ministerium oder für anspruchsvolle Zauberberufe lernst. Deine Beinahezwillingsschwester will ja mit Muggelkunde groß in der Firma ihres Vaters einsteigen. Die kann mit dieser Arbeit sehr schönes Wetter machen. Wie lief's bei Professeur Bellart? Für euch beide wahrscheinlich glänzend."

"Öhm, sieht so aus", warf Julius verlegen ein. Claire erzählte nur, daß laurentine es endlich geschafft habe, ihre Verweigerungshaltung abzulegen, fügte aber hinzu, daß das wohl auch wegen der Aussicht passiert sei, Professeur Faucon könne sie wie einmal Julius über die ganzen Ferien beherbergen.

"Täte ihr gewiß sehr gut", sagte Barbara. Dann verabschiedete sie sich von den beiden Drittklässlern und joggte ihres Weges.

"Muß die das so raushängen lassen, daß die von mir so viel über Computer gehört hat?" Fragte Julius Claire.

"Mann, freu dich, daß sie sich darüber freut und sich bedankt, wenn sie deinetwegen groß rauskommt. Weiß der Himmel, was die in Belgien will, wo die in Paris oder auch in Millemerveilles was tolles werden kann."

"Vielleicht zwei Jungs und zwei Mädchen", feixte Julius frech grinsend. Claire knurrte ihn zwar an wie Goldschweif, wenn sie ungehalten war, aber mußte dann nicken.

"Die ist ein Muttertier, Julius. Da wirst du recht haben. Wir haben das ja mitgekriegt, wie stolz die auf ihre Schwesterchen ist."

"Ach, dann bist du kein Muttertier?" Fragte Julius herausfordernd. Claire umfing ihn mit einem Arm, zog ihn an sich und flüsterte ihm ins Ohr:

 

"Das wirst du erleben, wenn du nicht andauernd so frech zu mir bist und ich nicht finde, dich wieder loswerden zu müssen, nachdem diese Knieselin endlich kapiert hat, daß wir keine Geschwister sind. Sei froh, daß Maman dich nicht doch noch adoptiert hat."

"Wieso sollte ich darüber froh sein?" Fragte Julius immer noch frech grinsend.

"Weil du dann endgültig verplant wärest. Die hätte dich noch vor den ZAGs auf ihrer Personalliste für die grüne Gasse und würde prüfen, ob sie dir nicht wen neues als Freundin aussuchen müßte, falls ein Verhältnis zwischen Adoptivgeschwistern gegen das Gesetz wäre. Dann glaub nicht, die würde dich noch aussuchen lassen, wen du nimmst!"

"Im Zweifelsfall Aurora Dawn, die ist vom Fach und gerade nicht vergeben", setzte Julius seiner Frechheit die Krone auf. Claire lachte nun.

"Ich fürchte, die hätte gewiß keine Probleme damit, dich zu heiraten, Juju. Außerdem könnte sie dir 'ne Menge beibringen. Oder hat sie noch nix mit Männern angefangen?"

"Ich weiß nur von einem, dessenwegen ich die überhaupt kennengelernt habe. Das war ein früherer Schulkamerad meines Vaters. Aber als der geblickt hat, was Aurora ist, hat er sich schneller wieder davongemacht als er sich an sie rangemacht hat. Was vorher gelaufen ist oder vielleicht jetzt gerade läuft, weiß ich nicht und habe sie auch nie danach gefragt", sagte Julius, nun sichtlich nachdenklich. Wieso bedrückte ihn daß, sich vorzustellen, Aurora Dawn könnte irgendwann mit irgendwelchen anderen Burschen was angefangen haben? Stand sie vielleicht nicht auf Männer? Immerhin gab es gleichgeschlechtliche Liebschaften auch in der Zaubererwelt. Doch das mit Bill Huxley, besagtem Schulkameraden seines Vaters, mußte ihr schon sehr nahe gegangen sein. Sie hatte sich möglicherweise mehr davon versprochen. Doch sie war über zehn Jahre älter als er. Und nur weil er sie als lebende Hexe und als gemaltes Ich kannte und mochte, würde sie sich mit ihm wohl nie so befassen, wie mit Männern, die ungefähr in ihrem Alter waren.

Doch er hatte ja Claire. Oder hatte diese ihn? Egal! Er hatte es gewiß nicht nötig, sich über andre Frauen oder Mädchen Gedanken zu machen, ob die was mit ihm anfangen wollten oder konnten.

 

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Am Dienstagmorgen trafen sich die Drittklässler aus dem grünen und dem roten Saal vor dem Zaubertrankkerker. Was würde Professeur Fixus ihnen heute einbrocken?

"Sag Bébé noch mal, was sie bei dem Hauthärtungstrank beachten muß, Julius!" Zischte Claire ihrem Freund zu und zog ihn zu Laurentine. Er sah sie verlegen an und erklärte ihr noch einmal rasch, welche Tücken dieser Trank bereithielt. Bernadette Lavalette sah ihnen zu, grinste gehässig und kam dann herüber. Leicht verächtlich zischte sie Laurentine zu:

"Abgesehen davon, daß der Engländer nicht alle Rezepte perfekt können muß bringt dir das auch nix mehr, wenn du zwei Minuten vor dem Anfang noch meinst, was lernen zu müssen, was du schon übers Jahr nicht kapiert hast. Sei froh, wenn dir nicht der Kessel um die Ohren fliegt, Fehlbesetzung!"

"Eh, Bernie, daß war jetzt voll der Drachenmist", warf Mildrid Latierre ein, die mit Leonnie und Caro herübergekommen war. Hercules Moulin sah interessiert herüber, was seine Freundin von Bébé wollte.

"Keine Sorge, Giftkönigin, Ich werde nicht an deinem überhöhten Trhon wackeln", fauchte Laurentine mit hochrotem Gesicht zurück und wandte sich von Bernadette ab und ging hinüber zu Céline und Jasmine, die noch zusammenstanden.

"Mußte das jetzt sein?" Fragte Julius Bernadette.

"Sie blickt's ja sonst nicht", versetzte Bernadette bösartig grinsend und zog sich zurück. Millie und Caro sahen leicht verlegen aus.

"Die lernt es selbst nicht, daß die ihren eigenen Dreck vor der Tür wegfegen soll und sich nicht in anderer Leute Sachen reinhängen soll", flüsterte Millie sichtlich verärgert. "Jedenfalls wünsche ich dir, daß du heute in Bestform bist, Julius, damit die endlich mal lernt, daß sie die Klassenbestenstellung nicht für immer hat."

Julius fragte sich, obwohl er nun fast ein Jahr in der Akademie war, was Bernadette und Millie derartig gegeneinander hatten. Sicher, Bernadette war in vielen Fächern sehr überheblich aufgetreten, hatte nicht selten auf Bébé rumgehackt und über andere abgelästert, die nicht ihren Vorstellungen von Superleistungen entsprachen. Doch zumindest hatte er sich in der Freizeitgruppe Zaubertränke mit ihr gut arrangiert. Aber da war ja auch Martine in der Arbeitsgruppe dabei gewesen. Er sollte sich vielleicht damit anfreunden, im nächsten Jahr mehr von Bernadettes Eingebildetheit mitzukriegen als dieses Jahr schon, sofern Fixus die AG noch einmal anbot und er dann nicht in einer anderen Arbeitsgruppe mitmachte.

"Guten Morgen, Mesdemoiselles et Messieurs!" Grüßte Professeur Fixus mit ihrer üblichen kalten Stimme. Im Chor grüßten die versammelten Schülerinnen und Schüler zurück. Dann wurden sie eingelassen.

"Wie jedes Jahr gilt, daß der erste Teil der Prüfung ein theoretischer Teil ist. Ich werde drei Rezepturen und Beobachtungskriterien verschiedener Tränke abfragen. Nach der großen Pause werden Sie dann alle einen Trank brauen, dessen Rezept ich nicht wie üblich an die Tafel schreiben werde. Bis auf wenige Ausnahmen wird das von jeder und jedem von Ihnen durchführbar sein. Also, fangen wir an!"

Die Tränke waren für Julius ein alter Hut. Immerhin hatten sie den Hauthärtungstrank ja intensiv durchgenommen, die Schrumpflösung hatte er sowohl für Snape und dann später in der Arbeitsgruppe durchgenommen und die Lösung gegen Übernervosität hatte er sowohl aus Auroras Tinkturenbuch als auch im Pflegehelferunterricht so verinnerlicht, daß er die Rezeptur im Schlaf hersingen konnte. Professeur Fixus achtete im Vergleich zu Professeur Bellart darauf, daß in der angesetzten Pause niemand mit seinen Mitschülern die Theorie diskutierte. Ja, sie wachte besonders über Bernadette und Julius, die von wißbegierigen Mitschülern umringt wurden.

"Was Sie im Theorieteil nicht wußten, nützt Ihnen jetzt nichts mehr. Was für die praktische Prüfung wichtig ist, sollten Sie nun wissen und nicht im letzten Moment von überdurchschnittlich guten Mitschülern erzählt bekommen, zumal auch diese nicht wissen, welchen Trank ich für Sie ausgesucht habe", sagte die Lehrerin und holte Julius und Bernadette aus der Menge der Klassenkameraden heraus. Die beiden sahen sich einmal an. Bernadette sagte zu Julius:

"Hoffentlich hast du gut ausgeschlafen. Wenn du weniger als volle Punktzahl bringst, wird unsere Saalvorsteherin sicher böse."

"Das wird sie wohl eher bei dir sein", konterte Julius unwirsch. Sollte die doch sehen, daß sie ihren eigenen Kram hinkriegte.

Der praktische Teil war der Trank gegen Verbrennungen. Den hatten sie früh im Jahr mal gebraut. Nun sollten sie ihn auswendig noch einmal anrühren. Julius hatte damit kein Problem. An dem kleinen Einzeltisch, an dem er seinen Kessel aufgestellt hatte, lief alles so schnell ab, daß er nach einer halben Stunde nur noch dem köchelnden Gebräu zusehen mußte, das in der vorgeschriebenen Farbe und Klarheit im Kessel blubberte.

"Prüfungsende, die Herrschaften!" Verkündete Professeur Fixus nach der vorgeschriebenen Zeit und sammelte Probefläschchen mit den Ergebnissen ein.

"Das war zu einfach für Sie, Monsieur Andrews. Ich durfte jedoch keine Sonderleistung von Ihnen verlangen", flüsterte die kleinwüchsige Lehrerin mißmutig dreinschauend, wie ein Kind, dem man einen tollen Spaß verdorben hatte.

Am Nachmittag entspannten sich die Schülerinnen und Schüler wieder in den Parks. Julius hörte sich von Claire und Laurentine an, wie sie ihren Trank gebraut hatten. Dabei kam heraus, daß Laurentine wohl bei einer Rezeptanweisung zu viel Salamanderblut in den Kessel gefüllt hatte.

"Immerhin bist du dann wohl nicht ganz durchgerasselt", wandte Claire ein. Julius nickte beipflichtend.

 

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Die Prüfung in Zaubereigeschichte, die sie am nächsten Morgen hatten, lief für Julius nicht so reibungslos ab wie Zaubertränke. Dennoch konnte er zu Sardonias Zeit in Millemerveilles sehr viel schreiben wie auch zu der Vereinbarung zur Verkäuflichkeit magischer Waren. Bei einem Punkt verhedderte er sich jedoch in der Auslegung. So schrieb er zur Frage, inwieweit die postsardonianische Hexenheit mit den durch die dunkle Matriarchin erhaltenen Privilegien verfahren durfte, daß bis auf zwei Ausnahmen sämtliche Vorrechte aufgelöst worden seien, die Hexenwerbung und das Namensvergaberecht der Mütter. erst nach Professeur Pallas' Verkündung des Prüfungsendes fiel ihm ein, daß es da noch ein Recht gab, demnach Hexen ihren Mädchennamen zum ehelichen Familiennamen machen durften, sofern sie die ersten Töchter einer Familie waren, die heirateten und nur Schwestern hatten, sofern in der Familie des Bräutigams ein Bruder vorkam, der den angeborenen Nachnamen in seine eigene Ehe einbringen konnte. Aber Zaubereigeschichte war früher schon nicht das Fach gewesen, was ihn besonders interessiert hatte. Mochte er hier nur elf oder zwölf Punkte einheimsen. Es war ihm gleich.

"Und das hast du nicht mehr gewußt, Juju?" Fragte Claire ihren Freund am Nachmittag nach einer Runde Schwimmen im Meer. Der Strand wurde von Professeur Paximus beaufsichtigt, dessen Muggelstudien- und Alte-Runen-Prüfungen wohl spärlicher gesät waren als die Endprüfungen der anderen Kollegen.

"Das fiel mir zu spät ein, Claire", warf Julius ein. "Ist auch nicht so wichtig, denke ich."

"Oh, das ist ja wohl nicht richtig, Julius Andrews. Wenn Jeanne Bruno heiratet, wird sie ihren Mädchennamen behalten, eben dann nicht mehr Mademoiselle sondern Madame Dusoleil gerufen werden. Das Gesetz besagt ja, daß Hexenschwestern, die innerhalb von zwölf Jahren geboren wurden, dieses recht zugebilligt bekamen, um große Nachnamen und damit Familienstammbäume zu verlängern. Das ist eines der wenigen friedlichen und brauchbaren Gesetze, die die dunkle Matriarchin durchgesetzt hat."

"Wobei sie ja wohl die Matrilinearität fördern wollte, also nur die mütterlichen Ahnenreihen in der Zaubererwelt berücksichtigen wollte. Die hatte doch was gegen Männer, sofern sie nicht als Zuchttiere rangezogen werden oder als Handlanger rumgescheucht werden konnten."

"Professeur Faucon hat uns doch oft erzählt, daß aus manchem bösen auch gutes werden kann, wenn man den bösen Antrieb erkennt und umkehrt", warf Claire ein. Julius gab nur ein verhaltenes "Ja, ja" zurück. Dann erst fiel ihm noch etwas ein:

"Moment, Claire! Wenn das mit dem Familiennamensgesetz wirklich wegen der mütterlichen Linien sein sollte, dürfte Jeanne sich ja nicht Dusoleil sondern Odin nennen, sofern eurer Mutter Mutter nicht auch einen anderen Mädchennamen hatte Hmm, ach neh, hatte sie ja nicht, hat mir Magistra Eauvive erzählt. Die hat mir ja die letzten zweihundert Jahre unseres Stammbaums noch genau vorgerechnet, nachdem sie mir und Professeur Faucon erklären konnte, daß du und ich von ihr abstammen, also von ihrem echten Vorbild."

"Richtig, Grandmaman Aurélie hat ihren Mädchennamen behalten, weil sie die erste von fünf Schwestern ist, die geheiratet haben. Dabei war sie noch nicht einmal die älteste."

Julius entsann sich, in den Sommerferien oft mit Claire über ihre Familien und deren Geschichte gesprochen zu haben. So wußte er, daß besagte Großmutter viel in der Welt herumreiste, weil sie in der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit als Verhandlungsführerin beschäftigt war. Sie konnte dreißig menschliche Sprachen und drei Zauberwesendialekte wie ihre Muttersprache sprechen, lesen und schreiben. Julius hatte Claire einmal gefragt, wieso bei ihrem Geburtstag selten Verwandte von außerhalb kamen. Sie hatte ihm geantwortet, daß man sich mal geeinigt hatte, bei durch fünf teilbaren Geburtstagen oder bei Hochzeiten, Taufen oder Trauerfeiern zusammenzukommen.

"In diesem Jahr wird Großmutter Aurélie fünfundsiebzig Jahre alt. Meine Eltern und Denise werden wohl hinfahren. Wir sind ja dann gerade in Beauxbatons", hatte Claire ihm sogar erzählt, drei Wochen, bevor er selbst erfuhr, daß er nach Beauxbatons wechseln würde.

"Hmm, was mir noch einfällt", kehrte Julius in die Gegenwart zurück, "Martine und Mildrid sind die einzigen Kinder der Latierres. Dann müßte ja Martine ihren Mädchennamen behalten dürfen."

"Was wohl auch ein Grund ist, weshalb Mogeleddie nichts mehr von ihr wissen wollte. Der hat wohl gehofft, dieses Gesetz aushebeln zu können, weil er selbst das einzige Kind seiner Eltern ist, also keinen Bruder und keine Schwester hat. Ob ihm das was gebracht hat, weiß ich nicht. Aber möglich ist das, daß er damit nicht durchkam. Die Latierres - aber das weißt du ja jetzt auch - sind eine sehr stolze Familie mit einer sehr weit zurückreichenden Ahnenlinie von Namensträgern. Könnte sogar passieren, daß Millie ihren Mädchennamen auch behalten darf. Dann passt das mit der leichtfüßigen Latierre auch noch länger."

"Wenn sie keinen Lumière oder Lavalette heiratet", warf Julius gehässig ein. Claire lachte.

"Bernadettes Bruder ist seit zwei Jahren aus Beauxbatons raus und hat wohl schon eine sicher, und Jacques wird wohl nicht mit Millie zusammengehen. Dann könnte er ja gleich Patrice heiraten."

"Patrice? Die aus dem blauen Saal, die angeblich die Tante von Corinne Duisenberg ist?" Hakte Julius nach.

"Eben die, Juju. Ach, ja, du hast das ja nicht mitbekommen, daß die Barbaras kleinen Bruder zur Walpurgisnacht eingeladen hat und voll abgeblitzt ist. Das stimmt aber, daß sie die Tante der kleinen, runden Duisenberg ist. Da hat man dir nichts blödes erzählt. Das war doch der Witz, als sie ´vor mir über den Teppich gelaufen ist und nach dem sechsten Schritt im blauen Saal gelandet ist."

"Ach, dann heißt die auch Duisenberg?" Fragte Julius.

"Ja, heißt sie, Juju", flüsterte Claire. "Stelle ich mir sehr merkwürdig vor, wenn meine Großmutter, ob Aurélie oder Aminette, noch nach meiner Geburt ein Kind bekommen hätte. Aber gehen soll das ja, hast du ja wohl auch von Madame Matine gehört."

"Theoretisch könnten selbst Hexen wie Professeur Faucon oder Fixus noch Mutter werden, wenn sie wen finden, der sich mit ihnen darauf einläßt", wußte Julius.

"Das wäre aber ein Ding, wenn Babette ihre eigene Tante noch ins Kinderbett legen dürfte. Aber wir sollten uns nicht über Leute wie Faucon oder Fixus das Maul zerreißen, Juju. Nachher macht Madame Denk-nicht-dran dir noch einen Antrag, und dagegen könnte ich dann wohl nichts ausrichten."

Julius lachte, fing sich dann aber wieder. Meinte Claire das wirklich nur als dummen Witz, um ihn zu amüsieren? Er sah sich für wenige Sekunden in einer innigen Umarmung mit der rotbraun gelockten Zaubertranklehrerin, die ihm einen leidenschaftlichen Kuß geben wollte. Doch natürlich war das Unsinn. Keine Lehrerin würde sich so heftig mit einem viel jüngeren Schüler abgeben. Sicher kannte er aus seiner Ursprungswelt Fälle, wo es Lehrer-Schüler-Beziehungen gegeben hatte oder noch gab. Aber in der Zaubererwelt wäre sowas wohl sehr schwer zu verheimlichen und noch schwerer zu halten, wo ja irgendwie jeder jeden kannte.

"Apropos Professeur Faucon", griff Julius einen hingelegten Faden auf. "glaubst du, die macht ihre Drohung war und läd mir morgen ZAG-Sachen auf?"

"Langsam solltest du sie doch gut kennen, Juju", begann Claire leicht verdrossen dreinschauend. "Wenn sie sagt, was du bei ihr zu tun und zu lassen hast, dann meint sie das genau so und nicht anders. Eben gerade du hast das doch in den vorletzten Ferien so mitgekriegt und auch in den letzten Sommerferien, wo sie und Madame Delamontagne dir untergejubelt haben, sie würden dich sofort aus Hogwarts rausholen, wenn du da von der Bahn kommst. Na ja, immerhin bist du jetzt auch so hier."

"Komisch, Claire. Als ich vor fast einem Jahr mit Jeanne und den anderen von der trimagischen Abordnung ankam, habe ich gewünscht, ich würde sofort wieder weiterfahren und bloß nie wieder einen Fuß hier reinsetzen. Aber jetzt, wo ich ein volles Jahr hier ausgehalten habe, und nach dem, was in Hogwarts wohl querläuft, frage ich mich oft, wie bescheuert das war, zu denken, hier nichts verloren zu haben."

"Das haben Jeanne und Barbara dir aber erzählt, daß man sich sehr gut an den Trott hier gewöhnen kann und dann froh ist, hier zu sein", erinnerte Claire ihren Freund daran, was vor einem Jahr alles gesagt und getan worden war, als er von Hogwarts herübergekommen war. "Klar, du kamst in Hogwarts gut klar, hast da Freunde gefunden, wo du vorher nichts von der Zaubererwelt wußtest und warst wohl auch mit dem Unterricht da zufrieden. Aber Unterricht ist ja nicht alles. Aber du hast ja hier auch genug Leute kennengelernt, mit denen du wohl gut klarkommst und wohl auch viel gefunden, was dich endlich mal richtig antreibt. Denk mal an uns beide oder an Goldschweif oder an das Quidditchturnier!"

"Ja, stimmt alles, Claire", sagte Julius schnell. "Aber in Hogwarts hätte ich, wenn da nicht wer diese Umbridge eingestellt hätte, auch Quidditch spielen können und mit meinen Freunden dort wohl noch viel lustiges Zeug angestellt."

"Das Thema Hogwarts ist doch schon seit einem Jahr durch", versetzte Claire genervt. Julius erwiderte amüsiert:

"Für dich und alle anderen hier. Aber für mich sind da immer noch Leute, die mich nicht vergessen haben und die ich auch nicht vergessen möchte, Claire."

"Gloria und Pina vielleicht?" Fragte Claire argwöhnisch dreinschauend.

"Ja, die, die Hollingsworth-Schwestern, Prudence Whitesand und Cho Chang", zählte Julius mit gehässigem Grinsen auf. Claire merkte, daß sie sich selbst wohl ein Eigentor geschossen hatte und ließ es dabei, daß Julius nun, wo er fast ein volles Jahr hier in Beauxbatons war, besser dran sei als in Hogwarts. Und das Jahr sei ja noch nicht um.

"Auf jeden Fall denke ich, daß Professeur Faucon mich morgen nicht so drangsalieren wird, wenn wir Verwandlung haben."

"Ach, weil sie sonst vom Glauben abfallen könnte, Juju? Die will es jetzt wissen. Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, willst du das auch wissen, was du kannst. Du willst es nur nicht jedem auf die Nase binden."

"Ist das so verkehrt?" Fragte Julius eingeschnappt. Claire entgegnete warm lächelnd:

"Nur da, wo's nicht richtig gewürdigt wird, Juju."

 

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Am Donnerstagmorgen wirkten einige der UTZ-Kandidaten leicht verunsichert. Offenbar hatten sie eine schwere Prüfung vor sich. Julius fragte Jeanne, was sie an diesem Tag machen mußte. Sie sagte:

"Für uns ist heute Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie dran. Fast alle aus der siebten haben den Kurs gemacht. Einige werden da wohl ihr blaues Wunder erleben. Tourrecandide soll da sehr unerbittlich sein, und Moureau und ènas als praktische Prüfer sind auch nicht von Pappe."

"Macht ihr dann auch Occlumentie und Patronus-Beschwörung?"

"Das wird wohl drankommen, Julius, falls der Tourrecandide nicht einfällt, uns auch gegen den Imperius-Fluch kämpfen zu lassen. Das ist der einzige von den unverzeihlichen, der in der Prüfung drankommen darf, sofern nicht wir ihn anwenden."

"Oh, dann wird's aber heftig", warf Julius ein.

"Du bist ja heute auch fällig, nicht wahr. Professeur Faucon wird dich sicher in einer Sonderprüfung rannehmen. Wann habt ihr praktische Prüfung?"

"Hmm, wie üblich, nach der großen Pause. Vorher ist Theorie."

"Oh, da sind vielleicht einige von den Prüfern frei. Die sind ja nicht alle acht bei den theoretischen Prüfungen dabei. Höchstens vier von denen, die den Saal überwachen."

"Jeanne, unsere Saalkönigin wird ja wohl kaum einen der betagten Prüfer anhalten, sich meinetwegen den freien Vormittag zu verhunzen", widersprach Julius, bevor Barbara die Mädchen mit Händeklatschen zusammenrief. Jeanne grinste nur geheimnisvoll.

Außer Claire und Julius schienen alle in der dritten Klasse die Verwandlungs-Jahresendprüfung als schlimmste von allen zu empfinden. Jedenfalls sahen außer den beiden alle sehr angespannt aus. Nur Bébé tat so, als wäre ihr egal, ob und wie sie in dieser Prüfung bestand. Doch Julius vermeinte zu wissen, daß dies nicht stimmte. Immerhin hatte Professeur Faucon sie genauso hart rangenommen wie es Professeur Fixus getan hatte. Bei ihr zu versagen würde die strenge Lehrhexe dem Mädchen aus einer Muggelfamilie nicht ungestraft durchgehen lassen. Julius erinnerte sich noch zu gut, auch und vor allem, weil ihm Laurentines Eltern ihm das oft genug aufs Butterbrot geschmiert hatten, wie er seine neue Klassenkameradin auf Faucons strickten Befehl hin auf Fingernagelgröße eingeschrumpft hatte, um ihr zu zeigen, daß Zauberei im allgemeinen und Verwandlung im Besonderen kein Spiel war, das man spielen oder auslassen konnte. Heute würde Laurentine zeigen müssen, daß sie ihre Lektion gelernt hatte, auch durch einen widerwillig dazu beitragenden Julius Andrews. Dieser wußte aber auch, daß er heute die erste wirklich harte Prüfung in diesem Schuljahr erleben würde. Er dachte sich, daß beide Fächer bei Professeur Faucon, sowie Kräuterkunde ihn wirklich heftig fordern würden. Professeur Fixus hätte ihm ja auch gerne mehr abverlangt, hatte dies wohl nicht gedurft, weil die Prüfungsvorschrift ihr da keinen Anlaß zu gab, anders als bei den Professorinnen Bellart und Faucon.

Die Saalvorsteherin der Grünen kam im rosaroten Satinumhang mit Rüschen und besonders glänzend gestriegeltem Haarschopf. Sie blickte jeden genau an. Julius hielt dem Blick stand, obwohl es ihn trieb, ihr auszuweichen. Nachher legilimentierte sie die Schüler noch. Doch, wie hatte sie ihm verbindlich versichert, diese Zauberei, aus dem Geist von Lebewesen Gefühle und Erinnerungen auszuschöpfen war hier in Beauxbatons und in den größten Teilen der Zaubererwelt verpönt, zumal dann auch nur mächtige Hexen und Zauberer dieses Zauberstück beherrschten.

Professeur Faucon prüfte nach, ob nicht jemand verbotenerweise Notizen oder Bücher mitführte. Julius gab von sich aus seine Minibibliothek ab und setzte sich an den vordersten Einzeltisch. Er hätte zwar gerne ganz hinten gesessen, doch die Lehrerin wollte die klassenbesten und -schlechtesten in der vorderen Reihe haben, wenngleich sie auch weit genug voneinander wegsaßen, um nicht doch abschreiben zu können.

Als sie alle saßen verteilte die Lehrerin die Aufgaben für den Theorieteil, für den sie die Zeit zweier üblicher Doppelstunden hatten. Julius fühlte die Blicke seiner Klassenkameraden auf sich haften. Er wagte nicht, sich umzusehen. Professeur Faucon legte einen dicken Stapel vor ihn auf den Tisch und trat an die Tafel.

"Wie Sie alle sehen können, befassen wir uns in der theoretischen Examination im Fach Transfiguration mit den Methoden und Schwierigkeiten der Invivo-ad-Vivo-Verwandlungen, wie sie in diesem Schuljahr den größten Teil des Unterrichts ausmachten. Ich setze sehr stark voraus, daß Sie alle, die Sie in diesem Jahr da oder dort noch Schwächen gezeigt haben, alle diese Schwächen durch konsequentes Lernen und Wiederholen ausgeräumt haben und nun mit großer Zuversicht in diese Prüfung gehen. Dies gilt auch und vor allem für Mademoiselle Hellersdorf." Sie sah Laurentine ernst an. "Von Ihnen, Mademoiselle erwarte ich nicht nur, daß Sie die früheren Leistungen übertreffen, sondern auch klar und deutlich beweisen, daß Sie die Mühen, die wir uns mit Ihnen machen rechtfertigen. Für Monsieur Andrews", sie blickte auf Julius, "habe ich, wie Sie alle sehen können, einige Zusatzfragen erarbeitet, die im Rahmen des von mir einmal erwähnten Prüfungsordnungsabschnitts 4 b einzubringen sind. Ich gehe davon aus, daß Ihr neuer Mitschüler sich trotz der Zusatzbelastung gut bis überragend in dieser Prüfung behaupten wird und weise jetzt schon jeglichen Einwand zurück, der die Sonderprüfungen an ihm kritisieren oder gar für unzulässig erklären mag. Nur, damit Sie alle dies noch einmal zur Kenntnis nehmen konnten. Beginnen wir!"

Julius las sich erst die Fragen durch, die im regulären Unterricht behandelt worden waren, wie Größe und Beschaffenheit eines toten Objektes eine Verwandlung in ein Tier beeinflußten, welche Tiere einfacher oder schwerer zu erschaffen waren oder wann bestimmte Zwischenstufen eines komplizierten Ding-zu-Tier-Verwandlungsaktes über das Endergebnis entschieden. Er beantwortete die Fragen Punkt für Punkt. Als er dann mit dem für alle ausgelegten Teil fertig war, nahm er sich die Sonderfragen vor.

"Stellen Sie in wenigen Worten dar, wie der Verwandlungszauber aussieht, mit dem Sie ein Tier in ein Tier anderer Gattung wwandeln!" Hieß die erste Sonderfrage. "Verdeutlichen Sie die Wichtigkeit der Kinetologosverknüpfungen in besonderer Berücksichtigung der Aussprache der Zauberformel und der Zauberstabbeschaffenheit bei einer Vivo-ad-Vivo-Verwandlung!"

Diese Fragen konnte Julius in zehn Minuten beantworten, weil er ähnliches im Verwandlungskurs für Fortgeschrittene schon behandelt hatte. Er ließ sich zu den Unterschied aus, wenn ein ursprüngliches Weichtier in ein Säugetier verwandelt wurde oder ein ursprüngliches Säugetier in ein Weichtier, eine Schnecke oder Muschel verwandelt wurde, was beim Wechsel innerhalb der Tierarten zu beachten war. Er sollte sogar eine kurze Tabelle verfassen, wie das Tierreich gegliedert war, was, wie er wußte, auch in der Muggelwelt gültiges Grundwissen war. Dann ging es noch um partielle Verwandlungen, die absichtlich oder unabsichtlich passieren konnten, daß ein Fuchs bei einer Verwandlung in eine Ente zum Beispiel mitten im Vorgang zu einem Mischwesen aus Fuchskörper und Entenkopf werden mochte, wie solche Verunglückungen behoben werden konnten. Das, so wußte es Julius, war aber schon ZAG-Standard, da darauf aufbauend die partielle Selbstverwandlung erlernt werden konnte. Auch die letzten vier Fragen waren eindeutig über der vierten Klasse. Diese befaßten sich mit der Dematerialisation, dem Verschwindenlassen von Gegenständen und Lebewesen.

"Erläutern Sie in einer kurzen Tabelle, wie sich Dematerialisationsresistenz und Dematerialisationsakzeptanz im Bezug auf Größe oder Lebensform des zu dematerialisierenden Versuchsobjektes ergeben!"

"Hui, das ist ja wirklich schon ZAG-Kram", dachte Julius und machte sich drei Notizblätter, aus denen er wiederum eine Gesamttabelle zusammenfaßte, die er mit verschiedenen Farben ausschmückte, um die entsprechenden Werte zu unterstreichen. So nahm er Rubinrote Tinte für solche Tiere oder Gegenstände, die sich so gut wie nicht verschwinden ließen, Orange Tinte für solche Verwandlungsversuche, bei denen es ein Gleichgewicht zwischen Resistenz und Akzeptanz gab und Hellblau für leicht zu schaffende Verschwindezauber. Er unterstrich, daß Flüssigkeiten am einfachsten zu beseitigen seien, da die Konsistenz nach der Gasform den geringsten Widerstand bei Dematerialisationszaubern bot. Schmunzelnd dachte er daran, wie er Jeanne vor ungefähr einem Jahr gesagt hatte, daß er volle Gläser in leere verwandeln könne. Jetzt konnte er es sogar so, daß die Flüssigkeit nicht verdampfte, sondern komplett verschwand, und zwar so, daß sie nicht zwei Meter weiter weg ins Raum-Zeit-Gefüge zurückkehrte. Er merkte erst, daß sein Gehirn eine Sonderschicht gefahren haben mußte, als er Professeur Faucon direkt vor sich stehen sah. Sie warf einen Schatten auf den Tisch, an dem er saß.

"Die Prüfung ist zu Ende, Monsieur Andrews. Ich hoffe, Sie konnten alle Fragen beantworten." Julius nickte und überließ ihr die beschriebenen Pergamentrollen. Die Lehrerin trat an die Tafel zurück und verkündete:

"Genießen Sie alle die große Pause und kehren sie bei Ausruf der letzten zwei Minuten vor Stundenbeginn wieder zurück! Monsieur Andrews möge sich im Rahmen der ihm auferlegten Sonderprüfung bis zum Pausenende auf dem Schulhof aufhalten und dort auf den Sonderprüfer warten, während Sie anderen hier von mir zur praktischen Einzelprüfung vorgeladen werden. Bis gleich also!"

Julius wollte noch einmal mit Professeur Faucon sprechen, was sie nun meinte. Doch sie sah ihn nur an und wies auf die Tür.

"Sie haben mich schon richtig verstanden, Monsieur Andrews. Sie werden gesondert geprüft, wie ich es bereits vor einigen Tagen ankündigte. Mehr müssen Sie jetzt nicht wissen."

Julius eilte seinen Klassenkameraden nach, holte sie ein und ging mit den Jungs zunächst zum Toilettenraum, wo eer Apollo Arbrenoir, den Klassenkameraden aus dem roten Saal traf, der gerade aus der Theorie Zauberkunst herausgekommen war.

"Und, was macht ihr jetzt?" Fragte er Julius.

"Verwandlung", antwortete dieser. Apollo verzog das Gesicht und sagte:

"Das hatten wir gestern. Langsam fängt eure Saalkönigin an, grausam zu werden. Ich hoffe, zumindest noch die fünf Pflichtpunkte zu kriegen, sonst lande ich in der Klasse der Delon-Schwestern. Das wäre denen recht."

"Ach die beiden, die Sabine und Sandra schon als Nachfolgerinnen für eure Mannschaft ausgeguckt haben?" Fragte Julius.

"Genau die, Julius. Abgesehen davon wäre das oberpeinlich, das Jahr wegen Verwandlung noch mal durchziehen zu müssen."

"Joh, Apollo, dann wünsche ich dir Glück, daß du mindestens sechs Punkte bei Verwandlung eingefahren hast. Professeur Faucon läßt ja nicht mit sich feilschen."

"Habe ich letztes Jahr mitgekriegt", seufzte der hoch aufgeschossene dunkelhäutige Mitschüler, der einen senegalesischen Elternteil hatte. Dann sah er Julius lauernd an und meinte:

"Wenn du heute Verwandlung hast, dann wird Königin Blanche dich sicher von ihrem persönlichen Lehrer ènas in der Praxis durch die Mangel drehen lassen. Der soll das Handwerk ja von Maya Unittamo selbst gelernt haben."

"Mir ist das gar nicht so recht", gestand Julius ein. "Ich will das gar nicht, daß ich Sondersachen machen muß."

"Tja, aber die Faucon will das, und du hast zu spuren", lachte Apollo. "Denkst du, wir hätten das nicht mitgekriegt, daß du in den direkten Zauberfächern besser dran bist als der Rest von eurem Haufen, insbesondere die Mademoiselle Verweigerin? Die Faucon will's jetzt wissen, ob das wirklich so gut war, dich herzuholen. Lass dich also bloß nicht hängen! Ich hörte mal, daß jemand, der sie zu heftig enttäuscht hat, über die Sommerferien als Hamster in Beauxbatons zugebracht hat."

"Besser als als Bettpfanne", wandte Julius ein. Apollo rümpfte angeekelt die Nase.

"Mist Vorstellung. Aber das wäre ja keine Strafe, wenn Leute, die in tote Sachen verwandelt werden eh nichts davon mitkriegen."

"Das war auch mal eine Frage, die ich im Unterricht gestellt bekam, allerdings schon in Hogwarts", sagte Julius und überspielte damit den Drang, Apollo aufzuklären, daß man tatsächlich was davon mitbekam. Dann verabschiedete er sich von ihm und ging hinaus auf den Pausenhof, wo er sich am Getränkestand einen Becher Tee genehmigte. Claire wünschte ihm bei Ausruf der letzten zwei Minuten Glück und Durchhaltevermögen, dann ging sie mit den anderen in den Palast zurück.

Julius wartete bis zum Ende der Pause. Professeur Bellart, die die Pausenhofaufsicht geführt hatte, deutete auf die Seitentür, aus der gerade eine vollschlanke Hexe mit weißblondem Haar in einem grasgrünen Seidenkleid heraustrat. Julius erkannte sie natürlich sofort. Es war Professeur Champverd.

"Monsieur Julius Andrews! Bitte geleiten Sie mich in den Arbeitsraum für gesonderte Prüfungen! Ich werde in den kommenden anderthalb Stunden Ihre praktische Prüferin sein."

Julius wunderte sich. Er hatte jetzt mit dem untersetzten silberhaarigen Alexandre Énas gerechnet. Das Oleande Champverd ihn prüfte, überraschte ihn.

"Sie wurden von Professeur Faucon ausgesucht?" Fragte Julius leise, während sie durch den Palast gingen.

"Ich habe ihr angeboten, Sie zu prüfen, Monsieur, da mein Kollege Énas, den sie zuerst gefragt hat lieber bei den UTZ-Prüfungen anwesend sein wollte. Aber keine Sorge: Ich bin im Punkte Verwandlung für Fortgeschrittene ebenfalls sehr kompetent und als Prüferin in diesen Belangen aprobiert. Also versuchen Sie ja nicht, sich auf die Unzulänglichkeit Ihrer Prüferin herauszureden, wenn Sie angewiesene Verwandlungszauber nicht bewältigen können, Monsieur Andrews. Wagen sie auch ja nicht, sich auf Ihre Abstammung herauszureden. Das würde weder ich noch Ihre Fachlehrerin Ihnen durchgehen lassen. Ich kenne Sie, und Sie kennen mich, soweit es für diese Prüfung relevant ist, Monsieur. Also haben Sie guten Mut und erweisen Sie sich der hohen Wertschätzung der Akademie Beauxbatons würdig!" Sagte Virginies Großmutter mütterlicherseits, die Julius eigentlich als Zauberpflanzenexpertin kannte. Vielleicht, so dachte er, hätte er manchen Klappentext in einem Kräuterkundebuch besser lesen sollen.

In einem lichtdurchfluteten Raum, der bis auf einige Schränke, zwei Stühle und einen Tisch keine weiteren Möbel beherbergte, holte Professeur Champverd eine Pergamentrolle aus ihrem Umhang, öffnete einige Schränke und holte erst einfache Gegenstände wie Untertassen, Aschenbecher und Küchenbretter hervor. Sie ließ die Tür zuschwingen und sagte dann:

"So, Monsieur Andrews, Vollführen Sie nun an diesen Gegenständen Verwandlungen nach meinen Anweisungen. Für diesen Teil sind zehn Minuten veranschlagt worden." Sie stellte eine kleine Sanduhr mit zehn Teilstrichen auf den Glaskolben mit der leeren Seite nach unten und wies Julius an, was er zu machen hatte. So zauberte er lebende Ratten, Regenwürmer, Schildkröten und Enten aus den toten Gegenständen. Als er in der Hälfte der eingeräumten Zeit alle Aufgaben durchhatte, nickte die Prüferin und sagte:

"Sie haben die Unittamo-Techniken wahrlich verinnerlicht. Erzählen Sie mir bitte in den verbleibenden Minuten, worin der Unterschied zwischen diesen Zauberstabtechniken und den Emerik Wendels bestehen, dessen Vorgaben Sie in Hogwarts gelernt haben!"

"Ja, aber nur ein Jahr, Professeur Champverd. Im zweiten Jahr habe ich schon die Unittamo-Techniken verwendet", erwiderte Julius. Doch dann beschrieb er an kurzen praktischen Beispielen, worin sich die beiden an und für sich brauchbaren Techniken unterschieden. Professeur Champverd notierte es sich. Als sich die untere Hälfte des Stundenglases vollständig mit Sand gefüllt hatte, ging die Prüferin zum zweiten Schrank, in dem Julius mehrere Luftlöcher sehen konnte und holte verschiedene Tiere in Käfigen heraus, die er in zwanzig weiteren Minuten in verschiedene andere Tiere verwandeln sollte. Auch das gelang ihm tadellos, wenngleich er nun zwei Drittel der eingeräumten Zeit brauchte und nicht nur die Hälfte, was wohl daran lag, daß gerade die flinken Mäuse, Spinnen und Ameisen schwer zu bezaubern waren. Schließlich hatte er es aber geschafft, aus voller Kehle brüllende Ochsenfrösche, schnatternde Enten und kreischende Kleinaffen hervorzubringen. Noch einmal sollte er Tiere verwandeln, diesmal Wirbeltiere in andere Wirbeltiere. Dafür hatte er auch zwanzig Minuten Zeit. Als er fertig war ging es daran, Tiere in Pflanzen und Pflanzen in Tiere zu verwandeln. Hierfür brauchte er fast die vorgegebene zeit. Danach galt es, erst Dinge und dann kleinere Tiere verschwinden zu lassen. Einmal deutete er auf einen Putzeimer voller Wasser und sagte: "Evanesco!" Mit leisem Plop verschwand das Wasser. Julius sah, wie der Eimer leicht zusammengedrückt wurde, dann aber mit leisem Knack in seine Ausgangsform zurückkehrte.

"Woran liegt es, daß ein Behälter bei der schlagartigen Entleerung zusammengestaucht wird?" Fragte Professeur Champverd. Julius sah sie sehr sicher an und sagte:

"In dem Moment, wo eine Flüssigkeit ohne bewegt zu werden aus einem Behälter verschwindet, entsteht für wenige Sekundenbruchteile eine vollständige Leere, ein Vakuum. Die Luft von außen drückt mit ihrem Gewicht dagegen, bevor sie den Behälter wieder ausfüllt. Daher auch das Geräusch, als das Wasser verschwunden ist."

"Nun, diese Antwort muß ich wohl doch auf Ihre Abstammung zurückführen, weil Sie mir zu einfach darauf antworten konnten, Monsieur Andrews. Andererseits steht das so in "Wege zur Verwandlung", Band fünf genauso drin. Ich wundere mich immer wieder, wieso mir mancher ZAG-Schüler, ja sogar mancher UTZ-Prüfling da noch haarsträubende Theorien vom Aufruhr in der Materie des Behälters vorlegt oder mit dem Begriff Vakuum nichts anfangen kann, wo der in der magischen Literatur genauso alltäglich ist wie in der physikalischen Literatur der nichtmagischen Welt. Ich weiß, die Theorie ist bei Ihnen schon vorüber. Aber wissen möchte ich jetzt doch, wozu Sie bei der Beseitigung von Flüssigkeiten mit einer einfachen Zauberstabgeste auskommen aber bei Festkörperdematerialisationen oder gar Lebendkörperdematerialisationen ausschweifende wenn auch punktgenaue Bewegungsabläufe einhalten mußten?"

Julius erzählte es ihr, weil die Zeit noch ausreichte. Offenbar wußte die Prüferin, was er im Jahr alles mitbekommen hatte. So ließ sie ihn noch Rückverwandlungen durchführen und befragte ihn zu den Animagus-Gesetzen, wobei sie auf ihre Pergamentrolle deutete und meinte, daß dies bei einer ausreichenden Restzeit noch erfragt werden könne. Julius konnte diese Fragen beantworten, sogar die Gesetze zitieren, die den Umgang mit Verwandlung im Alltag regelten. Dann sagte sie:

"In Ordnung, die Gesamtprüfungszeit ist nun um, Monsieur Andrews. Ihre Lehrerin wird sich geehrt fühlen, daß Sie trotz der Zusatzaufgaben die volle Punktzahl und 100 Bonuspunkte errungen haben. Wie es im Theorieteil aussieht, wird sie wohl noch befinden müssen. Aber bestanden haben Sie mit Sicherheit. Gehen wir zum Mittagessen!"

Außerhalb des Prüfungsraumes fragte die gewichtige Hexe, mit der Julius bei Virginies ZAG-Feier einmal getanzt hatte, wann er in Kräuterkunde geprüft würde. Er sagte ihr, daß er am nächsten Dienstag diese prüfung hätte und fragte zurück, ob sie ihn da etwa auch sonderprüfen sollte.

"Kräuterkunde ist eines der Fächer, bei dem Interesse und Befähigung sich auf rein geistiger Ebene bewegen und daher grundsätzlich individuell ist, also sowohl schlechte wie überdurchschnittlich gute Ergebnisse hervorbringen kann. Wenn ich richtig unterrichtet wurde werden Sie auf Grund einer höheren Grundkraft in den direkten Zauberfächern Sonderprüfungen unterzogen, aber nicht in den allgemeinen und indirekt magischen Fächern. Aber ich werde natürlich mitbekommen, wie Sie und die Mesdemoiselles Dusoleil und Trifolio sich in diesem Fach schlagen werden, Monsieur. Ich gehe auch davon aus, daß Sie sich eher fragen müssen, ob sie durchschnittlich gut oder überragend gut abschneiden werden. Alles darunter sollte Ihnen nicht unterkommen."

Julius nickte nur und folgte der beleibten Hexe zur majestätischen Eingangshalle zurück. Die Mittagssonne schien von den goldenen Säulen wieder, die die über fünf Meter hohe Decke trugen. Julius blickte sich um und lauschte, ob die ersten nicht schon aus der heute angesetzten Prüfung kamen. Professeur Champverd verabschiedete sich von ihm und ging mit ihren Aufzeichnungen fort. Sein Schicksal lag im Moment bei ihr.

Beim Mittagessen unterhielten sich die Jungen der dritten Klasse über die gerade überstandene Prüfung. Hercules und Robert wollten von Julius wissen, was er alles hatte machen müssen. Nach dem Essen paukte Julius noch einmal Arithmantik. Céline und Bébé leisteten ihm dabei Gesellschaft. So verstrich der Donnerstagnachmittag bis zum Abendessen. Die Freizeitkurse fanden in den Prüfungswochen nicht statt, weil die, welche nachmittags Prüfung hatten fehlen würden.

Claire unterhielt sich nach dem Abendessen mit ihrem Freund über die abgelaufene Prüfung. Sie hörte sich sehr interessiert an, was er von Virginies Großmutter alles aufgetragen bekommen hatte.

"Es lief also gut genug, daß du meinst, bestanden zu haben?" Fragte Claire Dusoleil ihren Freund. Dieser nickte vorsichtig und antwortete:

"Wenn ich bei der Theorie nicht irgendwas verbockt habe werden das wohl zwölf oder dreizehn Punkte, nachdem was die Champverd mir nach dem Praxisteil erzählt hat."

"Ich hoffe, Bébé kriegt mindestens zehn Punkte hin. Aber daran läßt sich jetzt nichts mehr drehen. Nächste Woche Freitag wirst du wohl noch mal von denen geprüft, wenn wir Abwehr dunkler Künste haben. Wenn du die hinkriegst, hat Professeur Faucon zumindest Ruhe."

"Ja, und ich habe dann Ruhe vor ihr", erwiderte Julius hoffnungsvoll.

 

__________

 

Julius sah den affengesichtigen Zauberer im blutroten Umhang vor sich, der seinen Zauberstab triumphierend erhoben hatte und hörte ihn sagen:

"Es ist wahr. Man hat die alte Kopfbedeckung der Kaiserin der letzten Ära tatsächlich bergen können. Ich weiß nicht wie, weil dies wohl nach meiner Zeit geschah, aber ich werde es ergründen, wenn ich meinen Spiegelbruder wiedergefunden und mit ihm die große Verschmelzung vollzogen habe. Ich weiß, daß ich sie dir nicht vom Kopf reißen kann, solange du lebst. Aber ich werde sie mir nehmen, wenn du tot bist, Julius." Mit eiskaltem Lächeln richtete er seinen Zauberstab auf Julius Andrews. "Avada Ked...!"

Julius sah, wie der böse Zauberer aus früheren Zeiten von grellen grünen Flammen langsam verbrannt wurde, erst die Zauberstabhand, dann der Arm, dann der ganze Körper. Er fühlte das Erdbeben, hörte den dröhnenden Donner, roch schweflige Ausdünstungen und sah, wie Slytherins Körper zu einer einzigen grünen Flamme anwuchs, die in den violetten Himmel hochschlug und in gigantischen purpurnen Wolken wetterleuchtete. Er sah einen klaffenden Riß im Boden aufbrechen und stürzte in feurige Lava hinunter. Mit einem lauten Schrei erwachte er und fand sich in seinem Bett in Beauxbatons wieder. Sein Herz klopfte heftig. Sein Atem ging stoßweise. Sein Pyjama war mit Schweiß getränkt.

"Mist verdammt!" Fluchte Julius aufgewühlt. War es also doch passiert, daß ihn die bösen Erinnerungen an seinen wahnwitzigen Ausflug in die Bilderwelt in den Träumen heimsuchten. Doch davon durfte er sich nicht bange machen lassen. Diese Bilder, die sich ihm ins Gedächtnis gebrannt hatten, waren Vergangenheit. Das Abbild Slytherins war nicht mehr und würde niemandem mehr gefährlich werden. Das mußte er sich immer wieder klarmachen. Der mörderische Ausflug in die Bildergalerie von Hogwarts war für ihn glücklich verlaufen. Er konnte ruhiger schlafen.

Er sah auf seine Uhr und stellte fest, daß es gerade zwei Uhr in der Nacht zum Freitag war. Er drehte sich zurück in seine Lieblingsschlafstellung und fiel wieder in tiefen Schlaf.

Am Morgen absolvierte er mit Barbara Lumière, den Montferres, Rossignols und beiden Latierre-Schwestern einen Dauerlauf und Gymnastikübungen mit dem Schwermacherkristall. Barbara würde heute ihre UTZ-Prüfung Praktische Zauberkunst haben.

"Das wird wohl gut gehen, zumindest der praktische Teil. Aber ich denke, die Theorie sitzt auch gut. Ihr habt heute Arithmantik?" Sprach Barbara nach der Sportübung. Julius bejahte das.

"Ich hoffe mal, wir kriegen heute nicht diese hammerharten Sachen wie in den letzten zwei Stunden. Dann dürfte ich da einigermaßen gut rauskommen. Ich habe manchmal das Gefühl, einen Schnellkurs in Simulationsprogrammierung zu haben. Ein Fehler kann eine dargestellte Situation völlig anders rüberkommen lassen. Die und die Runenprüfung könnten heftig werden."

"Ach, und die anderen Prüfungen nicht? Ich denke, Professeur Faucon hat dich gestern schon schnuppern lassen, was sie noch alles von dir abverlangen kann. Hat die eigentlich noch deine Bibliothek?"

"Ich mußte mir von Céline und Bébé die Arithmantikbücher ausleihen. Professeur Faucon hat den Centinimus-Schrank einbehalten, bis die Prüfungen vorbei sind. Sie hat mir gesagt, daß es ohnehin nichts mehr brächte, in letzter Minute noch was zu lernen. Das habe ich nun davon, alle Bücher in einem Tragekasten zu haben."

"Im Zweifelsfall kannst du dir wichtige Bücher immer noch in der Bibliothek ausleihen", wußte Barbara. "Ich bin mal gespannt, was die Saalsprecherkonferenz morgen bringt. Immerhin kriegen wir da mit, ob es bei den Prüfungen irgendwas gegeben hat. Auf jeden Fall wünsche ich dir viel Erfolg bei Arithmantik."

Julius bedankte sich und wünschte Barbara viel Erfolg bei der Zauberkunstprüfung.

Die Arithmantikklasse traf sich zwei Minuten vor dem angesetzten Prüfungsbeginn. Laurentine meinte:

"Wenn ich unter sechs Punkte komme, werfe ich das Fach auf den Müll und bleibe bei dieser sogenannten Muggelkunde."

"Du weißt doch, daß du mindestens zwei Fächer haben mußt", wies Belisama die Tochter eines Raketeningenieurs hin. Diese grinste verächtlich.

"Was sollen die mir dann aufladen, Belisama? Mit alten Runen werde ich mich nicht rumschlagen. Wahrsagerei ist mir zu hahnebüchen und eure Zaubertiere können mir auch gestohlen bleiben."

"Besenkunstflug wäre ja noch drin", warf Millie Latierre feist grinsend ein. "Wenn du endlich deinen Hintern hoch kriegst und eine anständige Flugprüfung hinlegst, kannst du bei Aufgabe eines Theoriefachs Besenkunstflug nehmen."

"Haha, selten so gelacht, Latierre", schnaubte Laurentine verächtlich. "Außerdem hätte das ja auf der Liste der ganzen neuen Sachen gestanden."

"Guten Morgen, die Herrschaften!" Rief eine unverschämt fröhlich klingende Professeur Laplace und kam mit raschelndem Umhang heran.

"Guten Morgen, Professeur Laplace!" Wünschten die sechs Mädchen und der Junge ihrer Klasse. Sie öffnete die Tür, ließ alle ein und wartete, bis alle saßen. Dann winkte sie der Tafel zu, auf der die Sätze erschienen:

 

Prüfungsaufgaben

 

 

Arithmantik, Klassenstufe 3

 

Aufgabe 1: Erklären und beschreiben Sie die drei wichtigsten Feiler der Arithmantik!

 

Aufgabe 2: legen Sie eine Tabelle an, die in den drei relevanten Zahlensystemen von 1 bis 200 reicht!

Aufgabe 3: entwerfen und kommentieren Sie den jahreszeitlichen Verlauf in einem Waldgebiet anhand der dafür geltenden Beschreibungsformeln!

Aufgabe 4: Ermitteln Sie die höchste Wahrscheinlichkeit für das Überleben der Lebensformen im Wald nach einem verheerenden Waldbrand 6. Grades bei einer Dauer von 2 Tagen!

"Ich sah es nicht ein, Pergament für einzelne Aufgabenstellungen zu vergeuden, die Damen und der Herr. Die Aufgaben werden Sie über die Stunden an der Tafel nachlesen können. Die Prüfung an sich verläuft über den gesamten Vormittag, unterbrochen von einer zehnminütigen Pause um halb elf. Ich bitte mir absolute Ruhe aus und wünsche Ihnen viel Erfolg! - Und noch etwas: Für einige von Ihnen entscheidet sich womöglich in dieser Prüfung, ob Sie dieses Fach weiterhin belegen möchten. Es wäre Betrug an Ihnen selbst, wenn sie bereits mit der Einstellung an die Aufgaben herangehen, dieses Fach nicht zu benötigen oder es bereits für Unsinn anzusehen. Sie haben bei mir alles gelernt, was Sie zur vollständigen Erfüllung dieser Aufgaben benötigen. Also geben Sie ihr bestes!"

Julius hatte mit der ersten Aufgabe keine Probleme. Die Zahlentabelle die sich aus einem Zehner-, einem Zwölfer und einem Siebenersystem zusammensetzte, ging ihm auch gut von der Hand, wenngleich er dafür eine halbe Stunde brauchte, immer umzurechnen, was Zahlen wie 131 oder 186 nun im Zwölfersystem und was im Siebenersystem für Zahlen ergaben. Doch irgendwann hatte er die geforderte Tabelle auf zwei je vierzig Zentimeter lange Pergamentrollen geschrieben und ging an den Löwenanteil der Arbeit, die arithmantische Um- und Beschreibung eines Waldes mit allen möglichen Lebensformen, er wählte eine Standardgröße von 16 Quadratkilometern und überschlug, wieviele Bäume pro Quadratkilometer vorkamen. Dann machte er dasselbe mit allen niedrig wachsenden Pflanzen, dann mit den häufigsten Tieren, wobei er nicht jede Vogelart einzeln einbeziehen mußte, sondern gewisse Spannbreiten für Vogelbestände ausformulierte. Irgendwann hatte er das in Zahlen und Symbolen darstellbare Waldgebiet soweit fertig, daß er es durch verschiedene Jahreszeiten laufen lassen konnte. Als die große Pause kam, hatte er das Modell bereits durch Frühling und Sommer gerechnet. Als Professeur Laplace die Pause verkündete, merkte er, daß sein Kopf wohl heftig ins rotieren gekommen sein mußte. Irgendwie war ihm leicht schwindelig, und es brummte wie ein Trafohäuschen unter seiner Schädeldecke.

Alleine suchte er das Jungenklo auf, trank aus dem Vogelkopfwasserhahn mehrere Schlucke kaltes Wasser und kehrte dann zur Arbeit zurück.

Nicht nur er war erleichtert, als kurz vor ein Uhr Professeur Laplace "Noch zwei Minuten" verkündete. Eine Minute vor Abgabe schaffte er den seiner meinung nach letzten richtigen Eintrag in seine Waldbrandberechnung und wartete auf das Ende der Prüfung.

"So, Mesdemoiselles et Monsieur, hiermit ist die diesjährige Arithmantikabschlußprüfung beendet", trällerte die Lehrerin und holte sich mit dem Accio-Zauber sämtliche Pergamente von den kleinen Einzeltischen herüber.

Julius langte voll zu, als er im Speisesaal saß. Hercules erzählte ihm was von Handliniendeutung und was er in einer Kristallkugel zu sehen vermeint hatte.

Alle außer den Fünft- und Siebtklässlern waren am Nachmittag guter Dinge. Sie trieben sich auf dem Quidditchfeld herum, waren am Strand oder in den Parks. Virginie, die Strandaufsicht hatte, mußte mehrmals zwei Jungs aus dem blauen Saal anhalten, im Meer schwimmende Erstklässler nicht zu ärgern. Julius schwamm mit Mildrid um die Wette. Claire zeterte, weil sie nicht folgen konnte.

"Für Martine läuft's heute auf die Entscheidung raus, ob sie sich für das Büro für magische Gebrauchsgüter eignet oder nicht", sagte Mildrid. Julius erinnerte sich, daß Martine in die Handelsabteilung im Ministerium einsteigen wollte. Offenbar brauchte man dafür einen guten UTZ in Zauberkunst.

"Stimmt, hat sie mir ja erzählt, während wir auf Cythera gewartet haben", sagte Julius.

"Martine ist nur sauer, weil euer Mogeleddie ihr mit dem Besenstiel ins Reisigwerk gebrettert ist. Die hat ja schon gedacht, den endgültig zu kriegen", lästerte Millie. Julius war nicht danach, mitzulästern. Er meinte nur:

"Das ist ja wohl ihr ding, Millie."

"Und meins auch, Julius", erwiderte Mildrid und schwamm gerade so nahe an Julius heran, daß sie und er sich nicht bei den Zügen ins Gehege kamen. "Immerhin hätte ich diesen übergründlichen Heuchler beinahe als Schwager gehabt. Und der hätte dann noch unseren Familiennamen gekriegt. Oder hast du vielleicht gedacht, der würde Martine zu Madame Danton machen?"

"Ach, ich dachte, in der Zaubererwelt sei die Namensregelung auch so geregelt, daß die Frau den Namen des Mannes annimmt", warf Julius ein, der es ja besser wußte.

"Dann hast du bei Pallas wohl gepennt, als die euch Sardonias nette Gesetze vorgeführt hat, von denen einige noch im Gebrauch sind", warf Millie ein und mußte dann grinsen.

"Neh, Julius, du kannst bei Pallas nicht so gut schlafen wie bei dem Gespenst, von dem César erzählt hat. Also weißt du genau, was ich meine."

Claire kämpfte sich keuchend und prustend heran, schüttelte ihr triefnasses Haar aus und meinte:

"Hast du wohl gedacht, daß du mich so lange abhängen kannst, wie, Millie Latierre?"

"War lang genug, um deinem derzeitigen Gesellschafter zu erzählen, wie bei uns die Familiennamen vergeben werden", lachte Mildrid.

"Ja klar. Und er hat's nötig, sich von dir darüber was erzählen zu lassen", versetzte Claire. Julius sah sie, wie sie in ihrem korallenroten Badeanzug schwamm, der anders als ein Bikini halblange Ärmel und Beine besaß und hochgeschlossen geschneidert war. Sie hielt sich mit geschmeidigen Paddelbewegungen über Wasser und auf derselben Stelle.

"Hat euch Mogeleddie nicht erzählt, daß es nur deshalb zwischen ihm und meiner lieben Schwester geknallt hat, weil sie ihm verbindlich versichert hat, daß er Latierre zu heißen hätte und daß unsere Verwandten schon das Haus der Rochforts in der Rue de Camouflage kaufen wollten, um den beiden was zu bieten?"

Julius fiel ein, was er an Walpurgis von Edmond und Martine gehört hatte. "Da wirst du dich mit abfinden müssen, wenn du bei mir bleiben willst", hatte sie Edmond angeraunzt, als Claire und er nach einem Pflegehelfereinsatz ins Fluggetümmel zurückkehren wollten. War es das wirklich, daß Edmond nicht Martines Nachnamen annehmen wollte?

"Das wird's nicht alleine gewesen sein, Mildrid", warf Claire ein. Millie entgegnete verschmitzt grinsend:

"Stimmt, das war nur der berühmte Tropfen, der das Faß zum überlaufen brachte. Na ja, soll der ruhig zu seiner neuen nach Wer-weiß-wo hin, die angeblich auf ihn wartet! Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Nicht wahr, Julius?"

"Kann ich nichts zu sagen, Millie. Was Frauen schön finden ist mir bis heute nicht so klar geworden."

"Trotz der vier Tage nach Hell-Oven?"

"Hello-wien! So spricht sich das aus, Millie", korrigierte Claire die Jahrgangsstufengleiche aus dem roten Saal.

"Richtig, weil das andere Höllenofen übersetzt heißt", setzte Julius dem noch einen drauf.

"Wie das auch immer heißt, ich dachte, du hättest was drüber gelernt, was Frauen an Männern gut finden. Aber lassen wir das! Jedenfalls wird Martine heute rausfinden, ob sie mit dem UTZ in Zauberkunst was reißen kann", beendete Millie das Thema.

Als sie wieder aus dem Meer stiegen, nickte Millie Julius noch mal zu und blies einen flüchtigen Kuß in die Luft. Dann verschwand sie flink in Richtung Mädchenumkleide.

"Blödes Geschöpf", knurrte Claire. "Was stört uns das, ob Edmond und Martine nicht mehr zusammen sind?"

"Claire, die hat dir ganz dezent unterjubeln wollen, daß sie meint, daß das zwischen uns auch nicht halten muß. Zumindest glaube ich, daß sie mit ihren Anspielungen auf das lange Verhältnis zwischen ihrer Schwester und Mogeleddie und dem Satz von den schönen Söhnen anderer Mütter sowas rüberbringen wollte", wandte Julius leicht verbittert ein. "Also ging's nicht um Martine, sondern wieder mal um uns beide."

"Glaubst du das echt, Juju?" Fragte Claire leicht verärgert.

"Ich wüßte jetzt keinen anderen Grund, warum die uns mit dem Kram über ihre Schwester zutextet. Außerdem haben wir's ja mitgekriegt, wie Edmond drauf ist, wenn er sich über was geärgert hat. Sogesehen stört es uns auch, wenn es in seiner Beziehungskiste klemmt. Aber ich kann mir schon vorstellen, daß der Nachname da das Ding war, was die ganze Sache zerbröselt hat. Mein Vater hätte ja auch blöd gekuckt, wenn ich ihm erzählt hätte, ich würde meinen Geburtsnamen ablegen, weil meine zukünftige Frau und ihre Familie ihren Namen an unsere gemeinsamen Kinder weitergeben wollen. Das heißt jetzt nicht, daß ich deinen Nachnamen nicht mag. Ganz im Gegenteil. Ich wollte nur sagen, daß das mit Eddie deshalb so blöd gelaufen ist."

"Ja, und wenn die Königin einen Prinzen heiratet, dann heißt der nicht König, sondern Prinzgemahl", murrte Claire. Dann sah sie Julius noch einmal durchdringend an und meinte: "Ich hoffe, du hast dich da mal geirrt, was Millies Anspielungen sollen. Nachher bildet die sich ein, dich doch noch in ihre Krallen zu kriegen. Ich denke mal, daß wäre dir schnell zu blöd."

Sie ging zur Mädchenumkleide, um sich wieder hausfertig anzuziehen. Julius wechselte in der Jungenumkleide seine Sachen und ging dann zu Virginie, die gerade mit Patrice Duisenberg plauderte, dabei jedoch mit einem Fernglas den Strand im Auge behielt.

"Hallo, Julius. Hast du dir den Frust von heute Morgen von der Seele gestrampelt?" Fragte Virginie.

"Joh, mußte mal sein, nachdem mein Kopf heute wild gebrummt hat, Virginie. Du mußt jetzt noch bis zum Abendessen aushalten?"

"Ja, muß ich, Julius. Ab dann übernimmt Amélie die Strandaufsicht bis Sonnenuntergang", sagte Virginie, die in ihrem seegrünen Badeanzug eine schöne Figur abgab.

"Hattest du heute was wichtiges?" Fragte Patrice Duisenberg und blickte Julius aus großen graubraunen Augen an.

"Hömm, Arithmantik bei Professeur Laplace."

"So'n Kram tust du dir an? Ich dachte, du würdest Muggelsachen lernen, besser damit Supernoten einfahren", grinste die Drittklässlerin aus dem blauen Saal, die ihrer Nichte Corinne von Gesicht und Körpergröße ähnelte, aber nicht zu einhundert Prozent und auch nicht so rundlich gebaut war wie die Sucherin der blauen Mannschaft.

"Wäre mir zu langweilig geworden", warf Julius gelangweilt klingend ein. Patrice grinste nur und meinte dazu:

"Aber deiner Freundin hilfst du dafür bestimmt in Muggelkunde aus, oder?"

"Nur, wenn sie das wirklich will", wandte Julius ein. Patrice, die offenbar einen Ansatz gesucht hatte, sich mit Julius zu unterhalten fragte sofort:

"Hast du die kleine Cythera noch einmal besucht, nachdem du sie aus Constance rausgeholt hast?"

"Öhm, einmal, - patrice? - habe ich das Kind nicht rausgeholt, sondern Schwester Florence. Aber besucht habe ich Mutter und Kind danach ein- zweimal. Ich wollte Constance nur nicht auf den Wecker gehen, sie in den Prüfungswochen zu besuchen."

"Ach, dann haben die beiden Rossignols mal wieder Blödsinn gequatscht. Aber ich denke mal, daß Constance Dornier das gerne hätte, wenn sie jemand besucht. Aber ist ja nicht mein Ding. Ich finde es nur schade, daß sie deswegen eine Klasse zurückversetzt wurde", erwiderte Patrice. Virginie fühlte sich berufen, sie darauf hinzuweisen, daß dies ganz in Ordnung sei, weil Constance ja gegen die Schulbestimmungen verstoßen hätte. Patrice Duisenberg sah sie nur spöttisch an und meinte:

"Klar, du wirst ja demnächst Saalsprecherin. Da mußt du sowas ja gut finden. Aber bei einer Geburt mitzuhelfen stelle ich mir sehr schön vor. Aber ich denke mal, hier in Beaux passiert das kein zweites Mal, bevor wir fertig sind."

"Ich denke, die Quote steht ein Knut zu zwanzig Galleonen, das sowas hier so schnell wieder vorkommt", warf Julius kalt lächelnd ein. Virginie nickte heftig. Um das an und für sich belanglose Gespräch nicht so abrupt abzuwürgen fragte Julius, was Patrice und Virginie heute gehabt hatten. Virginie hatte Zaubertränke gehabt, während Patrice Verwandlung gehabt hatte. So konnten sie bis Claires Rückkehr locker über die bereits gelaufenen Prüfungen plaudern. Julius erfuhr, obwohl er es nicht gezielt gefragt hatte, daß Patrice sich für Zauberkunst und Zauberkräuter am meisten interessierte, aber auch in ihrer Klasse Magizoologie nicht schlecht sei, zu der auch Sandrine Dumas, Armin Wiesner und Charlotte Colbert gehörten, die Julius aus der Klasse "Alte Runen" kannte, sowie Jacques Lumière.

 

"Ach, Julius, bandelst du mit Corinnes Tante an?" Fragte Claire, lächelte dabei aber ein War-nicht-so-gemeint-Lächeln. Patrice lachte auch darüber und entgegnete:

"Er hat mir nur erzählt, daß er das Kind von Constance Dornier nicht aus ihr rausgezogen hat, wie Serge und Marc uns das erzählt haben."

"Oh, und das hätte dir imponiert, wenn Julius das Kind ganz alleine geholt hätte?" Fragte Claire. Patrice schmunzelte und erwiderte:

"Warum nicht. Jungen, die früh genug lernen, wie man eine Frau vorsichtig genug anfaßt stehen immer hoch im Kurs. Aber keine Sorge, Claire. Ich habe es nicht nötig, anderen Mädchen und Frauen ihre Freunde und Männer auszuspannen. Mein Bruder hätte was dagegen."

"Und deine Maman auch", setzte Claire einen drauf. Patrice nickte. Sie plauderten noch eine Weile, während Virginie den Strand beaufsichtigte. Millie war derweil schon durch das Teleportal gegangen, ohne sich noch einmal um Julius oder Claire zu kümmern. Als Claire mit Julius und Virginie zum grünen Saal zurückkehren wollte, bat Julius Patrice darum, ihrer Nichte Corinne einen Gruß zu bestellen. Dann gingen die Bewohner des grünen Saales dorthin wo sie während der Schulzeit wohnten.

"Komisch", sagte Julius zu Claire, als sie im grünen Saal angekommen waren. "Ich habe immer gedacht, die Blauen wären alle so fies drauf. Die war doch richtig nett."

"Die Duisenbergs sind wichtig in Belgien, wie die Colberts in Frankreich oder die Leauvites. Außerdem ist ja Jacques auch bei denen, und mit Barbara und ihren Eltern hast du ja auch keine Probleme", wandte Claire ein. "wie gesagt, Juju: Die ist erst nach dem sechsten Schritt auf dem Teppich im blauen Saal gelandet. Bei der waren noch grüne und rote Anteile drin. Die hätte also auch zu uns rüberkommen können. So gesehen ist sie nicht anders als du, nur eben blauer als du."

"Geschenkt", warf Julius ein.

Julius erinnerte sich ja noch gut, daß auch bei ihm Blau zu den vier Farben gehörte, die der Teppich direkt nach dem ersten Schritt noch gezeigt hatte. Er dachte jedoch nicht sonderlich darüber nach, was Patrice oder ihre Nichte anbelangte. Er mußte sich auf die zweite Woche vorbereiten, die sicherlich noch heftiger werden würde als die erste. Da Professeur Faucon alle seine Bücher einbehalten hatte. Andererseits war es wohl kein Problem, sich einzelne Bücher von ihr zurückzuholen, die er noch benötigte. Doch irgendwie dachte er, wollte er nicht so rüberkommen, daß er vielleicht noch nachträglich was lernen mußte. Gerade im Zweig Verteidigung gegen die dunklen Künste fühlte er sich sicherer als anderswo, auch wenn er genau da die schwerste Prüfung vor sich haben mochte, eben weil Professeur Faucon das wußte.

 

__________

 

Claire achtete schon darauf, daß Julius nicht zu lang am Tag in der Bibliothek herumhockte. Da der Sommer mit warmen klaren Sonnentagen seine Ankunft verhieß, holte sie ihn öfter an die frische Luft. Er meinte einmal, daß sie wohl wolle, daß er genauso schön braun werden solle wie sie selbst. Sie hatte darauf nur ein amüsiertes Grinsen gezeigt und geantwortet:

"Was bringt dir die beste Note in allen Prüfungen, wenn du dich kaputtgearbeitet hast, Juju." Dem, so wußte er, war nichts entgegenzuhalten.

In der Nacht zum Montag träumte Julius davon, als Belle Grandchapeaus Zwillingsschwester in der Prüfung für alte Runen zu sitzen. Paximus war der Lehrer und legte ihm / ihr einen hohen Pergamentstapel vor.

"Die Schulleitung will, daß Sie das alles übersetzen, damit Sie bei Ihrer neuen Mutter einen guten Eindruck machen, Mademoiselle Laetitia", sagte der vollbärtige Leiter des gelben Saales mit einer Mischung aus Anspannung und Beharrlichkeit in Gesicht und Stimme.

Der Runentext wurde jedoch nicht weniger. Die Runen sprangen herum, schlugen Saltos und schüttelten sich vor Vergnügen, als Julius sie zu deuten versuchte. Die Stunden wollten nicht enden, und er bekam mehr und mehr Angst, Madame Grandchapeau könnte das heftig bestrafen. Dann fühlte er etwas von innen gegen seine Bauchdecke schlagen. O nein, deshalb hatte er sich nicht zurückverwandeln können, weil er von Adrian Colbert ein Kind trug. Ein gewaltiger Schreck überkam ihn ... und schleuderte ihn in sein eigenes Bett zurück, wo er über diesen Unsinn von Alptraum mit den Zähnen knirschte. Noch nie hatte er sowas wie Prüfungsangst gehabt. Doch was hatte Viviane Eauvives Bild-Ich zu Professeur Faucon gesagt?

"Tja, das ist das Problem des ersten Mals, Blanche. man weiß es vorher nie, wie es verlaufen wird und ob es richtig oder falsch ist."

"Alles fällt jetzt wieder auf mich runter", dachte er verbittert. Alles, was in diesem Jahr passiert war, strömte nun irgendwie auf ihn ein und fuhrwerkte in seinem Verstand herum.

Der allmorgentliche Frühsport mit Barbara lenkte ihn gut von den alten Runen ab, die heute anstanden. Sie hielten sich zwar gut zurück, um sich nicht total zu erschöpfen, schafften aber einige Runden Dauerlauf und Gymnastik unter dem Einfluß ihrer Schwermacherkristalle.

"Hui, jetzt bin ich aber gut angeheizt", sagte Barbara und tupfte sich Schweiß von ihrer Stirn. "Jedenfalls haben wir uns das Frühstück jetzt verdient."

Beim Frühstück sprachniemand von den anstehenden Prüfungen. die aus der dritten Klasse, die nur zwei neue Fächer dazugenommen hatten, hatten heute einen prüfungsfreien Tag und konnten die Zeit nutzen, um letzte Dinge zu pauken oder sich einfach im freien tummeln. Das Teleportal zum Strandabschnitt war zwar verschlossen, doch in den Parks konnte man ja auch den nahenden Sommer genießen.

Anders als der Alptraum es angedroht hatte wurde die Prüfung bei Professeur Milet für Julius nicht so hart. Sie hatten zwei Runentexte zu übersetzen, die über eine Zusammenkunft nordischer Zauberer handelten. Dann galt es noch, die fundamentalen Zauberrunen in verschiedenen Lagen zu zeichnen, einhundert Stück waren das. Julius hatte durch den Malkurs und die Zauberstabhandhabung eine geschickte Hand bekommen und konnte eine Tabelle mit Runen in acht verschiedenen Lagen, vier Lagen durch Vierteldrehungen und deren spiegelverkehrte Abbilder, erstellen. Jedenfalls war nach der letzten Minute der Prüfung für ihn klar, daß er mindestens elf Punkte geholt haben mußte, wenn er auch bei der Übersetzung nicht so recht sicher war, ob es nun "Die wackeren" oder "die Wortgewaltigen" hätte heißen müssen. Als die Runen-Lehrerin die vollen Pergamente einsammelte, atmete nicht nur Julius auf. Sandrine Dumas, die mit ihm in diesem Unterricht war, gestand ihm auf dem Weg zum Speisesaal, daß sie von dieser Prüfung abhängig machte, ob sie das Fach nicht doch abwählen und lieber auch zur Magizoologie wechseln sollte.

Nachmittags probten Julius und Claire auf Barbaras Anraten hin mit Laurentine noch einmal für die Einzelflugprüfung, die Bébé am Mittwoch mit "den Kleinen" zusammen hatte.

"Bébé, du siehst, daß du das gut raushast", ermutigte Claire ihre Freundin, als diese mittelschnelle Wenden und Höhenänderungen flog. "Wäre ja auch peinlich, wenn du vor den Kleinen durch die Prüfung rasselst."

"Ich mach das nur, damit du und diese Walküre endlich Ruhe geben", maulte Laurentine, die nicht so aussah, als würde das Fliegen ihr großen Spaß machen. Julius führte ihr behutsam noch einige Tricks vor, wie sie durch Körperhaltung und Handstellung einige Manöver noch fließender ausfliegen konnte. Er selbst mußte sich ja beherrschen, auf dem Ganymed 10 nicht zu überragend aufzufallen. Zwar wußte Claire, die auf Jeannes früherem Besen flog, was er da für einen Superfeger ritt, doch Bébé mußte das nicht wissen. Nachher meinte die noch, er hätte den Besen ja nur für's Bravsein gekriegt und würde das so ihren Eltern auftischen.

Bei Kräuterkunde hatte Julius das Gefühl, einen Traumtag erwischt zu haben. Auch wenn Professeur Trifolio Claire, Belisama und ihn mit Extrafragen und -aufgaben drangsalierte, fühlte er sich nicht einen Moment in Bedrängnis. Zum Schluß sagte Trifolio:

"Ich durfte Sie nicht über dem Viertklässlerniveau prüfen, Monsieur Andrews. Was konnte ich da noch für Schwierigkeitsgrade einbeziehen. Volle Punktzahl. Weiterhin viel Erfolg bei den Prüfungen!"

"Hat der dich auch diese Blutbrandblume umsetzen lassen?" Fragte Claire, als Julius mit ihr auf dem Weg zum grünen Saal war.

"Er fand es wohl spaßig, mich mit diesem kleinen Pflanzenmonster rumhantieren zu lassen. Ich war froh, daß ich die Handschuhe anhatte. Einmal hätte mich der Springkelch dieser Blume fast in die Nase gekniffen. Dann wäre aber was los gewesen."

"Mich hat das Ding fast an einer überstehenden Haarsträhne erwischt, Juju. Trifolio wollte mir dafür schon 20 Versäumnisstrafpunkte reinwürgen. Doch irgendwie muß er heute wohl seinen guten Tag erwischt haben."

"Oder er will vor Madame Champverd nicht wie ein Idiot dastehen, der seine Schüler nicht auf gute Noten ohne Probleme trimmen kann", vermutete Julius mit gehässigem Grinsen im Gesicht.

"Klar, weil die ja seine Vorgängerin war und er da selbst ja noch bei ihr im Unterricht gesessen hat", fiel es Claire ein. Dann standen sie vor der Wand, die nach dem Passwort den Eingang in den grünen Saal freigeben würde.

Die Zentralafrikanische Blutbrandblume, Haemopyra pulchercalyx, gehörte zu den fleischfressenden Zauberpflanzen mit bunten Blütenkelchen. Normalerweise fing sie sich kleine Tiere wie Insekten oder Kleinnager als Beute. Doch wenn sie mit ihren sehr harten Fangzähnen in jedem ihrer fünf Blütenkelche ein größeres Säugetier verletzte, befiel dieses innerhalb von wenigen Minuten eine solche Hitzewallung, die zu einem tödlichen Fieber anwuchs, wenn man nicht das Gegenmittel gab. Oft wurden Befallene mit Schlangenbißopfern verwechselt oder für Hitzeopfer gehalten. Muggel hatten diese Blume sofort vergessen, wenn sie sie einmal gebissen hatte. Doch weil sie in eigentlich unzugänglichen Gebieten wuchs, kam es im Jahr nur zu wenigen Todesfällen, zumal die meisten Medizinmänner und -frauen der Eingeborenenstämme die tückische Blume kannten und entsprechende Gegenmittel herstellten, bevor jemand aus ihren Dörfern gebissen und mit dem Blutbrand infiziert wurde. All dies hatte Julius Professeur Trifolio hersagen müssen, als er es geschafft hatte, ein recht lebhaftes Exemplar dieser Pflanzenart von ihrem Setzlingstopf in einen größeren Topf umzusetzen, wo sie fünf Jahre bleiben konnte.

Am Abend gingen die Schüler unterhalb der fünften Klasse noch eher zu Bett als sonst. Edmond Danton war sichtlich ungenießbar und lauerte darauf, jemandem Strafpunkte verpassen zu können. Im Schlafsaal der Drittklässler lasen die Jungen noch ein wenig, bevor die letzte Inspektion des Saalsprechers anstand. Als Edmond dann alles kontrolliert hatte und wohl zu seinem Mißvergnügen nichts finden konnte, was fünfzig Strafpunkte hätte setzen können, meinte Hercules noch zu Julius:

"Die Sache mit der großen Latierre hat ihn wohl doch heftiger erwischt. Oder er will nun unbedingt als jemand rüberkommen, vor dem alle Angst haben. Dabei macht der sich doch zum Vollidioten."

"Tja, nur daß wir dann mit unsinnigen Strafpunkten zugeballert werden und am Jahresende vielleicht noch die Saalwertung vermurksen", seufzte Robert Deloire, für dessen unordentlich über den Bettpfosten gehängten Umhang Edmond fünf Strafpunkte vergeben hatte. Julius sagte nur:

"Der ist wohl auch im Prüfungsfieber. Vielleicht haben seine Eltern ihm gedroht, ihn aus dem Haus zu werfen, wenn er mit Noten unter fünfzehn Punkten nach Hause kommt. Mein Vater hat das auch mal gehabt, als er in Eton war, einer Oberschule für Muggel."

"Ach, dann wäre das doch gut, daß Tinie Latierre ihn abgelegt hat", spottete Hercules. Alle grinsten.

"Wenn sein alter Herr nicht noch verlangt, daß er gefälligst 'ne Freundin oder Verlobte mitzubringen hat, damit das mit den Enkelkindern bald losgeht", setzte Gérard nach. "Ihr wißt doch, daß der Vater von Mogeleddie in der französischen Sektion der internationalen Zaubererkonföderation arbeitet."

"Ja, und daß er selbst ein Violetter mit Super-UTZ war", grummelte Gaston. "Das hat der uns doch schon vor zwei Jahren vorgebetet. Laßt mich jetzt pennen!"

"Joh, Gaston", erwiderte Gérard und zog den Schnarchfängervorhang um sein Bett. Julius tat es ihm gleich, nachdem er seinen Kameraden eine ruhige Nacht gewünscht hatte.

"Hoffentlich läßt uns deine kleine Freundin schlafen", feixte Robert.

"Julius hat das Schlafkissen für sie noch einmal mit dem Schweiß seines Angesichts gewürzt", murmelte Hercules, bevor er selbst den Bettvorhang zuzog. Julius bestätigte das und schloss den Vorhang ganz.

Über seinem Bett erschien im Vollportrait Aurora Dawns Magistra Viviane Eauvive und sah lächelnd auf ihn herab.

"Schön, wie du das heute gemacht hast, Julius. Ich hörte, daß Professeur Champverd sehr erfreut war, als Professeur Trifolio ihr auf Nachfrage deine Endnote verkündet hat. Gute nacht, mein Sohn!"

Julius zuckte zusammen. Diese gemalte Hexe, die im Moment ihr wasserblaues Kleid trug und ohne ihre Knieselin unterwegs war, sah ihn wirklich wie ihr direktes Kind an, obwohl er über mehrere Dutzend Generationen später zur Welt gekommen war. Sie nickte ihm noch einmal zu und verließ dann Auroras Bild. Dessen eigentliche Bewohnerin war wohl wieder in Australien oder England unterwegs, wohl eher in Australien, weil es dort noch heller Tag war, vermutete Julius. Er drehte sich um und schlief schnell ein.

Nach der Theorie der Astronomie am Morgen beobachteten Claire, Céline und Julius Laurentine am Nachmittag aus sicherer Entfernung bei der Einzelflugprüfung. Dedalus scheuchte sie ganz schön herum. Doch sie hielt sich gut, wenngleich ihre Manöver nicht so fließend abliefen wie bei Julius oder Jeanne. Marie van Bergen, die zeitweilig neben ihr herflog, wirkte da schon spielerisch, obwohl sie ja auch eine Muggelstämmige war. Jedenfalls mußte ihr Dedalus am Ende der Prüfung zehn von zwölf erreichbaren Flugprüfungspunkten zuerkennen, was Laurentine mit einem kurzen Nicken entgegennahm, aber sonst nichts dabei zu empfinden schien.

Die praktische Astronomieprüfung war im Vergleich zu den anderen Prüfungen ein vergnüglicher Sonntagsausflug für Julius und Laurentine. Sie hatten zwar die Monde der äußeren Planeten zu bestimmen und in einer lückenhaften Sternenkarte einzutragen, doch weil Julius die Satelliten der Planeten kannte, brauchte er nie länger als eine Minute, um Io, Ganymed oder Calisto beim Jupiter oder Miranda und Puck beim Uranus zu finden, selbst wenn letztere Monde wie ihr Zentralplanet sehr schwer im handelsüblichen Teleskop zu erkennen waren. Doch mit dem Entflackerer, den Julius geschenkt bekommen hatte, konnte er frei von den üblichen Störungen der wabernden Lufthülle die Planeten und Sterne beobachten. Mal sagte Hercules leise, daß es unfair sei, mit einem Aufsatz auf dem Teleskop zu arbeiten, doch Paralax entschärfte die Situation, indem er an jeden, der meinte, nicht ohne Entflackerer klarzukommen, die nützlichen Zauberlinsen austeilte, womit jeder funkelfreie Nachtgestirne sehen konnte.

Die Prüfung am Donnerstag, Magizoologie, war dagegen schon wieder anstrengend. Julius mußte sich sehr stark konzentrieren, um den Geschlechtsunterschied bei Singschnauzen zusammenzufassen oder die Verwendbarkeit von Salamanderhaut und -blut darzulegen, oder die Methoden, Knuddelmuffs zu züchten. Im praktischen Teil mußten sie einen Bau mit Schwatzfratzen umsiedeln, was dadurch erschwert wurde, daß diese frettchenartigen Tierwesen so flink und frech waren, daß mancher schon um Finger oder Nase bangte, zumal sich Madame Schwatzfratz im Punkte derber Schimpftiraden nicht hinter ihrem Männchen verstecken mußte. Julius hatte erwartet, daß Armadillus ihn noch über Kniesel ausfragen würde. Doch der Zaubertierkundelehrer verzichtete darauf. Immerhin war sich Julius nach der Stunde sicher, zumindest den praktischen Teil gut hinbekommen zu haben, wohl auch, weil er das mit dem Nackengriff so perfekt beherrschte, mit dem sich beinahe jedes Säugetier einfach aufgreifen und anderswo hintragen lassen konnte. Zwar beschwerte sich sein Schwatzfratzmännchen, er sei ein stinkender Misthaufen auf Beinen, doch das nahm er locker hin.

Nachmittags wiederholten die Jungen vor den Mädchen die heftigsten Schimpfwörter, die ihre Schwatzfratze ausgestoßen hatten und amüsierten sich, wenn eines der Mädchen rot anlief.

"Die Viecher haben mir echt was beibringen können, Claire", sagte Julius, als er die heftigsten Tiraden widergegeben hatte. Claire meinte:

"Klar, als Kackhaufen bezeichnet zu werden ist natürlich ungemein lehrreich für den Umgang mit unserer Sprache, nicht wahr? Erwähn das bloß nicht bei Maman oder Virginies Mutter oder gar Professeur Faucon! Die würden dich bestenfalls mitleidig ansehen. Bestenfalls."

"Claire, aber es ist doch richtig, was Julius da sagt. Wenn er unsere Sprache nie so gelernt hat wie wir, dann fehlt ihm doch alles, was zu einer ordentlichen Beschimpfung gehört. Wenn der mal in einer Schenke rumhängt und sich mit irgendwelchen alten Säufern hat, machen die den doch fertig, wenn er nicht versteht, was sie ihm an die Birne werfen", sprang Robert Julius bei. Céline meinte dazu nur:

"Klar, Robbie, du meinst dich wohl selbst, wenn du von Julius sprichst. Aber falls wir zwei da noch zusammen sind, wenn du meinst, in den dreckigsten Zaubererwirtshäusern herumzulungern, habe ich bestimmt ein Mittel parat, dir das sehr schnell auszutreiben."

"Außerdem glaube ich nicht, daß du mal in heruntergekommenen Gasthäusern saufen und herumgröhlen willst, Julius", wandte Claire ein.

"Kommt auf den Pub an, Claire", erwiderte Julius frech grinsend. "Ich denke, Caro hätte das schon gerne, wenn ich bei ihren Eltern Umsatz mache."

"Hallo, so nicht, Monsieur", knurrte Claire und funkelte ihren Freund an. Hercules grinste sich eins. Doch das Grinsen verging ihm schlagartig, als Claire auch ihn mal eben anfunkelte.

"Oh, das saß aber jetzt bestimmt tief, was Claire?" Feixte Gaston, der sich als ungebundener Jungzauberer über alle ernsten oder spaßigen Käbbeleien erhaben fühlte.

"Ich denke nicht, daß ich mit wem zusammen sein möchte", begann Claire mit sehr bedrohlicher Stimme, "der Galleonen für irgendwelchen Fusel ausgibt und sich mit heruntergekommenen Typen amüsiert, womöglich noch auf meine Kosten. Ich denke auch, daß keine andere Hexe sich sowas bieten läßt, Hercules und Gaston."

"Claire, das war nur ein dummer Spruch", versuchte Robert, die Wogen zu glätten.

"Das ist mir schon klar", fauchte Claire. "Aber gerade dumme Sprüche bin ich von Julius nicht gewöhnt."

"Dann wird's Zeit, daß du's lernst", versetzte Hercules sichtlich verärgert. Es war schon genug, wenn er eine aufbrausende und dazu streberhafte Freundin hatte. Mußte er sich da noch von anderen Mädchen anfauchen lassen? Bestimmt nicht! Julius antwortete:

"Öhm, Claire, ich möchte schon mehr erreichen als in irgendwelchen dunklen Wirtshäusern rumzuhängen und mir die Leber wegzusaufen. Es ging doch nur um diese Schwatzfratze."

"Du hast aber gesagt, daß ...", hakte Claire nach.

"Ende und Schluß!" Verlangte Barbara, die von einem kleinen Tisch herüberkam. "Halt dich nicht an jedem Unsinn so fest, Claire! Das gehört sich nicht für eine Hexendame."

"Jetzt fängt die auch noch an", knurrte Claire, hütete sich jedoch, Barbara zu irgendwelchen Strafmaßnahmen zu verleiten.

Gemäß dem Grundsatz, daß sich Pack schnell wieder verträgt, wenn es sich heftig geschlagen hat, war nach einer Minute wieder Friede zwischen Julius und Claire. Sie unterhielten sich noch über das Wochenende, daß nach den Prüfungen winkte. Morgen würden sie noch Verteidigung gegen die dunklen Künste machen müssen. Julius schwante, daß er da auf jeden Fall wieder von den anderen abgesondert würde, um vor irgendwem aus der Gruppe der acht angereisten Prüfer Flüche und Gegenflüche zu demonstrieren.

 

__________

 

Die Nacht vor der letzten Prüfung träumte Julius, die gemalten Gründungseltern von Beauxbatons hätten ihn noch einmal zum Kaffee eingeladen und fragten ihn über Zauberflüche und Gegenzauber ab, führten sie vor oder stellten sich ihm zu einem spielerischen Wettkampf. Dabei vertauschte Petronellus von den blauen Hügeln die Körper von Serena Delourdes und Orion dem Wilden. Beide waren darüber alles andere als begeistert. Petronellus floh vor der Rache der nun für einen Tag im bärengleichen Körper Orions gefangenen Gründerin des gelben Saales und dem zur übermäßig biederen Hexe mutierten Orion. Julius blieb mit Viviane Eauvive zurück.

"Also das solltest du morgen nicht ausprobieren, Julius", sagte Viviane. "Ich denke mal, die werden dich wie bei Verwandlung einer Zusatzprüfung unterziehen. Mach dir keine Sorgen! Du kannst das alles."

"Ich hoffe es", sagte Julius und wachte auf. Er mußte grinsen, weil ihm das Bild des verdutzt dreinschauenden Orion dem Wilden nicht aus dem Sinn ging, als er sich in Serena Delourdes' Körper wiedergefunden hatte, obwohl Petronellus nicht laut "Intercorpores permuto" gerufen hatte. Julius fiel ein, daß dieser Fluch auch auf ein Artefakt gelegt werden konnte und entsann sich, davon gelesen zu haben, daß es sowas mal gegeben hatte. Dann schlief er noch die zwei Stunden, bevor er wie üblich um halb sechs aufwachte und sich zum Frühsport bereitmachte.

Nach dem Frühstück versammelten sich die Schüler des grünen Saales vor dem Klassenraum, wo Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie unterrichtet wurde. Sie sprachen nicht mehr über den Unterrichtsstoff. Wer es jetzt nicht wußte, hatte Pech. Diese unausgesprochene Vereinbarung hing zwischen den Schülerinnen und Schülern.

"einen angenehmen guten Morgen, Mesdemoiselles et Messieurs!" Wünschte Professeur Faucon, die an diesem Morgen sehr würdig und entschlossen daherschritt.

"Auch Ihnen eine angenehmen guten Morgen, Professeur Faucon", erwiderten die Schüler im Chor.

"Heute unterziehen Sie sich der letzten der Jahresendprüfungen. Ich gehe davon aus, daß Sie sich ausnahmslos alle gut darauf vorbereitet haben", sprach Professeur Faucon mit strengem Blick in die Runde und verhielt bei Laurentine Hellersdorf, die versuchte, zurückzuweichen.

"An mir wird's nicht hängen", stieß die Tochter eines Raumfahrtingenieurs verängstigt aus. Professeur Faucon nickte ihr zu und sagte dann:

"Das bitte ich mir sehr stark aus, Mademoiselle Hellersdorf. - Treten Sie nun ein!"

Die Schülerinnen und Schüler betraten den Klassenraum, der etwas umgestaltet war. Statt der zusammenstehenden Tische waren einzelne Tische und bequem gepolsterte Stühle aufgestellt worden, die durch niedrige Wandschirme voneinander getrennt waren, sodaß niemand auf die Arbeit seiner Sitznachbarn blicken konnte. Von der Tafel aus begrüßten Sätze in signalroten Buchstaben die Klasse:

"Theorie der mittelstufigen Flüche und ihrer Aufhebung! Kreaturen mit dunklen Eigenschaften! Prophylaktische Bezauberungen gegen Fernflüche!"

"Diese drei Rubriken werden Sie im theoretischen Abschnitt dieser Prüfung behandeln, Mesdemoiselles et Messieurs", bemerkte die Lehrerin zu den angeschriebenen Sätzen und verteilte beschriebene Pergamentrollen mit den einzelnen Aufgaben. "Sie kennen das Procedere aus allen bisherigen Prüfungen. Bis zur großen Pause werden Sie hier den theoretischen Abschnitt bewältigen. Danach werde ich jeden von Ihnen einzeln zu praktischen Vorführungen zitieren. Für Monsieur Andrews, von dem Sie alle wissen, daß er durch seine besondere Grundkraft über das übliche Stadium der dritten Klasse hinausgereift ist gilt, daß er nach der großen Pause von einem Mitglied der acht Hauptprüfer gesondert examiniert wird. Das kennen Sie bereits aus der vorausgegangenen Transfigurationsprüfung, Monsieur Andrews und ist kein Grund zur Besorgnis, sofern Sie sich zureichend auf alle Ihnen vertrauten Dinge in meinem Fach vorbereitet haben. Beginnen wir!"

Julius nahm sich die äußere der drei Pergamentrollen und las, daß er dreißig gängige Flüche und Gegenflüche zusammenstellen sollte, wobei er auch Breitbandabwehrzauber einzeln aufführen sollte. Hinzu kamen Details über Zauberstabbewegungen und mentale Komponenten. Dann sollten noch stationäre Flüche und ihre Früherkennung diskutiert werden, etwas, daß er im Sommerferienkurs bei Professeur Faucon schon erledigt hatte. Als er dann wie in der ersten Stunde hier alle ihm geläufigen Flüche in Schadensklassen und -Graden eingeteilt und mit ihren Gegenflüchen zusammengestellt hatte, schrieb er alles, was er über die Besonderheiten der Gegenflüche wußte, wie sie wirkten, wenn ihnen kein Fluch vorausgegangen war oder was auf Lebewesen wirkende Flüche mit toten Gegenständen anstellten.

Im zweiten Teil ging es um die dunklen Geschöpfe der mittleren und höheren Stufen. Julius ließ sich lange über Dementoren aus, wie sie ihren Opfern Glück und Wärme absaugten und bei größter Annäherung auch die schlimmsten Erinnerungen des Lebens ins Bewußtsein riefen, legte dar, wie man sich gegen Angriffe von Vampiren verteidigen mußte, zeichnete sogar die magischen Symbole, die für Bannzauber wie den Ungier-Zauber oder den Zauber Segen der Sonne benötigt wurden, beschrieb die Hierarchie der Vampire und ihren Ursprung und erwähnte kurz die Succubi, die von der Machtstufe her den Vampiren überlegen waren. Zur Frage, wie düstere Tierwesen auf die Erde gekommen seien erwähnte er kurz, was er über die Zoonekromantik gehört hatte, ließ sich aber nicht über seine Erlebnisse mit den Willenswicklern oder den Insektenbestien in der Galerie des Grauens aus. Er schilderte die Gefahr durch Sabberhexen, jene schwebenden Kreaturen, die das Bild der geläufigen Hexe in der Muggelwelt verfinstert hatten und erwähnte deren natürliche Feinde, die Meigas in den Wäldern Galiziens, die als Kreuzungen zwischen Zauberern und Waldkobolden hervorgegangen waren und sich durchaus auch mit reinrassigen Zauberern zusammentun konnten. Ihn ritt sogar ein kleiner Frechheitsteufel, anzuführen, daß die "Muggelpropaganda", das Märchen "Hänsel und Gretel" dem französischen Kulturkreis entsprang und das typische Verhalten einer Sabberhexe umschrieb, die sich vorzugsweise von Kindern unterhalb ihrer Körpergröße ernährte. Er hätte auch noch was über Zombies oder Golems schreiben können. Doch er hatte beschlossen, nur die Fragen zu beantworten, die ihm wirklich gestellt wurden.

Die auf der dritten Pergamentrolle gestellten Fragen nach Schutzzaubern und Fallenerkennungszaubern handelte er ausführlich aber ohne große Probleme ab. Als die Pause begann war er sich sicher, alles zur vollsten Zufriedenheit der Lehrerin niedergeschrieben zu haben. Er gab die beschriebenen Pergamentrollen mit Text und Zeichnungen ab und begab sich mit seinen Mitschülern in den Pausenhof.

"Mit den Sabberhexen hatte ich Probleme. Haben die außer den gewöhnlichen Hexen und Zauberern noch andere Feinde?" Fragte Hercules Julius, als er sicher war, daß Professeur Faucon ihn nicht beobachtete, die gerade die Pausenhofaufsicht führte.

"Das hatte sie uns mal mehr beiläufig erzählt, daß die Waldhexen in Galizien, das wohl irgendwo in Spanien liegt, die natürlichen Feinde der Sabberhexen sind, weil sie gedanklich mit allen Pflanzen und Tieren des Waldes verbunden sind und mächtige Zaubergesänge können, um zu heilen oder dunkle Wesen zu verscheuchen", wiederholte Julius vor Hercules, was er gerade erst hingeschrieben hatte.

"Oh, Drachenmist, diese Mergas oder wie die heißen", fiel es Hercules sehr unangenehm heftig ein.

"Culie, die schreiben sich M-e-i-g-a-s, sprechen sich "Mejgas", mischte sich Bernadette Lavalette in die Unterhaltung ein. "Eure Saalkönigin hat uns das auch nur einmal erzählt. Du solltest das doch besser als wir anderen wissen, daß die alles, was sie sagt, in der Endprüfung abfragen kann."

"Heh, Bernie, mußt nicht gleich so blaffen", knurrte Hercules. Julius zog sich zurück. Mit mehr oder weniger wichtigen Streitigkeiten zwischen Pärchen wollte er sich nicht abgeben. Vor allem nicht, wenn er gleich von einem der acht Prüfer angesprochen und zur Sonderprüfung mitgenommen würde. Er ging zu Claire, die sich mit Laurentine über den Theorieteil unterhielt.

"... Mehr solltest du auch nicht hinschreiben, Bébé", hörte er seine Freundin noch sagen, bevor sie ihn sah und ihn zu sich winkte.

"Ich denke, Bébé hat's diesmal gepackt", sagte Claire und lächelte Laurentine wohlwollend an, bevor sie Julius anblickte. "Weißt du denn schon, bei wem du gleich die Praktische hast?"

"Hmm, entweder diesen Professeur Énas oder diese Tourrecandide, wenn mir nicht noch mal Professeur Champverd die Prüfung abnimmt. Immerhin hat Madame Delamontagne ja wohl ihr Zaubertalent geerbt."

"Tja, die Auswahl ist ja nicht klein, gerade in dem Fach. Moureau ist da ja auch Spezialist, wie Gastons Opa. Aber im Grunde müssen die ja alles prüfen können. Hast du denn schon gehört, was du in Verwandlung gekriegt hast?" Wollte Claire wissen.

"Nein, habe ich noch nicht", sagte Julius. "Ist mir auch im Moment egal, solange ich mit dieser Prüfung nicht durch bin. Wird wohl im grünen Bereich liegen."

"Im was?" Fragte Claire. Laurentine schmunzelte. Sie sah Julius an und sagte:

"Den Spruch kennt die nicht. Das heißt, Claire, daß alles genauso läuft, wie es laufen soll. In der Technikwelt steht Grün für "Alles in Ordnung" oder "Kann weitergehen", während Rot für "Halt" oder "Vorsicht, gefährlich" steht und ..."

"Ja, Bébé, hab's kapiert, habe schließlich auch Muggelkunde, wie du wissen solltes", würgte Claire Laurentines Redefluß ab. "Habe ja in der Prüfung auch diese Ampeln zeichnen und erklären dürfen. Ich wußte nur nicht, daß man das auch in der gewöhnlichen Sprache benutzt. Mehr wollte ich nicht wissen."

"Wundere mich sowieso, daß du den nicht kanntest", sagte Laurentine.

Millie Latierre kam mit Caro kurz herüber und winkte Julius zu. Sie fragte, was sie gerade machten und verzog das Gesicht.

"Ja dann, prost Mahlzeit! Den Kram hatten wir vorgestern. Ich lief ja rum wie Constance im elften Monat, weil ich diesen Kugelbauchfluch nicht abfangen konnte und hab's mit den Vampirabwehrzaubern nicht mehr auf die Reihe gekriegt", sagte Mildrid. Caro meinte dazu nur:

"Wie hätte Bernie auch sonst Klassenbeste in dieser Prüfung werden können, Millie-Mäuschen? Nimm's nicht so heftig. Wenn der dunkle Lord dich auf der Liste hat, macht er Avada Kedavra, und dann ist es eh schnurzpiepegal, was du sonst alles gekonnt hättest."

"Eh, Caro, das ist nicht komisch", zeterte Claire und warf Caroline Renard giftige Blicke zu. Professeur Faucon, wohl mit einem sechsten Sinn für aufkommenden Ärger gesegnet, eilte herüber und erkundigte sich nach dem Grund für den Aufruhr. Millie nutzte die sich bietende Gelegenheit, Caro eins reinzuwürgen:

"Meine Klassenkameradin meinte, daß daß was wir bei Ihnen lernen eh nichts bringt, wenn jemand ganz böses uns mit einem Fluch namens Abarda Kadaver oder ähnlich angreift und wir deshalb wohl nicht so überragend gut in den Prüfungen sein müssen."

"Öi!" Machte Caro und lief knallrot an.

"Mademoiselle Renard, haben Sie dergleichen auch nur im Ansatz behauptet?" Erkundigte sich die Lehrerin mit sehr stark verengten Augenbrauen und auf Caro festgeheftetem Blick. Diese schüttelte den Kopf, aber nicht so überzeugend ablehnend.

"Ich habe nur gesagt, daß ganz böse Zauberer sich nicht damit abgeben, längere Duelle zu machen, weil sie doch den Avada-Kedavra-Fluch können, den Sie uns im Ferienunterricht gezeigt haben."

"Sie haben also meinen Unterricht nicht lächerlich gemacht?" Fragte Professeur Faucon unheimlich leise klingend.

"Nein, bloß nicht", rang sich Caro eine Antwort ab und wandte sich rasch ab.

"Hallo, ich war mit Ihnen noch nicht fertig, Mademoiselle!" Rief Professeur Faucon das brünette Hexenmädchen noch einmal zurück. "Wenn Sie schon mit dem von mir vermittelten Wissen große Reden halten, dann sollten Sie sich auch daran erinnern, was ich Ihnen und anderen Teilnehmern an meinem Sommerferienkurs über diesen Fluch und gewisse andere Flüche nahegelegt habe: Lernen Sie alles, was dazu dient, sich vor solchen Flüchen zu schützen! In diesem heeren Sinne unterziehe ich Sie alle den entsprechenden Prüfungen. Ich ging davon aus, Sie hätten den festen Charakter, mit dem von mir vermittelten Wissen vernunftgemäß umzugehen. Fünfzig Strafpunkte für Sie, Mademoiselle Renard! Sie dürfen sich jetzt zurückziehen, wenn Sie möchten."

Millie grinste eine volle Sekunde lang, wurde dann aber von der vollen Strenge Professeur Faucons getroffen.

"Ich finde es sehr unkameradschaftlich von Ihnen, Mademoiselle Latierre, daß Sie ihre Mitschülerin und Schlafsaalmitbewohnerin derartig denunzieren und noch dazu so schadenfroh darauf reagieren, wie ich auf diese Denunziation reagieren mußte. Gerade Sie haben es bestimmt nicht nötig, hier vor gerade in einer Prüfung befindlichen Mitschülern derartig aufzufallen und Ihre schlechte Leistung als bedeutungslos zu verunstalten. Einhundert Strafpunkte für Sie, Mademoiselle, davon fünfzig wegen der erwähnten unkameradschaftlichen Verhaltensweise und fünfzig wegen Gefährdung der allgemeinen Disziplin durch abschätzige Bemerkungen vor Mitschülern. Seien Sie froh, daß Sie mich nicht noch beleidigt haben. Ich werde nach der Prüfung mit Ihrer Saalvorsteherin sprechen, ob diese auf einer Strafarbeit beharrt. Falls Sie möchten, dürfen auch Sie sich nun zurückziehen."

Millie trollte sich mit gesenktem Kopf wie ein getretener Hund. Professeur Faucon sah Claire, Laurentine und Julius an und sagte:

"Ich bitte mir aus, daß Sie drei sich von den beiden Damen aus dem roten Saal nicht bestärkt fühlen, in den Prüfungen nachlässig zu sein. Sie, Mademoiselle Dusoleil und Monsieur Andrews, wissen wie Mademoiselle Renard, was ich Ihnen in den letzten Sommerferien beibrachte und warum ich das tat. Ich möchte ungern die weitverbreitete Behauptung bedienen, eine Lehrerin sähe ihr Fach als wichtigstes des ganzen Lehrplans an. Doch zwingt mich die Situation in England und anderen Teilen der Welt förmlich dazu, Sie nochmals darauf hinzuweisen, wie essentiell die Protektion gegen destruktive Formen der Magie für jede Hexe und jeden Zauberer ist. Ja, Mademoiselle Hellersdorf, auch für Sie gilt das. Wähnen Sie sich nicht sicher, wenn Sie bei Ihren Eltern sind. Die wirklich menschenfeindlichen Hexen und Zauberer nehmen auf Muggelsiedlungen keinerlei Rücksicht." Sie wandte sich Julius zu und sagte ihm noch einmal, daß er bis zum Ende der Pause warten solle. Er würde dann abgeholt. Dann kehrte sie auf ihren Posten zurück, um gleich wieder loszueilen, um eine Horde sich prügelnder Blauer und Roter wie eine Furie auseinanderzutreiben. Offenbar hatten die betreffenden Schüler keine Prüfung oder wurden mal eben von der praktischen Teilnahme ausgeschlossen. Denn sie wurden alle zur Strafe in den schuleigenen Karzer abgeführt. Schuldiener Bertillon besorgte das mit großer Begeisterung. Nach und nach verschwanden die insgesamt sieben Übeltäter im Palast, in den unteren Gewölben, wo die kargen Zellen waren, die als Nullkraftkerker nicht nur Menschen einsperrten, sondern jeden Zauber unterbanden. Julius hatte sich das einmal angesehen, weil es ihn schon interessierte, was an dieser Sache dran war. Martine hatte ihm das nach einer Kursstunde bei Schwester Florence mal gezeigt. Doch übers Jahr hatten wohl wenige Schüler diese ungastlichen Räume bevölkern müssen. Denn als die sieben Raufbolde einer nach dem anderen abgeführt wurden, sahen alle auf dem Pausenhof dem Spektakel zu.

"Hoffentlich war es nicht so'n banales Zeug, weshalb die sich gehauen haben", murmelte Julius.

"Wird wohl wieder um irgendwas gegangen sein, womit die Blauen die Roten schnell ärgern konnten", stellte Claire fest.

"Ach neh, Claire! Wirklich?" Kam es von Bébé. "War das nicht vielleicht eine höchst intellektuelle Diskussion?"

"Ging vielleicht auch nur um irgendein Mädchen. Wegen sowas kloppen sich doch viele Jungs", grummelte Julius.

"Nur daß es bei den Roten und Blauen wenige Mädchen gibt, die das wert sind", warf Claire ein. Julius grinste sie an und fragte:

"Ach, es gibt welche, die es wert sind, ihretwegen im Karzer oder gar im Gefängnis zu landen? Wäre mir neu."

"Es soll Jungen geben, die das so finden", fauchte Claire, mußte dann aber anerkennend nicken. "Sofern die Jungen nicht früh genug mitkriegen, daß Mädchen nicht auf Schlägertypen stehen."

"Ach, Boxen ist in England auch bei Frauen ein sehr beliebter Sport, weil da eben starke Männer aufeinander losdreschen", fiel Julius eine Antwort ein. Laurentine lachte.

"Das haben die Steinzeitmenschen schon so gehalten. Wer stark genug war, durfte die Frau vom Häuptling kriegen, ja wurde selbst Häuptling. Aber was sollen wir uns über Idioten zanken, die ausgerechnet dann aufeinander losgehen, wenn Professeur Faucon Pausenaufsicht macht und in einer Prüfung drinsteckt, wo sie möglichst jeden mit Spitzennoten rauskommen sehen will. Diese Blödheit gehört wirklich bestraft."

Als die Ankündigung der letzten zwei Minuten erfolgt war, verabschiedeten sich Claire und Bébé von Julius und kehrten eilfertig in den Palast zurück. Julius blieb allein auf dem Pausenhof. Er sah, wie die stellvertretenden Saalsprecher ihre Leute zusammenriefen und ins Wohn- und Schulgebäude schickten. Dann winkte ihm Professeur Faucon zu. Er ging zu ihr. Sie nickte noch einmal in seine Richtung und eilte dann im wehenden Umhang in den Palast.

"Jetzt bin ich doch mal gespannt", dachte Julius. Doch er mußte nicht länger als eine Minute warten. Als er eine Hexe im dotterblumengelben Rüschenkleid heraustreten sah, deren schulterlanges, weißblondes Lockenhaar sehr geschmeidig jede Bewegung betonte, fand er sich bestätigt, daß er nun bei Professeur Faucons früherer Lehrerin Austère Tourrecandide die praktische Prüfung ablegen sollte.

"Ich wünsche Ihnen einen herrlichen Morgen, Monsieur Andrews!" Begrüßte sie ihn mit einer vom hohen Alter leicht schwächlich klingenden, mittelhohen Stimme. Julius erwiderte artig den Gruß.

"Meine Kollegin Professeur Faucon trug den Vorschlag an mich heran, Sie persönlich in einer abgesprochenen Sonderprüfung wider die destruktiven Formen der Magie zu examinieren. Fühlen Sie sich soweit in Ordnung, sich dieser Prüfung zu unterziehen?"

"Öhm, ja, alles klar", sagte Julius und zwang sich, nicht daran zu denken, daß diese Hexe da vor ihm Professeur Faucons früherere Lehrerin war. Sie lächelte wohlwollend und führte ihn in ein freies Zimmer, groß wie ein Klassenzimmer. Der Boden war mit einem Aufprallabfederungszauber belegt, ähnlich dem in der großen Duellhalle.

"Wie weit wurden Sie über meine Person und Funktion unterrichtet?" Fragte Professeur Tourrecandide den ehemaligen Hogwarts-Schüler. Dieser überlegte kurz und erwiderte:

"Ich hörte, Sie seien einmal Lehrerin für die Abwehr dunkler Magie hier gewesen, und daß meine Saalvorsteherin bei Ihnen ihren Unterricht hatte. Mehr weiß ich nicht. Halt, Moment. Sie wurden in einem Buch erwähnt, das sich mit postsardonianischen Hexengruppen befaßte und dort auch als Expertin für uralte Zauberwesen mit dunklen Kräften erwähnt."

"Welches Werk meinen Sie speziell?" Fragte die Lehrerin. Offenbar lag ihr was daran, daß Julius sich klar war, mit wem er es zu tun hatte.

"Das war "Kreaturen der Düsternis"."

"Sehr richtig, da wurde ich namentlich erwähnt und auch, daß ich zur Führungsgruppe der französischsprachigen Sektion der Liga zur Abwehr destruktiver Zauberei gehöre. - Schön, dies zu mir. Von Ihnen weiß ich von meiner früheren Meisterschülerin und jetzigen Berufskollegin, daß Sie ein Ruster-Simonowsky-Zauberer sind, dessen Vorfahren über mehrere Generationen keine Zaubergaben entwickelten, obgleich die Blutlinien von vier Eauvive-Kindern in ihnen fortbestanden, sich aber letzthin erst bei Ihnen trafen. Deshalb sind Sie vom magischen Potential her mindestens dreimal so gut wie Ihre Altersgenossen und konnten daher in Unterweisungen fortgeschrittene Defensivzauber erlernen. Mir wurde auch mitgeteilt, daß Sie zu Novemberbeginn die Auswirkungen eines Intercorpores-Fluches zu spüren bekamen, der Sie zeitweilig zum Ebenbild der Mademoiselle Grandchapeau machte, die zu prüfen ich vor einigen Tagen die Gelegenheit fand. Da dieser Fluch und seine Auswirkung Stoff der vierten Klasse ist, wurde er wohl nicht im theoretischen Teil Ihrer Prüfung erwähnt. Deshalb möchten Sie mir gütigst sagen, was Sie von dem Fluch wissen und wieso er bei Ihnen nicht so wirkte, wie er üblicherweise wirkt!"

Julius erzählte in fünf Sätzen, was ihm passiert war, daß er nicht den vollkommenen Körpertausch erlebt hatte, weil er diebstahlsichere Dinge bei sich trug, die durch ihre Eigenmagie den Zauber unterbrachen, daß er vier Tage in Belles Zwillingsschwester verwandelt war, weil nach den Gesetzen der magischen Kraft ein voll wirkender Fluch bei erzwungenem halben Effekt die vierfache Zeit andauerte, daß er wußte, daß bei Intercorpores-Vertauschungen zwischen zwei verschiedenen Arten Lebewesen das Geschlecht nicht verändert wurde, wohl aber das körperliche Alter im Vergleich getauscht wurde, sodaß eine Vertauschung zwischen einem Hund und einem Kind von zehn Jahren ein siebzigjähriger Mensch und ein etwa zehn Monate alter Welpe das Resultat waren und daß bei einer Behexung eines Menschen zwischen Zwillingsgeschwistern dieser Mensch permanent zum Drilling dieser beiden Geschwister wurde, unumkehrbar oder wenn er zwischen zwei nichtgleichen Geschwistern stand als Kind der Schwester neu ausgetragen und zur Welt gebracht werden müsse. Auch dies sei nicht mehr umzukehren, höchstens durch Alraunensaft in Verbindung mit Körperbestandteilen des verhexten.

"Das war sehr gut, kurz und umfassend dargelegt, Monsieur Andrews. Schreiten wir zur praktischen Prüfung!" Sagte Professeur Tourrecandide und hob ihren Zauberstab. Julius ging sofort in Verteidigungsstellung.

"Deterrestris!" Rief die Hexe und ließ den Stab von unten nach oben schnellen.

"Exofortes inhibito!" Rief Julius fast zeitgleich und vollführte mit seinem Zauberstab einen Bogenschlag von links nach rechts, wobei er die Stabspitze kurz nach unten sausen ließ. Flirrend und knisternd barst der Fluch der Hexe keinen halben Meter vor Julius, der einen leichten Ruck aufwärts fühlte, aber dann ruhig stehen blieb. Offenbar ging diese alteherwürdige Zaubermeisterin gleich in die Vollen. Sollte er mal einen Gegenstoß probieren?

"Rictusempra!" Rief er.

"Protego!" Rief Professeur Tourrecandide zurück. Julius wirkte sogleich mit "Addo Reflectato!" einen Folgezauber, der in Kraft treten sollte, wenn sein Fluch losging. So sirrte der silbrige Lichtstrahl des Rictusempra-Fluchs erst gegen einen unsichtbaren Schild um Tourrecandide, prallte davon ab, um laut heulend von einer zwei Zauberstablängen vor Julius entstandenen Barriere aus auf Licht getragenen Flüche spiegelnder Magie zu Tourrecandide zurückzuprallen, um laut krachend und blaue Funken versprühend an ihrem Schild zu zerbersten.

"Sie kennen den schnellen Folgezauber also schon und haben es tatsächlich geschafft, ihn korrekt und voll wirksam aufzurufen", stellte Professeur Tourrecandide fest. "Hätte Ihre Lehrerin und damit auch mich schwer enttäuscht, wenn Sie bereits in dieser Frühphase versagt hätten. Flammagellum!"

Julius konterte die Geißel aus blau-violettem Feuer mit demselben Zauber, mit dem er bereits den Schwerkraftumkehrfluch abgeschüttelt hatte, nur daß er beim Ausruf des Zaubers an Feuer denken und den Stab in einer raschen Pendelbewegung dreimal hin- und herzucken lassen mußte. So prallte die feurige Geißel fauchend von Julius ab, ohne ihm den üblichen Verbrennungs- und Entkräftungsschaden zuzufügen, schnellte zischend bis fast zu ihrer urheberin zurück und erlosch dann. Julius schickte Nebel aus. Doch Professeur Tourrecandide schlug diesen sofort nieder.

"Keine elementar-Zauber, die nicht ausschließlich Offensiv- oder Defensivzauber sind, Monsieur", sagte sie. Dann griff sie mit "Densaugeo" an. Julius schlug den Zahnvergrößerungsfluch mit dem Reflektierzauber zurück, wobei der Winkel so lag, daß der Fluch weit an seiner Prüferin vorbeifauchte und krachend in die Wand einschlug, aus der ein verkümmerter Tropfstein herauswuchs, der nach einigen Sekunden abbrach und zu Staub zerfiel.

"Aggregato Tarantallegrasinaures!" Rief Professeur Tourrecandide. Julius wirkte mit "Aggregato Reflectafinite!" dagegen. Während der ihm gältende Fluch eine Verkopplung zwischen dem Tanzwutfluch und dem Langohrfluch war, hielt er mit dem Fluchspiegler und Fluchstopper als gekoppelten Zauber dagegen, wie er es im Duellierclub noch gelernt hatte. Der gekoppelte Fluch peitschte gegen den Rückprallzauber, zersprühte dabei aber sofort laut pfeifend zu einer Wolke aus grünen und gelben Funken.

Sieh einer an, die gekoppelten Zauber kennen Sie auch schon. Sie wissen aber auch, daß sie hinderlich sind, wenn es um Schnelligkeit geht, zumindest in der Abwehr. Wenn Sie, wovon ich jetzt überzeugt bin, die wichtigsten Schildzauber kennen, versuchen Sie so schnell wie möglich, gegen diverse Angriffe zu bestehen, immer unter der Voraussetzung, meinen nächsten Angriff nicht eindeutig erkennen zu können!""

Julius schuf sich sofort einen mehrfach gestaffelten Schild gegen körperliche und seelische Flüche, wobei er die Auracalma-Magie, welche sein Gemüt vor Gefühlsveränderungszaubern schützte, lautlos formulierte. Tatsächlich kamen die vier schnell hintereinandergewirkten Flüche nicht durch, beziehungsweise wirkten nicht.

Nun, wo Professeur Tourrecandide ihn regelrecht wachgekitzelt hatte, bombardierte sie ihn mit einer Reihe von Angriffen. Er wagte einmal sogar, den Sprechbann zu denken, was ihm in manchem Duell einen heftigen Vorteil verschafft hatte, auch, und das überkam ihn immer wieder, als er gegen Slytherins übermächtiges Selbstportrait gekämpft und sich in allerletzter Sekunde vor dem Todesfluch geschützt hatte. Doch die Hexe war offenbar vorgewarnt. Sie widerstand dem Zauber irgendwie, denn sie sprach locker und kraftvoll ihre Flüche weiter, und Julius mußte dagegenhalten. Die schwächeren Flüche ließ er zwar abprallen, aber als die Prüferin mit den astralen Flüchen kam, wurde es sehr eng.

"Malleus Lunae!" Rief sie. Julius Rief "Novalunux!" Der silberne Fächer aus übermächtiger Zauberkraft verschwand vor Julius in einem schwarzen Kugelfeld. Er spürte jedoch, wie ihn der Widerstand gegen diesen mächtigen Fluch stark erschöpfte. Als sie dann noch mit "Retelliamartis!" angriff und eine blutrote Lichtkugel gegen ihn schleuderte, die ihn körperlich und seelisch aus dem Gleichgewicht bringen sollte, mußte er sich sehr schnell mit "Armasolis" dagegenstemmen. Ein gleißender Lichtstrahl, weißgolden wie ein Streifen Mittagssonnenlicht, bohrte sich in die rote Lichtkugel und ließ diese laut krachend explodieren, wobei eine glutheiße Druckwelle beide Duellanten zurückschleuderte.

"Also, das wissen Sie jetzt, daß Sie den Sonnenschlag niemals gegen gestaltliche Flüche wirken sollen, weil die im Fluch konzentrierte Magie in alle Richtungen expandiert, sobald die Formgebung gestört wird. Immerhin kannten Sie die Rache des Mars von irgendwo her. Könnte es sein, daß meine werte Kollegin es zu gut mit Ihnen meinte?"

"Öhm, geht sowas, es zu gut meinen, wenn es um die Abwehrzauber geht?" Fragte Julius. Tourrecandide räusperte sich unmißverständlich und sah ihn mit ihren hellen, keinesfalls vom Alter getrübten Augen an, als wolle sie ihn für eine weitere dumme Frage zu Asche verbrennen lassen.

"Nicht jeder kann mit dreizehn Jahren die mächtigen Schilde oder Flüche wirken, ohne sich dabei zu entkräften oder gar ins Koma zu stürzen, weil die Magie mehr physische Energie beziehen muß, um wirksam zu werden als bei höheren Zauberpotentialen. Daß Sie die beiden letzten Angriffe nicht nur korrekt konterten, sondern dies noch ohne Bewußtseinsverlust überstanden, deutet darauf hin, daß Sie nicht nur stark sondern auch geübt sind. Allerdings geht es mir nicht darum, Sie im Duell zu besiegen, sondern zu erkunden, was Sie können und wie schnell Sie reagieren. Ich hätte den Mondlichthammerschlag auch wesentlich stärker wirken können, und Sie wissen das sicherlich. Parieren Sie noch einige Angriffe, dann machen wir vorerst Pause!" Legte die Prüferin fest und griff wieder an. Julius wirkte die entsprechenden Gegenflüche oder Schildzauber, wagte sogar noch einige Gegenstöße, die jedoch verpufften, ob er sie nun laut rief oder konzentriert dachte.

"Sie sind Mentalinitiator, Monsieur. Auch auf diesen Umstand wurde ich hingewiesen. Wie Sie sehen, hilft das nicht immer. Die Frechheit, mir den Sprechbann auf unhörbare Weise auferlegen zu wollen, konnte ich getrost hinnehmen, da ich vor dem Übungsduell einen Aduratio-Zauber gewirkt habe, der mich vor diesem schnellen Ausfall bewahrt. Ich fürchte jedoch, daß Sie nicht jeden Fluch, den Sie hier erfolgreich parierten, auch wortlos zu kontern vermögen. Aber dafür sind Sie ja hier in Beauxbatons, um es zu lernen, bis an die Grenzen Ihrer Fähigkeiten herangeführt zu werden, um diese Grenzen zu erweitern. Gerade in diesem Fach ist es doch wichtig, auf die größten Gefahren optimal vorbereitet zu sein", hielt die Professorin einen Vortrag, den Julius in gewisser Form schon von Professeur Faucon gehört hatte. Sie unterhielten sich in der angesetzten Pause über Hogwarts, wie Julius davon erfahren hatte, daß er Zauberer sei und wie er dort unterrichtet worden war. Sie plauderten über Julius' bisherige Erlebnisse in der Zaubererwelt, bis nach zehn Minuten ein leises Klingeln ertönte, daß von Professeur Tourrecandides Armbanduhr kam. Danach ging es über sechs weitere Runden im Übungsduell, die Julius wirklich bis an die Leistungsgrenze herantrieben. Er hätte beinahe Flüche und Gegenflüche gebracht, die er in der Blitzschulung gelernt hatte, zwang sich aber gerade soeben noch, nur das im Duelltraining und dem Unterricht gelernte anzubringen. Als dann nach einem letzten Angriff Tourrecandides Julius fast von den Beinen kippte, beendete sie die praktische Prüfung, stellte ihm aber danach noch einige Fragen über den Ferienunterricht bei Professeur Faucon, von dem sie natürlich gehört hatte und ließ sich die Sachen erklären, die Julius dabei erfahren hatte.

"Sie werden - das habe ich damals gegen den Widerstand des Zaubereiministeriums durchgesetzt - am Ende dieser Klassenstufe offiziell die Auswirkung der drei Unverzeihlichen sehen. Daß meine Kollegin Faucon sie Ihnen und den übrigen Mitgliedern Ihres Ferienkurses schon vorführte, ist wohl auf die Zunahme dunkelmagischer Aktivitäten zurückzuführen. Was Sie mir über Golems erzählt haben ist vollständig widergegeben, ebenso das über Zombies. Die Töchter des Abgrunds sind Ihnen wohl auch schon bekannt?"

"Die neun Succubi, von denen wohl nur Geheimnisträger wissen, wie sie eigentlich entstanden sind", erwiderte Julius und erklärte nun ausführlicher als im Theorieteil zuvor, was er über diese Wesen wußte. "Sie sind die Kinder einer mächtigen Dunkelmagierin, die viel Macht über die Elemente, Leben und Tod hatte. Es heißt, Sie habe das hinbekommen, was bei Insekten Parthenogenese heißt, das Hervorbringen von Nachkommen ohne Fortpflanzung. Diese Dunkelhexe, die sich selbstt als Göttin der Nacht bezeichnet hat, muß wohl vor vielen Jahrtausenden im Zweistromland gelebt haben und hat ihre neun Töchter durch mächtige Zauber und Menschenopfer empfangen und geboren, ohne mit einem Mann geschlechtlich verkehrt zu haben. Lahilliota, wie sie in einigen Schriften heißt, soll, so "Kreaturen der Düsternis" und "Geschöpfe der Verdammnis" ihre Töchter mit der Fähigkeit geboren haben, durch Gedankenkraft und körperliche Liebe andere Menschen auszehren und in ihren Bann schlagen zu können, um die Lebenskraft in sich selbst zu sammeln, wodurch sie größtenteils unsterblich wurden. Sie sind jedoch verflucht, eben nicht sterben zu können, wenn diese Lebenskraft versiegt, sondern müssen an einem besonderen Ort in tiefem Schlaf verharren, bis sie von einer selbst schlummernden Kraft geweckt werden. Ich habe es in den Sommerferien von einem älteren Zauberer so erklärt bekommen,daß Squibs, also magieuntaugliche Zaubererkinder oder Muggel mit unweckbarer Zauberkraft diese Auslöser sind. Aber diese Wesen wollen wir im ZAG-Jahr besprechen", beendete Julius seinen Vortrag.

"Sie sind gerade in einer Prüfung, die ZAG-Niveau erfüllen mag, Monsieur Andrews. Also fahren Sie um Ihrer möglichen Bonuspunkte wegen fort!"

"Nun, diese Urmutter hat bei ihrer größenwahnsinnigen Selbstvermehrung nicht bedacht, daß sie mit jedem Kind, natürlich einer Tochter, weil Jungfernzeugung keine männlichen Nachkommen hervorbringt, einen großen Anteil eigener Lebensenergie verliert, bis bei der neunten Tochter, der Tochter der schwarzen Tiefen, ihr Körper und Geist restlos verschwand, sobald diese ihren Leib verlassen hatte. Diese neun Schwestern wuchsen bei Sklavinnen der dunklen Magierin auf, bis sie der verfluchten Natur folgten, die ihnen angeboren war und sich von da an Beute unter gewöhnlichen Menschen suchten. Irgendwann, wohl im ausgehenden Mittelalter, gelang es noch vor der großen Verfolgung sogenannter Hexen, bis auf zwei alle Töchter des Abgrunds so zu schwächen, daß sie im magischen Tiefschlaf gefangen waren und konnten wohl Karten erstellt werden, wo welche von ihnen liegen. Mehr weiß ich jedoch nicht über diese Wesen.".

"Nun, das ist ja auch mehr als erschöpfend. Denn längst nicht alles, was über diese Kreaturen erforscht wurde, ist allgemein verfügbares Wissen. Ich selbst habe natürlich einiges an weiterführenden Informationen, zu denen auch die bekannten Schlaforte und die wahrhaftigen Namen dieser Wesen gehören. Kommen wir zu einem anderen Thema: Dem Patronus. Ich weiß, daß Sie einen vollgestaltlichen Patronus erschaffen können. Würden Sie mir das bitte vorführen?"

Nach zwei Anläufen, bei denen erst nur silberner Rauch oder ein silbrigweißer Blitz aus Julius' Zauberstab fuhr, schaffte er es, seinen Patronus zu rufen, Sir Megerythros, den Ritter von Antares, mit seinem Energieschwert, in dem laut den Geschichten, in denen er vorkam, das Licht seines Heimatsterns gebündelt war. Er hatte sich den Tanzabend mit Claire vorgestellt, sich konzentriert, dieses Glücksgefühl aufwallen zu lassen, was ihn damals ergriffen hatte, als er hörte, daß Claire und er wieder die goldenen Tanzschuhe gewonnen hatten. Als es endlich richtig stark in ihm war, war der Patronus in aller Vollkommenheit erschienen, hatte mit seiner Lichtklinge einmal herumgefuchtelt und war dann wieder erloschen, weil weder ein Dementor, noch ein Nachtschatten oder gar ein Letifold anwesend war, gegen den er hätte kämpfen sollen. Julius erzählte, weil er sich sicher war, daß die Prüferin das eh schon wußte, daß während der vier Tage als Belles Ebenbild ein anderer Patronus entstanden war, eine Kriegerin, zusammengefügt aus seiner Vorstellungskraft, sowie der durch ihn gebündelten Zauberkraft von ihm und Belle, die eindeutig weiblich ausgerichtet war. Professeur Tourrecandide nickte.

"Sie haben ohne Absicht meiner Kollegin Faucon etwas dabei erfahren, was eigentlich Zauberern und Hexen nach dem UTZ in jahrelanger Praxis erst offenbart wird: Die Fusion von Zauberkräften und Fokussierung vieler Zauberquellen. Könnten Sie sich vorstellen, daß es noch mächtigere Kreaturen aus reiner magischer Energie gibt als den Patronus?"

"Ich habe mal davon gelesen, daß sehr mächtige Zauberkundige sogenannte Astralenergieavatare erschaffen können, die wesentlich stärker als Patroni sind und auch solange bleiben, bis sie eindeutig fortgeschickt oder zurückgerufen werden", sagte Julius und mußte sich hüten, nicht mehr auszuplaudern. Immerhin hatte er Lady Medea ein solches Energiegeschöpf beschwören sehen können. Doch sein Ausflug in die gemalte Welt von Hogwarts war absolute Geheimsache. Sehr wahrscheinlich wußte selbst Professeur Tourrecandide nichts darüber.

"Sieh einer an, Sie engagieren Sich ja doch sehr stark, auch wenn ich auf einen selbstbeschränkenden Jungzauberer vorbereitet wurde, den ich zu seinen Höchstleistungen zwingen müßte", frohlockte Professeur Tourrecandide. "Ja, diese Avatare sind in der Tat Meisterwerke der mächtigsten Magier. Sie können auch durch die Vereinigung verschiedener Zauberquellen erschaffen und gelenkt werden. Da Sardonia in der dritten Klasse immer schon Pflichtstoff war, auch zu meiner ganzjährigen Lehrzeit hier, verrate ich Ihnen nichts übergeheimes, wenn ich Ihnen offenbare, daß Sardonia vom Bitterwald drei solche Avatare erschaffen und sich untertan halten konnte. Hierzu hat sie sich immer mit anderen ihrer Schwesternschaft zusammengetan. Auch ihre Schwester Nigrastra und deren Tochter Anthelia haben die Kunst der Avatar-Beschwörung erlernt. Sardonia bevorzugte das blutrote Feuerross, auf dem sie zeitweilig sogar reiten konnte, wenn sie einen Sattel aus reinem Gold auflegte, um nicht in der Kraft vernichtet zu werden. Nigrastra hatte sich mehrere Drachen aus Zauberfeuer erschaffen, während Anthelia den Mitternachtsvogel erschaffen hatte, der aus Unlicht zusammengesetzt ist, also einer Magie, die ähnlich wirkt, wie die Kraft eines Dementors oder die Konturen eines Nachtschattens. Aber für Sie ist der Patronus einstweilen die mächtigste künstliche Erscheinungsform, die Sie hervorbringen können. Die Tatsache, daß Sie jetzt schon einen vollgestaltlichen Patronus aufrufen können, unterstreicht nur, daß Sie mit sehr hohen Zauberkräften ausgestattet sind. Ich wüßte nur von einem anderen Jungen, der in Ihrem Alter dieses Werk vollbracht hat."

"Ja, den habe ich gesehen", sagte Julius rasch. "Ich habe gesehen, wie Harry Potter in meinem ersten Jahr in Hogwarts einen vollständigen Patronus gerufen hat, weil er glaubte, ins Quidditchstadion seien Dementoren eingerückt. Deshalb wollte ich den ja lernen, weil mir die Dementoren nicht geheuer waren."

"Wohl zu recht. Ihr werter Zaubereiminister Fudge hat sich damals ins gemachte Nest gesetzt, wo seine Vorgängerin Bagnold zusammen mit einem gewissen Bartemius Crouch durchgesetzt hat, daß Askaban zur Sammelstelle dieser Ungeheuer wurde. Ich fürchte, wenn der fehlgeleitete Zauberer, der sich den Kampfnamen Lord Voldemort zugelegt hat aus seiner Deckung auftaucht, werden die Dementoren sich ihm anschließen und wieder in der Welt marodieren."

Julius imponierte es, daß die Hexe weder mit Angst noch Haß den weithin gefürchteten Namen des mächtigsten Schwarzmagiers der Gegenwart aussprach. Sicher, sie mochte mächtig genug sein, ihn nicht zu fürchten. Doch normalerweise waren reinblütige Zauberer und Hexen immer von Gefühlen wie Furcht oder Verachtung erfüllt, wenn sie den Namen Voldemort nur in Gedanken aussprachen. Natürlich war Dumbledore einer derjenigen, die den dunklen Hexenmeister bedenkenlos mit Namen erwähnten und nicht "Du-weißt-schon-wer" sagten.

"Sie sagen, der Name sei ein Kampfname. Wissen Sie, wie der wirklich heißt?" Wagte Julius einen Vorstoß, den er sich bis dahin bei keinem anderen Lehrer getraut hatte.

"Albus Dumbledore hat ihn uns von der Liga gegenüber erwähnt, vor etwa zehn Jahren, als geforscht wurde, ob er vielleicht leibliche Erben hat, die in seine Fußstapfen treten wollten. Es erscheint mir jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht richtig, ihn Schülern wie Ihnen zu verraten, weil dieser offenkundig psychopathische Zauberer seinen wahren Namen nicht ohne Grund verborgen hält. Sicherlich haßt er seinen angeborenen Namen und würde jeden, der ihn herausfindet noch brutaler jagen als er es ohnehin schon tut, um sein Geheimnis zu wahren. Sie haben Eltern, die mit Geheimnissen leben müssen. Nicht immer ist Geheimhaltung förderlich, aber in den Fällen, wo sie angeraten ist, geht es dann auch gleich um Leben und Tod, und zwar bei denen, die dieses Geheimnis kennen und nicht bei denen, die es nicht kennen. Wenn dieser machtsüchtige Dunkelmagier es dann so will, soll man ihn ruhig Lord Voldemort rufen. Er hat es ja erreicht, daß selbst dieser Name ungern ja nur unter Aufbietung großen Mutes oder eben großer Unkenntnis über ihn auszusprechen ist. Nur so viel, um Ihre Neugier nicht ganz zurückzustoßen."

Da die Klassenkameraden von Julius in Einzelprüfungen antreten mußten, behielt Professeur Tourrecandide ihn einstweilen in dem Übungsraum. Sie plauderte mit ihm weiter über das, was er so erlebt hatte, welche eigenen Schlüsse er aus seinen Erlebnissen zog und wie seine Eltern mit seiner Zaubereibegabung umgingen.

"Tja, es ist bedauerlich, daß manche nichtmagischen Eltern nicht im Stande sind, die Tatsachen anzuerkennen. Sicher, wir sind daran nicht ganz unschuldig, weil wir ja die Geheimhaltung über alles andere gesetzt haben, womit wir wieder bei Sinn und Unsinn der Geheimhaltung an sich sind. Ich habe zu meiner ganzjährigen Lehrzeit hunderte von Muggelstämmigen unterrichtet, die ich gut in drei Gruppen einteilen konnte. Die erste Gruppe waren die Enthusiasten, die bloß nichts versäumen wollten, was sie in der Zaubererwelt lernen konnten. Die zweite Gruppe waren die Skeptiker, die erst einmal nicht wußten, wie ihnen geschah. Die dritte Gruppe setzt sich aus den Ignoranten zusammen, die mit aller Macht die eigene Zauberernatur leugnen, ja gewaltsam unterdrücken wollen, weil es nicht in das von Ihnen für richtig erachtete Weltbild paßt, Magie zu erlernen. Jede dieser Gruppen stellt harte Ansprüche an die Lehrer, welche damit umgehen müssen. Sie haben es ja an sich selbst und durch andere Kinder aus nichtmagischen Familien erlebt. Da Sie wohl zuerst zu den Skeptikern gezählt haben - dies schließe ich aus Ihrer Schilderung von Hogwarts - werden Sie sicher daher versucht gewesen sein, sich möglichst zu bedecken. Wie dem auch sei: Sie haben offenbar Ihren Weg gefunden. Was Ihre Eltern angeht, so habe ich es tatsächlich schon einmal erlebt, daß ein Ehepaar an der magischen Begabung des Kindes zerbrach, aber nach erfolgreicher Ausbildung wieder zusammenfand. Es besteht also noch Hoffnung für Ihre Eltern."

"Hmm, das weiß ich jetzt nicht so sicher. Wahrscheinlich hatten die Eltern der anderen Kinder nicht so wichtige Arbeitsplätze, daß sie Angst vor merkwürdigen Artikeln in der Zeitung haben mußten", widersprach Julius. Professeur Tourrecandide nickte schwerfällig. Offenbar war ihr Versuch mißlungen, ihn moralisch aufzurüsten.

Als das allgemeine Ende der Prüfungsstunden kam, brachte die altehrwürdige Hexe Julius zu seiner Klasse zurück. Ihm war es etwas peinlich, daß sie ihn bis zum Klassenraum begleitete, wo die übrigen Kameraden schon auf ihn warteten. Sie verabschiedete sich von ihm und Professeur Faucon, der sie ihre Notizen zusteckte und überließ ihn der Neugier seiner Mitschüler. Da diese Prüfung die Letzte in der Reihe war, hielten sie nicht an sich und fragten ihn aus, was er alles vorführen mußte. Professeur Faucon würgte Claires und Hercules' Spontanverhör jedoch frühzeitig ab.

"Monsieur Andrews hat natürlich auch die höherstufigen Zauber vorführen müssen, die Sie nur im Duellkurs hätten kennenlernen können. Fragen Sie ihm keine Löcher in den Bauch!"

"Du hast doch nicht auch mit den drei Unverzeihlichen rumprobiert", wunderte sich Hercules. Professeur Faucon, die das hörte, räusperte sich und sagte laut und für wirklich jeden gut zu verstehen:

"Mit der Natur jener drei Flüche, die ihrer Grausamkeit und schier unmöglichen Abwehr wegen als die Unverzeihlichen Flüche verzeichnet sind, werden wir uns in den letzten Wochen dieses Schuljahres kursorisch befassen, will sagen, ich führe Ihnen die verheerenden Auswirkungen dieser Flüche vor, damit Sie sehen können, was die wahrhaft heftigsten destruktiven Zauber sind. Soviel dazu. Nun gehen Sie zu Tisch, jedoch mit frisch gewaschenen Händen, wenn ich bitten darf!"

Natürlich ließen sich Hercules und Claire, ja auch Céline und Laurentine nicht wirklich davon abbringen, Julius weiter zu befragen. Nach dem Mittagessen trafen sie sich im grünen Saal und besprachen, was sie hatten tun müssen. Jene, die im Duellkurs waren, waren wirklich heftiger geprüft worden, auch Claires Sommerkurs war ihr als Grund für stärkere Prüfungen vorgehalten worden. Sie hatte zum Beispiel den Decompositus-Fluch erkennen und beheben müssen, jenen tückischen Fluch, der auf Gegenstände oder Gebäude gelegt werden konte, um bei Berührung durch Lebewesen diese schlagartig zu Staub zu verwandeln, wenn man nicht vorher erkannte, daß dieser Fluch aufgerufen worden war.

"Die hat mich auch nach den Auswirkungen dieses Intercorpores-Fluches befragt und was ich über Infanticorpore noch wußte", erläuterte Claire. Laurentine, die zuhörte, meinte nur:

"Die hat mich ganz schön getrietzt. Ich mußte mehrere dutzend Körperschädigungsflüche parieren. Einmal habe ich alle Haare verloren. Doch sie hatte eine Lösung bereit gehabt, die meine Haare wieder hat wachsen lassen. Die fühlen sich sogar jetzt seidiger an als vorher. Irgendwie werde ich wohl durch diese wirklich verfluchte Prüfung durchgekommen sein."

"Aber daß dich die Tourrecandide geprüft hat ist schon hammerhart", wandte Hercules ein. "Was hätte die jetzt gemacht, wenn du gesagt hättest, daß du bestimmte Sachen nicht machen willst, Julius?"

"Tja, ich denke mal, ich hätte dann keinen Punkt im Praktischen gekriegt und die Prüfung damit wohl versiebt. Dann könntest du mir diese Frage nicht mehr stellen, weil ich dann schon von hier abfliegen würde", entgegnete Julius. "Mal abgesehen davon sollte ich mich mehr wehren als angreifen. Die hat meine Gegenangriffe sofort umgepolt. Irgendwann war dann aber doch Schluß. Natürlich hat die mich zu dieser Sache mit dem Intercorpores-Fluch befragt. Immerhin passiert das wohl nicht jedem in der dritten Klasse, von diesem fiesen Zauber erwischt zu werden."

"Ihr habt die Unverzeihlichen schon gesehen, Claire und du. Wie macht sie das, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen?" Wollte Hercules wissen. Claire hielt Julius den Mund zu, der sofort antworten wollte.

"Ich denke, wir lernen es dadurch noch besser, wenn wir vorher nicht hören, wie sie das macht. Kapiert, Julius?" Sie nahm ihre Hand wieder fort. Julius sah sie leicht verbittert an, nickte dann aber vorsichtig.

"Auf jeden Fall sind wir mit den Prüfungen jetzt durch, für dieses Jahr", stellte Céline fest und blickte sich im Saal um. Die Fünft- und Siebtklässler waren jetzt alle bei der praktischen Einheit ihrer Hauptprüfungen. Julius fragte sich, wie Jeanne, Francine und Martine bestehen würden? Immerhin waren sie durch die Pflegehelfertruppe gut mit ihm bekannt, Jeanne natürlich auch durch die Ferien und die Quidditchspiele.

"Was hatten die anderen heute eigentlich noch?" Fragte Julius Claire.

"Sandrines Klasse hatte heute Geschichte. Belisamas Klasse dürfte heute mit Zauberkunst drangewesen sein, und Millies Klasse wird heute noch Astronomie haben", wußte Claire. "Tja, und Jacques muß heute nachmittag Verwandlung machen, hat Barbara Jeanne erzählt. Hoffen wir mal, daß wir Professeur Faucon nicht allzu heftig verärgert haben."

"Na klar, damit der und die anderen Blauen sich drauf rausreden, wir hätten Königin Blanche so böse gemacht, daß sie bei ihr durchgerasselt sind", tönte Hercules.

Julius Pflegehelferschlüssel vibrierte. Was wollte Schwester Florence? Er legte den linken Zeigefinger auf den weißen Schmuckstein und stellte die Verbindung her. Schwester Florences räumliches Abbild erschien sogleich. Aus dem Armband erklang ihre Stimme:

"Da Sandrine und du heute morgen schon mit euren Prüfungen durchgekommen seid, werde ich die Einzelabfragen für den Jahresabschlußbericht jetzt gleich durchführen. Komm also bitte in fünf Minuten zu mir!"

"Öhm, Einzelbefragung? Werden wir denn auch bei den Pflegehelfern geprüft?" Entfuhr es Julius höchst verunsichert.

"Was meinst du denn, wozu ich mit euch die Auffrischungskursstunden abhalte, wenn ich am Jahresende nicht überprüfen würde, wo welche Stärken und Schwächen liegen", versetzte die Heilerin. "Im Moment habe ich außer Constance keine wirklich wichtige Aufgabe zu erledigen. Also kann ich die, die schon mit allen Prüfungen durch sind, befragen. Komm also in fünf Minuten zu mir, tu, was ich dir sage und freu dich, wenn du es dann hinter dir hast!"

"In Ordnung", antwortete Julius und verabschiedete sich.

"Tja, das kommt davon, wenn man in den Ferien zu viel wissen wollte", feixte Claire. "Jeanne mußte das jedes Jahr mitmachen, als sie in diese Hilfsheilertruppe eingetreten ist. Recht hat die gute Madame Rossignol ja. Den ganzen Umstand mit euch macht sie sich ja nicht, damit ihr das alles wieder vergesst. Die will wissen, was hängen geblieben ist. Hat sie euch das nicht gleich am Jahresanfang erzählt?"

"Haha, Claire! Die ging wohl davon aus, daß die älteren uns das schon beibiegen", knurrte Julius. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, den Nachmittag noch eine Prüfung durchzustehen. Doch wenn es eine Regel der Pflegehelfertruppe war. Er ging kurz in den Waschraum für Jungen, wusch sich noch mal Gesicht und Hände und wandschlüpfte dann ins Büro von Madame Rossignol. Sandrine Dumas war schon da.

"Die Prüfung wird nicht schriftlich ablaufen", kündigte die Heilerin an. "Ich frage euch was und lasse euch was vorführen. Spontaneität ist im Pflegeberuf und auch und vor allem bei Pflegehelfern überaus wichtig. Deshalb hat jeder von euch für die Beantwortung einer Frage nur zwei Sekunden Bedenkzeit. Kommt dann keine korrekte Antwort, sind es fünf Minuspunkte. Für jede korrekte Antwort gibt es im Gegenzug fünf Pluspunkte. Am Ende wird die Gesamtsumme durch die Anzahl der Fragen geteilt und daraus die Bonuspunkte für die Prüfung errechnet, da ich ja keine regulären Noten verteilen darf. Also versucht, euch nicht unter null abfallen zu lassen! Sandrine, warte bei Constance im Einzelbettzimmer! Aber sei bitte leise, weil Mutter und Kind gerade schlafen!" sagte Schwester Florence. Sandrine nickte und zog sich in das kleine Einzelzimmer zurück, wo Constance mit ihrer wenige Wochen alten Tochter Cythera die Nachmittage verbrachte. Julius setzte sich derweil auf einen Besucherstuhl und wartete, was ihm nun noch abverlangt wurde.

Es mochten mindestens dreißig Fragen sein, die er beantworten mußte, von Ruhigstellungszaubern bei Verletzungen, Behandlungen von Fieber und Verbrennungen, wo das Geschlecht des Patienten bestimmte Unterschiede in der Behandlung erzwang und wie die wichtigsten Organe in der Fachsprache hießen. Dann kamen noch Sachen aus der Geburtshilfe, die Julius fast nicht in den zugestandenen zwei Sekunden ins Bewußtsein rufen konnte, doch aber noch gut rüberbrachte, wie man zum Beispiel eine Verwicklung der Nabelschnur erkennen und beheben konnte, was Eröffnungs- und was Presswehen genau bedeuteten und wielange ein Neugeborenes die Luft anhalten konnte, wenn es unter Wasser getaucht wurde, wann die Muttermilch ausgebildet wurde und wieviel pro Tag und Lebensalter ein Säugling trinken mußte. Als er alles überstanden hatte nahm er aufatmend zur Kenntnis, daß er 50 Bonuspunkte gewonnen hatte. Bei zwei Fragen mochte er wohl gerade nicht die richtigen Antworten gewußt haben. Doch mit dem Ergebnis konnte er zufrieden sein. Als er in das Einzelbettzimmer ging, wo Sandrine wartete, nickte ihm Connie Dornier zu. Das kleine Mädchen lag in der Wiege links neben dem Bett und schlief. Sandrine ging ohne Aufforderung zu Madame Rossignol und schloss die Tür von außen.

"Na, ich hörte, die Tourrecandide hätte dich in Defensivzauberei geprüft. War sie gnädig zu dir?" Fragte Constance flüsternd.

"Unsere Saalvorsteherin hat ihr erzählt, was ich ihrer Meinung nach abzukönnen hätte. Hoffentlich muß ich das nicht jedes Jahr machen. Aber hast du noch Prüfungen mitgemacht?"

"Nur die Theorieprüfungen. Schwester Florence hat mit den Lehrern abgeklärt, daß ich die Wochen, wo mein Unterleib sich von diesem Höllentanz erholen muß, nur theoretischen Kram machen soll. War insofern langweilig, weil ich den Stoff aus der vierten Klasse ja schon letztes Jahr geschafft habe", sagte Constance. Julius besah sich das Baby, ohne es anzufassen.

"Sieht richtig friedlich aus, wenn sie schläft."

"Ja, die wird wohl noch eine Stunde schlafen, bevor sie erst die vollen Windeln loswerden will und mich dann weiter aussaugt. Wußte nicht, daß Stillen so'n Durst macht."

"Das hat die mich gerade abgefragt, wieviel so'n kleiner Wurm so wegtrinkt", grummelte Julius. Dann unterhielt er sich mit Constance über seine Prüfungen und daß Céline sie wohl nachher besuchen wollte.

"Papa hat mir eine Eule geschickt. Er meint, da ich ja nun die Kleine aus mir rausgequetscht habe, könnte ich in den Ferien wohl mit einer Tante von mir Erfahrungen austauschen, die gerade auch was kleines gekriegt hat. Ist schon heftig."

"Hat er was gesagt, wann du wieder Quidditsch spielen könntest?" Fragte Julius.

"Julius, die Sache mit Quidditch ist gelaufen. Weißt du es noch nicht? Maxime, Faucon und Trifolio haben einen uralten Erlass aus der Mottenkiste gezogen, der verfügt, daß alle Schülerinnen und Schüler mit familiären Pflichten jeder körperlichen Freizeitbeschäftigung fernzubleiben hätten. Außerdem, so geht das weiter, kriegte ich wohl im nächsten Schuljahr ein Einzelzimmer, sofern meine Eltern die Extragebühr dafür bezahlen, wenn die mir die Kleine nicht wegnehmen, sobald sie nicht mehr an mir rumnuckeln muß. Aber Maman hat bei ihrem Besuch schon gesagt, daß ich mir das eingebrockt hätte und nun sehen solle, wie ich damit zurechtkomme. Dann werde ich wohl im weißen Saal ein eigenes kleines Zimmer kriegen, damit Cythera nicht immer alle aufweckt, wenn sie was hat."

"Ja, und die Schule?" Fragte Julius, der sich keine so großen Gedanken um Constances weiteres Leben gemacht hatte.

"Die geht weiter, Julius. Wenn ich durch die ZAGs komme, könnte ich nach dem sechsten Jahr aufhören, wenn mir das zu viel würde. Aber mal sehen."

"Ja, aber du darfst ja im Grunde keine gefährlichen Sachen im Unterricht machen, nichts in Zaubertränken, keine Selbstverwandlungen und kein Duelltraining", wußte Julius einzuwerfen.

"Denk schon, daß die mir da schon was zurechtbasteln, um mich bei Laune zu halten", grummelte Constance.

Nachdem Sandrine auch ihre Pflegehelferprüfung geschafft hatte, gingen die beiden auf dem allgemeinen Weg zum Hauptportal, hinein in den Park, wo sie Klassenkameraden trafen, die sich freuten, daß die Prüfungen nun gelaufen seien. Julius fragte Sandrine, wer nach Francine in die Truppe eintreten mochte. Sie erwiderte:

"Sicher, wir gelben haben die besser geeigneten Leute dafür. Aber nicht immer findet sich sofort Ersatz. Ich hörte was, daß Patrice Duisenberg von den Blauen schon vorgefühlt hat, ob Pflegehelfer was für sie ist. Wäre mal wieder interessant, aus allen Häusern wen dabei zu haben."

"Hups, mit der habe ich doch vor kurzem noch geredet", wußte Julius. "Die hat mir nicht erzählt, - aber das sind ja im Moment wohl auch ungelegte Eier."

"Wenn du das so ausdrücken willst", sagte Sandrine belustigt.

Im Laufe des Nachmittags trafen sich alle Pärchen und Grüppchen wieder im Park oder am Strand, wo Brunhilde Heidenreich die Aufsicht führte. Am Abend kam es zu einer kleinen Spontanfeier in jedem Saal, weil nun auch die ZAG-ler und UTZ-ler alles überstanden hatten. Sie wußten jedoch, daß die letzten Schulwochen noch anstanden, und sie wußten auch, daß die Leute, welche heute die wichtigen Zwischenprüfungen beendet hatten, besonders vor Strafpunkten auf der Hut sein mußten, um sie für den Rest des Schuljahrs bei der Stange zu halten. Julius dachte öfter an das, was wohl gerade in Hogwarts vorging. Dort fingen die Prüfungen traditionsmäßig am ersten Montag im Juni an. Also konnten sie noch eine volle Woche dort laufen. Gloria und er hatten sich seit der Sache mit der Galerie des Grauens nicht mehr gesprochen. Womöglich achtete die Umbridge noch strenger darauf, daß nichts unzulässiges passierte. Doch für Julius war das im Moment etwas, daß wirklich weit weg passierte. Hier war hier und hier hatte er zumindest die geforderten Punktzahlen geholt. Was anderswo abging, wollte er sich besser nicht vorstellen, nachdem Aurora Dawns Gemälde ihn auf die Sache mit den Willenswicklern angesetzt hatte, was ihm fast das Leben gekostet oder eine unendliche lange Gefangenschaft bei einem humpelnden Schmied und seinen goldenen Glitzer-Mädchen eingebracht hätte. Sollten sich erst einmal andere um die Rettung der Welt sorgen!

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