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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Der zweite Morgen im neuen Schuljahr und der neuen Schule begann für Julius um halb sechs. Seine Klassenkameraden und Schlafsaalmitbewohner schliefen noch. Er hörte zwar keinen einzigen Laut von den anderen Betten, aber er wußte, daß sie wohl alle noch friedlich schlummerten. Vorsichtig zog er den grasgrünen Samtvorhang um sein Himmelbett zur Seite und schlüpfte leise aus dem Bett. Barfuß, Schuhe, Strümpfe, den Schwermacherkristall und den Freizeitumhang unter einem Arm, schlich er aus dem mit sechs Betten belegten Schlafsaal hinaus und zog die Tür hinter sich zu. In dem Waschraum für Erst- bis Drittklässler wusch er sich Gesicht und Hände, prüfte, ob sein Duschzeug bereitstand und zog den Freizeitumhang an. Zehn Minuten später trat er angezogen und gekämmt im grünen Saal an, wo Barbara Lumière alleine an einem Tisch saß und noch etwas in einem Buch las, daß sich wohl mit Zauberkunst befaßte. Sie sah Julius und begrüßte ihn lächelnd.

"Ich dachte, heute würdest du erst geweckt werden müssen, Julius", sagte die Siebtklässlerin mit der kurzen braunen Bürstenfrisur. Er grinste sie an und antwortete:

"Diese Betten sind wesentlich besser als die in Hogwarts. Da konnte ich sehr gut drin schlafen. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich was geträumt habe."

"Sicher wirst du was geträumt haben. Jedes Tier- oder Menschenwesen träumt nachts. Aber gut, wenn du keine Alpträume hast, nachdem, was gestern passiert ist."

"Moment, Barbara. Was soll denn gestern passiert sein?" Fragte Julius.

"Och, die Sache bei Professeur Faucon. Aber zumindest hast du dich mit Célines Freundin ja wieder vertragen."

"Moment, die hat dir das erzählt? Mist!" Entfuhr es dem neuen Beauxbatons-Drittklässler.

"Jungchen, ich bin Saalsprecherin und habe meinen Mädels eingeschärft, mir bedrückende Sachen zu erzählen, wenn es darauf hinauslaufen könnte, daß es das Klima im Saal vergiften könnte. Hättest du dich nicht mit Laurentine verständigt, hätte ich dir das schon beigebracht."

"Du nicht, Barbara. Dafür haben wir Jungs unseren eigenen Saalsprecher", versetzte Julius leicht ungehalten, daß Céline es Barbara erzählt hatte, daß er auf einen strickten Befehl Professeur Faucons hin seine muggelstämmige Mitschülerin Laurentine Hellersdorf hatte einschrumpfen lassen, nur um dieser zu zeigen, wie schnell jemand seine magische Beherrschung verlieren konnte.

"Stimmt, ich hätte Edmond darauf hingewiesen. Du wirst Céline bestimmt nicht vorhalten, daß sie mir sowas erzählt. Erstens sahen vorgestern alle, daß wir uns kennen und zweitens bin ich mit Edmond zusammen für ein friedliches Miteinander im grünen Saal verantwortlich."

"Bevor du mir Strafpunkte auferlegst stimme ich dir lieber zu", erwiderte Julius trotzig. Barbara lächelte nur bösartig.

"Was hast du heute?" Fragte die Saalsprecherin der Grünen.

"Alte Runen, magische Geschöpfe, Kräuterkunde, Zaubertränke. Dann ist Freizeit, weil deine Klassenkameradin mich ja auf der Quidditchliste hat."

"Oh, dann könnte es passieren, daß Professeur Dedalus dich heute noch fliegen sehen will, wenn die Leute aus der ersten Klasse bei ihm ihren Einstiegsunterricht hatten. Du hast dann wohl bei Professeur Milet alte Runen, weil die Muggelkundler aus deiner Klasse gleichzeitig bei Professeur Paximus haben."

"Und wie ist der so?" Fragte Julius.

"Er ist eine Sie und soll sehr kompetent sein. Wie sie menschlich ist, weiß ich nicht. Ich sehe sie nur manchmal im Lehrerzimmer, wenn wir Saalsprecherinnen und -sprecher unsere Wochensitzung mit den Lehrern haben. Sieht sehr attraktiv aus, groß, schulterlange schwarze Haare, tiefblaue Augen, trägt gerne die feinsten Umhänge von Madame Esmeralda und Armbänder und Halsketten. Sie spricht übrigens neben Französisch auch Englisch, Latein, altkeltische Dialekte und arabisch."

"Dann hätte meine Mutter ja wen, der für sie übersetzen könnte, wenn Professeur Faucon mal nicht in der Nähe ist."

"Ja, das stimmt. Wieso redeten deine Mutter und Professeur Faucon an deinem Geburtstag nicht englisch miteinander?"

"Ich denke, weil Professeur Faucon vor meinen Eltern und ihrem Schwiegersohn nicht durchblicken lassen will, daß sie sie verstehen kann."

"Klar, verstehe", gab Barbara grinsend zur Antwort.

Als um sechs Uhr niemand außer den beiden im Saal war, sagte Barbara:

"Du hast den Schwermacher mit, sehe ich. Dann machen wir beiden heute nach dem Aufwärmlauf einige Übungen. Disziplin ist alles, vor allem hier."

Rauschend verschwand die massiv wirkende Wand zwischen dem Gemeinschaftsbereich und dem Korridor in die allgemeinen Bereiche des Palastes von Beauxbatons, als Barbara ihre Hand auflegte und das Passwort sagte. Julius folgte ihr hinunter zum Übungsplatz um das Quidditchstadion, wo außer den Montferre-Schwestern noch Martine Latierre und Bruno Chevallier bereits herumliefen. Locker trabten die beiden aus dem grünen Saal um das Stadion herum. Barbara hielt Julius auf einem ordentlichen Tempo, ließ es aber nicht darauf ankommen, daß er hinter den Montferres herrannte. Bruno, der sie zweimal überrundete, rief einmal:

"Gestern ist dein Schützling aber noch schneller gelaufen, Babsie!"

"Befehl von Schwester Florence und Professeur Faucon, Bruno: Ich darf mit ihm üben, aber ihn dabei nicht verausgaben", erwiderte Barbara.

Nach fünf Minuten Dauerlauf suchten sich Barbara und Julius bei den Klimmstangen und Sprunghürden einen Platz, um mit dem Schwermacher zu üben. Wie der ehemalige Hogwarts-Schüler feststellte waren auch die Montferres damit beschäftigt, mit umgehängten Schwermacherkristallen Gymnastikübungen durchzuführen. Sechzehn Minuten lang, durch den Zauber des Schwermachers immer anstrengender werdend, übten Barbara und Julius. Dann befand die Saalsprecherin, daß Schluß war. Sie kehrten zum Palast zurück, wo er eine Dusche nahm und seinen Schulumhang anzog.

"Machst du das freiwillig, was du da machst, oder hat Barbara Lumière dir das befohlen?" Fragte Gaston Perignon, als Julius mit den fünf Mitschülern aus dem Schlafsaal hinunter zum Gemeinschaftsraum ging, wo Claire und Céline auf sie warteten. Julius sah etwas ungehalten zu Céline herüber, bevor er Claires aufmunterndes Lächeln erwiderte und sie flüchtig umarmte.

"Hat Barbara dich wieder zum Turnen ausgeführt?" Fragte Claire belustigt. Julius nickte nur.

"Was hat Céline dir getan, daß du sie gerade so komisch angeguckt hast?" Fragte Claire. Sie sah kurz zu der dünnen Klassenkameradin mit dem schwarzen Haarschopf und den grünen Augen hinüber, die Robert Deloire in einer lockeren Umarmung hielt.

"Nix welterschütterndes, Claire. Ich wußte nur nicht, daß das die Saalsprecher was angeht, was gestern bei Professeur Faucon abgelaufen ist."

"Ach, das wußtest du nicht, daß die Saalsprecher sich erkundigen dürfen, wenn was merkwürdiges passiert ist? O, dann solltest du die Schulregeln noch mal genauer lesen", erwiderte Claire mit gehässigem Ton und dem nicht nachstehenden Grinsen. Doch schnell legte sie ein gutmütiges Lächeln auf und fügte hinzu: "Das was du gestern gemacht hast, passiert nicht häufig hier, und weil Bébé immer noch auf stur macht und du neu bist, war das natürlich wichtig für die Saalsprecher. Wenn Barbara das gestern nicht mitbekommen hätte, hätte ihr Professeur Faucon das sicher am Ende der Woche erzählt."

"Passiert ist passiert, Claire. Ich wollte und will nur nicht, daß jeder sich darüber das Maul zerreißt", grummelte Julius und warf Céline noch mal einen flüchtigen Blick zu.

"Leute, es ist gleich sieben Uhr! Aufstellen zum gemeinsamen Abmarsch! Barbara und ich gehen vor, Virginie und Yves sichern den Abschluß!" Tönte Edmond Danton im Stil eines Truppführers. In geordneter Folge verließen die Bewohner des grünen Saales ihren Wohnbereich und begaben sich in den Speisesaal hinunter, wo sie sich um ihren Tisch gruppierten. Julius setzte sich zwischen Hercules Moulin und Robert Deloire. Sie unterhielten sich in der vorgeschriebenen Lautstärke über die nächsten Stunden, aßen Brot mit verschiedenen Marmeladen und Honigsorten und tranken Kaffee, Tee oder Kakao.

Als ein großer Schwarm von Eulen aller Größen und Arten durch die hohen Fenster und die gläserne Eingangstür hereinflog, dachte Julius nicht, daß er heute Post bekommen würde. Catherine hatte ihm gestern schon geschrieben, und aus Hogwarts erwartete er noch keine Post, da das Schuljahr dort noch nicht angefangen hatte. Als eine mit meergrünem Ring geschmückte Waldohreule aus dem Schwarm ausscherte und vor Julius Teller niederging, wunderte er sich schon. Er erkannte die Eule sofort. Es war die Posteule, die er vor einer Woche nach Irland zu Kevin Malone geschickt hatte. Er hatte zwar nicht "Antwort erbeten" auf den Umschlag geschrieben, dennoch mußte Kevin sie von sich aus zu ihm zurückgeschickt haben. Er nahm einen blauen Pergamentumschlag und entnahm diesem einen gleichfarbigen Zettel. Die Eule hockte derweil vor dem Teller und sah ihn mit bernsteinfarbenen Augen erwartungsvoll an. Er las:

Hallo, Julius!

Mensch, mußte das denn wirklich sein, daß du dich von dieser Professor Dingsbums in ihre Steißtrommelanstalt reinschleppen läßt? Ich ging davon aus, du kämst wieder nach Hogwarts. Das ist doch blöd, daß du denen hinterherläufst. War doch überhaupt nicht nötig. Dumbledore paßt doch auf die Muggelgeborenen auf. Daß du 'n Feigling bist, kaufe ich dir auch nicht ab.

Na ja, aber wenn du meinst, die könnten dich zu so'nem Hab-Acht-Männchen dressieren, wie das ihre Leute alle sind, dann wünsche ich dir 'ne tolle Zeit da. Beschwer dich aber bloß nicht bei mir, daß du keinen Spaß mehr hast! Klar?

Man schreibt sich!

          Kevin Malone

Julius grummelte etwas auf Englisch, was Hercules befremdlich ddreinschauen ließ. Er sah den neuen Klassenkameraden an und meinte nur:

"Da hat mir wer 'ne offizielle Posteule zurückgeschickt, ohne daß ich die für eine Antwort bezahlt habe."

"Achso, und du hast jetzt kein Geld hier unten. Wieviel brauchst du denn?"

Julius wies das Angebot zurück, doch die Jungen holten soviel Kleingeld aus ihren Umhangtaschen, daß der kleine Lederbeutel, den sie mithatte, prall gefüllt wurde. Irgendwann nickte das Tier wie ein Mensch, spannte die Flügel aus und flog davon.

"Ihr kriegt das nachher wieder", sagte der neue Beauxbatons-Schüler zu den Jungen.

Um Viertel vor Acht entließ Madame Maxime die Schüler in den Unterricht.

Zusammen mit Jasmine Jolis, Claires Freundin Sandrine, deren Saalbewohner Armin Wiesner und den drei Schülern aus dem violetten Saal, Charlotte Colbert, Arno Roland und Xavier Holzmann, fand sich Julius kurz vor acht vor dem Klassenraum mit der Aufschrift "Kunde der alten Runen" ein. Er begrüßte Sandrine, die er aus Millemerveilles noch kannte und begrüßte Charlotte Colbert, die eine jüngere Schwester von Adrian, einem Mitglied aus der trimagischen Abordnung von Beauxbatons war.

Sie hörten sie eher als sie sie sehen konnten. Ein leises hohes Klimpern und klirren klang rhytmisch mit dem Klappern schmaler Absätze zusammen. Als sie, Professeur Milet, dann in einem fließenden chartreusefarbenen Umhang aus feinster Seide um die Abbiegung vom Hauptgang zum Klassenzimmer kam, staunten die Mädchen über das seidenweich frisierte, fließende schwarze Haar, daß der Lehrerin den halben Rücken hinunterreichte. Ihre tiefblauen Augen musterten jeden Schüler und jede Schülerin. Julius war schon gut genug eingespielt, daß er mit seinen Mitschülern eine geräumige Gasse für die Lehrerin freimachte, sodaß sie die Tür aufschließen und die Schüler an sich vorbei einlassen konnte. Hinter dem letzten, dem hageren Arno Roland, schloß sie die Tür wieder und ging zum Lehrerpult, wo die in Beauxbatons vorgeschriebene große Sanduhr bereitstand. Sie drehte das Stundenglas mit der leeren Hälfte nach unten und stellte es sichtbar zwischen sich und die Schüler. Dann begrüßte sie die Anwesenden mit einer warmen Altstimme und hörte sich an, wie die Schüler sie im Chor zurückgrüßten.

"Anwesenheit! Andrews, Julius?"

"Jawohl, Professeur!" Bestätigte der Träger des aufgerufenen Namens, wieder verfluchend, daß er keinen Nachnamen mit einm P oder T am Anfang haben konnte.

Nach der Feststellung, daß alle auch wirklich da waren, die auf der Liste standen, setzten sich die Schüler hin und sahen die Lehrerin an.

"Guten Morgen noch mal! Mein Name ist Professeur Sophie Rosette Milet, und ich werde Sie alle in der Kunde der alten Runen unterrichten", sagte die Lehrerin und zog einen sechs Zoll langen Birkenholz-Zauberstab aus ihrem Seidenumhang. Mit einem Wink ließ sie weiße Striche auf der schwarzen Tafel tanzen, die sich zu großen Buchstaben und einzelnen fremden Symbolen formten. In der allen bekannten Schrift stand zu lesen: "Ursprung und Bedeutung der alten Runen"

Julius hörte sich an, wie Professeur Milet darlegte, daß die alten Runen eine urtümliche Schriftsprache sowohl magischer als nichtmagischer menschen waren, im Verlauf der drei Jahrtausende jedoch mehr und mehr zum Verständigungswerkzeug der Zauberer geworden sei, da Runen, die als sogenannte Logogramme ganze Wörter abbilden konnten, als Zauberkraftverstärker zur Anwendung kamen.

"Sollte sich mal jemand mit der Thaumaturgie, also dem magischen Handwerk befassen wollen, oder jemand von Ihnen im ministeriellen Archiv für Zaubereigeschichte arbeiten, sind die alten Runen das wichtigste theoretische Rüstzeug dafür, zumal Sie durch die alten Runen, die in der gebildeten Zaubererwelt weithin bekannt sind, Briefe mit orientalischen oder chinesischen Zauberern und Hexen austauschen können", sagte die Lehrerin noch und fragte, wer lesen konnte, was unter der Überschrift auf der Tafel stand. Julius und Xavier zeigten auf.

"Ja, bitte, Monsieur Holzmann!" Forderte Professeur Milet den Jungen aus dem violetten Saal auf, zu antworten.

"Wer Wissen sucht auf tiefem Grund, zeige kein oberflächliches Gemüt!" Erwiderte Xavier. Die Lehrerin wiegte den Kopf bedächtig. Dann meinte sie:

"Der Text stimmt nicht ganz, Monsieur Holzmann. Aber ich gebe Ihnen fünf Bonuspunkte für den erfolgversprechenden Ansatz. Monsieur Andrews, was haben Sie gelesen?"

"Hmm, Wissen auf tiefem Grund findet nur, wer unter die Oberfläche zu tauchen wagt, Professeur Milet", erwiderte der Befragte schüchtern, weil ihn alle erwartungsvoll ansahen.

"Das stimmt, Monsieur Andrews. Zehn Bonuspunkte für Sie. Falls Sie mehr haben möchten, erläutern Sie, wie Sie diesen Satz entziffert haben!"

"Da gibt es die Rune für Wissen oder Weisheit, die für Tiefe, die umgedreht geschrieben aber Undurchdringlichkeit bedeutet, Daß das "Grund" heißen soll, ergibt sich aus der Hinweisungsrune und dem Schriftzug für unterster Punkt und dann noch die Wörter für Mut, Absteigen, und Oberfläche oder Haut, aber wohl Oberfläche, weil eine Verknüpfungsrune mit dem Satzteil davor dahintersteht und das war es dann auch. Der Satz steht zerlegt und im Stück in einem Buch von Claudius Rebus."

"Das neben meinem und des Kollegen Paximus' Werk ein gern gesehenes Schulbuch hier in Beauxbatons ist, Monsieur Andrews", sagte die Lehrerin und strahlte ihn an.

Zusammen mit Jasmine machte Julius die ersten Übersetzungsübungen und schrieb sich das Lautbild-Alphabeth auf. Zum Schluß der Doppelstunde mußte jeder und jede seinen oder ihren Namen in der Runenschrift der Babylonier niederschreiben. Dann war die Doppelstunde auch schon vorbei.

"Bis morgen lesen Sie bitte über den Unterschied zwischen der Runenschrift aus Babylon und der der alten Ägypter! Jeder von Ihnen erhält zehn Bonuspunkte für die schnelle und korrekte Arbeit in der ersten Stunde. Einen schönen Tag noch!"

"Das ging aber schon ziemlich gut los", meinte Julius zu Jasmine. "Ich dachte, die würde uns erst das Lautbild-Alphabeth einzeln erklären."

"Das kommt noch, Julius. Wenn ich meinen Bruder Sebastian richtig verstanden habe, macht Professeur Milet immer erst einfache Übersetzungsübungen. Du wirst jeden einzelnen Buchstaben und jede Wortrune gesondert kennenlernen."

"Was habt ihr jetzt, Jasmine?" Fragte Sandrine.

"Ich habe jetzt Wahrsagen, wie du auch, Sandrine", sagte Jasmine. Julius, den Sandrine danach anblickte, sagte:

"Ich habe gleich praktische Magizoologie, Pflege magischer Geschöpfe."

"O toll, daß hatten wir gestern mit einigen von den Blauen. War so weit ganz schön", sagte Sandrine. Dann wünschte sie Jasmine und Julius noch einen schönen Vormittag und ging mit ihren Saalmitbewohnern und Jasmine davon.

In einem Toilettenraum für Jungen im ersten Stock wechselte Julius seinen Innen- gegen einen Außenarbeitsumhang und legte seine Drachenhauthandschuhe zurecht. Die Bücher zum Thema ließ er erst einmal in der Schultasche.

Draußen auf dem Pausenhof traf er sich mit Claire, Céline, Gérard, Hercules, Gaston und André. Irene, Laurentine und Robert hatten dieses Fach offenbar nicht gewählt.

"Na, wie waren die alten Runen?" Fragte Céline Julius.

"Ich denke mal, wir hatten heute die einfachste Stunde in diesem Fach", erwiderte dieser.

"Wir hatten heute Studium der nichtmagischen Welt bei Paximus. Hui, Bébé hat die ganze Stunde geschmissen. Professeur Paximus hat ihr dreißig Bonuspunkte gegeben und zehn Strafpunkte, weil sie seinen Stil kritisiert hat. Wenn das so weitergeht, wird es noch heftig", sagte Céline.

"Was habt ihr denn da gemacht?" Fragte Julius neugierig. Claires Schlafsaalmitbewohnerin sah ihn verschmitzt grinsend an und meinte:

"Hättest es ja auch nehmen können. Aber ich verstehe dich jetzt zumindest besser als vorher. Was ist elektrischer Strom, und wo kommt er her."

"Aus der Steckdose, ist doch klar", erwiderte Julius schlagfertig.

"Hat Professeur Paximus auch erst behauptet, aber dann was von Kraftwerken erzählt, wo der gemacht wird", erwiderte Céline. "Wir sollen zur nächsten Stunde aufschreiben, wozu elektrischer Strom gut ist."

"Verstehe, Céline", erwiderte Julius, der sich wieder daran erinnerte, daß er den Hollingsworths bei Muggelkunde hatte helfen wollen. Ob das jetzt noch so einfach war, mußte sich noch zeigen.

"Und du hattest in der ersten Stunde frei, Claire?" Fragte der neue Beauxbatons-Schüler. Seine Feriengastschwester nickte.

"Wir hatten ja gestern bei Paximus Muggelkunde, wo du mit Bébé Arithmantik hattest."

"Wo hast du denn deinen Süßen abgelassen, Céline?" Fragte Hercules Moulin gehässig grinsend. Céline sah den Klassenkameraden finster an und straffte ihren ganzen Körper, als wolle sie ihn gleich angreifen.

"Hercules, du weißt genau, daß der davon nichts hält. Lassen wir das also, ja?"

"Oui-oui, Mademoiselle", erwiderte Hercules, bekam aber das gehässige Grinsen nicht aus dem Gesicht, als er das sagte.

"Laurentine macht das auch nicht mit?" Fragte Julius.

"Bébé hat sich nur die beiden Fächer ausgesucht, wo sie mit Sicherheit nichts hexen muß, Julius. Da alte Runen ja unter anderem ja auch für Zauberkunst wichtig sind, hat sie eben nur Arithmantik und Muggelstudien gewählt", erwiderte Céline.

"Und du machst Wahrsagen?" Fragte Julius Claires Klassenkameraden.

"Was man so nennt, Julius. Wir haben heute nur darüber gesprochen, welche Arten der Wahrsagekunst es gibt und was man davon zu halten hat. Professeur Cognito legt Wert auf eine Fundamentale Bildung in diesen Belangen. Er sagte auch was, daß es in Hogwarts eine Lehrerin gäbe, die sich nur in Symboldeutungen ergeht, aber offenbar keine Kompetenz in gründlicher Wahrsagekunst hat."

"Deshalb habe ich das ja auch nicht gewählt", erwiderte Julius schlagfertig. Was ging es ihn nun an, daß in Hogwarts eine inkompetente Lehrerin für Wahrsagen herumlief?

Vom Pausenhof aus gingen die sieben Drittklässler aus dem grünen Saal zu einem Klassenraum im Erdgeschoß, auf dem ein geflügeltes goldenes Pferd, ein Drache und eine Katze mit Löwenschwanz und besonders großen spitzen Ohren abgemalt waren. Das Türschild verkündete: "Vorbereitungsraum zur praktischen Magizoologie. Lehrer: Professeur Aries Armadillus."

"Hier sind wir richtig", erkannte Hercules, der so aussah, als erlebe er in wenigen Minuten das größte und schönste Abenteuer seines Lebens. Er strahlte alle Mitschüler an, tippelte von einem Fuß auf den anderen, als habe er Hummeln im Po oder müsse ganz schnell wohin.

"Eh, Hercules, du hüpfst hier herum, als wäre Weihnachten", warf Gaston Perignon ein. Julius sah sich derweil um, ob sie die einzigen Schüler in dieser Stunde waren. Tatsächlich kamen jedoch noch ein Junge und sechs Mädchen. Den Jungen kannte Julius noch nicht. Es war ein schmächtiger Bursche, etwas kleiner als Julius, mit dichtem schwarzen Kurzhaar und grünen Augen, eine winzige Spur heller als die von Céline. Neben ihm schritten Estelle Messier und Belisama Lagrange aus dem weißen Saal in ihren blaßblauen Arbeitsumhängen, die nicht so elegant wirkten, wie die üblichen Mädchenuniformen in Beauxbatons. Dann waren da noch vier Mädchen, die eine Gruppe für sich bildeten und ungeniert kicherten. Als eines der vier Mädchen, groß gewachsen, sportlich gebaut mit oberkörperlangem, dichtem schwarzen Haar und tiefblauen Augen aus der Gruppe ausscherte und auf Hercules zueilte, meinte Julius, es wäre dem Mitschüler um dieses Mädchen gegangen. Doch er strahlte sie nur einen Augenblick an, um dann sehr konzentriert, als dürfe er keinen Fehler machen, zu ihr aufzublicken. Ja, sie war um einige Zentimeter größer als Hercules Moulin. Sie schloß ihn in ihre Arme und drückte ihn kurz an sich, was Hercules erröten machte.

"Joh, Bernie, die Zeit des Verzichts ist vorbei!" Rief ihre Klassenkameradin Mildrid Latierre, die in der Gruppe zurückgeblieben war, aus der das Mädchen sich gelöst hatte, um Hercules zu begrüßen.

"Jedem das seine", erwiderte die mit "Bernie" angesprochene und wandte sich dann den übrigen Jungen zu. Als sie Julius sah, nickte sie nur erkennend.

"Du bist also der Import aus England? Hoffentlich haben die dich nicht abgeschoben, nur weil die besser dastehen wollen."

"Eh, was soll das denn?" Warf Claire leicht verärgert ein. Julius winkte ab und nickte der Beauxbatons-Drittklässlerin aus einem anderen Saal zu.

"Joh, die wollten mich loswerden, weil ich nix auf die Reihe bringe", sagte der ehemalige Hogwarts-Schüler sogleich. Claire trat auf ihren Feriengastbruder zu und zischte ihm ins Ohr:

"Rede der das ja nicht ein, hörst du? Bernadette Lavalette ist eine sehr von sich überzeugte Junghexe. Das Hercules so auf die abfährt, verstehe ich zwar nicht; ist ja auch nicht mein Ding."

"Nimm Bernie nicht zu ernst, Julius. Die ärgert gerne Jungs, die sie noch nicht kennt!" Rief Mildrid Latierre und winkte Julius zu sich. Belisama sah wie Claire sehr mißtrauisch hin, als Julius lockeren Schritts zu Mildrid hinüberging.

"Du kennst Caro natürlich aus Millemerveilles, und Bernadette hat sich ja schon toll bei dir eingeführt. Die vierte von uns ist Leonie Poissonier", stellte Mildrid Julius ein schlankes, wohl auch sehr weit entwickeltes Mädchen mit hellblonder Mähne mit leichtem Braunstich und dunkelbraunen Augen vor, die wie Mildrid den Eindruck machte, sich gut in Form zu halten. Julius stellte sich vor und antwortete auf die Frage, wie ihm Beauxbatons gefalle:

"Sagen wir's so: Ich habe es mir nicht direkt ausgesucht. Aber ich denke schon, daß ich hier viel neues lernen werde."

"Ach, das Regelwerk. Da kommst du schon durch, Julius", sagte Mildrid lächelnd. Julius lachte nur und erwiderte:

"Dumm nur, wenn man keine Schwester in leitender Position hat."

"Oh, das wird sie wohl nicht so sehen", erwiderte Caro gehässig. Julius sprang aus der Bahn des strafenden Blicks, den Mildrid ihrer Saalkameradin zuwarf.

"Was interessiert dich denn so am meisten in der Zauberei?" Fragte Leonnie Poissonier mit einer glockenreinen Stimme wie von einer Sopransängerin.

"Kräuterkunde, Zaubertränke und Zauberkunst. In Verwandlung geht's so, Astronomie ist ja nicht nur ein Zaubereifach und Arithmantik fängt interessant an. Mal sehen, ob gleich noch was interessanteres dazukommt."

"Du bist im Fortgeschrittenenkurs Verwandlung und sagst, es geht so? Merkwürdig", erwiderte Leonnie und sah Julius von oben bis unten prüfend an.

"Habe ich mir nicht ausgesucht", warf Julius ein und bekam leicht gerötete Ohren. Die Mädchen grinsten erst und giggelten dann.

"Woher wissen die, daß du in dem Fortgeschrittenenkurs bist?" Fragte Claire, als Julius es schaffte, ohne wie auf der Flucht zu wirken von den drei Mädchen wegzukommen.

"Wahrscheinlich kriegen die Saalsprecher Listen mit den Freizeitkursen und wer daran teilnimmt, oder diese Leonnie hat gestern im Schachclub mit einem von uns gespielt, der oder die ihr das gesagt hat, während ich mit Belle den ersten Wettkampf ausgetragen habe."

"Guten Morgen, Mesdemoiselles et Messieurs!" Ertönte eine Männerstimme wie der Heldentenor einer Oper durch den Korridor. Alle stellten unmittelbar jede Unterhaltung ein und drehten sich um, um den Besitzer der Stimme anzusehen. Es handelte sich um einen etwa einen Meter und siebzig großen Zauberer mit schwarzem Haar und schwarzem Kinnbart, der irgendwie schlachsig wirkte. Julius fragte sich, ob das Professeur Armadillus war. Diese Frage beantwortete sich sofort, als der Zauberer mit einer einfachen Handbewegung die Schülerinnen und Schüler bei Seite trieb, um die Tür zu erreichen, die er aufschloß. Wie in den Stunden zuvor lief das Julius bekannte Ritual ab: Einlassen, begrüßen, begrüßt werden, die Sanduhr aufstellen, die Anwesenheitsliste durchgehen, zum hinsetzen auffordern und dann die Vorstellung des Lehrers, weil alle ja noch nicht mit ihm zu tun gehabt hatten.

"Gestatten, die jungen Damen und Herren, ich bin Professeur Aries Armadillus und werde Ihnen in den nächsten Monaten, vielleicht sogar in den nächsten Jahren die Herkunft und Haltung von magischen Geschöpfen beibringen. Es hat sich immer als nützlich erwiesen, erst die Wissensgrundlage zu prüfen. Daher werden Sie mir alle jetzt in Schönschrift aufschreiben, was Sie bereits über magische Wesen wissen. Dazu gebe ich Ihnen eine halbe Zeitstunde. Jene, die vorher fertig werden, sind gehalten, solange zu schweigen, bis die Zeit verstrichen ist. Wer das nicht kann, bekommt ein magisch unterstrichenes Sprechverbot bis zum Ende der Doppelstunde und zwanzig Strafpunkte. Mein Beruf bringt es mit sich, daß ich über ein ausgezeichnetes Gehör verfüge. Also unterlassen Sie jeden Versuch, miteinander zu flüstern! Die Zeit läuft!"

Julius, der neben Claire saß, holte sein Schreibzeug hervor und schrieb lange und ausführlich, was er von magischen Kreaturen wußte und welche er schon einmal gesehen hatte. Er erwähnte dabei auch die fliegenden Pferde der Beauxbatons-Abordnung, die vier Drachen in der ersten Runde des trimagischen Turniers und die Meerleute in der zweiten Runde. Er unterschied zwischen den Tieren und den verständigungsfähigen Zauberwesen wie Kobolden und Hauselfen. Als Professeur Armadillus "Zeit vorbei!" Sagte, schaffte es Julius gerade noch, den Abschlußsatz auf die lange Rolle Pergament zu bekommen. Der Lehrer sammelte alle Niederschriften ein und las sie mit unglaublicher Geschwindigkeit durch. Keiner sagte einen Ton, bis er das letzte Pergament hinlegte.

"Hier haben wir tatsächlich welche, die sich gut auskennen, weil sie die richtigen Beziehungen haben oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren oder auch schon unliebsame Erfahrungen mit magischen Wesen gemacht haben. Sie gestatten, Monsieur Andrews, daß ich die Passage laut vorlese, in der Sie sich über die Drachen im trimagischen Turnier auslassen?"

"Sicher doch", erwiderte Julius und errötete leicht. Er hätte dem Lehrer das ja nicht verbieten können. So hörten alle, was Julius über die Drachen geschrieben hatte.

"... Wie viele Jungen Ihres Alters zeigen Sie ein hohes Interesse an diesen Tierwesen, Monsieur Andrews", schloß Professeur Armadillus die laute Verlesung, während der er sehr gefühlsbetont betont hatte. Hercules bat per Handzeichen um Sprecherlaubnis.

"Und Harry Potter hat gegen einen Hornschwanz kämpfen müssen?"

"So steht das hier", erwiderte der Lehrer und sah Julius so an, als dürfe dieser nichts dazu sagen. "Es stimmt auch. Madame Maxime hat mir einen ausführlichen Bericht zukommen lassen, als diese Runde um war. Aber Drachen werden wir nicht in den ersten Stunden haben, Mesdemoiselles und Messieurs."

 

Der Lehrer für praktische Magizoologie steckte die Pergamentrollen ein, die er von seinen Schülern verlangt hatte und gebot: "Soweit die Theorie, Mesdemoiselles und Messieurs! Schreiten wir zur Praxis! Folgen Sie mir alle nach!"

Professeur Armadillus öffnete die Klassentür und ließ die Schüler an sich vorbei. Er warf noch einen Blick auf die Sanduhr und schloß die Tür ab. Da ja alle auf der Liste stehenden Schülerinnen und Schüler anwesend waren, war die Zeitnahme ja nicht mehr so dringlich. Er ging an den wartenden Schülern vorbei und eilte dann mit beschwingtem Schritt in einen rechts abzweigenden Korridor. Die Schüler hatten Mühe, ihm zu folgen, als sie durch die Zeitversetztgänge und Richtungswechseltreppenhäuser eilten, bis sie wieder im Freien waren, vom Pausenhof herunter und zu einem großen Holzschuppen, aus dem es vielstimmig summte und gurrte. Julius verhielt für einen winzigen Augenblick. Da Hercules und er dem Lehrer am besten folgen konnten, hatten sie einen gehörigen Vorsprung vor den anderen, da das Rennen in den Schulkorridoren ja verboten war. Er dachte erst, daß dort große Insekten gehalten wurden. Doch dann erkannte er, daß das Summen nicht von Insektenflügeln herstammen konnte, sondern von etwas, das wie große Katzen schnurrte oder wie kleine Bären brummte. Professeur Armadillus öffnete den Schuppen und ging hinein. Julius und Hercules folgten dem Lehrer, darauf vertrauend, daß schon nichts gefährliches aus dem Schuppen herausbrechen und sie angreifen würde.

"Ach wie niedlich!" Bemerkte Hercules, als sie im Schuppen waren und die großen nebeneinander und übereinander gestapelten Körbe sahen, in denen sich Kugeln groß wie Fußbälle bewegten, die mit einem senffarbenen Pelz bedeckt waren und diese merkwürdigen Summ- und Gurrlaute von sich gaben.

"Ich denke, diese Tierwesen kennen Sie nicht, Monsieur Andrews", bemerkte Professeur Armadillus, bevor die übrigen Schülerinnen und Schüler eintrafen.

"Mann, ihr habt ein Tempo drauf, da kommt man schlecht mit", maulte Céline, die als eine der letzten eintraf.

Mit einer Handbewegung gebot der Lehrer Schweigen. Dann fragte er:

"Wer weiß, was wir hier vor uns haben?" Außer Julius zeigten alle auf. "Das habe ich gehofft", fügte Professeur Armadillus noch hinzu. Dann sah er Céline Dornier an und gebot ihr, zu erklären, was sie da hatten.

"Knuddelmuffs sind das. Niedliche Haustiere."

"Langweiliger Kram", bemerkte Mildrid Latierre dazu. Da sie im Moment keine Sprecherlaubnis hatte, verpaßte ihr der Lehrer fünf Strafpunkte wegen unerlaubten Sprechens und noch mal so viele, wegen ungebürlicher Bemerkungen. Claire, die wohl dasselbe dachte, grinste nur schadenfroh, verkniff es sich jedoch, als Professeur Armadillus sie ansah und fragte:

"Was können Sie uns und vor allem Ihrem neuen Mitschüler, der aus kulturellen Gründen mit dieser Tierart nichts anfangen kann über Knuddelmuffs erzählen, Mademoiselle Dusoleil?"

"Hmm, diese Tierwesen sind als Haustiere frei verkäuflich, sind leicht zu halten, da sie Müll und Hausstaub fressen, auch Spinnen und Schaben, summen immer, wenn sie sich wohlfühlen und lassen sich gerne herumknuddeln oder herumwerfen."

"Mehr nicht?" Bohrte der Lehrer nach. Claire schüttelte vorsichtig den Kopf.

"Fünf Bonuspunkte für ihr Konto, Mademoiselle Dusoleil. Aber diese Wesen sind nicht langweilig, um den unerwünschten Einwurf von Mademoiselle Latierre zu entkräften. Sie stellen vielmehr eine vergessene Kunst der magischen Kreuzung dar, aus gewöhnlichen Hausigeln, Katzen und Kaninchen, diese Wesen zu kreuzen, bis diese Endformen entstanden, die seit wielange bekannt sind, Monsieur Moulin?"

"1340, Professeur Armadillus", antwortete Hercules sofort und erfreut, sich endlich einbringen zu können.

"Genau. Diese Endform ist seit 1340 bekannt und beschrieben. Wie genau diese magische Kreuzung geht, ist wie erwähnt vergessen worden. Vielleicht ist dies auch gut so, da nicht unbedingt jedes Verfahren so possierliche Geschöpfe hervorbringt. die allgemein Knuddelmuffs, wissenschaftlich Molligloboidis domesticus genannten Kreaturen, verfügen weder über Fortbewegungsorgane noch über Zähne. Ihre Sinnesorgane sitzen für Menschen unsichtbar unter dem dichten Fellkleid und können bei Bedarf um einiges auf dem Körper verschoben werden. Der Körper selbst ist sehr elastisch, ähnlich dem eines schwammes. Die Atmung erfolgt über winzige Öffnungen und ist kaum zu beobachten. Die Stimmorgane der Knuddelmuffs liegen im Inneren Hohlraum, der omnifunktionalen Vakuole, in der die ganzen lebensnotwendigen Prozesse ablaufen. Da dieses Tier weder Skelett noch verhornte Körperteile besitzt, ist es stets sehr weich anzufühlen. Ich werde Ihnen jetzt einige von den Tieren aushändigen. Sie können bei denen nichts verkehrt machen. Sie müßten Sie schon mit scharfen Gegenständen oder besonders heißem Feuer angreifen."

Julius hob die Hand, weil ihm was wesentliches einfiel. Er bekam Sprecherlaubnis.

"Zwei Fragen, Professeur Armadillus: Scheiden diese Tiere was aus? Und wie vermehren die sich? Nachher kriege ich zehn Stück, nur weil ich einen ziemlich gut gefüttert habe."

Alle grinsten. Lachen war den Beauxbatons-Schülern offenbar aberzogen worden.

"Ich kann ihnen versichern, daß diese Tiere die bequemsten Haustiere sind, die es gibt, da sie stubenrein geboren werden. Was sie fressen, wird vollständig verwertet oder als geruchloses Gas in der veratmeten Luft abgeführt. Was die Vermehrung angeht, so fürchte ich, sind Sie da einer Muggelphantasie aufgesessen, die in einer fernen Zukunft und im weiten Weltraum spielt. Da kamen tatsächlich solche Tiere vor, die ähnlich einem Knuddelmuff sehr pflegeleicht und weich aussahen, gurrten und sich gerne streicheln ließen, aber mit dem Nachteil, sich explosionsartig vermehren zu können. Aber Knuddelmuffs sind keine Tribbles, Monsieur Andrews." Als er das sagte, zwinkerte er Julius jungenhaft zu. Julius klappte die Kinnlade herunter vor heftigem Staunen. "Sie vermehren sich nur alle zwei Jahre, wenn sie günstige Fortpflanzungspartner finden. Da wir nun aber dabei sind, wer kennt die Fortpflanzungsnatur der Knuddelmuffs?"

Hercules und Mildrid zeigten auf. Mildrid durfte antworten.

"Knuddelmuffs sind eingeschlechtlich. Wenn sie sich vermehren wollen, suchen sie durch für Menschen unhörbare Töne einander. Vögel und Hunde können durch diese Suchrufe verstört werden. Finden sich zwei, wachsen sie zusammen und tauschen ihr Erbgut aus. Danach trägt jeder einen Keim mit seinem und des anderen Erbgut in der Leibeshöhle. Damit läuft der Knuddelmuff ein halbes Jahr herum, wobei er sehr viel mehr Nahrung braucht und mit seiner langen Zunge wie ein Frosch auch fliegende Insekten einfangen kann oder Stoffreste verschlingt, zu denen auch Socken oder Unterwäschestücke gehören können. Ist das halbe Jahr um, gebiert der Knuddelmuff in einem Sekundenzeitraum das eine Junge, das er ausgebrütet hat. Dieses sammelt Staub und Fasern vom Boden und wächst in drei Jahren zum erwachsenen Exemplar. Inzucht, also die Fortpflanzung zwischen Geschwistern, wird durch die Art der Suchrufe vermieden. Geschwister können die eigenen Rufe nicht hören und suchen daher nicht einander auf."

"Wunderbar. Sie bekommen dafür zehn Bonuspunkte. Monsieur Moulin, können Sie uns vielleicht einige tragende Exemplare zeigen?"

"Kein Problem", sagte Hercules, besah sich einige Körbe und deutete dann auf besonders aufgeplustert wirkende Tiere. Professeur Armadillus nickte und gab ihm dafür zehn Bonuspunkte. Danach durften die Schüler mit den Knuddelmuffs spielen. Julius, der zu große Hemmungen hatte, ein lebendes Tier herumzuwerfen wie einen Ball oder ein Federkissen, mußte sich gefallen lassen, daß ihn die Jungen mit ihren Knuddelmuffs bombardierten. Als er von Mildrid ihren an die Nase geworfen bekam, schleuderte er seinen von sich, der wie ein Quaffel beim Quidditch weit über den Platz flog und dann locker wie ein Gummiball auftippte, dabei mühelos zum Schuppen zurücksprang.

"Sie sehen, so bewegen sie sich", bemerkte der Lehrer schmunzelnd. Kurz vor dem Ende der Doppelstunde sammelte er die ausgehändigten Tiere wieder ein, gab der Klasse noch auf, sich bis zur nächsten Stunde alles nachlesbare über Knuddelmuffs aufzuschreiben und entließ die Klasse mit dem rituellen Abschiedsgruß, erst er, dann die Schüler im Chor. Als sie vom Holzschuppen fortgingen, dem Lehrer hinterher zum Pausenhof folgten, läutete die Schulglocke zur großen Pause.

"Jamm, Zwischenmahlzeit!" Meinte Gaston und verfiel in einen leichten Trab, in dem er den Lehrer locker überholte.

Claire und Céline flankierten Julius, während Hercules mit Bernadette Lavalette zusammenblieb. Belisama hielt sich in der Nähe auf.

"Wer hat dem erzählt, was Tribbles sind?" Fragte Julius, den es erstaunt hatte, das ein Lehrer, wie ihn sein Vater als typischen Biolehrer beschrieben hatte, von erfundenen Weltraumtieren wußte.

"Wahrscheinlich wird ihm ein Muggelstämmiger mal diese komischen Tiere beschrieben haben. Wenn er immer mit Knuddelmuffs einsteigt, was ja an und für sich gut ist, weil die viele kennen und die selbst harmlos sind und auch nicht verletzt werden können, mußte er sich das wohl von vielen anhören, daß die mit diesen Tieren verwandt seien", meinte Céline. "Bébé hat mir auch schon Monstergeschichten aus der Zukunftsvorstellung der Muggel erzählt. Du kennst diese Terribles also auch. Wie ging denn die Geschichte mit denen weiter, Julius?"

Julius mußte unvermittelt loslachen, weil Céline den Namen dieser Phantasietiere falsch ausgesprochen hatte. Er brauchte eine halbe Minute, bis er sich wieder einbekam und antwortete: "Tribbles, nicht terribles, Céline. Das hieße nämlich aus dem Englischen übersetzt "die Schrecklichen". Die spielten in einer Weltraumgeschichte mit. Irgendso'n Händler hatte einzelne Tiere verkauft, doch die vermehrten sich, fraßen alles, was in ihre zahnlosen Mäuler paßte und breiteten sich über eine im Weltraum fliegende Station aus. Zum Schluß halfen sie dabei, einen Weltraumspion einer nichtmenschlichen Rasse zu entlarven und wurden dem Volk, von dem dieser Spion abstammte, als nettes Abschiedsgeschenk zugestellt."

"Soso", grinste Céline, nachdem die Verlegenheitsröte aus ihrem Gesicht gewichen war, weil sie wieder was ungewollt komisches gesagt hatte.

"Knuddelmuffs sind aber nicht so vermehrungsfreudig. Ich habe gelesen, daß nur Tiere, die viele Feinde haben, sich häufig und schnell vermehren, wie Kaninchen, Ratten oder Fliegen. Ich glaube sogar, daß ein Knuddelmuff das unbeschadet übersteht, wenn ihn ein größeres Tier runterschluckt, solange es den nicht beißt."

"Das mit den Kreuzungen ist ja gruselig, Céline. Wenn so für mich absolut außerirdisch aussehende Tiere dabei herumkommen können, was geht dann noch?" Fragte Julius.

"Das lernen wir ja bei Professeur Armadillus", bemerkte Claire altklug dreinschauend und klingend.

"Gleich hast du wieder einen großen Auftritt, Clairette", flötete Céline näckisch. "Wahrscheinlich wird Trifolio dich wieder vorführen, ob deine Maman dir in den Ferien was nützliches beigebracht hat."

"Soll er doch, Céline. Maman hat mich sehr gut eingestellt", erwiderte Claire unbekümmert und zwinkerte Julius zu. Dieser lief leicht rot an. Céline kicherte und fragte, was er habe.

"Soll der vorführen, wen er will, solange der nicht meint, die ganze Stunde aus mir rauszukitzeln, wie toll ich bei Professor Sprout in Hogwarts gelernt habe", erwiderte Julius leicht beklommen.

"Das hast du dir ja selbst eingebrockt, weil du dem seine wissenschaftliche Veröffentlichung mit vollem Titel vorgebetet hast. Außerdem dürfte der als Hausvorstand der Weißen alles über dich bekommen haben, wie Professeur Faucon oder Professeur Fixus", warf Claire mit leicht gehässigem Unterton ein, sah Julius dabei aber gutmütig lächelnd an.

Auf dem Pausenhof trafen sich alle Schüler der dritten Klasse aus dem grünen Saal wieder. Laurentine Hellersdorf fragte, wie die erste Stunde Zaubertiere verlaufen sei, wobei sie Julius ansah. Dieser erzählte es ihr und erwähnte auch, daß der Lehrer die Tribbles kannte. Laurentine alias Bébé lachte schallend.

"Ich habe es mir doch gedacht, daß der sich das merkt, nachdem letztes Jahr ein Drittklässler aus dem violetten Saal, der auch keine Zaubererfamilie hat, ihm wohl diese Geschichte erzählt hat."

"Heh, Bébé, du kannst ja wieder lachen", flachste Jasmine Jolis. Die Angesprochene sah sie nur an und meinte: "In den Pausen darf man das doch."

Belisama nutzte einen Moment, als Claire sich mit Irene und Jasmine über die letzte Stunde unterhielt, um zu Julius hinüberzugehen und ihn anzusprechen. Mit freundlichem Lächeln fragte sie:

"Und, Lampenfieber vor der ersten Stunde bei Professeur Trifolio?"

"So würde ich das nicht nennen, Belisama. Es ist nur so, daß dieser Lehrer mir als sehr Fachbezogen und ehrgeizig beschrieben wurde. Bei neuen Lehrern bin ich lieber überängstlich."

"Hier vielleicht nicht so schlecht. Aber zuviel Angst könnte dir auch als schlechtes Gewissen ausgelegt werden, für das ein Grund gesucht wird. Eure werte Saalvorsteherin hat das mal bei einer Erstklässlerin im letzten Jahr gemacht, aber nichts gefunden, außer, wie man dem Mädchen noch größere Angst machen kann."

"In welchem Fach?" Fragte Julius, der sich gut an die Predigten zum Thema Angst und Angstverarbeitung im Ferienunterricht bei Professeur Faucon erinnern konnte.

"Verwandlung war das", erwiderte Belisama. Dann fragte sie im Flüsterton und sah dabei verstohlen zu Claire hinüber:

"Stimmt das, daß ihr euch nun zueinander bekannt habt, oder warum bewacht sie dich so gut, wie einen Schatz, den man nicht mehr verlieren will?"

"Was in den Ferien zwischen Claire und mir gelaufen ist und bis hier nachwirkt, betrifft nur Claire und mich", sagte Julius Andrews so ruhig wie möglich.

Frederic, ein bohnenstangengleicher Junge, den Julius beim Sommerball gesehen hatte, kam mit einigen Jungen aus seiner Klasse heran und grüßte erst Julius, dann Belisama. Julius, der wußte, daß Frederic für das Mädchen mit dem honigfarbenen Haar schwärmte, zog sich einige Schritte zurück, bis er gegen jemanden prallte. Errötend drehte er sich um und sah Professeur Pallas, die im Moment die Pausenhofaufsicht hatte.

"Hups, du wolltest mich doch nicht umschmeißen, Julius. Das wäre aber ziemlich respektlos von dir", sagte die Zaubereigeschichtslehrerin mit verschmitztem Grinsen auf dem Gesicht. Julius errötete noch mehr, als habe ihn die Lehrerin in arge Verlegenheit gebracht.

"Ich bin rückwärts gegangen und habe nicht gekuckt, wo ich hintrete. Entschuldigung, Professeur Pallas."

"Ich habe dir nicht unterstellt, mich absichtlich umwerfen zu wollen, Julius. Aber ich nehme deine Entschuldigung an", sagte die Lehrerin mit wohlwollendem Lächeln. Dann entfernte sie sich und scheuchte einige Leute aus dem blauen Saal auseinander, die sich eine Rangelei mit einigen älteren Schülern aus dem roten Saal lieferten.

"Hat meine kleine Cousine dich wieder in Verlegenheit gebracht?" Fragte Seraphine, die in Julius' Nähe gelangt war. Dieser schüttelte den Kopf. Seraphine nickte und wünschte Julius noch einen schönen Tag.

"Noch zwei Minuten bis zur nächsten Stunde!" Sang Professeur Pallas wie eine Operndiva. Sie winkte ihren Schützlingen aus dem blauen Saal, die heute mal ruhig und ohne Hektik in den Palast zurückkehrten. Julius begab sich zu Hercules, der von Bernadette in einer halben Umarmung gehalten wurde.

"Lasse dich von den Fachidioten nicht wieder so trietzen, Culi.! Die hängen doch nur ihrem großen Meister an den Lippen."

"Dann bis heute Nachmittag, Bernie", sagte Hercules, der leicht errötete, als er Julius in seiner Nähe sah. Julius zog sich kurz einige Schritte zurück, bis Bernadette den viel kleineren Jungen freigab und zu ihren Klassenkameradinnen hinüberging.

"Wenn ich nicht wüßte, daß du nicht auch schon verplant bist, müßte ich wohl sagen, daß du dir keine dummen Gedanken machen solltest", sagte der neue Klassenkamerad des ehemaligen Hogwarts-Schülers. Dieser nickte nur zustimmend.

Die Angehörigen der dritten Klasse aus den Sälen Grün und Weiß begaben sich hinter den Palast, wo ein hoch aufgeschossener Zauberer mit hellblonder Bürstenfrisur im grauen Arbeitsumhang wartete. Julius erkannte ihn als Professeur Trifolio, den Kräuterkundelehrer und Saalvorsteher des weißen Saales. Er begrüßte alle Schüler, die ihn im Chor zurückgrüßten. Julius schmunzelte ein wenig, als er eine große silberne Taschenuhr aus dem Umhang zog, daran herumdrehte und dann sagte:

"Die Zeit läuft, Mesdemoiselles, Messieurs. Ich hoffe, daß alle da sind."

Er prüfte die Anwesenheitsliste, wobei Julius schon wieder als erster aufgerufen wurde und er erfuhr, daß die leicht mollig wirkenden Zwillingsschwestern mit den braunen Haaren und den graubraunen Augen die Töchter des Ausbildungsabteilungsleiters Descartes sein mußten, denn in Millemerveilles, wo er nur eine Madame Descartes kannte, hatte er sie nie gesehen. Auch fragte er sich, ob Eduard Rousseau und Plato Cousteau nicht Muggelstämmig waren, da er ihre Nachnamen schon vor Hogwarts gehört hatte.

"Ich freue mich sehr, einen Neuzugang, gewissermaßen Quereinsteiger in diesem Jahr in den Mauern von Beauxbatons begrüßen zu dürfen, von dem ich mit Sicherheit weiß, daß er in den Ferien an kompetenter Stelle in Belangen, welche sich auf mein Unterrichtsfach beziehen, ausgiebig vorinformiert wurde. Ich bin zuversichtlich, daß der neue Schüler sich gewiß gut in meinen Unterrichtsverlauf einfinden und aktiv daran beteiligen wird. Folgen Sie mir nun bitte zum Gewächshaus für gemäßigte Zauberpflanzen der Gefahrenstufe 3!"

"Fängt schon gut an", murrte Julius fast unhörbar, als er zwischen Claire, Céline und Robert dem Lehrer folgte.

"Hoffentlich wird er dich und mich nicht andauernd drannehmen, damit die anderen auch was zu sagen haben", meinte Claire leise. Alexandra Descartes, die Zwillingsschwester mit dem zum Einzelzopf gewundenen Haar, drehte sich auf dem Weg zum angekündigten Ziel kurz um und sah Julius genau an, als wolle sie prüfen, ob er wirklich das sei, was sie von ihm gehört hatte. Im Gewächshaus behandelten sie das Thema Feuerpilze, magische Pflanzen, die nur unter rotem Licht deutlich zu erkennen waren und dann hell glühten, als enthielten sie kleine elektrische Glühbirnchen. Der Lehrer fragte in die Runde, wer ihm was dazu erzählen könne. Julius wollte erst nicht aufzeigen, doch der warnende Blick, mit dem der Lehrer ihn bedachte, als er sich umsah, wen er drannehmen könnte, trieb ihm die Verweigerung aus. Er wurde jedoch nicht gefragt, sondern Laurentine Hellersdorf. Diese hatte zwar nicht aufgezeigt, aber vielleicht suchte sich Trifolio die zu fragenden Schüler anders aus.

"Ich habe mich nicht gemeldet, Professeur", widersprach Bébé entschieden.

"Das ist mir bekannt, Mademoiselle Hellersdorf. Dennoch gehe ich davon aus, daß Sie mir und ihren Mitschülern sagen können, was Sie zu diesen Gewächsen wissen", erwiderte der Lehrer unbeeindruckt sprechend. Aber sein Blick war vorsichterheischend auf das untersetzte Mädchen aus dem grünen Saal gerichtet.

"Nur, daß es keine Pflanzen sind, sondern Pilze, Professeur", entgegnete Laurentine kühl. Julius sah ihr an, daß sie wieder diese Haltung zur Schau trug, daß ihr alles gleichgültig war.

Die übrigen Schüler grinsten, gaben aber keinen Laut von sich. Der am heftigsten grinsende war Hercules Moulin. Das führte dazu, daß Trifolio ihn fragte, was er erzählen konnte. Hercules erbleichte. Doch dann gab er stockend einige Sachen über den Feuerpilz bekannt. Alles das hatte Julius auch schon nachlesen und für Sprout aufschreiben müssen.

"Gut, das reicht fürs erste. Fünf Bonuspunkte für Sie, Monsieur Moulin."

Professeur Trifolio führte vor, was man mit den Feuerpilzen anstellen konnte und wieso sie zur Gefahrenklasse drei gezählt wurden. Schnitt man sie nämlich mit einem gewöhnlichen Messer ab, explodierten sie in einer Wolke aus roten Funken und kochendem Wasser. Der Lehrer hatte hierfür extra ein Messer mit Fernlenkzauber gesteuert, um nicht selbst etwas abzukriegen.

"Sie lieben Feuer und heiße Quellen und werden daher oft an Vulkanen und Geysiren gefunden. Wenn man ein offenes Feuer in einem Wald entzündet, das nicht mit einem Ring aus Steinen umfaßt wird, können Sporen dieses Pilzes, die wie einzellige Tiere am Boden entlangwandern, in die Feuerstelle gelangen und dort als Brandbeschleuniger dienen. Oft mußten so entstandene Waldbrände vor den Muggeln vertuscht werden, weil an und für sich keine vom Menschen gemachten Brandbeschleuniger zu finden waren. Allerdings sind sie getrocknet sehr gute Baustoffzusätze zur Errichtung feuersicherer Gebäude."

Zum Schluß der anderthalb Zeitstunden sammelte Professeur Trifolio die über die Ferien zu erledigenden Hausaufgaben ein. Zu Julius sagte er:

"Sie wissen ja, daß die für meine Kollegin Sprout zu verfertigenden Aufgaben hier als vollwertige Arbeit gewertet werden. In den nächsten Stunden wird es wohl interessanter für Sie."

"Die Hausaufgaben habe ich aber auf Englisch geschrieben", wandte Julius ein. Der Kräuterkundelehrer nickte nur und erwiderte: "Diese Sprache ist mir geläufig genug, um objektiv Ihre Leistungen zu bewerten."

Wieder zurück im Palast sagte Céline zu Julius: "Der hat dich heute noch nicht drangsaliert, weil er wissen wollte, wer alles seine Hausaufgaben gemacht hat und wer nicht. Aber wenn er schon ankündigt, daß er weiß, wo du warst, bist du in den nächsten Stunden fällig."

"Ich dachte schon, der gibt mir Strafpunkte, weil ich am Anfang nicht aufgezeigt habe."

"Oh, beim nächsten Mal wird er das wohl machen. Er konnte jetzt noch nicht bewerten, ob du wirklich das zu können hast, was er gerne haben will", erwiderte Céline.

"Trifolio ist zwar ein Fachidiot, aber im Vergleich zu unserer Nachmittagsveranstaltung noch harmlos", warf Hercules ein und sah auf Laurentine. "Hast du deine Zaubertrankaufgaben brav erledigt, Bébé?"

Laurentine bohrte ihren Blick in das Gesicht von Hercules und knurrte gereizt: "Ich hatte besseres zu schaffen, Hercules. Du hattest ja Zeit für diesen Unsinn."

"Ui, dann gibt das heute noch Spaß!" Trällerte Hercules und mußte sofort für diese Unverschämtheit büßen, weil Célines rechter Absatz punktgenau auf seinem linken großen Zeh niederfuhr.

"Kennst du Professeur Fixus, Julius?" Fragte Céline den neuen Mitschüler. Dieser nickte heftig und verzog das Gesicht zu einer beklommenen Miene.

"Ich bin ihr über den Weg gelaufen, als ich mit Jeanne, Barbara und der restlichen trimagischen Ausflugsgesellschaft hier ankam. War schon heftig. Ich weiß, was die kann, wenn ich auch nicht weiß, wie das genau geht. Ich habe sie in Millemerveilles und Paris ein paar Mal gesehen. Also sagen wir's so, was wichtig ist, weiß ich über sie."

"Bébé hat immer Zoff mit der. Der sind Zaubertränke und Alchemie genauso schnurz wie Verwandlung. Was gestern gelaufen ist, war noch harmlos."

"Oha, du willst mir hoffentlich keine Angst machen, Céline."

"Neh, die hat es nicht nötig, Zaubertränke von anderen zu leihen, um Bébé zu drangsalieren. Das macht meine werte Freundin von alleine."

"Diesmal nicht, Céline. Ich lasse mich von der nicht noch mal verunstalten und von dieser Hokuspokus-Krankenschwester wieder kurieren", warf Laurentine ein und schob Céline bei Seite, um mit Julius zu reden.

"Du weißt, daß Professeur Fixus gedachte Worte hören kann? Dagegen kann man ja was machen. Ich denke einfach an ein kompliziertes Gedicht oder Zeilen für ein Computerprogramm. Das überlagert meine verbalen Gedanken. Mehr kann sie ja nicht aufschnappen. Ich habe mir in den Sommerferien ein Buch über Mentalmagie besorgt. Richtige Geistesdurchsuchung ist komplizierter und obendrein durch so'n Gesetz verboten."

"Aber doch möglich", warf Julius mit unbehaglicher Miene ein. Das, was Laurentine ihm erzählt hatte, hatte er ja selbst schon ausprobiert.

Während des Mittagessens unterhielten sich Julius, Hercules und Gaston über die Stunde bei Professeur Armadillus. Hercules erzählte Julius, daß sein Vater in der Tierwesenabteilung des Amtes zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe arbeitete. Gaston meinte dazu nur:

"Dann hast du das Fach gewählt, weil dein Alter dich da besser drauf vorbereiten kann?"

"Das auch, aber auch, weil ich mich für magische Geschöpfe interessiere", erwiderte Hercules.

"Ein Schulfreund in Hogwarts nimmt das dieses Jahr auch. Bin ja mal gespannt, was die zuerst im Unterricht haben. Bei uns, ich meine in Hogwarts, da läuft wer rum, der sehr begeistert von Monstern ist", erwähnte Julius.

"Na, aber Drachen wird der ja wohl nicht gleich in der ersten Stunde bringen. Wie sieht der Typ denn aus?" Wollte Hercules wissen.

"Madame Maxime, nur mit wildem Haar und Vollbart", beschrieb Julius Hagrid. Hercules lachte kurz, dann grübelte er, weil ihm offenbar was eingefallen war.

"Ach der. Papa hat mir was erzählt, daß bei denen in Hogwarts ein Lehrer, offenbar sehr groß und wild aussehend, mit verbotenen Kreuzungen rumgemurkst und seine Schüler damit auf Trab gehalten hat. Haarkrit oder so ähnlich heißt der doch."

"Joh, so ähnlich", warf Julius schmunzelnd ein.

Nach dem Mittagessen suchte Julius kurz eine Jungentoilette auf. Als er gerade mit seinen dort zu erledigenden Angelegenheiten fertig war und sich die Hände unter dem Vogelkopfwasserhahn wusch, vibrierte das silberne Pflegehelfer-Armband an seinem rechten Handgelenk. Er vermutete auf Grund seiner Erfahrungen mit dem Verbindungsarmband, welches er vor einem Jahr in den Sommerferien hatte tragen müssen, daß Schwester Rossignol mit ihm Kontakt aufnehmen wollte. Er legte den linken Zeigefinger auf den weißen Stein mit dem magischen Heilkunstsymbol. Übergangslos entstand vor ihm das räumliche Abbild Jeanne Dusoleils. Alle Spiegel über den Waschbecken krächzten wie Eichelhäher aus Blech: "Mädchen im Toilettentrakt!"

"Ach du meine Güte, hat Schwester Florence Professeur Bellart und Schuldiener Bertillon noch nicht drauf hingewiesen, daß Kontaktbilder keine Bedrohung der Sittlichkeitsregeln sind?" Fragte Jeanne grinsend. Ihre Stimme klang aber so, als käme sie direkt aus dem Armband und würde sich wellenförmig ausbreiten.

"Wolltest du nur mal sehen, ob du mit mir Kontakt aufnehmen kannst?" Fragte Julius.

"Das weiß ich schon, daß das geht. Ich wollte dir nur sagen, daß Professeur Dedalus dich heute nach der Nachmittagsstunde fliegen sehen will. Ich habe gerade einen Brief von ihm bekommen, in dem er mich darüber informiert, daß mein Antrag auf Einbeziehung ins Quidditchübungsprogramm nur bewilligt wird, wenn er dich persönlich geprüft hat. Claire will sich mit Céline auch noch für den Soziusflug anmelden."

"Gut, Jeanne. Dann weiß ich das wann. Aber wo treffe ich ihn?"

"15.45 Uhr mit eigenem Besen am Quidditchstadion. Das ist alles. Bis nachher!"

"Moment, du kommst da auch hin?"

"Edmond und ich. Edmond, weil er der Saalsprecher ist und ich als Quidditchkapitänin. Also bis ..."

Rums! Die Tür zum Jungenklo wurde wild aufgerissen, und ein Mann mit schwarzem Haar und ebenso schwarzen Augen brach herein. Er trug einen fleckigen, grau angelaufenen Arbeitskittel und hielt einen Schrubber in der rechten Hand. Unvermittelt drosch er damit auf das perfekte räumliche Abbild Jeannes ein und hieb vom Kopf bis zu den Füßen durch nichts als Luft.

"Verdammt noch mal!" Fluchte der Mann, als er sah, was eigentlich los war. Julius sah ihn sehr verstört an und bereitete sich darauf vor, einen ihm geltenden Schlag mit dem Schrubber zu parieren.

"Konntest du mit diesem Mädchen nicht anderswo reden, Bursche? Zehn Strafpunkte wegen unnötiger Alarmierung des Schuldieners. Name!"

"Andrews, Julius, dritte Klasse, Saal grün", erwiderte Julius schnell und nun nicht mehr so verstört dreinschauend. Was sollte es, wenn ihm der Berserker mit dem Schrubber da zehn Strafpunkte reindrückte? Er hatte sich ja noch in der großen Pause ausgerechnet, was er für ein Startguthaben an Punkten hier bekommen mußte. Weil die bestmögliche Note, eine Eins plus, mit fünfzehn Punkten bewertet wurde und eine glatte Sechs mit null Punkten, konnte er sich anhand seiner Abschlußnoten ausrechnen, daß er bei einem dreifachen wert von insgesamt sechsundneunzig Punkten zweihundertachtundachtzig Startpunkte bekommen hatte. Da er schon einige Bonuspunkte mehr bekommen hatte, taten ihm zehn Strafpunkte nicht sonderlich weh.

"Wer bist du, Mädchen?" Fragte der Schuldiener. Jeannes Abbild sagte:

"Mich kennen Sie doch, Monsieur Bertillon. Jeanne Dusoleil, Klasse sieben, auch Saal grün."

"Ebenfalls zehn Strafpunkte. Wahrscheinlich wird Schwester Florence Ihnen beiden noch Punkte wegen unerlaubter Benutzung der Pflegehelferschlüssel aberkennen und ..."

"Wird sie nicht, Monsieur Bertillon", erklang die ruhige aber kraftvolle Stimme der Schulkrankenschwester vom Flur her.

"Die beiden haben die Erlaubnis, bei bestimmten Anlässen miteinander zu sprechen, wie auch meine übrigen Pflegehelfer. Warum wurde Professeur Bellart noch nicht darüber orientiert, die Sittlichkeitsüberwachungen in den Spiegeln auf Sprechkontakte per Pflegehelferschlüssel zu justieren? Oder werden Sie das selber erledigen, Monsieur Bertillon?"

"Natürlich mache ich das selbst, Madame Rossignol", schnaubte der Schuldiener und jagte Julius, der sich wohl nicht weiter im Jungenkloraum aufhalten mußte, hinaus vor die Tür. Julius hatte zwar den Finger vom Armband weggenommen, aber Jeannes Bild glitt wie ein scharf umrissener und undurchsichtiger Geist neben ihm her.

"Huch, wie trennen wir die Verbindung?" Wollte Julius wissen.

"Lege deinen Finger wieder an den magischen Stein und verabschiede dich von mir! Dann wird der Kontakt beendet. So einfach ist das."

Julius verabschiedete sich von Jeanne und trennte damit die magische Verständigungsverbindung. Jeannes Abbild verschwand übergangslos im Nichts. Er sah auf seine Uhr und stellte fest, daß er noch eine Viertelstunde hatte, um den Zaubertrankraum zu finden, der wie in Hogwarts in einem der tiefen Kerker lag. Hinter sich hörte er noch den Schuldiener und die Krankenschwester miteinander reden. Er ging mit weit ausgreifenden Schritten durch die Korridore, wählte einen Abzweig, der ihm als richtig erschien und landete in einem Treppenhaus, wo sich gerade die Treppe so drehte, daß sie nicht mehr nach unten führte. Das war wohl eine Sackgasse. Er kehrte um, suchte den richtigen Quergang und fand ein anderes Treppenhaus, wo er hinuntersteigen konnte. Allerdings, so erkannte er, war er nun weit ab von den Gängen, die ihm Edmond am Abend der Ankunft gezeigt hatte. Er landete zwar in den Kerkerräumen, aber nicht dort, wo der Zaubertrankunterricht stattfinden sollte. Während er noch darüber nachdachte, wo er hinmußte, sprang aus der festen Wand ein über zwei Meter großer Geist in einer langen schwarzen Kutte, die übersät mit silbernen Blutflecken war. In der rechten Hand hielt er ein stumpfgraues, beinahe undurchsichtiges, ebenfalls mit silbrigen Blutflecken besudeltes Beil. Der linke Arm fehlte völlig. Julius stand kurz schreckensbleich da und starrte den Geist mit weit aufgerissenen Augen an.

"Was willst du hier, Bursche?" Dröhnte eine gefährlich klingende Baßstimme aus dem mit von mehreren Lücken durchbrochenen Zahnreihen besetzten Geistermund.

"Hier nichts", gab Julius eingeschüchtert zurück.

"Wo was dann?" Fragte das unfreundlich aussehende Gespenst und hob das Beil an.

"Zaubertrankraum", sagte der neue Beauxbatons-Schüler nur.

"Ist nicht hier", knurrte der Geist. Er lief silbrig an, wie einer, der vor Wut rot wird. "Zurück in das Treppenhaus und wieder rauf, durch die Korridore im ersten Stock und dann wieder runter, Bursche!"

"Kein Problem", sagte Julius Andrews und drehte sich vorsichtig um. Hinter sich hörte er, wie das Beil merkwürdig sirrend durch die Luft fuhr und wie umgekehrter Widerhall eines Metallkörpers auf Stein klingend in der Wand steckenblieb. Der Geist setzte nach und schlüpfte durch die Wand.

"Uff! Das muß dieser einarmige Henker gewesen sein, von dem Jeanne und Claire was erzählt haben", erinnerte sich der ehemalige Hogwarts-Schüler, strich sich kurz durch sein hellblondes Haar und eilte im Geschwindschritt zurück zum Treppenhaus. Als er die Korridore im ersten Stock erreicht hatte, stellte er fest, daß er fünf Minuten verloren hatte. Er bemühte sich, nicht zu rennen und begab sich zum nächsten Treppenhaus, wo er fast mit Professeur Fixus, der kleinen, zerbrechlich wirkenden Hexe mit rotbraunen Locken und einer Brille mit ovalen Gläsern zusammenprallte.

"Enthusiasmus am ersten Unterrichtstag bei mir ehre ich sehr, Monsieur Andrews, aber umrennen dürfen Sie mich deswegen bestimmt nicht. Fünf Strafpunkte wegen unerlaubter Rennerei in den Korridoren", sagte die kleine Lehrerin mit der kalten hohen Stimme, die wie Windgeheul durch enge Türritzen klang. Sie musterte den neuen Schüler, um zu sehen, wie er die Strafpunkte hinnehmen würde und nickte wohlwollend. Julius dachte konzentriert an Zeilen eines in der Programmiersprache C verfaßten Winkelberechnungsprogramms, das er für seine Mutter mal ausgetüftelt hatte.

"Aha, die Mademoiselle Hellersdorf hat Ihnen neues Spielzeug an die Hand gegeben, wie ich feststelle. Aber an diesen Unsinn werden Sie ab sofort nicht mehr denken, solange ich in Reichweite bin, Monsieur. Ich könnte Ihnen das als mangelhafte Unterrichtsbeteiligung auslegen."

"Wie Sie meinen", sagte Julius und legte sich statt der Programmzeilen den Text aus einer Heilkräuterbeschreibung ins Bewußtsein. Die Lehrerin bemerkte nichts dazu. Sie ging neben Julius her, erst schweigend. Doch dann meinte sie:

"Sie werden bei mir nicht in die Versuchung geführt werden, unter Ihrem Niveau zu bleiben, nur weil Sie glauben, ich würde Ihre Leistung nicht honorieren, wenn sie ein hohes Maß übersteigen sollte. Ich habe Ihnen das bei Ihrem kurzen Besuch hier und in Paris gesagt, daß ich nicht Severus Snape bin. Ich kann jedoch auch unerbittlich sein, wenn ich merke, daß mir jemand nicht alles zeigt, was er oder sie kann. Ich fürchte, Sie werden das heute noch erleben müssen. Kommen Sie nun mit mir, bevor Sie den richtigen Weg verfehlen und wieder überhastet durch die Gänge laufen!"

eine Minute vor zwei Uhr trafen die Lehrerin und der neue Schüler vor dem richtigen Kerker ein, auf dessen Eisentür eine Waage und ein Kessel abgemalt waren. Hier Sah Julius nun alle Drittklässler des roten Saales, darunter einen dunkelhäutigen Jungen, der sich mit Leonnie Poissonier unterhielt, sowie Zwillingsbrüder mit struweligem blonden Haar und braunen Augen, sowie ein Mädchen und ein Junge, die sich von Harrfarbe, Augen und Gesicht her so ähnlich sahen, daß es Geschwister sein mochten. Das Mädchen trug ihr dunkelblondes Haar als Dauerwelle bis zu den Schultern hinunter und besaß hellgrüne Augen, fast so wie die Harry Potters, der ihr ähnlich sehende Junge besaß kurzes dunkelblondes Haar und ebenfalls hellgrüne Augen.

"Es ist zwei Uhr!" Verkündete Professeur Fixus unüberhörbar und schloß die Klassentür auf. Sie ließ alle Schüler vorbei in den Raum. Sie schloß die Tür wieder, griff die allgegenwärtige Sanduhr und stellte sie zum Durchlaufen aufs Lehrerpult. Dann kam das Begrüßungsritual, nur daß hier mehrere Schüler zusammenstanden als sonst und die Lehrerin Professeur Fixus hieß. Sie holte eine lange Pergamentrolle hervor und verlaß die Namen:

"Andrews, Julius!" Begann sie wie viele Lehrer vor ihr.

"Arbrenoir, Apollo!" Fuhr sie fort mit einem Namen, dessen Besitzer der dunkelhäutige hoch aufgeschossene Junge war. So ging es weiter, bis zu "Ruiter, Alfonse" und "Ruiter, Boris", die beiden drahtigen Zwillinge mit den struweligen blonden Haaren und braunen Augen. Als der Befehl zum hinsetzen kam, teilte die Zaubertranklehrerin die Schüler ein. Sie schuf zwar keine nach Geschlechtern sortierten Gruppen, schien jedoch auch bestimmte Gruppierungen nicht haben zu wollen. Laurentine landete ganz vorne neben Theseus D'aragon, dem Jungen mit den grünen Augen. Julius durfte seinen Kessel neben den vvon Robert Deloire stellen. Céline saß neben Claire und die Zwillinge waren schön weit voneinander gesetzt worden, der eine neben Hercules, der andere neben Mildrid Latierre. Als die Sitzordnung, die verbindlich bleiben sollte, hergestellt war, begann Professeur Fixus mit dem Unterricht.

"Wir hatten alle in den Ferien viel Zeit, die wir natürlich nicht nur mit Zaubertrankübungen ausgefüllt haben. Aber ich gab vor Schuljahresende aus, sich mit den körperverändernden Zaubertränken zu befassen und auch die Wirkung metallischer Pulver zu erwähnen. Die Aufgaben möchte ich jetzt haben, bevor wem einfällt, sie ins Feuer unter dem Kessel fallen zu lassen. Da Monsieur Andrews schon weiß, daß seine Hogwarts-Aufgaben auch hier gewertet werden, verliere ich darüber kein weiteres Wort mehr. Also geben Sie mir, was Sie für ausreichend halten!"

Julius gab seine vier Rollen über Schrumpfungs- und Entschrumpfungszauber an die Lehrerin ab, die nickte und dann weiterging, von vorne nach hinten, von hinten nach Vorne, bis sie bei Bébé angelangt war und die Hand hinhielt, um was auch immer entgegenzunehmen. Bébé sah die Lehrerin nur trotzig an, machte aber keine Anstalten, irgendwas annähernd pergamentartiges aus ihrer Schultasche zu holen.

"Finden Sie das etwa gut, was Sie wieder hier aufführen, Mademoiselle Hellersdorf? Sie werden mir jetzt wohl erzählen, daß Ihre ignoranten Eltern Ihnen nicht gestattet haben, für meinen belanglosen Unterricht Hausaufgaben zu machen, wo Sie ja niemals mit Zaubertränken was zu tun haben werden. Also, erzählen Sie mir, was Sie zu sagen haben!"

"Wieso sollte ich. Die Meinung meiner Eltern und mir ist bekannt. Die Ferien gehören der richtigen Wissenschaft, die ich nach Beauxbatons lernen und anwenden soll. Meine Eltern wollen keine Hexe in der Familie haben, solange sie nicht eindeutig davon überzeugt sind, daß sich das für mich lohnt. Ein Brief von ihnen an Professeur Faucon ist ja schon unterwegs hierher, was wohl noch dauern wird, da Beauxbatons ja keinen Faxanschluß besitzt."

Mißbilligend schnalzte Professeur Fixus mit der Zunge, wiegte den Kopf, als müsse sie eine große Eisenkugel darin in eine bestimmte Lage bringen und sagte dann kalt und knapp:

"Fünfzig Strafpunkte wegen willentlicher Verweigerung der Hausaufgaben und zwanzig Strafpunkte wegen fortgesetzter Renitenz gegen die Lehrerschaft von Beauxbatons." Sie sah sehr sehr wütend auf das untersetzte Mädchen, das erst trotzig, dann immer eingeschüchterter zurückblickte und förmlich auf ihrem Stuhl zusammensank. " Da Sie offenbar nicht bereit waren, die nötigen Hausaufgaben in den Ferien zu machen, ob freiwillig oder unter dem Einfluß von Außenstehenden ... ja, auch Ihre Eltern werden von mir als Außenstehende bezeichnet, Mademoiselle, werden Sie heute drei Stunden nachsitzen. Ich kriege das noch hin, daß Sie meinen Unterricht ernstnehmen, Mademoiselle. Vor allem arbeiten Sie gut, weil Sie jeden Trank den Sie hier anrühren, selbst ausprobieren werden."

"Im Moment kein Unterschied zu Snape", dachte Julius und ließ schnell die ersten Zeilen der Hymne "Ihr geht niemals allein", der berühmten englischen Fußballhymne durch sein Bewußtsein dröhnen.

"Heute werden wir uns mit dem Hauthärtungstrank, dem Durodermis-Elixier befassen. Wer hat das zuerst gebraut, Mademoiselle Lavalette?"

"paracelsus, Professeur Fixus", erwiderte Bernadette sofort.

"Weiß jemand die vollständige Rezeptur oder muß ich die erst an die Tafel schreiben?"

Bernadette, Mildrid, Jasmine, Robert, André, Irene, Gaston und Julius zeigten auf. Die Lehrerin war begeistert, sich unter so vielen Schülern einen herauspicken zu können. Sie sah von einem zum anderen und forderte dann Julius auf, nach vorne zu kommen und das Rezept zu erklären. Bernadette sah leicht enttäuscht drein, während die anderen, die aufgezeigt hatten, neugierig und erwartungsvoll auf Julius blickten, der aufstand und langsam nach vorne ging. Er atmete tief durch und sagte fünf Minuten lang die Rezeptur her. Da er mit dem Rücken zur Tafel stand, bemerkte er nicht, daß hinter ihm auf der Tafel gelbe Buchstaben auftauchten, die haargenau notierten, was Julius sagte. Als er den letzten Schritt erklärt hatte, nickte Professeur Fixus. Dann drehte sie sich zur Tafel um und fragte Julius, ob das alles so richtig war, wie er es erzählt hatte. Julius bejahte.

"Ich habe vor dem Mittagessen auf die Tafel das Rezept geschrieben und mit einem Korrekturzauber versehen. Alle Fehler, die Sie gemacht haben, werden rot unterstrichen. Falls Sie nicht fehlerhaft dargelegt haben, wie der Trank geht, bleiben die Buchstaben stehen, wie sie stehen."

Ein dunkelroter Schimmer glomm aus der Tafel und überdeckte für eine Viertelminute alle Buchstaben. Dann verschwand er und hinterließ die gelben Buchstaben so, wie sie vorher gestanden hatten, ohne Markierung oder Veränderung. Die Klasse machte Ui.

"So und nicht anders wollte ich das haben. Da sind einige knifflige Sachen bei, wie die Menge des einzurührenden Eisenpulvers oder Einhornhornes. Aber das paßt alles zusammen, was Sie erzählt haben. Fünfzig Bonuspunkte, weil es ein schwerer Trank ist, Monsieur Andrews."

Julius entging nicht, daß Bernadette etwas ungehalten darüber war, daß der Neue diesen Trank fehlerfrei hergesagt hatte. Offenbar fühlte sie sich als Königin in diesem Unterricht. Aber Julius hatte gesagt bekommen, daß er sich nicht darum kümmern sollte, was seine Mitschüler im Unterricht sagten oder taten. Außerdem hätte die Lehrerin sie ja auch aufrufen können.

Als der beschriebene Zaubertrank gebraut war, hatten nur diejenigen ihn korrekt hinbekommen, die vorhin aufgezeigt hatten. Laurentine hatte ein blubberndes Zeug zusammengerührt, das wie die Hölle brodelte und dampfte. Dann fiel ihr noch etwas von dem feinen Eisenpulver ins Feuer und verglühte in einer zischenden Funkenentladung.

Professeur Fixus ging herum und besah sich die Resultate. Sie murmelte was von Bonuspunkten und Strafpunkten, je nach dem, wie der Trank in der Endform aussah. Laurentine wollte ihr Produkt heimlich auskippen, doch Bernadette rief die Lehrerin und wies sie darauf hin. Julius fand das zwar nicht kameradschaftlich, aber Laurentine hätte sich dadurch bestimmt nicht aus der Affäre ziehen können, fand er auch.

"Nichts da, Mademoiselle Hellersdorf. Wenn Sie behaupten, und zwar schon das dritte Jahr in Folge, daß Sie nichts magisches zu Stande bringen, dann wird Ihnen ja nichts passieren, wenn Sie diesen Trank probieren. Für den Versuch, ihn unerlaubt fortzukippen bekommen Sie noch mal zwanzig Strafpunkte. Ich fürchte, das werde ich Ihrer Saalvorsteherin melden müssen, da ich weitergehende Strafen nur in Absprache mit ihr verhängen kann. Mademoiselle Lavalette erhält zwanzig Bonuspunkte wegen rechtzeitigm Hinweis auf unterrichtsgefährdendes Verhalten."

"Das Zeug ist eine Giftbrühe", widersprach Laurentine Hellersdorf. "Das werde ich nicht trinken."

"Ist vielleicht auch nicht nötig", sagte Professeur Fixus, die Bernadettes zufriedenes Grinsen ignorierte. Sie nahm einen Schöpflöffel, tunkte ihn kurz in die Brühe in Bébés Kessel und kippte den damit ausgeschöpften Trank einfach so über Laurentines Haar aus. Diese schrie wohl eher vor Schreck als vor Schmerz auf und sackte dann immer mehr zusammen. Nein! Sie schien von oben her breitgedrückt zu werden, wie ein luftarmer Fußball, auf den jemand drauftritt, meinte Julius. Das Gebräu mußte Bébés Körper in eine zähflüssige Masse verwandelt haben, stellte der Sohn eines Chemikers und einer Computerprogrammiererin mit Entsetzen in den Augen fest. Er sah sich um. Er war nicht der einzige, dem blankes Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand. Fast alle, außer Bernadette Lavalette, die unverholene Schadenfreude zur Schau trug, starrten auf Laurentines Körper, der sich mehr zu einer großen Qualle verformte, Das Gesicht oben schwimmend, die Haare im halbfesten Leib verschwindend. Es dauerte nur zehn Sekunden, da breitete sich über den Stuhl und drei Meter Umkreis auf dem Boden eine gerade so zusammenhängende, gallertartige Masse aus. Sie zuckte ein wenig, pulsierte. Alle schienen wie festgefroren, als sie auf das Gebilde starrten, das da auf dem Boden und dem Stuhl hockte.

"Dies noch mal und hoffentlich für alle Zeiten gültig, Mesdemoiselles et Messieurs: Zaubertränke sind eine ernste und sehr exakte Wissenschaft, die alles übertrifft, was in der Muggelwelt als Wissenschaft gilt. Wer sich da vertut oder gar absichtlich was verfälscht, kann sehr schreckliche Konsequenzen erfahren. Ich werde den Viskositätsverstärkungsprozess wieder umkehren. Dazu brauche ich nur den wohl allen als verunglückten Trank erkennbaren Inhalt von Mademoiselle Hellersdorfs Kessel und eine universelle Gegenlösung, die von der internationalen Plattform von Zaubertrankbrauern als Umkehrer verunglückter Körperänderungszaubertränke benutzt freigegeben wurde, sofern der Auslöser des Unglücks verfügbar ist."

Professeur Fixus schöpfte noch mal etwas aus Laurentines Kessel. Das quallenartige Gebilde, in das Laurentine sich verwandelt hatte, pulsierte wild, tat jedoch nichts weiteres. Die Lehrerin füllte den Inhalt des Schöpflöffels in einen kleinen Glaskolben, maß den Füllstand und holte eine kleine blaue Flasche aus ihrem Umhang. Daraus schüttete sie vorsichtig eine giftgrüne Flüssigkeit in den Glaskolben, worauf das Gebräu zu schäumen und zu brodeln begann, bis es sich in eine gelbliche durchsichtige Flüssigkeit verwandelt hatte. Die Lehrerin schwenkte den Glaskolben vorsichtig, wie ein Chemiker sein Reagenzglas, bis sich die Flüssigkeit fast glasklar verfärbt hatte. Dann trat sie zu dem verunstalteten Körper Laurentines hin und kippte den ganzen Inhalt des Glaskolbens über ihn aus. Gurgelnd und schmatzend blähte sich das flache runde Etwas, daß vor einigen Minuten noch ein leicht untersetztes Mädchen gewesen war, wie ein Luftballon auf. Es ruckelte etwas, als die den Boden überdeckende Masse sich zusammenzog und sich so vor und auf dem Stuhl verteilte, wie ein unförmiger, aus einer butterweichen Masse zusammengekneteter Mensch, bis dann mit einem Ruck Bébés Körper in seine feste Form zurückkehrte. Ansatzlos strömten Tränen aus den Augen der muggelstämmigen Schülerin.

"Sie sehen, was Sie da angerichtet haben, ist magisch wirksam. In Zukunft verbitte ich mir also jeden Einwand, Sie könnten das nicht und müßten es daher nicht vollbringen, Mademoiselle Hellersdorf", kommentierte Professeur Fixus ungerührt im Angesicht der in tränen aufgelösten Laurentine Hellersdorf.

"Jeder von Ihnen, dessen Trank ordnungsgemäß angerührt wurde, wird nun eine winzige Probe davon einnehmen, um die Wirkung zu erfahren."

Julius überwand sich, nahm einen kleinen Holzlöffel, tunkte ihn in den Kessel und kostete von dem Werk, das er angerührt hatte. Sogleich spürte er, wie seine ganze Haut straff und fest wurde, bis er sie nicht mehr spürte. Er sah an sich hinunter und merkte, daß er einen hauchdünnen glatten Hornpanzer auf den Händen, jedem Finger und den Armen besaß. Er faßte sich vorsichtig ins Gesicht und fühlte den harten, aber glatten Widerstand, den seine Haut nun bot.

"Der Trank vermittelt für einen vollen Tag eine sehr feste Hautschicht, gut geeignet zur Arbeit mit gefährlichen Pflanzen und Tieren. Er hat jedoch die Nebenwirkung, daß er den Körper immer stärker austrocknet. Daher trinken Sie von dieser Gegenlösung hier, um sich in den Ausgangszustand zurückzuversetzen!"

Die Schüler tranken von dem Gegenmittel und bekamen ihre gewöhnliche elastische weiche Haut zurück. Am Ende der Stunde gab die Lehrerin auf, über Schrumpflösungen nachzulesen. Dann entließ sie die Klasse, mit Ausnahme von Laurentine Hellersdorf.

Draußen vor der Tür machte jeder und jede, daß er oder sie schnell vom Kerker fortkam. Céline jagte Bernadette nach, die immer noch belustigt über Laurentines Fehlschlag grinste. Hercules, der in ihrer Nähe war, sah verstohlen seine Saalkameraden an. Offenbar hing er voll zwischen dem Bedürfnis, bei Bernadette zu bleiben und einem schlechten Gewissen, weil er sie nicht im Namen der Grünen zur Ordnung rief, fand Julius. Er sah so genau auf Céline und Bernadette, daß er nicht merkte, wie Caro und Mildrid neben ihm auftauchten.

"Du arrogantes Biest, konntest es nicht verbergen, wie toll es für dich war, daß eure Saalvorsteherin Bébé so mies behandelt hat, wie?! Schrie Céline mit wutrotem Gesicht und geballten Fäusten auf Bernadette ein. Diese fuhr herum, trat von Hercules fort, sah Céline spöttisch an und tönte:

"Wie, ich? Eure Muggelbrütige wollte das doch selbst so haben. Die hätte doch den Trank so brauen können, wie es der Engländer vorgebetet hat. Hat ja merkwürdigerweise gepaßt. Aber nein, dieses Muggelflit..." Schepper! Céline hatte ihren großen Kessel fallen gelassen. Klatsch! Klatsch! Landete auf jeder Wange Bernadettes eine schallende Ohrfeige. Alle standen unvermittelt still, wie mit einem Bewegungsbannzauber belegt. Bernadette rang darum, den aufkommenden Schmerz nicht offen zu zeigen. Sie starrte Céline mit einer Mischung aus Wut, Überraschung und Erniedrigung an, während Célines Handabdrücke als rote Schwellungen auf den Wangen der Roten hervortraten.

"Du schlägst mich?" Zischte Bernadette ungläubig und zornig zugleich.

"Einem Esel bringt man nur Manieren bei, wenn man ihn schlägt", fauchte Céline.

"Bernie, nicht!" Rief Hercules. Doch Bernadette stürmte vor und wollte Céline mit den Fäusten heimleuchten. Da tauchte der Geist des einarmigen Henkers auf und glitt genau zwischen den beiden Streithennen durch, die erschrocken und angewidert zurücksprangen. Hercules ergriff die Chance, Bernadette mit den Armen zu umschlingen und sie so von einem neuen Angriffsversuch abzuhalten.

"Verdirb dir nicht deine Bonuspunkte, Bernie!" Sprach er beschwörend auf sie ein, während der Geist des Henkers bedrohlich das Beil schwingend an den Schülern vorbeischwebte und in einen Quergang einbog, der zu einem anderen Kerker führte.

"Das braucht Mademoiselle Bin-keine-Hexe zwischendurch", flüsterte Mildrid Julius ins Ohr. Er erschrak, weil er jetzt erst bemerkte, daß links und rechts jemand stand. Er sah auch Caro, die leicht betreten dreinschaute. Dann ging der große Apollo Arbrenoir zu Hercules und pflückte Bernadette aus dessen Umarmung.

"Lass gut sein, Hercules. Eure Verweigerin ist das nicht wert, daß Bernadette Céline zusammenschlägt. Ich kann zwar verstehen, daß Céline sie als Kameradin verteidigt, aber mit ihr befreundet zu sein, das stelle ich mir schwer vor. Bitte komm mit uns, Bernadette. die regen sich schon wieder ab!" Widerstandslos ließ sich Bernadette von Apollo fortführen.

"Das war ja noch grausamer als ... aber lassen wir das", bemerkte Julius. Claire trat zu Céline hin und sprach leise zu ihr. Mildrid sagte nur:

"Wenn die es nicht lernen will, kriegt die das so. Du bist auf jeden Fall sehr gut beschlagen in Zaubertränken. Aber sonst hättest du wohl auch den Pflegehelferschlüssel nicht um, den Martine auch hat."

"Hups, den habe ich gestern nicht gesehen. Aber wenn die den auch am Bein trägt", erwiderte Julius.

"Gib nichts auf Bernies Gerede. Die war in den letzten beiden Jahren die Beste in Zaubertränken und hat das gerne raushängen lassen. Das du aus England kommst ist für sie nur eine Ausrede, sich über dich zu muckieren, weil du vielleicht ihren Rang streitig machst", sagte Caro Renard.

"Na klar, ich bin in diese Schule gekommen, um Leuten den Rang worin auch immer abzulaufen", gab Julius verärgert zur Antwort.

"Nein, du bist hier, weil Professeur Faucon meinte, daß du hier besser lernst als in Hogwarts", warf Mildrid ein. Der ehemalige Hogwarts-Schüler stutzte und sah die jüngere Schwester der Saalsprecherin der Roten verwundert an.

"Wer hat dieses Gerücht losgelassen?" Fragte er nur.

"Glaubst du denn, die Saalsprecher und sprecherinnen hätten vor der Rückkehr keine Eulen verschickt? Natürlich hat sich die Fehlbesetzung bei euch mit meiner Schwester ausgetauscht, wie auch mit Seraphine, Belle, Francine und Nicole. martine teilte mir mit, daß die Faucon dich wohl gezielt auf Beauxbatons eingeschworen hat und sich wohl sehr viele Gedanken um dich macht. Aber das wird nicht heißen, daß du hier anders behandelt wirst als andere. Am besten biegt das jemand noch Bernie bei, daß du nicht ihr Feind bist."

"Das machst dann besser du, weil deine Schwester sie zu einer Abwehrhaltung anhalten könnte", sagte Julius.

"Wenn sich die Zeit findet. Was machst du heute noch?"

"Hausaufgaben mit uns", drängte sich Claire in die Unterhaltung und zog Julius einfach mit seinem Kessel fort.

"Euer Fluglehrer will mich fliegen sehen, Claire. Ich muß meinen Besen holen", sagte Julius, als er den beiden Mädchen aus dem roten Saal noch ein Abschiedswort zugerufen hatte. Claire nickte.

"Ich werde mich bei ihm für die Soziusflugstunden anmelden. Dann sehe ich ja, ob Jeanne und Barbara ihren Willen kriegen."

"Ich denke so schnell nicht. Ihr habt doch gute Spieler in Reserve", sagte Julius. Claire nickte.

So holten sich Claire und der neue Drittklässler aus England ihre Besen und liefen hinunter zum Quidditchfeld, wo ein stämmig aussehender Zauberer mit glattem schwarzem Haar in einem orangeroten Umhang mit diversen Abzeichenstand, von denen einige fliegende Besen zeigten und eines eine geschlechtslos dargestellte Figur, die einen Pokal hochhielt. Er begutachtete mit seinen dunkelbraunen Augen die sieben Erstklässler des grünen Saales und die neun Erstklässler des weißen Saales, die wohl zusammen Flugunterricht hatten. Er brüllte zwischendurch herum, weil ein Schüler leichtsinnig mit seinem Besen herumschlenkerte und trieb einige zu noch schnellerem Flug an, wenn er der Meinung war, daß sie das schon besser konnten. Julius sah, wie Marie van Bergen, die muggelgeborene Erstklässlerin aus seinem Saal, etwas verhalten herumflog, während die anderen sich schon mehr zutrauten. Irgendwann pfiff der Fluglehrer auf einer silbernen Trillerpfeife und befahl die Landung. Hierbei zeigte sich, daß einige Schüler früher schon geflogen waren, andere heute zum ersten Mal auf einem Besen gesessen hatten. Als alle mehr oder weniger sanft gelandet waren, befahl der Lehrer sie noch mal zu sich und ließ irgendwelche Kommentare fallen. Dann schickte er die Schüler vom Übungsplatz. Claire und Julius warteten, bis ihre jüngeren Schulkameraden fort waren, bevor sie mit geschulterten Besen zum Quidditchstadion hinübergingen, wo in diesem Moment auch Caro Renard, Mildrid Latierre, Bernadette Lavalette, die Descartes-Zwillinge, Belisama Lagrange, Sandrine Dumas und drei Mädchen aus den Klassen drei und vier der Blauen ankamen. Jungs sah Julius da keine.

"Die wollen doch nicht alle den Soziusflug üben", meinte der ehemalige Hogwarts-Schüler. Dann kamen auch noch Céline und ein Mädchen aus dem violetten Saal.

"Doch, die sollen sich, so die Bekanntmachung an Professeur Dedalus' Bürotür, heute nachmittag einfinden, um zu klären, wann wer Übungsflüge machen kann", sagte Claire.

"Aber der wollte mich doch gleich fliegen sehen. Das wäre doch Zeitverschwendung, wenn der erst mich und dann euch oder erst euch und dann mich drannimmt."

"Für ihn bestimmt nicht", warf Céline ein, die gerade auf Hörweite herangekommen war. Sie begrüßte Julius und stellte ihn dem Mädchen aus dem violetten Saal vor, einer Isadore Pierre. Diese sah Julius an und lächelte.

"Ich dachte, du hättest deinen Soziusflugschein schon. Ich habe dich in Millemerveilles doch mal mit Claire fliegen gesehen, als ich bei Großonkel Edmond war."

"Edmond Pierre? Der ist dein Großonkel?" Erwiderte Julius eine Gegenfrage und besah sich die Schülerin aus dem violetten Saal, die wirklich gewisse Ähnlichkeiten mit dem Dorfrat für Sicherheitsangelegenheiten in Millemerveilles hatte. "Ja, ich habe die Flugerlaubnis schon."

"Die Anwärter für den Soziusflugunterricht zu mir!" Rief der Lehrer im orangeroten Umhang befehlsgewohnt wie ein Ausbilder in der Armee. Claire, Céline und Isadore verabschiedeten sich schnell von Julius und eilten zu dem Lehrer hinüber. Julius fühlte sich im Moment wie bestellt und nicht abgeholt. Er besah sich das Quidditchstadion und konnte keinen Unterschied zu dem in Hogwarts feststellen. Es kribbelte ihn in Armen und Beinen, seinen Besen zu besteigen und mal eine Runde über dem Feld zu drehen. Doch er wußte, daß hier in Beauxbatons kein Schüler was unter den Augen eines Lehrers anstellte, ohne dazu die Erlaubnis bekommen zu müssen. So wartete er zehn Minuten, in denen der Lehrer einzelne Schülerinnen einige Runden und schnelle Manöver fliegen ließ, um sie dann zu beurteilen, ob sie den Unterricht für Soziusflug mitmachen durften oder nicht. Dabei fielen einige Raus, darunter die drei Blauen, Bernadette und Isadore. Das sah Julius daran, daß der Lehrher sie unmittelbar nach der Landung mit einem Kopfschütteln und einer entlassenden Geste vom Platz schickte. Bernadette rannte förmlich davon, wutrot im Gesicht. Julius, der sich nicht sicher war, ob dieses Mädchen nicht irgendwie schlecht auf ihn zu sprechen war, verhielt sich völlig unauffällig. Irgendwann war der Lehrer mit der Vorauswahl durch und entließ die die übriggeblieben waren. Der neue Beauxbatons-Schüler sah, daß die Mädchen regelrecht glücklich waren. Besonders Claire, Belisama, Mildrid und Caro sahen so aus, als hätten sie das schönste Geschenk ihres Lebens bekommen. Claire suchte und fand Julius und eilte auf ihn zu. Wie in einem unsichtbaren Schleppnetz von ihr schwenkten die übriggebliebenen Anwärterinnen auf ihren Weg um und liefen ihr nach.

"Ich darf, ich darf, ich darf!" Rief Claire und Fiel Julius ansatzlos um den Hals. "Wenn ich das hinkriege, feiern wir zusammen die Walpurgisnacht", flüsterte sie Julius zu, während sie ihn umklammerte. Dann ließ sie von ihm ab und trat bei Seite.

"Dedalus fragte schon, ob du schon da bist. Geh am besten gleich zu ihm", sagte Céline, die freudig strahlte, daß sie auch die Soziusflugprüfung machen konnte.

"Bernadette hat wohl heute einen schlechten Tag erwischt", meinte Julius vorsichtig zu Caro und Mildrid.

"Die soll sich nicht so anstellen, nur weil sie heute nicht ausgewählt wurde. Professeur Dedalus hat ihr und den anderen gesagt, sie mögen zwischendurch noch Landungen und schnelle Wenden üben, dann könnte er sie im zweiten Halbjahr unterrichten", sagte Mildrid Latierre.

"Was aber heißt, daß sie dann die Walpurgisnacht nicht mit einem Flugpartner feiern darf", gab Caro gehässig zur Antwort. Irgendwie sah sie nun genauso schadenfroh aus, wie Bernadette vorhin im Zaubertrankunterricht, als Laurentine mit ihrem vermurksten Zaubertrank behandelt worden war.

"Monsieur Andrews, zu mir!" Bellte Professeur Dedalus unüberhörbar seinen Befehl über den Quidditchplatz.

Julius verabschiedete sich von den Mädchen und eilte mit seinem Sauberwisch 10 zum Stadion hinüber, wo Professeur Dedalus ihn erwartete.

"Ist das Ihr eigener?" Fragte er statt einer Begrüßung und deutete auf den Besen von Julius. Der aus England zugereiste Beauxbatons-Schüler nickte bestätigend.

"Ich kenne nur Ganymeds und Superbos. Soll der was taugen?" Fragte der Lehrer, immer noch auf den Besen deutend.

"Wieso nicht?" Fragte Julius etwas ungehalten zurück. Er hatte die Franzosen, auch die Hexen und Zauberer, als höfliche Leute kennengelernt, die einen erst begrüßten und sich mit Namen vorstellten.

"Keine Unverschämtheiten, klar?!" Entgegnete der Zauberer im orangeroten Umhang. "Aufsteigen! Einige Runden Fliegen und dann manövrieren nach Anweisung!" Kommandierte er dann noch.

Julius sah, daß Jeanne, Barbara und Edmond angelaufen kamen und sich in der Nähe aufstellten. Auch Claire, Caro und Mildrid waren näher herangekommen.

"Entschuldigung, Monsieur. Aber bevor ich hier irgendwelche Anweisungen ausführe, möchte ich nur wissen, wer Sie sind?" Begehrte Julius vorsichtig auf, weil er keine Lust hatte, sich von jemandem, der sich ihm nicht vorgestellt hatte, wie ein stumpfsinniger Befehlsempfänger herumkommandieren zu lassen.

"Wie bitte?! Sie steigen sofort auf den Besen und ...!"

"Aeolos, der junge Mann möchte nur sichergehen, keinem Hochstapler aufgesessen zu sein", kam eine andere strenge Stimme von hinten. Julius wandte kurz den Kopf und sah Professeur Faucon, die zwischen ihm und den in respektvollem Abstand wartenden Mädchen stand.

"Ich dachte, derartige Überflüssigkeiten wären nicht nötig, Blanche. Hier kennt doch jeder jeden. Aber gut, ich bin Professeur Aeolos Dedalus, Lehrer für den Flug auf Besen, Verantwortlicher für die schuleigenen Sportstätten und Schiedsrichter des schuleigenen Quidditchturniers. So, und nun machen Sie sich gefälligst auf den Besen, bevor Sie zu den fünf Strafpunkten noch weitere kriegen!"

"Weil ich gefragt habe, wer Sie sind?" Wunderte sich Julius und lief ein wenig rot an, jedoch nicht vor Verlegenheit.

"Verweigerung eines eindeutigen Befehls, durch Verzögerung", gab der Fluglehrer bekannt. Professeur Faucon schwieg dazu. Offenbar mußte sie überlegen, ob ihre Stellung es rechtfertigte, einem anderen Lehrer seine Strafberechtigung streitig zu machen. Julius hingegen stieg auf seinen Besen und flog damit die angewiesenen Übungsrunden, was kein Problem war, da er ja erst vor anderthalb Wochen richtig trainiert hatte. Weil dem Fluglehrer das wohl zu langweilig war, befahl er schnelle Wenden, Bremsungen, Auf- und Abstiegsmanöver, Rollen um verschiedene Achsen und Wellen auf- und abwärts.

"Landung im Mittelkreis!" Bellte Dedalus einen Befehl nach oben. Julius bremste so stark wie möglich, weil er gerade auf dem Weg zum Mittelkreis war und ging in einem gut kontrollierten Sinkflug hinunter und setzte punktgenau auf.

"Fliegen Können Sie, junger Mann. Aber die Kapitänin von Saal Grün hat Antrag auf Einbeziehung in die Mannschaftsübungen und Mannschaftseinbeziehung gestellt. Dann werden wir doch mal sehen, ob Sie diese Ehre verdienen."

Professeur Dedalus holte eine große Kiste herbei, aus der er erst einen scharlachroten Ball, den Quaffel, holte und ihn schwungvoll nach oben warf. Dann stieg er selbst auf einen Ganymed 8 und flog auf, um mit Julius einige Zuspielübungen zu machen, was im Wesentlichen hieß, daß er den Quaffel nie punktgenau zu dem neuen Drittklässler passte, sondern ihn möglichst unter oder über ihm durchzuwerfen versuchte. Doch Julius, der dachte, daß er für jeden nicht gefangenen Paß Strafpunkte kassieren würde, hechtete, tauchte, warf sich herum und schlug Loopings, um den Quaffel noch früh genug zu kriegen. Er selbst warf den roten Spielball gezielt zum Fluglehrer zurück, der ihn wie im Vorbeigehen annahm und dann wieder einen weiten Abwurf hinlegte, den der ehemalige Hogwarts-Schüler nur knapp erreichte. Nach fünf weiteren Minuten war es dem Lehrer genug. Er landete. Als Julius auch landen wollte, bekam er ein sehr unmißverständliches "obenbleiben!" zu hören und ging in eine Kreisbahn über der Feldmitte.

Wie kinderkopfgroße Kanonenkugeln schossen eins, zwei, drei, ja vier schwarze Bälle, Klatscher, aus der Holzkiste und jagten Julius entgegen, dem einzigen fliegenden Ziel, auf das sie mit schnellen Zickzack-Bewegungen zurasten.

"Vier Stück, Aeolos?" Fragte Professeur Faucon noch. Doch was der Fluglehrer antwortete, nahm Julius' Gehirn im Moment nicht auf, da es damit beschäftigt war, seinem Besitzer aus der Gefahr herauszuhelfen, die das Anschwirren von doppelt so vielen Klatschern wie nach den Quidditchregeln darstellte. Der Bedrohung, von zwei der gefährlichen Bälle in die Zange genommen und beidseitig getroffen zu werden, entging Julius durch einen Sturzflug, bei dem die Besenspitze genau senkrecht zum Boden stand. Durch eine schnelle drehung um die waagerecht zum Boden verlaufende Achse bekam Julius den Besen mit dem Schweif nach unten und jagte ihn im Rosselini-Raketenaufstiegsmanöver senkrecht nach oben zurück. Krachend prallten zwei Klatscher zusammen und sprühten dabei Funken. Sie taumelten erst, wie zwei zusammengerannte Fußballspieler, schwirrten dann aber wieder drauf los, um sich erneut auf Julius zu stürzen. Dieser suchte alle Bälle mit den Augen und entschied sich dafür, sie zum Aufstieg zu bewegen, um dann schnell über sie weg und nach unten zu tauchen. So stieg er in einer engen Spirale aufwärts, wartete, bis die schwarzen Bälle knapp unter ihm ankamen und setzte mit einem Sprungmanöver nach Springfeld über zwei der vier Klatscher weg, duckte sich unter dem dritten durch und stürzte sich dann in die Tiefe. Der Pulk von Klatschern löste sich auf, wenngleich die Klatscher nicht genau hinter Julius herflogen, sondern nur in die grobe Richtung schwirrten, in die er abgetaucht war. Es dauerte ein wenig, bis sie soweit abgesunken waren, daß sie auf derselben Flughöhe wie der ehemalige Hogwarts-Schüler waren. Julius schlüpfte kurz durch einen der Torringe, ließ einen ihm verfolgenden Klatscher krachend an den oberen Rand des Ringes prallen und sauste im schnellen Schlängelflug über das Feld zurück, wobei er darauf achtete, nicht mehr als zwei Klatscher zur selben Zeit an sich heranzulassen. Sein Herz raste schon, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn und verstärkte die Wirkung des scharfen Flugwindes. Julius glaubte, oben in einem Kühlschrank und am restlichen Körper in einem Backofen zu stecken. Doch er spielte seine Tricks und Manövrierfähigkeit aus, sodaß er nach weiteren fünf Minuten immer noch unversehrt herumflog, während ein Klatscher wegen Anrämpelns durch einen seiner harten Brüder regelrecht abgeschossen und zum Absturz gebracht wurde. Der Übeltäter hing für einige Sekunden in der Luft, bevor er wieder in Fahrt kam.

"Auf dreißig Meter gehen!" Rief Professeur Dedalus. Julius tat dies unverzüglich, indem er erneut den Rosselini-Raketenaufstieg anwendete und zehn Meter über den Torringen anhielt und auf eine erneute Kreisbahn ging, während der Fluglehrer mit einem großen Schleppnetz am Besen aufflog und die herumfliegenden Klatscher damit einfing, die wie Fliegen im Spinnennetz in den silbrigen Fäden des Netzes klebenblieben, bis alle vier schwarzen Bälle eingesammelt waren. Damit landete der Fluglehrer und befreite nacheinander die Bälle, nur um sie in die Holzkiste zurückzuzwingen.

"Der wird mich doch nicht gleich noch suchen lassen", dachte Julius. Sucher war nie sein Ding beim Quidditch gewesen. Er bevorzugte das Mannschaftsspiel. Doch Professeur Dedalus ließ ihn nicht den goldenen Schnatz suchen. Er holte den Quaffel wieder heraus und befahl, Julius möge sich vor den dem Palast zugewandten Torringen bereithalten.

Die nächsten fünf Minuten mußte Julius, der oft als Fußballtorwart gespielt hatte, ihm geltende Torwürfe des Lehrers abfangen, wobei Dedalus ihn oft auszutricksen schaffte. Als die fünf Minuten rum waren, durfte Julius schließlich landen.

"Mademoiselle Dusoleil hat beantragt, sie in das Jägertraining und die Mannschaftsaufstellung einbeziehen zu dürfen. Normalerweise prüfe ich bei einem älteren Flieger, ob er auch suchen kann. Aber ich gehe davon aus, daß Mademoiselle Dusoleil weiß, warum sie bestimmte Positionen anmerkt." Julius sah keine Regung in Jeannes Gesicht oder dem von Edmond, die dem Prüfungsvorgang zugesehen hatten. Dann sah er Professeur Dedalus an, der sagte: "Ich darf Ihnen hiermit verkünden, daß Sie die Erlaubnis haben, am Quidditch in Beauxbatons teilzunehmen. Ich merke jedoch an, daß die Vereinbarung siebenundzwanzig der schuleigenen Quidditchbestimmungen gilt, wonach ein aktiver Quidditchspieler nur Besen verwenden darf, die von der französischen Quidditchvereinigung ordnungsgemäß beim Amt für magische Spiele und Sportarten angemeldet und von diesem zugelassen wurden. Ihr Besen ist leider nicht auf der Liste der zugelassenen Quidditchbesen. Sollten Sie also am aktiven Übungsverlauf teilnehmen oder gar in die Mannschaft für die offiziellen Spiele aufgenommen werden, haben Sie sich einen zulässigen Besen zu erwählen oder erhalten für sich 100 Strafpunkte für jede Mißachtung dieses Gebots und negieren jeden gewonnenen Punkt der Mannschaft ihres Saales. Will sagen, wenn ich Sie mit diesem ausländischen Besen hier bei Übungen oder bei gültigen Partien antreffe, bekommt Ihre Mannschaft keinen Punkt zuerkannt. Verstanden?!"

"Schweinehund", dachte Julius nur für sich. Mit irgendsowas hatte er irgendwie gerechnet. Aber das dieser Drilloffizierstyp von Fluglehrer eine gültige Regel heranziehen konnte, hätte er nicht gedacht.

"Moment, Professeur Dedalus. Die am 3. Juli 1957 von den Zaubereiministern Europas, Amerikas und Asiens ausgehandelte Regelung für internationale Sportereignisse besagt, daß ein Besen in einem Lande als zugelassener Quidditchbesen gilt, sofern er in einem der dem Vertrag beigetretenen Länder bereits zugelassen wurde", wandte Jeanne sehr mutig ein. Professeur Faucon und Edmond sahen sie ruhig an.

"Diese Regel gilt für professionellen Sport, Mademoiselle. Sie haben vielleicht nicht die Begründung für die Vereinbarung 27 gelesen, die darauf basiert, daß vor 15 Jahren, nachdem die Ausbildungsabteilung den Beschluß aus England mit übernommen hat, daß Schüler ab der zweiten Klasse eigene Besen besitzen und benutzen dürfen, Leute aus Amerika überzüchtete Hochgeschwindigkeitsbesen einzuführen versuchten, was die spielerische Qualität verwässerte, weil die einen ausländische Besen hatten und die anderen die bewährten französischen Fertigungen nutzten. Beauxbatons hält sich also nicht an diese Übereinkunft von 1957, und damit basta!" Verkündete Professeur Dedalus mit unerschütterlicher Miene.

"Will sagen, daß Julius sich einen Ganymed oder Superbo oder einen Besen der Cyrano-Express-Reihe zulegen muß, wenn er mitspielen soll?" Fragte Jeanne.

"Genau!" Stieß der Fluglehrer kalt und scharf wie eine Schwertklinge aus. "Und damit, Frau Kollegin, Mademoiselle und Messieurs, ist die Anschauung abgeschlossen."

Ohne weiteres Wort, wie "Auf Wiedersehen" oder "Schönen Tag noch!" marschierte der Fluglehrer vom Quidditchfeld fort, für die anderen das wortlose Signal, ebenfalls im wahrsten Sinne das Feld zu räumen.

"Mist verdammt!" Fluchte Julius zwar leise und auf Englisch, aber noch zu laut für Professeur Faucon.

"Monsieur Andrews, das sind einmal zehn Strafpunkte wegen unflätiger Wortwahl und noch mal zehn wegen Mißachtung der Bestimmung sieben der Schulordnung, der nach die Schulsprache Französisch ist. Ich ging davon aus, daß Sie sich zu beherrschen verstehen. Enttäuschen Sie mich ja nicht!"

"Ich habe mir sowas gedacht, daß Professeur Dedalus mit dieser Regelung kommt. Dein Sauberwisch ist seinem und meinem Besen überlegen", kommentierte Jeanne das, was der Fluglehrer verkündet hatte.

"Ja, aber die Leute, die mir den geschenkt haben, haben doch viel Geld ausgegeben, damit ich damit auch spiele. Soll ich den jetzt in die Ecke stellen oder was?" Fragte Julius.

"Erst einmal folgen Sie mir, Monsieur Andrews", bestimmte Professeur Faucon unerschütterlich. Jeanne nahm Julius' Besen an sich und ging mit Claire und den anderen in den weißen Palast zurück, der jetzt, wo Julius wegen seines Besens runtergeputzt worden war, wieder mehr wie ein Gefängnis auf ihn wirkte. Sicher, wenn er in Hogwarts mit einem Ganymed angerückt wäre, und es hätte im letzten Jahr ein Quidditchturnier gegeben, hätte Madame Hooch ihn vielleicht auch deswegen angepampt, daß er gefälligst einen britischen Besen zu benutzen habe. Die Franzosen, so wußte er, waren mehrheitlich genauso nationalstolze Leute wie die Engländer oder Amerikaner. Sein Vater hatte diese Haltung, nur eigene Produkte zu erlauben und ausländische Sachen auszuschließen als Protektionismus bezeichnet, was, was die eigenen Hersteller am Leben halten konnte, obwohl es im Ausland bessere Sachen zu kaufen gab.

Der erst vor anderthalb Wochen zum Beauxbatons-Schüler erklärte Jungzauberer folgte seiner Saalvorsteherin und Mutter seiner offiziellen Fürsorgerin zu ihrem Büro. Vor der Tür stand Bernadette Lavalette mit Martine Latierre und Barbara Lumière. Bernadette wirkte sehr erzürnt, wie eine Prinzessin, der man die Ehrerbietung verweigert hatte. Martine, das große rotblonde Mädchen aus dem roten Saal und Mildrids Schwester, sah mit einer wächsernen Miene auf die Saalvorsteherin der Grünen, während Barbara von ihr zu Bernadette blickte.

"Guten Tag, Mesdemoiselles! Haben Sie einen Termin bei mir?" Begrüßte Professeur Faucon die drei Mädchen.

"meine Saalmitbewohnerin trug vor einer halben Stunde eine Beschwerde an mich heran, eine Schülerin aus Ihrem Saal habe sie tätlich angegriffen, Professeur Faucon", gab Martine im Stile eines distanzierten Beamten Auskunft. Bernadette nickte nur, sagte jedoch kein Wort.

"Gut, das müssen wir dann wohl jetzt klären. Warten Sie hier vor der Tür, Monsieur Andrews!"

"Der war dabei und hat's gesehen", bemerkte Bernadette und deutete mit dem Finger auf Julius. Da wußte Julius, worum es ging.

"Ich wies ihn jedoch an, vor der Tür zu warten, Mademoiselle Lavalette", fuhr die Verwandlungslehrerin dazwischen und öffnete die Tür ihres Büros. Mit schnellen Gesten trieb sie Barbara, Martine und Bernadette hinein und schloß die Tür. Julius trat von der Tür zurück, weil er nicht lauschen wollte. Auf dem Türschild erschien durch Zauberhand der rote Schriftzug: "Bitte nicht Stören, außer in dringenden Fällen!"

Julius sah bequeme Stühle im Gang stehen, wie vor einer Amtsstube. Er setzte sich so weit wie möglich von der Tür weg.

Ein Zauberer in mitternachtsblauem Umhang, dessen bleiches Gesicht den Anschein erweckte, sehr wenig Sonne abbekommen zu haben, schritt durch den Gang. Julius erkannte ihn als Professeur Paralax, den Astronomielehrer.

"Schönen guten Tag, Monsieur Andrews", wünschte der Zauberer. Julius erwiderte höflich den Gruß.

"Haben Sie einen Termin bei Professeur Faucon?" Fragte Professeur Paralax mit einer leisen dunklen Stimme. Julius nickte verhalten und sagte:

"Sie hat mich vom Quidditchfeld mit hergenommen. Wahrscheinlich möchte sie mir noch etwas mitteilen oder mich zu irgendwas befragen, Professeur."

"Dann ist etwas dazwischengekommen, mutmaße ich, da Sie ja hier alleine ausharren müssen."

"Genau", erwiderte Julius.

"Nun, dann werde ich mich zu einem späteren Zeitpunkt wieder hier einstellen, in der Hoffnung, dann meine Kollegin außerhalb terminlicher Hektik anzutreffen. Wir sehen uns dann am Donnerstag, wenn ich richtig orientiert bin."

"Hmm, stimmt, Professeur Paralax", erwiderte Julius. Der Astronomielehrer nickte und ging davon.

Zehn Minuten später verließen die drei Mädchen das Sprechzimmer von Professeur Faucon. Barbara hielt einen Zettel in Händen, auf den sie mißmutig starrte. Bernadette grinste überlegen, als habe sie einen Kampf oder ein Spiel haushoch gewonnen, während Martine Latierre beruhigt dreinschaute und ihre jüngere Mitschülerin vorantrieb.

"Monsieur Andrews, bitte eintreten!" Rief Professeur Faucon von drinnen. Julius ging in das Sprechzimmer und schloß die Tür.

Auf dem großen Schreibtisch standen eine Teekanne und zwei Untertassen und Tassen, sowie ein Zuckerstreuer. Julius nahm das Angebot an, sich eine Tasse Tee einschenken zu lassen.

"Diese Mademoiselle Lavalette wollte haben, daß Sie bezeugen, daß Ihre Mitschülerin Céline Dornier sie geohrfeigt hat, ohne einen triftigen Grund dafür zu haben. Ich wollte Professeur Fixus ebenfalls zu dem Gespräch hinzuholen, finde sie jedoch nicht in ihrem Büro. Ich möchte nicht wissen, was im Zaubertrankunterricht vorgefallen ist, da ich das heute Abend am Lehrertisch erfahren werde. Worum es mir bei Ihnen geht: Wie Ihnen bekannt ist, gehöre ich ja zu dem Personenkreis, welcher Ihnen den britischen Rennbesen als Geburtstagspräsent zukommen ließ. Damals gingen wir ja nicht davon aus, daß Sie den Großteil Ihrer Schulzeit in den Mauern unserer Akademie zubringen werden, sonst hätten Madame Delamontagne, die Eheleute Dusoleil und ich uns damit durchsetzen können, Ihnen einen französischen Besen zu übereignen. Ihrem verbalen Ausrutscher zu Folge und dem, was Sie Ihrer Mitschülerin Jeanne Dusoleil gegenüber erwähnt haben, halten Sie das in die Anschaffung des Sauberwisch-Besens investierte Geld also für verschwendet, sofern Sie damit hier nicht zum Spiel antreten dürfen, zumal Die demoisellen Lumière und Jeanne Dusoleil Sie ja förmlich verplant haben. Sie hätten mir den Besen geben sollen, um ihn zu verwahren und sicherzustellen, daß Sie nicht gegen die von Professeur Dedalus erwähnte Vereinbarung verstoßen können. Ich werde ihn nachher beschlagnahmen." Julius schluckte und starrte die Lehrerin an. Beschlagnahmen hörte sich für ihn so an, als habe er den Besen verbotenerweise mitgebracht. "Ja, glauben Sie denn, ich ließe es zu, daß zum einen ein mir anvertrauter Schüler sehenden Auges Strafpunkte riskiert, oder daß die Mannschaft des grünen Saales de Jure kein Spiel in diesem Jahr gewinnen wird, wenn Sie daran teilnehmen, zum anderen aber zulasse, daß Sie nun, wo Ihnen diese Hürde gestellt wurde, auf die Teilnahme am Spielgeschehen verzichten? Ich habe Sie in Millemerveilles gesehen, Monsieur! Ich habe Sie eben gerade beobachtet. Die in Millemerveilles ansessigen Spieler der Saalmannschaften haben Sie vorbildlich eingestellt und gefördert. Es darf und wird nicht von mir hingenommen, daß diese in Sie investierte zeit und Energie vergeudet ist. Deshalb werde ich mit den für den Ankauf ihres britischen Besens verantwortlichen Personen in Verbindung treten und sie darüber informieren, daß Sie hier nicht auf ausländischen Besen spielen dürfen. Natürlich ist der Sauberwisch ihr persönliches Eigentum, und die Beschlagnahme, welche ich durchführe, nur von der Dauer, die Sie hier sind, bevor Sie in die Ferien fahren, um den Besen an Ihrem Wohnort sicher unterzustellen. Falls Sie dies jedoch wünschen, kann ich den Besen für Sie an Ihren Wohnort zurückschicken."

"Wie Sie meinen", grummelte Julius und sah immer noch so aus, wie ein unschuldig Verurteilter.

"Da Sie sich den Dienstag ja wegen des Quidditchtrainings freigehalten haben, haben Sie heute ja keine weiteren Freizeitaktivitäten mehr zu besuchen. Ich kann Sie also nun entlassen."

"Professeur. Ich weiß zwar nicht, auf was für einem ruckeligen Schulbesen ich hier trainieren oder mitspielen soll, aber mir wäre es lieber, ich brächte Ihnen den Besen, bevor das die Runde macht, daß Sie ihn beschlagnahmen müssen", sagte Julius schüchtern.

"Ist mir recht, wenn Sie ihn in den nächsten zehn Minuten beibringen habe ich kein Problem damit", sagte die Lehrerin mit dem Hauch eines Lächelns auf dem Gesicht. Die saphirblauen Augen musterten Julius noch mal gründlich, bevor sie sagte: "Dann sind Sie jetzt entlassen, Monsieur Andrews."

Julius verließ das Sprechzimmer und tippte sich an das silberne Armband, das er von Schwester Florence bekommen hatte. Sofort sah er einen Abschnitt der Korridorwand rosa flimmern. Er konzentrierte sich auf das grasgrüne Flimmern, daß er gestern im Büro von Schwester Florence gesehen hatte. Fast eine Sekunde später wechselte das Flimmern des Wandabschnitts vor ihm zu jenem grasgrünen Farbton. Julius schmunzelte. Er trat an das hervorgehobene Wandstück, drückte den weißen Schmuckstein des Armbandes dagegen und wurde von der damit aufgerufenen Magie durch die Wand gezogen und Direkt zwischen Barbara und Céline im Grünen Saal abgesetzt.

"Hups, da wäre ich ja fast in eine von euch reingerannt", erschrak Julius. Barbara sah ihn an. Ihr wutverzerrtes Gesicht wurde von einer freundlichen Miene abgelöst.

"Hat Schwester Florence dir das nicht erklärt, Julius?" Fragte Jeanne. "Dieses Wandschlüpfsystem wirft dich keinem entgegen. Der Zauber ist sehr sorgfältig ausgesteuert worden."

"Was hat Professeur Faucon über Dedalus' Einwand gesagt?" Erwiderte Barbara.

"Tja, das was der auch gesagt hat. Entweder einen Besen aus Frankreich fliegen oder nicht mitspielen dürfen. Mist Protektionismus, nur weil die Ganymeds den Sauberwischs unterlegen sind, wobei die Sauberwischs zu den Nimbus-Besen oder dem Feuerblitz ein Pappenstiel sind."

"Heheh, Julius! Meine Laune ist schon ganz unten, mach mich nicht noch wütend auf dich!" Fauchte Céline. Weil Julius sie sofort anglotzte, wie jemand, dem man was total unverständliches gesagt hat, fügte sie noch hinzu: "Mein Vater arbeitet in den Ganymed-Werken. Außerdem komt bald der Ganymed 10 auf den Markt. Da sind die verbliebenen Schwächen des Neuners ausgebügelt worden und neue Sachen mit drin."

"Gegen den Feuerblitz wird der trotzdem nicht ankommen. Aber was soll's. Dann spielen wir eben ohne mich."

"Glaube ich bestimmt nicht, Monsieur. Professeur Faucon hat sich Jeannes Angaben nach Notizen gemacht, bei denen du wohl gut bis sehr gut wegkamst. Außerdem weiß sie, was wir in Millemerveilles mit und aus dir gemacht haben. Hat die dir damals nicht den Besen besorgt?"

"Barbara, das muß nicht jeder wissen", flüsterte Julius hektisch zurück. Barbara nickte einverstanden. Dann sagte sie:

"Ich habe in fünf Tagen Geburtstag. Wenn ich das richtig sehe, kriege ich von meinen Eltern einen Ganymed 9 geschenkt, weil ich das letzte Jahr in der Quidditchmannschaft dabei bin. Sollte das wirklich so sein, daß du einen hier zugelassenen Besen nehmen mußt, kriegst du meinen Besen solange."

Julius' Ohren röteten sich. "Ich denke mal, die haben schuleigene Besen hier", wandte er ein, weil es ihm peinlich war, von anderen unerbetene Hilfe anzunehmen.

"Das bringst du nicht, Julius. Die haben hier nur vierzig Schulbesen. Ich denke mal, einige davon hast du heute nachmittag noch sehen können, weil die Kleinen damit herumgeflogen sind. Mit so einem läßt Jeanne dich nicht mitspielen, und nicht mitzuspielen, nachdem wir dich nun erfolgreich ausgebildet haben, wäre eine Beleidigung, und Beleidigungen mag hier keiner, was Céline?"

"Die paar Strafpunkte nehme ich auch noch hin, wenn ich dir sage, daß du dir diesen überheblichen Ton sonstwo hin stecken kannst, Barbara", fauchte Céline und zog sich zurück.

"Den Gefallen muß ich ihr wohl tun, weil Respektlosigkeit gegen die Saalsprecher nicht erlaubt ist", knurrte Barbara. Julius fragte, wo Jeanne sei. Barbara zeigte auf eine Sitzgruppe, wo Jeanne sich mit den Mädchen aus der ersten Klasse unterhielt, die wohl an diesem Vormittag Kräuterkunde zum ersten Mal gehabt hatte. Julius' Besen stand in der Ecke hinter Jeanne. Einige Jungen, die im Saal waren, sahen zwischendurch auf das englische Fluggerät, teils bedauernd, teils herablassend, teils angetan. Julius ging zu Jeanne hinüber und sprach sie an. Er flüsterte ihr zu, was Professeur Faucon ihm gesagt hatte. Sie nickte nur und ging mit ihm zu seinem Besen.

"Na, die zehn Minuten hast du durch das Wandschlüpfsystem gut ausgenutzt, Julius. Aber ich würde zurück auf dem üblichen Weg gehen. Schwester Florence hat ein Schreibgerät, das jede Benutzung am Tag mitschreibt. Einen Heimsprung gestattet sie pro Tag, aber keine ständige Benutzung."

"Habe ich mir schon gedacht. Ich wollte halt nur schnell wieder hier sein, Jeanne. Danke!" Sagte Julius und verließ auf dem üblichen Weg, durch die auflösbare und dann wieder fest verschließbare Wand des Eingangs den grünen Saal und trug den Besen zu Professeur Faucon zurück. Unterwegs begegnete ihm ein Geist, der vierte, den er hier zu sehen bekommen hatte. Es war eine Frau in einem langen Ballkleid mit Schleppe und viel klimperndem Schmuck. Allerdings besaß sie keinen Kopf zwischen den Schultern. Ihr perlweißer durchsichtiger Hals ragte ohne aufsitzendem Kopf aus dem fließenden Geisterstoff des Kleides. Julius wartete, bis sich der Geist blind und taub offenbar zu einer Wand voranbewegt hatte und darin verschwand.

"Interessante Typen spuken hier herum", dachte Julius. "Aber offenbar kein Poltergeist."

Der neue Beauxbatons-Schüler brachte Professeur Faucon den Besen und kehrte dann in den grünen Saal zurück, wo er sich mit Céline und Claire über die Vormittagsstunden unterhielt und Hausaufgaben machte.

Zum Abendessen trafen sich alle Schüler von Beauxbatons im Speisesaal. Laurentine fehlte. Ebenso war Professeur Fixus um sechs Uhr noch nicht erschienen. Marie van Bergen, das muggelstämmige Mädchen der ersten Klasse, sah Julius kurz an. Da sie aber den Schulregeln nach nicht einfach zu ihm hinübergehen durfte, beließ sie es nur beim hinsehen.

Erst um halb Sieben, als der zweite von fünf Gängen gereicht wurde, kam Bébé zusammen mit Professeur Fixus in den Speisesaal. Céline winkte sie zu sich. Sie begrüßte sie. Laurentine sagte jedoch kein Wort. Dies behielt sie auch bei, als Claire und Jasmine sie was fragten. Sie schüttelte nur den Kopf und wirkte verzweifelt. Julius konnte sich denken, daß Professeur Fixus ihr den Sprechbann aufgehalst hatte. Hercules, der rechts neben Julius saß, sah mitleidsvoll auf die Klassenkameradin.

"Das sie es nicht lernen will", sagte er. "Offenbar machen ihre Eltern mit ihr in den Ferien was, das alles wegmacht, was sie hier lernt. Ist das so üblich bei den Muggeln?"

"Kommt drauf an, wie die zur Zauberei stehen, Hercules. Mein Vater wollte mir auch das Hausaufgabenmachen vereiteln. Aber mich dafür woanders hinzuschicken, war dann doch ein Fehler von ihm. Wenn Bébé in den Ferien was absolut unzauberisches machen mußte, wird sie das eine oder andere wohl vergessen haben."

"Wie haben die in Hogwarts das mit dir denn gemacht?" Fragte Robert Deloire, der links von Julius saß.

"Bringt das was, das hier zu erzählen? - Aber gut! Die haben im ersten Jahr zugelassen, daß meine Eltern mir Muggelwissen aufgegeben haben. Ich sollte zusätzlich Bücher lesen, um in den Ferien daraus auswendig hersagen zu können. Dann haben die meine Eltern einmal eingeladen, sich die Schule anzusehen, allerdings erst sehr spät im Schuljahr, weil wir wegen so'nem Askaban-Ausbrecher von Dementoren umstellt waren."

"Ach du große Güte", stöhnte Hercules und sah so aus, als erwache er gerade aus einem höllischen Alptraum.

"Im zweiten Jahr", setzte Julius mit ruhiger Miene und Betonung sprechend fort, "haben die das meinen Eltern nicht mehr erlaubt, mir Muggelzeug zum lesen zu schicken. Aber ansonsten haben die mich nicht so hart getadelt, weil meine Eltern so drauf waren. na gut, ich habe ja auch gelernt, daß es Blödsinn wäre, zaubern zu können und das dann nicht zu lernen."

"Stimmt ja auch. Deine Eltern waren doch weit weg. Die konnten da doch nicht dran drehen. Bei Bébé ist das doch genauso. Trotzdem machen die irgendwas, damit die hier gleich ihr halbes Startkonto verpulvert, kaum das der erste Schultag vorbei ist", sagte Robert.

"Sollen Sie sie doch rauswerfen, Leute. Wenn die das so will, verdammt noch mal!" Grummelte Hercules. "Was die Faucon gestern gesagt hat, gilt vielleicht für dich, weil du ja besonders gut zaubern kannst, wie wir ja gestern gesehen haben. Aber Bébé kriegt keine gescheite Verwandlung hin, und in Zauberkunst ist das ja auch so. Will nicht wissen, welchen Tanz das morgen früh gibt, wenn Verteidigung gegen die dunklen Künste drankommt."

"Leute, ich habe ihr das gestern gesagt und sage es euch heute am besten auch noch mal: Ich möchte hier nicht als Vorführmuggelstämmiger auftreten. Professeur Faucon hat mich vor der Einschulung gewarnt, mich nicht hängen zu lassen, weil die von Hogwarts alles über mich zugeschickt bekommen hat. Aber ich möchte nicht immer als tolles Gegenbeispiel zu Laurentine, Bébé, rangeholt werden. Ihr seid hier schon seit zwei Jahren zusammen. Ich bin neu. Ich muß sehen, wie ich mich hier zurechtfinden kann, ohne andere Leute durcheinanderzubringen."

"Schade, das deine Bernie das jetzt nicht gehört hat", feixte Robert an Hercules' Adresse. Dieser knurrte nur bedrohlich.

"Die hat im letzten Jahr in Zaubertränke einmal die Woche ihre große Schau hingelegt und die Bestnote abgeräumt, Julius. Daß du diesen Auftritt heute hattest, hat sie wohl etwas heftig aus dem Tritt gebracht", sagte Robert noch zu Julius gewandt.

"Ich habe nicht vor, jemandem die Schau zu stehlen. Wenn überhaupt, dann mache ich nur meine eigene Schau, aber nur dann, wenn ich dazu gezwungen oder überredet werde. Außerdem hätte Professeur Fixus die doch auch aufrufen können, als sie das Rezept haben wollte."

"Die wollte wissen, was du kannst und hat sich gefreut, daß du uns und dich nicht vergiftet hast", grinste Robert. Hercules sah zwar etwas verärgert drein, mußte dann zumindest nicken.

Nach dem Abendessen, zurück im grünen Saal, erfuhr Julius von Claire, daß Bébé bis zur ersten Unterrichtsstunde ein magisch durchgesetztes Sprechverbot von Professeur Fixus auferlegt bekommen hatte. Sie konnte nur husten oder sich räuspern. Aber sagen konnte sie kein Wort. Julius war schon versucht, seinen Zauberstab zu holen und den Sprechbann wieder aufzuheben. Doch Barbara und Edmond waren in Laurentines Nähe. Das wäre nicht besonders intelligent gewesen, sowas zu machen, wo die dabeistanden. Doch Marie van Bergen, die Julius vor dem Abendessen kurz angesehen hatte, lenkte Julius' Gedanken ab. Sie rief ihn zu sich.

"Wir hatten heute Besenfliegen, Julius. War das für dich auch so anstrengend?"

"Das war das, was mich davon überzeugt hat, daß ich Zauberer bin, Marie", sagte Julius und erzählte ihr kurz, wie er das Fliegen gelernt hatte. marie und ihre Klassenkameradin hörten ihm aufmerksam zu. Claire war das aber nach fünf Minuten genug. Sie zog Julius mit der Ankündigung, noch Hausaufgaben für Zauberkunst machen zu müssen, von den beiden Erstklässlerinnen fort.

"Claire, die wollten nichts von mir. Die wollten nur wissen, wie das mit dem Fliegen ist", grinste Julius seine neue Schulfreundin an.

"So blöd bin ich nicht, daß mir das nicht klar ist, Julius. Aber Marie hätte dich ausgefragt, was du so alles erlebt hast. Wenn ich mich nicht ganz verhört habe, muß nicht jeder wissen, wie du zu Professeur Faucon gekommen bist. Sicher hättest du ihr das nicht auf die Nase gebunden. Aber so ist ihre Neugier erstmal abgewürgt worden. Céline und ich wollen mit dir das mit den verschiedenen Farben und den Mischfarben beim Zauberlicht machen."

"Kein Problem, Madame Gouvernante", sagte Julius und fing sich einen bitterbösen Blick des Mädchens mit dem schönen schwarzen Haar ein, welches in sanften Wellen zu ihren Schultern hinabreichte. Julius sah schnell zu Laurentine, die mit Barbara und Jasmine an einem Tisch saß.

"Ich könnte das aufheben, was die Fixus ihr aufgehalst hat", sagte Julius.

"Ich auch", sagte Claire tiefgründig lächelnd. "Aber wegen der paar Stunden Sprechverbot in ein Kaninchen verwandelt zu werden ist es mir nicht wert, Julius. Also wie war das mit den verschiedenen Lichtern?" ...

Nachdem sie alle aus der dritten Klasse die Zauber gelernt und ausprobiert hatten, mit denen das Zauberstablicht nicht nur einfarbig oder normalweiß erstrahlte, sondern auch in Orange, violette, goldbraun, türkis, silbrigweiß oder gar als buntes Flackerlicht wie in einer Discothek aufleuchten konnte, ließ Julius mit "nigerilumos" die Zauberstabspitze undurchdringlich schwarz verfärben. Doch damit warf er einen handbreiten Lichtkegel auf den Boden, der jedoch die Farben andersherum aussehen ließ, wie in der natürlichen Ansicht. Die blaßblauen Umhänge erschienen im von diesem Licht angeleuchteten Bereich dunkelgrün bis dunkelrot, und Claires Haar erschien schlohweiß, wo das magische Licht es traf.

"Papa hat mir davon erzählt, daß man ein Farbumkehrlicht erzeugen kann. Aber das das so gruselig wirkt, wußte ich nicht", sagte Claire, als sie bei Céline gesehen hatte, was diese vorhin bei Claires Haar gesehen hatte. Célines grüne Augen wurden blaßgrün. Céline schrak zurück und stieß aus: "Nicht in die Augen. Das ist ja fies!"

"Häh?" Fragte Julius und hielt den Lichtstrahl selbst auf seine Augen gerichtet, um unvermittelt wie in ein gähnendes schwarzes Loch hinabzustarren, das alles verschlang, was darum herum leuchtete und Formen besaß.

"Nox!" Sagte er, und die unheimliche Erscheinung verschwand sofort.

"Man sollte meinen, das Licht, das eigentlich schwarz erscheinen soll, tatsächlich alles schwarz einfärbt, was es trifft. Ich habe auch nichts dazu gefunden, warum das so ist", sagte der ehemalige Hogwarts-Schüler.

"Das können wir ja Professeur Bellart fragen", schlug Hercules Moulin vor.

Um viertel vor zehn verabschiedeten sich die jüngeren Schüler von den älteren und voneinander. Claire wagte sogar einen flüchtigen Kuß auf Julius Wange, als sie sich kurz umarmten. Immerhin galt das ja in Frankreich noch als zulässige Begrüßung oder Verabschiedung.

"Schlaf gut, Julius", hauchte Claire ihrem neuen Freund ins linke Ohr. Dieser erwiderte:

"Du auch, Claire."

"Hoffentlich labert euch Bébé nicht zu mit ihren Geschichten, warum sie keine Hexe sein will", sagte Robert sehr laut zu Céline. Laurentine trat mit wutrotem Gesicht auf ihn zu und rammte ihm ansatzlos die rechte Faust in den Magen, daß der Junge einen kurzen Schmerzlaut ausstieß und zusammenzuckte. Céline sah ihn noch sehr böse an und fauchte vernehmlich:

"Als wenn dir die Faucon oder die Fixus noch nie diesen sch... Sprechbann aufgehalst hätte, Robert. Schon schlimm genug, daß Fixus sie den ganzen Nachmittag drangsaliert hat. Da muß sie solche Sprüche von dir oder sonstwem nicht haben. Klar?"

"Mann, ihr könnt aber nix ab", grummelte Robert und zwang sich, die Nachwirkungen des Schmerzes, den Laurentine ihm zugefügt hatte, zu verbergen.

"Schlaft gut", wünschte Julius noch den Mädchen. Laurentine nickte nur. Céline, Jasmine und Irene erwiderten: "Ihr auch, Julius!"

Kurz vor zehn lagen die sechs Drittklässler aus dem grünen Saal in ihren Betten. Als Edmond Danton kontrollierte, ob die von der Schulordnung festgelegte Bettzeit auch eingehalten wurde, nickte er nur zufrieden und schloß die Tür. Nachdem sich die Jungen gegenseitig noch eine gute Nacht gewünscht hatten, zogen sie die schallschluckenden Vorhänge um die Betten und drehten sich in ihre bevorzugte Schlafstellung. Stille legte sich über den Schlafsaal.

 

__________

 

Irgendwie hatte Julius' Körper den Tagesrhythmus trotz Schularbeiten und Quidditchtraining gut verinnerlicht. Denn um halb sechs erwachte der neue Beauxbatons-Schüler wieder und flüsterte dem Bild mit den musikalischen Zwergen zu, sie mögen diesmal nicht spielen. Er suchte sich sein Sportzeug zusammen und machte sich im Waschraum fertig für den Frühsport.

Wie die Tage zuvor trainierte er mit Barbara, den Montferres und anderen ab sechs Uhr morgens bis halb sieben, duschte sich im zugewisenen Waschraum des grünen Saales und kehrte tagesfertig in den Schlafraum zurück.

"Schade, der Trompetenzwerg hat ja heute gar nicht gespielt", begrüßte Hercules Moulin den neuen Klassenkameraden. Dieser sagte:

"Ich wollte euch nicht damit behelligen, weil ich ja wieder unterwegs war."

"Ist das morgens besser als nachmittags?"

"Von der Luft her vielleicht, Robert. Um die Zeit ist das gerade richtig kühl, um sich nicht zu überanstrengen."

"Alle Bewohner in den Gemeinschaftsraum zum Abmarsch!" Rief Edmond mit magisch verstärkter Stimme.

"Huch, was ist denn jetzt los? Wir müssen doch erst um sieben Uhr runter", wunderte sich Gaston Perignon und schloß seine große Schultasche.

"Offenbar kommen einige von den Kleinen nicht in die Gänge", bemerkte Robert schmunzelnd. Dann zupfte er noch mal an seinem Umhang, daß dieser korrekt saß. Zusammen gingen die sechs Drittklässler des grünen Saales hinunter in den Gemeinschaftsraum. Es waren aber nicht die jüngeren Schüler, die nicht in die Gänge gekommen waren, sondern die Fünftklässler.

"Es ist gleich sieben, und wir müssen in vereinter Formation runtergehen. Madame Maxime sieht das ungern, wenn Nachzügler aufkreuzen", schnaubte Edmond.

"Na, nervös vor der ersten offiziellen Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste?" Fragte Claire Julius mit verschmitztem Lächeln.

"Nöh, wieso. Ich hatte das doch schon zwei Jahre lang in Hogwarts", erwiderte Julius mit Lausbubengrinsen. Claire umarmte ihren neuen Schulkameraden und deutete auf Barbara und Bébé Hellersdorf.

"Eine von den Fünftklässlern hat gestern abend noch versucht, ihr den Sprechbann abzunehmen. Doch Barbara hat das mitgekriegt und diesen blöden Schweigezauber wieder aufgerufen, auch für die betroffene Schülerin."

"Welchen Schweigezauber meinst du, Claire? Es gibt den verbalen und den physikalischen", wandte Céline Dornier ein.

"Bitte was, Céline? Taceto, oder wie der geht", erwiderte Claire.

"Ach du meinst den Zauber, der jede Lautbildung unterdrückt, egal, wie laut man zu schreien versucht und nicht den, der gezielte Lautäußerungen unterdrückt?" Wandte sich Julius an Céline. Diese nickte.

"Der verbale Zauber hält solange vor, bis er aufgehoben wird, während der physikalische nur einen vollen Tag vorhält", sagte Jasmine Jolis. Claire sah die beiden Klassenkameraden und Julius fragend an. Sie interessierte sich auch für Zauberkunst und Verteidigung gegen die dunklen Künste, war jedoch offenbar nicht so gut vorgebildet, wie ihre beiden Klassenkameradinnen.

"Woher weiß du denn, was der physikalische Schweigezauber ist?" Fragte Céline. Der steht meines Wissens erst im fünften Buch von eurer Habicht. Der kommt aber bei uns schon im Band vier vor unter physikalische Manipulationszauber im Zauberkunstband, nicht bei Verteidigung gegen die dunklen Künste."

"Tja, und Professeur Bellart hat mir doch diesen Mischfarbenzauber aufgegeben, der da auch drinsteht. Vielleicht ist das die Krankheit von Muggelstämmigen Zauberschülern, daß ich manches Buch mehr durchblätter, als nur die angewiesenen Stellen zu lernen."

"Dann solltest du Bébé am besten einen langen Kuß geben, um sie damit anzustecken", flachste Céline und fing sich einen Blick Claires ein, der so heftig war, als würden aus ihren Augen gleich Laserstrahlen hervorschießen und Céline zu Asche verbrennen.

"Neh bloß nicht, Céline! Nachher stellt mich Schwester Florence noch unter Quarantäne", erwiderte Julius lässig. Claire stellte sich für eine Sekunde voll auf seinen rechten Fuß.

"Wenn, dann könntest du damit nur Muggelstämmige anstecken", säuselte Céline und bekam dafür von Claire einen Stoß in die Rippen.

"Yves, bring alle schon mal runter! Ich will prüfen, was mit denen los ist", grummelte Edmond. Barbara überprüfte, ob zumindest alle Mädchen da waren und führte mit Yves, dem stellvertretenden Saalsprecher die Bewohner des grünen Saales nach unten in den Speisesaal.

Als die Schüler sich dort mit ihren restlichen Mitschülern versammelt hatten, begrüßte sie Madame Maxime. Im Chor erwiderten die Schüler den Gruß, wie die Tage zuvor, bevor sie sich setzen durften.

Fünfzehn Minuten später trudelten die sechs Jungen der fünften Klasse mit Edmond Danton ein. Keiner der übrigen Grünen sagte was. Vom Tisch der Blauen kam jedoch ein schallendes Gelächter herüber, und Wörter wie "Schlafmützen" und "Trantüten" flogen von dort zum grünen Tisch herüber.

"Mesdemoiselles et Messieurs", setzte Madame Maxime sehr unwirsch und sehr laut an. Wie ausgeschaltet erstarb jedes Geräusch im Speisesaal. Eisiges Schweigen breitete sich aus.

"Da ich mir nicht die mühe machen werde, die einzelnen Missetäter des blauen Saales zu ermitteln, die sich derartig ungebürlich geäußert haben, vergebe ich je zwei Strafpunkte für jeden Schüler dieses Saales. Wegen Störung der morgentlichen Frühstückszusammenkunft durch Verspätung belege ich jeden Nachzügler mit zwanzig Verspätungsstrafpunkten. Unsere Hauszeiten sind keine Vorschläge, sondern Richtlinien, an die sich jede und jeder zu halten hat, Messieurs. Nun können Sie mit Ihren Kameraden die Mahlzeiten einnehmen."

Julius zählte während des Frühstücks die Schüler am Blauen Tisch und kam auf 210. Somit bekam der Blaue saal 420 Strafpunkte. Da diese aber wieder durch die Anzahl der Schüler geteilt wurden, blieb es bei nur zwei Strafpunkten mehr. Das würde die Blauen nicht jucken, dachte sich der neue Beauxbatons-Drittklässler.

Nach dem Frühstück ging es für die Grünen zum Klassenraum für die Protektion gegen die destruktiven Formen der Magie, was in Hogwarts noch Verteidigung gegen die dunklen Künste genannt wurde. Sie erreichten die verschlossene Klassentür um zwei Minuten vor acht. Claire und Julius standen nebeneinander. Céline und Robert standen an der gegenüberliegenden Korridorwand. Neben Céline stand Laurentine alias Bébé. Sie wirkte so, als stände sie nun unter einem Galgen, fand Julius. Als sei sie ein verurteilter Rebell, der seinen Henkern noch ins Gesicht lachen will, obgleich er doch Angst vor dem Tod hat.

Professeur Faucon, heute gekleidet in einen saphirblauen Satinumhang, der gut zu ihren Augen paßte, marschierte entschlossenen Schritts heran und schloß die Tür auf. Sie ließ alle Schülerinnen und Schüler eintreten, schloß die Tür und stellte die Sanduhr auf. Dann begrüßte sie die Schüler und ließ sich von den gut dressierten Drittklässlern im Chor antworten: "Guten Morgen, Professeur Faucon!"

"Da ich Ihre Anwesenheitsliste ja montags schon mit Ihnen abgeglichen habe, dürfen Sie sich hinsetzen. ... Nein nein, Mademoiselle Dusoleil. Monsieur Andrews nimmt zwar vorne Platz, aber neben Monsieur Moulin. Sie setzen sich in die rechte vordere Reihe neben Mademoiselle Hellersdorf", gebot die Lehrerin sehr unerbittlich. Hercules grinste Claire schadenfroh an, dann Julius, der jedoch amüsiert zurückgrinste.

"Zunächst einmal geben Sie mir alle die zu verfertigenden Hausaufgaben für die Ferien. - Monsieur Andrews, mir ist bekannt, daß Sie von Hogwarts aus keine Hausaufgaben aufhatten. Deshalb habe ich mir für Sie etwas anderes überlegt, um einen Leistungsnachweis zu erhalten."

Alle Schüler holten die Hausarbeiten hervor und gaben sie an die Lehrerin weiter, außer Julius und Laurentine.

Professeur Faucon holte ihren Zauberstab hervor, als alle ihr ihre Hausarbeiten übergeben hatten und richtete ihn auf Bébé. Claire erschauderte sichtbar. Offenbar dachte sie, ihre Saalvorsteherin würde gleich einen Fluch über Laurentine hereinbrechen lassen, weil diese keine Hausarbeit vorgelegt hatte. Doch die Vorsteherin des grünen Saales murmelte nur: "Verbaloqui!"

"Wo sind ihre Hausaufgaben, Mademoiselle Hellersdorf. Ich hoffe, Sie erzählen mir nicht, daß Ihre Katze sie gefressen hat oder Ihre Eltern damit den Kamin beheizt haben."

Laurentine schwieg weiter, obwohl der Sprechbann von ihr genommen worden war, wie Julius wußte.

"Was wird das jetzt, Mademoiselle Hellersdorf? Üben Sie sich jetzt in passivem Widerstand? Aufstehen!"

Laurentine stand auf, sagte jedoch nichts.

"Wo sind Ihre Hausaufgaben?" Fragte Professeur Faucon und sah Bébé mit verengten Augen sehr bedrohlich an. Laurentine sagte nichts. Wer nicht wußte, daß der Sprechbann von Professeur Faucon gut, ja zu gut beherrscht wurde, hätte glauben müssen, daß sie immer noch nicht fähig war, ihrer Lehrerin etwas zu sagen.

"Was glauben Sie, wen Sie vor sich haben?!" Fragte Professeur Faucon sehr laut. Julius wurde das mulmige Gefühl nicht los, hier und jetzt zu erleben, wie es Henry Hardbrick bei Leuten wie Snape oder McGonagall ergangen sein mußte. Immer noch schwieg Laurentine Hellersdorf.

"Wie Sie meinen, Mademoiselle! Sie kommen heute nachmittag wieder hierher und sitzen bis zum Abend nach! Ich lasse mir von Ihnen nicht auf der Nase herumtanzen. Taceto!" Wütend riß die Lehrerin ihren Zauberstab wieder hoch und belegte Bébé erneut mit dem Sprechbann. Eine Unsichtbare Kraft warf die ungehorsam wirkende Schülerin auf ihren Stuhl zurück. Erst jetzt steckte Professeur Faucon ihren Zauberstab fort.

"Zu der verordneten Extraarbeit heute Nachmittag erhält Mademoiselle Hellersdorf noch 50 Strafpunkte wegen absichtlich verweigerter Hausaufgaben und 40 wegen fortgesetzten Ungehorsams im Unterricht. Sie erinnern sich, Mademoiselle Hellersdorf, was ich Ihnen am Montag androhte. Ich werde mit Madame Maxime und der Ausbildungsabteilung konferieren, inwieweit Ihre Ferienaktivitäten bei Ihren Eltern stattfinden dürfen oder nicht. Ich ging davon aus, Sie hätten die Lektion am Montag verstanden. Aber offenbar hegen Sie den festen Vorsatz, sich noch in dieser Woche für untragbar für Beauxbatons erklären zu lassen und damit vom weiteren Verbleib an unserer Akademie ausgeschlossen zu werden."

Alle Schüler schwiegen. Julius, der nicht wußte, ob er was dazu sagen wollte, wußte, daß er nichts dazu sagen durfte. Die Anderen kannten ihre Saalvorsteherin besser als er, und er hatte in den beiden Sommerferien, die er als Zauberschüler verbracht hatte, genug von Professeur Blanche Faucon kennenlernen dürfen, um zu wissen, daß sie sich nicht mit Drohungen aufhielt, die keiner ernstnahm.

Nach einer Minute absoluter Ruhe begann die Lehrerin mit dem Unterricht. Sie sprach an, daß in diesem Schuljahr neben dem Studium der mittleren Kreaturen der Dunkelheit auch die Abwehr stärkerer Flüche geprobt wurde. Hierbei galt es, sich nicht nur im Theorieteil gut zu schlagen, sondern auch in der Praxis.

"Da Sie alle ja aufhatten, in den Ferien die Körperbeeinflussungsflüche zu lernen, werde ich gleich Paarungen zusammenstellen, die unter meiner Aufsicht zeigen sollen, was sie aus der Theorie in die Praxis herüberholen konnten. - Ja, bitte Mademoiselle Jolis!"

"Entschuldigung, Professeur Faucon! Aber Claire Dusoleil hat in den Ferien ja Übungsstunden gehabt. Wäre das nicht unkorrekt, sie mit einem von uns zusammenzustellen?" Fragte Jasmine schüchtern, auf einen barschen Tadel gefaßt. Die Lehrerin sah in die Runde. Alle sahen sie fragend an, auch Claire.

"Ich sagte ja, daß die Übungen unter meiner Aufsicht stattfinden werden, Mademoiselle Jolis. Da ich weiß, was Mademoiselle Dusoleil in den Sommerferien erlernt hat, werde ich sie bei einem klaren Überhang schon zurechtweisen."

"Na klar, wo Sie ihr doch das alles beigebracht haben", knurrte Gérard Laplace mürrisch.

"Wie war das, Monsieur Laplace?" Fragte die Lehrerin sehr ungehalten klingend. Gérard erbleichte, weil ihm jetzt erst klar wurde, daß er sich etwas herausgenommen hatte, wofür er sich eine Strafe einhandeln konnte.

"I-i-ich meine b-b-bloß, daß Sie ihr ja ..."

"Dann halten Sie mich vielleicht für parteiisch, weil ich Schülern und Schülerinnen aus Millemerveilles auf freiwilliger Basis Unterricht erteilt habe? Ich entsinne mich sehr genau, daß ich vor allem den Schülern aus Ihrem Saal anbot, Sie in den Ferien in diesem Fach zu unterweisen und Sie gewiß mit Ihren Eltern eine gute Unterbringung in Millemerveilles gefunden hätten, wenn Sie sich dazu entschlossen hätten. Außer Mademoiselle Dusoleil hat aus dieser Klasse niemand seine oder ihre Bereitschaft erklärt, mein Angebot wahrzunehmen. Für Ihren unerlaubten und ungebührlichen Wortbeitrag erhalten Sie zehn Strafpunkte, Monsieur Laplace. Für Sie anderen: Ich bin nicht parteiisch, was die Ausbildung von Schülerinnen und Schülern angeht. Ich habe den Auftrag, nach bestem Wissen und Gewissen jede Hexe und jeden Zauberer in dieser Akademie in den von mir unterrichteten Fächern auszubilden, soweit mir Schülerinnen und Schüler dabei entgegenkommen." Zum Ende des Satzes fiel ihr tadelnder Blick auf Laurentine Hellersdorf, die mit wächsernem Gesicht dasaß und ins Leere starrte.

Keiner traute sich, etwas dazu zu sagen. Julius blieb ganz ruhig. Er war froh, daß in Jasmines Einwand nicht auch von ihm gesprochen worden war. Desto schlagartiger traf ihn der Blick Professeur Faucons.

"Sie, Monsieur Andrews, werden in der nächsten Stunde, während ich Ihre Klassenkameraden in Praxi begutachte, an einem Tisch außerhalb der Übungszone niederschreiben, welche Flüche und Flucharten Ihnen bekannt sind, die Ihnen bekannten Gegenflüche dazuschreiben und bewerten, welcher Fluch Ihrer Meinung nach am gefährlichsten ist."

Julius willigte folgsam ein und nahm sein Schreibzeug mit zu einem Tisch hinter einem hohen Metallregal, in dem dicke Bücher und einige silberne Instrumente aufbewahrt wurden. Dort setzte er sich hin und begann sofort, die Aufgabe zu erledigen. Er achtete nicht darauf, was Professeur Faucon mit den anderen besprach. Wie beim Schach und beim Karate hatte er gelernt, sich nur auf das zu konzentrieren, was gerade von ihm verlangt wurde. Er listete eine Menge Flüche und Gegenflüche auf und erstellte eine Rangliste, die von eins (lästig aber Harmlos) bis zehn (unumkehrbar und Tödlich) reichte. Danach bewertete er die Flüche, die er niederschrieb. Als er mit den drei unverzeihlichen Flüchen Imperius, Cruciatus und Avada Kedavra abschloß, wobei er den letzten natürlich mit einer Zehn bewertete, schrieb er noch:

"Zwar ist Avada Kedavra der unverzeihlichste Fluch, weil er sofort tötet und bis Heute kein verwendbarer Schutz dagegen bekannt ist, ich halte den Imperius-Fluch jedoch für den schlimmsten der drei Unverzeihlichen, weil er so gebraucht werden könnte, daß der dunkle Magier, welcher ihn anwendet, seinem Opfer unter diesem Fluch befehlen kann, erst einmal zu vergessen, daß es verflucht wurde, bis ein bestimmter Reiz, ein Satz, ein Bild, die Annäherung einer Person oder ein geschriebener Text den unter dem Fluch erteilten Befehl auslöst, den das Opfer dann auszuführen hat. Dabei können einschließlich dem Fluchopfer mehr Menschen zur selben Zeit sterben, als beim tödlichen Fluch, der meines Wissens nach nur das größte Lebewesen in seiner Reichweite und Ausrichtung tötet."

Wusch! Rums! Ein von irgendwem abgewehrter Fluch war als Querschläger voll in das Metallregal gefahren, hinter dem Julius saß. Das und das Ende seiner Aufgabe, hoolte ihn in die Gegenwart zurück. er unterschrieb die dritte Rolle Pergament noch mit seinem Namen und wandte sich um. Das Regal wankte zwar, fiel jedoch nicht um.

"Sehen Sie, Sie können, wenn Sie müssen, Mademoiselle Hellersdorf", bekräftigte die für Julius im Moment nicht sichtbare Lehrerin. André Deckers' Stimme erwiderte ungefragt:

"Bin ja auch nicht gerade der beste bei Furnunculus."

"Ihnen hat niemand das Wort erteilt, Monsieur Deckers. Zehn Strafpunkte wegen unerlaubten Sprechens", erwiderte Professeur Faucon.

Julius erhob sich. So konnte er wieder über das Regal sehen. Claire, die mit Hercules Moulin zu einem Übungspaar zusammengestellt worden war, zwinkerte ihm kurz zu. Ihr war nichts geschehen. Hercules indes fehlten alle Haupthaare. Offenbar hatte er einen Alopetius-Fluch nicht als solchen erkannt und rechtzeitig abgeblockt oder durch Gegenfluch zerstreut, bevor der ihn treffen konnte. Alle anderen waren körperlich unversehrt, auch Laurentine. Diese war wohl für die Übungsdauer vom Sprechbann befreit worden. Professeur Faucon sah sehr zufrieden aus. Sie vergab Bonuspunkte für alle, erlegte Hercules jedoch fünf Strafpunkte wegen nachlässigkeit auf und schickte ihn zu Schwester Florence, um seine abhandene Haartracht wiederzubekommen. Dann waren es nur noch zehn im Klassenraum.

"Sie haben alles niedergeschrieben, was ich Ihnen aufgab, Monsieur Andrews? - Dann lassen Sie mich sehen! Sie übrigen setzen sich wieder auf Ihre angestammten Plätze! Ich möchte kein Wort lauter als Flüstern hören. Und Sie Mademoiselle Hellersdorf, Taceto!"

Julius fragte sich, ob das wirklich fair war, daß Bébé, wo sie die Übungsrunde doch offenbar gut überstanden hatte, also gut mitgearbeitet, ja ausnahmsweise mal zwanzig Bonuspunkte bekommen hatte, wieder unter den Sprechbann gezwungen wurde. Doch er wußte es zu gut, daß Professeur Faucon keine unberechtigte Kritik hinnahm. So setzte er sich wieder auf den Stuhl, auf dem er vorher gesessen hatte. Claire sah zwischendurch zu ihm hinüber. Er machte ein beruhigtes Gesicht und schwieg.

Hercules Moulin klopfte zur selben Zeit an die Klassentür, als Professeur Faucon Julius' Arbeit zu Ende gelesen hatte. Sie sagte "Herein!" und wartete, bis der Schüler, wieder mit allen Kopfhaaren, auf seinen Platz zurückgekehrt war.

"Daß Sie in dieser kurzen Zeit so viel niederschreiben, es sogar tabellarisch gliedern und bewerten konnten, erstaunt mich, Monsieur Andrews, obwohl ich Sie ja doch etwas besser kennenlernen durfte, bevor Sie zu uns kamen", sagte Professeur Faucon mit einem wohlwollenden Lächeln. Alle Schüler staunten. Julius hatte nun die Bestätigung, daß jemand, der bei ihr im Unterricht saß, hart ranklotzen mußte, um dieses Lächeln von ihr zu sehen zu kriegen. "Mir ist natürlich bekannt, welche Studien Sie im letzten Schuljahr und in diesen Sommerferien durchgeführt haben, Monsieur Andrews. Deshalb finde ich es sehr lobenswert, daß Sie tatsächlich nichts ausgelassen haben und mir sogar eine überschaubare Gliederung angefertigt haben. Sie erwähnen relativ zum Schluß Ihrer Ausführung die drei unverzeihlichen Flüche, zu denen wir im Verlauf dieses Jahres kommen werden. Sie führen hier verständlich an, daß Ihnen der Imperius-Fluch das meiste Unbehagen, um nicht zu sagen Angst, bereitet. Das von Ihnen erwähnte Problem hat vor vierzehn Jahren tatsächlich die Aufklärung der Vorkommnisse um den dunklen Lord sehr erschwert, weil geprüft werden mußte, wer auf die von Ihnen erwähnte Weise manipuliert wurde. Für Umfang und Ausführung der Aufgabe vergebe ich dreißig Bonuspunkte an Sie, Monsieur Andrews."

"Sie haben ihm und Claire doch nicht die unverzeihlichen ...?" Erschrak Irene Pontier.

"... nur gezeigt, Mademoiselle Pontier!" Schnitt Professeur Faucon ihr das Wort ab. Das Lächeln war schlagartig zu einer Grimasse höchster Verärgerung geworden. Die Augenbrauen der Lehrerin zogen sich zusammen, ihr Blick traf Irene mit voller Wucht. "Ich habe den Teilnehmern an dem von mir angebotenen Ferienkurs lediglich die Auswirkung dieser drei Flüche gezeigt, genauso, wie ich es auch hier im Pflichtunterricht mit Ihnen tun werde, Mademoiselle Pontier. Also zügeln Sie ihr Temperament! Fünf Strafpunkte für Sie wegen Unbeherrschtheit!"

Hercules Moulin hob zögernd die Hand. Er wartete gehorsam, bis er Sprecherlaubnis erhielt und fragte:

"Wenn Sie Ihren Ferienschülern gezeigt haben, wie diese Flüche wirken, dann stimmt es tatsächlich, das Du-weißt-schon-wer wieder zurückgekehrt ist?" Jeder sah ihm an, daß er diese Frage mit sehr großem Unbehagen stellte.

"Wenn ich nicht fehlgehe hat Madame Maxime Sie und uns anderen auch zum Ende des Schuljahres darüber informiert, daß er wieder da ist. Es liegen für jene, die zu ihren Augen auch Verstand im Kopf haben, genug sicht- und greifbare Beweise vor, daß der dunkle Lord, der sich Voldemort nennt ... Sie mögen erschrecken oder nicht, das ist mir völlig gleichgültig. Was wollte ich sagen? Es liegen genug sicht- und greifbare Beweise vor, daß der dunkle Magier, der sich selbst Lord Voldemort nennt, wieder zurückgekehrt ist." Jeder war bei diesen Worten erbleicht, abgesehen von Laurentine und Julius. Professeur Faucon wirkte eher so, als müsse sie eine unbändige Wut niederhalten, die sie zu überwältigen drohte. Julius hatte eine gewisse Ahnung davon, was in der Lehrerin vorging. Immerhin hatte Voldemort mit einigen Gefolgsleuten ihren Mann umgebracht und faßt auch sie und Catherine getötet, nur weil sie in einem Zauberergasthaus waren, in dem auch Muggelstämmige einkehrten. Catherine hatte ihm diese Geschichte in den letztjährigen Sommerferien erzählt, als in den Zeitungen vom Desaster am Ende der Quidditch-Weltmeisterschaft berichtet und ein Foto eines freischwebenden Totenschädels mit einer aus dem Mund lugenden Schlange gebracht wurde.

Weil das Thema nun einmal angerissen war, ließ es Professeur Faucon zu, darüber zu diskutieren, welche Anzeichen bereits für die Wiederkehr des dunklen Lords sprachen und was man als einfacher Zauberschüler tun konnte, tun mußte, um sich vor ihm zu schützen. Bébé grinste nur wie ein kleines Mädchen, das was komisches gehört oder gesehen hatte, konnte jedoch nichts dazu sagen.

"Die französischen Sympathisanten des dunklen Lords wurden unter Überwachung gestellt. Da sich meiner Kenntnis nach zurzeit kein Schüler in Beauxbatons befindet, der mit diesen Leuten Kontakt hat, kann ich das sagen. Bei allen bekannten Zauberern ist das Stigma der dunklen Bruderschaft zu Tage getreten, welches vierzehn Jahre lang so gut wie unsichtbar Gewesen war. Jener, den viele anständige Hexen und Zauberer nicht beim Namen nennen wollen, weil sie meinen, er könnte dies mitbekommen und bei ihnen erscheinen, hat seinen Gefolgsleuten ein magisches Brandmal zugefügt, das er auch als Verständigungshilfe benutzen kann. Mehr müssen Sie dazu nicht wissen, außer, daß es hauptsächlich Zauberer aus reinblütigen Familien waren und wohl wieder sind, die ihm folgen."

"Meine Eltern und Verwandten sind auch reinblütig, Professeur Faucon, und dennoch bin ich mir sehr sicher, daß von denen keiner Du-weißt-schon-wem nachlaufen oder für ihn irgendwelche Aufträge ausführen", protestierte Robert Deloire, weil er sich durch diese Bemerkung seiner Lehrerin in die Ecke gedrängt fühlte.

"Abgesehen davon, daß Reinblütigkeit und sogenannter Zaubererstolz alleine nicht ausreichen, um jemanden zum Gefolge des dunklen Lords stoßen zu lassen, Monsieur Deloire, habe ich nicht behauptet, daß Ihre Verwandten mit ihm zu schaffen hatten oder dies immer noch tun. Nur dem, der sich den Schuh anzieht, dem paßt er auch, Monsieur Deloire", knallte Professeur Faucon dem Schüler unverhohlen vor den Kopf. Dieser sagte danach nichts mehr.

"Waren oder sind es nur Zauberer, die ihm folgen?" Fragte Hercules Moulin leicht eingeschüchtert.

"Es soll Hexen in dieser dunklen Bruderschaft geben, aber die leben sehr gefährlich, weil eine Vereinigung dunkler Hexen sie als Verräterinnen der Hexenheit ansieht und keine Skrupel hat, sie zu töten. Die einzige mir noch als aktiv für ihn tätige Hexe verbüßt eine lebenslange Strafe im Zauberergefängnis Askaban", antwortete Professeur Faucon. Julius fiel sofort ein, von welcher dunklen Hexenvereinigung die Lehrerin sprach, den Hexen der Nachtfraktion der schweigsamen Schwesternschaft.

Die Schulglocke läutete. Professeur Faucon sprach den üblichen Abschiedsgruß aus, nahm die Erwiderung vom Chor der versammelten Drittklässler entgegen und entließ die Klasse mit der Hausaufgabe, zur nächsten Stunde, die am Freitag stattfinden würde, über artverwandte Flüche zu lesen.

Céline und Julius sprachen kein Wort, als sie mit Laurentine zum Arithmantik-Klassenzimmer gingen. Dort warteten bereits Mildrid, Belisama, Estell und Edith.

"Seid ihr aber laut", grüßte Mildrid Latierre die schweigenden Grünen. Céline legte den Zeigefinger auf die Lippen, als Julius ansetzte, was zu sagen. Dann sagte sie selber:

"Unsere Klassenlehrerin hat Laurentine mit dem Sprechbann belegt, Mademoiselle Latierre. Julius und ich fanden es nur fair, auch nichts zu sagen, solange wir unterwegs waren.

"Wieso darf eure Klassenkameradin nicht sprechen?" Fragte Belisama mit echter Besorgnis in Stimme und Gesichtsausdruck.

"Alte Kiste", schnaubte Céline nur. Für Belisama schien das auszureichen. Auch für Mildrid schien diese Antwort alles zu erklären.

"Oh, Mademoiselle Bin-keine-Hexe hat mal wieder getönt, daß sie hier nicht hingehört", spottete Mildrid. Doch niemand lachte über diese Bemerkung. Laurentine lief zornesrot an, starrte Mildrid an, die locker ihre Armmuskeln spielen ließ und sie herausfordernd ansah. Diese Herausforderung nahm Laurentine jedoch nicht an. Sie atmete nur schnaufend ein und aus und wandte dann ihren Blick Belisama zu.

"kennt wer von euch die Umkehrung des Sprechbanns?" Fragte das Mädchen mit dem honigfarbenen Haar. Julius hütete sich, zu nicken oder zu antworten. Das mußte nicht jeder wissen, daß er wußte, wie der verbale Schweigezauber aufgehoben werden konnte. Das erübrigte sich auch, als Professeur Laplace herankam und die Tür aufschloß.

"Nach den üblichen Maßnahmen zum Unterrichtsbeginn setzten sich die Schülerinnen und der einzige Schüler hin. Dann begann die Arithmantiklehrerin, mit ihnen Aufgaben mit den drei bekannten Zahlensystemen zu lösen, wann etwas im Zwölfer- oder im Siebenersystem geschrieben zu werden hatte und wann nicht. So zog sich die Stunde, von kurzen gehässigen Blicken Mildrids zu Laurentine, die unter dem Sprechbann stand und nur schriftlich mitarbeiten konnte abgesehen interessant aber auch anstrengend hin, da hier nicht einfach zwei plus zwei vier ergab, sondern auch einmal zu einer Drei werden konnte, wenn eine zwei aus den natürlichen Gegebenheiten zu einer Zwei aus den inneren Gegebenheiten addiert wurde. Als dann die Glocke zum Ende der Stunde läutete, verkündete Professeur Laplace:

"Sie kommen schon gut mit den verschiedenen Zahlensystemen zurecht, Mesdemoiselles et Monsieur. Das werden wir in den nächsten vier Doppelstunden noch vertiefen, bevor wir uns mit der Darstellung natürlicher Gegebenheiten befassen. Schriftliche Hausaufgaben sind diesmal nicht zu verfertigen."

In der großen Pause zwischen den beiden ersten und der dritten Doppelstunde unterhielten sich Mildrid und Belisama zwanglos mit Julius, während Céline mit Laurentine möglichst von anderen Schülern fortblieb. Als Claire zusammen mit Jasmine herankam, grinsten die beiden nicht im grünen Saal wohnenden Mädchen.

"Na, hat eure Bébé schon ihre Sachen zusammengepackt, weil sie ja doch nicht hexen kann?" Stellte Mildrid eine sehr garstige Frage an Claire. Diese lief vor Zorn rot an. Ihr langes gewelltes Haar machte Anstalten, sich aufzurichten, was jedoch nicht ganz gelingen mochte, da es durch das Eigengewicht nach unten gezogen wurde.

"Was hast du denen erzählt, Julius?" Fragte Claire ihren neuen Klassenkameraden und nagelte ihn mit dem Blick ihrer dunkelbraunen Augen fest.

"Nur daß Laurentine ein magisch erzwungenes Sprechverbot hat, Claire. Mehr haben Céline und ich nicht erzählt."

"Ist auch nicht nötig", flötete Mildrid und sah gehässig grinsend zu Céline und Laurentine hinüber, die am Rande des Pausenhofs standen. Professeur Fixus, die heute Pausenaufsicht hatte, ging kurz zu ihnen hin, sprach zu Céline, nickte und kehrte auf ihren Posten zurück, gerade rechtzeitig, um drei Viertklässler der Blauen daran zu hindern, kleine Phiolen durch die Gegend zu werfen. Julius vermutete Stinkbomben, ekelhafte Sachen, die üblen Geruch oder beißenden Qualm verbreiteten. Die Zaubertranklehrerin war alles andere als begeistert von diesen Dingern, konnte Julius sehen. Offenbar reichte der Besitz dieser Phiolen schon aus, um harte Strafmaßnahmen heraufzubeschwören. Denn die beiden Missetäter wurden erst einmal an Ort und Stelle wie Salzsäulen starr gebannt. Die Lehrerin ging herum und fragte wohl andere Schüler, ob sie auch was verbotenes mithatten.

"Fixie ist heute wieder auf der Jagd nach Geschenken aus dem Hause Felix Forcas formidable Verrücktheiten", erzählte Mildrid Julius. "Dabei kapieren es außer den Blauen alle, daß man sowas nicht mit sich rumschleppt, wenn Fixie Aufsicht hat."

"Was gibt's da so in diesem Laden?" Fragte Julius, der sich trotz anerzogener Haltung und Benimmfähigkeiten nicht ganz vom Umgang mit Scherzartikeln abgeneigt fühlte.

"Weingasbomben, Lachwasser, Schluckaufpillen, Tarantelzuckerwürfel und Geisterglibberfarbe in sechzehn gruseligen Arten, von Friedhofsschwarz bis Leichenblaß. Aber der absolute Schlager sind die elementaren Ärgernisse, wie Fontänenphiolen, Feuermurmeln oder Stampfstiefel, die beim Auftreten kleine Erdbeben erzeugen können. Die arbeiten aber immer an heftigeren Sachen", sagte Mildrid mit verschmitztem Grinsen.

"... Ich gehe davon aus, daß Sie keine unzulässigen Gegenstände mitführen, Monsieur Andrews?" Fragte Professeur Fixus von hinten. Julius erschrak und drehte sich mit erschreckt dreinblickenden Augen zu der kleinen Lehrerin um.

"Nein ich habe nichts dergleichen mit, Professeur. Vor der Herreise wurden alle Sachen, die hier nicht hingehören beschlagnahmt", sagte Julius und versuchte, seine Gedanken mit einem komplizierten Rap zu überlagern. Professeur Fixus sah ihn wütend an, nickte jedoch dann und fragte Mildrid, die auch nichts dabeihatte. Dann ging sie weiter.

"Wieso kuckt die dich so böse an, wenn du nichts mithast?" Fragte Mildrid. Julius sprach ihr den Rap von Krachmeister B. vor und erwähnte, daß er daran gedacht habe. Mildrid runzelte die Stirn und fragte:

"Hat dir keiner anständige Musik zu hören gegeben? Das wundert mich jetzt aber doch, wo du bei Königin Blanche und den Dusoleils in den Ferien warst."

"Ja, aber ich finde es nicht in Ordnung, daß jemand in meine Gedanken reinschnüffelt. Da wehre ich mich. Zumindest glaube ich, daß es funktioniert."

"Ich fürchte, Fixie wird dir dazu noch was erzählen, wenn wir nicht dabei sind. Aber soviel ich weiß, kann sie nur gedachte Wörter aufschnappen, zumindest nur erkennen, ob jemand lügt oder nicht. Es soll da aber krassere Methoden geben, in den Geist anderer Leute einzudringen."

"Es gibt Gesetze dagegen. Ich denke mal, daß die nicht umsonst geschrieben wurden", sagte Julius.

"Julius, wie war der Aufruf des schnell pulsierenden Lichts?" Mischte sich Claire in die Unterhaltung zwischen Julius und Mildrid ein. Der ehemalige Hogwarts-Schüler verstand, daß Claire offenbar nicht wollte, daß er sich mit anderen Schülerinnen unterhielt. Ihm paßte das zwar nicht, daß Claire ihn so deutlich vereinnahmte, aber im Moment wollte er sich nicht mit ihr darüber unterhalten, was er durfte oder nicht durfte. Er wandte sich um und erklärte Claire, daß der Zauber "Oscillilumos" hieß und daß bei dem die Pulsrate in Gedanken ausgerufen werden mußte, also eine Zahl, die das Licht pro Sekunde aufflammen und wieder erlöschen sollte.

Als die Pause vorbei war, kehrten die Schülerinnen und Schüler in den Palast zurück. Die Grünen der dritten Klasse hatten Zauberkunst, während die Roten Verwandlung und die Weißen Zaubertränke zusammen mit den Blauen hatten.

"Lumos Ruberteifusus!" Rief Julius im Verlauf der Stunde, als er orangefarbenes Licht aus seinem Zauberstab aufleuchten lassen sollte. Tatsächlich gelang es ihm, das orangerot einer untergehenden Sonne erstrahlen zu lassen. Danach führte er das schnell blinkende Licht in verschiedenen Farben vor und beendete seine Vorführung mit dem geheimnisvollen Licht, das schwarz am Zauberstab erschien und alles, was damit beleuchtet wurde, farblich umgekehrt zeigte.

"Nox!" Sagte Julius zum Schluß und löschte das merkwürdige Schwarzlicht.

Der Rest der Doppelstunde verlief mit Übungen, um sich selbst feuerunempfindlich zu zaubern, was nicht so leicht war. Außer Julius gelang dies nur Hercules, Claire und Céline. Da Laurentine während der Übungseinheit vom Sprechbann befreit wurde, mußte sie auch zeigen, was sie konnte. Anschließend sagte Professeur Bellart:

"Sehr schön, alle zusammen. Auch Sie, Mademoiselle Hellersdorf. Sie sehen, wie widersinnig es ist, abzustreiten, zauberische Begabungen zu haben. Ich hoffe, dieses Mißverhältnis zu sich ränkt sich bei Ihnen wieder ein."

"Hoffen kann man immer", erwiderte Laurentine, bevor Professeur Bellart sie wieder mit dem Sprechbann belegte.

Nach dem Mittagessen und dem Unterricht bei Professeur Milet, wo sie die ersten Runentexte übersetzten, einfache Sätze, die jedoch komplizierte Zeichenfolgen boten, war Freizeit angesagt, wie verplant.

Julius lud sich sämtliche Kessel und Zaubertrankbücher, sowie das Buch über magische Mineralien von Gemma Haret auf, die Bücher in der Schultasche, nachdem er sie aus der Centinimus-Hosentaschenbibliothek von Madame Unittamo herausgezogen hatte, allerdings erst, als ihn keiner dabei beobachten konnte, wie er mit der Pincette mit aufgesetzter Lupe in dem verkleinerten Bücherschrank die darin abgelegten Bücher absuchte und die benötigten herauszog. Er barg die komplette Bibliothek wieder in seinem diebstahlsicheren Brustbeutel von Aurora Dawn, wo er auch die große Flasche mit dem Breitbandgegengift von ihr aufbewahrte. Dann ging er zum großen Kellersaal II, wo der Freizeitkurs Alchemie für Interessierte stattfand. Jasmine, Robert und Gaston begleiteten ihn.

"Claire hat mir erzählt, daß dich Zaubertränke am meisten faszinieren, überhaupt die Alchemie. Machst du das, um was von dem zu haben, was deine Eltern dir beigebracht haben oder nur so aus Interesse?" Fragte Jasmine direkt heraus. Julius verzog zwar kurz das Gesicht, suchte nach Worten und erwiderte dann:

"Teilweise, Jasmine. Ich sehe nicht ein, warum ich von dem, was mein Vater mir beigebracht hat, nicht auch in der Zaubererwelt was mit anfangen sollte. Andererseits möchte ich schon was können, was hier angesagt ist."

"Du weißt, wer den Kurs gibt?" Fragte Robert Deloire.

"Ich denke mal, daß Professeur Fixus sich da von keinem reinpfuschen lassen will. Wundere mich sowieso, daß die Lehrer auch ihre Freizeit verplanen."

"Ach, die korrigieren die Hausaufgaben entweder vor den Kursen oder danach. Manchmal haben die ja eine Woche Zeit für die Aufgaben einer Klasse", sagte Jasmine.

Vor dem Kellersaal fanden sich an die fünfzig Schülerinnen und Schüler ein, davon viele aus dem violetten und dem roten Saal. Julius sah Bernadette Lavalette neben einem Mädchen aus dem Violetten Saal, das Julius noch nicht mit Namen kannte. Mildrid stand neben ihrer Schwester Martine. Von den Grünen war an diesem Tag keiner außer Jasmine, Robert, Gaston und Julius zu sehen. Martine und Mildrid winkten Julius und Jasmine zu. Der neue Drittklässler aus England wußte nicht, ob er sie begrüßen durfte oder nicht. Weil Jasmine ihn jedoch mit sich zog, ging er mit ihr zu den beiden Mädchen aus dem roten Saal hinüber. Als er bei ihnen eintraf, kamen noch mal zehn Schüler um die Ecke, alles Jungen aus dem blauen Saal, Jacques Lumière in ihrer Mitte.

"Na wunderbar, die alte Mannschaft ist auch wieder da", knurrte Mildrid. Dann begrüßte sie Julius, als habe sie ihn seit mehreren Tagen nicht gesehen und nicht erst am Morgen in der Arithmantikstunde.

"Mehrere Kessel, Julius. Wer hat dir denn so gründlich beigebracht, daß wir im Unterricht verschiedene Kesselgrößen verwenden?"

"Der war doch mit den Dusoleils und Barbara einkaufen, Millie. Frag doch nicht immer so dumm, nur um Konversation zu machen", wies ihre große Schwester sie leicht ungehalten zurecht.

"Hoffentlich bin ich hier richtig", sagte Julius und blickte auf Martine und zwei Jungen aus dem weißen Saal, die wohl schon in der sechsten Klasse waren. "Die kann doch nicht unterschiedliche Wissensstände in einem Kurs berücksichtigen."

"Du wirst es erleben, wie gut sie das kann", gab Martine mit einem Lächeln zurück. Mildrid nickte und fügte hinzu:

"Darauf kommt es hier nicht sonderlich an. Sie teilt meistens Gruppen ein, wo ein älterer und mehrere Jüngere drinsind, die an einem Projekt arbeiten. Dabei geht es meistens um Zaubertränke oder magische Wirkstoffe, die etwas länger in der Anfertigung brauchen."

"Verstehe. Die Leiterin gibt vor, was gemacht wird, und die älteren Schüler überwachen und helfen. So ähnlich hat mein Vater mir das von der Uni erzählt, einer Schule für Erwachsene, die einen wissenschaftlichen Beruf erlernen wollen."

"Ach wie das Delourdes-Institut für magische Heilkunde oder die Eauvive-Fakultät für Zauberkunst, in die einige nach Beauxbatons gehen können?" Fragte Mildrid. Julius nickte.

"Sinnig nur, daß die Direktrice des Delourdes-Institutes Eauvive heißt", grinste Robert Deloire.

"Hups, die ist ...? Keine weiteren Fragen", sprang Julius darauf an, weil er Madame Eauvive bei seiner Prüfung im Kurs für magische Ersthelfer und Sanitäter getroffen hatte. Ihr verdankte er letztendlich das silberne Armband am rechten Handgelenk. Er mußte es wohl unbewußt freigelegt und mit den Fingern gestreift haben. Denn Martine, die ein gleichartiges Armband wohl am Bein trug wie Jeanne, nickte und sagte:

"Sie prüft bei sich bietender Gelegenheit die Leute, die erste Hilfe für Hexen und Zauberer gelernt haben. Caro hat es erzählt, daß du bei der Heilerin Matine den Kurs gemacht hast. Die kennt Madame Eauvive von der Zeit, als sie selbst dort zur Heilerin ausgebildet wurde. Beziehungen sind alles, so sprechen die Violetten."

"Und die Slytherins", grummelte Julius. Martine räusperte sich vernehmlich.

"Hör mir bloß mit denen auf. César hat nichts gutes über diese Reinblütigkeitsfanatiker erzählt. Sei froh, daß du die los bist!"

"Ach, dann gibt es hier keine reinblütigen Schüler?" Fragte Julius leicht gehässig klingend.

"Keine, die sich seit der Steinzeit so gehalten hätten. Das höchste ist sieben Generationen", erwiderte Mildrid gehässig.

Professeur Fixus kam in einem blutroten Arbeitsumhang herangelaufen, eine große Aktenmappe unter dem rechten Arm. Als sie sich den Kursteilnehmern näherte, bildeten diese ohne weitere Absprache eine Gasse, um sie zur schweren Eisentür gelangen zu lassen, die die Lehrerin mit drei verschiedenen Schlüsseln aufsperrte und dann Gruppen zu je vier Interessenten an sich vorbeimarschieren ließ. Die Schülerinnen und Schüler mit der goldenen Brosche für die Saalsprecher, teilten die über fünfzig Schülerinnen und Schüler so ein, daß sie auf den langen Sitzbänken an den Wänden Platz fanden. Dann hörte Julius, wie Professeur Fixus laut mit Jacques Lumière und einem Kumpanen von ihm sprach.

"Ich habe Sie nicht auf meiner Liste, Monsieur Lumière und Monsieur D'anglar. Gehe ich fehl in der Annahme, daß Sie über das ganze Schuljahr Reinigungsdienst unter der Aufsicht von Monsieur Bertillon aufgetragen bekamen?"

"Häh?" machte Jacques auf unwissend. Doch in diesem Moment dröhnte eine abgehetzt und wütend klingende Stimme.

"Da sind sie ja, diese Bengel. Wolltet euch wohl vor der Arbeit drücken, wie. Nix da! Dafür werden wir gleich den Einhornmist zwischen den Gemüsebeeten beseitigen, Burschen. Das kriegen wir dieses Jahr schon in euch rein, daß hier gespurt wird."

Julius vermeinte, erschreckte und bestimmt auch schmerzbedingte Aufschreie von den beiden Jungen zu hören, die dann zeterten und protestierten. Ihre Stimmen entfernten sich dabei und hallten immer ferner durch den Korridor im Kellergeschoß.

"Nun rein mit Ihnen!" Befahl Professeur Fixus dem Rest, der vor der Tür gewartet hatte. Jacques und ein Klassenkamerad fehlten. Die übrigen Blauen grinsten Schadenfroh. Julius fragte sich im Ernst, ob er wirklich zu denen in den Saal gewollt hatte.

Professeur Fixus schritt die Reihen der Schüler ab, die bereitstanden, um sie zu begrüßen. Als sie an Julius Andrews vorbeikam, sah sie ihn konzentriert an. Julius setzte schon an, Krachmeister B. in sein Bewußtsein zu rufen, um mit einem derben Rap jeden Wunsch, gedachte Worte aufzuschnappen zu vergellen. Professeur Fixus sah ihn erst verärgert, dann bedauernd, dann belustigt an.

"Wenn Sie wüßten, wie nutzlos das ist, wenn ich darauf ausginge, Ihr inneres Wesen zu erforschen, Monsieur Andrews", flüsterte sie nur und ging weiter. Julius nahm das als eine ernste Warnung. Was Professeur Fixus konnte, war nichts im Vergleich zu jemandem, der wahrhaft in das Bewußtsein eines Menschen hineindringen und es durchforschen konnte, wie es in den Kerker-und-Drachen-Abenteuern mächtige Magier konnten, wenn man sie ließ.

Nachdem die Lehrerin alle Kursteilnehmer aus der Nähe betrachtet und sie mit einer langen Liste verglichen hatte, begrüßte sie alle und erhielt im Chor die Antwort:

"Guten Tag, Professeur Fixus.

"In den ersten Stunden dieses Jahres werden wir uns mit Quellen alchemistischer Kräfte befassen, den Elementen und wie sie zusammenwirken. Ihnen allen ist bekannt, daß laut Paracelsus, Dribella und Flammel nur fünf Grundelemente der Natur existieren. Da einige von Ihnen Arithmantik haben, wieder andere bereits mit den Elementarzaubern im Zauberkunstunterricht zu tun bekamen, wissen Sie ja alle, welche das sind: Erde, Metall, Luft, Wasser und Feuer. Einige zeitgenössische Alchemisten wollen auch die Leere des Weltraums als eigenständiges Naturelement aufführen, was jedoch durch die Alchemistenkonferenz vom 7. Juli 1977 zurückgewiesen wurde, da Leere keine direkten Auswirkungen habe, sondern eher durch die sie umgebenden oder in sie eindringenden Elemente geformt wird. Um Ihnen dies kurz vorzuführen, demonstriere ich Ihnen die Kraft der Luft."

Professeur Fixus nahm ein verschlossenes Glasgefäß, an dem ein Ventil angebracht war und schloß daran einen Schlauch an, der wiederum mit einem Glasgerät verbunden war, durch das von einer Seite Wasser einströmen und zur anderen Seite wieder herausströmen konnte. Julius kannte das von seinem Physikbuch. Wasser verdrängte die Luft. Luft aus dem Schlauch wurde dadurch abgepumpt. Luft aus dem Glasbehälter füllte die so entstehende Leere im Schlauch aus, bis der Glasbehälter selbst total luftleer gepumpt, evakuiert worden war. So ließ sie einen starken Wasserstrahl durch das Glasgerät schießen, an dem das eine Ende des Schlauches hing. Julius wußte, daß man ohne Rauch oder sonstige Schwebeteilchen in der Luft im Glas nichts sehen würde, wenn die Luft ausgepumpt wurde. Wahrscheinlich würde die Lehrerin das Glas leerpumpen und dann das Ventil aufdrehen und durch die Fingerprobe den Sog des Unterdrucks ...

Klirr! Der verschlossene Glasbehälter zerbarst nach nur dreißig Sekunden in tausend Scherben. "Ui" machten fast alle Interessenten. Julius nickte nur. So ging's natürlich auch, dachte er.

"Was ist da passiert? Kann mir das wer verraten?" Fragte Professeur Fixus. Außer Julius zeigten nur Martine Latierre, Bernadette Lavalette und ein älteres Mädchen aus dem violetten Saal auf. Bernadette wurde aufgefordert, zu antworten.

"Die Kraft des Wassers hat sich durch den Schlauch im Glasbehälter gestaut und den von innen gesprengt."

"Mhmm, was meinen Sie, Mademoiselle Latierre?"

"Das Wasser hat die Luft aus dem Schlauch abgetragen. Die Luft im Glasbehälter ist nachgeströmt, weil es eine Leere gab. Das ging solange, bis keine Luft mehr im Glas war. Weil mehr Luft draußen war und deshalb eine große Kraft auf das Glas anwenden konnte, ist es zerquetscht worden. Das konnte doch jeder sehen, daß es implodiert ist."

"Arrg", knurrte Bernadette. Julius senkte den Arm wieder. Die Antwort hätte er mit seiner Muggelphysikvorbildung nicht anders oder besser geben können.

"Sie wollten wohl dasselbe sagen, Monsieur Andrews. Dann verraten Sie uns doch bitte, wieso wir oder jedes andere Ding auf der Erde nicht zusammengedrückt und zerquetscht werden!" Wandte sich Professeur Fixus an den Neuzugang aus England. Dieser lief zwar etwas rot an, weil er jetzt wohl eine ausführliche Vorlesung über Luftdruck halten sollte, nickte jedoch und erzählte, daß immer so starker Druck in Menschen, Tieren und Pflanzen herrschte, daß die Umgebungsluft diese nicht zerdrücken konnte. Mildrid und ihre Schwester nickten. Bernadette sah Julius ungläubig an, dann ihre Saalsprecherin, um dann schwerfällig zu nicken.

"Nun, Monsieur Andrews, es gibt unter den Muggeln Leute, die allen Ernstes behaupten, Luft sei kein eigenständiges Element sondern ein Gemisch aus verschiedenen Gasen. Stimmen Sie dem zu?"

Julius wußte im ersten Moment nicht, wie er antworten sollte. Er war sich sicher, daß die rotbraungelockte Lehrerin mit der Stimme wie Windheulen ihm eine Falle gestellt hatte. Natürlich wußte er, daß Luft kein Element an sich war, aber diese Meinung galt hier nichts. Wenn er also mit Ja antwortete, zog er sich den Ruf des unverbesserlichen Muggels zu. Wenn er mit Nein antwortete, log er. Er überlegte sich eine Antwort. Doch die Lehrerin verlangte:

"Die Frage war einfach. Also beantworten Sie sie auch einfach!"

"In der Magie kennt man keine Unterordnung von mehreren Elementen, weil sie für die Zauberei nur Bedingt benötigt werden und stets auf die fünf Grundkraftelemente zurückgeführt werden. Bei den Muggeln gilt als Element, was nicht in weitere Stoffe zerlegt werden kann. Deshalb stimme ich den Muggeln zu, die die Luft in mehrere Untergase zerlegen, denke aber, daß wir mit den einzelnen Gasen nicht so häufig zu tun bekommen werden."

"Hihi", kicherten Bernadette, Jasmine und Mildrid, weil sie diese Antwort für gewitzt hielten. Martine nickte Julius zu, ebenso der stellvertretende Saalsprecher der Weißen und die zwei Jungen aus dem violetten Saal. Die Blauen sahen ihn nur spöttisch an. Offenbar rechneten sie sich aus, daß Professeur Fixus dem Neuen gleich einheizen würde, was ihm denn einfiele, die Forschung der Muggel für glaubwürdig zu halten. Doch sie wurden enttäuscht.

"Luft ist bei gewöhnlichen Temperaturen ein Gas. In der Alchemie wird jedes Gas, ob die Ausdünstungen verfaulender Stoffe oder Wasserdampf mit der Elementarkraft der Luft gleichgesetzt. Deshalb sind Elemente in der heeren Kunst der Alchemie keine Stoffe, sondern Wirkungsweisen der Natur. Alle Flüssigkeiten, ob Wasser oder Quecksilber, werden mit dem Wasser gleichgesetzt, wobei Quecksilber ein Hybrid zwischen Metall und Wasser ist, wie der erwähnte Dampf ein Hybrid zwischen Wasser und Luft bildet. Diamanten bilden ein Hybrid zwischen Erde und Feuer, Rauch ein Hybrid zwischen Feuer Wasser und Luft, teilweise sogar Erde. Holz ist ein Hybrid aus Erde, Wasser, Feuer und Luft, der in seine Ausgangselemente zurückgeführt werden kann. Irgendwelche Einwände, Monsieur Deloire?"

Robert sah die Lehrerin skeptisch an und fragte:

"Man kann mit Holz Feuer machen. Aber wieso soll Holz zum Teil aus Feuer bestehen?"

"Wer von den Kräuterkundeexperten unter Ihnen klärt den Mitschüler liebenswürdigerweise darüber auf, wie Holz entsteht?" Fragte Professeur Fixus in die Runde.

Julius kribbelte es im Arm, sich zu melden. Doch wollte er sich gleich in den ersten Minuten so heftig präsentieren? Das lag ihm nicht. Sollten doch andere ...

"Monsieur Chaubert!" Rief Professeur Fixus einen der drei Jungen aus dem blauen Saal auf, die eifrig aufzeigten. Dieser setzte mit Würde erheischender Miene und Körperhaltung an:

"Die Zeit ist ein großer Kreislauf. Holz entsteht dadurch, das im gegenläufigen Teil des Zeitflusses Feuer zu Holzscheiten zurückverformt wird." Seine Kameraden lachten.

"Oh, aus welchem Buch beziehen Sie dieses Wissen?" Fragte Professeur Fixus sehr nachdrücklich. Der Junge grinste nur, gab aber keine Antwort.

"Ich halte mich nicht mit Ihnen auf. Wenn Sie mir nicht verraten wollen oder können, woher Sie diese mir völlig neue These haben, muß ich davon ausgehen, einem unangebrachten Scherz ausgesetzt zu sein. Das trägt ihnen zehn Strafpunkte wegen mutwillig falscher Behauptungen ein, Monsieur Chaubert. Ihre netten Kameraden, die Sie wohl dazu angestachelt haben, erhalten je zwei Strafpunkte wegen stillschweigender Anstiftung. Wir sind hier nicht auf einem Spielplatz, Messieurdemoiselles. Also wer kann mir eine glaubwürdige und nachprüfbare Antwort geben? - Muß ich mir wirklich wen aussuchen?" Julius zögerte immer noch, den Arm zu heben. Jetzt als einziger eine hinnehmbare Antwort zu geben, wäre ihm peinlich. Doch letztendlich war das ja keine Schulstunde, sondern ein Freizeitkurs. Die Leute, die hier waren, waren freiwillig hier und wollten ja lernen. Deshalb zeigte er dann doch auf.

"Sie sind doch nicht der einzige Kräuterkundespezialist hier, oder?" Fragte die Lehrerin und machte eine alle überstreichende Armbewegung. Martine zeigte noch auf, offenbar auch nicht darrauf aus, die ganze Stunde auszufüllen. Julius kam dran.

"Die Sonne schickt ihr starkes Feuer zur Erde. Das gibt allen Pflanzen, die Holz hervorbringen, die Kraft, aus Luft, Wasser und Erde neue Triebe zu machen. Daher stimmt das wohl, daß Holz, also hartes Pflanzenmaterial, aus diesen vier alchemistischen Grundelementen besteht."

"Ja, und auch aus Metall, weil die Muggelmaschinen viel Blei in die Luft blasen", warf ein anderer Junge aus dem Blauen Saal ein und erntete zustimmendes Lachen seiner Saalgenossen.

"Zehn Strafpunkte für jeden Lacher und zwanzig für Sie, Monsieur Nenttier wegen unerlaubten Dazwischenredens. Wir sind nicht im Unterricht, sonst hätten Sie mehr Strafpunkte erhalten. Aber Disziplin bitte ich mir auch in diesem Kurs aus, wenngleich das für einige von Ihnen wohl immer noch ein Fremdwort oder gar etwas ist, vor dem man sich ja hüten sollte, wie vor einer ansteckenden Krankheit."

Die Blauen grinsten darüber nur. Offenbar war bei ihnen ein Wettkampf im Gange, wer in der ersten Woche die meisten Strafpunkte abräumte, vermutete Julius Andrews.

"Ich habe hier einige Versuche vorbereitet, die in "Aufbruch in die Alchemie" verzeichnet sind. Ich muß darauf Rücksicht nehmen, daß Schüler der ersten beiden Klassen mitmachen. Ich teile die Gruppen so ein, daß die ältesten mit den Jüngeren zusammenarbeiten. Der Versuchsüberwacher wird daran erinnert, daß alle Schüler sich notieren, wie sie die Versuche machen, was sie dabei beobachten und dabei herausgefunden haben. Am Ende der Stunde sammel ich die Gruppenprotokolle ein. Keiner wird einzeln benotet, es werden nur Erfolgspunkte vergeben von null bis zehn. Bücher und Gerätschaften liegen auf den Steintischen bereit. Ingredientien erhalten Sie von mir, wenn Ihre Versuche in ein Stadium treten, in dem sie benötigt werden", verkündete die Kursleiterin und teilte die Gruppen ein. Die Blauen wurden schön gleichmäßig verteilt, sodaß sie wohl nicht gemeinsam irgendwas dummes anstellen konnten. Die anwesenden Saalsprecher, ihre zum Teil anwesenden Stellvertreter und die danach älteren Schüler bekamen die Gruppenaufsicht. Martine bekam die Aufsicht über eine Gruppe, in der Mildrid, Jasmine, Bernadette, Robert und Julius zusammenwaren.

Die nächsten zwei Stunden führten sie einfache Versuche mit Wasser, Luft, Feuer oder verschiedenen Steinen durch. Julius bereute es nicht mehr, seinen Chemiebaukasten abgegeben zu haben. Denn hier gab es etwas, das ähnlich funktionierte, wie ein Bunsenbrenner, eben nur mit Öl, das entzündet und dessen Flamme durch eine verstellbare Düse reguliert werden konnte. Sie tauchten leere Gläser mit der Öffnung nach unten ins Wasser, bliesen in unter Wasser befindliche Gläser, die mit Wasser voll waren eigene Atemluft hinein, probierten aus, ob diese eine Kienflamme heller oder dunkler brennen ließ und experimentierten mit Körpern, um den Auftrieb im Wasser zu erforschen. Alles in allem nichts mit Magie, reine Physik oder Einsteigerchemie. Julius hielt sich zwar weitgehend zurück und ließ die übrigen machen, als Martine jedoch befahl, er solle gefälligst nicht untätig herumstehen, zeigte er auch, was er wußte und schlug andere Versuche vor, wie das Aufblasen eines Luftballons und die Erwärmung der darin befindlichen Luft, bis dieser hochstieg, einige Sekunden bis zur Decke schwebte und dann seine Luft mit wilden Schlenkerbewegungen abließ und herumschwirrte. Professeur Fixus eilte herbei, sah zunächst leicht verärgert aus, nickte dann aber, als sie das Versuchsprotokoll las.

"Schreiben Sie auf, Mademoiselle Latierre: Feuer dehnt Luft. ausgedehnte Luft ist leichter als kalte Luft und steigt auf!" Ordnete sie an.

Zwischendurch wurde auch mit farbigem Rauch der Weg von Gasströmen beobachtet oder Wasser zu Eis gefroren. Am Ende der Stunde meinte Julius, zehn Physikstunden auf einen Streich gehabt zu haben, weil die kleinen Versuche alle wesentliche Ergebnisse gebracht hatten. Bernadette nickte Julius zu. Offenbar war ihre Abneigung gegen ihn im Moment nicht so groß. Martine Latierre klopfte jedem Jungen und Mädchen kurz auf die Schulter, als Professeur Fixus am Ende zehn Punkte vergab, die beste Gruppenwertung. Die Punkte wurden auf die Teilnehmer jedes mitmachenden Saales verteilt. Da aus dem roten wie dem grünen Saal je drei Teilnehmer in der Gruppe waren, wurden je fünf Punkte für die Gesamtwertung des roten und des grünen Saales aufgeteilt. So stand es in den Schulregeln, wenn keine Gruppe aus Bewohnern eines Saales allein gebildet wurde, wußte Julius. Nahmen zwei verschiedene Säle an einem Projekt teil, wurden Bonus- und Strafpunkte zur Hälfte aufgeteilt, bei Dreien eben zu je einem Drittel und so weiter. Martine fragte zum Schluß, ob sie in dieser Gruppe zusammenbleiben wollten, solange das Jahr dauerte? Keiner widersprach. So meldete Martine Latierre diesen Wunsch bei Professeur Fixus. Diese besah sich die Schüler und befand:

"Da habe ich nicht zufällig drauf hingearbeitet, Mesdemoiselles und Messieurs. Ich weiß ja schon, wer bei meinem Unterricht gut oder weniger gut mitkommt und teile die Gruppen in den Freizeitkursen so ein, daß gleichgute Leute zusammensind, damit die weniger guten mit den einfacheren und die besseren mit den schwierigeren Versuchen zu tun bekommen. Ihre merkwürdige Benotung bei meinem Kollegen Snape erachte ich als eine blanke Sympathienote, die Ihnen nicht gerecht wird, Monsieur Andrews."

Nach dem Kurs hielt sie die Blauen und Julius kurz zurück. Julius sollte sich auf eine der Bänke setzen. Er hielt sich die Ohren zu, als die Lehrerin ein gehöriges Donnerwetter über die Teilnehmer aus dem Blauen Saal hereinbrechen ließ. Als es ihm doch zu laut wurde, zog er seinen Zauberstab aus der Schultasche und murmelte "Echodomus". Um seinen Kopf entstand eine rötliche Lichtkugel. Unvermittelt hörte er nichts mehr vom Gezeter der Lehrerin. Er wollte nicht wissen, was die Blauen alles vermurkst hatten und welche Strafen sie im Wiederholungsfall zu erwarten hatten. Durch das rötliche Licht konnte er sehen, wie die ihm am nächsten sitzenden Blauen drauf und dran waren, sich die Ohren zuzuhalten. Julius vermutete, daß sein Schallabweisezauber die Schimpftiraden der Lehrerin verstärkt zurückwarf. Dann war dieses Thema durch, die Blauen zogen mit ihren Sachen von Dannen, und Julius löschte mit "Finis Incantato" den Schallabweiser.

"Sie folgen mir bitte in mein Büro, Monsieur Andrews. Ich möchte Ihnen zum Verlauf dieses Kurses und meines Unterrichts noch etwas mitteilen", sagte die Lehrerin. Julius fühlte sich augenblicklich so, als habe er einen halben Liter pures Quecksilber getrunken, so schwer lag es ihm im Magen, daß er vermutlich irgendwas falschgemacht hatte. Dennoch folgte er Professeur Fixus. zu ihrem Büro, auf dessen Tür stand:

"Professeur Boragine Fixus, praktische und theoretische Alchemie" Mit ihrem Zauberstab ließ die Lehrerin die Tür aufspringen und winkte Julius hinein.

"Bevor Sie zum Abendessen gehen noch zwei Punkte", setzte sie an, während sie mit einer Geste einen Freien Stuhl anbot und mit dem Zauberstab die Tür zuschwingen ließ. Julius setzte sich. "Es ist mir keineswegs entgangen, daß Sie, wie es bei den Muggeln heißt, mit angezogener Handbremse durch meinen Unterricht und jetzt auch durch diesen Kurs vorangeschritten sind. Ich weiß auch, daß Sie von Ihrer Herkunft her in den Gemeinsamkeiten sowohl der Alchemie als auch der Muggelnaturkunde vorgebildet sind. Wenn Sie es wie vorhin schaffen, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede korrekt zu bewerten, ist mir Ihre Abstammung unwichtig. Und wenn sie mir unwichtig ist, gilt das auch für Ihre Mitschüler. Wenn Sie wissen, daß Sie etwas zum Unterricht oder zum Kurs beitragen können, dann tun Sie dies gefälligst auch! Fehler können nicht vermieden werden, nur weil etwas nicht getan wird. Nichts zu tun ist hier verboten, wie Sie aus den Grundregeln entnommen haben. Also Bringen Sie sich gefälligst ein, wenn eine Frage oder Anweisung von mir von Ihnen verstanden und bewältigt werden kann. Sie nehmen hier niemandem etwas weg, was jemand sich selbst erhalten möchte, wenn er oder sie die Leistungen beibehält, die er oder sie aufwendete, um sich etwas zu verdienen. Wenn ich eine Frage im Unterricht stelle, und Sie zeigen als einer von mehreren auf, liegt es nicht an Ihnen, ob ich Sie aufrufe oder nicht. Wenn Sie der einzige sind, der sich meldet, kommen Sie natürlich zu Wort und müssen vorbringen, was Ihrer Meinung nach korrekt ist. Ist es das nicht, werden Sie sowohl von mir als von jedem anderen Lehrer eine sofortige Rückmeldung erhalten. Da brauchen Sie sich also keine Gedanken drum zu machen. Haben Sie sich etwa nicht mehr daran erinnert, daß ich als Saalvorsteherin wie Professeur Faucon eine Beurteilung über Sie aus Hogwarts erhalten habe, mit Noten und Beteiligungsübersicht? Neben den durch Ihre besonders hohe Zauberkraft zu erwarten hohen Noten in den praktischen Zauberfächern haben sie auch die Bestnote in magischer Herbologie, fünfzehn Punkte nach Beauxbatons-Standard gerechnet. Da wagen Sie es, nicht sofort die Hand zu erheben, nur um eine einfache Frage über Pflanzenwachstum zu beantworten, die an und für sich jeder Zweitklässler hätte beantworten können, wenn er sich etwas näher mit Kräuterkunde befaßt hätte? Diese Dreistigkeit, die Sie als Bescheidenheit ausgeben, kommt mir nicht mehr unter. Haben wir uns verstanden?"

"Hmm, natürlich, Professeur Fixus", erwiderte Julius kleinlaut. Seine Finger trommelten Nervös auf den Armlehnen, und er versuchte, seine Gedanken mit anderen Dingen zu überlagern. Das wiederum schien für die Lehrerin wie ein unausgesprochenes Stichwort zu sein.

"Der zweite Punkt betrifft Ihre Versuche, sich künstlich gegen mich oder andere Gedankenhörer abzuschirmen. Ich sage nicht "Gedankenleser", weil die Welt der Gedanken nicht so einfach zu umschreiben ist, wie das Lesen eines Buches. Ich kann zwar alles hören, was an unausgesprochenen Worten in ihrem Bewußtsein schwingt, und Sie können versuchen, das vor mir zu verbergen, wenngleich ich mir ausbitte, doch kultiviertere Phrasen zu benutzen, als diese dieses musikalischen Scharlatans aus Amerika. Doch nun Stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen in einem Boot auf dem Meer und rudern gemütlich. Da fliegen zwei ihnen feindlich gesinnte Zauberer auf Besen in großer Höhe über sie hinweg. Sie erkennen sie nur an den Umhängen. Die erkennen jedoch nur das Boot und einen Insassen. Jetzt verfallen Sie auf die Idee, sich und das Boot unsichtbar zu machen, und es gelingt Ihnen. Was glauben Sie, passiert dann?"

"Moment, die Zauberer sind böse. Sie fliegen erst einmal über mich weg. Ich mache mich unsichtbar. ... Oh, Mist! Ich muß davon ausgehen, daß sie sich mal umschauen, ob hinter ihnen jemand herfliegt. Die sehen dann kein Boott, wo vorher noch eins war ... und drehen um, um zu kucken, was da los ist", sagte Julius und erbleichte. So weit hatte er noch nicht gedacht. Natürlich mußte es für böse Zauberer, die auch Gedanken hören oder richtig in fremden Bewußtseinen lesen oder herumsuchen konnten, interessant sein, wieso jemand sich durch überlagernde Gedanken abzuschotten versuchte, auch wenn es nur darum ging, die nicht wissen zu lassen, in welchen Pub man gerade gehen und wen man da treffen wollte

"Die Abwehr geistiger Eindringlinge ist Stoff höherer Klassen. Wenn Sie in einer der UTZ-Klassen Verteidigung gegen die dunklen Künste belegen, wird meine Kollegin Ihnen wohl beibringen, wie man sich effektiv vor geistigem Zugriff schützt. Ich wollte Ihnen lediglich mitteilen, daß eine Überlagerung der gerade im Bewußtsein schwingenden Gedanken nicht ausreicht, eher einläd, einen Angriff auf Ihre Erinnerungen und Gefühle zu vollziehen. Was mich angeht, so habe ich Ihnen ja in Millemerveilles gesagt, daß Sie diese Abwehrmöglichkeiten nur lernen, wenn Sie zu uns nach Beauxbatons kommen. Ich kenne zwar jemanden in Hogwarts, der dies auch kann, aber wohl nicht die Notwendigkeit findet, es Ihnen beizubringen. Wer das ist, verrate ich Ihnen nicht. Zu unserem Miteinander in Unterricht und Freizeitkurs: Daß ich diese Fähigkeit besitze, teile ich jedem mit, der erstmals in Beauxbatons Unterricht hat. Ich plaudere aber keines Schülers geheime Gedanken oder Bedürfnisse aus, sofern ich sie auf meine Art erfahre. Wer in wen verliebt ist, oder wer wen abgrundtief hasst, geht niemanden etwas an, außer dem, der diese Gedanken hegt. Wenn ich an permanenten Gedanken von Schülern etwas auszusetzen habe, zitiere ich ihn oder sie mit Genehmigung des entsprechenden Saalvorstandes zu mir und kläre das kurz ab, ob das wirklich so wichtig ist, daß die Aufmerksamkeit darunter leidet. Aber kein anderer bekommt dann was davon mit. Als diese Gabe bei mir festgestellt wurde, mußte ich bei Eintritt in Beauxbatons einen Eid ablegen, keinem dritten etwas über die Gedanken von anderen zu verraten, es sei denn, sie bildeten den Auslöser oder die Durchführung einer Straftat. Wie ich Ihnen bei Ihrem angeblich einmaligen Aufenthalt hier in Beauxbatons sagte, ich bin über die mich betreffenden Gesetze genauso orientiert, wie Sie über die Sie betreffenden Gesetze. Solange wir uns in diesem vorgegebenen Rahmen halten werden wir auf menschlicher Ebene keinen Konflikt entfachen. Was Ihre Beteiligung am Unterricht und Freizeitkurs von mir angeht, so habe ich dazu ja alles gesagt, was zu sagen ist. Wollen Sie zunächst Ihre Sachen in den grünen Saal schaffen? Die Glocke zum Abendessen läutet schon."

"Hmm, ich weiß nicht, ob ich dann nicht ärger kriege, wenn ich fünf Minuten später eintreffe. Das läuft hier doch anders als in Hogwarts."

"Sie brauchen wohl keine fünf Minuten", sagte die Lehrerin zuversichtlich und blickte auf Julius' rechten Arm. Natürlich konnte er das Armband wieder verwenden. Einmal am Tag durfte er das ja. Galt das auch für einmal zum grünen Saal und zurück?

"Sie können einen Weg hin und zurück damit bewältigen. Schwester Florence hat Sie lediglich angehalten, keinen übermäßigen Gebrauch davon zu machen. Das weiß ich schließlich auch von Mademoiselle Latierre und Mademoiselle van Drakens."

"Wenn Sie das sagen, möchte ich das gerne glauben", sagte Julius laut, nahm seine Kessel und Bücher und verließ das Büro der Zaubertranklehrerin.

Mit dem Pflegehelferschlüssel und dem Wandschlüpfsystem kehrte Julius kurz in den grünen Saal zurück, verstaute seine Sachen, wusch sich die Hände und plumpste keine zwei Minuten später zusammen mit Martine Latierre aus der dem Speisesaalportal gegenüberliegenden Wand.

"Hui, das ging ja noch mal gut", sagte Martine, als sie beim Ankommen fast seitlich zusammenprallten.

"Oha, kann es denn da verstopfungen geben?" Fragte Julius, der zwar mit Freude dieses Abkürzungssystem benutzte, aber noch nicht alle Tücken kannte.

"Das nicht. Wer in direkter Transportrichtung mit einem anderen durchschlüpft, wird einen Moment in der Schwebe gehalten, wenn nicht genug Platz ist. Aber das ist in der Geschichte von Beauxbatons nur einmal passiert, vor zweihundert Jahren. Wenn die Wände breit genug sind, lassen sie sogar drei Personen zeitgleich ein- oder ausschlüpfen. Hat die nette Jeanne dir das nicht erklärt? Aber die Pflegehelfervollversammlung ist ja erst nächste Woche Sonntags früh. Das hätte sie dir ja dann rechtzeitig genug gesagt."

"Ach, werden da allen noch die Benutzungszeiten vorgerechnet, wer wann durch die Wände gesprungen ist?" Fragte Julius.

"Das nicht, solange es nachvollziehbar ist, wer von wo nach wohin geschlüpft ist. Aber du hast wohl Hunger und wirst dich von deinem langen Schultag ausruhen wollen, oder hast du heute noch was?"

"Heute nicht. Dafür ist morgen volles Programm", sagte Julius problemlos und nickte der Saalsprecherin der Roten zu. Beide gingen sie in den Speisesaal, wo Madame Maxime noch am Lehrertisch stand. Offenbar wartete sie noch auf Professeur Faucon und Professeur Fixus. Keine Strafpredigt, weder von der Schulleiterin noch von Edmond Danton ereilte ihn, als er am grünen Tisch ankam und sich zwischen Robert und Hercules stellte, die Hände auf die Rückenlehne des Stuhls, auf dem er seit der Ankunft schon mehrmals gesessen hatte. Er sah sich um. Die Mädchen waren nicht vollzählig. Bébé fehlte. Er sah Claire an, die jedoch durch den großen Tischdurchmesser von ihm getrennt war. Er formte mit den Lippen das Wort "Bébé" und blickte Claire fragend an. Claire deutete nur auf den Lehrertisch und auf den Platz, wo Professeur Faucon saß. Julius verstand. Offenbar war Laurentine Hellersdorf noch immer bei professeur Faucon und saß die Strafe ab, die sie sich am Morgen eingebrockt hatte. Er nickte Claire zu.

"Was wollte Madame Denk-nicht-dran noch von dir?" Fragte Robert den neuen Klassenkameraden.

"Nichts wesentliches, Robert. Sie meinte nur, daß ich hier keinem was wegnehme, nur weil ich im Unterricht oder im Kurs was sage und hat mich gefragt, was ich gegen sie hätte, weil ich nicht aufgezeigt habe, als sie das mit dem Holz wissen wollte, wo sie doch Kräuterkundeexperten gefragt hätte. Sie meinte, von Hogwarts her sei ich wohl einer. Professor Sprout hat da wohl sehr groß über mich geschrieben."

"Oh, da wundert es mich, daß sie dir für diese Wissensunterdrückung keine Strafpunkte eingebrockt hat", meinte Hercules. "Immerhin hast du bei Trifolio ja auch Punkte geholt, und der sah zwischendurch so aus, als wäre er enttäuscht von dir oder wütend, weil du ihm nicht das bietest, worauf er sich gefreut hat."

"Politiker bei den Muggeln dürfen hundert Tage lang wursteln, ohne daß sie von den Zeitungen dafür angemotzt werden. Vielleicht gilt das ja auch für mich", sagte Julius beiläufig.

"Vorsicht, wenn du das glaubst. Königin Blanche hat dich da bestimmt schon zwischen, damit du das schnell vergißt und wenn Denk-nicht-dran dich zu sich zitiert, dann ist da schon was großes stinkendes am dampfen, wenn sie nicht zuerst einem Saalvorstand Meldung macht. Außerdem kann man in hundert Tagen viel vergeigen. Daß die Muggel sich sowas bieten lassen. Oder wird in England kein Parlament mehr gewählt?"

"Doch, wird es. Frage mich sowieso, wie das mit den Zaubereiministern ist. Wenn wer neues an die Regierung kommt, müßte der oder die ja was von unserer Welt erfahren und der ehemalige Premierminister müßte einen Vergessenstrank schlucken, um die Zaubererwelt zu vergessen", erwiderte Julius.

"So ähnlich läuft das wohl", wandte Robert ein, eher gelangweilt klingend.

Als Professeur Faucon mit Laurentine Hellersdorf zusammen in den Speisesaal eintrat und Bébé am grünen Tisch ablieferte, kurz mit Barbara sprach und dann zum Lehrertisch zurückkehrte, klatschte Madame Maxime in die Hände und schuf eine aufmerksame Stille. Sie begrüßte die Schülerinnen und Schüler, gebot ihnen, sich zu setzen und wünschte ihnen einen guten Appetit.

Nach dem Abendessen erledigte Julius zusammen mit Claire, Céline, Robert und Laurentine die angefallenen Hausaufgaben bis acht Uhr. Dann gingen Jeanne, Claire, Irene und Jasmine zur Holzbläsergruppe. Claire fragte Julius noch, ob er nicht nächste Woche mitkommen wolle. Immerhin würden da schöne Musikstücke eingeübt und Mademoiselle Bernstein würde ihn gewiß noch willkommenheißen. Julius sagte dazu nur, daß er sein Freizeitprogramm schon gut vollgepackt hätte. Wenn er aber rausbekäme, wie er sich die Zeit für die Hausaufgaben gut einteilen konnte, könnte er sich das noch überlegen. Claire verstand es so, daß sie sagte:

"Dann sage ich Mademoiselle Bernstein, daß du noch mit der Eingewöhnung zu arbeiten hättest aber vielleicht nächste Woche dazustoßen möchtest."

"Spielst du Klarinette oder Oboe oder auch diese Pfeifrohre?" Fragte Hercules. Claire hörte das und wandte sich um.

"Wir lassen dir die Trompete, dann läster nicht über uns Flötenspieler! Ihr Blechmusiker seid doch morgen nachmittag fällig, wenn ich den Plan richtig gelesen habe."

"Kein Problem, Claire", sagte Hercules, der das Funkeln aus Claires Augen nicht so recht vertragen konnte. Dann gingen die drei Mädchen der dritten Klasse. Céline winkte Julius zu sich und Bébé herüber. Offenbar sollte Julius sich nun anhören, was das muggelstämmige Mädchen am Nachmittag gemacht hatte.

"Wie war die Faucon in den Ferien zu dir, Julius?" Fragte Laurentine zum Auftakt. Julius wiegte den Kopf und überlegte, ob er Laurentine mehr erzählen sollte, als Hercules und Robert. Er entschied sich für diese Antwort:

"Professeur Faucon ging ja davon aus, daß ich nach Hogwarts zurückkehre. Sie verbot mir, mit anderen drüber zu reden, was die in den Ferien gemacht hat. Wenn Claire dir das erzählt, dann soll sie das tun. Ich habe keine Lust, es mir mit Gewalt mit der großen Dame zu verscherzen, Bébé."

"Nachdem, was die mit mir heute Nachmittag angestellt hat, glaube ich dir das. Die hat mich sehr intensiv in fluchabwehr geprüft, mehr als heute morgen und mich oft ziemlich heftig erwischt. Dann sollte ich ihr noch was über Dementoren und Nachtschatten erzählen, was das auch immer sein soll. Als ich das nicht wußte, hat die mir einen Fluch angehangen, den würde ich niemandem wünschen. Ich mußte versuchen, dagegen anzukämpfen."

"Was für'n Fluch war das?" Fragte Julius.

"Depressissimus. Als der mich voll erwischt hat, habe ich geglaubt, ich würde nie wieder fröhlich sein können, war total am Boden. Ich glaube, ich habe nur noch geheult. Als die mich dann nach wohl fünf Minuten aus diesem Fluch entlassen hat, hat sie mir erzählt, daß niemand aus der Zaubererwelt darauf Rücksicht nimmt, daß ich nicht hexen will, nur weil meine Eltern das so wollen und ich nun einmal hier sei, um das zu lernen, mich auch zu wehren. Na ja, irgendwie stimmt das ja wohl schon. Wenn dieser Voldemort wieder aufgetaucht ist, der keine Muggelstämmigen mag, interessiert den das nicht, daß ich das nicht lernen wollte."

"Bébé, muß das sein? Du weißt doch genau, daß man den nicht beim Namen nennt", zischte Céline ihrer Schulkameradin zu. Diese zuckte nur die Achseln und sah Julius an, von dem sie eine Antwort erwartete.

"Dieser nette Zeitgenosse ist wohl total krank, ein Irrer, Bébé. Der hält sich einen Stall von Leuten, die alle glauben, den Reinblütern gehört die Zukunft, wobei das natürlich schon deshalb blödsinn ist, da ja die reinblütigen Familien sich irgendwann alle mal durchgekreuzt haben. Erbschäden können dann immer stärker hervortreten. Inzucht heißt das dann wohl. Aber das erzähl mal einem Slytherin oder diesem Voldemort. - Ja, Céline, ich nenne den beim Namen, weil er nicht harmloser wird, wenn man den Du-weißt-schon-wen nennt. Genauso ist eine Atombombe immer noch gefährlich, ob sie als Verteidigungsgut oder taktischer Vorteil bezeichnet wird."

"Atombome??" Fragte Céline irritiert.

"Atombombe, ja, Céline. Das ist eine Waffe aus der technischen Welt, die ganze Städte zerstören kann und alle umbringt, die darin leben. Verstehe, was du meinst, Julius."

"Ganze Städte? Fies!" Erwiderte Céline.

"Und, wie sieht das jetzt mit dir aus, Bébé? Schreibst du deinen Eltern, daß du doch hier lernen möchtest?"

"Die wollen nix davon wissen, Julius, genau wie dein Vater. Wenn die Faucon ihnen schreibt, "holen Sie ihr Kind ab! Das gehört nicht hierher", dann wäre ich morgen schon zu Hause. Aber diese Kiste mit der Verwandlung, mit dem Zaubertrank und mit den Flüchen ist schon heftig genug. Wenn ich später einer Hexe oder einem Zauberer begegne, der rauskriegt, daß ich hier war, macht der oder die doch mit mir, was gerade Spaß macht. Dann lerne ich doch lieber, was alles geht. Außerdem hat mir die gute Faucon untergejubelt, mich in den nächsten Sommerferien bei einer Zaubererfamilie unterzubringen, falls die Dinge sich nicht gar so entwickeln, daß ich über Weihnachten nicht nach Hause darf und hierbleiben muß. Papa hat schon angedroht, eine Horde von Anwälten einzuschalten, wenn die mich zu was zwingen. Die wissen doch gar nicht, was die alles können!"

"Lustig, sowas ähnliches habe ich meinen Eltern auch oft genug gesagt, wenn die meinten, sich mit Hexen und Zauberern anlegen zu müssen."

"Ja, aber du wolltest das doch lernen, sagen alle, die dich von Millemerveilles kennen."

"Tja, weil ich angeblich zu gut zaubern kann, um das zu verbergen."

"Das unterschreibe ich dir, nachdem ich dich im Unterricht zaubern gesehen habe", sagte Céline. "Die hier in Beauxbatons wissen auch, wen die sich herholen. Deine Mutter hat der Faucon wohl einen großen Gefallen getan."

"Céline, ich möchte dich nicht ärgern, aber darüber möchte ich nicht mit jedem reden", blockte Julius jede weitere Diskussion über seine Eltern ab. Schlimm genug, daß seine Mutter jetzt ein völlig neues Leben anfangen mußte. Er war ja zumindest in einer Schule, wo er da weitermachen konnte, wo er aufgehört hatte.

"Einverstanden", erwiderte Céline, nachdem sie ihre leichte Verärgerung über Julius' unwirsche Art niedergerungen hatte.

"Meine Eltern kommen doch zum Elternsprechtag vor den Osterferien. Die könnten doch was anleiern, daß du zu uns kommen darfst, Bébé. Aber das haben wir ja schon letztes Jahr bequatscht", sagte Céline Dornier. Dann wandte sie sich wieder an Julius und fragte:

"Wie sieht denn das mit einem Besen aus? Den englischen darfst du ja nicht benutzen."

"Das ist noch nicht ganz geklärt, Céline. Der Sauberwisch 10 hat mich immer gut getragen. Es haben mir ja schon einige angeboten, gebrauchte Besen von ihnen zu nehmen, wenn gespielt wird. Professeur Faucon hat den von mir erst einmal kassiert, damit ich nicht auf die Idee komme, den noch zu fliegen. Aber wenn zum ersten Spiel kein Besen für mich da ist, fliege ich eben nicht."

"Du hast schon Geburtstag gehabt, weiß ich von Claire, weil die ja nur drei Tage nach dir hat. Sonst könntest du dir den Ganymed 9 wünschen. Wenn der Ganymed 10 Marathon rauskommt, wird der Neuner wohl für die Hälfte seines bisherigen Kaufpreises angeboten."

"Céline, der Neuner ist schon schweineteuer. Die Hälfte von Schweineteuer ist immer noch teuer!" Rief Hercules einfach durch den Saal. Offenbar drehte sich das Gespräch um was, das ihn interessierte. Céline rief zurück:

"Brüllen wir uns nicht gegenseitig an, Hercules! Robert und du seid eh fertig mit eurem Wahrsagekrempel. Also kommt rüber zu uns!"

Als Hercules und Robert an den Tisch von Bébé, Céline und Julius gekommen waren, unterhielten sie sich über die französischen Rennbesen. Julius wandte ein, daß die Ganymeds gute Besen seien, er im Quidditch mit dem Sauberwisch 10 gut hatte mithalten können.

"Der Ganymed 9 ist für Schulsport zu überzüchtet und überteuert", wandte Hercules gehässig ein. "zweihundertfünfzig Galleonen. Wer das Geld hat kauft sich doch gleich drei Superbos der neuen Generation."

"Du hast doch den Ganymed 8", warf Céline ein. "Wie teuer war der vor zwei Jahren noch?"

"Höchstens fünfzig Galleonen. Heute würde ich den nur noch für zwanzig Galleonen loswerden. Aber zum Quidditch reicht der mir völlig. Aber da dein Papi ja bei den Ganymed-Werken arbeitet willst du davon ja nichts wissen, Céline."

"Wieso, der Marathon wird doch für nur zweihundert Galleonen angeboten und ist variabel einsetzbar. Das ist ein guter Rennbesen und ein ausdauernder Langstreckenflieger, weswegen der wohl nach dieser Laufsportart benannt wurde. Die Zulassung ist nächste Woche perfekt, dann wird er an die Vorbesteller ausgeliefert", sagte Céline.

"Ich habe in Jeannes Quidditchmagazin gelesen, daß die demnächst auch einen neuen Sauberwisch rausbringen wollen. Aber ob der so gut ist wie der Zehner?" Warf Julius ein.

"Was kann der neue Ganni denn alles, wenn man dafür zweihundert Galleonen hinknallen muß?" Fragte Robert. Céline lächelte überlegen und fischte aus ihrem Umhang eine Broschüre.

"Hat mein Vater mir gestern früh geschickt. Lest es euch durch!" Schlug Céline vor. Robert las als erster und stieß ein überwältigtes "Bor eh" aus. Dann reichte er mit jungenhafter Freude Hercules die Broschüre. Der reichte sie unbesehen weiter an Julius.

"Ich brauche keinen neuen Besen und bin mit dem, den ich habe, gut bedient. Meine Eltern haben weder Lust noch Geld, alle zwei Jahre 'nen neuen Besen anzuschaffen", sagte er leise. Julius las sich die Broschüre durch, in der auch sich bewegende Fotos von Testfliegern in eng anliegenden Umhängen mit Kapuze und Windschutzbrille enthalten waren. Als er die Beschreibung der Eigenschaften las, bekam er sehr große Augen:

"Der Ganymed 10 Marathon stellt als Weiterentwicklung des bereits berühmten Vorläufers Ganymed 9 Multiplex einen Sprung über zwei Entwicklungsstufen dar. Denn er ist nicht nur ein ausgezeichneter Sprintkünstler (von 0 auf 300 in zwanzig Sekunden), sondern auch mit einer Reichweite pro Etappe von 12 Stunden bei einer Reisegeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern ein echter Langstreckenathlet. Zwischen jeder Etappe müssen lediglich sechzig Minuten pausiert werden, um die Flugmagie zu regenerieren. Der Ganymed 10 Marathon verfügt über einen Anti-Fluch-Beschichteten Stiel aus Rotbuche und einem aerodynamisch exakt ausgerichteten Schweif aus Olivenzweigen der Normandie über eine Windschlüpfrigkeitsverstärkungspolitur, einen unbrechbaren Bremszauber, sowie eine Katapultbeschleunigungsmagie bei 99,9 % Innertralisation, sowie einer geschwindigkeitslinearen Innertralisation bei steigenden Geschwindigkeiten, einem Sturmablenkungskompensationszauber so wie einen Selbststeuerungszauber, während dessen Wirkung der Reiter in einem Bergezauber gehüllt schlafen kann. Die gemessene Höchstgeschwindigkeit liegt bei 700 Stundenkilometern auf einer Kurzstrecke von 3000 Metern. Er eignet sich auch gut als Familienausflugsbesen, denn seine sehr feinmotorisch ausgearbeitete Steuerbarkeit ist auch bei einer Gesamtlast von 600 Kilogramm in der Lage, wendig und reaktionsschnell anzusprechen."

"Dein Vater will nicht zufällig die Schallmauer durchbrechen, oder?" Fragte Julius.

"Die was?" Fragte Céline. Bébé grinste nur überlegen und erklärte ihrer Klassenkameradin, was damit gemeint war.

"gute Idee, muß ich ihn mal fragen, ob sowas überhaupt was taugt. Aber für einen Walpurgisnachtausflug wäre der doch ideal, nicht wahr, Bébé?"

"Wenn du mich damit aufziehen willst, daß ich mich auf keinen Besen mehr setze, dann mach, was du nicht lassen kannst. Ich habe nichts, wofür es sich lohnt, auf einem Besen reiten zu können."

"Och, nach meiner Vor-Hogwarts-Erfahrung gehört das aber zu einer Hexe dazu, während Zauberer auf ihren Mänteln oder fliegenden Teppichen fliegen, wenn sie nicht gerade durch Ortswechselzauber verreisen."

"Jau, apparieren! Lernen wir wohl in der Klasse sechs bei Bellart", warf Robert mit strahlendem Gesicht ein.

"Stimme ich dir vollkommen zu, Robert. Das will ich auch können", sagte Julius.

So unterhielten sich die fünf über Flugbesen, wie man vielleicht drehen konnte, daß Julius einen guten Ganymed verbilligt bekommen könne und über Verkehrsmittel der Muggel und Zauberer. Julius erzählte von seiner Erfahrung mit Flohpulver, daß er damit sogar mal zwischen England und Australien verreist war. Zwischenzeitlich gesellte sich Barbara, die ihre Hausaufgaben beendet hatte, zu den fünf Drittklässlern. Sie sagte bestimmt:

"Wenn das offizielle Training beginnt, werde ich wohl einen neuen Besen haben. Dann fliegt Julius meinen Ganymed 8. Der ist von mir noch mal in Form gebracht und von Monsieur Dusoleil geprüft worden. Der hält mindestens noch dieses Schuljahr alle Spiele des Grünen Saales durch."

"Soll die Schule ihm doch was vorschießen, wenn Julius offiziell am Training teilnehmen darf", warf Hercules ein.

"Das ist noch ein Buch mit weißen Blättern", sagte Julius leicht geknickt dreinschauend. Dann grinste er gehässig und sagte: "Wenn ich beim Training keinen Besen habe, acciiere ich mir meinen herbei, geht ganz prima."

"Möchtest du allein für die Erwähnung, einen beschlagnahmten Gegenstand aus dem Gewahrsam unserer Saalvorsteherin zu holen zwanzig Strafpunkte haben, Julius? Dann rede dir das weiter ein", sagte Barbara mit von ihr selten zu hörendem warnendem Unterton. Dabei sah sie Julius sehr durchdringend an, als wolle sie ihn röntgen.

"Neh, ich lege es nicht auf Strafpunkte an", sagte Julius beschwichtigend. "Ich habe keine Lust, nachher auch noch übergequollenen Einhorndünger abzufahren, wie jemand aus dem blauen Saal."

"Ich hörte davon. Martine und ich trafen uns kurz nach eurem Kurs und unterhielten uns über den Verlauf des Versuchstages. Immerhin fünf Gesamtpunkte für den grünen Saal zusammenzubekommen ist schön für den ersten Tag eines Freizeitprojektes. Und was diesen Jemand angeht, Monsieur Andrews, so wollte er das so haben", sagte Barbara, wobei sie sehr verknirscht dreinschaute, als sie den letzten Satz aussprach.

Der Abend klang mit einer ruhigen Unterhaltung über die neuen Schulfächer aus. Als dann um Viertel vor zehn die Musiker und andere Freizeitgruppen in den grünen Saal zurückkehrten, stand Julius auf und wollte sich bettfertig machen. Claire kam noch mal zu ihm rüber und sagte leise:

"Mademoiselle Bernstein hat von Professeur Faucon gehört, daß du Block- und nun auch Panflöte kannst. Wenn deine Freizeitsachen nicht zu heftig werden, darfst du nächste Woche gerne mitkommen. Ich habe ihr auch erzählt, daß du Noten lesen kannst. Das findet sie auch schön, vor allem, wenn jemand schnell die Zweit- oder Drittstimmen lernen will. Gute Nacht, Cherie!" Claire umarmte Julius flüchtig und küßte ihn auf die linke Wange. Julius stand erst perplex da und wußte nicht, was er sagen sollte.

"Gute Nacht, Claire! Schlaf gut!" Konnte er soeben noch stotterfrei herausbringen. Dann zog er sich mit leicht gerötetem Gesicht zurück. Robert, der das doch mitbekommen hatte, nahm Julius kurz bei Seite:

"Wenn die schon soweit geht, dann ist es ernst. Céline hat also recht. Die hat das übrigens auch irgendwann bei mir so gemacht, als mir jemand aus einem anderen Saal nachgelaufen ist. Obwohl es bei den Muggeln andersherum läuft, in Frankreich herrschen die Hexen. Wenn dich eine aussucht, dann sei froh, wenn sie dein Typ ist und du gut damit leben kannst. Ich bin mit meiner derzeitigen zumindest sehr gut bedient."

"Ob das was zwischen ihr und mir was richtiges wird, weiß ich nicht. Aber im Moment ist das für mich eine sehr aufregende Sache, weil da hunderte von Büchern drüber geschrieben wurden, und mir das überhaupt nichts bringt, was da drinsteht."

"Das ist doch mal ein Satz, Julius. Dann wollen wir mal. Der tag war für uns wieder ziemlich lang."

Als Julius in seinem Bett lag, die Vorhänge um sich herum zugezogen, dachte er noch mal über den verstrichenen Tag nach. Trotz der regulierten Abläufe hier in Beauxbatons empfand er es doch als gute Sache, hier zu sein. Jetzt schon. Dann dachte er an Gloria und Pina. Heute war ja der Ball, den Glorias Mutter für ihre Berufskollegen ausrichtete. Er vermeinte, die fröhliche Tanzmusik zu hören und sich mit Gloria, ihrer Mutter, Schwiegermutter und mit Pina zu schnellen Rhythmen zu drehen. Irgendwann wußte er nicht mehr, ob es nur Gedanken waren, oder ein richtiger Traum, als er sich in der allgemeinen guten Laune tanzender Hexen und Zauberer verlor.

 

__________

 

Der Unterricht am Donnerstag Morgen war für Julius kurzweilig und interessant. Bei Professeur Trifolio ging es um die weiteren Eigenschaften der Feuerpilze, wie sie in einer Kultur gezüchtet werden konnten, nämlich unter Luftabschluß in einem großen Kupferkessel voll Quarzsand und Schwefel über einem ständig zu unterhaltenden Feuer. Bei Professeur Armadillus ging es weiter um die Knuddelmuffs, wie man sie pflegte, wie ihr Nahrungssuchverhalten war und wie die Elterntiere die lebend geborenen Jungen, die nicht größer als Tennisbälle waren und ein tiefbraunes Flaumfell besaßen, umsorgten. Danach war große Pause.

"Diese Knuddelmuff-Jungen sind schon ziemlich flink", bemerkte Belisama Lagrange zu Julius, der mit Claire und Céline zusammenstand.

"Ja, das ist wohl wahr. Die können ziemlich hoch und weit hüpfen, wenn was interessantes zu erkunden ist", erwiderte der Neuzugang aus England. Claire fragte Belisama, ob sie nicht einen Knuddelmuff haben wollte. Diese erwiderte:

"Aus dem Alter bin ich glaube ich raus, Claire. Wahrscheinlich werde ich mir eine Katze oder eine Eule zulegen."

"Dachte schon, du würdest in deine alten Kindertage zurückfallen, Belisama", gab Claire darauf leicht pickiert zur Antwort. Julius vermutete, daß die Mädchen sich wieder kabbelten, ob um ihn oder sonstwas, war ihm egal. Er sah Céline an, die über den Pausenhof blickte, bis sie einen hellblonden Haarschopf ausmachte und ein untersetztes Mädchen mit Pausbacken näherkommen sah. Sie lächelte.

"Heute sind keine Verspätungsstrafpunkte nötig", sagte sie wohl eher zu sich als zu Julius. Laurentine Hellersdorf kam näher.

"Hallo, Céline, hallo Julius. War es interessant mit diesen Knuddelbällen?"

"Wir hatten heute Junge Knuddelmuffs", sagte Julius nur. Céline nickte.

"Ich habe mir in der Freistunde die Grundlagen der Invivo-ad-Vivo-Verwandlungen angesehen. Mal sehen, ob ich da nicht doch was mit anfangen kann", sagte Bébé zu Julius. Dieser nickte. Céline strahlte, als habe Laurentine ihr ein lang ersehntes Geschenk gemacht.

Als Professeur Paralax, der die Pausenaufsicht führte, die Schüler darauf hinwies, noch zwei Minuten bis zum Unterrichtsbeginn zu haben, marschierten erst die Roten in den Palast zurück, dann die Blauen, schließlich die Gelben und dann die Grünen.

"Bis Samstag im Kräuterkundekurs, Julius!" Flötete Belisama. Julius nickte nur zustimmend und ging weiter durch den Pausenhofzugang in den Palast von Beauxbatons.

Keiner bekam Verspätungsstrafpunkte, als sie von Professeur Faucon in den Verwandlungsklassenraum eingelassen wurden. Überhaupt verlief die Stunde sehr bedeutungslos, abgesehen davon, daß Julius statt eines Mantelknopfs, den er in einen Käfer verwandeln sollte, vier Teetassen vorgesetzt bekam, die er in Ratten verwandeln mußte. Claire schaffte in derselben Zeit, die Julius für die vier Ratten brauchte, fünf Käfer aus Mantelknöpfen zu zaubern. Auch Laurentine strengte sich an und schaffte es, eine ansatzmäßige Verwandlung hinzubekommen. Zumindest hatte ihr Mantelknopf am Ende der vorgegebenen Zeit sechs lebendige Beine und Insektenfühler. Dafür bekam sie zehn Bonuspunkte. Julius bekam für jede gelungene Verwandlung fünf, Claire zehn Bonuspunkte.

"Sie, Monsieur Andrews, sehe ich heute Nachmittag ja wieder", sagte Professeur Faucon mit sachlicher Betonung und ernstem Gesichtsausdruck, als sie alle Versuchsergebnisse eingesammelt hatte.

"Zum Montag schreiben Sie mir die wichtigsten Grundlagen für eine erfolgversprechende Verwandlung kleiner Objekte in wirbellose Tiere!" Gab sie dann auf und entließ die Klasse.

Nach dem Mittagessen war eine weitere Stunde bei Professeur Pallas angesagt. Julius, der bereits am Montag einen Eindruck davon bekommen hatte, daß er nicht wie bei Binns in Langeweile ertrinken würde, wurde jetzt in den Reigen der Vorleser eingebunden. Es ging um die Ergebnisse der Zaubereikonferenz, von der sie es am Montag schon hatten. Dann durften fünf der elf Drittklässler in einem Rollenspiel die wichtigsten Hexen und Zauberer darstellen, die mit den Folgen jener Zaubereikonferenz rangen. Julius war begeistert, wie lebendig man doch Geschichte rüberbringen konnte. Verheißungsvoll war für ihn die Hausaufgabe am Ende der Stunde:

"Zum nächsten Montag lest ihr euch die Grundlagen des Koboldaufstandes von 1612 durch! Sprecht ab, wer in einem Rollenspiel welchen Zauberer oder Kobold darstellen will! Wir probieren dann nämlich aus, wie sich das zugetragen haben könnte."

Julius dachte, daß Claire ihn zum Fortgeschrittenenkurs Verwandlung begleiten würde. Doch sie meinte nur:

"Fortgeschritten heißt bei Professeur Faucon, daß die Vivo-ad-Vivo-Verwandlung sitzen muß. Das kann ich noch nicht, wie wir ja bei Madame Unittamos Besuch erlebt haben. Wahrscheinlich wirst du Leute aus den Klassen fünf bis sieben treffen. Mach dir darum keine Gedanken! Wenn Professeur Faucon dich von sich aus in diesen Kurs eingeteilt hat, dann wird sie sich schon was dabei gedacht haben. Viel Erfolg und Vergnügen!" Sie umarmte Julius kurz innig und ließ ihn dann alleine fortgehen.

"Leute aus den Klassen fünf bis sieben. Tolle Aussicht", dachte Julius leicht irrietiert. Aber etwas ähnliches hatte man ihm in Hogwarts ja schon nachgesagt, er solle mit Prudence und Cho den Verwandlungsunterricht mitmachen und sowas. Cho Chang! Wie mochte es ihr nun gehen, wo Cedric Diggory tot war? Hatte sie sich über die Ferien erholen können oder arbeitete sie immernoch daran, ihren Freund verloren zu haben?

"Heh, wo willst du hin?" Fragte eine ältere Mädchenstimme, als Julius in einen Gang abbog. Er erschrak und wandte sich um. Barbara stand hinter ihm und sah ihn verwundert an.

"Das glaubst du mir ja doch nicht, wenn ich dir das erzähle", sagte Julius schroff, weil er so abrupt aus Gedanken gerissen worden war und feststellte, daß er im falschen Korridor war.

"Das du zu Schuldiener Bertillon willst, obwohl du jetzt mit mir, Jeanne, Gustav, Martine, Seraphine und Virginie Verwandlungskurs für Fortgeschrittene hast? Stimmt, das glaube ich dir wirklich nicht", erwiderte Barbara kühl. Dann führte sie Julius zu einem großen Kursraum, in den wohl sechzig Leute hineinpaßten. Allerdings waren nur zwanzig Schülerinnen und Schüler da. Professeur Faucon sah auf eine Sanduhr, die fast durchgelaufen war. Offenbar lief ein Countdown, dachte Julius. Bei Null würde die Tür zugehen und jeder, der dann erst eintrudelte, kassierte vielleicht Verspätungsstrafpunkte.

"Der junge Mann, den Sie da bei sich haben, möchte bitte nach vorne kommen, Mademoiselle Lumière. Er ist hier völlig richtig", sagte die Verwandlungslehrerin mit strenger, raumfüllender Stimme. Barbara griff Julius sanft beim Arm und zog ihn vorwärts. Als er vor dem großen Lehrerpult stand, hinter dem Professeur Faucon bereitstand, machte sie auf einer langen Liste hinter seinem Namen einen grasgrünen Tintenstrich.

"Es sind viele hier, die Sie kennen, Monsieur Andrews. Einige davon waren auch bei Madame Unittamos Privatvorführung anwesend. Es besteht also kein Grund für Minderwertigkeitskomplexe oder Nervosität", sagte Professeur Faucon leise, daß nur Julius sie verstehen konnte. Dieser sah sich um. Jeanne Dusoleil traf gerade mit Eloise, einer Klassenkameradin aus dem Grünen Saal und Belle Grandchapeau aus dem violetten Saal ein. Daneben sah er noch zwei Mädchen aus dem gelben Saal, von denen eines die goldene Saalsprecherbrosche trug, sowie Adrian Colbert, der als einziger der Blauen diesen Kurs besuchte. Martine Latierre und die Montferre-Schwestern standen mit zwei Mädchen aus dem Weißen Saal zusammen, die wohl in Seraphines Klasse waren. Julius mußte zugeben, daß er viele von denen hier schon gesehen und gesprochen hatte. Dann drehte er sich wieder um und sah auf Professeur Faucon, die gerade das letzte Sandkorn der durchlaufenden Uhr fallen sah. Wie vermutet fiel die große Tür zu. Stille trat ein.

"Sie werden mit den Demoisellen Lumière, Dusoleil, Latierre und Lagrange und Monsieur van Heldern zusammen in einer Arbeitsgruppe arbeiten, Monsieur Andrews. Mit diesen Schülerinnen und Schülern sind sie ja einigermaßen bekannt", bestimmte professeur Faucon. Barbara nahm Julius mit sich. Ihr freund Gustav stand bereits neben Seraphine, die Julius anstrahlte. Dann kamen noch Jeanne, Eloise und Martine hinzu. Adrian, so sah Julius genau, wollte zunächst in eine Gruppe mit Belle Grandchapeau, doch wurde von Professeur Faucon energisch zurückgerufen und in eine Gruppe mit der Saalsprecherin der Gelben gesteckt.

Julius wollte schon was sagen, um zu erklären, daß er ja nicht freiwillig hier hinkommen wollte. Doch die Kursleiterin klatschte laut in die Hände, um wieder aufgekommenes Getuschel zu ersticken und sprach laut und unmißverständlich ernst:

"Messieursdemoiselles! Ich begrüße Sie alle recht herzlich zu einem neuen Schuljahreskurs in Transfiguration für Fortgeschrittene. Einige von ihnen haben sich im Rahmen der Freizeitgestaltung für diesen Kurs entschieden, andere sind auf meine persönliche Empfehlung oder Anregung hin in diesen Kurs eingetreten. Für alle gilt, daß ich jeden, der oder die hier seine fortgeschrittenen Fähigkeiten probt und ausfeilt, genauso hart und gerecht bewerten werde, wie in meinen regulären Unterrichtstunden. Ich vergebe hier keine Noten. Aber was Sie hier lernen, kann sich positiv oder negativ auf ihre Jahresendnote im regulären Unterricht auswirken. In Ihrem persönlichen Interesse sollten Sie darauf ausgehen, eine positive Auswirkung zu erreichen. Ich werde für Erfolge und Mißerfolge in diesem Kurs Bonus- und Strafpunkte verteilen, sowie geäußerte Leistungsbereitschaft und Disziplin belohnen, wie auch Nachlässigkeit und Disziplinlosigkeit ahnden." Sie sah flüchtig zu Adrian Colbert hinüber, bevor sie weitersprach. "Jede und jeder, der hier ist, ist dies mit meinem Einverständnis oder meiner ausdrücklichen Aufforderung. Falls also jemand von Ihnen Probleme bekommen sollte und sich fragt, was er oder sie hier zu suchen hat, so erinnern Sie sich daran, daß ich Sie für diesen Kurs für geeignet anerkannt habe. Mehr muß und soll Sie nicht bekümmern, außer die erreichbaren Leistungen zu zeigen. Ich habe einen abgestuften Übungsplan für die erste Stunde erstellt, je nach Grad der erlernten Fähigkeiten. Ich teile jedem seinen Übungszettel für heute gleich aus. Verhalten Sie sich bis dahin ruhig!"

Tatsächlich schaffte es die Lehrerin, mit einem strengen Blick durch die Runde ein totales Schweigen zu erzeugen. Während sie herumging, händigte sie kleine Pergamentzettel aus, für jeden einen eigenen Übungsplan. Als sie bei der Gruppe um Julius ankam, ging sie zunächst zu den beiden Saalsprecherinnen Latierre und Lumière. Dann machte sie die Runde, bis sie bei Julius Andrews angelangt war. Sie drückte ihm einen Zettel in die Hand und flüsterte:

"Das werden Sie heute erledigen, Monsieur Andrews. Ich weiß, daß Sie das können." Dann ging sie weiter. Als dann alle ihre Übungszettel hatten, kehrte sie an ihr Pult zurück und öffnete mit einem Wink des Zauberstabes eine verborgene Tür, hinter der ein Raum voller Käfige und verschiedener Gegenstände lag.

"Die Leiter und Leiterinnen der Arbeitsgruppen möchten sich aus diesem Raum Versuchstiere und -objekte holen! Viel erfolg!" Sagte Professeur Faucon noch.

"Was hast du auf deinem Übungszettel, Julius?" Fragte Jeanne, die offenbar zur Gruppenleiterin ernannt war. Julius las kurz den Zettel und erbleichte.

"Führen Sie an fünf ausgewachsenen Wanderratten eine Umwandlung in Schnecken durch. Verwandeln Sie vier Igel in Meerkatzen und zehn Laubfrösche in Sperlinge! Ihre Gruppenleiterin, Mademoiselle Dusoleil, wird Sie mit den entsprechenden Versuchstieren ausstatten."

"Gleich in die Vollen", grummelte Julius und reichte Jeanne den Zettel. Diese nickte nur und sammelte die restlichen Zettel ein. Dann nahm sie Barbara und Martine mit, um die Versuchstiere zu holen.

"Du mußt doch mindestens Tier-zu-Tier-Verwandlungen können, wenn die Faucon dich in diesen Kurs läßt", sagte Eloise, Jeannes und Barbaras Klassenkameradin. Seraphine und Gustav wandten ein:

"Das kann der doch. Oder hat sie befunden, du möchtest mit der Dematerialisation anfangen?"

"Öhm, kommt das hier auch schon dran?" Fragte Julius. Verhaltenes Grinsen war die Antwort. Wie konnte er auch so blöd fragen?

Als Jeanne und Barbara ihm die Käfige auf einem Karren vorsetzten, in denen Ratten und Igel herumliefen, trat Professeur Faucon noch mal an die Gruppe heran.

"Wie im Unterricht gilt, daß Sie keine Fachfremden Zauber bemühen dürfen. Also keine Schocker, keine Bewegungsbanne oder Erstarrungszauber. Das wollte ich Ihnen nur noch mal sagen."

Irgendwo knallte es laut. Offenbar war da was nicht so gründlich abgelaufen, wie es gedacht war. Professeur Faucon eilte mit wehendem Umhang zum Tisch, von wo der Knall gekommen war. Sie sprach wohl auf die betroffenen Schüler ein. Barbara flüsterte Julius zu:

"Nicht auf Geräusche von anderen Tischen achten! Nicht immer funktioniert alles lautlos."

Julius bekam seinen Übungszettel zurück und fing an, die aufgetragenen Verwandlungen durchzuführen. Nach fünf Minuten hatte er keine Wanderratten mehr, und von den vier Igeln waren zwei bereits in Meerkatzen verwandelt und kreischten laut herum.

"Taceto!" murmelte Julius, mit dem zauberstab auf eine deutend. Doch das Tier schwieg nicht.

"Wolltest du den verbalen Schweigezauber wirken? Der geht bei Tieren nicht", wies ihn Jeanne, die links von ihm gerade drei Fledermäuse auf einmal in Zwergpudel verwandelte hin.

"Die Biester stören mich beim Nachdenken", knurrte Julius. Mit einiger Mühe schaffte er es, den vierten Igel in eine Meerkatze zu verwandeln. die vier gezauberten Affenwesen turnten wild durch den Käfig, schlugen mit den krallenbewehrten Pfoten zwischen den Gitterstäben hindurch oder schnappten mit nagelspitzen Zähnen nach allem, was sich bewegte.

"Wieso geht der Tacetus-Fluch nicht bei Tieren? Die geben doch Verständigungslaute von sich", wunderte sich Julius.

"Weil Tiere keine bewußte Sprache können, die sie erlernen müssen", sagte Professeur Faucon ohne Vorwarnung von hinten. Julius wurde es schwindelig. Wenn er jetzt bestraft wurde, weil er einen artfremden Zauber versucht hatte ...

"Silencio!" Murmelte die Lehrerin, mit auf eine Meerkatze gerichtetem Zauberstab. Wie ein in einem auf stumm gestelltem Fernseher bewegte das verhexte Tier noch das Maul, brachte aber keinen Ton heraus.

"Das ist ein Trick der Zauberkunst, der Ihnen noch nicht beigebracht wurde, Monsieur Andrews. Der Zauber klingt mit der Zeit ab, weswegen der Sprechbann für verständigungsfähige Wesen wirksamer ist", erläuterte die Lehrerin weiter. Dann versetzte sie die übrigen kreischenden Meerkatzen mit demselben Schweigezauber in totale Stille.

"Ach, das meinten die mit physikalischem Schweigezauber", dachte Julius. Dann ging er an die Laubfrösche, die er in zwitschernde Sperlinge verwandelte. Professeur Faucon beobachtete ihn genau und sagte, nachdem alle Aufgaben erfüllt waren:

"Zu einfach für Sie, Monsieur Andrews. Hat ja keine zehn Minuten gedauert. Fünf Bonuspunkte für jede vollständige Verwandlung und zehn Strafpunkte für den unautorisierten Versuch, ein Versuchstier mit fachfremdem Zauber zu belegen."

"Das war doch nur, weil diese Tiere so laut ...", wandte Julius ein. Doch Professeur Faucon legte ihm warnend die Hand über den Mund.

"Sie wollen Ihr Bonuspunktekonto doch nicht wieder belasten, wo Sie es gerade erst so gut aufgestockt haben, oder?" Julius schüttelte vorsichtig den Kopf. "Dachte ich es mir doch."

Die Kursleiterin besah sich die Ergebnisse der übrigen Gruppenmitglieder, nickte zustimmend und ging an die anderen Tische. Nach weiteren zehn Minuten waren die übrigen Gruppenmitglieder fertig. Jeanne hatte zehn kläffende Zwergpudel, sieben gurrende Brieftauben und zehn brüllende Ochsenfrösche in den Versuchskäfigen sitzen. Barbara hatte es zumindest geschafft, die vorgegebene Zahl Zwergpudel hinzubekommen. Statt der vollen Zahl Ochsenfrösche saßen fünf laut quakende Wasserfrösche, zwei Laubfrösche und drei Ochsenfrösche vor ihr. Einer der großen Frösche schlug gerade mit der langen Zunge nach einem der Wasserfrösche und schlang diesen einfach hinunter.

"Ups, das war aber nicht Sinn der Übung", war Barbaras belustigter Kommentar dazu.

"Heh, stellt euren Zoo mal leiser!" Rief Adrian Colbert von einem anderen Tisch herüber. Professeur Faucon stellte ihn dafür leiser, indem sie ihm den Sprechbann aufhalste, der bis zum Abendessen bestehen bleiben sollte und verhängte noch dreißig Strafpunkte wegen Brüllens im Kursraum.

"Was machen wir mit den ganzen Tieren. Sollen wir die zurückverwandeln?" Fragte Julius.

"Neh, die werden für andere Übungsstunden gebraucht. Außerdem müssen wir ja noch was anderes machen", sagte Jeanne. Dann nahm sie ihren Zauberstab und beschwor aus dem Nichts einen Schemel, zwei Blumenvasen und eine Kommode herbei.

"Ihr neuer Übungszettel!" Wisperte Professeur Faucon, als sie Julius wieder erreichte. Julius las, daß er aus zwanzig Ameisen Kanarienvögel machen sollte. Das war ja heftig. Die Lehrerin sammelte die Ergebnisse der Verwandlungsübungen ein und ließ sie auf einem verzauberten Karren in den Tieraufbewahrungsraum hinüberfahren. Persönlich brachte sie ihm ein Glasgefäß mit einem winzigen Ameisenhaufen darin und zwanzig kleine Vogelkäfige. Julius strengte sich an und brauchte allein eine Minute, um eine Ameise voll zu treffen. Als er den Bogen raushatte, dauerte es zehn weitere Minuten, bis er statt der roten Waldameisen zwanzig zwitschernde Kanarienvögel vor sich hatte.

"Ist ja bemerkenswert", stellte Martine fest, die gerade aus dem Nichts den zehnten Kaktus heraufbeschworen hatte. Die immer die Runde machende Kursleiterin zählte die Kanarienvögel, gab noch mal fünf Punkte pro geschaffter Verwandlung und sammelte die Tiere und die verbliebenen wohl hundert Ameisen wieder ein.

"Die Tier-zu-Pflanze-Verwandlung hattest du noch nicht?" Fragte Barbara. Julius bestätigte das.

Der nächste Übungszettel, den Professeur Faucon Julius in die Hand drückte, enthielt die Anweisung, in "Wege zur Verwandlung IV" nachzulesen, wie die Pflanze-Tier-Metamorphosen gewirkt wurden. Er sollte sich dieses Kapitel soweit durchlesen, daß er die letzten zehn Minuten der Übungsstunde damit Übungen machen konnte. Julius las sich aus dem von ihm mitgenommenen Buch von Maya Unittamo das Kapitel über Verwandlungen von Pflanzen in Tiere und Umgekehrt durch, viermal, fünfmal. Irgendwann meinte er, alles auswendig zu können. Als Professeur Faucon dann wiederkam, stellte sie ihm eine Schale Erde mit daraus hervorlugenden Gänseblümchen hin. Jede dieser Pflanzen sollte er in eine Schnecke verwandeln. Das war jetzt nicht so einfach, weil er die neuen Zauberstabbewegungen und Zauberwörter abstimmen mußte. Erst nach dem vierten Fehlversuch hatte er eine große Weinbergschnecke in der Schale herumkrabbeln. Dann schaffte er es nach zwei weiteren Minuten, eine weitere Schnecke zu zaubern. Dann noch eine. Schließlich waren außer den verkümmerten Gänseblümchen oder den mitten im Verwandlungsvorgang steckengebliebenen Exemplaren noch vier vollständige Schnecken übrig.

Nach einer weiteren Übungsrunde mit selbem Ziel, die schon wesentlich besser gelang als die erste, ging der über zwei Zeitstunden dauernde Kurs zu Ende.

"Ich denke, Sie werden nur drei weitere Kurstage brauchen, um das rauszuhaben, Pflanzen in Tiere zu verwandeln. Die Umkehrung dürfte dann etwas schneller gelingen, bei Ihrer Koordination. Vielleicht sind Sie im ersten Halbjahr sogar so weit, einfache Dematerialisationsübungen zu vollbringen", prophezeite Professeur Faucon dem neuen Schüler aus England. Dieser wagte nicht, ihr zu widersprechen, wenngleich das sein erster Antrieb war.

"Wir treffen uns in dieser Zusammensetzung nächste Woche wieder", sagte die Saalvorsteherin der Grünen und verabschiedete die Kursteilnehmer. Barbara und Jeanne nahmen Julius in ihre Mitte. Dieser wünschte Martine, Seraphine und Gustav noch einen schönen Abend und ging mit seinen älteren Saalkameraden zum Speisesaal.

"... Und die hat dich wirklich Tier-zu-Tier-Verwandlungen machen lassen?" Fragte Robert Deloire verblüfft, als Julius kurz erzählte, was er so zu tun hatte.

"Ich hätte auch lieber mit was einfacherem anfangen wollen. Aber die wollte es so haben."

Nach dem Abendessen erledigten die Drittklässler ihre Hausaufgaben, die sie für Trifolio, Armadillus und Faucon erledigen mußten. Professeur Pallas' Aufgabe konnte ja etwas warten. Um Acht uhr ging Julius zu einem Kurs theoretische Magie, wo er sich mit einigen Leuten aus dem weißen und violetten Saal über die Arten der Magie unterhielt. professeur Laplace, die Kursleiterin, wollte von ihm wissen, worin sich die Ritualmagie und die hermetische Zauberei unterschieden, außer im Gebrauch von Zauberstäben. Julius erklärte ihr, was er darüber gelesen hatte und heimste für den guten Vortragsstil zehn Bonuspunkte ein.

Eigentlich war ja um zehn Uhr Saalschluß. Doch die Grünen der dritten Klasse hatten ja noch Astronomie. Zwar kämpfte Julius mit der Müdigkeit, die der lange Tag mit sich gebracht hatte, doch als Professeur Paralax sie vor der großen silbernen Astronomiekuppel auf dem Dach des Palastes begrüßte, verflog die Müdigkeit fast vollständig. Denn der Lehrer kündigte an, ihnen in dieser Nacht die äußeren Planeten in einer Vorbeiflugdarstellung zu zeigen. Als sie in der Kuppel waren, meinte der neue Drittklässler, mitten in der Galaxis zu stehen. Ringsum waren viele Millionen winziger Farbtupfer auf schwarzem Grund, räumlich dargestellt. Das einzige, was bewies, daß sie alle nicht im Weltraum schwebten, war der feste Boden unter den Füßen und die angenehm kühle Luft, die sie atmeten.

"Monsieur Andrews, ich hörte davon, daß Astronomie zu einem Ihrer besten Fächer gehört. Sortieren Sie mir bitte die neun Planeten nach ihrer Größe, beginnend mit dem Größten!"

"Ähm, Jupiter, Saturn, Uranus ..." ratterte Julius alle Planeten runter, genau der absteigenden Größe nach sortiert, eine seiner leichtesten Übungen.

"Wunderbar! Zehn Bonuspunkte für die schnelle Ausführung. Dann ordnen Sie mir bitte die neun Planeten nach der Anzahl ihrer Monde, beginnend mit dem, der die meisten hat!"

Julius tat auch dies, wenngleich er zwischendurch doch nachdenken mußte, ob Uranus jetzt weniger Monde als Saturn hatte oder nicht. Als er dann noch "Pluto, Erde, Venus, Merkur" sagte, hob Céline Dornier die Hand und bekam Sprecherlaubnis.

"Pluto hat doch keinen Mond. Der ist doch zu klein, um einen zu haben."

"Es wurde eine mathematische Berechnung angestellt, die nachwies, daß Pluto einen Satelliten hat, Mademoiselle Dornier. Die Muggel haben ihn erst spät entdeckt und ihn Charon genannt. Die Vereinigung der zaubererweltlichen Astronomen hat sich 1981 einverstanden erklärt, diese Erkenntnis und den Namen anzuerkennen. 1985 gelang es durch eine Verbesserung der magischen Lichtbrechung, Charon von seinem Mutterplaneten zu isolieren und zu fotografieren. Das erspart uns die Hantierung mit balistischen Maschinen, wie sie die Muggel für Nahvermessungen in den Weltenraum schossen. Das Jupiters Mondsystem ein eindrucksvolles Spektakel bietet, wußten die magischen Astronomen durch Lichtumlenkung und Abbildvergrößerungszauber schon seit den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts. Amerikanische Raumflugkörper, die man "Reisender eins" und "Reisender zwei" genannt hat, vermaßen Jupiters Mondsystem 1978 und 1979 und schickten die Ergebnisse mittels unsichtbarer Strahlen namens Radiowellen zur Erde zurück. Ihr neuer Klassenkamerad wird, wenn ich seinen Enthusiasmus in meinem Fach richtig erkannt habe, diese Bilder bereits zu sehen bekommen haben", sagte Professeur Paralax. Julius nickte bestätigend. Doch als der Lehrer mit einem Wink seines Zauberstabes die Galaxis ausblendete und eine Anschauung des Sonnensystems aus der Perspektive eines unter der Bahnebene der Planeten schwebenden Raumschiffes darstellen ließ, staunte auch Julius.

In der Unterrichtsstunde ließ er seine Klasse anscheinend um die größten der Planeten kreisen, zwischen den vielen Monden herumschweben, obwohl sie sich keinen Schritt von der Stelle bewegten und staunten. Juliusfand es faszinierend, eine gelblich-rote Schwefelfontäne vom Jupitermond Io aufsteigen zu sehen. Bébé sollte die Frage beantworten, wieso dieser Mond als einziger bekannter Körper im Sonnensystem außer der Erde derartig viele aktive Vulkane hatte.

"Jupiter ist, weil er wesentlich mehr Eigengewicht als die Erde hat, mit einer wesentlich höheren Anziehungskraft ausgestattet. Diese zerrt an der Oberfläche Ios und heizt den Mond innerlich auf, sodaß diese Vulkane entstehen konnten. Ähnlich wie der Mond das Meer auf der Erde bewegt, bewegt Jupiter die Oberflächen seiner näheren und größten Monde. Ganymed ist zwar der größte Mond, aber dafür auch weiter entfernt als Io. Deshalb wirken sich die Gezeitenkräfte nicht so drastisch auf diesen Mond aus."

"Gut erklärt, Mademoiselle Hellersdorf. zwanzig Bonuspunkte, weil das nicht so einfach zu erkennen ist", sagte der Lehrer.

Nach dem Ende der Stunde gab er auf, sich für die nächste Stunde die Bahnpositionen von Ganymed, Io und Calisto zu notieren, um diese Monde mit dem eigenen Teleskop am Nachthimmel zu finden. Dann brachte er die Klasse persönlich zum grünen Saal zurück. Als hinter den elf Drittklässlern die magische Mauer wieder fest im Eingang aufgewachsen war, verabschiedeten sich Céline von Robert und Claire von Julius.

"Schlaf gut, Julius! Morgen wird es wohl wieder anstrengend."

"Die Stunde ging noch", sagte Julius.

"Ach, ich vergaß ja, daß du am liebsten Weltraumflieger geworden wärest", erwiderte Claire mit bedauerndem Gesichtsausdruck, weil sie das nicht verstand, wieso jemand in einer MetallKapsel in den lebensfeindlichen Weltraum hinausfliegen wollte.

"Eure Astrokuppel entschädigt mich voll. Barbara hat mir das ja schon erzählt, daß die sehr viel zeigen kann", sagte Julius leise.

"Stimmt", erwiderte Claire und schloß Julius kurz in eine innige Umarmung. Edmond Danton, der noch in einer Ecke gesessen und in einem Buch gelesen hatte, räusperte sich und kam herüber.

"Das geht über eine gewöhnliche Abschiedsumarmung hinaus, Claire und Julius. Zehn Strafpunkte für jeden von euch wegen sittenwidriger Annäherung."

"Steck es dir wohin!" Fluchte Julius unhörbar, als Claire von ihm abließ. Da auch Céline und Robert diese Strafpunktmenge abbekamen, fühlte sich der ehemalige Hogwarts-Schüler zumindest nicht unfair behandelt. Robert nahm diese Strafe sogar zum Anlaß, über den Saalsprecher herzuziehen, als sie bettfertig in ihrem Schlafsaal auf den Betten saßen.

"Warum soll jemand anderes glücklich sein, ist einer so allein? Zwischendurch braucht unser Sittenwächter das mal, wenn die Sehnsucht ihn gar grauslich quält."

"Tja, der Preis der Macht, Robert. Der mächtige muß immer in Einsamkeit leben", setzte Hercules einen drauf. Er verstand zwar, wie sich jemand fühlen mochte, dessen Freundin ihn nicht zur Nacht verabschiedete, aber nahm Edmond auch nicht sonderlich für voll, wenn er gleich mit vielen Strafpunkten um sich warf.

 

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"... Barbara meint wohl, dich besonders heftig trainieren zu müssen, wie?" Fragte Claire, nachdem sie Julius' durchgeschwitzte Freizeitkleidung begutachtet hatte. Julius nickte nur und suchte die Waschräume des Jungenschlaftraktes auf.

Beim Frühstück bekam Julius Eulenpost von Gloria und Pina. Trixie, Glorias Steinkauzweibchen, trug die beiden Umschläge mit Zauberband zusammengebunden herbei. Julius las, daß Glorias Mutter es sehr bedauert habe, daß er nicht beim Sommerball dabei gewesen war. Gloria fügte dann noch hinzu, daß er sich dort wohl gelangweilt hätte, wie ihr Onkel Victor oder ihr Vater.

"Manche von den anderen Kosmetikhexen sind sowas von eingebildet und oberflächlich. Helena Sparkles, eine Haarspezialistin aus den Staaten, hat mir längere Vorträge gehalten, daß ich mit meinen Locken nicht alles rausholen würde, was meine Attraktivität zu bieten hat. Pina hat sie wegen ihres Zopfes als altbackene Jungfer bezeichnet, nur weil diese Lady selbst mit knallgelben und quietschgrünen Haarsträhnen herumlief. Bist du schon in Beauxbatons? Dann schreib mir bitte eine Antwort", las er aus dem Brief. Pina schrieb, daß sie sich zwar durch tanzen einigermaßen unterhalten habe, aber ansonsten nichts aufregendes an diesem Abend empfunden hätte.

"Dann war es ja gut, daß ich nicht dabei war", dachte Julius für sich.

Die Zaubertrankstunden verstrichen für Julius wie im Fluge. Er braute mehrere Schrumpflösungen und ihre Gegenmittel, bis die Glocke zur großen Pause leutete und Professeur Fixus Proben der Tränke einsammelte und Bonuspunkte und Strafpunkte verteilte. Dabei räumten Julius und Bernadette mit je fünfzig Bonuspunkten die höchsten Auszeichnungen ab. Claire kam mit vierzig Punkten raus, Bébé sogar mit dreißig Punkten, weil sie sich rangehalten und brauchbare Tränke hinbekommen hatte, wenngleich sie nicht alle Tränke in der vorgegebenen Zeit hinbekam.

In Verteidigung gegen die Dunklen Künste ging es wieder um praktische Fluchabwehr. Julius saß eine Weile nutzlos herum, bis Professeur Faucon verkündete:

"Und nun möchte ich sehen, ob Sie Ihre Flexibilität und Stärke noch behalten haben, Monsieur Andrews. Wehren Sie sich gegen mich!"

Alle Schüler sahen Julius sehr beunruhigt an. Niemand würde es freiwillig oder befohlenerweise wagen, gegen Professeur Faucon anzutreten. Julius war auch nicht so sicher, ob er nur eine Sekunde überstehen würde. Dennoch stand er auf, nahm seinen Zauberstab und erwartete die Angriffe seiner Lehrerin.

"Asinaures!" Rief Professeur Faucon und winkte mit dem Zauberstab in Julius' Richtung. Dieser schuf schnell einen unsichtbaren Zauberschild um sich herum. Krachend prallte der Fluch davon ab und schwirrte im Hui gegen die linke Wand des Klassenraumes, wo innerhalb einer Sekunde ein armlanger dünner Tropfstein herauswuchs, abbrach und beim Aufschlagen auf dem Boden zu Staub zerfiel. Julius fühlte sich leicht schwindelig. Der Schild hatte den Angriff wohl abgelenkt. Doch zum einen war der Fluch nicht frontal auf ihn getroffen, sondern von schräg rechts, und zum anderen war der Schild dabei zerfallen, wie Julius beinahe körperlich spüren konnte. Er versuchte es mit einem Gegenangriff mit der Ganzkörperklammer. Knisternd zerfloß der Fluch in einem Schutzschild um Professeur Faucon. Diese versuchte, ihn mit dem Murattractus-Fluch anzugreifen. Julius konnte den Gegenfluch nur anbringen, weil er ihn schneller denken als aussprechen konnte. Fauchend zerfaserten die beiden sich aufhebenden Zauber in schillernde Funken und bunte Rauchschwaden.

"Serpensortia!" Rief Professeur Faucon. Julius, der wußte, daß damit eine schwarze Schlange aus dem Zauberstab beschworen wurde, rief: "Dissolvetur Artivivum!", bevor das gezauberte Reptil zur vollen Länge aus dem Stab entschlüpft war. Im Herunterfallen löste es sich in Staub auf.

"Taceto!" Dachte Julius für sich und hoffte, Professeur Faucon aus dem Konzept bringen zu können. Diese fühlte offenbar die Wirkung eines Zaubers, auch wenn er nicht laut ausgerufen wurde. Sie ließ ihren Stab zurückspringen, berührte ihren Kopf, nickte und ließ die Stabspitze pfeifend nach vorne schnellen. Julius rief schnell den Schildzauber auf, keine Sekunde zu früh. Denn ein bläulicher Lichtblitz sprang aus dem Zauberstab heraus und raste auf ihn zu. Der Schild zerbarst krachend und knisternd, Julius verlor den Boden unter den Füßen und flog sich überschlagend über zwei Tische hinweg, bevor eine mächtige Kraft ihn an die Decke hochschnellen ließ, wo er mit ausgestreckten Gliedmaßen angeheftet wurde, wie alter Kaugummi unter einem drauftretenden Schuh. Der Zauberstab fiel zu Boden und klapperte vor Claire Dusoleil auf den Tisch.

"Immerhin vier Flüche haben Sie erfolgreich abgewehrt, ja sogar versucht, mir mentalinitiert einen sonst wirksamen Fluch anzuhängen. Aber Frechheit siegt nicht immer, Monsieur Andrews! Dreißig Bonuspunkte für diese einprägsame Vorstellung", sagte Professeur Faucon. Dann hob sie den von ihr verhängten Fluch wieder auf und ließ julius behutsam zu Boden sinken.

"Was war der letzte Fluch, den Sie ausprobiert haben?" Fragte Hercules Moulin, nachdem er sich das Wort erbeten hatte.

"Deterrestis, einen Auftriebsverstärker oder auch Schwerkraftumkehrer. Herkömmliche Zauberschilde, wie Sie sie vielleicht schon aufrufen können, können ihn nur zum Teil absorbieren, weil seine Kraft äußere Gegebenheiten der Natur manipuliert. Wen der Fluch trifft, der dient dann als Focus dieser Manipulation. Deshalb dauerte es ein wenig, bis die gegen die Schwerkraft gerichtete Magie bei Monsieur Andrews voll wirkte. Nächste Runde, Monsieur Andrews. Geschwindigkeitstraining!"

Claire gab Julius seinen Zauberstab wieder. Professeur Faucon wartete, bis der Schüler in der Abwehrstellung bereitstand und griff dann mit dem Furnunculus-Fluch an, den Julius schnell mit dem unsichtbaren Schild parierte, sofort einen Schwebefluch wirkte, der auf Halbem Weg zu Professeur Faucon von einem Gegenfluch zerstreut wurde. Julius rief schnell "Stupor!" Dasselbe rief die Lehrerin. Die beiden roten Schockzauber rasten aufeinander zu, kollidierten krachend und prällten sich mit voller Wucht aus der Bahn, sodaß Professeur Faucons Zauber in die Tür und Julius' Zauber klirrend durch die gegenüberliegende Fensterscheibe brach. Doch darauf achteten sie nicht. Während die übrigen Schüler erschrocken unter ihre Tische in Deckung getaucht waren, schickten Lehrerin und Schüler sich gegenseitig mehrere schnelle Flüche und Gegenflüche entgegen, bis Julius von einer silbernen Entladung getroffen und von den Beinen geholt wurde. Unvermittelt fühlte er sich leichter und irgendwie flüchtig. Wie durch mehrere Filter hörte und sah er seine Umgebung, Grau in Grau und mit merkwürdig klingenden Geräuschen, wie aus einem in großer Höhe fliegenden Flugzeug. Er sah die erschreckten Gesichter der übrigen Schüler. Claire war wohl kreidebleich geworden. Sie sah Professeur Faucon an. Diese nahm ihren Zauberstab und schickte eine weiße Nebelwolke aus, die Julius kalt umwehte. Schlagartig kehrten seine Sinne und sein Gefühl der eigenen Körperlichkeit zurück.

"Es besteht kein Grund mehr zur Besorgnis", teilte Professeur Faucon den Schülern mit. "Dieser Entrückungsfluch ist zwar schwer zu kontern, wenn überhaupt, wäre aber nach einer Stunde abgeklungen."

"Entrückungsfluch?" Fragte Hercules Moulin sichtlich irritiert. "Julius sah aus wie ein verschwindender Geist."

"Was?" Erwiderte Julius.

"Das ist die Wirkung. Ein von diesem Fluch betroffener wird zum Teil aus dem normalen Raum-Zeit-Gefüge herausgeworfen, kann sich nicht bewegen, aber für eine Stunde nicht verletzt werden, da seine Körpermaterie ätherisch geworden ist. Die Steigerung ist der Fluch, mit dem man jemanden für eine volle Stunde komplett aus Raum und Zeit werfen kann. Er oder sie kehrt nach Ablauf dieser Stunde an denselben Standort zurück, wo ihn der Fluch ereilt hat."

"Sie wollten Schnelligkeit trainieren", warf Robert Deloire ein, nachdem er sich Sprecherlaubnis geholt hatte.

"Sie haben doch selbst gemerkt, daß wir nicht einmal eine Viertelminute duelliert haben", sagte die Lehrerin. Dann reparierte sie die Fensterscheibe und ließ das Loch in der Tür wieder zuwachsen.

"Darf ich das auch ausprobieren, wie lange ich aushalte?" Fragte Hercules Moulin. Professeur Faucon nickte. Alle anderen Schüler gingen in Deckung, um abgelenkten Flüchen zu entgehen. Tatsächlich dauerte es jedoch nur vier Sekunden, bis Hercules sich einen Furnunculus-Fluch eingehandelt hatte. Er hatte den Schutzschild nicht aufrufen können.

"Können Sie ihn davon befreien, Monsieur Andrews?" Fragte Professeur Faucon. Julius nickte und richtete den Zauberstab auf Hercules. Keine zwei Sekunden später verschwanden die aufquellenden Geschwüre im Gesicht des Schulkameraden.

"Was steckt in einem Gegenfluch, Mademoiselle Hellersdorf?" Fragte die Lehrerin Bébé. Diese runzelte die Stirn, blickte sich verstohlen um, ob jemand eine Idee hatte, wurde jedoch durch ein Räuspern der Lehrerin davon abgehalten, ständig durch die Gegend zu stieren.

"Fluch vielleicht. So wie im Gegengift ja auch Gift steckt", sprach sie halblaut und ängstlich klingend aus.

"Sprechen Sie laut und deutlich!" Verlangte Professeur Faucon. Laurentine wiederholte ihre Antwort.

"Warum nicht gleich so? Zehn Bonuspunkte für sie, Mademoiselle Hellersdorf! Ja, es stimmt. Im Gegenfluch steckt ein Fluch genauso, wie ein Gegengift ein Gift ist, sofern es sich dabei nicht um einen Schutztrank handelt. Gegenflüche unnötig auf jemanden gelegt, wirken wie Flüche, eben mit umgekehrter Auswirkung. Es gibt Zeitgenossen, die deshalb nicht von Gegenflüchen sprechen, sondern von Wendeflüchen, also Flüchen, die nicht etwas aufheben, weil sie es beseitigen, sondern nur die Wirkung umwenden, weil sie selbst auf unbetroffene Personen eine schädliche Wirkung haben. Ein weltfremder Magietheoretiker weist jede Notwendigkeit, Gegenflüche zu kennen oder anzuwenden als verwerflich zurück. Aber bei mir werden Sie alle lernen, die dunklen Künste zu erkennen und zurückzuschlagen, ob es um direkte Angriffszauber, magische Fallen oder bösartige Wesenheiten geht. Das sagte ich bereits in der allerersten Stunde, aber zwischendurch sollte man wichtige Standpunkte wiederholen", erläuterte Professeur Faucon.

Den Rest der Stunden vertrieben sich die Schüler mit einer Aufstellung der besten Abwehrzauber gegen niederstufige Körperveränderungsflüche und diskutierten unter Leitung der gestrengen Lehrerin die Wirkungen, wenn zwei artverwandte Flüche gleichzeitig aufeinanderprallten. Am Ende gab sie auf:

"Lesen Sie bis zum nächsten Mittwoch in "Präventive Abwehrzauber" das Kapitel der körperlichen Unversehrtheit durch! Für Ihre gute Mitarbeit heute erhält jeder von Ihnen zu den bereits erhaltenen Bonuspunkten zwanzig dazu. Ich bitte mir aus, daß Sie diese Punkte nicht durch disziplinloses Verhalten wieder zum Schornstein hinausjagen! Schönes Wochenende zusammen!"

"Vielen Dank, Professeur Faucon und Ihnen auch ein schönes Wochenende!" Wünschte die Klasse im Chor.

"Ach ja, einige von Ihnen werde ich ja heute abend im Duellierclub wiedersehen. Bis also dahin!" Sagte die Lehrerin noch und entließ die Klasse.

Hercules bestürmte Julius mit Fragen, ob der nicht durch den Ferienunterricht schon über den Stoff von Klasse drei hinaus war. Julius meinte:

"Ich denke, wenn Professeur Faucon meint, ich könnte zu viel für die dritte Klasse, hätte sie mich wohl in den Unterricht der vierten Klasse gesteckt. Ich denke mir, daß sie wollte, daß ich in den Duellierclub eintrete."

"Ich war da letztes Jahr drin, als Faucon die Maxime vertreten hat. Nicht so schnell wieder! Ich interessiere mich sehr für die Abwehr von dunklen Zaubern, weil meine Großeltern ... vielleicht erzähle ich das nicht", sagte Hercules. Dann atmete er tief durch, straffte seinen Körper und sagte:

"Meine Großeltern starben beim letzten Gefecht gegen die Leute von Du-weißt-schon-wem in Frankreich. Zumindest haben sie mitgeholfen, daß seine Anhänger hier keine feste Basis mehr haben. Mein Vater sagt, daß ich mich wehren können soll, weil es ihn ja jederzeit auch erwischen kann. Ich hoffe aber, daß es nicht so ist."

"Ich hoffe auch, das niemand sterben muß, der ein anständiges Leben führt. Ich habe Cedric Diggory nach der dritten Runde zurückkommen sehen können. Ich hörte, er wäre nur getötet worden, weil er nicht eingeplant war. Einfach umgebracht werden, weil man jemandem über den Weg läuft, ist der schlimmste Todesgrund, denke ich", sagte Julius mit belegter Stimme und sah sich um, ob jemand an dieser Unterhaltung was aussetzen würde. Doch die anderen aßen oder schwatzten miteinander. Dennoch wechselten Hercules und Julius das Thema und sprachen über den Nachmittagsunterricht.

"Wahrsagen ist 'ne merkwürdige Sache, Julius. Im Grunde kannst du aus jeder Form eines Teeblattes alles herauslesen. Professeur Cognito sagte uns, auf die Relationen zu achten, also nicht ein Teeblatt allein zu nehmen, sondern verschiedene Formen zu beachten, um daraus die Zukunft zu deuten."

"Wir kommen heute zur numerischen Abbildung natürlicher Gegebenheiten. Das wird sicher interessant, aber auch wieder umfangreich", sagte Julius.

Als Julius nach dem Essen zum Arithmantikraum ging, kam ihm jener einarmige Geist mit dem Henkersbeil entgegen.

"Was stiert er mich an, Knabe. Bleibe er mir aus dem Weg!" Raunzte ihn das düster dreinblickende Gespenst an und schwang das durchsichtige Mordbeil.

Julius war der Erste, der vor dem Klassenraum ankam. Er wartete eine Minute, dann tauchte Mildrid Latierre aus dem roten Saal auf.

"Hallo, haben dich Céline und eure Verweigerungskünstlerin unbewacht herkommen lassen? Ich dachte, die hätten Sonderauftrag von Mademoiselle Claire, dich abzuschirmen."

"Wie kommst'n da drauf?" Fragte Julius belustigt, war sich aber nicht sicher, was diese Bemerkung sollte.

"Caro meinte sowas, die Kräuterbändigerin von Millemerveilles hätte dich mit Claire zwangsverlobt, damit du hier nicht auf dumme Gedanken kommst."

"Kleinen Mädchen Knoten in die Zöpfe machen oder ihnen den Schnuller aus dem Mund nehmen zum Beispiel?" Versetzte Julius leicht ungehalten. Was ging es Caro an, was er und Claire miteinander zu tun hatten? Außerdem hatte sie nicht mitbekommen, daß er und Claire sich einander offenbart hatten, weil ihre Mutter dies wollte.

"Schnuller? Das meinst du nicht ernst! Aber du weißt schon, was ich meine."

"Ich habe bei Madame Matine gelernt, daß Mädchen ab dreizehn Jahren Probleme kriegen, zwischen echt und eingebildet zu unterscheiden, während Jungs vergessen, daß sie nur Jungs sind."

"Ach, ich weiß schon, was echt geht und was nicht, Kleiner. Bei Caro stimme ich dir allerdings zu. Die lebt ihre Träume, bis sie aufwacht."

"Du bist echt gut, Millie. Ich bin gut einen Zentimeter größer als du."

"Aber Körperlänge ist keine Größe, Julius. Aber stimmt das mit dir und Claire?"

"Wieso, sucht deine Schwester Anschluß?" Fragte Julius keck. Mildrid lachte.

"Du stehst also auf eltere Mädels. Dann verstehe ich, wieso du mit Barbie so toll klarkommst. Hoffentlich kriegt der Belgier, den sie im Moment noch hat, das nicht in den falschen Hals."

"Oh, dann wäre Barbara eine bessere Konkurrentin für Martine als Claire?" Fragte Julius sehr locker klingend. Im Moment gefiel es ihm, dieses dumme Geplauder so richtig auszureizen.

"Quatschkopf! San sagte, daß Barbara dich gerne unter der Fuchtel hält, weil du das machst, wozu Jacques nicht fähig ist. Aber Caro meint, Claire hätte sich eindeutig so verhalten, als wäre euer beider Bett schon gemacht."

"Oh, dann sollte ich bei Gelegenheit den Hochzeitsmarsch bestellen", erwiderte Julius. Je lächerlicher es von ihm rüberkam, dachte er, desto schneller würde Mildrid die Lust an diesem Thema verlieren.

"Im Buch über das Leben von Zaubererfamilien heißt es, daß die Frau den Mann fürs Leben bekommt, bei dessen Anwesenheit sie von innen her Wärme verspürt. Ein Zauberer findet die Hexe seines Lebens, in deren Augen er seine ungeborenen Kinder sehen kann", redete Mildrid. Julius sah ihr ohne Vorwarnung ganz tief in die Augen, wiegte den Kopf, runzelte die Stirn und sagte dann:

"Oh, das wird aber heftig. Sieben Kinder, drei Jungen und vier Mädchen, fünf einzeln und einmal Zwillinge, da müßte ich ein großes Haus anschaffen, um das mit dir durchzuziehen."

Mildrid Latierre verzog das Gesicht, lief leicht rot an und lachte dann schallend los. Genau in dem Moment kam Belisama um die Ecke und fragte, was so lustiges passiert sei. Mildrid kicherte und brachte gerade vernehmlich hervor:

"Ju-hu-hulius hat mi-hir gerade gesa-hagt ... gerade gesagt, daß er mit mir 'ne komplette Quidditschmannschaft aufziehen will!"

"Mist! Das habe ich nicht gemeint", sagte Julius, der merkte, daß sein Scherz gerade zum Bumerang für ihn wurde.

"Das wäre auch das einzige, was du kannst, Millie", zischte Belisama, die offenbar über diesen Scherz nicht lachen konnte. Sie ging zu Julius, umarmte ihn flüchtig und fragte, wieso Mildrid auf diese blöde Idee kam.

"Die hat behauptet, daß ein Zauberer die Hexe seines Lebens findet, wenn er seine ungeborenen Kinder in ihren Augen sehen kann."

"Ach, und du hast in Millie eine ganze Quidditchmannschaft sehen können? Die glaubt dir das tatsächlich noch. Aber dieser Spruch stimmt nicht ganz. Du kannst nur die Möglichkeit sehen, wie deine Kinder aussehen, wenn sie die Augen der Hexe erben, mit der du sie hervorbringst. Aus der Entfernung geht das nicht", sagte das Mädchen mit dem honigfarbenen Haar und trat auf Julius zu. Ihre hellen klaren Augen suchten seinen Blick und hielten ihn fest.

"Ich habe nicht vor, nur Kinder zu kriegen, weil ich im Gegensatz zu der Roten weiß, was dabei alles anfällt, mehr als das Spiel, bei dem Mann und Frau ein Kind zeugen. Aber über drei kleine Mädchen würde ich mich freuen, weil ich denke, daß ich von meiner Mutter ein gutes Erbe erhalten habe."

"Dann solltest du dich mit Madame Dusoleil kurzschließen und dir erzählen lassen, was für ein Stress das ist mit drei Töchtern", erwiderte Julius und wich unwillkürlich zurück, weil Belisama langsam immer näher auf ihn zukam.

In dem Moment trafen Céline und Bébé ein. Das Geplänkel zwischen Julius, Mildrid und Belisama verstummte.

Nach der Arithmantikstunde verabschiedeten sich die Mädchen aus den anderen Sälen von Julius. Céline wollte Robert abholen, denn wie Julius waren die beiden für den Zauberkunstkurs für Interessierte eingetragen. So ging Julius allein mit Laurentine durch den Palast von Beauxbatons.

"Die Rote ist ein aufdringliches Biest. Meine Eltern könnten meinen, die schäkert mit jedem Jungen rum. Ich denke, die wissen im roten Saal, daß du und Claire zusammen gehen. Caro ist doch so ein Schandmaul, wenn sie was hat, worüber sie gut ablästern kann", sagte Laurentine leise, auf der Hut, nicht von wem gehört zu werden, für den es nicht bestimmt war.

"Die Roten lassen sich von ihren Hormonen treiben, Bébé. Ich weiß zwar nicht, wieso Mildrid meint, mit mir anbandeln zu wollen, aber ich weiß, was ich damit anfangen kann und was nicht", sagte Julius, der wohlbedacht sprach, weil er sich denken konnte, daß Claire das irgendwie mitbekommen würde.

"Ich mag die nicht, weder Caro noch Mildrid. Die sind erst dreizehn und tun so, als müßten sie schnellst möglich wen finden, an den sie sich dranhängen können. Warum schäkert die nicht mit einem von ihren Leuten rum?"

"Wissen wir's, ob die das nicht tut?" Fragte Julius zurück. Bébé schmunzelte. Dann meinte sie halblaut:

"Wenn das wirklich stimmt, daß du dich mit Claire gut verstehst und da was draus werden kann, bist du bestimmt zu schade für eine von den Roten. Claire war neben Céline die einzige, die noch mit mir sprach, nach dem die erste Woche im allerersten Jahr um war. Jasmine, Irene und die Jungen haben mit mir kein Wort gewechselt, als ich sagte, ich gehöre nicht hierher und die ersten hundert Strafpunkte abgekriegt habe."

"Mein Vater meinte, mir mal einen guten väterlichen Rat geben zu müssen, indem er sagte, daß jemand, der sich für eine Frau interessiert, sie liebt oder auch nur wegen ihres Aussehens oder Vermögens heiraten wolle, die Schwiegermutter gut genug kennenlernen soll, weil er die mitheiratet. Wenn dem so wäre, besteht im Moment für mich kein Problem", sagte Julius leise.

"Mir geht das Getue hier auf die Nerven. Die meinen alle, weil sie hier sind, das Leben schon in trockenen Tüchern zu haben. Ich denke nicht, daß mir diese Schule viel bringt."

"Denkst du, oder denken das deine Eltern? Das soll jetzt nicht gehässig rüberkommen, Bébé, aber die Frage habe ich mir in den letzten zwei Jahren immer wieder gestellt."

"Wenn's nach meinem Vater ginge, müßte ich in ein Pensionat in die Schweiz, um naturwissenschaftlich gut vorgebildet zu sein. meine Mutter hätte gerne eine Tochter, die sich gut mit Gesellschaftssachen wie Parties und Haushaltsführung auskennt. Hexerei gehört da nicht zu."

"Aber zumindest sind deine Eltern sich noch einig. Meine Mutter findet es voll in Ordnung, daß ich lerne, was ich aus meinen Zaubertalenten machen kann, und mein Vater würde mich in ein Krankenhaus stecken, wenn er denkt, daß man das mir rausschneiden kann."

"Ich weiß nicht, was die Faucon mit meinen Eltern abklärt, Julius. Auf jeden Fall lasse ich mich nicht dauernd von den Lehrern drangsalieren. Wenn die meinen, ich könnte hexen, dann kucke ich eben, ob das wirklich geht. Offenbar war das ja doch was, mich herzuschicken."

"Ich habe mir irgendwann gesagt, daß meine Eltern weit weg sind und ich Spaß bei dem haben will, was ich mache", erwiderte Julius.

"Das muß ich noch lernen", erwiderte Laurentine.

"Das kommt noch, wenn die zweite Woche um ist. Dann möchtest du von dem Krempel zu Hause erst einmal nichts wissen. Das kenne ich auch von Hogwarts."

"Mag sein", erwiderte Bébé leicht ungläubig dreinschauend.

Den Rest des Weges sprachen sie über die Unterschiede zwischen Beauxbatons und Hogwarts. Laurentine grinste, als Julius ihr erzählte, daß dort ein Poltergeist herumspuke.

"Den werfen die nicht raus? So'n Chaoten würden die hier nicht über die Türschwelle lassen."

"Ich weiß auch nicht, wo der herkommt", sagte Julius nur.

Als sie vor dem Kurssaal für Zauberkunstinteressierte standen, fragte Céline fröhlich, ob Bébé auch mitmachen wolle. Laurentine erwiderte nur:

"Neh, Céline. Ich halte mich lieber an Schach, Musik und Astronomie."

Professeur Bellart begrüßte die Interessierten, zu denen außer Céline, Robert und Julius noch Claire, Jeanne, Barbara, Seraphine und Belle Grandchapeau gehörten. Von den Roten waren die Montferres da, von den Blauen die Rossignols.

In den zweieinhalb Stunden, die der Kurs dauerte, probierten die Interessierten Schüler mit Fernlenkzaubern herum, machten aber auch Versuche mit Elementarmagie. Julius lernte von Jeanne, die sich mit Claire, Céline und Robert in seine Gruppe hatte einteilen lassen, den Desadhhesius-Zauber kennen, der die Anhaftung von Wassertropfen auf Kleidung oder Möbeln aufhob. Dieser nützliche Abperlzauber veranlaßte die Jungen aus der Gruppe dazu, als Professeur Bellart mal nicht hinsah, die Mädchen mit Wasser aus den Zauberstäben zu bespritzen. Diese nahmen das aber locker und ließen die Wassertropfen nicht nur abperlen, sondern gleich verdampfen. Julius zauberte auf einem Tonteller mit etwas Holzasche eine blaue Flamme, die zu den Bewegungen seines Zauberstabes tanzte. Als Professeur Bellart ihn dabei beobachtete, fragte sie ihn alle Feuerzauber ab, die er vielleicht schon kannte. Julius erwähnte sie und führte einige davon vor, wie das wasserdichte, tragbare Feuer, das materialunabhängige Feuer, das solange brannte, bis es mit einem Gegenzauber gelöscht wurde und bei Bedarf zu einem Ring oder einer hohen Wand ausgebreitet werden konnte. Dann fragte er, ob man nicht auch fliegende Feuerbälle machen konnte, wie sie in den Muggelgeschichten über Zauberer erwähnt wurden.

"Um das zu machen, müssen Sie eine starke Ausgangskraft und volle Konzentration aufbringen können. Der Bollidius-Zauber, nebenbei als Angriffswaffe gegen nichtmenschliche Gefahrenquellen verzeichnet, ist sehr gefährlich auch für den, der ihn wirkt, weil die Feuersphäre, die erschaffen wird, mit hohem Ausgangsimpuls geschlossen wird. Gelingt dies nicht, explodiert die so aufgerufene Menge Zauberfeuer sofort nach Entstehung und führt zum Tod des Zauberkundigen. Daher wird zu ihrem Erlernen mit lenkbarem Feuer im Rahmen der Pyrokinetik experimentiert, was Sie in den Klassen ab der fünften erlernen werden. Bis dahin sollten Sie sich von dieser mächtigen Elementarbeschwörung fernhalten."

"Wieso erzählen Sie es uns dann?" Fragte Claire gereizt klingend, die wohl dachte, Julius könne sich verleitet fühlen, was schlimmes auszuprobieren.

"Weil es erzieherisch keinen Sinn macht, Fragen damit zu beantworten, daß das einen noch nicht interessieren soll, Mademoiselle Dusoleil, Claire", erwiderte Professeur Bellart sehr ernst klingend. "Ihr Klassenkamerad kennt, sofern ich seine Frage richtig verstanden habe, Phantasien der Muggel über Zauberer und Hexen und bringt daher ein großes Vorstellungsvermögen mit. Wenn ich ihm nicht erkläre, was davon stimmt oder nicht, probiert er es irgendwann aus und erleidet dabei möglicherweise Schaden, schädigt womöglich unwillentlich andere."

"Entschuldigung, Professeur Bellart. Sie haben natürlich recht", sagte Claire unterwürfig.

"Du hast letztes Jahr diese Feuerkugel gesehen, die aus der Werkstatt meines Vaters entwichen ist, Julius. So ähnlich äußert sich der Bollidius-Zauber", sagte Jeanne ruhig. Julius sah sofort das Bild von einer blauen Feuerkugel, die aus einem Fenster des Werkstatthauses von Monsieur Dusoleil herausfauchte und mit Wucht in einen Apfelbaum krachte, der danach von hellen goldroten Flammen umlodert worden war und innerhalb weniger Sekunden zu Asche verbrannte.

"Oha, dann möchte ich den besser erst ausprobieren, wenn ich sicher bin, mich nicht selbst in die Luft zu jagen", sagte Julius leicht erblaßt. Professeur Bellart nickte und machte eine weitere Runde um die Versuchstische.

"Aversus Holzspan", murmelte Jeanne, mit dem Zauberstab auf einen Holzspan deutend. Der Span erglühte kurz in einem giftgrünen Schein. Dann nahm Jeanne einen anderen Holzspan und versuchte, den behexten zu berühren. Doch dieser wich vor dem ihm annähernden Span zurück.

"Hups, wozu ist das denn gut?" Fragte Julius, als Céline, Claire und er einen anderen Span bezaubert hatten.

"Damit kannst du Gegenstände oder Gebäudebereiche vor Zusammenstößen mit anderen Gegenständen ähnlicher Beschaffenheit schützen. Das ist eine Vorstufe des Polsterungszaubers, mit dem Besen belegt sind und Türen und Wände gegen Anprall geschützt werden", sagte Jeanne. Dann hob sie den Abweisungszauber auf dem Holzspan wieder auf.

"Den Aufrufezauber kannst du ja wohl, weiß ich aus Hogwarts. Aber hast du den schon mit mehreren Gegenständen gleichzeitig ausprobiert?" Fragte Claires älteste Schwester. Julius schüttelte den Kopf.

"Ich war froh, den beim Lernen auf einen Gegenstand anwenden zu können, wo mancher Viertklässler sich damit schwertut", sagte der neue Drittklässler. Unter Jeannes Anleitung, mit Professeur Bellarts Erlaubnis, übte Julius außerhalb der restlichen Gruppe den Aufrufezauber an einem Stapel Kissen, bis es ihm gelang, zwei Kissen zur selben Zeit zu sich hinfliegen zu lassen. Julius probierte den Accumulus-Zauber aus, den er bei Madame Dusoleil mehrfach gesehen hatte. Tatsächlich gelang es ihm, damit einen Stapel Kissen und Stoffballen auf einem großen Haufen zusammenzutragen. Professeur Bellart gab ihm dafür zwanzig Bonuspunkte. Julius zeigte Céline diesen Zauber, der in der Gartenarbeit gut gebraucht wurde, um abgeschnittenes Holz oder Blattwerk aufzuschichten.

"Das ist der Vorteil daran, wenn man als Muggelstämmiger seine Ferien bei erwachsenen Zauberern verbringt. Man kann sich nützliche Sachen abkucken", sagte Céline, als es ihr endlich gelang, ebenfalls Kissen und Stoffballen zu einem Stapel zusammenzutragen.

Nach dem Ende der Kursstunden bekamen die teilnehmenden Schüler noch mal je fünf Bonuspunkte mit auf den Weg, sofern sie nicht absichtlich Unsinn angestellt hatten, wie die Rossignols, die einen Glibberzauber über einen Tisch gelegt und einen um sich tretenden Tisch gezaubert hatten. Sie gingen mit zwanzig zusätzlichen Strafpunkten aus dem Kurs. Professeur Bellart warnte sie sogar, sie von der Teilnehmerliste zu streichen und ihnen pro dadurch ausfallender Kursstunde zehn Strafpunkte aufzuerlegen. Die Montferres fühlten sich dadurch wohl verärgert und beeilten sich, mit den Zwillingen aus dem blauen Saal schnell aus dem Kursraum zu kommen.

Nach dem Abendessen erledigte Julius die Hausaufgaben, die er in der kurzen Zeit zwischen Ende des Essens und Beginn des Duellierclubs erledigen konnte.

Zu seinem Unbehagen war er wohl der Jüngste, der aus dem Grünen Saal am Duellierclub teilnahm. Jeanne, Barbara und Virginie gingen zusammen mit ihm. Claire, für die Professeur Faucons Empfehlung ja auch gegolten hatte, hatte sich jedoch für einen Handarbeitskurs eingetragen.

Im großen Klassenzimmer, das wie eine geräumige Turnhalle mit Bänken an der Wand und viel freier Fläche wirkte, trafen die Grünen auf die Teilnehmer aus den anderen Sälen, zu denen auch alle Lagranges, Seraphine, Elisa und Belisama gehörten, wie auch die Latierre-Schwestern, Caro Renard und Bruno Chevallier aus dem Roten Saal, sowie Dorian Dimanche aus dem Violetten Saal. Von den Gelben traute sich wohl niemand, in diesen Club einzutreten. Professeur Faucon, die auch diesen Club leitete, saß zusammen mit Schwester Florence auf einem Podest auf hohen Lehnstühlen, wie zwei Königinnen auf ihrem Trhon. Julius schwante nichts gutes, daß die Schulkrankenschwester auch hier war.

"Willkommen, Mesdemoiselles und Messieurs, zum Freitäglichen Duellierclub", sagte Professeur Faucon. "Ich habe Schwester Florence gebeten, Sie alle noch mal kurz auf ihren körperlichen Zustand zu untersuchen, um sicherzustellen, daß Sie alle unversehrt sind. Denn es ist nicht auszuschließen, daß es bei dieser Aktivität zu Unfällen mit Magie, Fluchschäden oder Körperirritationen kommen kann. Wer jetzt meint, besser dann nicht an dieser Veranstaltung teilzunehmen, möge sich melden und kann dann entlassen werden."

Niemand wünschte, den Club wieder zu verlassen. Nachdem die Heilerin von Beauxbatons alle Schülerinnen und Schüler untersucht hatte, indem sie mit ihrem Zauberstab, einem Einblickspigel und einem Stetoskop jeden einzelnen abgesucht hatte, zog sie sich in ihr Sprechzimmer zurück, indem sie ihr am linken Arm befindliches Silberarmband mit dem weißen Zauberstein an die Nordwand der Übungshalle legte und wie Rauch durch einen Abzug darin eingesaugt wurde.

"Falls etwas vorfällt, kann ich Schwester Florence schnell herbeirufen. Sie haben gesehen, daß sie einen schnellen Weg benutzen kann, um wieder herbeizukommen", sagte Professeur Faucon. Dann prüfte sie anhand einer sehr breiten und sehr langen Pergamentrolle, ob alle da waren, die sich eingetragen hatten, wobei sie mit "Andrews, Julius" anfing. Als sie festgestellt hatte, daß wirklich alle für den Freitag eingetragenen Interessenten anwesend waren, teilte sie Paarungen ein. Die Montferres wurden auf Bruno und Martine verteilt, Mildrid und Caro durften zusammenarbeiten, Elisa ging zu Belisama, während Seraphine sich zu Jeanne stellte. Julius bekam - wie er mit Unbehagen erwartet hatte, Virginie Delamontagne zugeteilt.

"Sie waren in den Ferien ein sehr ausgeglichenes Übungspaar. Warum sollte ich derartig stabile Verhältnisse unnötig aufkündigen", flüsterte Professeur Faucon. Dann legte sie fest, daß jedes Übungspaar zwei Minuten am Stück probieren sollte, sich außer Gefecht zu setzen. Dorian, der einen Jungen aus dem weißen Saal als Partner zugeteilt bekommen hatte, sah nicht besonders begeistert aus. Offenbar, so vermutete Julius, war er zu diesem Club verdonnert worden, wie er selbst zum Verwandlungskurs für Fortgeschrittene.

Als das erste Übungspaar in die Mitte der Halle trat, fuhr aus dem Boden eine durchsichtige Wand aus dunstig blauem Licht hoch und schloß mit der Decke ab.

"Die Wand ist ein Fluchabsorber. Sie ist für Materie durchlässig, aber nicht für irrlaufende Magie. Das nur für diejenigen, die diese Vorkehrung noch nicht kennen. Beginnen Sie nun ihr Übungsduell nach den internationalen Regeln mit einer Verbeugung!" Sprach Professeur Faucon. Die ersten Duellanten verbeugten sich voreinander. "Sprechen Sie ihre Flüche laut und vernehmlich aus, damit ich im Falle eines Fehlschlages korrigierend eingreifen kann!" Sagte Professeur Faucon und zählte laut bis drei.

Wie zwei Außerirdische mit Strahlenwaffen, so kam es Julius vor, feuerten die beiden Hexen Sandra Montferre und Martine Latierre ihre Flüche ab, parierten die Angriffe der Gegnerin und lenkten mehrere Flüche in die magische Absperrung, wo sie mit lautem Peng verpufften. Als Sandra für einen winzigen Augenblick freie Bahn hatte, schockte sie Martine, die ohnmächtig hinten überfiel und auf den Boden schlug, der wohl mit einem Aufprallabschwächungszauber belegt worden war, weil sie nicht laut hinschlug, sondern wie auf unsichtbaren Kissen landete.

"Das nächste Paar, Dusoleil und Lagrange, Seraphine!" Rief Professeur Faucon und holte Martine mit einem Schockaufheber wieder aus dem Land der Träume zurück. Jeanne und Seraphine zeigten, daß sie gut aufeinander eingespielt waren und hielten die vollen zwei Minuten durch.

So ging es weiter, bis Julius und Virginie sich hinstellen mußten. Julius trickste Virginie sofort im ersten Ansatz aus. Er fing ihren Angriffszauber mit dem unsichtbaren Schild ab und rief dann "Taceto!" Virginie versuchte zwar konzentriert, einen neuen Angriff zu platzieren, schaffte es jedoch nicht. Julius verpaßte ihr die Ganzkörperklammer. Professeur Faucon erklärte das Duell für gelaufen und entklammerte Virginie, die sie dann auch von dem Sprechbann befreite.

"Der verbale Schweigezauber kann bei Anfängern bis zu Fortgeschrittenen der Stufe eins ein Duell sofort entscheiden, Mesdemoiselles und Messieurs. Wie der Schäferzug beim Schach ist er in vielen Fällen hilfreich, einen vielleicht übermächtigen Gegner zu überrumpeln. Aber Sie, Monsieur Andrews, haben sich mit diesem schnellen Ausfall keinen Gefallen getan, weil Sie ja hier sind, um die Schnelligkeit im Angriff und Konter zu proben. Bei der nächsten Übungsrunde unterlassen Sie diesen Zauber, oder Sie erhalten fünfzig Strafpunkte!"

Als Julius mit Virginie noch mal in den Ring steigen mußte, beharkten sie sich mit verschiedenen Flüchen, die Körper, Gemüt oder äußere Umgebung veränderten. Virginie schleuderte sogar einmal einen Schwarm stechlustiger Bienen gegen Julius, der jedoch sofort mit "Dissolventur Artiviva" dagegenhielt. Eine der Bienen surrte in die Absperrung und zerplatzte mit einem Geräusch eines auf eine heiße Herdplatte fallenden Wassertropfens. Julius hatte seine Angst vor fliegenden Insekten schnell verdrängt. Doch außer Professeur Faucon und denen, die in der Ferienklasse von Millemerveilles dabei gewesen waren, fiel das niemandem auf. Nach zwei Minuten wurde das Duell für unentschieden erklärt und beiden je fünf Bonuspunkte zuerkannt.

Als nach mehrfachen Übungsrunden die Frage aufkam, ob man nicht die Partner wechseln solle, stöhnte Dorian. Der Junge hatte kein einziges Duell gewonnen, war meistens schon nach dem ersten Angriffsversuch niedergestreckt, verunstaltet oder in eine lähmende Gefühlslage versetzt worden.

"In Ordnung. Nächste Woche losen wir neue Paarungen aus, um zu sehen, wer wirklich gut im Duell ist oder wer meint, besser zu werden, wenn er oder sie einen anderen Gegner bekommt", erklärte sich Professeur Faucon einverstanden. Dann bedankte sie sich bei ihren Schülern und wünschte ihnen ein schönes Wochenende.

"Das mit dem Sprechbann war gemein, Julius Andrews. Du weißt, daß ich das mit dir nicht hätte machen können", meinte Virginie. Julius erwiderte mit gehässigem Grinsen:

"Wir sollen doch lernen, möglichst schnell ein Duell zu gewinnen. Im Ernstfall hängt da vielleicht das Leben von ab."

"Wenn er nächste Woche gegen Bruno kämpfen muß, wäre es besser, wenn er schnell das Duell beendet. Der hat Sabine ganz schön in Bedrängnis gebracht", sagte Barbara Lumière.

"Ich hoffe nicht, gegen euch Experten kämpfen zu müssen", sagte Julius. "Gegen euch habe ich doch keine Chance."

"Werden wir sehen", sagte Jeanne zuversichtlich.

Claire erkundigte sich, wie es gelaufen war und zeigte Julius ein Paar Socken vor, daß sie gestrickt hatte.

"Wenn die dir passen, darfst du sie behalten", sagte Claire mit warmem Lächeln. Julius bedankte sich und nahm das Paar tulpenroter Socken entgegen. Er probierte sie kurz an, stellte fest, daß sie etwas zu groß waren und half mit einem sachten Schrumpfungszauber nach, daß sie ihm dann doch paßten.

Um kurz vor zehn verabschiedete sich Julius von Claire. Jeanne stand diesmal in der Blickrichtung von Edmond, so daß sich Claire nicht nur eine innige Umarmung, sondern auch je einen Kuß auf die Wangen ihres neuen Freundes herausnahm. Julius lief etwas rot an, verabschiedete sich leise von Claire und ging mit Hercules und Robert in den Schlaftrakt. André, Gaston und Gérard waren schon dort und machten sich bettfertig.

 

__________

 

Am Samstag morgen arbeitete Julius mit Jeanne, Claire, Seraphine und einigen älteren Schülerinnen aus dem weißen und roten Saal im Gewächshaus für tropische Zierpflanzen an Chamäleonblütlern, Orchideenpflanzen, die sich tarnen konnten und wie Baumfrüchte oder Luftwurzeln aussehen konnten. Ihr Pflanzensaft wurde für diverse Heilsalben, aber auch für Schminke benötigt. Außerdem mußten die Kursteilnehmer verschiedene Familien magischer Pflanzen auswendig lernen und die Grundeigenschaften zuordnen, was Julius und den Dusoleils leicht von der Hand ging.

Am Nachmittag führte Claire Julius im Sonntagsschulkostüm aus heller Satinbluse und blaßblauem Seidenrock zum Tanzkurs. Madame Giselle Nurieve war eine zierliche Hexe von gerade einmal einem Meter und fünfzig Größe. Sie freute sich sichtlich, Julius als neuen Kursteilnehmer zu begrüßen. Mit ihren walnußbraunen Augen und dem weichen Gesicht mit den mittelbraunen Haaren strahlte sie den ehemaligen Hogwarts-Schüler an und verkündete:

"Ich hörte davon, daß Sie und Mademoiselle Claire Dusoleil dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge den Sommerball von Millemerveilles gewannen. Ich hoffe, Ihnen noch viel neues beibringen zu können, damit Sie auch den nächsten Sommerball erfolgreich bestreiten. Ich weiß nicht, wieweit Mademoiselle Dusoleil Sie über unseren Kurs orientiert hat. Aber ich sage Ihnen kurz, worauf es ankommt: Gute Körperbeherrschung und gutes Benehmen. In diesem Kurs werden Sie nicht nur tänzerisch gefördert, sondern auch im gesellschaftlichen Betragen geschult. Die ersten zwei Klassen genießen diesen Kurs im Rahmen des Pflichtunterrichts. Wer dann Gefallen daran gefunden hat, lernt bei mir noch neue Tänze dazu, aber auch klassische Tänze aus dem Mittelalter und der Renaissance, wie die Volta oder die Sarabande. Diese Tänze finden zwar eher in altehrwürdigen Gesellschaften Anwendung, aber sind bei der Zauberergemeinschaft immer noch gern gesehene Tänze."

"Na wunderbar", sagte Julius nur, als die Lehrerin die gemeldeten Tanzpaare begrüßte.

"Ich freue mich, daß du mit mir zusammen in diesem Kurs bist, Julius. Madame Delamontagne gibt manchmal Feste, wo die alten Tänze noch getanzt werden, und gutes Benehmen zu lernen ist nie verkehrt, wie du ja schon erfolgreich gezeigt hast."

Laurentine, die zusammen mit einem muggelstämmigen Zweitklässler aus dem violetten Saal in diesen Kurs gegangen war, stand etwas abseits. Julius fiel auf, daß hier nur sechs Leute aus dem Roten Saal mitmachten, alles gebildete Paare, wie er erkannte.

Die Tanzstunde begann mit dem, was Julius unter dem Stichwort "Erobic" kannte, Gymnastik zu rhythmischer Musik, um Körper und Glieder aufzuwärmen und aufzulockern. An und für sich, so dachte er, war ein Sonntagsanzug für diese Turnübungen nicht gut geeignet. Doch als Madame Nurieve mit ihrem Zauberstab an den gebildeten Paaren vorbeiging, glätteten sich die aufgeworfenen Falten in den Umhängen wie mit unsichtbaren Bügeleisen gemangelt.

Die nächsten Stunden tanzten die Kursteilnehmer zu einer magischen Musik aus unsichtbaren Quellen. Nach den Stunden bekamen die Paare Bonuspunkte, je besser, je weniger. So kamen Julius und Claire mit je einem Punkt davon. "Wo schon ein hohes Niveau besteht, ist es anstrengend es zu steigern. Daher bekommen Sie für dieselben Leistungen wie die etwas ungeübteren Kursteilnehmer weniger Punkte", erklärte Madame Nurieve, als sie die Wertungen aussprach zu Claire und Julius gewandt. Julius empfand dies als Kompliment, daß er offenbar doch was gelernt hatte und kehrte erschöpft mit Claire in den grünen Saal zurück. Dort erzählte ihm Barbara:

"Morgen feier ich Geburtstag. Meine Gästeliste ist komplett. Wenn Claire und du möchten, Julius, seid ihr eingeladen. Ich möchte gerne am Strand feiern. Aber Jacques hat den DQ nicht geschafft, was zu befürchten war. Da er jedoch mein Bruder ist, möchte ich ihn nicht außen vorlassen. Deshalb mache ich morgen eine Matinée am Strand und am Nachmittag die eigentliche Feier auf der Festwiese hinter dem Palast. Professeur Faucon hat mir schon die Erlaubnis erteilt."

"DQ? Was ist denn das?" Wunderte sich Julius über diese Abkürzung.

"Disziplinarquotient, Julius. Der errechnet sich jede Woche aus der Zahl der Bonuspunkte, geteilt durch die Zahl der Strafpunkte. Erhältst du weniger als zwei Strafpunkte in der Woche, entspricht er der Zahl der Bonuspunkte, die du in einer Woche bekommst. Das steht aber in den Regeln drin", sagte Barbara. Julius entsann sich, daß da was von einem Richtwert zur Bestimmung von Vergünstigungen und Beschränkungen stand und las sofort nach, was Barbara meinte. Dann erzählte Barbara:

"Wessen DQ über fünf liegt, darf den Schulstrand benutzen und in dem magisch abgeschirmten Bereich von drei Quadratmeilen im Meer baden. Am besten gehst du zu Professeur Faucon und läßt dir von ihr sagen, welchen DQ du schon hast. Nach dem, was ich mitbekommen habe, dürftest du gut abschneiden."

"Na ja, ich habe mindestens so um die fünfzig Strafpunkte abgeräumt, weil ich nicht korrekt gezaubert habe oder gegen irgendwelche Sittenbestimmungen verstoßen habe", wandte Julius ein. Barbara sagte dazu nur:

"Das kann in der ersten Woche vorkommen. Aber du hast im Unterricht viele Bonuspunkte gesammelt. Vielleicht funktioniert es doch. Außerdem könntest du auch den Zugewinn zu deinem Bonuskonto einbringen, wenn du knapp unter dem Schwellenwert liegst. Prüf das ruhig nach!"

Julius tat dies und ging zu Professeur Faucon.

"Moment, Monsieur Andrews! Ich muß erst Ihr Wertungsbuch herholen", sagte Professeur Faucon und ging an einen schwarzen Eichenschrank mit magischen Verzierungen aus vergoldetem Holz. Sie öffnete den Schrank mit dem Zauberstab, hielt diesen hinein und rief "Julius Andrews!" Es fauchte kurz, und aus dem Dunkel des geöffneten Schrankes, das wie die schwarze Leere innerhalb einer Wandelraumtruhe aussah, flog ein grasgrünes Buch mit dem goldenen Aufdruck JULIUS ANDREWS heraus.

"Jedem eingeschulten Besucher unserer Akademie, ob Austauschschüler oder Vollabsolvent, wird nach der Saalzuweisung ein Wertungsbuch zugewiesen, welches der Saalvorsteher oder die Saalvorsteherin bekommt und im Wandelraumschrank des Sprechzimmers aufbewahrt. Es schreibt sich von selbst, da umfangreiche Erkennungs- und Gestaltungszauber darin eingearbeitet sind. Deshalb kann ich nun die exakten Punkte von Ihnen nachlesen", erläuterte Professeur Faucon, die das staunende und fragende Gesicht ihres Schülers sah. Sie schlug in dem dicken Buch die erste seite auf, rechnete im Kopf aus, was an Punkten verzeichnet war und nickte dann. Wieder zeigte sie jenes Lächeln, welches nur die Schüler zu sehen bekamen, die ihre Anforderungen mehr als erfüllten.

"Sie haben in dieser Woche 526 Bonus- und 70 Strafpunkte zuerkannt bekommen. Am ersten Schultag steht hier sogar, daß jemand Ihnen erst fünf Strafpunkte auferlegen wollte und dies später wieder zurücknahm. Daraus ergibt sich Ihr Disziplinarquotient von 7,51. An und für sich waren die zwanzig Strafpunkte, die Sie von mir wegen Fluchens in einer unerlaubten Sprache erhielten, absolut unnötig. Dann wären Sie glatt über einen Wert von 10 gekommen, Monsieur. Aber das Mindestmaß haben Sie jedenfalls erreicht. Ich hoffe, Sie werden diesen Wert sogar steigern, indem Sie weniger Strafpunkte riskieren. Ich habe den schriftlichen Antrag von Mademoiselle Lumière vorliegen, von ihr erwählte Geburtstagsgäste, die den nötigen DQ erreichen zu einer maritimen Matinée an unseren Schulstrand einzuladen. Ich habe keine Probleme damit, Ihnen den Meerbesuchsbrief auszustellen." Sie notierte mit einer roten Pfauenfeder einige Zeilen in das grüne Buch von Julius Andrews und klappte es wieder zu. Mit einem Wink des Zauberstabes ließ sie es in den noch geöffneten Schrank zurückfliegen, wo es fauchend in der unergründlichen Schwärze verschwand. Leise klappte die Schranktür wieder zu. Mit kurzen Stubsern des Zauberstabes sicherte Professeur Faucon den Schrank.

"Fünfhundertsechsundzwanzig Bonuspunkte?" Fragte Julius übermäßig erstaunt.

"Und siebzig Strafpunkte, weil Sie einmal die Selbstbeherrschung verloren, sich mit unerlaubten Zaubern aus einer schwierigen Lage retten wollten und einmal sittenwidrig einem Mädchen näherkamen, jedoch nicht im verbotenen Maße, sondern nur im zur Vorsicht gemahnenden. Innigkeit ist etwas privates, Monsieur Andrews, und wo die Grenzen der Zweisamkeit unter unserem Dach liegen, können Sie im Verzeichnis der Grundregeln, sowie in den Bulletins de Beauxbatons nachlesen. Alles in allem jedoch ein passabler Einstieg für Sie. Aber rechnen Sie nicht damit, jede Woche derartig viele Bonuspunkte zu gewinnen! Jetzt, wo wir Lehrer wissen, was Sie können, werden wir Sie nicht mehr so üppig bedenken, wenn Sie im Unterricht arbeiten. Es kann Ihnen sogar widerfahren, daß Sie mit vielen Strafpunkten bedacht werden, wenn Sie Ihr Leistungsniveau unterschreiten, auch wenn Sie nur den allgemeinen Standard einzuhalten hoffen. Professeur Fixus, Professeur Trifolio und ich werden kein Problem damit haben, Ihnen hundert Strafpunkte im Unterricht oder zwanzig Strafpunkte in einem der von uns geleiteten Kurse zu verhängen, wenn Sie nachlässig werden."

"Oh, dann hätte ich mich mehr zurückhalten sollen?" Fragte Julius.

"Vorsicht! Gefährden Sie nicht Ihren DQ durch solche impertinenten Fragen, Monsieur! Hier erbringt jeder die Leistung, die er oder sie erbringen kann. Verweigerung wird schwer bestraft, wie Sie an Mademoiselle Hellersdorf bedauerlicherweise nachvollziehen konnten. Außerdem hat meine Kollegin Boragine Sie ja darauf hingewisen, daß wir Saalvorstände alle die Beurteilung aus Hogwarts über Ihr Leistungspotential erhalten haben. Sie möchten nicht etwa auch zu körperlicher Arbeit verurteilt werden oder Ihre Freizeit in einem Karzer absitzen? Ich als Ihre Saalvorsteherin und Klassenlehrerin werde Ihnen das nicht gestatten. Was für Meinungen Sie über mich zu hören bekamen, vieles wird wohl auf wahre Begebenheiten beruhen. Sie können Ihre Zeit hier erfolgreich gestalten, ja sogar Vergnügen in dem finden, was Sie tun. Wir können aber auch sehr unbarmherzig durchgreifen, wenn Sie unsere Ansprüche nicht erfüllen. Immerhin verdanken Sie es meiner guten Fürsprache, daß Sie nun an einem Ort sind, wo Ihre Talente optimal gefördert werden. Mit dem wenigen, was Hogwarts Ihnen hätte bieten können, wären sie gnadenlos unterfordert gewesen. Aber Sie besitzen die Intelligenz, zu erkennen, welche Chance Ihnen eröffnet wurde, in einer für Sie geordneten Umgebung die Grenzen Ihrer Leistung auszuloten und zu erweitern. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Sonntag", beendete Professeur Faucon ihre Ansprache und entließ Julius mit einer Kopie des Meerbesuchsbriefes. Julius las ihn sich unterwegs durch und erfuhr, daß dieser solange gültig war, wie keine körperlichen Strafen auferlegt würden und der Wochenquotient aus Bonuspunktekonto und Schulwochen nicht unter den Wert 200 absank oder der Disziplinarquotient unter den Wert von 2 abrutschte.

Julius gab Edmond den Brief von Professeur Faucon. Dieser nickte und ging damit wohl zu seinem Schlafsaal.

"Ich darf morgen mit dir an den Strand, wenn du einen guten DQ hast", wandte sich Julius an Barbara. Diese grinste.

"Du hättest deinen locker über zehn heben können. Gut, was Edmond mit Claire und dir gemacht hat, war vielleicht nicht korrekt, weil ihr euch ja nicht unsittlich berührt oder sehr leidenschaftlich geküßt habt. Aber das nach der Trainingsstunde hätte nicht sein müssen. Da gebe ich Professeur Faucon recht. Wir sehen uns dann morgen nach dem Frühstück am Teleportal für den Strand!"

"Wird Badekleidung erwünscht?" Fragte Julius. Barbara schüttelte den Kopf.

"Nur Festbekleidung, Julius. Wir feiern am Meer, aber es wird kein Badetag sein. Aber mit dem Brief kannst du unter der Woche, wenn der Schulstrand beaufsichtigt wird, auch einmal schwimmen gehen. Wäre mal interessant, die Schwermacherübungen unter Wasser zu machen, sobald du über die Übungsphase hinausbist, wo du ohne Gefahr für deinen Körper zwanzig Minuten mit ihm aushalten kannst."

"Wer beaufsichtigt denn den Strand?" Fragte Julius.

"Immer ein Saalsprecher oder sein Stellvertreter. Wir wechseln uns jeden Tag ab. Nächste Woche bin ich für einen Tag dran. Wenn Edmond oder Bruno die Aufsicht hat, können wir gerne mal an den Strand."

"Besser, wenn's Bruno ist. Sonst käme Edmond noch auf die Idee, mir Strafpunkte anzuhängen, weil wir zusammen im Wasser sind und er das als sittenwidrig auslegt", grummelte Julius.

Barbara lachte leise. Dann sagte sie: "Da hast du recht, Julius."

"Ich habe auch den Meerbesuchsbrief verlängert bekommen", verkündete Claire, als Julius ihr sagte, daß er am nächsten Tag zu Barbaras Strandparty eingeladen war. "Ich bin auch eingeladen, wie Jeanne, Virginie, Gustav, Jacques, Martine, Mildrid, Seraphine und Bruno. Jacques kann ja nicht ans Meer. Er behauptet, die Meeresluft bekäme ihm nicht gut. Aber das ist natürlich nur eine Ausrede, weil er es bisher nie geschafft hat, die Meerbesuchserlaubnis zu kriegen, wenn Professeur Pallas auch wesentlich gnädiger ist als Professeur Faucon."

"Dann ist der Sonntag ja gut verplant. Ich habe nur auf die Schnelle kein Geschenk für Barbara, weil ich sie nicht so gut kenne, um zu wissen, was ihr gefällt."

"Musik gefällt ihr immer, Julius. Sie mag Hecate Leviata. Wir können ja morgen was von ihr spielen, was du mit Jeanne, Maman und mir in den Ferien geübt hast."

"In Ordnung, Claire", sagte Julius nur.

Als es für die Drittklässler Zeit zum Schlafengehen war, verabschiedete sich Claire von Julius, nachdem sie schnell geprüft hatte, daß Edmond zu sehr mit seinen Klassenkameraden beschäftigt war, um den Sittenwächter zu spielen, mit einer innigen Umarmung. Julius erwiderte diese Innigkeit. Claire lächelte und wünschte ihm eine gute Nacht.

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