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Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

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Am Mittwoch hatten Julius und Millie Dienstfrei. Sie nutzten die Zeit, um die Veranstaltungen außerhalb der Stadien zu besuchen. Morgens gegen zehn trafen sie am magischen Tierpark ein, in dessen Nähe sich das Weststadion befand. Von dort scholl das wie ein einziger lauter Brummton klingende Tröten der südafrikanischen Anfeuerungströten und das mühsam dagegen klingende Geschepper von Kuhglocken herüber. Professeur Fourmier, die bis zum Überfall der Schlangenkrieger auf Beauxbatons die Direktrice des Tierparks gewesen war, übernahm es, interessierte Reisegruppen durch die Anlage zu führen, damit die hier angestelten Tierwärter in Ruhe ihren nötigen Tätigkeiten nachgehen konnten. Brittany Brocklehurst ließ sich von Julius übersetzen, was die jetzige Zaubertierkundelehrerin über die Abraxarieten und andere imposante Zaubertiere zu erzählen wußte. Brittany mußte das eine und andere Mal die Lippen fest zusammenpressen, um keine voreiligen Bemerkungen zur Haltung entfleuchen zu lassen. Doch als sie die für diese so kleinen Aquarien der grünen, haiartigen Blitzerfische sah konnte sie nicht an sich halten und rief ungeniert:

"War kein kleineres Glas mehr frei, um diesen Fisch vorzuführen?" Die Führerin der Gruppe, deren spindeldürre Arme und Beine verheimlichten, welche enormen Kräfte sie entfalten konnten, wandte sich Brittany zu und sagte in einem akzentfreien Englisch laut und energisch:

"Lernt man das bei Ihnen in Thorntails nicht, einen Vortragenden nicht zu unterbrechen, junge Dame? Ah, ich erkenne Sie. Sie sind die Tochter der Kollegin Forester. Von dieser weiß ich, daß sie ihre Schüler zu disziplinierter Teilnahme anhält. Aber um Ihre sarkastische Zwischenbemerkung zu beantworten: Für einen Blitzerfisch gebe es in einem magischen Tierpark kein Aquarium, das groß genug für ihn wäre. Dann wäre die Alternative, ihn nicht zu präsentieren. Ich lese es an Ihrem Gesicht ab, daß Sie diese Möglichkeit bevorzugen würden. Doch dann müssen Sie auch einräumen, daß es keinen Unterricht in magischer Tierkunde geben dürfte, weil die meisten darin vorkommenden Geschöpfe in mehr oder weniger kleinen Käfigen, Behausungen oder Gehegen gehalten werden. Ohne Unterricht keine Möglichkeit, Respekt und Umsicht vor magischen Tieren zu lernen. Ohne Umsicht und Respekt keine Möglichkeit, diese Tiere zu schützen. Der hier gehaltene Blitzerfisch erweckt das Interesse der Besucher an seinen wildlebenden Artgenossen mehr, als wenn die Interessenten nur Bilder zu sehen bekämen. Ich werde Ihren ihrem Alter höchst unangemessenen Vorwitz nun für alle des Französischen mächtigen übersetzen und meine Antwort formulieren. Das wird eine zusätzliche Minute Zeit kosten. Bedenken Sie dies bitte, bevor Sie sich und uns die kostbare Zeit mit solchen Ungehörigkeiten vergeuden!"

"Bevor Sie das tun, werte Madame Fourmier möchte ich im Namen der Fairness darauf hinweisen, daß Blitzerfische durchaus in zwanzigmal größeren aquarien gehalten werden können. der Amphibienpark für magische Land- und Wassertiere auf der unortbaren Insel Morning Island bei Florida zeigt auch Blitzerfische und andere Meerestiere, die jedoch genug Bewegungsfreiheit genießen und trotzdem von allen Besuchern angesehen werden können. Es liegt also nicht an den Haltungsgrenzen, sondern nur am Willen, genug Platz zur Verfügung zu stellen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!" Erwiderte Brittany. Andere Mitglieder der Gruppe, die kein Englisch konnten und gerade so der französischen Erklärung lauschen konnten, blickten ungeduldig zwischen Brittany und Madame Fourmier hin und her. Julius fragte sich, wohin das noch führen würde. Ein US-Amerikaner, der vom Hautton viel Sonne genießen konnte trat vor und sagte in seiner Muttersprache: "Sie haben recht, Mrs. Brocklehurst! Diese tollen Fische in einem Tank einzusperren, der nicht einmal fünfmal so lang ist wie die Fische selbst ist eine Zumutung für den Fisch und für die Zuschauer. Denn die Fische können verdammt schnell schwimmen, weshalb auf der Insel Morning Island immer wieder Wetten drauf gemacht werden, wie schnell ein Fisch durchs Aquarium zischen kann. Den hier mit Betäubungselixieren tranig zu halten zeigt die Natur dieses Fisches überhaupt nicht richtig." Madame Fourmier zuckte die Schultern und übersetzte dann die gewechselten Worte. Eine Besucherin, die vom Akzent her Spanierin sein mochte, stimmte Brittany auch zu und verwies auf die magische Meereserlebniswelt bei einer Isla Soleada, auf der eine Zaubererfamilie die Tier- und Zauberwesen des Mittelmeeres ausstellte. Von da an war eine lebhafte Diskussion im Gange, ob die hier gezeigten Tiere nicht mit mehr Freiraum gehalten werden könnten und ob es nicht dann besser sei, lieber Wildreservate für Tierwesen mit großem Bewegungsraumbedarf zu schaffen, als sie in zu kleinen Behausungen vorzuführen. Die ehemalige Direktrice des Zauberzoos erkannte, daß Brittany damit etwas angestoßen hatte, was ihr nicht gefiel. Ihr ganzer stolz und fachkundig gehaltener Vortrag geriet dadurch richtig ins Schwimmen, zumal in dem Moment gerade die den Blitzerfisch betreuende Nixe durch einen Unterwasserausgang das Aquarium verließ, weil eine neue Dosis des Ruhighalteelixiers ins Wasser eingespritzt wurde. Fourmier verteidigte die Haltungsmaßnahmen, da sie sie ja über Jahre mit angeleiert und bewilligt hatte und sah sehr frustriert aus, weil sie hier und jetzt erkannte, daß sie mit erwachsenen Hexen und Zauberern, die ganz und gar freiwillig ihrem Vortrag zuhörten, nicht wie mit einer Gruppe aufsässiger Schüler umspringen konnte. Millie und Julius hielten sich bei der immer hitziger werdenden Auseinandersetzung zurück. Linus ergriff Partei für seine Frau und erwähnte, daß er erwähnten Tierpark auf der Insel bei Florida auch schon besucht habe und ihn die Blitzerfische als schnell und frei bewegliche Tiere mehr Achtung abverlangt hatten als dieser nur halbträge in seinem Aquarium rudernde Vertreter seiner Art. Madame Fourmier, die ihre Autorität als ehemalige Leiterin des Tierparks von Millemerveilles, so wie ihr Bestreben, Laien etwas über ihre Arbeit vermitteln zu können gefährdet sah würgte die Debatte damit ab, daß sie in zwanzig Minuten die nächste Führung machen müsse und sie deshalb entweder auf den Rest der vorstellenswerten Tiere verzichten müßten oder die fruchtlose Debatte beenden sollten. Da viele noch nicht alle Tiere in der Menagerie gesehen hatten und gerne mehr über diese wissen wollten, nickten viele und sagten nichts mehr. Brittany überflog die Gruppe der ihr beipflichtenden mit einem Blick. Sie nickten verhalten.

Nach dieser eher aufreibenden Szene beim Blitzerfischaquarium zog Madame Fourmier ihren Vortrag mit der kalten Abfolge eines Roboters durch. Die Besucher konnten zwar noch interessante magische Nutztiere sehen, die in Europa gehalten wurden, wagten aber keine Zwischenfragen.

Nach der Führung meinte Brittany zu Millie und Julius:

"Meine Mutter hätte dieser spindeldürren Dame auch gesagt, daß der Wert einer Tiervorführung schwindet, wenn das Tier sich nicht natürlich bewegen darf. Was bringt ein Hippogreif oder ein Greif, wenn er nicht fliegen kann. Was haben Zuschauer von einem Drachen im Tierpark, der angekettet ist und dessen Gehege gerade groß genug ist, damit die Besucher nicht von seinem Feuer oder seinem Urin getroffen werden? Etwas einfach nur dazuhaben ist im Bezug auf Tiere höchst respektlos."

"Wo du's ansprichst, Britt? Jeanne hat uns alle zum Mittag zu sich eingeladen, damit du ihre Feuerrabendame Rubinia ansehen kannst, um mitzubekommen, daß sie genauso frei herumfliegen kann, wie unser Dusty laufen darf", sagte Millie. Julius nickte.

"Wir alle, ob die das hinkriegt, wo die eine kleine Tochter hat und zwei Kinder erwartet?" Fragte gloria etwas besorgt. Julius erwähnte, daß Jeanne sie ja nicht zur Übernachtung eingeladen habe.

Die Rufe aus dem Stadion wehten über den hornissenschwarmartigen Klangteppich zu ihnen herüber. Offenbar fielen gerade wichtige Tore. Ob Südafrika und Tirol es heute noch klarmachten, wer von ihnen schon mit der Weltmeisterschaft fertig war wußte keiner so recht.

Die Latierres und ihre Hausgäste strolchten noch im Tierpark herum, um ohne Führung manche Tiere noch einmal zu betrachten. Es war gegen halb zwölf, als das wilde Brummen und Summen aus dem Weststadion noch einmal anschwoll und dann ein langgezogener Jubelschrei erklang. "Oh, klingt nach Schnatzfang", vermutete Millie. Da überall an öffentlichen Plätzen und den am häufigsten benutzten Wegkreuzungen Hinweistafeln aufgestellt waren eilten die Latierres und ihre Gäste zur ihnen nächsten und lasen, daß Südafrika Tirol mit 900 Punkten zu 100 besiegt hatte.

"Da wird der Herr Rosshufler sich aber jetzt noch mehr ärgern als gestern", feixte Millie.

"Kann sein, daß die übrigen Österreicher jetzt schadenfroh sind", ging Julius darauf ein.

Als sie mittags zum Haus von Jeanne und Bruno Dusoleil flogen, überquerten sie Scharen höchst verärgerter Fans, die Schals und Fahnen in den Farben der Mannschaft aus Tirol trugen. Als sie bei Jeannes und Brunos Haus landeten kam ihnen schon ein kleines, schwarzhaariges Mädchen entgegengelaufen. Jeannes Tochter Viviane Aurélie winkte Julius und Millie und rief mit winzigem Stimmchen: "Hallo, ihr!"

 

"Ui, habt ihr das mitgekriegt?" Begrüßte Bruno die Gäste. "Die Tiroler haben sich mit den Südafrikanern außerhalb vom Stadion eine Zaubererschlacht geliefert, weil deren Mannschaft so heftig versenkt wurde wie die Ösis gestern abend. Die haben sogar Confringo-Zauber gegen diese Lärmtröten abgefeuert. Unser Pressesprecher meint, daß das Weststadion von außen ein paar unschöne Löcher abbekommen hat."

"Gut, daß ich da heute nicht sein mußte", sagte Julius. Nach der Schlacht von Hogwarts war ihm die Lust auf magische Schlachten vergangen.

"Könnte sein, daß ein paar von den Besuchern aus Tirol zuerst einmal in die Festung Tourresulatant einwandern, weil sie widerholten Aufrufen zum Friedenhalten nicht gefolgt sind. Hatte Bébé, ähm, Mademoiselle Hellersdorf nicht heute Besucherbetreuung?"

"Stimmt, die könnte dabei gewesen sein. Dann kriegen wir es wohl bald von ihr zu hören.

"Wieso darfst du eigentlich frei im Dorf herumlaufen, Bruno. Ich dachte die Mannschaften werden eingepfercht gehalten, bis sie spielen müssen", feixte Millie.

"Das haben Hera und Jeanne hingebogen, daß ich meine Freizeit mit meiner langsam größer werdenden Familie zu verbringen hätte", sagte Bruno. "Die anderen haben da auch keine Probleme. Außerdem werden wir nicht eingepfercht. Wir sind ja keine Flügelschlangen oder Veelas."

"Huch, wo wohnen denn die Veelas?" Wollte Julius wissen. Millie sah ihn dafür verdrossen an.

"Schön weit weg von allen Jungs und Männern, die bei deren Anblick wieder zu kleinen Jungen werden", sagte Jeanne und deutete auf einen Tisch im Garten. "Vivi, Hände und Gesicht waschen und dann essen kommen!" Rief sie ihrer Erstgeborenen zu, die gerade mit einem großen, feuerroten Vogel herumtollte, der immer wieder einen kleinen, weißen Flauscheball zu ihr hinunterfallen ließ und von ihr zurückgeworfen bekam. Die kleine Hexe quiekte, daß sie kommen würde und lief zum Haus.

"Huch, die quängelt ja gar nicht", wunderte sich Brittany. Julius übersetzte es für Bruno.

"Die hat vielleicht angst, weil der Regenbogenvogel ihrer Maman gleich zwei neue Kinder bringen will, sie könnte dann nicht mehr liebgehabt werden."

 

"Ich denke aber mal eher, daß sie das nicht vergessen hat, wie ich dich mit Wasserstrahl und Sauberzauber abgeschrubbt habe, als du meintest, mit César Tiefflugübungen zu machen und dabei mehrmals im Dreck gelandet bist", sagte Jeanne.

"Uaa, hast du dir diese Untat golden eingerahmt, meine erwartungsvoll gerundete Angetraute?" Fragte Bruno mit gewissem Widerwillen in Stimme und Gesichtszügen. "Lassen wir's besser dabei bleiben", sagte er noch.

Jeanne hatte auf Brittanys Lebensweise Rücksicht genommen und zu den Gerichten mit Fleisch und Milchprodukten auch ein rein pflanzliches Menü zusammengekochuspokust. Das fand ein dankbares Lob der weizenblonden Besucherin aus Amerika. Sie sprachen über die Führung am Morgen und wie Brittany die werte Madame Fourmier aus dem Konzept gebracht hatte.

"Uh, da kannst du aber von Glück reden, daß die dir nicht wegen unerlaubtem und ihrer Meinung nach ungebührlichem Dazwischenquatschens zweihundert Strafpunkte verpaßt hat", feixte Bruno. Millie und Julius lachten. Millie erwiderte, daß sie es Brittany gleich nach der Führung erzählt hätten, wie schnell die gegenwärtige Zaubertierlehrerin mit Strafpunkten hantierte. Dann ging es um das Spiel am Abend. Wenn die US-Mannschaft Kenia aus dem Turnier warf, würde sie genug Zeit haben, um sich gegen Belgien in Form zu halten.

"Meinetwegen dürfen die Bob morgen wieder nach Hause bringen", sagte Brittany. "Ich bleibe dabei, daß der bei so vielen Zuschauern arge Probleme kriegt."

"Die Maskottchen werden ja vor der Öffentlichkeit abgeschirmt", sagte Jeanne. "Aber mit den Silberhautelefanten der Inder geht das nicht so gut. Außerdem dürfen die von interessierten Zuschauern besucht werden. Indien muß ja morgen gegen Italien ran."

"Die gibt's doch auch im Tierpark", grummelte Brittany. Doch Jeanne erwähnte, daß die indischen Arbeitselefanten wohl Kunststücke zeigen würden. Gloria warf ein, daß sie vermutet habe, daß die meisten Maskottchen den Zauberwesen angehörten wie die Leprechans und die Wüstenteufel. Damit kamen sie dann auch auf die Feuerraben. Brittany konnte Mademoiselle Rubinia ansehen, die immer frei herumfliegen konnte. Nur für weite Reisen hatte sie einen Transportkäfig. Jeanne erwähnte, daß Rubinia eine lange Zeit gebraucht hatte, um über den Tod ihrer früheren Herrin, Jeannes Großmutter Aurélie hinwegzukommen. Aber seit Vivi geboren sei sei Rubinia wieder ganz fidel. Das bewies das Feuerrabenweibchen, in dem es mit Viviane Aurélie weiterspielte. Viviane versuchte einmal, auf einen Baum zu klettern, auf dem Mademoiselle Rubinia saß und ein menschliches Lachen imitierte. Doch mit ihren kurzen Armen und Beinen kam sie nicht richtig an den Baum zum Hinaufklettern. Bruno hielt seinen Zauberstab bereit, um notfalls einzugreifen.

"Ein Schwarm Wichtel ist leichter zu hüten", grummelte er, als Viviane nun zu einem noch sehr jungen Apfelbaum hinüberlief, weil Rubinia dort hingesegelt war. Der Baum stand wohl gerade mal einige Monate länger da als Viviane auf der Welt war. Das Feuerrabenweibchen hüpfte in die Krone hinein und gab ein langes, fast schon opernreifes Trällern zum besten. Außer Pina und den Brocklehursts ahnte jeder, was es mit dem kleinen Apfelbaum auf sich hatte. Deshalb sahen Millie und Julius besonders fasziniert zu, wie Viviane an dem dünnen, aber sehr stabilen Stamm hinaufkroch und die zerbrechlich scheinenden Äste in ihre Händchen nahm. Brittany zwinkerte, als sie wie alle anderen sahen, wie die junge Baumkrone dem kleinen Hexenmädchen dabei half, sicher in sie hineinzuklettern. Jetzt saßen das Feuerrabenweibchen und Viviane nebeneinander.

"O mann, hoffentlich knickt der Baum nicht ab", unkte Linus.

"Das ist ein besonderer Baum", sagte Jeanne. "Den haben wir zu Ehren meiner jüngeren Schwester und meiner Großmutter gepflanzt. Der hat sich sehr schnell und sehr stabil entwickelt. Da steckt die Kraft von drei gleichaltrigen Bäumen zusammen drin. Vivi und Rubinia mögen den Baum sehr." Brittany trat an den Baum heran und sah Rubinia an, die was auf Französisch sagte. Brittany meinte, daß sie die Sprache nicht könne. Da sprach die Feuerrabenhenne auf Englisch: "Das ist ein schöner, ganz lieber Baum." Brittany fragte, warum das ein ganz lieber Baum sei, weil sie wußte, daß Feuerraben eine gewisse Verständigungsbegabung besaßen. "Weil in dem ganz viel Liebe und Wärme drin ist", erwiderte Rubinia.

"Hmm, Julius hat uns das mit den fünf Kernen erzählt. Hat deine Mutter da was gemacht, daß die Bäume alle einen besonderen Schutzzauber in sich anreichern?" Fragte Linus Jeanne.

"Ja, hat sie. Aber wie sie das macht ist unser Familiengeheimnis", fügte sie noch hinzu. Brittany lud sich derweil die kleine Viviane auf die Schultern. Rubinia gab ein eher keckerndes Geräusch von sich und landete auf Vivianes linker Schulter. Mit ihren Flügeln überspannte sie den Kopf des kleinen Mädchens. Brittany ging einen Sekundenbruchteil in die Knie und stöhnte gekünstelt. Dann strecte sie sich wieder und lachte. "Was drei Kilo Vogelfleisch doch schwer werden können", scherzte sie und hüpfte mit Viviane über die Wiese. Die Kleine lachte mit Rubinia um die Wette.

"Hallo, wie umgewandelt", stellte Bruno fest, nachdem er Brittany eher als eine etwas für ihr junges Alter zu ernste Besucherin kennengelernt hatte.

"Neh, jetzt ist sie so, wie wir sie kennengelernt haben", sagte Julius zu ihm. Millie meinte, daß ihr das sichtbar Spaß mache, mit der kleinen Viviane zu spielen.

"Womöglich hätte sie gerne selbst ein Kind", vermutete Bruno leise, wobei er Französisch sprach, um Brittany nicht mitbekommen zu lassen, daß er über sie sprach. Millie wisperte nur, daß das im Moment wohl nicht ginge, weil ihr Quodpotverein da ziemlich strenge Richtlinien hätte. Bruno nickte nur.

"Julius, seid ihr noch bei Jeanne?" Hörte Julius Hippolytes Stimme in seinem Kopf. Er schickte zurück, daß sie Brittany nicht von Jeannes Tochter loseisen konnten. "Gut, weil wir in zehn minuten eine Sondersitzung wegen heute Morgen haben. Da kann ich mir die Eule sparen."

"Wo genau?" Fragte Julius.

"Im Gemeindehaus. Erst eine Sitzung und dann eine Pressekonferenz. Rosshufler erwähnte ein Nachspiel. Das gibt es wohl, aber ein anderes als er meinte."

"Oha!" konnte Julius darauf nur mentiloquieren. Dann winkte er Millie zu sich und erwähnte die Sondersitzung.

"War da nicht mit zu rechnen, daß es auch mal ruppiger zugeht?" Fragte Millie. Dann meinte sie: "Darf mir Ma oder Tine oder Tante Trice bitte noch in den Ferien beibringen, wie Melo geht."

"Wir haben gleich 'ne Sondersitzung wegen der Ausschreitungen von heute Morgen", sagte Julius zu Jeanne. "Da müssen wir wohl zusehen, daß wir Britt, Linus, Pina und Gloria anderswo unterkommen lassen, bis das Spiel USA gegen Kenia vorbei ist."

"Wann ist gleich?" Fragte Jeanne und bekam von Julius zehn hochgereckte Finger und "Zehn Minuten" zur Antwort.

"Dann laßt die vier doch bei uns. wo das Hauptstadion ist wissen eure Gäste ja. Ähm, haben die schon ihre Karten?"

"Habt ihr eure Karten für heute Abend schon mit?" Fragte Julius Gloria. Diese bejahte es und bdeutete auf Pina, die nickte. Linus hatte die Eintrittskarten für sich und seine Frau auch schon einstecken. "Dann trinkt ihr nachher noch mit uns Kaffee", beschloß Jeanne. Bruno sah sie erst an, nickte dann aber entschlossen. Jeanne sagte Linus auf Englisch, daß Millie und Julius gleich Sondersitzung der Besucherbetreuer hätten. Linus nickte.

"Okay, dann nehmen wir die Einladung an", sagte Linus. "Ich Kriege meine Frau ja in fünf Minuten nicht unter eurer Tochter weggepflückt", fügte er noch mit einem schalkhaften Zwinkern hinzu.

"Die hüpft mit der herum, als wenn die ein Sack Federn wäre", meinte Bruno. "Und den dreien macht das Spaß. Brittany muß nur aufpassen, daß Rubinia oder Viviane nicht was auf sie fallen lassen."

"Oh, dann wird ein neues Hexenkleid fällig", grinste Linus. Jeanne sah Viviane an und überlegte. "wir haben sie seit zwei Monaten aus den Windeln raus. Aber wenn sie sich so freut könnte sie das nicht mitkriegen, wann sie muß."

"Oh, dann sage ich das Brittany besser mal", sagte Linus und ging zu seiner Frau hinüber. Jeanne folgte ihm mit etwas auslenkenden Bewegungen. Millie sah Julius und dann Gloria an: "Wir müssen dann wohl gleich. Wenn meine Mutter eine Zeitangabe macht ist die wie Madame Faucon. Jede Minute später muß genau begründet werden und wir müssen uns ja noch umziehen."

"Lustig, ich wollte eigentlich auch einen anderen Umhang anziehen. "Kriege ich Sachen von mir aus eurem Haus rausgezaubert, Julius?"

"Schnellumkleidezauber. Der Geht. Wenn du nur was herauszaubern willst, was eindeutig dir gehört läßt der Anti-Diebstahlzauber es durch", sagte Julius.

"Dann probiere ich das nachher in einem der Badezimmer, damit ich nicht aus versehen komplett unbekleidet im Garten stehe", erwiderte Gloria.

"Jeanne, Millie und ich sind dann mal zur Sondersitzung!" Rief Julius Jeanne zu, die Viviane dazu anhielt, ihre Nachmittagsverrichtungen zu machen. Rubinia flog in die Krone eines ausgewachsenen Baumes hinüber. Viviane ließ sich von Brittany absetzen und von Jeanne an der Hand ins Haus führen. Das waren die letzten Bilder, die Julius noch von seinen Gästen und den Dusoleils sah, bevor er mit Millie disapparierte.

Ordentlich dienstlich bekleidet traf das junge Ehepaar Latierre vor dem Gemeindehaus ein. Laurentine und die anderen, die sich mit deutschsprachigen Besuchern befaßten waren schon da.

"Oha, eure Dorfheilerin hat mir Ohrentrosttropfen geben müssen und mir dann Wattepropfen in die Ohren gestopft, weil das Zeug so heftig angeschlagen hat, daß mir selbst ein Rascheln im Gras zu laut war. Ich habe gedacht, die fangen einen verdammten Zaubererkrieg an. Aber ich habe da doch gut gegengehalten. Faucons und Delamontagnes Drill waren doch für was gut", sprudelte es aus Laurentine.

Hippolyte Latierre begrüßte die gesamte Gruppe der Besucherbetreuer und winkte dann noch zwanzig Sicherheitszauberer des Ministeriums heran, die der Sitzung beiwohnen sollten. Dann erfuhren die nicht bei dem Spiel gewesenen, wie die südafrikanischen Fans die Tiroler Spieler mit ihren Lärmgeräten, die sie Vuvuzela nannten bei erfolgversprechenden Spielzügen so heftig bedröhnt hatten, daß es zu Abstimmungsfehlern kam. Das nutzten dann die südafrikanischen Spieler aus. Der turmhohe Sieg der Südafrikaner wurde von den Fans der Tiroler als klarer Sabotageakt der Südafrikanischen Fans betrachtet. Darauf sei es außerhalb der Friedenszone des Stadions zu einer wilden Schlacht gekommen, bei der auch einige höchst unschöne Flüche verwendet hatten. Alle erbleichten. Normalerweise wies Millemerveilles doch jeden sofort ab, der dunkle Zauber zum gezielten Schaden gegen andere Mitmenschen verwendete. Das warf auch Lothaire Bouvier ein.

"Das ist auch passiert. Fünf Zauberer aus Tirol wurden unvermittelt nach Einsatz eines Körperverunstaltungsfluches von Sardonias Bann aus dem Dorf getrieben. Sie sind wie in panik geflüchtet. Das Ministerium hat sie erst hundert Kilometer außerhalb dingfest machen können", sagte Hippolyte. "Zwei haben den Cruciatus gegen die Führer von Fan-Gruppen aus Südafrika verwendet. Da redet unser Minister gerade mit dem von Österreich drüber, wo die beiden den Rest ihres Lebens absitzen werden, wenn sie sich von den Auswirkungen des Abwehrzaubers Sardonias je erholen werden."

"Cruciatus?" Brach es aus Virginie heraus. "Das ist kein Spiel der Welt wert, deshalb diesen Fluch anzuwenden."

"Das haben die beiden Übeltäter in dem Moment wohl vergessen, Madame Rochfort", sagte einer der Sicherheitszauberer. "Wir können hier ja nur die Verteidigungs und Betäubungszauber bringen, aber keine nachhaltig den Körper schädigenden Flüche. Wir dachten auch erst, derlei Zauber gingen hier überhaupt nicht."

"Sardonia und ihre Handlangerinnen wollten freie Zauberstäbe haben, um ihre Feinde auch hier bekämpfen zu können", sagte Madame Delamontagne, die der Sitzung als amtierende Dorfsprecherin beiwohnte. Dann berichtete Laurentine über ihre Erlebnisse. Julius erfuhr dabei, wie seine Schulkameradin fünf Randalierer auf einmal mit einem Besänftigungszauber beruhigt hatte und wie sie gegen drei sie anfliegende Schockzauber einen schnellen Großschildzauber aufgeboten hatte. Die hatten aber auch mit Brandzaubern, Sirennitus-Zaubern und beschworenen Knallfröschen und Funkenstrahlen gearbeitet. Insgesamt hatte der Aufruhr zehn Minuten gedauert. zwanzig Besucher aus Tirol und Südafrika waren durch den Abwehrzauber aus Millemerveilles vertrieben worden. Deren Angehörige verlangten nun, daß sie deren Habe nach Hause bringen dürften. Dann ging es darum, wie künftig solchen Ausschreitungen begegnet wurde. Da die Besucherbetreuer in den meisten Fällen keine ausgewiesenen Kampfzauberkünstler waren, wurde vom Zaubereiministerium für jedes Spiel eine Extragruppe mehrsprachiger Sicherheitszauberer abverlangt. Außerdem sollten die Besucherbetreuer Rufpfeifen erhalten, die bei von ihnen bemerkten Ausschreitungen einen Trupp Sicherheitszauberer an den Ort des Geschehens beordern konnten.

"Wir haben zwar zwei Zenturien Sicherheitszauberer in Millemerveilles. Aber es kann nicht schaden, in der Not noch eine Zenturie Bereitschaftszauberer im Hintergrund zu haben", sagte Eleonore Delamontagne. Alle stimmten ihr zu. Julius lag es wieder auf der Zunge, nachzufragen, wieso Madame Faucon von der Abwehrmagie Millemerveilles unbehelligt blieb, obwohl sie Gaston mit dem Infanticorpore-Fluch belegt hatte. Doch vielleicht sollte er das mit ihr alleine klären.

"Wie viele Verletzte gab es?" Fragte Sandrine Dumas, die wohl auch froh war, nicht bei diesem Spiel eingesetzt worden zu sein.

"fünfzig durch leichte Fluchschäden und drei schwerverfluchte, die bereits in der Delourdesklinik sind", sagte Hippolyte. "Minister Grandchapeau konferiert bereits mit seinem südafrikanischen und dem österreichischen Kollegen. Der südafrikanische Zaubereiminister wirft dem österreichischen vor, seine Mitbürger willentlich angegriffen zu haben. Der österreichische unterstellt dem südafrikanischen, daß er es versäumt habe, die Verwendung dieser Vuvuzelas verboten zu haben, weshalb die Tiroler offenbar nicht konzentriert genug waren. Jedenfalls will er jetzt die Verwendung von akustischen Anfeuerungshilfen beschränken. Ich habe ihm gesagt, daß dies die Fans gegeneinander aufbringen und weitere Ausschreitungen außerhalb der Stadien provozieren würde. Deshalb wird an einen Schallschluckzauber über dem Spielfeld gedacht. Ob und wie er ausgeführt werden kann, ohne den Spielbetrieb zu stören ist dann wohl eine Sache von Monsieur Florymont Dusoleil, der mit meinen Mitarbeitern die magische Spieltauglichkeit jedes Stadions sicherstellt." Florymont Dusoleil war nicht anwesend. Womöglich arbeitete er bereits daran. Dann ging es noch um die Abwehrbefugnisse der Besucherbetreuer.

"Sorgen Sie erst für Eigensicherung. Dann wenden Sie alle Ihnen bekannten Besändftigungs- oder Lähmzauber an, bei denen Körper- und Geist der betreffenden keinen bleibenden Schaden davontragen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, die Lage alleine zu bereinigen, rufen Sie um Hilfe! Es ist keine Schwäche, die Hilfe anderer zu erbitten, wenn eine Lage gefährlich außer Kontrolle gerät", sprach Hippolyte sehr eindringlich. "Sie haben nichts davon, Eine Situation wie die von heute Vormittag alleine bewältigen zu wollen, nur um danach für längere Zeit in der Delourdesklinik kuriert werden zu müssen, wenn Sie Glück haben und gut genug in der Abwehr Ihnen geltender Flüche geübt sind." Sie sah Laurentine, Julius und Virginie an, die sie wohl für die am besten ausgebildeten Abwehrzauberer ihrer Altersklasse hielt.

Nach der Sitzung und der Beratung, wer wie genau welche Schritte unternehmen konnte und durfte, bat die Leiterin der magischen Spiele und Sportarten die vor den schalldichten Türen wartenden Vertreter der Nachrichtenmedien herein. Hundert Reporterinnen und Reporter von magischen Zeitungen und Rundfunkanstalten besetzten freie Stühle. Die Besucherbetreuer wurden gebeten, sich für ein Gruppenfoto in Positur zu stellen. Jeder Bildermacher durfte dann von der Gesamtgruppe zwei Aufnahmen machen. Dann stellte sich Hippolyte Latierre zusammen mit Eleonore Delamontagne den Fragen der Reporter. Julius sah Linda Knowles neben Gilbert Latierre stehen und konnte auch Ossa Chermot erkennen, die für den Miroir Magique schrieb. Florymont Dusoleil trat als Berichterstatter des Radios freie Zaubererwelt auf. Doch er sollte ebenso als Verantwortlicher für die Spielbarkeit und Besuchersicherheit in den Stadien erläutern, wie eine Absicherung der Spieler gegen überlaute Fans möglich war, wenn sie denn von allen Spielern des Turniers überhaupt erwünscht wurde. Denn Anfeuerungen gehörten nun mal zu einem öffentlichen Wettkampf dazu.

 

"Falls die Spieler einhellig zustimmen, daß eine Schalldämpfungslinie um das Spielfeld gezogen wird bekommen sie keine leisen Anfeuerungsrufe mehr zu hören", wandte Gilbert Latierre ein. "Was machen Sie, wenn auch nur eine Mannschaft diese Begrenzung ablehnt?"

"Nun, die Begrenzung wird nicht als kurzfristig unterbrechbarer Zauber eingerichtet, sondern dauerhaft wirksam. Daher müßten wir die Spiele der Mannschaft, die diese Begrenzung ablehnt in einem nicht damit versehenen Stadion stattfinden lassen", sagte Hippolyte. "Dies würde dann aber unter Umständen den gegnerischen Mannschaften dieser Mannschaft mißfallen. Daher müssen wir auf Einstimmigkeit ausgehen."

"Haben Sie sich mit Ihren ausländischen Kollegen schon darüber beraten?" Fragte Linda Knowles auf Englisch. Hippolyte konnte die Sprache zwar, wies sie aber darauf hin, daß die Konferenzsprache Französisch sei und alle hier anwesenden Reporter diese Sprache könnten. Linda Knowles lächelte die Ermahnung weg und wiederholte ihre Frage. "Diese Beratung fand vor der Einberufung dieser Sondersitzung und Pressekonferenz statt. Die Kollegen aus dem Ausland pflichten mir in den bereits erläuterten Punkten bei, daß eine Schallbegrenzung nur dann errichtet werden dürfe, wenn die damit bedachten Mannschaften einhellig zustimmen. Was den Fall Südafrika gegen Tirol angeht, so hat mich der deutsche Kollege Wildbach darauf hingewiesen, daß sie bei Spielen der deutschen Quidditchliga bereits die Sanktion des leeren Stadions verhängten, wenn bestimmte Fan-Gruppen nur auf Streit und Tätlichkeiten ausgingen. Wenn eine Heimmannschaft vor völlig leerem Stadion spielt, so Wildbach, steige die Motivation des Vereins, die ihn unterstützenden Zuschauer genauer darauf zu besinnen, daß es nur um Sport geht und es keine kriegerische Auseinandersetzung sei."

"Wie steht es dann mit den gerade noch laufenden Spielen und dem Spiel der USA gegen Kenia heute abend?" wollte Laureata Beaumont wissen. Sie schrieb die Sportartikel für den Kristallherold aus den vereinigten Staaten.

"Nun, da die Spile gerade laufen können und werden wir sie nicht unterbrechen, bis wir Gewißheit haben. Was das heute abend stattfindende Spiel USA gegen Kenia angeht, so habe ich mit dem Kollegen Conners und dem US-Zaubereiminister Cartridge bereits eine Übereinkunft, daß US-amerikanische Zuschauer, die sich vor, während oder nach dem Spiel feindselig verhalten, mit sofortiger Wirkung das Land zu verlassen haben. Das wäre auch eine Alternative zu den Schallbegrenzungszaubern, falls diese von den Mannschaften nicht erwünscht sind."

"Wird daran gedacht, bestimmte Musikinstrumente oder Geräuscherzeuger grundsätzlich zu verbieten?" Fragte ein dunkelhäutiger Reporter, der für eine afrikanische Besensportillustrierte schrieb.

"Nun, bereits gültig sind die Beschränkung von Musik- und Geräuschinstrumenten auf die natürliche Höchstlautstärke, sowie das Verbot der Selbstspielbezauberung an Musikinstrumenten, sowie das Verbot, die eigene Stimme magisch zu verstärken, sofern es nicht um den offiziellen Kommentator oder einen Medimagier geht. Inwieweit dies für Instrumente gilt, die einen gleichförmig überlauten Klangteppich auslegen, muß nach dem heutigen Spiel natürlich beraten werden. Was dabei herauskommt wird Ihnen dann zu gegebener Zeit mitgeteilt", antwortete Hippolyte Latierre.

"Haben die nicht ministeriell angestellten Besucherbetreuer erweiterte Einschreitungsbefugnisse erhalten?" Fragte Ossa Chermot und sah auf die Gruppe der Besucherbetreuerinnen und -betreuer. Hippolyte erwähnte dann nur, daß eine weitere Maßnahme zur Anforderung von Hilfskräften mit ministerieller Unterbindungserlaubnis erarbeitet wurde und die Besucherbetreuer keine außerministerielle Sicherheitstruppe darstellten, sondern lediglich bei akuter Bedrohung ihrer eigenen Unversehrtheit beschränkte Abwehrmaßnahmen ergreifen dürften.

"Nun, Millemerveilles wird von einem magischen Dom überspannt, der ja nicht gerade gutartigen Absichten entsprungen ist", holte eine italienische Reporterhexe aus. "Könnte es nicht sein, daß dieser Dom aufkommende Aggressionen eher begünstigt als sie zu unterbinden?"

"Nun, über die genaue Beschaffenheit des magischen Domes weiß ich wohl nicht mehr als sie, da seine genaue Beschaffenheit und Erhaltung zu den Geheimnissen von Millemerveilles gehören, in die weder der Zaubereiminister noch ich vollständig eingeweiht wurden", sagte Hippolyte. "Ich kann Ihnen nur die Auskunft geben, daß seine Existenz dahingehend verändert werden konnte, alles in diesem Ort weilende Menschenleben zu beschützen. Daher dürfte ich nicht fehlgehen, wenn ich erwähne, daß der Dom Sardonias nach der ihrem Tod folgenden Umstellung keine bösartigen Motive erzeugt und Aggressionen weckt, wo vorher keine waren. Meine zweitjüngste Tochter wohnt innerhalb dieses Ortes. Ich hätte ihr eindeutig untersagt, sich dort anzusiedeln, wenn ich mir nicht absolut sicher wäre, daß die Schutzglocke Menschenleben beschützt und daher keine sie gefährdenden Handlungen bestärkt. Abgesehen davon hätten im dunklen Jahr des wiedererstarkten Dunkelmagiers Voldemort wohl kaum über hunderttausend Hexen und Zauberer von ungeboren bis altehrwürdig in diesem Ort verweilen können, wenn sie sich nach kurzer Zeit gegenseitig zu massakrieren anfingen."

"Nur daß sowohl bei uns in den Staaten wie auch in allen anderen Ländern die Lehrer an den Zaubererschulen erwähnen, daß dunkle Kräfte sich irgendwann gegen den wenden, der sie benutzt und daß sie nie etwas gutartiges gedeihen lassen", warf Beaumont ein. Linda Knowles nickte. Da erhob sich Madame Delamontagne:

"Als glückliche Mutter zweier hier empfangener und geborener Kinder kann ich Madame Latierre nur hundertprozentig beipflichten, daß der Dom über Millemerveilles ungeachtet seiner Erschafferin heute nur noch eine reine Schutzfunktion erfüllt und zugleich das Dorf vor nichtmagischen Menschen verbirgt. Wie genau dies geht ist wie von Madame Latierre erwähnt ein Geheimnis, daß nur der Dorfrat Millemerveilles kennen und anwenden darf beziehungsweise die mit Beschaffenheit und Erhaltung des Schutzes fachkundig betrauten Vertrauten des Dorfrates."

"Wäre ja nichts passiert, wenn die Südafrikaner nicht mit ihren weithin unbeliebten Lärmtröten herumgelärmt hätten", wandte sich nun ein Vertreter der österreichischen Zaubererpresse an Kollegen und Konferenzleitung. "Es war absolut unüberhörbar, daß die Unterstützer der Südafrikaner immer dann besonders laut waren, wenn die tiroler Mannschaft gerade den Quaffel hatte. Verbieten Sie einfach diese Vuvuzelas in den Stadien, und Ruhe ist."

"Wie erwähnt, Herr Schilfrohrer, gehört das zu den Dingen, die zu Gebote stehen. Allerdings müßten sich Ihre Landsleute dann die Frage stellen lassen, ob da nicht einige der Kuhglocken ein wenig lauter klangen, als ihre natürliche Beschaffenheit zuläßt. Sie dürfen zitieren, daß im Zusammenhang des Spiels heute Vormittag auch geprüft wird, ob Anhänger der Tiroler Nationalmannschaft nicht gegen das Naturhöchstlautstärkegebot verstoßen haben. Weitere Fragen?"

"Ja, nur die, ob die mit Abwehrzaubern am besten zurechtkommenden Besucherbetreuer bereits vom Ministerium gefragt wurden, ob sie nicht fest bei ihm angestellt werden möchten", wandte Gilbert Latierre sich an seine Cousine und sah dabei Laurentine und Julius an. Die beiden beherrschten ihre Gesichtszüge.

"Jene, die bereits mit der Schule fertig sind und bereits fest Anstellungen haben werden wohl wissen, warum sie die Berufe ausüben, die sie ausüben und daher nicht darauf ausgehen, ihre Arbeit zu beenden. Jene, die noch zur Schule gehen wissen, daß es sich um einen reinen Ferienberuf handelt, der honoriert wird, aber keine verbindliche Festlegung auf einen späteren Beruf ist. Wie erwähnt rechnen wir ja auch nicht jeden Tag mit Ausschreitungen", sagte Hippolyte Latierre.

"Ist es gestattet, die Besucherbetreuer etwas zu fragen?" Fragte Rita Kimmkorn.

"Nur Dinge, die sich ausschließlich mit deren Betätigung als Besucherbetreuer befassen, Ms. Kimmkorn", erwiderte Hippolyte. Da von meiner Seite aus nichts mehr zu sagen ist, gewähre ich Ihnen für derartige Befragungen zwanzig Minuten. Ich ersuche Sie jedoch um Beibehaltung der bisherigen Konferenzdisziplin. Danke schön!"

Laurentine wurde von einem Vertreter der deutschen Zaubererpresse nach ihren unmittelbaren Erfahrungen mit diesen Ausschreitungen befragt. Sie erwiderte auf Französisch, daß sie sich die Arbeit als Besucherbetreuerin schon wesentlich friedlicher vorgestellt hatte und nun hoffe, daß der Sportsgeist zu Spielern und Zuschauern zurückkehren möge. Das gefiel dem Reporter nicht sonderlich, weil es ihm zu gut auswendig gelernt vorkam. Der österreichische Zeitungsmann Schilfrohrer fragte Lothaire Bouvier, der bei diesem Spiel mit von der Partie gewesen war, ob er nun nur noch in Begleitung von Sicherheitszauberern zu den Zuschauern gehen würde. Lothaire erwiderte darauf:

"Wieso sollte ich das. Ich kann welche herrufen, wenn sie dringend gebraucht werden. Ich hoffe eben, daß das nie der Fall sein wird." Julius Latierre wurde von Rita Kimmkorn gefragt, ob er Mitglied des Betreuungsstabes geworden sei, weil er dem französischen Zaubereiministerium und der Familie Latierre Dankbarkeit schulde.

"Abgesehen davon, daß ich auf eine so eindeutig privat ausgerichtete Frage nicht antworten muß, Ms. Kimmkorn, kriegen Sie und alle anderen eine zitierfähige Antwort von mir", setzte Julius ganz ruhig an: "Ich habe mich freiwillig gemeldet, weil ich mit dazu beitragen möchte, daß wir hier alle in Millemerveilles eine schöne, für alle gut und gern in Erinnerung zu behaltene Weltmeisterschaft erleben können. Da ich mich in der Gemeinde auskenne und zwei Sprachen sprechen kann, erschien es mir sehr praktisch, als Besucherbetreuer mitzuhelfen. Alles andere betrifft die Öffentlichkeit nicht. Danke schön!"

"Ja, aber nach allen Widrigkeiten, denen Sie in ihrem Heimatland ausgesetzt waren und dafür auch von verschiedenen Leuten ungehalten betrachtet werden, ist es doch wohl schon ein öffentliches Thema, warum Sie nach allem, was Ihnen Leute aus ihnen selbst bekannten Gründen unternommen haben, um sie in dieses Land zu holen", beharrte Rita Kimmkorn auf eine gefühlsmäßige Antwort.

"Sie bekommen von mir keine andere Antwort als die, die ich gerade gegeben habe. Das mag den Wert Ihres Artikels zwar senken, wenn kein gefühlsduseliger Kram dabei ist. Aber Madame Latierre erwähnte ausdrücklich, daß nur Fragen nach der Betätigung gestellt werden dürfen. Sonst müßte ich Sie fragen, wer da welche Behauptungen über mich in Umlauf setzt und wie Sie an diese Behauptungen gelangt sind. Ich weiß jedoch nicht, ob das die Öffentlichkeit interessieren sollte. Also bleiben Sie besser bei der Antwort, die ich Ihnen gegeben habe", erwiderte Julius und sah Rita Kimmkorn sehr entschlossen an. Sie nickte. Was er ihr sagen wollte war angekommen. Wenn sie sein Leben grundweg zum öffentlichen Thema machte, würde er ihre Methoden zum öffentlichen Thema machen. Bei sowas würde sie am Ende verlieren, auch wenn sie ihm vorher einen ganzen Lastwagen voller Dreck übergeschüttet und ihn durch hundert Tonnen Kakao gezogen hatte. Außerdem hing da noch die Drohung McGonagalls in der Luft. Kimmkorn hatte sich auf sehr sehr dünnes Eis gewagt, als sie behauptet hatte, es gäbe Leute, die ihn wegen seiner Umbürgerung nicht gut gelitten seien. Das konnte sie ja dann nur von muggelstämmigen Hogwarts-Schülern haben. Und die durfte sie nicht interviewen.

Ossa Chermot versuchte nun, Rita Kimmkorn im Punkte Aufdringlichkeit zu überbieten und fragte Millie, ob sie und Julius von ihrer Mutter dazu angehalten worden seien, der Besucherbetreuungstruppe beizutreten, damit sie während der gemeinsamen Ferien nicht auf dumme Gedanken kämen. Hippolyte Latierre machte schon Anstalten, dazwischenzugehen. Doch Millie sagte ganz ruhig:

"Dann müßten Sie genauer Sagen, was Sie für dumme Gedanken halten und inwieweit die mit meiner Arbeit für die Weltmeisterschaft zu tun haben sollen, Mademoiselle Chermot."

"Nun, Monsieur Latierre ist noch keine siebzehn Jahre alt. Das sie jetzt schon zusammen wohnen erachte ich als reines logistisches Kalkül, um nicht im Trubel der Weltmeisterschaft Ihre Unterkunft organisieren zu müssen. Daher besteht ja wohl die Möglichkeit, daß Sie beide nur unter der Bedingung beide jetzt schon eine gemeinsame Wohnstatt haben, daß Sie sich verpflichten, bei der Ausrichtung der Weltmeisterschaft mitzuhelfen, statt Ihre Freizeit in jeder Hinsicht auszuschöpfen?" Hakte Chermot nach.

"Wenn Sie eine Frage nicht beantworten wollen, nämlich die, was Ihrer Meinung nach dumme Gedanken seien, Mademoiselle, verweise ich darauf, daß die Frage von Ihnen keine berufliche, sondern private Frage ist und ich sie gemäß der Weisung Madame Hippolyte Latierres, meiner derzeitigen Arbeitgeberin, nicht beantworten darf. Nächste Frage!"

"Bevor noch solche und ähnliche Fragen gestellt werden mögen stelle ich fest, daß das Privatleben der Besucherbetreuer eben privat und nicht öffentlich ist. Selbst der Zaubereiminister genießt eine Privatsphäre", sagte Hippolyte. "Und was für ihn und seine Familie gilt gilt auch für mich und meine Familie. Alle diese bezüglich der öffentlichkeit wichtigen Fragen darf da nur Monsieur Gilbert Latierre stellen. Soweit ich informiert bin haben Madame Mildrid und Monsieur Julius Latierre mit diesem Kollegen von Ihnen einen Exklusivvertrag geschlossen." Gilbert grinste breit und nickte. Seine Kollegen blickten ihn verstört bis verdrossen an. "Stellen Sie also in der Ihnen noch verbleibenden Zeit bitte nur Fragen, die meine Mitarbeiter beantworten dürfen!"

So vergingen die restlichen Minuten. Julius war froh, als er mit Millie und den anderen den Konferenzraum verlassen konnte.

"Die Kimmkorn wird das nicht bringen, was sie mich gefragt hat", vermutete Julius, als er und Millie einen Toilettengang nutzten, um sich was zuzumentiloquieren.

"Du meinst, weil sie rausgelassen hat, daß wer dich schräg angeguckt hat, weil du umgezogen bist?" Erhielt er Millies Antwort.

"Und vor allem, weil ich vor ihren Kollegen erwähnt habe, daß dann auch ihre Befragungsmethoden überprüft werden müßten. Die hat genickt. Die hat die Drohung verstanden. Macht die dich und mich mit ihrem Geschmiere dumm an, kriegen einige Leute bescheid, daß die vielleicht was kann, was sie nicht angemeldet hat."

"Das kriegen wir dann im Tagespropheten. Sicher darf die keine Hogwarts-Leute interviewen. Dann bekäme sie Ärger mit McGonagall, richtig?"

"Ganz genau. Und die weiß, daß ich weiß, daß sie diese Interviews nicht führen oder ausschlachten darf. Tut sie es doch, kriegt sie den angerichteten Ärger doppelt und dreifach zurück. Aber die Chermot ist auch lustig. Das die nicht rot wurde, wo sie uns zwei unterstellt hat, wir dürften nur deshalb zusammenwohnen, solange wir nicht auf dumme Gedanken kämen, wundert mich."

"Die ist seit der Kiste mit dem Tanzabend bei Eleonore hinter dir her. Das wissen wir doch alle. Die wollte der Kimmkorn jetzt zeigen, daß sie noch frecher auftreten kann. Vielleicht weiß die auch, wie die Kimmkorn ihre Interviews kriegt und hält die Hand drüber, um sie bei einer günstigen Gelegenheit abzocken zu können."

"und meint, sie daher noch provozieren zu dürfen?" Fragte Julius. Millie bejahte es für alle anderen unhörbar.

Julius hatte wieder Kartenkontrolldienst. Diesmal wollte der korpulente Zauberer Fullbright ins Stadion, zumal er ja schon eine Karte hatte. Julius Latierre hatte diesmal keinen Ehrenlogenplatz, weil Hippolyte davon ausgegangen war, daß er sich das Spiel mit Brittany, Gloria und den Redliefs ansehen wollte. So saßen die gesamte Latierre-Familie von Hippolyte abgesehen zusammen mit den Brocklehursts aus den Staaten, sowie den Redliefs und Pina Watermelon in einem Block mit anderen amerikanischen Fans. Julius entging jedoch nicht, daß neben dem Zaubereiministerehepaar aus den Staaten und einem hochgewachsenen aber auch sehr beleibten dunkelhäutigen Zaubereiminister aus Kenia das Ehepaar Gildfork in der Ehrenloge saß.

"Toll, darf Ma sich jetzt das ganze Spiel mit der rumschlagen", grummelte Millie. Doch statt ihrer Mutter trat der zopfbärtige Zauberer Antoine Castello an die Ballustrade der Ehrenloge und machte den Stadionsprecher.

Zuerst rief er die Maskottchen aufs Feld. Im Falle der USA war es der Großfuß Bob, der aufrecht und ohne jede sichtbare Fessel ins Stadion schritt und einen großen Stapel Fackeln unter jedem Arm trug. "Ach, dann wird der arme mal wieder mit brennenden Fackeln jonglieren", seufzte Brittany, die links von Julius saß. Dann traten die Maskottchen der Kenianer auf. Es handelte sich dabei um zwergartige Wesen, vergleichbar mit Kobolden, die laut Brittany Brocklehurst im kenianischen Buschland beheimatet waren und für Muggelaugen unsichtbar waren. Dann schossen die US-Spieler in blau-weiß-roter Spielerkleidung auf Besen vom Typ Bronco Millennium aus der Bodenluke links von Julius heraus. Danach folgten sieben quirlige afrikanische Zauberer auf Feuerblitzen. Schiedsrichter dieser partie war der Spanier Miguel Sancho Fuerzavientos Aguilero, der sehr klein und rund wirkte und nur durch seine schwarze Kleidung, den Besen und die Trillerpfeife von einem Quaffel zu unterscheiden war.

"Der hat früher in der Nationalmannschaft Sucher gespielt, Julius. War aber noch vor Tines Geburt."

"Die zwei Monate, zwischen dessen Aufhören und meiner Ankunft, Millie", grummelte Martine. "Ma behauptet immer noch, daß das ein Zufall war, daß sie da ganz mit Quidditch aufgehört hat, als der mit seiner Karriere durch war."

"Du warst ja auch ein armes Mädchen", feixte Millie. Julius hatte häufig gehört, daß Hippolyte noch bis in ihren siebten Schwangerschaftsmonat mit Martine noch Quidditch gespielt hatte. Dann mochte das hinkommen.

Das Spiel ging los, und sofort war eine wüste Wuselei über dem Feld im Gange. Castello konnte nur die Nation und den Namen des gerade den Quaffel führenden ansagen. In der ersten Minute holte sich Kenia zwanzig Punkte Vorsprung. Brittany meinte, daß es der Baukastentruppe von Gildforks Gnaden jetzt klar sei, daß Quidditch anders ablief. Bob Bigfoot tanzte derweil in Figuren, die Buchstaben in den Boden schrieben. "Vorwärts USA", stand da zu lesen. Als die Amerikaner, bei denen drei Hexen und vier Zauberer mitspielten endlich ein Tor schossen, geriet das Spiel ein wenig langsamer. Denn die US-Spieler hatten nun raus, wie sie die Passwege der Gegner verlegen konnten. Die beiden Treiberinnen der US-Mannschaft, die wie halbwegs in Frauen verwandelte Kleiderschränke mit blonden Haaren aussahen, bekamen auch heraus, wie sie die Klatscher aus dem eigenen Mannschaftsspiel herausdreschen konnten. Somit holten sie nach zwei weiteren Minuten Spielzeit die nächsten zwanzig Punkte und glichen aus. Jetzt gingen die Kenianer zwar wieder auf volles Tempo aus und erzielten dadurch zwei schnelle Tore. Doch danach spielten nur noch die US-Amerikaner. Brittany deutete auf Bob, der den Lärm der Zuschauer hörte und im Rhythmus der klatschenden und mit Flaggen winkenden US-Fans einen orientalischen Tanz der Extraklasse vollführte. Dabei warf er die Fackeln in die Luft, die hoch über ihm von selbst entflammten. Doch der affenähnliche Bewohner der nordamerikanischen Berge und Wälder fing die Fackeln an ihren nicht brennenden Enden auf und zündete damit die nächsten an, bis er ein wares Feuerrad aus brennenden Fackeln vor sich kreisen ließ.

"Ähm, wo spielen die beiden Treiberinnen sonst?" Fragte Julius Brittany.

"Das sind echte Quidditchmädels. Die sind bei einem der drei Vereine tätig. Ei, guck mal, Julius!" Gerade trickste Stanford, der körperlich größte Jäger der Nordamerikaner, seine zwei Manndecker aus. Er verlud sie mit dem Dawn'schen Doppelachser. Dann war er vor dem Tor und brauchte den roten Ball nur noch durch den rechten Ring zu schupsen.

"Der kommt im nächsten Jahr zu uns", sagte Brittany. "Sein alter Verein, die Peaks, wollten den nicht mehr, weil er wegen der Quidditch-Weltmeisterschaft zu oft gebucht war."

"Und ihr habt dem die Doppelachse beigebracht?" Fragte Julius.

"Die drei Schwestern haben das gemacht", sagte Brittany. Dann deutete sie auf das tor der US-Spieler. Doch der kenianische Blitzangriff verpuffte ebenso blitzartig wieder, und die USA bauten ihren Vorsprung aus. Julius sah im ganzen Gewühle nicht, wo der Schnatz war. Er benutzte die Zeitlupenfunktion seines Omniglases und ließ sich die verschiedenen Spielzüge zeigen. Die Kenianer rotierten immer um eine unsichtbare Senkrechtachse, während die USA sich auf Querpässe und Einzelvorstöße konzentrierten. Ähnlich lief es beim Quodpot, wenn jemand den Spielball in dem Topf mit der Erholungsflüssigkeit versenken wollte. Die kenianischen Fans musizierten auf unterschiedlichen Trommeln und sangen, wobei es eine kleine Gruppe gab, die vorsang und der Rest die Antwort sang. Bob Bigfoot stand derweil in einer Spirale aus Fackeln und tanzte immer die Buchstaben U-S-A auf den Boden. Bei jedem Tor der US-Spieler warf er alle Fackeln weit nach oben und sprang eine Schraube nach oben, um die brennenden Fackeln wieder einzusammeln.

"Der hat keine Angst vor Feuer. Der ist wie berauscht", erkannte Julius. Brittany rief über den Jubel ihrer Leute hinweg:

"Das ist auch was, was Lightningflash keinem verrät, ob er dem die natürliche Angst vor Feuer durch Magie umgepolt hat. Ich tippe mal auf den Psychopolaris-Trank. Den kennst du sicher."

"Stimmt, den kenne ich", erwiderte Julius, dann deutete er nach rechts unten. Die Sucherin der Amerikaner stieß gerade hinunter, während der Sucher Kenias hart nach rechts ausbrechen mußte, um nicht in beide Klatscher zugleich hineinzukrachen. Dann zog die Sucherin der Staaten ihren Besen steil nach oben und reckte die linke Faust ins Publikum. Alle sahen es darin golden und silbern glitzern. Die Kenianer stöhnten betreten, während bei den US-Spielern erst verhalten, dann immer lauter Jubelstimmung aufkam, bis alle Anhänger der Blau-weiß-roten Spieler in einem ohrenbetäubenden Begeisterungsorkan ausbrachen.

"Ups, so viele kennen die Regeln?" Feixte Brittany, die ihrer Mannschaft nur Applaus geklatscht hatte, als Lindsey Blue den Schnatz für ihre Mannschaft gefangen hatte.

"Das ist doch mal ein Auftakt. Achthundertzwanzig Punkte zu sechzig", stellte Julius fest.

"Ja, und Bob darf noch ein paar Tage länger hierbleiben", grummelte Brittany.

Ursuline und Ferdinand Latierre luden ihre Verwandten und die Gäste des Apfelhauses zum Abendessen in einem für geschlossene Gesellschaften anmietbaren Zelt ein.

"Die Gildfork wäre fast vor überheblichkeit geplatzt", meinte Brittany. Ursuline fragte Brittany, ob Phoebe Gildfork Kinder habe.

"Kinder kosten Geld. Das braucht die lieber für Einhornfelle und Drachenhautschrankkoffer", stieß Brittany verächtlich aus. "Wieso, weil die so propper aussieht ..."

"Wie ich?" Vollendete Ursuline grinsend den Satz.

"Ich dachte, so einen stattlichen Körper kann nur wer ihr eigen nennen, die mindestens fünf Kindern das Leben gab. Aber sie wirkt mir doch zu kalt und auf ihr Erscheinungsbild fixiert, als daß sich auch nur ein Kind dazu verleiten ließe, von dieser Frau geboren zu werden. Ich habe es mir angesehen, wie die Cartridge umschnurrt hat, wo seine schwangere Frau danebensaß und mit ihrem stolzen Bauch nicht so raumfüllend aussieht wie diese Hexe Gildfork."

"Ich habe euch doch die Kiste von VDS erzählt, wie Julius sie da fertiggemacht hat", erinnerte Millie ihre Großmutter. Diese nickte und grinste über ihr Mondgesicht. Dann meinte sie:

"Na ja, sollten die Belgier am neunzehnten auch so schnell die Puste verlieren wie die Kenianer, kriegen wir vielleicht ein spannendes Spiel zu sehen, weil die Gewinner des am Tag davor laufenden Spiels Peru gegen Angola gegen die US-Leute randürfen.

"Ich weiß, ich benehme mich unpatriotisch, Madame Latierre. Aber mir wäre es lieb, wenn diese Puzzeltruppe am zwanzigsten wieder nach Hause darf. Dann kann Bob wieder in seine gewohnte Gegend", wandte Brittany ein.

"Lass das mal keinen hören", sagte Julius und sah sich um. Doch im Zelt war niemand, nicht mal ein Insekt.

"Da habe ich keine Probleme mit, das öffentlich zu machen", sagte Brittany. "Jeder weiß das mittlerweile, daß ich was gegen diese Art der Zauber- und Tierwesenvorführung habe. Aber lassen wir das", sagte Brittany. "Ich sollte zumindest froh sein, daß sich die Spieler und Spielerinnen nicht verletzt haben." Dem stimmten alle zu.

Es wurde spät, als die jungen Eheleute Latierre mit ihren Hausgästen wider im Apfelhaus waren. Julius spannte zur Sicherheit die Eindringlings-Meldezauber aus, die er auf den Namen "Rita Kimmkorn" abstimmte. Dann zog er sich zu seiner Frau und den gemeinsamen Gästen zurück.

 

__________

 

Außer den Fans der tiroler Nationalmannschaft, die beim Aufruhr nach dem Spiel festgenommen oder zur magischen Heilbehandlung in die Delourdesklinik gebracht wurden, verließen die restlichen Anhänger dieser Mannschaft das Dorf über Flohnetz-Anschluß oder Portschlüssel, die in den österreichischen Raum abgingen. Einer der letzten, der mit einem Portschlüssel abreiste war Zaubereiminister Rosshufler selbst. Indien schaffte es, sich mit 600 zu 200 Punkten gegen Italien durchzusetzen.

Der Dienstplan der Latierres war eng gedrängt. Julius bat seine Hausgäste um Entschuldigung, daß Millie und er doch nicht so viel Zeit mit ihnen verbringen konnten. Brittany sagte dazu:

"Wir kommen ja auch gut zurecht, wenn wir uns bei den ganzen Freizeitsachen aufhalten, die es gibt. Dieses Wadditch ist ja auch ein interessantes Spiel." Julius hatte den Begriff noch nicht gehört. Linus erläuterte, daß das ein magischer Wassersport sei, der wohl in Australien und auf Inseln sehr beliebt sei. Am Farbensee hätten seine Frau und er vor zwei Tagen zwei Mannschaften beim Spielen sehen können. Gloria sagte zum Thema Abwesenheit der Gastgeber:

"Gut, Madame Latierre hat euch ja schon so eingeteilt, daß ihr nicht immer beide zur gleichen Zeit wegbleiben müßt. Ich kann da gut in der Bibliothek lesen. Mal abgesehen davon sind meine Eltern und die amerikanische Verwandtschaft noch da."

"Samstags wird's wieder voll, weil da wieder viele neue Besucher ankommen", sagte Millie. Julius bejahte das. So machten sie einen Plan, wie sie ihren Hausgästen einen erfüllten Samstag bescheren konnten, wenn sie beide knapp neun Stunden im Besucherbetreuerdienst tätig sein würden. Da Gloria und Pina Französisch konnten, beschlossen die beiden, mit ihren Verwandten nach Paris zu reisen und sich die Zaubererweltstraße und die Sehenswürdigkeiten der Muggel anzusehen, wo sie schon mal hier waren. Die Brocklehursts schlossen sich diesem Vorhaben an. So würden die Porters, Watermelons, Redliefs und Brocklehursts kurz vor neun Uhr vom Apfelhaus aus aufbrechen. Julius würde dann seinen Tagesdienst antreten. Millie hatte dann noch eine Stunde Zeit.

Am Freitagvormittag machte Julius einen Flug zum See der Farben. Dort sah er eine Menge Schaulustige in Booten, die Leuten auf sehr schnell über die Wasseroberfläche flitzenden Surfbrettern zusahen. Zwischendurch schossen hohe Wasserfontänen aus dem Wasser oder wogten hohe Wellen zum Ufer.

Julius verringerte seine Flughöhe und beobachtete das Spektakel. Jeweils fünf Personen auf diesen mit Magie angetriebenen Surfbrettern bewegten sich auf einem wohl zweihundert Meter langem und fünfzig Meter breitem Bereich, der mit kleinen weiß-roten Schwimmkörpern abgegrenzt wurde. Auf jeder Schmalseite wippten drei Tonnen auf den Wellen. Vor diesen drei Tonnen wachte einn Surfer und mühte sich ab, einen sonnengelben Ball so groß wie ein Quaffel früh genug abzufangen, damit der nicht in einer der drei Tonnen landete. So hatte ihm Brittany das Wadditch-Spiel beschrieben. Die Zuschauer feuerten die beiden Mannschaften an. Immer wieder warf einer der Spieler einen kleineren wasserblauen Ball genau in die Bahn der Gegner. Wo diese Bälle auf das Wasser trafen schossen die Fontänen empor oder breiteten sich ringförmige Wellen aus, als sei ein tonnenschwerer Stein aus großer Höhe ins Wasser geworfen worden. Julius beschrieb eine weite, sanft geneigte Abwärtsspirale, um zu sehen, wie das Spiel gespielt wurde. Da hörte er Camille Dusoleils Gedankenstimme im Kopf: "Julius, du kannst ruhig ganz zu uns runter. Jeanne und Ich sitzen mit Hera im grünen Boot südlich." Julius packte den Stiel des Ganymed 10 fester und peilte das erwähnte Boot an. Es war mindestens zwanzig Meter lang und erinnerte eher an einen gewaltigen Bottich als an ein Wasserfahrzeug. Ruder, Segel oder gar einen Motor sah er nicht. Das Boot war mit zwölf Leuten besetzt, die mit Omnigläsern das Geschehen in der abgesteckten Spielzone beobachteten. Er erkannte vier schwarzhaarige Hexen unter den Insassen. Er überdachte kurz den besten Neigungs- und Annäherungswinkel und brachte seinen Besen dann in einen raschen Sinkflug. Kurz über dem angepeilten Landepunkt pendelte er den Besen waagerecht aus und benutzte die hubschrauberartige Landemöglichkeit des Rennbesens. So kam er nach einer winzigen Kurskorrektur punktgenau in der Bootsmitte auf die Füße.

"Guten Morgen die Damen! Wird das ein neuer Trendsport hier?" Begrüßte er Hera Matine, Camille,Jeanne und Chloé Dusoleil, sowie Aurora Dawn. Vier junge Zauberer, die Julius vor zwei Jahren in der Abschlußklasse von Beauxbatons gesehen hatte, feuerten gerade die Mannschaft in blau-gelb quergestreiften Anzügen an, die Julius wie Taucheranzüge vorkamen.

"Ui, das war aber heftig", bemerkte einer gerade, weil der, der gerade den sonnengelben Spielball führte, voll auf eine künstliche Fontäne geraten war, die ihn mindestens fünf Meter nach oben beförderte. Das Brett drehte sich dabei und schraubte sich von Wasser umtost aufwärts, bis die Fontäne zusammensank und der Spieler wieder nach unten fiel. Doch er balancierte sich auf dem Brett, das Julius eher an ein Skateboard erinnerte aus, ohne den Ball fallen zu lassen. Selbst einen Schwall Wasser in alle Richtungen verspritzend schlug das Brett wieder auf der Seeoberfläche auf und nahm sogleich Fahrt auf, um die drei Tonnen der weiß-violett längsgestreiften Mannschaft anzusteuern.

"In Australien, Neuseeland und auf Inseln mit guten Wellen wie Hawaii ist das neben Quidditch der beliebteste Mannschaftssport", erwähnte Aurora. Julius erwähnte, daß er von Brittany was über Wadditch gehört hatte.

"Nur daß normalerweise auf offener See gespielt wird und da Haie oder andere gefährliche Meerestiere mitten im Spiel auftauchen können, von den natürlichen Wellen ganz zu schweigen", sagte Aurora. "Die Süßwasserseevariante gefällt mir bedeutend besser."

"Ich dachte, du müßtest wieder in der Betreueruniform herumlaufen", meinte Jeanne, die in der ihr gerade bequemsten Haltung auf einem hochlehnigen, breiten Stuhl saß.

"Heute Nachmittag bis zum Abend, Jeanne", antwortete Julius. Dann meinte er: "Die in Weiß und Violett sehen aus wie Sträflinge mit den Längsstreifen."

"Das ist Absicht, Julius. Das ist die offizielle australische Nationalmannschaft, die gegen die aus Neuseeland spielt", sagte Aurora. "Du weißt ja, daß Australien früher mal eine Sträflingskolonie war." Julius nickte. Ihm fiel gar nicht auf, daß Aurora und er miteinander Französisch sprachen. So gut waren beide mit dieser Sprache vertraut.

"Wie war das? Wer als erste Mannschaft eine der drei gegnerischen Tonnen zehnmal getroffen hat gewinnt?" Fragte Julius.

"Das stimmt", sagte Aurora Dawn und deutete gerade auf einen der Spieler in Weiß und Violett. Der umsprang gerade seinen Gegner, der ihm einen der Wasseraufruhrbälle vor das Brett setzen wollte und schleuderte den Spielball in einer perfekten Parabel über Freund und Feind hinweg zielgenau in die mittlere Tonne der blau-gelben Mannschaft. Julius fragte, ob bei diesem Spiel nicht auch ein Schiedsrichter dabei sei.

"Weil das hier kein offizielles Spiel ist brauchen sie keinen, zumal sie nicht wie die Regeln sagen auf See spielen", erwähnte Aurora Dawn. "Sonst würde ein auf dem Besen fliegender Schiedsrichter aus sicherer Höhe das Spiel überwachen und ... Ui, das war gegen die Regeln." Der Abschlag aus der Hälfte von Blau-Gelb landete in den Armen eines Spielers in Weiß-Violett. Dieser stieß sein Brett nach vorne und tauchte unter den ihm entgegenschießenden Gegnern hindurch, um von unterhalb der Wasseroberfläche noch einmal die mittlere Tonne zu treffen.

"Buh! Ungültig! Ungültig!" skandierten die Zuschauer in den anderen Booten auf Englisch. Camille sah Aurora an, die darauf erklärte, daß alle Spieler an der Wasseroberfläche zu bleiben hatten, besonders, wenn sie den Ball führten. Zwar sei der Ball so vollgepumpt, daß er nicht von sich aus untergehen würde. Aber wer es heraushatte, den Auftrieb des Brettes zu überwinden konnte ganz schnell untertauchen. Das sei aber eben ungültig.

"Hoffentlich knallt das hier nicht auch wie nach dem Spiel Südafrika gegen Tirol", unkte Julius.

"Die wissen, daß das regelwidrig war", meinte Aurora und sah, wie die Blau-Gelben einen unbedrängten Vorstoß zum gegnerischen Tonnentrio machten, wie einer sich den gelben Ball zurechtrückte und dann einen schnellen Wurf aus kurzer Entfernung vollführte. Der Tonnenhüter kam zwar noch mit der rechten Faust an den Ball, erwischte ihn jedoch so unglücklich, daß er nur zur Seite geprellt und in die vom Hüter aus rechte Tonne umgeleitet wurde.

"Das sollte jetzt wohl als Strafwurf durchgehen, wie?" Fragte Julius. Dann beobachtete er die Partie solange, bis die linke Tonne der Australier zum zehnten Mal getroffen wurde. Da die Neuseeländer die rechte bereits achtmal und die mittlere bereits neunmal getroffen hatten gewannen sie mit siebenundzwanzig Toren. Wie im Quidditch wurde jedes Tor mit zehn Punkten gewertet. Wer als erster eine Tonne zehnmal zu treffen schaffte verdreifachte den Gesamtpunktestand noch. Also erzielten die Neuseeländer einen Endstand von 810 zu 200 Punkten. Julius rechnete durch, wie hoch der höchste erreichbare Punktestand überhaupt sein konnte und kam auf 840 Punkte.

"Eintausend Punkte gehen bei diesem Spiel nicht", sagte er dann.

"Ja, und sie dauern nicht so lange wie Quidditchpartien", erwiderte Aurora. Die Spieler flitzten noch einmal über das Wasser und bedankten sich bei ihren Unterstützern. Camille winkte mit ihrem Zauberstab, worauf das große flache Boot Fahrt aufnahm und auf die Begrenzung zufuhr. "Okay die 'erren, 'erzlischen Glückwunsch sum Gewinn", sagte sie in ihrem nicht so gut geübten Englisch und wandte sich dann an Aurora Dawn:

"Okay, Leute, jetzt erst einmal zwei Stunden Spielpause. Dann wollen die Hawaiianer gegen die von den Jungferninseln spielen", sagte die Heilerin aus Sydney.

"Bei allem Respekt, daß Sie uns auf dem See spielen lassen, Madame, aber irgendwie ist das nicht so spannend wie auf dem Meer", bemängelte einer der Australier die Spielbedingungen.

"Weil's hier keine Krokodile oder Haie gibt und Grindelohs nicht aus so großer Tiefe nach oben kommen?" Fragte Julius vorwitzig.

"Hier gibt's Grindelohs?" Fragte einer der Australier. "Toll, dann spielen wir das mal unter Wasser. Dann ist doch noch Spannung drin."

"Tut mir Leid, aber da bekämt ihr sicher Ärger mit der Hüterin des Sees, Madame Neirides ", sagte Aurora schnell. Camille nickte wild.

"Die Wassermenschen, die im See wohnen, fühlen sich sicher schon angenervt wegen des U-Boots", meinte Julius.

"Da muß ich noch mit der guten Undine drüber sprechen, wie weit deren Geduld noch reicht", sagte Camille.

"Ähm, da wohnen Wassermenschen drin?" Fragte einer der Neuseeländer. "Super, ich hab'n Unterwassserteleskop mit, mit dem ich bis zum Meeresgrund runtersehen kann. Läuft das bei denen hier unter Spannen, wenn ich versuche, die Wasserleute zu beobachten?" Fragte er dann Julius und Aurora ansehend. Camille wollte den Begriff "Spannen" erklärt bekommen und sagte in ihrem stark eingefärbtem Englisch: "Nür wenn Sie sehen würden la Gent d'eau fair L'amour, sich liebende Wasserleut', Monsieur. kann Ihr Fernglas durch 'äuserdäscher 'indurschse'en?"

"Nein, weil das festes Material ist", sagte der Mann. Dann bot Camille an, mit ihm und anderen Interessierten zusammen mit Madame Neirides im See zu tauchen und dabei auch die Wassermenschensiedlung ganz offen und sichtbar zu besuchen, mit den Meermenschen quasi auf gleicher Augenhöhe zusammenzutreffen, ohne ein schützendes U-Boot um einen herum und ohne die Heimlichkeit eines magischen Unterwasserfernrohres. Der Neuseeländer war hellauf begeistert. Julius wußte, daß es in der Nähe von Neuseeland keine Wassermenschen gab. Die hielten sich im tieferen Pazifik auf. So hatte Camille für einen der nächsten Tage schon ein zusätzliches Freizeitangebot parat. Sie erwähnte, daß sie nur in Gruppen bis zu dreißig Personen tauchen würde und dann wohl nicht jeden Tag, sondern nur alle zwei Tage, während das U-Boot ihres Mannes ja im 2-Stunden-Takt durch den See fuhr.

"Was macht ihr heute noch?" Fragte Julius Camille und Jeanne, als ihr Boot wieder auf das Ufer zuhielt.

"Ich habe nachher noch drei Führungen durch die grüne Gasse. Du hast doch nach dem Mittag Betreuung. Möchtest du mir da nicht helfen, die vorgemeldeten Gruppen aus dem englischen Sprachraum zu begleiten oder Jeanne zu helfen?" Fragte Camille im Gegenzug.

"Ich muß ein paar Portschlüssel entgegennehmen", sagte Julius. "Darunter sind zwei aus Kanada. Die wollen womöglich schnell wohin, wo es den Ortszeitanpassungstrank gibt", erwiderte Julius. "Aber ich kann mit Madame Hippolyte Latierre abstimmen, ob ich nach den Willkommensangelegenheiten bei einer von euch mitlaufen kann. Wann sind denn die erwähnten Gruppen vorgemerkt?"

"Vier und sechs Uhr", sagte Jeanne. "Maman macht die um vier und ich die um sechs."

"Ja, aber auch nur, wenn du heute Mittag gut genug ißt und trinkst, Jeanne", mußte nun Hera Matine einwerfen. Dann wandte sie sich an Julius:

"Ich könnte bei Madame Latierre anfragen, ob du Jeanne begleiten darfst. Eine lange Führung strengt doch sehr an, und ich möchte nicht, daß Jeanne sich überanstrengt."

"Hera, irgendwo muß auch mal gut sein", grummelte Jeanne aufsässig. "Ich habe mich vor den beiden Kleinen gut in Form gehalten und mache alle Gymnastik und Ausdauerübungen mit, die du empfiehlst. Ich kann doch wohl einschätzen, wie heftig ich mich anstrengen darf."

"Sobald du die beiden Kinder gesund zur Welt gebracht haben wirst, Jeanne. Erst dann kannst du einschätzen, wie belastend eine Zwillingsschwangerschaft werden kann."

"Als wenn du da mehr Erfahrung hättest als ich", grummelte Jeanne. "Deine drei Kinder hast du einzeln ausgetragen."

"Fangen wir jetzt eine unangenehme Grundsatzdebatte über meine Heileranweisungen an, Junge Dame? Ich würde es besser nicht zu weit treiben. Sonst müßte ich im Namen des doppelten Kindeswohls verbieten, daß du die nicht rein beruflichen Tätigkeiten unverzüglich aufgibst."

"Das hat bei meiner Mutter nicht gewirkt, bei Barbaras Mutter auch nicht und bei Eleonore auch nicht, Hera! Ich kenne die eine Mutterschaft betreffenden Heilerregeln. Solange ich mich auf den Beinen halten kann und genug esse und trinke darf ich alle nicht hochgradig gefährlichen Tätigkeiten ausüben", erwiderte Jeanne.

"Wie erwähnt befinde ich das", stellte Hera Matine klar. Julius hielt sich sehr sorgsam aus dieser Debatte heraus. Erst als sie ihn wieder direkt ansprach und kategorisch festlegte, daß sie mit seiner Ferienarbeitgeberin abklären würde, daß er Jeannes Gruppe begleitete und bei der Übersetzung und dem Zusammenhalt der Truppe sorgen solle, nickte er noch. Als er hörte, daß es sich bei der Gruppe um eine Gruppe aus Hogwarts handelte bekam er gemischte Gefühle. Einerseits war er stolz, seinen früheren Mitschülern die grüne Gasse erklären zu dürfen. Andererseits hatte er das Getue von Jack Bradley und den anderen Muggelstämmigen noch nicht vergessen. Falls welche von denen dabei sein würden mußte er sich sehr gut beherrschen.

Mittags im Apfelhaus erzählte er Millie von seinen Erlebnissen und worum Camille ihn gebeten hatte.

"War klar, daß die Glucke dich sofort an Jeanne dranhängt, damit die nicht vor denen aus England umkippt und dabei die beiden Kleinen verliert", meinte Mildrid. "Jeanne hätte sich mit Tante Trice arrangieren sollen."

"Ja, und sich dann von Hera dumm anglotzen lassen, weil Tante Trice nicht jede Minute um sie herumlaufen kann oder will", sagte Julius. Gloria fragte, ob sie dann nicht auch bei dieser Gruppe aus Hogwarts dabei sein könne oder ob es eben nur Voranmeldungen gebe?

"Da müßtest du dich mit Professor McGonagall unterhalten", erwiderte Julius. "Offiziell bist du ja privat hier und nicht als Hogwarts-Schülerin." Gloria nickte und sagte, sie könne sich die grüne Gasse ja auch als Einzelbesucherin ansehen. Die Schilder mit den Erläuterungen seien ja gut zu verstehen.

Als Julius seine Dienstbekleidung an hatte apparierte er zunächst zum Zeltlager der Malones und der vielen anderen Iren. Dort holte nahm er Anfragen und auch Vorbestellungen für die Fahrten in der "Nautilus" und Besuchen der Schattenhäuser und der grünen Gasse entgegen. Dann begab er sich in ein Lager, wo ein Großteil Schottland-Fans der morgigen Partie gegen Uganda entgegenfieberten. Er mußte feststellen, daß er mit der Aussprache der Schotten mehr Probleme hatte als mit Französisch. Er traf ein Ehepaar. Sie war wohl mitte Dreißig, schlank und hatte rotes Haar und Blaugrüne Augen. Er war breitschultrig, schwarzhaarig und besaß graublaue Augen, die aus dem dichten Vollbart hervorlugten wie zwei Seen aus einer verbrannten Landschaft. Es handelte sich um Ronin und Shana McMillan, wobei die Hexe eine geborene McFusty war. Sie wollten morgen früh um neun eine Führung durch die grüne Gasse mitmachen und fragten, ob die Führung auf Französisch oder Englisch stattfände.

"Normalerweise auf Französisch, weil ja immer unterschiedliche Gruppen unterwegs sind und das hier ja die Landessprache ist", sagte Julius. "Aber wenn klar ist, daß die Gruppenmitglieder alle aus dem englischen Sprachraum kommen kann Madame Dusoleil auch auf Englisch erklären. Ihre älteste Tochter Jeanne kann die Sprache auch."

"Ach, das ist jene, die beim letzten Trimagischen dabei war?" Fragte Shana McMillan. Julius nickte. "Ronin kann kein Französisch, und meins ist so schlecht wie ein Zaubertrank aus einem verrosteten Kessel. Geht irgendwie, aber längst nicht so wie es soll."

"Kannst ja deine Cousine fragen, ob sie uns begleitet, weil ich was scheppern hörte, daß die beiden Dusoleil-Damen nicht jede Führung machen."

"Okay, wenn wir die morgen beim Spiel treffen", sagte Shana. Julius war zwar neugierig, wollte aber nicht fragen, weer gemeint war. Er bot nur an, nachzufragen, wann rein englischsprachige Gruppen geführt wurden und es dann per Eule an die McMillans weiterzuleiten. Er hätte auch gerne gefragt, inwieweit Ronin mit Dustin McMillan verwandt war, mit dem Julius zwei Jahre in Ravenclaw gewohnt hatte. Da segelte ein Steinkauz mit goldenem Beinring zu ihm herunter und ließ einen kleinen, mit Wachs versiegelten Zettel in seine rechte Hand fallen. Sofort nach der Zustellung flog die Posteule weiter.

"Was amtliches?" Fragte Mr. McMillan. Julius nickte und zog sich einige Schritte von den beiden Besuchern zurück. Er löste das Siegel vom zusammengefalteten Zettel und las:

Monsieur Latierre

ich habe die Anfrage von Madame Matine und den Mesdames Dusoleil erhalten und habe befunden, daß Sie Madame Jeanne Dusoleil um sechs Uhr abends bei der Führung einer englischsprachigen Besuchergruppe unterstützen. Ich selbst werde im entsprechenden Zeitraum die drei angekündigten Portschlüssel in Empfang nehmen.

 

Mme. Hippolyte Latierre

 

Julius steckte den Zettel fort. Dann wandte er sich den McMillans zu. Er wollte gerade noch sagen, daß er das noch einmal nachfragen wollte, wann englischsprachige Gruppen geführt wurden, als es leise ploppte, und Ceridwen Barley neben Shana McMillan apparierte. Somit bekam es Julius wortwörtlich vor Augen geführt, welche Cousine Ronin McMillan gemeint hatte. Denn dessen Frau und Mrs. Barley sahen sich fast so ähnlich wie Schwestern.

"Ah, Mr. Latierre", grüßte Mrs. Barley. "Wollte eigentlich nur mit meinen Verwandten abklären, was wir morgen nach dem Spiel machen. Aber Wo Sie gerade da sind: Besteht die Möglichkeit, zwischendurch auch in andere Städte und Siedlungen der französischen Zaubererwelt zu reisen und wiederkommen zu dürfen?"

"Nachdem wir diesen Didier los sind ist Frankreichs Zaubererwelt wieder eine freie Gemeinschaft, Madam. Sie sind nicht in Millemerveilles eingesperrt. Wenn Sie aus eigener Tasche eine Flohnetz-Passage bezahlen können Sie an jeden Ort der Welt reisen, auch nach Hause, wenn Sie den Herd noch angelassen haben sollten", erwiderte Julius.

"Das nicht", erwiderte Ceridwen belustigt über diesen Muggelausspruch. "Aber ich korrespondiere gerade mit einer Madame Champverd, die auf dem Gebiet der Alraunenzucht große Berühmtheit erlangt hat. Außerdem möchte ich die Boutique von Madame Esmeralda besuchen, nachdem ich mich und meine Familie schon mit schönen Textilien von Madame Arachne versorgt habe. Von wo aus können wir das Flohnetz benutzen?"

"Vom Chapeau du Magicien aus", erwiderte Julius freundlich. "Oder Sie benutzen den Anschluß des Postamtes. Ich weiß da im Moment nicht, welcher preisgünstiger ist."

"Solange ich im inländischen Netz reise besteht wohl kein großer Unterschied", erwiderte Mrs. Barley. Ihre Cousine deutete auf die flammenrote Haarpracht der berühmten Zaubertrank- und Zauberkunstexpertin. Diese griff sich in ihr Haar und scheuchte einen kleinen Käfer daraus hervor, der sofort wild brummend das Weite suchte. "Ui, habe ich den schon beim Herapparieren im Haar hängen? Wundere mich, daß der nicht zersplintert ist", sagte Mrs. Barley. Doch Julius hörte einen alarmierenden Unterton heraus. Das mochte aber daran liegen, daß er im Moment jeden Käfer verdächtigte, Rita Kimmkorn zu sein, bis er heraushatte, daß sie vielleicht doch eine Fliege, Biene oder Wespe sein konnte. Doch er sprach den Verdacht nicht aus, nicht mit dem Mund.

"Du siehst aus, als wolltest du diesen Käfer einfangen, Julius", hörte er ihre Gedankenstimme. Daß er Melo konnte wußte sie ja von ihm.

"nennen Sie's paranoid, aber ich denke, es fliegt hier ein Käfer zuviel in Millemerveilles rum", schickte er zurück, wo er die Stimme der umfassend bewanderten Hexe jetzt gut genug kannte.

"Der war mir zu schnell verschwunden. Abgesehen davon fliegen Insekten beim Eintritt in die Disapparition vom Körper weg oder lösen sich im Transit auf, weil sie nicht bewußt mitgenommen werden."

"Hmm, habe ich beim Apparieren nicht gelernt. Aber Danke für die Information", schickte Julius zurück.

"Junger Mann, wenn ich es nicht aus der Zeitung und durch eigenen Augenschein sicher wüßte, daß eine kurzweilige Hexe auf Sie wartet müßte ich Ihnen Unfairness vorwerfen, mit meiner Base zu flirten, wo Ihr Ehemann Sie nicht zum Duell fordern dürfte", scherzte Shana. Erst jetzt fiel Julius auf, daß er und Ceridwen sich bei ihrem kurzen Gedankenaustausch tief in die Augen gesehen hatten.

"Stimmt, meine Frau könnte Ihre Base fordern", erwiderte Julius. "Das wollen wir dann besser nicht", gab Julius schmunzelnd zurück.

"Du vermutest die Kimmkorn, richtig? Antwort nur mentiloquieren!" Erhielt Julius noch eine außersinnliche Botschaft Ceridwens. Er antwortete mit "Volltreffer" und dankte Catherine Brickston einmal mehr, daß sie ihn so streng auf die Mentiloquismusmanieren eingeschworen hatte. Denn jede Geste oder Gesichtsbewegung wäre zu verräterisch. Warum sollte er Ceridwen nicht drauf anpieken, daß Rita Kimmkorn vielleicht eine Animaga war, wenn die ihn auch so zielgenau danach fragte?

"Gut, dann kann ich meinen Töchtern und meinem Schwiegersohn sagen, daß sie problemlos aus Millemerveilles heraus und wieder hineinkommen", sagte Mrs. Barley nun für alle hörbar. Julius bestätigte es.

"Wir wollten mal durch die grüne Gasse, wenn englischsprachige Gruppen geführt werden", sagte Shana. "Und wenn doch nur Plätze bei den französischsprachigen Gruppen frei sind wollte ich dich fragen, ob du uns da begleiten kannst."

"Dann kann ich euch auch gleich eine Einzelführung geben. Allerdings bräuchte ich dafür einen genauen Plan von der grünen Gasse oder ich sehe sie mir selbst an. Hatte ich bisher nicht getan, weil mich andere Sehenswürdigkeiten zu sehr in Anspruch genommen haben", erwiderte Mrs. Barley.

"Ich werde Madame Dusoleil fragen, ob Sie Ihnen eine Einzelführung gibt, damit Sie Ihre Verwandten mit allen nötigen Informationen versorgen dürfen", bot Julius an, weil er das nicht ohne die Hausherrin der grünen Gasse beschließen durfte. Dann winkte er den McMillans und Ceridwen Barley und disapparierte so leise er konnte.

"Wie macht der das, daß der so leise verschwindet?" Fragte Ronin erstaunt.

"Übung und Kenntnis", erwiderte Ceridwen Barley schmunzelnd.

Julius tauchte am Rande des Zeltlagers auf, in dem die Gruppen aus Hogwarts und Beauxbatons untergebracht waren. Dort traf er Madame Faucon, die mit Marie van Bergen und einem der Hogwarts-Schüler eine ernste Unterredung hatte. Sie sah ihn an. Er wandte nur ein, daß er sich nach möglichen Anfragen erkundigen wolle und wurde dann mit einer verneinenden Geste fortgeschickt. Er traf Louis Vignier, der sich mit Glenda Honeydrop unterhielt, einer ehemaligen Jahrgangsstufenkameradin von Julius.

"Gut, daß du gerade da bist, Julius. Mein Englisch gehört ins Klo gespült", knurrte Louis. "Ich versuche Glenda gerade zu erzählen, daß ich selbst Quidditch spiele und wie das letzte Turnier gelaufen ist."

Julius übersetzte es und führte an, daß Louis in der Mannschaft des grünen Saales wichtige Punkte geholt habe. Glenda meinte dann schnippisch:

"Der Kleine soll nicht denken, ich interessiere mich für ihn. Ich suche gerade nichts neues und wenn doch dann eher was über sechzehn."

"Ich habe die nicht blöd angemacht, wenn die das jetzt gemeint hat", beschwerte sich Louis. Ihm war deutlich die Anspannung anzuhören, weil er mit möglichen Standpauken von Madame Faucon rechnen mußte.

"Womöglich ein Mißverständnis. Aber warum haben Sie sie angesprochen, falls Sie kein Interesse an einem Gespräch geäußert hat?" Fragte Julius.

"Weil das Großmaul Charpentier behauptet hat, die wolle unbedingt ein Autogramm von mir. Da wollte ich nur checken, ob das stimmt und wenn nicht mich entschuldigen. Aber die hat dann was über Quidditch gesagt und ich wollte ihr erzählen, daß ich das auch spiele", erwiderte Louis.

"Ms. Honeydrop, Monsieur Vignier wollte Sie nicht beleidigen, sondern nur klären, ob die Angabe eines Mitschülers zutreffe, daß Sie von ihm etwas über seine Quidditcherfolge wissen wollten. Da dem offenbar nicht so ist kann ich ihm gerne sagen, daß er seine Zeit vertan hat", sagte Julius.

"O Mann, die haben dich aber wirklich gut eingespannt", grummelte Glenda. Dann sagte sie noch, daß er dem Jungen sagen dürfe, sein Freund habe sich geirrt. Das tat Julius auch.

"Bestellen Sie Monsieur Charpentier Junior bitte schöne Grüße, daß wenn er Kontakt zu einer ausländischen Besucherin sucht er Mann genug sein soll, diese selbst anzusprechen", gab Julius aus einer unmittelbaren Eingebung heraus an Louis weiter. Dieser blickte verdutzt zurück und nickte dann. Er entschuldigte sich in sehr holprigem Englisch und entfernte sich eilig.

"Wenn ich die Sachen hier anhabe ist jeder Besucher hier von mir förmlich anzusprechen", erklärte Julius Glenda, wobei er kurz über seinen Umhang strich. Sie winkte ihm zu und sagte:

"Steck der netten Kollegin von Professor McGonagall, daß die ihre halben Hosen besser an die Leine nimmt, wenn die meinen, andere Hexen anzublubbern und dann noch zu feige sind, selbst vorzutreten."

"Louis Vignier ist seitdem er für die Mannschaft seines Hauses spielt sehr gefragt. Da wolte ihm wohl ein noch jüngerer Schüler eins auswischen und sehen, ob ihm jedes Mädchen schöne Augen macht. Was richtig ernstes hätte das nie gegeben", sagte Julius.

"McGonagall hat Bradley angefaucht, weil der immer noch meint, du hättest die Muggelstämmigen verraten, zumindest ganz ohne Warnung in Du-weißt-schon-wessen Falle reinrennen lassen. Der will gleich mit einer Gruppe durch die grüne Gasse. Du hast doch Kontakt zu denen von da, sagte Gloria. Gib denen besser weiter, auf den aufzupassen, daß der nicht ohne Ohrenschützer an Alraunen drangeht." Julius verzog das Gesicht und nickte. Er hatte es auf der Zunge, zu sagen, daß er bei dieser Gruppe wohl selbst dabei war. Aber er unterließ es, weil er das erst von Jeanne erwähnen lassen wollte. So ging er weiter im Zeltlager herum und traf auf Pierre Marceau.

"Das ist so fies. Ich sehe Gabrielle und ihre Eltern fast jeden Tag. Aber ich kann nicht allein mit der sein, weil die Faucon das sofort mitkriegt und mich dann wohl ohne weitere Ansage zu meinen Eltern zurückbeamt."

"Das klären wir gerne mal, wenn ich nicht gerade in dieser Dienstkleidung herumlaufe", sagte Julius. Dann setzte er noch drauf: "Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, Monsieur Marceau. Die Kuppel über Millemerveilles läßt keinen Transporterstrahl durch."

"Neh, die schleift mich dann aus der Kuppel raus und pfeffert mich dann mit einem dieser Portschlüssel nach Hause. Die hat klar angesagt, daß die nicht will, daß wir uns mehr als für gesellschaftliche Sachen üblich mit anderen Leuten befassen und sie mitbekäme, wenn wir heimliche Treffen hätten. Solange ich mit den anderen hier bin hätten für mich die gleichen Regeln wie in Beaux zu gelten. Das einzige was ist, sind keine Strafpunkte." Julius nickte und sagte, daß Pierre sicher nach der Weltmeisterschaft noch einmal in die Zaubererwelt kommen könne.

"Meine Eltern sind eh nicht zu Hause. Die sind gerade auf Martinique, so'ner Karibikinsel, die zu Frankreich gehört."

"Na ja, die Weltmeisterschaft ist ja nicht ewig", sagte Julius noch. Dann kam Marc.

"Hallo, Julius. Wenn du Pattie siehst sag ihr bitte, sie möchte mir ihre Eule schicken. Zu sehen kriege ich die ja nur aus zwanzig Metern Entfernung."

"Wenn Sie die junge Mademoiselle Patricia Latierre anschreiben möchten besuchen Sie doch das Postamt, Monsieur Armand", sagte Julius ganz förmlich. Marc grinste. Warum so kompliziert, wenn es doch so einfach ging. Julius nickte und zog dann weiter.

Gegen viertel vor sechs traf er beim südlichen Eingang der grünen Gasse ein. Dort wartete Jeanne, die in einem ähnlichen bequemen Faltstuhl saß, wie er ihn seiner Frau Millie geschenkt hatte.

"Also, die Kleinen und ich dürfen die Führung machen. Maman hat mir gemelot, daß du dabei sein darfst", sagte Jeanne und strich sich über den gerundeten Bauch. Julius erwähnte Glendas Warnung und das er den betreffenden Schüler schon kennengelernt hatte.

"Das ist der, der dir an den Kopf geworfen hat, du hättest seine Eltern und ein ungeborenes Geschwisterchen umkommen lassen?" Fragte Jeanne beklommen. Julius bejahte es. "Hoffentlich geht von denen aus Hogwarts wer mit, der oder die was zu melden hat. Mir ist das auch nicht so recht, ausgerechnet den und vielleicht noch ein paar andere die so ticken wie er an wirklich gefährliche Pflanzen ranzuführen. Vielleicht solltest du das Alraunenhaus und die Springschnapper auslassen."

"Geht leider nicht, weil Maman mit Professeur McGonagall abgestimmt hat, welche Pflanzen die Schüler zu sehen bekommen sollen", grummelte Jeanne. Julius nickte. Also hatte Professor McGonagall die ausgesucht, die in Kräuterkunde wohl noch was nachzuholen hatten. Ob das was brachte wußte er nicht und mußte es auch nicht klären.

"Hera hat dir gesagt, daß du das komplett durchziehen kannst?" Fragte Julius.

"Hat sie, Julius. Ich soll nur nicht zu schnell laufen", erwiderte Jeanne.

"Okay, dann machen wir's so, daß du führst und ich nach hinten sichere", schlug Julius vor. Jeanne war damit einverstanden.

Um zwei Minuten vor sechs trafen die angemeldeten Besucher ein. Jeanne ließ ihren Sessel der glücklichen Mutter von alleine zusammenfalten und verstaute ihn in ihrer Handtasche. Die Jungen kicherten albern, als sie die gerundete Jeanne Dusoleil sahen. Die Mädchen bekamen selige Gesichter. Julius sah, daß Madam Pomfrey die Gruppe begleitete und atmete innerlich auf.

Jeanne begrüßte um sechs Uhr drei Dutzend Hogwarts-Schülerinnen und Schüler. Persönlich kannte sie keinen einzigen, weil es sich um ausschließlich zwölf- bis vierzehnjährige Jungen und Mädchen handelte. Dann erwähnte sie, wann die grüne Gasse angelegt worden war und daß hier sehr viele Zauberpflanzen aus verschiedenen Klimazonen vorhanden waren. Dann erwähnte sie, daß Julius sie begleiten würde und er sich hier gut genug auskenne, um jede Frage zu beantworten, die man ihr nicht selbst stellen wollte. Dann ging die Führung los. Julius sortierte sich gleich hinten ein. Er sah drei der Muggelstämmigen, die ihn bei ihrer Ankunft so schräg angesehen hatten und Jack Bradley, der sehr verkniffen dreinschaute, als wolle er mit der Welt nichts mehr zu schaffen haben und nur noch im stillen Kämmerlein hocken. Madam Pomfrey folgte ihm wie ein weißer Schatten aus Fleisch und Blut.

Die Führung ging an den Beeten und Gehegen für Pflanzen aus dieser Gegend vorbei. Dann kamen die Gewächshäuser. Das Haus mit den Alraunen war im Moment nicht betretbar. Das Schild mit dem durchgestrichenen Ohr warnte davor, daß gerade freie Alraunen im Haus waren. Julius sah zwei Zauberer mit Ohrenschützern, die gerade zwei sehr große Exemplare dieser Zauberpflanzen umtopften. Jack meinte dazu:

"Wenn das da die echten Alraunen sind, wie heißen dann die Pflanzen, die bei den Muggeln als Alraunen durchgehen, ey?"

"Monsieur Latierre", gab Jeanne die Frage weiter.

"Die von der Botanik und Heilpflanzenkunde der Muggel anerkannten Alraunen heißen in der Zaubererwelt Mandragoroide, also alraunenförmige Pflanzen. Sie enthalten ebenfalls wichtige Heilsubstanzen, die in Tränken verwendet werden können, ey." Die Schüler aus der Gruppe lachten verhalten. Madam Pomfrey stupste Julius leicht ungehalten den linken zeigefinger in die Seite, sagte jedoch nichts dazu.

"Ich glaube nicht, daß die einen umbringen, weil die schreien. Pflanzen können nicht schreien", erwiderte Jack.

"Weil du Dummschwätzer noch keine in echt gesehen hast", feixte einer der anderen Schüler. Julius mentiloquierte: "Jeanne, da gehen wir besser nicht rein. Der läßt glatt die Ohrenschützer weg." Jeanne sagte hörbar:

"Nun, so wie es aussieht werden die Gärtner dort drinnen noch einiges an Zeit brauchen, um die ausgegrabenen Alraunen zu bearbeiten. Wir gehen dann mal weiter." Jack Bradley wurde fast von allen Mitschülern überholt, bis Julius ihn fragte, ob er wieder zum Zeltplatz wolle. Jack funkelte ihn verärgert an und lief dann los, um mit den anderen schrittzuhalten.

Julius' innerer Alarm ging an, als sie am Springschnapperbeet vorbeikamen. Jeanne postierte sich weit genug von der weißen Bannlinie entfernt und machte Handzeichen, daß die Gruppe denselben Abstand einhalten möge. Sie deutete auf ein Schild, auf dem in Französisch und drei weiteren Sprachen vor dem Betreten des Beetes gewarnt wurde. Die Warnung war in blutroter Schrift gehalten und am Ende neben einem Ausrufezeichen noch mit einem zum Beet hin blickenden Totenschädel verziert. Jeanne erläuterte nun die Besonderheiten dieser gefährlichen Pflanzen und holte zur Vorführung einen kleinen Käfig mit Fledermäusen aus dem Nichts. Die Fledertiere stießen hohe Schreie aus. Sicher hörten die Besucher nur die untersten Töne davon. Jeanne öffnete den Käfig knapp vor dem Beet und entließ drei Fledermäuse, die zunächst einmal über das Beet flüchten wollten. Doch genau da lauerten die Springschnapper. Blitzartig schnellten die äußerst beweglichen Fangstrünke der unterirdisch siedelnden Pflanzenart aus dem Erdreich. Wie mit einem gleichzeitig ausgeführten Peitschenschlag fegten sie die Fledermäuse aus ihrer Flugbahn und schnürten sie ein. Dann zogen sich die Fangapparate ebenso rasch in den Boden zurück, wie sie daraus hervorgeschossen waren. Alle Schüler sprangen vor Schreck zurück, weil ihnen durch den Kopf ging, daß die Fangstrünke vielleicht auch über den Beetrand hinauspeitschen und einen von ihnen packen konnten. Julius überflog die Gruppe und erkannte, daß Jack Bradley entschlossen auf das Beet blickte, in dem es gerade sehr unheilvoll knackte und schlürfte. Die Pflanzen zerlegten die gefangenen Fledermäuse.

"Um die für die Zaubertrankbraukunst wichtigen Bestandteile der Springschnapper anreichern zu können müssen wir sie immer in einem gewissen Maß hungrig halten, da ihre Fangapparate nur dann mit dem Wirkstoff erfüllt sind, der sie so schnell und beweglich macht. Wenn wir Springschnapper ernten wollen geht das nur ... O non!!"

Alle erschraken. Jeannes Gesicht verlor seine Farbe. Sie taumelte. Julius sah wie alle anderen, wie Jack Bradley losrannte, um in das Beet hineinzulaufen. Innerhalb eines Sekundenbruchteils zog Julius eine Galleone aus seinem Umhang und warf diese an Jacks Ohr vorbei, als dieser gerade in die Gefahrenzone eindrang. Schon peitschten ihm fünf Fangstrünke zugleich entgegen, da schlug das Goldstück in das Erdreich ein. Jack wurde noch von den Fangapparaten der Pflanzen sehr hart auf das Beet gezerrt. Doch da lösten sich die Fangapparate der Pflanzen und waren so schnell wieder unter der Erde, daß sie dabei eine Staubwolke aufwirbelten. Der Boden unter dem gerade hinschlagenden und vom Restschwung in die Beetmitte rutschenden Jungen bebte noch einmal. Dann war Ruhe. Julius sah schnell zu Jeanne. Doch um die kümmerte sich bereits Madam Pomfrey. Sie keuchte und konnte sich nur mühevoll auf den Beinen halten. Julius wetzte los. Alle standen noch wie bewegungsgebannt da. Er lief in das Beet hinein und packte Jack Bradley bei den Armen. Mit einer von ihm selten zu erlebenden Grobheit riß er den Hogwarts-Schüler in die Senkrechte. Dieser fühlte, wie er wieder auf die Beine kam und sofort danach den Boden unter den Füßen verlor. Er trat um sich. Doch Julius zog sein Bein rechtzeitig genug fort. Der Tritt ging ins leere. Mit einer ebenso selten bei ihm zu sehenden Wut wirbelte er mit dem nun fest umklammerten Jack herum, so daß er die mit Zwillingen schwangere Jeanne Dusoleil ansehen mußte.

"Wenn die wegen dir ihre Kinder verliert hast du eine Hölle voll Ärger am hals, Jack Bradley", zischte Julius dem Jungen ins Ohr. "Sieh sie dir an! Wenn Madam Pomfrey nicht bei euch gewesen wäre wäre sie sicher gestürzt."

"Ey, Arschloch, nimmdeine scheiß Pranken von mir", schnaubte Jack Bradley. Jeanne keuchte noch immer. Julius deutete auf Jeannes Handtasche und sagte zu Madam Pomfrey: "Sie hat einen Erholungssessel eingepackt." Die Heilerin und Jeanne nickten. Jeanne atmete nun wieder kontrolliert ein und wieder aus. Sie wankte zwar, aber sie stürzte nicht. Das Körpertraining und die sicher ausgiebig durchgezogene Schwangerschaftsgymnastik halfen ihr, sich auf den Beinen zu halten. Jeanne holte, von Madam Pomfrey gestützt, den zusammengefalteten Sessel aus ihrer Handtasche und machte ihn bereit. Dann setzte sie sich hin und konzentrierte sich auf ihre Atmung.

"Junger Mann, ich fürchte, für Sie ist der Ausflug vorbei", sagte Madam Pomfrey die ersten Worte, die sie in der grünen Gasse sprach. "Ich habe befürchtet, daß du dich zu einer Dummheit hinreißen lassen könntest. Aber daß du dabei unschuldiges Leben mitgefährdest ist der Funke, der den Kessel bersten läßt. Monsieur Latierre, übergeben Sie ihn mir bitte!"

"Schweinepriester!" Fluchte Jack.

"Gleichfalls", knurrte Julius und trug den immer noch um sich tretenden Jungen zu Madam Pomfrey. "Sieh dir diese Frau an. Wenn die deshalb ihre Babys verliert hast du und sonst niemand hier ungeborene Kinder auf dem Gewissen. Und das Gewissen hättest du mitgenommen, wenn ich die Springschnapper nicht mit der Galleone zurückgetrieben hätte. Kannst froh sein, daß ich dir gut genug zugesehen habe."

"Fahr zur Hölle!!" Fluchte Jack Bradley.

"Oh, du glaubst an die Hölle? Toll, da hätte dich der Teufel dann auf das Karusell für Kindermörder gesetzt. Da hättest du bei jeder Umdrehung alle Kinder sehen müssen und schreien hören, die du umgebracht hast. Das hättest du keine Stunde durchgehalten, geschweige denn eine ganze Ewigkeit", knurrte Julius und erreichte Madam Pomfrey.

"Okay, Julius, das ist genug", sagte die Heilerin mit einer strengen, aber auch besänftigend klingenden Stimme. Dann wies sie ihn an, Jack auf seine Füße kommen zu lassen. Julius gehorchte unverzüglich. Er trat so schnell von Jack zurück, daß Jacks Faustschlag ins Leere ging und ihn selbst nach vorne und von den Beinen riß. madam Pomfrey nickte und hielt ihren Zauberstab in der Hand. "Maneto! Mobillicorpus!" Mit diesen beiden Zaubersprüchen blockierte sie zunächst Jacks Bewegungsfreiheit und hob ihn dann wie an unsichtbaren Stricken in die Senkrechte.

"Von wo kann man ungehindert apparieren?" Fragte die Schulheilerin von Hogwarts.

"Außerhalb der Begrenzungshecke", sagte Jeanne immer noch angestrengt.

"Gut, ich bringe den Herrn Selbstmordkandidaten zunächst in unser Zeltlager. Die anderen bleiben bitte zusammen. Oder wollte heute noch jemand den letzten Tag auf Erden erleben?!" Sie blickte die Schüler genau an. Julius konnte sich vorstellen, daß sie jeden einzelnen legilimentierte. Kein anderer Schüler hatte noch Lust, sich als Springschnapperfutter anzubieten. So dirigierte sie Jack Bradley mit Zauberkraft in der Schwebe haltend hinter sich her.

"Okay, Leute, das war nicht gerade das, was wir hier biten wollten. Die Springschnapper kriegen nur Tiere und vielleicht den ein oder anderen Gnom zu fressen, aber keine ausländischen Zauberschüler", sagte Julius, bevor er zu Jeanne ging. "Geht's euch dreien gut?"

"In dem Sessel geht's uns gut. Kannst du mal den Uterocalmus-Zauber machen, Julius?"

"Kann und werde ich", sagte Julius und zog seinen Zauberstab, wobei er die Schülergruppe bis zu dem Punkt im Auge behielt, bis er die Stabspitze knapp unter Jeannes Bauchnabel ansetzte und "Sedato Fetos! Calmato Uterum!" Murmelte. Er fühlte, wie ein Wärmestrom durch seine Hand ging. Er fühlte förmlich Jeannes Pulsschlag in seinem Arm und ein leichtes Beben. Dann ebbte es ab. Die Wärme und der gleichmäßige Puls blieben, bis Jeanne ihre Gesichtsfarbe zurückhatte und ganz ruhig weiteratmete. Dann nahm Julius seinen Zauberstab weg.

"Sah aus, als wollten Sie Ihren Zauberstab bei ihr unten reinschieben", feixte ein wohl gerade vierzehn Jahre alter Junge. Die drei Jungen, die wie Jack ein merkwürdiges Verhältnis zu Julius hatten schlugen die Augen nieder.

"Zum einen, junger Mann, ist Madame Dusoleil bekleidet geblieben. Zum zweiten hat sie es gerade nicht nötig, daß ihr irgendwer was in ihren Leib shiebt. Zum dritten würde ich für das, woran Sie unüberhörbar gedacht haben ganz sicher was anderes benutzen und dann nicht gerade bei einer werdenden Mutter, der ein voll durch jeden Wind gedrehter Bengel gerade einen Mordsschrecken versetzt hat", erwiderte Julius. Einige Jungen lachten, während die Mädchen verschämt die Augen niederschlugen. Doch eine überwandt das schnell und fragte, ob Julius schon Heilerzauber könne. Julius zeigte sein Pflegehelferarmband. "Ich habe ein paar sehr wichtige Erstehilfezauber von einer Heilerin gelernt, die gleichzeitig Hebamme ist. Der war das sehr wichtig, daß ich auch werdenden Müttern helfen kann. Der Zauber beruhigt die inneren Geschlechtsorgane und die im Mutterleib ruhenden Kinder, damit sie nicht in wilder Panik um sich schlagen und damit ihre Mutter verletzen. Nur für den Fall, daß bei Ihnen wer ist, der oder die demnächst schon auf Nachwuchs ausgeht."

"Was ist denn eine Hebamme?" Fragte einer der drei, die zu Jacks kleiner Gruppe gehörten. Eines der Mädchen kicherte albern. Einer der anderen Jungen sagte:

"Das ist die,die deiner Mutter geholfen hat, aus der rauszukommen, ey."

"Mich hat'n Doktor im Krankenhaus aus meiner Alten rausgedreht, ey", erwiderte der Junge. Jeanne tätschelte erst ihren runden Bauch und dann Julius' Wange. "Ist gut jetzt, die Herrschaften. Mir geht es wieder soweit, daß ich zumindest erklären kann, was hier gerade passiert ist", sagte sie mit wiedererstarkter Stimme. Dann beschrieb sie den Fangreflex der Springschnapper und daß ein reines Metallstück direkt ins Erdreich gelegt den Fangreflex abbrechen und die Pflanzen so tief sie konnten in das Erdreich zurücktrieb. "Ich wollte das gerade sagen, als Ihr Mitschüler meinte, er sei eine Fledermaus, daß man Springschnapper ernten kann, wenn ein Stück reines Metall im Erdreich steckt. Denn dann und nur dann ist ihr Fangreflex blockiert, wie groß auch ihr Hunger gerade ist." Julius wollte schon ansetzen, Jeanne zu maßregeln, sie möge sich noch ausruhen. Doch ihr Blick würgte ihm das genauso heftig ab, wie er den Schnappern den großen Fang vereitelt hatte. So streng hatte er Jeanne noch nicht gucken sehen.

"Ähm, und wenn die Galleone nicht mehr im Beet liegt?" Fragte eines der Mädchen.

"Dann schnappen die Schnapper wieder nach allem, was nicht höher als ihre längsten Fangstrünke über ihrem Beet herumkreuzt", sagte Julius.

"Grab mal einen aus und zeig ihn den anderen, damit sie wissen wie eine ganze Pflanze aussieht!" Hielt Jeanne ihn an. Julius sagte nur was wie "Du bist die Chefin im Ring." Er trat an das Beet heran und hielt den Zauberstab an eine Stelle, wo er die Galleone nicht bewegen würde. "Vivideo!" Rief er und erzeugte damit ein grünliches Flimmern aus seinem Zauberstab. Er führte ihn, bis eine schneckenhausartige Leuchterscheinung mit Auswüchsen dunkelgrün und gleichförmig in der Zauberstabausrichtung leuchtete. "Finis Incantato!" Dachte er nur und rief dann "Effodio Pflanze!" Der Erdboden wurde wie von mehreren schnell hineinstoßenden Schaufeln aufgewühlt. Ein Loch entstand, und gab ein ruhig daliegendes Etwas frei. Er hatte einen Springschnapper ausgegraben. Die anderen sahen die wie zu einer ganz flachen Schnecke zusammengedrückte Pflanze in ihrer Erdmulde liegen. "Gut, Julius, und jetzt nimm die Galleone aus dem Beet!" Forderte Jeanne ihn auf. Julius holte die Galleone mit einem ungesagten Aufrufezauber zu sich, nachdem er weit genug von der magischen Umfriedung zurückgetreten war. Sofort geriet die freigelegte Pflanze in wilde Bewegung. Alle sahen, wie sie sich aufblähte, wie zu einem eingerollten Igel mit blitzschnell wachsenden Stacheln wurde, die sich zu dornigen Ranken veränderten. Doch die Organe der Pflanze peitschten nicht nach oben oder zur Seite, sondern wühlten sich in die von Julius aufgeworfene Erde, zogen diese an sich und bedeckten den Hauptkörper der Pflanze so schnell, daß sie innerhalb von dreißig Sekunden wieder vollkommen unter Erde verschwand. Noch einmal schien eine Welle durch das Beet zu laufen. Dann lag es unschuldig glatt und harmlos tuend vor ihnen.

"Und wenn jetzt wieder wer da reinläuft?" Unkte eines der Mädchen.

"Wird er glatt gefressen", erwiderte Julius sehr rüde. Doch das kam so an, wie er es wollte. Er wandte sich an Jeanne und fragte, ob es keinen anderen Schutz vor der Pflanze außer der Bewegungsbegrenzung gebe. Jeanne sah ihn tadelnd an und sagte vor allem: "Das sagst du dir und den anderen hier gefälligst selbst. Du warst oft genug mit meiner Mutter und mir hier drin." Die anderen lachten spontan los. Julius grinste und wandte sich dann den nun sehr aufmerksamen Schülerinnen und Schülern zu.

"Also, es gebe eine Möglichkeit, sicherzustellen, daß nur Leute ab einem bestimmten Alter ganz an das Beet herangehen können. Dann ist aber der Bewegungsbegrenzungszauber, der die Pflanzen davon abhält, zur Seite auszuschlagen, nicht mehr möglich. Deshalb hängt da das Schild. Auf dem Schild steht ganz deutlich drauf, daß niemand über die weiße Bannlinie treten darf, weil das tödlich ist. Und für alle, die die Sprachen auf dem Schild nicht können zeigt das der Totenschädel doch überdeutlich, daß in Richtung Beet der Sensenmann lauert."

"Der was?" Fragte eines der Mädchen.

"So malen die Muggel den Tod als Person", sagte der zweite aus Jacks Gruppe. Julius konnte dazu nur "Genau" sagen.

"Ähm, das mit der Galleone, klappt das immer, um die Pflanzen unten zu halten?" Fragte eine blondhaarige Schülerin, die wohl gerade vierzehn Jahre alt war.

"Nur wenn sie in der Mitte eines Kreises von zehn Metern Durchmesser wachsen, deren Zentrum die Galleone bildet. Eine Sickel blockiert die Schnapper im Umkreis von fünf Metern. Ein Knut hält die Pflanzen in einem Meter Umkreis unter der Erde. Das Beet ist zwölf mal zehn Meter groß. Die Galleone ist genau so gelandet, daß ich gerade noch euren tollen Typen Jack Bradley aus dem Beet zurückziehen konnte, ohne mit ihm zusammen gefressen zu werden", antwortete Julius, nun auf die förmliche Anrede verzichtend.

"In Hogwarts haben wir die nicht. Sprout sagt, die seien in dem Gewächshaus nicht unterzukriegen, ohne jeden zu gefährden", sagte das blonde Mädchen. Julius fragte sie: "Wie heißen Sie, Miss?"

"Mary Carfax, Hufflepuff", sagte die junge Hexe und lächelte Julius an. Er vermutete, daß sie ebenfalls eine Muggelstämmige war.

Camille Dusoleil eilte über den Weg zum Beet. Dicht hinter ihr folgte Heilerin Matine.

"Okay, Jeanne, ich übernehme ab hier. Du gehst bitte nach Hause", sagte Camille.

"Wir warten nur auf Madam Pomfrey, ob sie noch was erklären oder bekanntgeben will", sagte Jeanne leicht ungehalten, weil ihre Mutter sie ablösen wollte. "Ich habe dir doch mitgeteilt, daß Julius den UC-Zauber gemacht hat."

"Was deine Kinder gerettet hat, aber deinen Kreislauf und deine Tagesausdauer nicht besser gemacht hat", sagte Hera Matine. Dann winkte Sie Jeanne zu. Diese erhob sich aus dem Sessel und ließ diesen wieder zu einem zusammengefalteten Ding wie ein Briefumschlag werden. Sie nickte allen zu und sagte: "Ich hoffe, Sie hatten trotz des gewaltigen Schreckens doch einen interessanten und vergnüglichen Nachmittag. Vielleicht sehen wir uns später noch einmal wieder, aber dann bitte nur, um die Pflanzen anzusehen und nicht, um von ihnen verspeist zu werden. Danke für Ihre und eure Aufmerksamkeit!" Jeanne bedachte ihre Mutter mit einem mißbilligenden Blick, den diese jedoch gut vertrug. Jeanne folgte Hera Matine unter Beifall.

"So, ich hoffe mal, von euch möchte sonst niemand meine Freude und meine Arbeit verderben und sich von meinen Plants essen lassen", begann Madame Dusoleil und erntete allgemeines Kopfschütteln. Dann sagte sie: "Professeur McGonagall 'at bereits ge'ört, was passiert ist. Sie 'at darum gebeten, die Führung wie angemeldet ßü end' ßü bringen. Isch bin Camille Dusoleil, die Leiterin der grünen Gasse. Isch ge' davon aus, daß Monsieur Latierre 'ier alles über diese Plants erßählt 'at?" Alle nickten. Dann winkte sie den Schülern, mit ihr und Julius weiterzukommen. Julius hielt sich diesmal in der Mitte. So konnte er nach vorne mit der Führerin Kontakt halten und gut die Nachhut der Gruppe überblicken.

Am Ende der Führung durften sie dann noch in das Alraunenhaus, nachdem sie vom Trank gegen den Rauschnebel getrunken hatten. Im Gewächshaus setzten alle Ohrenschützer auf und sahen Camille und Julius zu, wie sie einige Alraunen aus den Töpfen holten. Julius hoffte, daß niemand meinte, die Ohrenschützer abnehmen zu müssen. Doch nach Jacks Einlage am Springschnapperbeet war wohl allen die Lust auf solche Aktionen vergangen. Nach dem Rundgang bedankte sich Madame Dusoleil bei allen und erwähnte auch, daß es ausführliche Bücher über die hier gezeigten Pflanzen gebe, auch auf Englisch.

"Den kleinen Hexengarten haben sie auch hier?" Fragte Mary Carfax.

"Naturellement", erwiderte Camille Dusoleil.

Als alle Teilnehmer des etwas anders verlaufenen Rundgangs die grüne Gasse verlassen hatten nahm Camille Julius an die Hand. Ohne Vorwarnung apparierte sie mit ihm in ihrem eigenen Haus. Millie saß bereits am Eßtisch.

"Gut, daß Chloé schon abgestillt ist", grummelte Camille. "So konnte ich sie hierlassen."

"Ich hätte den Typen sicher nicht so schnell da rausholen können, wenn mich eine seiner Mitschülerinnen nicht gewarnt hätte, daß ausgerechnet der was anstellt. Denn so schnell reagiere ich wohl sonst auch nicht."

 

"Hauptsache den Kindern von Jeanne ist nichts passiert und die andren haben außer einem großen Schrecken nichts abbekommen", sagte Camille.

"War das der Typ, der dich so blöd angequatscht hat, du hättest seine Familie umbringen lassen?" Fragte Millie.

"Eben der war's, Millie", sagte Julius. "Ich fürchte, der hat einen ziemlich großen Schaden abbekommen. Der wollte sich echt umbringen."

"Dann hätte der sich aus hundert Meter vom Besen fallen lassen sollen", knurrte Millie. Camille räusperte sich sehr ungehalten. Doch Millie blieb unerschüttert. "Nix für ungut, Tante Camille, aber für Zauberer gibt's doch echt genug Wege, sich selbst umzubringen."

"Ja, aber ganz sicher nicht in meiner grünen Gasse und wenn meine schwangere Tochter dem zusehen muß, Mildrid", entgegnete Camille. Dann sah sie nach Denise und Chloé, die mit dem kleinen Philemon zusammen von Uranie beaufsichtigt wurden. Als sie zurückkehrte bat sie Julius darum, die ganze Geschichte von Anfang an zu erzählen. Das tat er mit dem gewissen Unbehagen, daß wie ein Echo des Schreckens in ihm verblieben war.

"War schon richtig, daß Hera Hippolyte dazu gebracht hat, dich mit Jeanne zusammen die Führung machen zu lassen", sagte Camille.

Es dauerte noch einige Minuten, da traf Hera Matine ein. Sie berichtete, daß Jeanne und ihre ungeborenen wohlaufseien und Jeanne für den Rest des Abends im Haus bleiben würde. Dann ploppte es laut im Kamin im Wohnzimmer nebenan. Professor McGonagalls Stimme fragte in astreinem Französisch:

"Madame und Monsieur Dusoleil, sind Sie zu Hause?" Camille ging nach nebenan und begrüßte die Hogwarts-Lehrerin, die wohl nur kontaktfeuerte. Alle im Esszimmer hörten mit, daß Professor McGonagall sich für den Vorfall entschuldigte und ihre Hoffnung bekundete, daß es Jeanne und ihren ungeborenen gut gehe. Dann fragte sie, ob sie Julius eine Nachricht weitergeben könne. Statt einer Antwort bat Camille Julius nach nebenan. Dort sah er den Kopf seiner früheren Verwandlungslehrerin zwischen den Flammen im Kamin. "Oh, sie sind bei den Dusoleils", sagte sie nun auf Englisch. "Gut, dann möchte ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen, daß alle die Schüler, die bis zu diesem Vorfall eine unverständliche Abneigung gegen Sie offenbarten erkannt haben, wie unsinnig diese Auffassung war, weil jemand, der einem unbekannten Jungen in ein Springschnapperbeet nachspringt wohl kein Feigling sei und es in unserer Abordnung genug Personen gibt, die bezeugen konnten, daß Sie und Ihre Mitschüler aus Beauxbatons nach der Ablösung von Dolores Umbridge genug Warnungen nach Hogwarts geschickt haben. Für Schüler, die zu dem Zeitpunkt noch nicht im Einschulungsalter waren erschien derartiges wohl wie eine Ausrede. Aber Ms. Porter und Ms. Watermelon waren da und konnten verbindlich bekunden, daß Sie immer alles Ihnen mögliche getan haben, um Ihre ehemaligen Mitschüler und alle Ihnen unbekannten muggelstämmigen Schüler von Hogwarts vor dem Zugriff der Todesser zu bewahren. Zumindest werden die besagten Schüler Ihnen gegenüber keine Abneigung mehr bekunden. Ob sie völlig davon kuriert sind vermag Madam Pomfrey nicht zu sagen, zumal ich sie in ihrer Eigenschaft als Schulheilerin damit beauftragen mußte, Mr. Bradley zu einer tiefergehenden Untersuchung nach England zurückzubringen. Sollte er wirklich lebensmüde sein, so bleibt womöglich nur eine sehr rigorose Therapie, um ihm zu einem störungsfreien Leben zurückzuverhelfen." Julius nickte. Er hatte ja schon von dieser Therapie gehört. Doch vielleicht war sie bei Jack Bradley noch nicht nötig.

"Ich vermute, Wir sehen uns morgen beim Spiel Schottland gegen Uganda", sagte die Hogwarts-Schulleiterin noch.

"Da habe ich Portschlüsseldienst, Professor McGonagall. Schade eigentlich, weil ich mir die Schotten gerne mal angesehen hätte, wo sie nur ein Spiel spielen. Dann eben bei der nächsten Weltmeisterschaft", erlaubte sich Julius eine Frechheit.

"Lümmel!" Schnarrte professor McGonagall. Dann stieß sie noch aus: "Womöglich werden Sie diese Mannschaft im Endspiel bewundern dürfen. Für dieses hat Ihre Frau Schwiegermutter sicherlich schon Karten für ihre ganze Familie zurückgelegt." Dann verabschiedete sie sich von Madame Dusoleil und gab ihr ihre besten Wünsche für ihre älteste Tochter mit. Dann verschwand ihr Kopf aus dem Kamin.

"Habt ihr zwei für das Spiel heute abend auch Karten?" Fragte Camille. Millie und Julius schüttelten die Köpfe. So schlug Camille vor, die Gäste des Apfelhauses dazuzubitten und mit ihnen gemeinsam zu Abend zu essen. Brittany und Gloria, die Julius anmentiloquieren konnte, erklärten sich einverstanden, zumal Gloria bei der Gelegenheit das Zielapparieren üben konnte. Während des Abendessens sprachen sie über den beinahe katastrophalen Ausgang einer harmlosen Führung. Brittany schlug vor, das Springschnapperbeet von einer hauchdünnen, unzerbrechlichen Glaswand einfrieden zu lassen, durch die nur berechtigte Leute mit Metall unter den Schuhsohlen hndurchgehen konnten. Die Springschnapper im Zaubergarten von Viento del Sol seien durch zwei hauchdünne Glastüren vom Publikum getrennt. Camille überdachte es. Bis heute hatte sie darauf vertraut, das keiner sich freiwillig ins Beet werfen mochte. Auch fiel ihr jetzt auf, daß man so nicht nur sich, sondern auch jemand anderen töten konnte, wenn die Einfriedung nur nach innen wirkte und nicht nach außen.

Gegen eins - Camille hatte alle inklusive Jeanne zu einem entspannenden Hauskonzert eingeladen - kehrten die eingetragenen und derzeitigen Bewohner des Apfelhauses per Apparition zum Haus der Latierres zurück.

 

__________

 

Julius dachte erst, daß der Zwischenfall in der grünen Gasse nicht in die Zeitungen gelangt war. Doch Brittany und Gloria bekamen ja erst die Zeitungen vom Vortag, wobei Brittany die Stimme des Westwindes bezog, die sich noch mit den Ausschreitungen nach dem Spiel Südafrika / Tirol befaßte. Womöglich würde die Ausgabe vom Samstag was bringen, falls Linda Knowles ihre Zauberohren nicht nur in den fünf Stadien von Millemerveilles gehabt hatte. Womöglich würde Professor McGonagall ein Interview geben müssen, weil sie irgendwie begründen mußte, warum sie mit einem Schüler weniger nach England zurückreisen würde. Denn wie das mit Jack auch immer geregelt wurde, der würde so schnell nicht mehr nach Hogwarts zurückkehren, wenn überhaupt. Er las in Gilberts Temps de Liberté, daß Schottland an diesem Samstag als dritte britische Mannschaft in die nächste Runde kommen wolle, bevor Wales am Sonntag das Quartett vervollständigen könnte. Doch Uganda sei nicht zu unterschätzen, weil die afrikanische Mannschaft zwei starke Sucher und sechs bestmöglich aufeinander abgestimmte Jäger im Aufgebot habe. Gilbert erwähnte sogar, daß die Schotten sechs Seelkies mitgebracht hatten, die an einem geheimen Ort in Millemerveilles wohnen durften, solange Schottland im Turnier sei. Julius kannte Geschichten von diesen Wesen bereits aus seinem Leben vor Hogwarts. Deshalb dachte er wehmütig daran, daß er diese Zauberwesen nicht zu sehen bekommen mochte, falls Schottland vorzeitig aus dem Turnier ausschied.

"Hat deine Mutter jetzt alle ZAGs durch?" Mentiloquierte Gloria Julius an. Dieser schickte zurück, daß sie wohl gestern ihren letzten Prüfungstag erlebt habe. Mehr wisse er nicht.

Gegen neun Uhr brachen die Brocklehursts, Pina und Gloria per Flohpulver nach Paris auf, um sich dort in der Rue de Camouflage umzusehen und dann eine Tagestour durch die Stadt der Muggel zu machen. Hierfür trugen sie Kleidung, die in der Muggelwelt nicht auffallen mochte. Brittany hatte sogar Jeans angezogen.

Julius apparierte innerhalb der Begrenzungsglocke und durchquerte die magische Abdeckung Millemerveilles auf seinem Ganymed 10. Die folgenden zwei Stunden brachte er dann mit der Begrüßung von Besuchern aus dem englischen Sprachraum zu. Vor allem Australier und Neuseeländer trafen noch ein. Australien spielte ja morgen um neun Uhr im Südstadion. Hierfür hatte Julius bereits eine Karte für die Ehrenloge, wo auch Aurora Dawn platznehmen durfte. Wieder waren Linda Knowles und Rita Kimmkorn bei der Begrüßung der Besucher in der Nähe. Julius war darauf gefaßt, daß die beiden Reporterhexen ihn wegen des Zwischenfalls vom Vortag befragen mochten. Doch weil bei den Ankömmlingen zu viele wichtige Hexen und Zauberer waren, hatte Julius erst einmal Ruhe. Das änderte sich erst, als er schon zum Mittagessen in sein Haus fliegen wollte. Rita Kimmkorn winkte ihn mit ihren viel zu langen, rotlackierten Fingernägeln zu. Er straffte sich und ging zu ihr hinüber.

"Ich erfuhr von Professor McGonagall, daß einer ihrer Schüler, Mr. Bradley, vorzeitig die Heimreise antreten mußte, weil er sich in der grünen Gasse von Millemerveilles mit ganz gefährlichen Zauberpflanzen angelegt hat. Da waren Sie doch auch bei, um zu übersetzen, hörte ich."

"Hat Professor McGonagall Ihnen erlaubt, darüber zu schreiben, was passiert ist?" Fragte Julius ganz ruhig.

"Nun, sie kann es mir in diesem Fall nicht verbieten, weil es um Sachen geht, die jeden angehen, vor allem die Eltern des Jungen."

"Will die mich jetzt verarschen?" Fragte sich Julius in Gedanken. "Die weiß doch sicher, daß Jacks Eltern beide tot sind." Laut sagte er: "Offenbar müssen Sie erst einmal recherchieren, wer der Junge ist, bevor Sie fragen können, was genau passiert ist."

"Das wollte ich ja. Aber Professor McGonagall erlaubte es mir ja nicht. Kennen Sie den Jungen gut genug?"

"Er ist in Hogwarts eingeschult worden, als ich schon längst in Beauxbatons war. Daher kann ich diese Frage nur mit einem klaren Nein beantworten", erwiderte Julius. Er dachte, daß Rita Kimmkorn leiden mochte, weil sie zu wenig Informationen hatte. Doch mit dem nächsten Satz belehrte sie ihn eines besseren:

"Aber er hat Sie doch sicher wegen seiner Zeit in Askaban und daß Sie dort nicht gelandet sind angesprochen. Es gibt viele Muggelstämmige, die es denen neiden, die von Ihrer Frau Mutter und Tim Abrahams außer Landes geschmuggelt wurden, weil sie kein Telofon hatten und auch nicht dieses Computerding hatten, um Kontakt mit der Fluchthelfertruppe aufzunehmen. Bradley gehörte doch zu den Schülern, die aus dem Hogwarts-Express verschleppt wurden."

"Ist wohl so", sagte Julius. "Wenn Sie wissen wollen, was genau vorging, sollten Sie sich zunächst an die verantwortlichen Personen halten. Also Professor McGonagall, Madam Pomfrey und gegebenenfalls an Madame Camille Dusoleil! Meine Aufgabe ist es, für das Wohl und die Versorgung mit wichtigen Nachrichten der Besucher zu sorgen." Damit hatte Julius noch nicht einmal gelogen.

"Wie gesagt geht das die Öffentlichkeit etwas an, ob ein junger Schüler in Gefahr geraten ist. Könnte immerhin auf einen Sicherheitsmangel in der grünen Gasse zurückgeführt werden."

"Wenn Sie wirklich mit Ihrem Kopf gegen diese Wand rennen wollen wünsche ich Ihnen die passenden Kopfschmerzen, Ms. Kimmkorn. Diese Wand ist nämlich aus meterdickem Granit. Solten Sie nämlich vorhaben, die Leitung der grünen Gasse als verantwortungslos oder gar absichtlich menschengefährdend hinzustellen wagen, kriegen Sie nicht nur eine Menge Ärger, sondern machen sich obendrein sowas von lächerlich, daß Sie Ihren Job verlieren werden. Hier in Millemerveilles und außerhalb weiß jeder, daß die dort arbeitenden Hexen und Zauberer sehr genau darauf achten, daß interessierte Besucher nicht von dort gehaltenen Pflanzen getötet werden, solange sich die Besucher an die entsprechenden Sicherheitsregeln halten."

"Ach, dann bekam jeder in der Besuchergruppe eine Liste der zu beachtenden Sicherheitsregeln?" Fragte Rita Kimmkorn.

"Das ist nicht nötig, weil bei jeder annähernd gefährlichen Pflanze genug Warnhinweise aufgestellt sind. Wer in Hogwarts, Beauxbatons oder Thorntails lernt muß eindeutig lesen und schreiben können."

"Ich werde nachher die grüne Gasse besuchen und diese Ihre Angaben nachprüfen", sagte Rita Kimmkorn. Falls dort wirklich etwas passiert ist, daß der Öffentlichkeit vorenthalten werden soll, obwohl es sie unmittelbar betrifft, wird jeder fragen, wer da wie verantwortlich gehandelt hat." Julius nickte nur. Er war sich keiner Schuld bewußt. Er dachte jedoch daran, daß Rita Kimmkorn ihn wohl groß rausbringen wollte. Doch das wolte er eben nicht. Sollte die sich für ihre Schmierfeder andere Opfer aussuchen.

"Wäre es nicht doch sehr entgegenkommend, daß ich ein Interview mit Ihnen und Ihrer Frau bekommen kann, am besten dort, wo Sie wohnen?" Rückte die Reporterhexe nun mit ihrer wohl eigentlichen Absicht heraus.

"Wie schon mal erwähnt und sicher schon längst von Ihrer Feder notiert haben meine Frau und ich eine Übereinkunft mit der Temps der Liberté, was unsere für die Öffentlichkeit bestimmten Informationen über uns angeht. Ich sehe keinen Grund, daran was zu ändern", sagte Julius trocken. Dann wandte er sich ab und Disapparierte einfach vom Rand des südöstlichen Zeltplatzes.

"Hui, die will wohl eine Superstory draus machen", schickte Millie ihrem Mann über die Herzanhängerverbindung zu. "Die wird aus purem Frust irgendwas schreiben, daß Jeanne nicht gut genug hat aufpassen können, weil sie ja gerade Zwillinge im Bauch hat. Wenn die rauskriegt, daß du diesen Bradley gerettet hast wird sie fragen, warum du nicht willst, daß das jeder weiß."

"Dann werde ich ihr oder wem auch immer sagen, daß ich froh bin, mein Leben in Ruhe zu führen und kein Goldfisch im Glas bin wie jeder Fürst, jede Prinzessin und jeder Zaubereiminister", erwiderte Julius darauf. Millie nickte. Sollte die Kimmkorn das Apfelhaus aus sicherer Entfernung photographieren und darüber schreiben. Aber rein kam sie nicht. Julius prüfte jeden abend die aufgespannten Eindringlingsüberwachungszauber.

"Irgendwie leer hier drinnen, wenn keiner außer uns hier ist", stellte Millie fest. Julius bejahte es. Andererseits waren sie ja nicht den ganzen Tag hier. So war es auch am Nachmittag, als beide nach dem Mittagessen wieder ihren zugeteilten Aufgaben nachgingen.

Am Abend erfuhren die Latierres, daß Schottland Uganda nach mehr als acht Stunden mit 1200 zu 890 Punkten geschlagen hatte. Das mußte ja ein echt heftiges Spiel gewesen sein. Und Rita Kimmkorn hatte davon nichts mitbekommen können. So ein Pech auch!

Als die Latierres gerade zum Abendessen zu ihrer Familie in eines der Festzelte wollten, ploppte es im Kamin. Mitten im Feuer hockte der Kopf von Julius' Mutter.

"Ui, geschafft, Julius. Jetzt hoffe ich nur, daß ich mit dem ganzen Kram Ruhe habe", sagte Martha Eauvive. Julius fragte sie, welches Gefühl sie habe. "Verletzt habe ich niemanden, und die von mir verlangten Sachen sind alle wohl präsent gewesen. In einer Woche bekomme ich bescheid, genau wie die anderen ZAG-Kandidaten. Blanches Schwester sagt aber, daß sie sehr schwer hofft, daß ich alle ZAGs geschafft habe und mindestens sechs davon mit "Erwartungen übertroffen" oder höher bewertet bekomme."

"Bist du jetzt bei Madeleine L'eauvite?" fragte Julius.

"Nein, bei Catherine und ihren Kindern. Madeleine hat mir frei gegeben. Ich darf meine aufgelaufenen E-Mails durchlesen, ob was wichtiges passiert ist."

"Ob Zach Marchand dir geschrieben hat? Weiß der denn, was du machst?" Fragte Julius.

"Der weiß das jetzt. Ich will schließlich nicht, daß diese langohrige Reporterin Linda Knowles das herumerzählt, bevor ich ihm das nicht erzählt habe." Da fiel Julius ein, daß er den großen runden Wohnraum nicht zum Klangkerker gemacht hatte und auch nicht den rundherum wirkenden Unabhörbarkeitszauber, den Gloria ihm gezeigt hatte. Sollte Lino das noch nicht mitbekommen haben, war das für die jetzt ein gefundenes Fressen. So blickte er schnell auf seine Uhr und sagte: "Oh, Mum, besser du ziehst den Kopf jetzt ein. Wir warten noch auf unsere Hausgäste. Die sind heute durch Paris gelaufen."

"Und die kommen dann über den Kamin. O dann sollte ich wirklich zusehen, daß ich mich wieder zusammensetze. Ein schönes Restwochenende euch zusammen!" Julius erwiderte den Abschiedsgruß und sah, wie der Kopf seiner Mutter in einem kurzen Wirbel verschwand.

Brittany, Gloria, Pina und Linus kehrten jedoch erst um zwölf Uhr abends aus Paris zurück. Linus war hellauf vom Eiffelturm begeistert. Gloria meinte dazu nur, daß man von dort aus Paris am schönsten sehen konnte, weil in keiner Blickrichtung die Aussicht vom Eiffelturm verschandelt würde. Julius bemerkte dazu, daß das auch Madame Faucons Auffassung sei. Brittany hatte Versailles gefallen, vor allem die Gärten und der Spiegelsaal. "Gloria mußte uns mit Muggelgeld aushelfen, weil Linus und ich zu früh zu viel eingekauft haben", erwähnte sie noch.

"Ich kriege noch heraus, wieviel Galleonen ein Franc sind oder umgekehrt", sagte Linus. Gloria schüttelte darüber nur den Kopf und sagte:

"Britt, Linus, ich habe euch damit ausgeholfen, weil ich froh war, nicht alleine durch die Muggelstadt laufen zu müssen. Seht das also bitte als ordentliche Bezahlung für eure Gesellschaft an!"

"Ich weiß, daß deine Eltern beide gut verdienen", sagte Linus. "Aber ich habe gelernt, daß ich mir nichts schenken lassen muß, wenn nicht aus Verwandtschaft oder Liebe."

"Deshalb sagte ich ja, daß ihr das ruhig als Bezahlung für eure Begleitung sehen könnt. Wir sind ja doch alle zusammen geblieben."

"Ja, und du und Pina haben für uns übersetzen müssen. Insofern müßten wir euch zweien eher was dafür zahlen", sagte Linus. Brittany meinte zu Gloria:

"Es ist spät. Das klären wir sicher nicht mehr, bevor der nächste Morgen graut. Dann können wir auch schlafen gehen." Gloria fand diesen Vorschlag sehr gut und wünschte ihren Mitgästen und den Latierres eine gute Nacht.

In ihrem abhörsicheren Ehebett prüfte Julius erst einmal, ob irgendwelche Insekten hereingeflogen waren. Doch er fand nichts. Dann sagte er: "Linus hat sich von Gloria überrumpeln lassen. Warum hat der eigentlich kein Muggelgeld aus Gringotts abgeholt?"

"Weil er offenbar nicht wußte, daß sowas geht", vermutete Millie und kuschelte sich an ihren Mann. "Da hat der junge Herr wohl heute noch was neues gelernt", sagte sie dann noch. Julius grinste darüber nur.

 

__________

 

Am Sonntag Morgen frühstückten sie trotz der Späten Bettgehzeit recht früh. Denn Millie und Julius hatten Karten für das Spiel Australien gegen Spanien.

In der Ehrenloge des Südstadions, das nur halb so groß war wie das Zentralstadion, trafen die Latierres auf Aurora Dawn und Camille und Chloé Dusoleil. Dann sah Julius den spanischen Zaubereiminister Pataleón mit einer kleinen, schon bald zwergengroßen Hexe mit schwarzgrauem Haar, die er als Carmen Estrella Miguez, seine Ehefrau vorstellte. Um höflich zu bleiben stellte er seiner Frau Julius auf Englisch vor: "Menchu, das ist der junge, hochtalentierte Zauberer, der mit mir und Colonades in dieser Burg der Ungeheuer war." Die Frau des Zaubereiministers lächelte Julius von unten her an und umarmte ihn kurz, obwohl ihr das bei dem Größenunterschied zwischen ihm und ihr schwerfiel.

Die australische Zaubereiministerin Rockridge betrat mit ihrem Ehemann Prospero die Ehrenloge. Beide begrüßten erst die spanischen Kollegen, dann Madame Dusoleil und dann die Latierres. "Sie sind wahrhaftig sehr gut gewachsen, Mr. Latierre. Auch daß Sie bereits verheiratet sind ist eine angenehme Überraschung für mich", sagte Mrs. Rockridge.

Laura Morehead, die Sprecherin der australischen Heiler, betrat mit drei Zauberern die Ehrenloge. Die drei sahen sich so ähnlich, daß es sich um Drillinge handeln mußte. Außerdem war ihre Haut so getönt, daß sie alle drei einen weißen und einen dunkelhäutigen Elternteil besaßen. Aurora präsentierte Julius die drei. "Das sind die Brüder John, Jake und Jeff Marawullaya. Die waren vor zwanzig Jahren das gefürchtetste Jägertrio der australischen Liga und zehn Jahre lang Spieler der Nationalmannschaft. Julius sah die nachtschwarzen Umhänge, auf denen vorne und hinten je vier weiße Blitze aufgenäht waren. Dann sah er noch die Angehörigen aller heute auflaufenden Spielerinnen und Spieler eintreten. Laurin Lighthouse, der kleine, goldblonde Ehemann von Pamela Lighthouse, kam sogar in Begleitung seiner Eltern. Er und sein Vater Optimus trugen die blaßblaue Spielerkleidung der Sydney Sparks. Als Laurin die Drillinge erkannte verzog er etwas das Gesicht. Sein Vater bemerkte das wohl und sagte unüberhörbar: "Ach, die drei größten Donnerschläge sind auch reingelassen worden. So'n Pech, daß von eurem Haufen nur einer in die Nationalmannschaft genommen wurde."

"Ach, der alte Lighthouse, immer noch ein glühender Bekämpfer der besten Mannschaft der südlichen Halbkugel", erwähnte einer der Drillinge. "Ja, wenn wir noch so könnten, wie die wollen, wären wir jetzt da unten und würden das in fünf Minuten klarmachen, daß Australien in die nächste Runde kommt."

"Die Herrschaften, das ist doch jetzt völlig unpassend", schritt die australische Zaubereiministerin ein. "Im Moment spielt da unten nur Australien, nicht die Sparks, die Kangaroos oder die Thunderers. Das halten wir bitte bis zum Ende unserer Mühen fest!" Die Streithähne gaben prompt Frieden. So konzentrierte sich Laurin auf Julius und besah ihn von unten bis oben, wobei er seinen Kopf in den Nacken werfen mußte und die goldene Brille, die er trug schon auf die Stirn rutschte. Er stupste seine Eltern an. Doch die nickten nur lässig.

Monsieur Castello betrat die Ehrenloge und begrüßte alle auf Französisch. Der spanische Zaubereiminister fragte, ob nicht Madame Latierre als Stadionsprecherin auftrat.

"Die muß auch mal zwischendurch in ihr Büro und dann mal Pause machen, Señor. Sie hat immerhin noch eine kleine Tochter, wo sie schon zwei ganz groß bekommen hat." Dann begrüßte er Mrs. Morehead, Madame Dusoleil, Aurora Dawn und die Latierres.

"Geht's los, Leut'?" Rief ein kleiner Junge, der vom Haar her der Spielerin Rhoda Redstone ähnelte, die wohl gleich mit Pamela Lighthouse zusammen auflaufen würde.

"Nich' so ungeduldig, Pete", wurde der Junge von seiner Mutter getadelt. Doch auch unterhalb der Ehrenloge wurden sie langsam ungeduldig. Dann bewirkte Monsieur Castello den Sonorus-Zauber und rief einen fröhlichen Gruß ins weite Oval hinunter. Viele Fans konnten kein Französisch. Sie murrten nur. Doch als Castello auch auf Englisch einen wundervollen guten Morgen wünschte, entlud sich ein Jubelruf aus zigtausend Kehlen. Spanische Flamencotänzer stimmten ihren wie schmachtende Rufe klingenden Gesang an. Gitarrenspieler zupften wie wild an den Saiten ihrer Instrumente.

"Na, ob die Spanier eine der von uns gekauften Kühe als Maskottchen bringen?" Fragte Millie ihren Mann.

"Eine? Dann wohl eher zwei oder drei. Aber ich vermute Zauberwesen wie Meigas", sagte Julius.

"Stimmt, du hast vielleicht recht, Julius. Allerdings sind die hier weit weg von ihren Wäldern. Könnte für die also problematisch werden."

"Die Damen und Herren, bitte begrüßen Sie alle recht herzlich die Maskottchen der australischen Nationalmannschaft!" Rief Castello auf Französisch, auf Englisch und wohl auch auf Spanisch. Da wirbelte eine rostrote Staubwolke vom Westen her heran, die zu einem sich wild drehenden Turm aus Sand und Staub wurde. Dann erschienen handgroße, geflügelte Wesen, die kleinen Orang Utans glichen, nur daß sie rotbraun gefiederte Flügel besaßen.

"Guckt mal, Millie und Julius, echte Wollaawangas, Wüstenschwirrer."

"Tiere oder eigenständige Zauberwesen?" Fragte Julius.

"Die sind so intelligent wie Kobolde. Allerdings können sie unsere Lautsprache nicht verstehen, weil sie nur überhohe Töne ausstoßen und hören können", erwiderte Aurora, als die schwirrenden Flügeläffchen Sand vom Boden in die Höhe rissen, ohne ihn anzurühren. "Gestein und Erdreich kann von ihnen bis in zehn Metern Entfernung telekinetisch beeinflußt werden. Dafür mögen sie kein Metall und keine anderen Felle oder Häute, die nicht an lebenden Tieren und Menschen drankleben. Sie helfen den Eingeborenen als Wächter und Wassergräber und können, wenn man sie richtig behandelt, ihr ganzes wohl zweihundert Jahre dauerndes Leben lang einer Zaubererfamilie treu sein, wobei sie dann eher mit Stammeszauberern der Ureinwohner zusammenleben als mit den in Städten voller Metall wohnenden Zauberern."

"Die können Sie wohl nicht kennen", sagte Laurin Lighthouse, der hinter Aurora Dawn saß. "Die in Hogwarts lernen ja nur die Wesen der Nordhalbkugel kennen."

"Stimmt", räumte Millie ein. "Aber buchstabieren können die", stellte sie fest, weil die Wollawangas gerade aus fliegendem Sand meterhohe Buchstaben schrieben: "Australia holt den Pokal."

"Ja, das sie lesen und schreiben lernen können war bis vor vierzig Jahren auch keinem bekannt, bis einem Wüstenwanderer das Tagebuch von einem Schwarm Wollawangas geklaut wurde. Er ist diesen kleinen Kerlen nachgeflogen und fand heraus, daß sie die Buchstaben in den Sand schrieben. Er hat dann eine Bildersprache entwickelt, um den Wüstenschwirrern Lesen und Schreiben beizubringen. Irgendwie hat er damit eine Art Lawinenwirkung ausgelöst. Denn außer den hundert Wollawangas, denen er es beibrachte, konnten es innerhalb von nur einem Jahr alle, die angetroffen wurden. Deshalb wird vermutet, daß sie auch eine Art Kollektivmentiloquismus oder Instinktsprache können und Gefühle und bildhafte Gedanken anderer erkennen können", sagte Laurin. Aurora nickte.

"Ich habe nur von denen gelesen. Ein Kollege von mir, der sich auf die Magie der Ureinwohner spezialisiert hat, konnte mit fünf Wollawangas kommunizieren, wenn im Umkreis von hundert Schritten kein Metall vorhanden war."

"Die reichen sich den Sand regelrecht nach oben durch", stellte Julius anerkennend fest, als eine breite Sandsäule um die übereinander herumkreisenden Wollawangas zu wirbeln begann. Denn irgendwie schien die Sandspirale alle zehn Meter ins Stocken zu geraten. Dann wirbelte der ganze Sand als einzige Staubwolke um die Wollawangas herum, die noch einmal ihre Parole mit Sandbuchstaben in die Luft schrieben. Dann schwirrten sie um die westlichen Ringe herum und landeten. Die Zuschauer klatschten in die Hände.

Erheben Sie nun ihre Zauberstäbe zur Begrüßung der Maskottchen aus Spanien!" Rief Castello und wiederholte den Aufruf auf Englisch und Spanisch. Da fielen sie aus dem Himmel wie abschmelzende Wachstropfen aus den Flammen der Sonne. Ganz in gelbe oder weiße Gewänder gehüllt segelten sie herab wie an unsichtbaren Fallschirmen. Julius erkannte sie sofort. Die knapp anderthalb Meter großen, menschenähnlichen Gestalten mit der grünlich-weißen Hautfarbe und den langen, nachtschwarzen Mähnen, die ihnen bis zum Steißbein hinunterwallten. So sahen also Meigas aus, spanische Wald-, Berg- und Flußhexen, die mit denen, die Zauberstäbe benutzten gerade mal die Körperform gemeinsam hatten und so alt wie die ältesten Bäume werden konnten. Sie schwebten über dem Feld herein und sanken bis fast auf den Boden. Dann bildeten sie einen Kreis, in dem es zu flimmern begann. Die Luft selbst schien zu einer halbfesten Masse zu werden und formte durchsichtige Nachbildungen von Tieren, Bergen und Bäumen. Dann zuckten Blitze zwischen den neun fliegenden Gestalten hin und her und hinterließen Glutbahnen, die sich zu Buchstaben zusammensetzten, die Millie ihrem Mann als "Spanien voran!" übersetzte. Dann fingen die neun Gestalten an zu singen. Das Lied klang so schön und warm, daß Julius meinte, es würde ihn von innen her aufwärmen. Er meinte, von den Tönen von seinem sowieso schon wolkengleich gepolsterten Sitz gehoben und immer weiter nach oben getragen zu werden. Er schloß die Augen und gab sich diesem Gefühl des Schwebens hin, bis er meinte, mitten im Kreis der neun zu sein. Dann sah er ein goldenes Licht, in dem er gebadet wurde. Als er erstaunt um sich blickte erkannte er, daß er nicht allein war. Neben ihm schwebte wie aus Glas seine Frau Millie. Vor ihm tauchte die rotgoldene Erscheinung einer nackten Frau auf, die er kannte: Ammayamiria. Dann sah er noch seine Mutter, Pina, Melanie und Belisama Lagrange um sich tanzen, erkannte eine sich erst langsam klar zeigende Abbildung von Kevin Malone und sah auch Gloria, Myrna, Martine und Brittany, die nun als immer deutlichere Erscheinungen um ihn tanzten, solange das Lied der neun Meigas klang. Es mochte Stunden dauern, bis eine nach der anderen mit dem Gesang aufhörte. Je weniger sangen, desto mehr verschwammen die für Julius sichtbaren Ebenbilder. Als es nur noch drei waren sah er gerade noch Millie und Ammayamiria. Dann meinte er, große, warme Hände würden ihn ergreifen und behutsam nach unten tragen, bis mit dem letzten Ton der letzten Sängerin alles so wurde wie vor dem Lied. Julius fand sich auf seinem Sitz wieder. Das Publikum saß in seliger Stimmung schweigend da. Erst als Castello sich mit großer Anstrengung aufrappelte und sich kräftig am Zopfbart zog, konnte er wieder sprechen.

"Qué bonita fué vuestra canción! Muchas Gracias, estimadas señoras delos bosques", sagte er. Millie erwachte aus der glückseligen Untätigkeit und flüsterte Julius zu, daß sich Castello bei den Herrinnen der Wälder für das schöne Lied bedankte. Die Meigas verbeugten sich und schwebten knapp einen halben Meter über den Boden zu den östlichen Torringen. Dort bildeten sie eine quadratische Formation aus drei mal drei Meigas.

"meine Güte, die haben eine starke Magie", stellte Julius fest, während die australische Mannschaft aus der westlichen Bodenluke hervorflog.

"Das Lied ist der stärkste Zauber, den sie machen können", sagte Millie. Julius erinnerte sich an das Zauberwesenseminar. Meigas konnten die Natur beeinflussen, Gewässer in andere Bahnen lenken oder böse Wesen verjagen. Das Lied konnte von einer alleine gesungen und unter Mitwirkung der magischen Kräfte des Zuhörers einen Schild gegen böse Einflüsse bilden. Angeblich würde jemand, der sich ihm hingab und keinerlei böse Gedanken hegte aus der stofflichen Welt herausgehoben. Dann war es kein Wunder, daß er Ammayamiria gesehen hatte. Andererseits konnten sie auch wirksame Abwehrzauber ausüben, um böse Kreaturen zu bekämpfen. Vampire und gierige Waldfrauen waren ihre Hauptfeinde, aber auch Menschen, die ohne zu überlegen oder aus purem Bauwahn die Reviere der Meigas mit Städten verbauten und dabei die Bäume fällten, die für die Meigas die Quellen ihrer Magie waren.

Die Australier flogen in sonnengelben Umhängen über das Feld. Auf Brust- und Rückenteil prangte ein großes, blutrotes Herz über den Namen der Spieler. Dann durften auch die Spanier aus ihren Kabinen hervorkommen. Sie trugen Umhänge aus breiten, roten und gelben Querstreifen.

Als alle Spieler auf dem Feld waren, trat Hassan Mostafa, der Schiedsrichter aus Ägypten, in die Feldmitte. Als sich die Kapitäne Redstone und Rioverde begrüßt hatten ging das Spiel auch schon los.

Julius dachte schon, daß Australien durch den Dawn'schen Doppelachser rasant davonziehen würde. Doch Rhoda Redstone und ihre Kameraden flogen die bei den meisten schon bekannten Manöver aus. Dennoch holten sie nach nur einer Minute die ersten zehn Punkte des Spiels. Die Spanier waren flink, ja draufgängerisch und brachen immer wieder bis zum Torraum durch. Doch da waren die australischen Jäger schon wieder bei ihnen und vereitelten den Torwurf. Das ging drei Minuten lang ohne Tor weiter, bis Rhoda Redstone das zweite Tor machte. Dann verkürzte Spanien durch die Jägerin Alma Rioverde den Abstand um zehn Punkte. Auch wenn zwischen jedem erfolgreichen Tor mehrere Minuten vergingen hielt das Spiel alle Zuschauer in Atem. Die schnellen Umgruppierungen, die Vorstöße und die direkten und dann doch gerade so noch parierten Torwürfe ließen keinen Platz für Entspannung oder gar Langeweile. Castello beließ es dabei, die Namen der gerade ballführenden Spieler zu rufen. Die Treiber beider Mannschaften hieben eher sich als anderen die Klatscher um die Ohren. Zwanzig Minuten vergingen, bis Australien das erste halbe Dutzend Tore erzielt hatte. Spanien war durch einen Doppelschlag auf 40 Punkte herangerückt. Im Moment war alles offen.

Stunde eins des Spiels endete mit einer Auszeit der Australier. Offenbar hatten sie keine große Lust mehr, durch das hohe Tempo zu früh zu erschöpfen. So doppelachserten die Jäger Australiens dreimal und bauten damit den Torvorsprung aus. Spanien verlegte sich auf Rückraumabsicherung. Doch immer wieder konnten die Gäste von der iberischen Halbinsel einen Konterangriff ausführen und brachten dadurch zwei Bälle durch einen der gegnerischen Ringe.

Die Maskottchen trugen ihren Anteil dazu bei, daß das Spiel in Gang gehalten wurde. Sah es so aus, daß Australien nachließ, wirbelten die Wollawangas empor und bildeten aus fliegendem Sand Gestalten, die immer wieder einen Ball durch einen rotierenden Ring schlugen. Verbauten die Spanier ihren Torraum und ließen die Australier dagegen anstürmen, formierten die neun Meigas sich zu einem Kreis und ließen aus breitem Feuer eine Säule aufsteigen, die vom Spanischen zum australischen Torraum wies. Dabei stießen sie jedoch keinen Laut aus.

Als das Spiel schon in die dritte Stunde ging drehte Pamela Lighthouse einen Looping rückwärts und ließ die rechte Hand nach unten schnellen. Da schoß ihr direkter Gegenspieler Juan Fernando Suárez auf sie zu. Er hieb Pamelas rechten Arm zur Seite. Die Sucherin Australiens verzog den Besen. Suárez stieß mit der Hand nach vorne ... und schloß die Faust um leere Luft. Es sah aus, als hätte keiner der beiden den Schnatz erwischt. Mostafa wollte schon Sucherfoul pfeifen, weil es im Profi-Quidditch nicht zulässig war, dem Sucher die Hand fortzuschlagen, als Pamela die rechte Faust reckte. Alle sahen es golden und silbern darin glänzen. Pamela Lighthouse hatte den Schnatz gefangen. Julius hörte den Jubel der Australier und das Wehklagen der Spanier. Er ließ das Bild des Fangs stark verzögert noch einmal von seinem Omniglas wiederholen. Er sah, wie der Schnatz gerade einen Moment lang von der Sonne beschienen wurde. Die winzige Zeitspanne hatte Pamela und Juan gereicht, ihn anzusteuern. In dem Moment, wo Suárez seiner Kontrahentin die Hand fortschlug, umschloß sie mit zwei Fingern den Schnatz. Der schlag trieb den Schnatz zu Pamela Lighthouse hin. In einer blitzartigen Reaktion preßte sie die Hand an den Körper. Das mochte eine Hundertstel Sekunde gedauert haben. Dann hatte sie den Schnatz sicher gefangen.

Suárez gestikulierte, während die Meigas ihre Köpfe sinken ließen, um im nächsten Moment kerzengerade in den Himmel zu steigen, während die Wollawangas einen wilden Freudentanz in der Luft aufführten und ihre Sandzauberei zu einer mehr als hundert Meter hohen Säule Sand ausufern ließen. Der Sand floß weit oben wie der Hut eines Pilzes auseinander und rieselte sanft über Spielfeld und Zuschauer nieder. Suárez deutete auf Lighthouse und ließ einen wahren Hagelsturm von Worten auf den Schiedsrichter einwirken. Doch dieser blieb gelassen und deutete auf die Australier. Er zeigte zu Castello hinauf, der aufstand und verkündete, daß Pamela Lighthouse den Schnatz gefangen hatte. Die australischen Fans explodierten förmlich vor Begeisterung, während die Spanier wild schimpften. Julius fühlte die aufkommende Wut. Denn die Australier waren ebenfalls wütend auf Suárez. Die Wollawangas taten ihr übriges, die gegnerischen Fans zu ärgern, indem sie eine lange Reihe bildeten und die hintersten einen Haufen Sand vom Boden lösten, der dann wie bei einer mittelalterlichen Feuerlöschkette von hinten nach vorne durchgereicht wurde, bis er über spanischen Zuschauern niederregnete. Allerdings dauerte das Schauspiel nur zehn Sekunden, bis eine der Meigas aus ihrer Formation ausbrach, auf die lange Reihe der kleinen Flügeläffchen zuraste und mal eben den rechten Zeigefinger vorstreckte. ein Strahl aus blau-weißen Blitzen zischte hervor und trieb die Wollawangas nach hinten. Julius meinte, Stiche in den Ohren zu fühlen. Auch Millie schlug die Hände über ihre Ohren. Es flimmerte vor seinen Augen. Doch er sah noch, wie die Wollawangas zu einem Knäuel zusammengetrieben wurden. Die Meiga, die gerade noch anderthalb Meter groß war, schien um mehr als einen Meter gewachsen zu sein. Dann senkte sie ihre rechte Hand. Der pulsierende Lichtstrahl erlosch. Die Meiga erschien nun wieder normalgroß. Doch sie stieg hoch und begann, wie ein nach Beute suchender Adler zu kreisen, und das alles ohne sichtbare Flügel.

"Huch, wieso macht nur die was und die anderen acht bleiben ruhig?" Fragte Julius. Dann sah er die ersten magischen Blitze in den Reihen der gegeneinander anstürmenden Fans. Die Australier wehrten sich. Julius sah Mondlichthämmer und Schockzauber, während die Spanier locker mit heftigeren Flüchen dreinschlugen.

"Schluß! Stop! Basta!" Rief Castello nun mit voller magischer Stimmverstärkung dazwischen. Julius wollte aufspringen, um seinerseits Sperrzauber zwischen die aneinandergeratenen Fans zu schicken. Da hielt Aurora ihn fest.

"Ich weiß, du würdest da jetzt voll zwischengehen. Aber gegen hundert Flüche zugleich kannst du nichts machen", sagte sie verbittert. Da griffen die im Zuschauerraum verteilten Sicherheitszauberer des Ministeriums ein. Diese zogen Feuerwände zwischen die streitenden und bauten Sonnenlichtmauern auf, deren Helligkeit mit der des Tagesgestirns mithielt. Julius beruhigte sich. Er mußte wirklich nicht in jeden Zauberkampf hineinspringen. Minister Pataleón und Ministerin Rockridge belegten ihre Stimmen mit dem Sonorus-Zauber und erteilten Befehle. Offenbar hatten auch sie Sicherheitsleute im Stadion. Außerdem versuchte jeder und jede, die jeweiligen Landsleute zum Einhalten zu bewegen. Das gelang jedoch nicht. Die Spanier waren sauer. Die Australier wollten sich nicht zusammenfluchen lassen. Da begannen die Meigas wieder ein Lied zu singen. Der Chor der galizischen Waldhexen schaffte innerhalb weniger Sekunden, was die geballte Macht der Sicherheitszauberer nicht vermochte. Die Streitenden wurden immer ruhiger und friedfertiger. Julius fühlte einen Wunsch in sich aufkeimen, mit allen um sich herum Frieden zu halten. Dann ebbte die Wirkung auch schon ab. Die Streitenden standen einander gegenüber und blickten sich an. Dann zogen sich alle beschämt dreinschauend zurück.

Pataleón lamentierte auf Spanisch. Seine Frau erwiderte etwas darauf. Dann baten sie darum, gehen zu dürfen. Castello nickte nur. Julius und Millie warteten mit den restlichen Logengästen darauf, daß das Stadion leer war.

Zurück im Apfelhaus legte Millie ihren Anhänger an die Stirn und mentiloquierte:

"Pataleón ist besorgt, daß die Meigas ihm für diese Hilfe etwas wertvolles abverlangen könnten. Was genau hat er nicht gesagt. Seine Frau war darüber nicht besonders begeistert."

"Was wertvolles? Das Zaubereiministerium oder sein Leben?" Spekulierte Julius.

"Hmm, Leben von ihm", vermutete Millie. "Ich durfte mal in einem von Martines Büchern über Zauberwesen in anderen Ländern lesen. In einem spanischsprachigen heißt es, daß wer von einer Meiga Hilfe und Schutz erlangen konnte, ihr dafür eigenes Fleisch und Blut überlassen mußte. Meigas sind keine Menschenfresser. Also vermute ich, daß Pataleón Angst haben könnte, daß er seine Kinder diesen Waldhexen übergeben muß. Er hat genau sechs Stück."

"Rapunzel und Rumpelstilzchen", vermutete Julius und erzählte kurz die beiden Märchen der Gebrüder Grimm. Rumpelstilzchen war als Begriff ja auch in die Zaubererweltsprache eingegangen.

"Pataleóns Kinder sind schon alle groß. Der jüngste Sohn ist vor wohl vier Jahren aus der Zaubererschule da rausgegangen. Die wollen sicher keine Erwachsenen, die sie als ihre Kinder aufziehen können. Heiraten tun die auch nicht."

"Oha, da komt mir ein typisch männlicher Gedanke, Millie. Wenn er wirklich sein Fleisch und Blut an diese Damen abgeben muß, dann könnten die von ihm verlangen, ... Holla!"

"Sprich es aus, Julius, daß die neun Damen demnächst bei ihm anklopfen und mit ihm ein paar sehr private Tanzstunden verbringen wollen."

"Gut, das zumindest für möglich zu halten. Da sehe ich besser zu, keine Meiga um Hilfe bitten zu müssen."

"Hat Pataleón die neun um Hilfe gebeten, Monju?" Fragte Millie keck. Julius verneinte es. "Sie haben einfach geholfen. Ob er dafür diese Gegenleistung abliefern muß wissen wir also nicht."

"Na ja, jetzt hat er ja wieder genug Zeit, sich darüber Gedanken zu machen", erwiderte Julius trocken. Millie grinste.

Am Nachmittag kam Aurora Dawn zu Besuch und besprach mit den Latierres und ihren Hausgästen das Spiel vom Morgen. Immerhin waren die Australier jetzt weiter. Julius vermied es, Millies Verdacht zu erwähnen. Aurora ließ sich von Gloria erzählen, wie es gestern in Paris gewesen war. Abends ging Julius noch einmal in seinen privaten Geräteschuppen, wo die elektronischen Gerätschaften verstaut waren. Hier wirkte sein Abwehrzauber gegen Rita Kimmkorn nicht. So sagte er: "Falls hier ein Insekt herumfliegt, daß uns belauschen will, ich kann hier drinnen mal was versprühen, das alles mit Fühlern in zehn Sekunden erledigt." Er blickte sich um. Eine Fliege war da, die jedoch seelenruhig an der Wand emporkrabbelte. Julius zählte nun zehn Sekunden herunter. Als die Fliege immer noch nichts tat, um zu verschwinden, griff Julius nach einem Zerstäuber und hielt ihn der Fliege entgegen. Das war eigentlich nur ein Anti-Schimmel-Spray. Doch gegen Fliegen mochte es auch wirken. Er besprühte die an der Wand krabbelnde Fliege kurz und sah, wie sie taumelte, von der Wand abfiel und auf dem Boden landete. Er nahm sie und erkannte, daß sie gerade so noch lebte. Er beförderte sie zur Tür hinaus und setzte sich an seinen Rechner. "Kann schon echt paranoid machen, das Weib", dachte er und startete den kleinen Computer. Über das Satellitenmodem holte er sich neue E-Mails, darunter zwei seiner Mutter und eine von Zachary Marchand. Dieser fragte ihn, ob er sich ebenso merkwürdig fühle, weil seine Mutter nun auch als Hexe leben würde. Außerdem warnte Marchand ihn und seine Mutter vor einer Vereinigung namens Nocturnia, die aus "sich sehr einseitig ernährenden Nachtschwärmern" bestehen sollte. Er schlug vor, immer genug über Sonne und Mond zu wissen, um es dann zu verwenden, wenn es gebraucht würde. Julius druckte diese Nachricht dreimal aus. Eine Kopie sollte an seine Schwiegertante Barbara gehen, die sie an die entsprechende Stelle weiterleiten konnte. Eine zweite sollte seine Schwiegermutter bekommen, um möglicherweise Vorbereitungen zu treffen, falls diese Nocturnia-Vereinigung versuchen sollte, nach Millemerveilles vorzudringen oder draußen lauerte. Die dritte war für Millie, seine Hausgäste und ihn. Dann schickte er eine Antwort, daß er gegen Nachtschwärmer gut gerüstet sei und die ja eben nur Nachts schwärmen konnten. Auf die Frage, ob er sich wegen seiner Mutter merkwürdig fühle schrieb er ihm, daß er zwar erst sehr überwältigt gewesen wäre, aber jetzt wunderbar damit leben könne. Er klickte gerade auf "Nachricht(en) versenden", als es an die tür klopfte. Er fuhr erst zusammen. Doch dann sagte er ruhig: "Herein!"

Laurentine und Sandrine traten ein. "Na, hat deine Mutter ihre ZAGs geschafft?" Fragte Sandrine nach der landesüblichen Begrüßung.

"Die Prüfungen sind gelaufen. Wie sie die geschafft hat kriegt sie am siebzehnten Juli", sagte Julius. "Dann wird das Ministerium ihr wohl das Gehalt verdreifachen dürfen, wenn ja. Da kommt deine Mutter dann nicht mehr ran."

"Interessant, daß du sofort dran denkst, ich wäre hier, um für meine Mutter rauszukriegen, ob deine Mutter nicht doch noch mal hier nach Millemerveilles kommt", grummelte Sandrine. Ihr ertappter Blick verriet jedoch, daß er voll ins Schwarze getroffen hatte. "Zumindest darfst du ihr ausrichten, daß wir uns freuen, wenn sie die Prüfungen geschafft hat, sagt Maman. Abgesehen davon ist das Ministerium durch die Weltmeisterschaft ziemlich goldarm geworden, wenn da noch die fünftausend Galleonen für uns Besucherbetreuer rausgerückt werden müssen. Aber flohpulvern und kontaktfeuern kann deine Mutter, weiß ich. Sicher kommt die am zwanzigsten herüber."

"Nur wenn sie die Prüfungen geschafft hat. Sonst darf sie nachsitzen", erwiderte Julius frech. Sandrine grinste darüber nur.

"Die hat bei Madame Eauvive und der Schwester von Madame Faucon Unterricht gehabt. Die kann sich das nicht leisten, die Prüfungen nicht zu schaffen, wenn der nicht das passieren soll, was Madame Faucon mit Gaston angestellt hat." Julius legte rasch den Finger auf die Lippen und flüsterte, daß der Raum nicht unabhörbar gemacht werden könnte. Laurentine deutete auf die Apparate und nickte. Dann sagte sie:

"Sandrine und ihre Mutter sind der Meinung, wir müßten meine Eltern zumindest einladen. Da du hier der einzige bist, der den sprichwörtlichen Draht in die Technikwelt hat wollten wir dich fragen, ob wir bei dir mal telefonieren können."

"Hmm, die Satellitenverbindung ist zwar teuer. Aber ich verstehe Sandrines Mutter. Aber ich weiß nicht, ob genug von dem Muggelduldungsgebräu hier ist, und das was mit meiner Mutter gelaufen ist werden sich deine Eltern sicher nicht gefallen lassen", sagte er. Laurentine nickte. Dann deutete sie auf den Rechner. "Dann schicken wir besser eine E-Mail. Ist das eine neue Programmversion?"

"Stand 1998", sagte Julius. Dann ließ er Laurentine an das Gerät. Sie brauchte einige Zeit, um sich wieder an das Schreiben auf einer Tastatur zu gewöhnen. Doch dann ging es. Sie tippte mindestens vier Textseiten ein, wobei sie auch Sachen erwähnte, die nur sie und ihre Eltern kannten. Sandrine und Julius hörten derweil Radio. Es liefen gerade Nachrichten.

"... streiten sich die Außenministerien der Türkei und des Irans immer noch darüber, ob es sich bei dem Absturz eines Privatflugzeuges auf dem Weg nach Anatolien um eine Kollision mit einer Militärmaschine oder einen gezielten Angriff auf das Zivilflugzeug gehandelt hat. Die beiden Flugschreiber der Privatmaschine wurden mittlerweile geortet. Die Experten erhoffen sich aus deren Daten die endgültige Aufklärung. Die Maschine gehörte einem im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen wohnhaften Vietnamesen, der seitens der deutschen und polnischen Polizei schon mehrfach verdächtigt wurde, einen Schmugglerring zu betreiben. Bewiesen werden konnte ihm jedoch nichts. Ob der Absturz seiner Maschine mit illegalen Tätigkeiten zusammenhängt wird eine der nächsten zu klärenden Fragen sein.

New Jersey. Bei dem Brand einer Kunststofffabrik im Gewerbegebiet von New Jersey mußten die Behörden nun doch ein Todesopfer vermelden. Es handelte sich nach Zählung der zum Brandzeitpunkt im Betrieb befindlichen Arbeiter und Angestellten um den Betreiber selbst. Allerdings weist das für die Ermittlung eingeschaltete FBI jede Nachfrage nach der Ursache und dem Toten zurück. Somit kann eine Brandstiftung nicht vollständig ausgeschlossen werden, sagte der Hauptaktionär der Fabrik, Johnathan Quincy ..."

"So, bin fertig", sagte Laurentine und schickte die lange Nachricht auf die Reise. "Wie hoch ist die Bitrate von dem Modem?" Fragte sie. Er sagte ihr den Wert, den er aus dem Handbuch hatte. "Oha, da ist DSL ja wirklich schon wie Überlichtgeschwindigkeit. Aber schon komische Nachrichten. Kommst du da übers Netz auch dran?" Fragte sie noch.

"Wenn du das möchtest kann ich dir jeden Abend eine Zusammenstellung bauen", erwiderte Julius und erntete ein strahlendes Lächeln der Klassenkameradin. "Dann fühle ich mich wenigstens nicht mehr so auf einem anderen Stern", sagte sie.

"Gérards Eltern kommen am achtundzwanzigsten", sagte Sandrine. Die wollen dann am Apparierpunkt Ost rauskommen und haben ein Zelt mit. Allerdings frage ich mich, wo die hier noch zelten wollen."

"Am Farbensee gibt es noch zehn freie Zeltplätze", sagte Julius. "Ich kann ja vorbuchen."

"Welchen Platz meinst du genau?" Fragte Sandrine. Julius erwähnte es. "Oha, da werden aber bald wohl noch Leute aus den Ländern hin wollen, die noch im Turnier sind", vermutete Sandrine. Julius lag es auf der Zunge. Doch er wollte das erst mit seiner Frau allein absprechen. Allerdings mußte er daran denken, daß Sandrine nicht ganz uneigennützig zu ihm gekommen war. Doch für's erste behielt er den Vorschlag für sich, die Laplaces könnten ja auf dem Grundstück der Latierres zelten oder noch ein freies Gästezimmer beziehen. Sandrine nickte nur und winkte dann Laurentine.

"Maman hat alle Brautjungfern zum Abendessen eingeladen. Die wird sich noch mal bei dir melden, wenn raus ist, ob deine Maman die Prüfungen geschafft hat oder besser gleich zu deiner Mutter nach Paris flohpulvern."

"Da war sie gestern. Ob sie da noch ist weiß ich nicht. Die muß einiges an liegengebliebener Arbeit aufholen. Nachher dürfen wir die noch in der Delourdesklinik besuchen", scherzte Julius.

"Das hoffen wir mal nicht. Aber dann ist der Beruf im Ministerium wohl auch nichts mehr für sie", erwiderte Sandrine.

"Sandrines Mutter hat sie damit angesteckt, daß deine Mutter als Mathe- und Muggelsachenlehrerin taugt und sie die gerne wieder hier arbeiten lassen möchte", grinste Laurentine.

"Sie hat dich auch schon gefragt, ob das nichts für dich wäre, Laurentine."

"Nichts für ungut, Sandrine. Auch wenn ich mit Madame Faucon in den letzten beiden Jahren nicht mehr zusammengerasselt bin muß ich nicht da wohnen, wo sie wohnt. Ich möchte auch eine Möglichkeit haben, Internet und Radio zu nutzen um doch nicht ganz hinten runterzufallen. Meine Eltern denken eh, ich wollte zu den Amisch-Leuten."

"Was für Leute?" Fragte Sandrine. Laurentine erklärte es ihr. "Stimmt, deine Eltern müssen ja rumerzählen, daß du nicht mehr zu erreichen bist. Werden die sich blöd umgucken, wenn die so eine Elektronachricht von dir kriegen."

"Gut, daß man Heuler nicht per E-Mail verschicken kann", sagte Julius. Allerdings hatte er selbst schon wieder einigen Werbemüll aus seinem Postfach löschen müssen.

"Okay, von hier aus kann man disapparieren?" Fragte Sandrine. Julius bat darum, dafür zehn Meter vom Schuppen fortzugehen. Das taten die beiden jungen Hexen dann auch.

Julius fuhr den Rechner herunter und schaltete alle anderen Geräte aus. Als er zum Apfelhaus zurückkehrte stand seine Frau im meergrünen Festumhang da.

"Huch, ist denn schon der zwanzigste?" Fragte er.

"Nein, wir haben deine Mutter eingeladen, mit uns anderen zum Tanzen in den Musikpark zu gehen. Es sei denn, du möchtest deine Mutter wieder ausladen", sagte Millie.

"Da denke ich immer, zu fragen und die macht einfach", dachte Julius nur. Dann sagte er rasch: "Ähm, stimmt, das ist ja der erste große Abend, allerdings eher wie eine Disco, also eher was für junge Leute.

"Deine Mutter ist eine ZAG-Schülerin. Das ist doch ganz sicher jung genug", erwiderte Millie. Julius nickte grinsend. Sie hatte ihn überzeugt. So sagte er natürlich ja und zog sich für einen Tanzabend um.

Als seine Mutter durch den Kamin kam trug sie einen himbeerfarbenen Festumhang.

"Den habe ich von Antoinette Eauvive gekriegt. Sie sagte, daß ihre Kinder, Nichten und Neffen zu den ZAGs immer einen schicken Umhang für eine Feier bekommen hätten und ich möchte bei der Gelegenheit schon mal anfragen, ob ihr am siebzehnten Dienstfrei habt oder da ein wichtiges Spiel läuft, weil wir die Feier dann bei ihr veranstalten mögen. Hat mich ziemlich überrumpelt", sagteMartha Eauvive.

"Und was sagt Blanche Faucons Schwester?" Fragte Julius.

"Das ich mich für die Soziusprüfung melden solle, damit ich im nächsten Jahr auch an der Walpurgisnacht teilnehmen kann. Aber dafür brauche ich keine Soziusflugprüfung. Weil dazu müßte ich ja erst mal wen kennen, mit dem ich zusammen auf dem Besen sitzen kann."

"Stimmt", sagte Julius dazu nur. Dann bot er seiner Mutter an, sie Seit an Seit mitzunehmen.

"Besser wir fliegen. Das Apparieren ist für mich immer noch eine ziemlich bedrückende Sache. Aber Antoinette denkt wohl schon dran, ich könnte das auch noch lernen."

"Ich soll dir schöne Grüße von Sandrines Familie bestellen und dir ausrichten, daß sie alle hoffen, daß du gut durch die Prüfungen gekommen bist."

"Hat Sandrines Mutter noch nicht aufgegeben?" Fragte Martha Eauvive.

"Die ist wie ein Terrier. Wo die sich dran festbeißt bleibt die dran hängen. Wenn Sandrine genauso drauf ist sollte Gérard noch einmal ein paar hundert Komödien ansehen. Danach hat er dann nicht mehr viel zu lachen."

"Na, so gut kennst du Sandrine nicht", sagte Julius' Mutter. Er erwiderte, daß er Gérard dafür besser kenne. Außerdem sei Sandrine ja seine Pflegehelferkameradin. Da lernte man schon Leute kennen.

Als alle umgezogen waren ging es auf Flugbesen zum Musikpark. Martha wolte schon wieder umdrehen, als sie sah, daß dort hauptsächlich Jungen und Mädchen zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren versammelt waren. "Da hat mich Blanches große Schwester glatt verladen", knurrte Martha. "Die meinte, bei diesem Tanz würde ich hundertprozentig hinpassen."

"Kuck mal, Mum, dahinten sind Carmen Deleste aus der Pflegehelfertruppe und ein paar andere, die in diesem Jahr die ZAGs gemacht haben. Da hat sie dich nicht verladen", sagte Julius belustigt. Seine Mutter erkannte, daß es jetzt für einen Rückzieher zu spät war. So ließ sie sich von ihrem Sohn zum ersten Tanz führen. Danach mußte sie zusehen, wie er von den meisten Hexen aufgefordert wurde, auch von welchen aus den Staaten, England und Deutschland. Am Besten harmonierte er nach seiner Frau mit Brittany, Bärbel Weizengold und Gloria Porter, während seine Mutter sich von Joseph Rosshufler, der zumindest ein wenig Englisch konnte, zum Tanz führen ließ, aber auch Partner über achtzehn fand.

"So sieht sie also aus. Mein Vater hat sie ja schon kennengelernt", sagte Bärbel und fragte, ob er sie seiner Mutter vorstellen könne. So schaffte es Julius, seiner Mutter doch noch einen kurzweiligen Abend nach den zwei Wochen ZAG-Stress zu verschaffen.

Um elf Uhr abends kamen die Leiter der Schul-Gruppen auf den Platz. Madame Faucon sammelte ihre Schützlinge ein, die nicht mit ihren Eltern oder anderen Verwandten angereist waren. Gräfin Greifennest holte die Greifennest-Schüler ab, Prinzipalin Wright die von Thorntails und Professor McGonagall die von Hogwarts. Dabei begrüßte Professor McGonagall Julius' Mutter und wünschte ihr einen erfolgreichen Verlauf ihres weiteren Weges. Wer dann noch auf der Tanzfläche war konnte sich richtig austoben. Sandrine schaffte es dabei, Martha Eauvive persönlich zu ihrer Hochzeit am ersten August einzuladen. Gegen eins waren jedoch alle so müde, daß sie gerade so noch den Heimflug antreten konnten. Millie und Julius boten ihrer Mutter an, sie über Nacht in einem Gästezimmer schlafen zu lassen. Julius' Mutter überlegte kurz, stellte dann aber fest, daß sie für eine Flohpulverreise wohl doch zu müde sei und nahm die Einladung an.

Millie führte ihrer Schwiegermutter vor, wie schnell eine Hexe ein Bett beziehen konnte. "Hat Antoinette Eauvive mir auch schon abverlangt. Aber ich benutze doch lieber noch die Hände dafür", sagte Martha. "Ich kann nicht das, wo du ein ganzes und Julius ein halbes Leben reinwachsen konntet in nur zwei Jahren bewältigen, Millie", sagte sie. Dann bedankte sie sich für das Nachtlager, auch wenn sie kein passendes Nachthemd mitgebracht hatte und im Unterzeug schlafen mußte.

"Das ist echt mutig, die eigene Schwiegermutter freiwillig zum Bleiben aufzufordern, lallte Linus. Er hatte sich schon vorzeitig vom Tanzplatz verabschiedet und sich mit ein paar immer noch den Sieg vom Vortag feiernden Schotten ein Whisky-Wetttrinken geliefert.

"Also, was dann morgen so brüllt und knurrt ist also ein Tiger", meinte Brittany dazu nur und half ihrem Mann, ins beiden zugeteilte Gästezimmer zu torkeln.

"Wie heißt das sechste Gebot? Du sollst nicht ehe brechen, bevor nicht mindestens ein Eimer am Bett steht", bemerkte Julius dazu. So teleportierte er noch einen leeren Putzeimer zu Brittany ins Zimmer. Er hörte dann noch ihre Gedankenstimme:

"Wofür soll der sein, für oben oder unten?"

"Oben", schickte Julius zurück.

"Okay, dann materialisiere ich ihm noch einen großen Nachttopf, falls ich den nicht gleich wickeln muß."

"Nacht!" Wünschte Julius dann mit hörbarer Stimme. Aus allen belegten Zimmern bekam er Antwort.

"Volles Haus", meinte Julius. "Langweilig wird's so nicht. Komme mir vor wie bei der Familie Walton."

"Walton, Muggel oder Zauberer."

"'ne Familie aus dem Fernsehen. eine Serie, die älter ist als ich selbst und in einer Zeit spielt, wo unsere Eltern noch nicht geboren waren. Da hörte jede Geschichte mit Gutenachtgrüßen von jedem an jeden auf."

"Langweilig wird's nicht. Wir können immer noch was neues voneinander lernen", sagte Millie darauf und rollte sich an Julius heran. Er gab ihr einen Gutenachtkuß. Sie meinte dann keck: "War das schon alles?"

 

__________

 

Am Montag hatten Millie und Julius wieder unterschiedliche Dienstzeiten. Millie nahm die Hausgäste mit ins Château Tournesol, dem Familienstammsitz der Latierres. Währenddessen kümmerte sich Julius um neue Besucher aus den USA, die über Blitzeulen erfahren hatten, dass es sich tatsächlich lohnte, ihrer Mannschaft zuzuschauen. Ebenso begrüßte er Besucher aus Kanada und verspätete Fans der australischen Mannschaft, die keine Karten mehr für das erste Spiel bekommen hatten und Optimistisch auf das Weiterkommen von Rhoda Redstones Mannschaft gehofft hatten. Allerdings mußte er auch Besucher aus Kanada verabschieden, die wegen der teuren Karten und der hohen Flohnetzkosten auf einen großen Portschlüssel warten mußten, um in ihre Heimat zurückzukehren. Er freute sich, den Zauberkunsthandwerker und Zauberstabmacher Ruben Dexter zu treffen. Seine Schwester Samantha würde vorerst das gemeinsame Geschäft im Weißrosenweg von New Orleans führen. Ruben erkundigte sich nach den Reportern und verzog das Gesicht, weil Lino sicherlich in der Nähe war. Julius nickte nur und schrieb mit Zauberfadenschrift in die Luft, daß er so an Linos Ohren vorbeitexten konnte. Ruby Dexter grinste und schrieb mit Zauberfadenschrift zurück:

"Weil ich nicht weiß, ob die das mitkriegen darf, junger Sir. Aber weil Sie Sam und mir das mit den Latierres damals möglich machten interessiert es Sie ganz bestimmt, daß wir einen dicken Batzen an den Cogisons verdienen, weil die in unserer größten Zauberklinik mehrere auf einmal bestellt haben, um die Sprachentwicklung von Babys und Kleinkindern zu erforschen." Julius nickte und schrieb zurück:

"Ab welcher Lebenswoche?"

"Hat mir die gute Madam Greensporn nicht gesagt", war die mit silbernen Leuchtbuchstaben in die Luft geschriebene Antwort. Dann wischte Ruben Dexter alles geschriebene mit einer locker aus dem Handgelenk geführten Zauberstabbewegung aus. "Sie haben's aber exzellent drauf, Mr. ähm, wie heißen Sie jetzt? - A ja, Latierre."

"Die halten uns auch hier sehr stramm auf Kurs, was die ZAGs und UTZs angeht", erwähnte Julius.

"Ich habe für den nächsten Dienstag einen Termin mit Prinzipalin Wright. Können und dürfen Sie mir sagen, wo ich sie treffen kann?" Julius zog einen Notizzettel aus seinem Dienstumhang und schrieb Mr. Dexter die Adresse in Millemerveilles auf. Er bedankte sich und ließ sich dann zum südöstlichen Zeltlager führen, wo er aus seiner Umhangtasche ein briefumschlaggroßes Etwas zog. Er zog an zwei sehr dünnen Kordeln und warf das viereckige Etwas in die Luft. Darauf entfaltete es sich zu einem erst kleinen und dann wie aufgeblasen größer werdenden Zelt, das wie ein natürlich gewachsener Berg im Maßstab 1:1000 nachempfunden war. Julius erkannte winzige silberne Rinnsale, die wie Gebirgsflüsse an den herausragenden Flanken herunterrannen. Der Gipfel des Berges glänzte so weiß in der Sonne, als läge dort hoher Schnee. Julius konnte sogar Gebilde wie Gletscher erkennen. "Angeber", meinte einer der Bewohner des Zeltlagers zu Ruben Dexter. Er sprach Französisch, das Dexter nicht konnte. Deshalb faßte er das so auf, daß jemand sein Zauberzelt zur Kenntnis nahm und rief laut wie ein Marktverkäufer:

"Dexters tragbarer Berg, paßt in jede Umhang- und Hosentasche! Auf Anfrage lieferbar in der Erscheinungsform beliebter Berge der Welt vom Brocken bis zum Everest. Bietet Platz für bis zu zwanzig Personen mit Gepäck und Proviant! Preis auf Anfrage!"

"Ich weiß nicht, ob Madame Latierre das so gerne hätte, wenn Sie hier Werbung machen, ohne die entsprechende Lizenz zu erwerben, Sir", hakte Julius vorsichtig nach, weil doch viele auf das Zelt blickten.

"Unsere Arbeit wirbt für sich selbst", sagte Ruben Dexter, während mehrere Jungen aus den Zelten kamen und nachsehen wollten, wer da so laut gerufen hatte. Außer dem einen Zauberer, der gerade "Angeber" gemurrt hatte, traten noch andere Erwachsene heran.

"Junger Mann, fragen Sie den enthusiastischen Herren bitte mal, was für ein Berg das ist", sagte eine ältere Hexe, die Französisch mit deutschem Akzent sprach. Julius gab die Frage weiter.

"Das hier ist eine Nachbildung des Mount McKinley, des höchsten Berges der USA", erwiderte Ruben Dexter. Die ältere Hexe bat Julius darum, dem Herren aus Amerika zu übersetzen, ob er nur Besitzer oder Hersteller dieses Zeltes sei und ob es auch Zelte wie andere Berge gab. Darauf grummelte der Zauberer von eben:

"Hat dieser Yankee gerade groß rumgebrüllt. Hey, Monsieur Latierre, sagen Sie ihrer Belle-Maman, daß die 'n Schild aufstellen soll, daß wir in den Stadien schon genug Reklame kriegen und uns die Leute hier am Lagerplatz damit gestohlen bleiben können. Sagen Sie dem Yankee, daß wir hier in Frankreich sind, wo es noch einen gewissen Anstand beim Anpreisen von Sachen gibt."

"Moment, junger Sir, hat der ältere Sir mich gerade als Yankee bezeichnet?" Fragte Ruben Dexter. Julius nickte und schob sofort nach: "Weil er nicht weiß, daß Sie aus New Orleans Stammen, Mr. Dexter. Das müssen Sie ihm nachsehen."

"Mr. Dexter ist bereit, zu akzeptieren, daß er nicht ohne Erlaubnis Werbung machen darf und möchte darauf hinweisen, daß er aus New Orleans kommt und nur die in den Nordstaaten der USA Yankees genannt werden. Sie könnten nämlich sonst Krach mit einem Zauberer aus Alabama oder Mississippi kriegen, wenn Sie den einen Yankee nennen, Monsieur."

"Ach ja, die alte Bürgerkriegsrivalität", grummelte der Zauberer, der Mr. Dexter einen Angeber und Yankee genannt hatte. Julius sagte dann noch auf Englisch, daß er seine Schwiegermutter fragen wolle, ob es nötig sei, ein Schild mit Richtlinien für Zeltlagerbewohner aufzustellen, das über die normalen Anstandsregeln hinausging, wie sie seit einigen Tagen auch auf einem großen Schild nachzulesen waren, das in der Lagerplatzmitte bei den Kiosken stand.

"Entschuldigung, die Dame und die Herren, aber ich muß jetzt wieder zurück zum Portschlüsselankunftsplatz. Vertragen Sie sich bitte gut miteinander, dann haben Sie alle Spaß an der Weltmeisterschaft." Er wartete keinen Abschiedsgruß ab und disapparierte so leise er konnte.

Als Julius Dienstfrei hatte nutzte er Millies Abwesenheit und besorgte für sie ein Geschenk zum Hochzeitstag, für das er mehrere Dutzend Galleonen ausgab. Er versteckte es so, daß er es schnell finden konnte. Danach reiste er per Flohpulver ins Château Tournesol. Dort sah er Gloria zu, wie sie gegen seine Schwiegergroßmutter Ursuline Schach spielte, während Pina mit Brittany auf dem Latierre-Hof war und die großen Kühe besuchte. Das brachte ihn dazu, aus dem Schloß direkt zum Latierre-Hof zu apparieren.

Es gelang ihm, genau dort anzukommen, wo er hinwollte. Das war nicht selbstverständlich. Denn einmal hatte ihn die besondere Verbindung zwischen der Flügelkuh Artemis und ihm genau unter ihrem Bauch apparieren lassen, obwohl er am Haupthaus herauskommen wollte. Er begrüßte seinen Schwiegeronkel Jean, der mit seinen Söhnen Boreas und Notus auf der Terasse spielte.

"Babs ist mit euren beiden Gästen Brittany und Pina bei Temmie, Julius. Temmie hat ihren Sprechsack um." Julius nickte und disapparierte, diesmal, um dort zu sein, wo Temmie War. Diesmal kam ihm das übliche Zusammenstauchen im Transit zwischen Hiersein und Dortsein nicht so bedrückend vor. Es war, als habe er nur kurz geblinzelt, um fast punktgenau unter Temmies Euter zu stehen. Pina sah ihn verdutzt an. Temmies Cogison blökte:

"Julius steht bei mir."

"Joh, großes Mädchen. Wie geht's dir und Orion?"

"Kind und ich gut", blökte das Cogison zur Antwort. Wenn die Flügelkuh es trug würde sie wohl nicht mentiloquieren, dachte Julius.

"Es ist ganz erstaunlich, daß dieses Wesen wie ein Menschenkind von drei oder vier Jahren sprechen kann", sagte Brittany.

"Ich hab's ihr übersetzt, was das Ding da sagt", sagte Pina. Dann sah Julius seine Schwiegertante. Diese mentiloquierte die Frage, ob er genau dort ankommen wollte oder doch anderswo apparieren wollte.

"Ich war schon beim Haus. Da bekam ich gesagt, ihr seid hier", sagte Julius mit hörbarer Stimme, womit er Barbara Latierres Frage beantwortet hatte.

"Und das in ihr liegende Kalb gehört dir dann auch, Julius?" Fragte Pina ihren früheren Mitschüler.

"Sagen wir es so, Pina: Bis Temmie es nicht mehr bei sich trinken lassen möchte gehört es zu ihr. Dann darf ich entscheiden, wo es wohnt", antwortete Julius.

"Also deine Schwiegertante und Aurora Dawn können mir nichts mehr erzählen. Wenn sie dort bei reiner Pflanzenernährung ein gesundes Kind zur Welt bringen kann kann ich das auch", bekräftigte Brittany und deutete auf Temmie.

"Das hätte Ihre Mutter jetzt aber besser nicht hören dürfen, Mrs. Brocklehurst", erwiderte Barbara Latierre auf Englisch. "Denn die Tochter einer ausgewiesenen Tierwesenexpertin sollte an und für sich wissen, daß ein Wiederkäuer wie eine Latierre-Kuh ein ganz anderes Verdauungssystem besitzt als wir Menschen. Insofern verwerten Latierre-Kühe ihre pflanzliche Nahrung wesentlich vollständiger als wir es können."

"Es gibt genug vegan lebende Frauen, die gesunde Kinder bekommen und großgezogen haben", sagte Brittany. Doch Julius war sich da nicht so sicher, ob gerade im Wachstum nicht viel mehr tierisches Eiweiß nötig war, wenn ein Veganerinnenkind abgestillt war. Das sagte er auch.

"Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung nur alles Glück wünschen, daß Sie wohl nicht in die Lage kommen werden, von meiner Schwester Béatrice geburtshilflich betreut zu werden, Mrs. Brocklehurst. Sie ist da sehr unerbittlich, was die Gesunderhaltung der ungeborenen wie gerade erst geborenen Kinder angeht."

"Bin mit Madam Palmer schon gut genug bedient", grummelte Brittany. Dann sagte sie noch: "Gut, das mit dem anderen Verdauungssystem muß ich wohl einsehen. Ich muß ja nicht wiederkäuen." Alle lachten. Temmie fragte mit Hilfe des Cogisons:

"Ist die Große auch mit Kind?" Brittany mußte warten, bis Pina ihr das übersetzt hatte und schüttelte den Kopf.

"Nein, ich habe noch keins, und wenn dieser Blödmann von den Windriders sich nicht bald anders entscheidet geht das wohl erst in drei Jahren. Ich war so bescheuert, einen Vertrag zu unterschreiben, der mich bei erfolgreicher Saison für drei Spielzeiten an die Mannschaft bindet. Habe ich erst mitgekriegt, als ich gefragt habe, ob ich nach der nächsten Saison eine Babypause einlegen kann. Da hat der Typ nur gelacht und gemeint, daß ich das gerne machen könne, wenn ich ihm dafür die Ablösesumme bezahle, die ein anderer Verein für mich hinlegen müßte, um mich vor den nächsten drei Jahren aus dem Vertrag herauszukaufen. Schon lustig zu wissen, daß ich den Windriders schon neuntausend Galleonen wert bin. Kore hatte ja Glück, daß ihre Schwangerschaft nicht als beabsichtigt herbeigeführte Spielunfähigkeit gewertet wurde."

"Ich dachte, ihr seid eine fortschrittliche Nation", feixte Julius und sah Barbara und Pina an, die mithörten. "Mittlerweile gibt es bei den Quidditchmannschaften Mutterschutz, daß eine Hexe nicht aus der Mannschaft fliegt, wenn sie Mutter wird und auch keine Ausfallsstrafe zahlen muß. Habe ich mir vor einer Woche mal durchgelesen, als es um die Mannschaftsregeln ging."

"Deshalb will ich auch nicht in den Profi-Sport", schnarrte Pina. "Ist wie bei den Fußballspielern. Du gehörst dir echt nicht mehr selbst."

"Das betrifft mich jetzt auch nicht sonderlich", sagte Barbara Latierre. "Da unterhaltet ihr euch besser mit Hippolyte oder leuten aus ihrer Abteilung."

"Große ist traurig oder ärgerlich?" Cogisonierte Temmie.

"Das eine und das andere", bestätigte Brittany. Dann sagte sie noch: "Unsere Vereine sind da gründlicher, was die Absicherung ist. Die internationale Verordnung zur Gleichbehandlung von Hexen und Zauberern in gefährlichen Berufen wird von denen durch eine Art Selbstverpflichtungsklausel im Vertrag aufgehoben, daß jemand während der Vertragsdauer nichts anstellt, was ihn spielunfähig macht. Aber da ist wohl noch nicht alles drüber gesagt."

"Stimmt, das ist nicht so leicht zu klären. Freiwillige Verpflichtungen könnten die allgemeinen Gleichbehandlungsrichtlinien umgehen. Du hast den Vertrag ja auch unterschrieben, als du noch nicht verheiratet warst", sagte Julius zu Brittany. Diese nickte.

"Wundere mich, daß der dann nicht noch mal unterschrieben werden mußte, als du deinen Namen geändert hast", warf Pina ein. Julius nickte und bekam ein nachdenkliches Gesicht. Doch Brittany würgte jede kleine Hoffnung ab.

"Neh, der ist wie ein üblicher Arbeitsvertrag, der bei einer gesetzlich bestätigten Namensänderung die Vertragsbedingungen ohne neue Verhandlungen verlängert. Netter Versuch", erwiderte Brittany. Temmie cogisonierte:

"Habe Durst. Muß trinken." Sie wartete ab, bis die Besucher des Hofes weit genug zurückgetreten waren. Dann trottete sie los. Der Boden erzitterte einige Sekunden lang. Dann hob Temmie ab und flog federleicht wirkend zur großen Wasserstelle der Latierre-Kühe hinüber.

"Ui, daß die mit dem Bauch noch so elegant fliegen können wußte ich nicht", staunte Brittany.

"Wir können ihr nicht raten, nur zu laufen", grummelte Barbara. Julius war sich sicher, daß Temmie die gewonnenen Zauberkräfte Darxandrias nutzte, um sich federleicht zu machen. Dann konnte die mit dem zehnfachen Gewicht noch feengleich durch die Luft gleiten.

"Ich kann euch noch zeigen, wie ein bereits geborenes Kalb aussieht", bot Barbara Latierre an und führte Julius und seine Gäste zu einer Weide, wo die Flügelkuh Demeter mit anderen Kühen zusammenstand. Sie säugte ein Kalb, das schon so groß wie eine gewöhnliche Kuh war und einen Flaum weißen Fells besaß. Allerdings fehlten dem Kalb die Hörner, und das Maul war etwas kürzer als bei den erwachsenen Tieren. Julius erkannte, daß es eine kleine Latierre-Kuh war.

"So groß wie das Baby ist, so niedlich sieht es aus", meinte Pina. "Wie heißt es?"

"Sie heißt Rosmerta, wie meine Ururgroßmutter", sagte Barbara. "Bei der Geburt wog sie bereits 300 Kilogramm. War nicht einfach, sie zu wiegen, ohne ihre Mutter gegen uns aufzubringen. Aber Demeter kennt uns und ist eine von den ruhigeren Exemplaren. Allerdings würde sie jeden Fremden wohl auf Abstand halten oder niedertrampeln. Also bitte Abstand halten!" Pina nickte.

Sie sprachen noch eine Weile über die Latierre-Kühe. Brittany hatte von Temmie erfahren, daß sie sich nicht eingesperrt oder schlecht behandelt fühlte. Ihr waren die Rückhalteringe aufgefallen, die die anderen Kühe trugen. Das hatte Barbara Latierre damit begründet, daß das Cogison nur richtig festgemacht werden könne, wenn der Rückhaltering abgenommen werde. Brittany hatte diese Begründung abgenommen.

Gegen sechs Uhr kehrten Julius, Brittany, Pina und Linus zurück zum apfelhaus. Millie hatte einen Zettel hinterlassen, daß sie noch bis nach dem Spiel Peru gegen Angola im Stadion zu tun habe und Julius sich mit den Gästen einen schönen Abend machen möge.

"Gloria bleibt wohl mindestens bis zwölf Uhr weg, weil sie mit meiner Schwiegergroßmutter fünf Partien hintereinander spielen will und dann wohl gleich zum Abendessen im Château bleibt", sagte Julius noch. So konnten die vier noch einmal das Freizeitangebot am Rande der Weltmeisterschaft bestaunen.

Gegen zehn Uhr empfing Julius eine mentiloquismusbotschaft von Béatrice Latierre: "Mußte deine frühere Mitschülerin dringend zu Bett schicken. Totale Selbstüberschätzung ihrer körperlich-geistigen Ausdauer. Werde sie nicht vor morgen früh neun Uhr aus meiner Obhut entlassen."

"So heftig?" Gedankenfragte Julius zurück.

"Ausreichend, um sie nicht mehr flohpulvern zu lassen. Ebenso verbietet sich, daß sie anmentiloquiert wird. Mußte ihr ein Antimentiloquismusarmband umlegen, um diese Anweisung durchzusetzen", erhielt er zur Antwort. Die Verbindung war so gut, daß er fragte, wo sie gerade sei. "Mit dem Kopf bei euch im Kamin. Dachte, ihr seid schon zu Hause", war die Antwort. Julius kehrte daraufhin per Apparition in das Apfelhaus zurück.

"Du hättest Gloria doch zu uns bringen können. War sie damit einverstanden, bei euch zu schlafen, ohne ihr Nacht- und Waschzeug?"

"Auf derartige Untergeordnetheiten bin ich gar nicht erst eingegangen", sagte Béatrices Kopf im Kamin. "Ich mußte sie sogar mit einem Fixierzauber an das Gästebett fesseln. Das habe ich zuletzt bei meiner Mutter gemacht, als sie in der achtunddreißigsten Woche noch meinte, auf einem Besen zu reiten."

"Und wenn sie mal muß?" Fragte Julius.

"Ich habe ihr eine vergrößerte Reisewindel für erwachsene Durchfallpatienten mit Kreislaufversagen angelegt", mentiloquierte Béatrice nur. Dann wünschte sie Julius und den anderen derzeitigen Hausbewohnern auch noch eine gute Nacht.

Millie apparierte um halb elf. "Ui, Perus Spieler haben die von Angola in Grund und Boden gestampft. Die konnten am Ende froh sein, als Perus Sucher den Schnatz gefangen hat. Tausendzweihundert zu sechzig Punkten ist es ausgegangen. Wo sind die anderen?"

"Britt und Linus sind noch beim Konzert im Musikpark. Pina ist mit ihren Eltern zum Farbensee, um da noch einmal mit dem U-Boot zu tauchen, und Gloria bleibt bei Oma Line und Tante Trice im Château. Der ist das heftige Schachspielen mit Oma Line nicht gut bekommen."

"Wie, der?" Fragte Millie. Die hat doch in Beaux bei euch am Turnier mitgespielt."

"Hoffentlich ist es nichts ernstes, was sie selbst nicht vorausgesehen hat", sagte Julius. Millie nickte. Mädchen und Frauen konnten schon gewisse Unpäßlichkeiten bekommen.

Pina wurde von ihrer Mutter um halb zwölf abgeliefert. Mrs. Watermelon sagte noch zu Julius

"Schon interessant, mal in einem richtigen U-Boot zu sitzen. Aber ich denke, ihr wolt heute noch mal ins Bett, oder?" Julius bejahte es. Er verabschiedete sich von Mrs. Watermelon und bat Pina ins Haus.

"gloria bleibt die Nacht bei Meiner Schwiegerverwandtschaft. Die hat sich offenbar total überanstrengt", erwähnte Julius.

"Fünf Partien Schach? Hintereinander weg? Grenzt wirklich schon an Wahnsinn", sagte Pina dann noch und machte sich auf den Weg ins Gästebad, in dem sie ihr Waschzeug hatte.

 

__________

 

Julius begann den Dienstagmorgen mit einem Dauerlauf um den See der Farben. Das war was anderes als mehrmals um den Zentralteich von Millemerveilles. Nach einer Runde fühlte er sich nun warm genug und bereit für den freien Tag. Gloria Porter kehrte um elf Uhr Morgens in das Apfelhaus zurück. Sie wirkte betreten und immer noch etwas ausgelaugt.

"Also, die wollt ihr als Hebamme haben. Wenn die mit nichtschwangeren Hexen schon so unerbittlich umspringt ...", sagte sie und erzählte dann, was ihr am Abend widerfahren war. Sie endete damit: "Und dann hat mir diese rotblonde Hexe noch eine Windel angelegt und gemeint, jetzt hätte ich die Nacht Ruhe. Na ja, die fünfte Partie muß ich zumindest nicht auch noch verlieren. Eure Tante hat ihrer Mutter klargemacht, daß ich bis auf weiteres keinen Schachmarathon spielen soll."

"Marathon ist gut. Unterhalt dich mal mit meiner Mutter", grinste Julius.

"Ja, weil diese runde Matriarchin andauernd meinte, ich könne besser spielen und sollte nicht tiefstapeln, weil sie für unnötige Zeitverschwendung zu alt sei und ich mit meinem gerade richtig losgehenden Leben auch noch mehr vorhätte, als freiwillig Schachspiele zu verlieren."

"Hat meine Schwiegertante Patricia mir im letzten Schuljahr erzählt, daß alle, die in Beauxbatons oder sonst in Frankreich Zaubererschach gespielt haben in ein Schachregister eingetragen würden, wie oft sie gewonnen hätten und gegen wen und wo."

"Hat die mir dann auch gesagt, weil ich meinte, die hätte es von dir, daß ich so gut sein soll. Sei es, ich weiß jetzt, daß ich an bestimmten Tagen besser keine unnötigen Anstrengungen machen soll und werde zusehen, nicht in Frankreich eine Hexenheilkundlerin nötig zu haben, wofür auch immer."

"Das Turnier von Millemerveilles findet ja nicht statt", sagte Julius. "Sonst hätten die noch überlegen müssen, wen von den vielen Schachspielerinnen und Schachspielern die hätten auswählen müssen." Millie und Gloria nickten.

"Wußten deine Eltern, daß du im Sonnenblumenschloß übernachten wolltest, Gloria?" Fragte Millie.

"Wenn es denen von euch keiner erzählt hat wissen sie es nicht. Dann dürfen wir es auch gerne dabei belassen. Die nette Tante Heilerin, die mich gestern ins Bett gelegt und zugedeckt hat wollte um eins noch einmal bei mir vorbeisehen. Vorher kann ich nicht zu denen hin, sonst taucht die ausgerechnet da auf, wo ich mit Mum und Dad, vielleicht noch mit Mel und Tante Geraldine irgendwo in der Menge bin."

"Aber was essen darfst du doch vorher, oder?" Fragte Brittany.

"Ich bin noch satt vom Frühstück. Eure Tante Patricia meinte, ich solle ruhig mal die Städtermischung der Latierre-Kuhmilch trinken. Wußte nicht, daß ein Becher davon so satt macht. Aber gutes Baguette und leckeren Käse haben die aufgefahren und eine Kirschmarmelade zum reinsetzen. Wäre aber nichts für Oma Grace, die zählt jedes Gramm Süßes noch nach hundert Tagen auf der Waage mit, behauptet sie."

"Ich würde sie auch gerne mal kennenlernen", sagte Julius.

"Dann besprich das mit Mum, daß ihr am fünfzehnten August auch zu Tante Gretas und Onkel victors Sickelhochzeit kommt."

"Sickel? Achso, Silberhochzeit, gleich fünfundzwanzig Jahre verheiratet", vermutete Julius.

"Neh, Julius, das stimmt nicht", grinste Gloria nun erstmals erheitert. "Neunundzwanzig Jahre, so viele Jahre, wie Knuts auf eine Sickel gehen."

"Ui, dann wäre eine Galleonenhochzeit ja das siebzehnfache von neunundzwanzig. Ähm, sehr viele Jahre", erkannte Julius.

"Deshalb ist das schon beachtlich, eine Handvoll-Sickel-Hochzeit feiern zu können, also fünf mal neunundzwanzig."

"Hundertwieviele Jahre sind das?" Fragte Pina mit großen Augen.

"Gab es auch nicht so viele Paare von", sagte Linus Brocklehurst. "Zehn oder elf waren das, wenn ich das von meiner Mom richtig im Kopf behalten habe."

"Hundertfünfundvierzig Jahre", gab Julius die Zahl an.

"Schon eine merkwürdige Vorstellung, so lange verheiratet sein zu können, von einem ins andere Jahrhundert", sagte Pina. Dazu sagten die anderen nichts. Millie und Julius sahen sich nur an, ebenso Brittany und Linus.

"Hast du alles Gemüse gekriegt, was ich auf den Zettel geschrieben habe, Millie?" Fragte Brittany.

"Alles und noch ein paar Gemüsesorten mehr. Die Gemüsefrau war ganz Glücklich, daß mal jemand so viel von ihr haben wollte", antwortete Millie.

"Okay, dann sollten wir gleich loslegen, wenn wir das Menü bis eins fertig haben wollen."

"Gibt's nur Pflanzenzeug?" Fragte Pina.

"Ich mach dazu indisches Lammcurry, da kann ich auch Gemüsesorten drin verarbeiten", erwiderte Millie. Julius machte ein seliges Gesicht, Pina auch.

Millie wollte mit Brittany gerade an den Herd in der Ecke, um loszulegen, als die magische Türglocke klang. Julius öffnete und sah Barbara Latierre mit einer Aktenmappe unter dem Arm dastehen. Sie trug diesmal nicht ihr Cowgirlkostüm wie gestern noch, sondern einen schlichten, graublauen Umhang.

"Guten Morgen Monsieur Latierre, mein direkter Vorgesetzter hat mich darum gebeten, mit Mrs. Brittany Brocklehurst über den Rücksendeantrag für das US-amerikanische Zauberwesen Bob Bigfoot zu sprechen, da ihr schriftliches Gesuch nicht nur an unsere Abteilung, sondern auch an die US-amerikanischen Kollegen ging. Diese baten uns um eine genaue Feststellung der Sachlage."

"Mrs. Brocklehurst ist in der großen Wohnküche", sagte Julius förmlich klingend und gab den Weg ins Haus frei.

"Guten Morgen zusammen. Ah, Mrs. Brocklehurst, ich wurde beauftragt, mit Ihnen über ihre schriftliche Eingabe im Bezug auf den Großfuß der US-Quidditchnationalmannschaft zu sprechen." Brittany hatte bereits eine Schürze umgebunden. Sie sah Madame Latierre an und nickte. "Okay, wenn wer für mich an der Zubereitung arbeitet kein Problem", sagte sie. Julius erklärte sich bereit. Wenn sie keine eigenen Rezepte ausprobieren wollten mußten Gäste bei ihm nicht an den Herd. Brittany hängte die Pergamentrolle mit dem Rezept vor ihm hin. Er übernahm ihre Schürze, während Millie ihr und ihrer Tante ein kleines freies Zimmer zeigte.

Die Unterredung mochte an die Zwanzig Minuten gedauert haben, als Brittany wieder nach unten kam. "Also, die Art, wie Bob gehalten wird wird noch einmal überprüft. Sollten die Bedingungen unerträglich sein, darf er wieder nach Hause", sagte Brittany. "Ich ziehe meine Vorwürfe gegen die Zauberwesenbehörde zurück, wenn sie die Prüfung noch einmal durchführt. Ich kann nur hoffen, daß die USA gegen Belgien rausfliegen. So interessiert sind die bei uns nicht am Quidditch, daß das eine Katastrophe wäre." Barbara Latierre wies darauf hin, daß die Überprüfung auch ergeben könne, daß der Großfuß keine körperlich-seelischen Probleme mit seiner Unterbringung und seiner Verwendung habe. Dann wäre es den Haltern möglich, gegen Brittany eine Anzeige wegen Rufschädigung zu erstatten. Damit konnte Brittany aber leben. Sie bat Julius darum, ihr die Schürze zurückzugeben und sie da weitermachen zu lassen, wo er recht erfolgreich angelangt war.

Julius nutzte die nun freie Zeit, um alle E-Mails der letzten Tage einzusammeln. Zachary Marchand hatte eine Antwort auf die letzte Nachricht geschickt.

Hallo Julius,

diese vereinigung ist gefährlich. Wir vermuten, daß sie sogar schon Verbindungen mit gewöhnlichen Verbrechergruppen aufgenommen hat. Falls das stimmt, habe ich hier im sonnigen New Orleans demnächst wohl eine Menge zu tun, sofern die mich nicht von meiner Firma auch auf Dienstreise schicken. Jedenfalls schrecken die auch nicht davor zurück, harmlose Menschen zu vergiften. Näheres darf ich leider nicht ausführen, nur daß wir im Moment weltweit in hoher Alarmbereitschaft sind.

Was das mit deiner Mutter angeht, so ging ich eigentlich davon aus, daß sie mir ihre persönliche Veränderung früher mitteilen würde. Gut, sie wird wohl geahnt haben, daß diese Veränderung mir nicht so gefällt, zumal sie ja dadurch noch stärker in ihrem Beruf eingespannt ist und ja auch noch Fortbildungskurse machen mußte. Sie schrieb mir, daß sie den wichtigsten jetzt wohl geschafft hat. Aber ob sie je so gut mithalten wird wie ihre Kollegen es wollen weiß ich nicht. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, wie das ist, eine besondere Ausbildung zu haben, von der längst nicht jeder was wissen durfte. Von ihrer Umstellung und Ausbildung darf sie ja auch nicht jedem erzählen. Deshalb ist das für mich ziemlich schwer zu verdauen. Aber wenn du mit dieser Veränderung leben kannst ...

Ich hoffe, die sehr frühe Einbeziehung in wichtige Angelegenheiten des Lebens hat dich bisher nicht zur Verzweiflung getrieben und daß dies auch nicht passiert. Ich bin am Wochenende bei den Eheleuten in der Nähe von Denver. Die sagten mir, daß ich euch schön grüßen solle. Sie würden sich noch mal mit euch in Verbindung setzen, wenn das Großereignis bei euch vorbei sei.

Bis dahin

mfg

 

Zachary Marchand

 

Julius las die Nachricht noch einmal. Nocturnia arbeitete mit normalen Verbrechern zusammen und verwendete ein tückisches Gift? Er hatte mal davon gehört, daß versucht worden sei, den Keim des Vampirseins wie einen Giftstoff ohne direkten Kontakt zwischen Vampir und Mensch zu übertragen. Sollte Nocturnia diesen Stoff perfektioniert haben dann wahrhaftig gute Nacht! Womöglich konferierten die Zaubereiminister der Welt bereits deswegen, wie man gegen eine mögliche Vampirepidemie vorgehen könne. Und er, Julius, hatte sich damals Vorwürfe gemacht, weil durch den Ruf der Wolkenhüter unschuldig in Schlangenkrieger verwandelte Menschen gestorben waren. Wenn Vampire nicht zu einer friedlichen Koexistenz bewegt werden konnten, mußten sie wohl getötet werden. Dafür gab es Vampirjäger im Zaubereiministerium. Einen winzigen Moment fragte er sich, ob das vielleicht sein Beruf werden mochte. Dann schüttelte er den Kopf. Die Blutsauger sollten ihn genauso in Ruhe lassen wie die Abgrundstöchter oder die Verschmelzung zwischen Anthelia und Naaneavargia. Bei dieser Feststellung fragte er sich, wie die neue Hexenlady auf diese Bedrohung namens Nocturnia reagieren würde. Denn wenn sie diesen Zombiemeister in New Orleans erledigt hatte, dann würde sie nicht tatenlos zusehen, wie eine Vampirclique die Welt unter sich aufteilte. Zach Marchand hatte echt keinen beneidenswerten Job. Und wenn er jetzt von seinem früheren Arbeitgeber in die Firma von Glorias Großmutter Jane gewechselt war, dann hing er da voll mit in allen schwarzmagischen Angelegenheiten drin. Doch auf ihm lastete nicht das Erbe Altaxarrois. Zach konnte irgendwann mit dem einen oder dem anderen Job aufhören.

Julius blickte auf die kleinen Arbeitsfenster auf dem Bildschirm. Sie waren der Draht zu einer Welt, in der die meisten Menschen nicht an Magie oder Zaubertiere glaubten und überhaupt nichts von den ganzen Gefahren wußten, die aus dieser neben ihrer Welt existierenden Welt auf sie übergreifen konnten. Deshalb brauchte es Leute wie Zach Marchand und seine Mutter, die darauf aufpaßten, das die Gefahren der magischen Welt die magielose Welt nicht zerstörten. Er blickte noch einmal auf die Anzeige für das Satellitenmodem. Er sollte jetzt besser die Verbindung trennen. So fuhr er alle Anwendungen herunter. Sein Rechner konnte sich jetzt selbst ausschalten. Er schaltete das Modem aus und verließ den pilzförmigen Schuppen, seine technische Insel in der Welt der Zauberei.

Das Mittagessen war gerade fertig, als Béatrice Latierre durch den Kamin hereinfauchte. "Ah, erwische ich euch alle vor dem Mittagessen", grüßte sie. Millie sah ihre Tante verstimmt an. Doch diese antwortete mit einem sehr anklagenden Blick. Dann wandte sie sich Gloria zu. Diese sagte nur:

"Mir geht es jetzt so gut, wie es mir gehen kann, Mademoiselle. Falls doch was ist laufen in Millemerveilles genug Heiler und Heilerinnen herum, Aurora Dawn zum Beispiel oder Madam Pomfrey."

"Oder Madam Merryweather oder Madame Matine. Ist mir alles bekannt. Aber ich pflege eine Behandlung nicht anderen zu überlassen, wenn ich sicher bin, daß ich sie alleine zu Ende bringen kann", sagte Béatrice.

"Wie gesagt geht es mir gut, und zweitens kann ich mir einen Heiler aussuchen", protestierte Gloria. Doch Béatrice schüttelte nur den Kopf.

"Sicher könnten Sie das, Ms. Porter. Aber die anderen würden mein Vorgehen gutheißen und fortsetzen. Außerdem ist es nur eine Nachkontrolle. Dann sind Sie mich auch schon wieder los." Gloria stöhnte verdrossen auf und ging in Richtung ihres Zimmers. Béatrice folgte ihr.

"Da bist du bei der älteren Kinderholerin aber besser dran, Millie", meinte Linus Brocklehurst. Béatrice wandte sich nur um und sagte:

"Ich denke, das wird meine Nichte besser wissen als Sie, wem Sie sich anvertrauen möchte, Mr. Brocklehurst."

"Nach nur zehn Minuten kehrte die junge Heilerin zurück und sagte, daß Gloria jetzt ruhig zu Mittag essen könne. Sie habe keine bleibenden Auswirkungen der Überforderung mehr festgestellt. Dann verabschiedete sie sich von den Hausbewohnern und flohpulverte zu ihrem Wohn- und Arbeitssitz zurück. Zwei Minuten später kam Gloria an den Tisch. "Neh, hier werde ich besser nicht richtig krank, wenn die schon bei einer harmlosen Überforderung so unerbittlich sind", seufzte sie und ließ sich dann von Brittany vorlegen, weil sie gerne von der fleischlosen Gemüsesuppe was probieren wollte.

Den freien Nachmittag verbrachten die Bewohner des Apfelhauses damit, die Geburtstagsfeier von Julius durchzuplanen, soweit das überhaupt ging. Die Einladungen waren ja alle raus. Die meisten, die er einladen wollte waren sowieso gerade in Millemerveilles oder konnten per Flohpulver eintreffen. Abends hörten sie im Zaubererradio die Aufzeichnung einer Pressekonferenz vom Mittag nach, während der die Kapitäne der zweiunddreißig im Turnier verbliebenen Mannschaften zu ihren ersten Eindrücken befragt wurden. Julius hörte die Stimme Rita Kimmkorns und fragte sich, ob sie nicht wieder hinter irgendwas her sei und dabei nicht gerade zulässige Methoden benutzte.

"Gilbert Latierre, Temps de Liberté, Frankreich", stellte sich Gilbert vernehmlich vor. "Mademoiselle Dornier, wie empfinden Sie die Unterstützung Ihrer Landsleute?"

"Ich empfinde sie sehr groß und auch als große Verpflichtung, bei diesem Turnier unser Bestes zu geben und so weit wie möglich zu kommen", hörten sie Michelle Dornier, die Kapitänin der Franzosen. Linda Knowles fragte nun den Kapitän der US-Mannschaft, ob er sich nicht wünsche, daß die Unterstützung für seine Mannschaft nur halb so groß wäre wie die für die Gastgeber.

"Wir wissen, daß wir einen nicht gerade beliebten Sport betreiben. Aber genau das ist ja unsere Verpflichtung, diesen Sport mit aller Kraft und ganzem Herzen zu betreiben, um ihm die Anerkennung in unserem Land zu verschaffen, die er verdient hat. Daher können wir nur zusehen, möglichst weit zu kommen, maximal den Titel zu gewinnen", sagte der US-Mannschaftskapitän. In dem Stil ging es weiter, drei Stunden lang. Da Julius und Millie morgen früh wieder ihren Ferienberuf ausüben mußten, gingen sie alle um halb elf zu Bett.

 

__________

 

Am Mittwochmorgen kamen mehrere Eulen. Sie brachten die Antworten auf die verteilten oder verschickten Einladungen. Die Porters, Malones, Watermelons und Redliefs würden ebenso kommen wie die Dusoleils, Latierres, Hollingsworths, sowie Whitesands. Madame Faucon räumte ein, daß sie wegen ihrer Verpflichtungen für die Beauxbatons-Gruppe nicht den ganzen Nachmittag anwesend sein könne, aber zumindest kurz vorbeischauen und gratulieren würde. Die Siebzehn sei ja trotz der vorweggenommenen Volljährigkeitserklärung immer noch ein wichtiges Datum im Leben eines magischen Menschen. Aurora Dawn sagte ebenfalls zu. Julius hatte, wenn er schon mehrere ältere Hexen und Zauberer einlud, auch eine Einladung an die Delamontagnes, Lumières und Madame Matine verschickt. Diese würden wegen der ganzen Verpflichtungen jedoch nicht lange genug bleiben können, außer Barbara. Catherine würde mit ihren Töchtern, ihrer Tante Madeleine und Julius' Mutter aus Paris herüberkommen. Damit war die Liste der Gäste vollständig.

"Okay, draußen", legte Julius fest. "Sollen es Linos Ohren mithören. Gegen Rita Kimmkorn spanne ich die unsichtbaren Meldezauber auf. Dann kann die im Tarnumhang oder in welcher Verwandlung auch immer um uns herumschleichen", sagte er.

Gloria bekam den Tagespropheten und mußte verächtlich lachen. "Jetzt hängt sich die Kimmkorn schon an die eigenen Kollegen dran. Das wird ihr aber übel bekommen, Leute." Auf die darauf folgende Aufforderung, vorzulesen, worum es ging las Gloria so ruhig sie konnte vor:

"Reporterromanze am Rande der Weltmeisterschaft. wie kaum ein anderes Ereignis der internationalen Zaubererwelt eignet sich die Quidditch-Weltmeisterschaft hervorragend dazu, Kontakte zu fremdländischen Hexen und Zauberern zu knüpfen, abseits des brutalen Schlachtengetümmels über den Spielfeldern und jenseits des ministeriell durchgeplanten und dem Glück anvertrauten Ablaufs der Durchführung dieses Turnieres, auch zwischenmenschliche Annäherungen zu wagen. Jeder Mensch sehnt sich nach Vertrauten, nach geliebten Partnerinnen oder Partnern. Davon sind wir von der Berichterstattungszunft natürlich nicht frei. So ist es ein zu Herzen gehendes Erlebnis, mit ansehen und miterleben zu dürfen, daß es während der nun schon bald drei Wochen, die Millemerveilles - die schreiben das hier M-i-l-l-m-e-r-v-e-y - Gäste aus dem In- und Ausland beherbergt, zu ersten zärtlichen Annäherungen kommt. Vorgestern, nach dem Interview der US-Amerikanischen Quidditchfreundin Phoebe Gildfork Klammer auf zweiundvierzig Klammer zu - wobei die gerne ein Dutzend Jahre draufsatteln können - ein ganz ungezwungenes Treffen zwischen der US-amerikanischen Kollegin Linda Knowles Klammer auf fünfunddreißig Klammer zu, welche durch ein feines Gehör für weltbewegende Neuigkeiten geachtet wie gefürchtet ist, und dem jungen Reporter, Redakteur und Herausgeber der Zaubererzeitung Temps de Liberté, Gilbert Latierre Klammer auf vierunddreißig Klammer zu kam. - Den Namen schreibt das Blatt hier T-a-m-s d L-i-b-e-r-t-a-y. - Die beiden Kollegen fanden bei mehrstündigen Plaudereien viele gemeinsame Interessen. So wird der erstaunte Leser entzückt zur Kenntnis nehmen, daß Linda Knowles in ihrer Freizeit gerne durch menschenleere Wüsten oder Wälder wandert, auf Bergen herumklettert und Stunden lang auf ihrem Besen über unbesiedelte Landstriche dahinfliegt. Bergsteigen ist auch eines der Steckenpferde von Gilbert Latierre - den Namen hat sie komischerweise richtig geschrieben. - Allerdings, liebe Leserinnen und Leser, wird dieser Kelch voller romantischer Zuversicht von einem winzigen Tropfen Argwohn verdorben. Denn es kann nicht grundweg ausgeschlossen werden, daß es der amerikanischen Kollegin Knowles nicht um die Zuneigung oder gar die Verbundenheit des Kollegen Latierre geht, sondern eiskalte Berechnung ihr Handeln lenkt. Denn Gilbert Latierre hegt von seinem Elternhause her sehr gute Kontakte zu hochrangigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des französischen Zaubereiministeriums und besitzt zu dem mehrere Exklusivveröffentlichungsrechte. Gelänge es Linda Knowles, diese auszunutzen, so könnte sie ein sicheres Standbein in der europäischen Zaubererwelt finden. gilbert Latierre weiß um seine Wirkung auf junge Damen und schämt sich ihrer nicht. Doch selbst die schlaueste Maus kann vom würzigen Speck in eine Falle gelockt werden. Darum steht die große Frage im Raum: Welches Spiel treibt Linda Knowles? Bleiben wir also aufmerksam und beobachten die weitere Entwicklung!"

"Wie naiv ist dieses Weib, zu denken, daß Lino das nicht mitkriegt?" Fragte Brittany Brocklehurst. "Und was Gilbert Latierre angeht, so kann der die glatt wegen Rufschädigung anzeigen."

"Normalerweise würde ein Mensch das können. Aber Reporter wissen, daß sie mit ihren Veröffentlichungen selbst Futter für andre Reportagen sind", sagte Julius. "Wer den Job macht muß das abkönnen. Aber daß sie Linda Knowles unterstellt, sie wolle über Gilbert an seine Verbindungen rankommen ist schon ein Hammer, unter dem die selbst glatt zermatscht werden kann. Abgesehen davon, Britt, falls Lino den Tagespropheten nicht lesen kann hat sie es jetzt von Gloria direkt vorgelesen bekommen und kann es vielleicht noch von anderen Abonenten vorgelesen kriegen. Wenn die wirklich sowas macht, was die Kimmkorn ihr da ans Bein bindet, dann wird sie reagieren."

"Hier, noch so'n Teil von der Kimmkorn", grummelte Gloria. "Amerikanische Ministergattin täuscht Schwangerschaft vor", schreibt die hier. Dann las sie den Artikel auch vor. Darin warf Rita Kimmkorn Godiva Cartridge vor, sie trüge kein Kind unter dem Herzen, sondern einen besonders hautnah gefärbten, mit sich selbst unregelmäßig aufblähenden Luftsäcken gefüllten Beutel vor dem Bauch, um eine voranschreitende Schwangerschaft vorzutäuschen. Rita war es verdächtig vorgekommen, daß Zaubereiminister Cartridge sich nicht so behutsam um seine Frau kümmere. Außerdem sei die Dame dort, wo sie sich unbeobachtet fühlte immer normal gegangen, ohne die Auslenkungen eines zusätzlichen Gewichtes zu erleben. Nur dort, wo sie sicher sein konnte, daß sie gesehen wurde, sei sie so gegangen, wie es von einer werdenden Mutter in dieser Phase der Schwangerschaft vorstellbar sei. Womöglich benutze sie auch eine in den Bauchbeutel eingearbeitete Vorrichtung, die die Herzschläge des Ungeborenen nachmache, um selbst eine feinohrige Beobachterin wie die Kollegin Linda Knowles zu täuschen. Offenbar könne Godiva Cartridge keine Kinder empfangen oder zumindest nicht von ihrem Ehemann schwanger werden. So könnte der angeblich gemeinsame Sohn Maurice womöglich das Ergebnis einer außerehelichen Beziehung sein.

"Okay, Leute, damit hat die sich jetzt sicher ein Grab geschaufelt, zumindest für ihren Job als Reporterin", sagte Julius und mentiloquierte Brittany und Gloria an, ihm in das kleine Zimmer zu folgen, wo Brittany das Treffen mit Barbara gehabt hatte. Millie und die anderen folgten wortlos. Als er einen Klangkerker erzeugt hatte sagte er:

"Pattie Latierre hat das mit der normalen Gangart erwähnt, als das Eröffnungsspiel war. Und Mrs. Cartridge trug keinen Schalldämpfungsumhang, um das Ungeborene vor dem Krach zu schützen. Deshalb kann das möglich sein, daß diese Frau eine Schwangerschaft vortäuscht. Aber die eigentliche Frage hat Kimmkorn nicht gestellt, nämlich die, ob es sich bei Mrs. Cartridge wirklich um Mrs. Cartridge handelt."

"Du kannst mit Vielsaft-Trank keine Doppelgängerin einer Schwangeren werden, Julius", sagte Millie. Julius nickte und grinste.

"Stimmt, aber durch Verwandlung geht das schon. Aber dann geht eben nur das äußere Erscheinungsbild und mit dem Varivox-Zauber auch die Stimmanpassung." Pina sah ihn leicht irritiert an. Julius führte den Varivox-Zauber vor, der im Buch über weiterführende Zauberkunst beschrieben stand, dessen Anwendung jedoch nur Kundschaftern und Katastrophenbeseitigungskräften des Ministeriums erlaubt war. Er sprach nun mit Millies Stimme weiter:

"Also, mit dem Zauber und einer präzisen Teilverwandlung geht sowas. "Dann hob er mit "Naturavox" den Stimmverstellzauber wieder auf. Millie grinste ihn an und fragte ihn, ob ihm ihre Stimme nicht gefiele. Er erwiderte darauf, daß sie ihm sehr gut gefalle, allerdings nur, wenn sie damit spreche, weil sie auch den passenden Resonanzkörper dafür habe. Gloria funkelte ihn dafür graugrün an. Dann sagte er ruhig: "Also, da ist jemand, wohl eine Hexe, die sich mit Verwandlungszaubern äußerlich in Mrs. Cartridge verwandelt. Blieb eben nur der Mutterschaftsbauch und womöglich ein Geräuschsimulator für die Herztöne. Doch so eine Doppelgängerin muß das Original studieren, die Stimme und Bewegungsabläufe kennen und wohl auch genug Informationen über Begegnungen des Originals haben. Sowas geht nur, wenn Original und Kopie lange genug zusammen sind. Was folgern wir daraus?"

"Daß der Minister genau weiß, daß er eine solche Doppelgängerin mitgenommen hat, es sogar angeordnet hat. Aber warum?" Erwiderte Gloria. Brittany hatte die Antwort:

"Moment, eigentlich doch nicht mehr nötig, weil das mit diesem Vampirreich Nocturnia nicht mehr akut ist. Angeblich haben die vom Zaubereiministerium weiße Antivampirfledermäuse gezüchtet, nachdem das in Buffalo Creek passiert ist." Julius war nun genauso hellhörig wie alle anderen und hörte die in den Zeitungen erwähnten Berichte über die Kleinstadt Buffalo Creek. Julius war zwar von Zach Marchand vorgewarnt. Dennoch überkam ihn auch ein gewisses Frösteln, wenn er sich vorstellte, daß jemand ein Vampirvirus an unschuldige Leute weitergab, womöglich sogar über deren Trinkwasser. Ob Millemerveilles gegen sowas geschützt war?

"Nocturnia ist nicht erledigt. Und das mit den Fledermäusen war ein Bluff, wohl um diese Nyx in eine Falle zu locken. Ob das geklappt hat stand wohl nicht in der Zeitung. Aber die Vampirfledermäuse waren von Bokanowski, und der und seine ganze Monsterbrut sind von Anthelia in die Luft gejagt worden. Da hat kein Zaubereiminister mehr was von gefunden. Und falls doch, wäre das sicher ganz klammheimlich ausprobiert worden und nicht mit Rumtata in die weite Welt posaunt worden. Ich habe eine Mail von dem Zauberer, der verdeckt beim FBI arbeitet. Der warnte mich, daß eine Gruppe namens Nocturnia wieder gefährlich würde und wir alle das Wissen von Sonne und Mond parat haben sollten. Dann erwähnte er noch ein Gift, daß Leute verändern könne. Also ist das Zeug noch im Umlauf, die Bedrohung noch nicht aus der Welt. Dann ist der Zaubereiminister von Amerika angreifbar, wenn er seine Familie bei sich wohnen läßt."

"Jetzt sind wir also da, warum du uns hier in den Raum geführt hast", setzte Gloria an. "Weil diese Nocturnia-Bewegung noch aktiv ist, reist Cartridge mit einer als seine schwangere Frau gehenden Doppelgängerin, damit keiner die echte Godiva vermißt und dann fragt, was los ist. Oha, dann hätte die Kimmkorn aber ein Entomanthropennest ausgegraben."

"Heißt es nicht bei den Zauberern, keinen großen Drachen zu rufen, wenn man nicht will, daß er kommt?" Seufzte Julius.

"Du meinst, die Entomantthropen sind nicht alle erledigt?" Fragte Millie beklommen.

"Die wurden einmal nachgezüchtet. Die können noch mal nachgezüchtet werden, wenn jemand findet, ohne die nicht weiterzukommen", sagte Julius. Brittany nickte. Linus schüttelte sich vor Grauen. Er hatte es schließlich am eigenen Leibe erlebt, wie grausam diese Ungeheuer werden konnten.

"Mann, wir haben uns alle gefreut, daß er, dessen Name ... Ach vergeßt den Typen ... nicht mehr da ist. Und jetzt malt ihr solche Horrorbilder, nur weil diese Kimmkorn behauptet, daß die frau von Cartridge nicht echt Mutter wird? Da wünsche ich mir eher, daß es eine Trickserin ist, die ihrem Mann vorspielt, daß der wieder Vater wird, falls dieser ganze Kram nicht von vorne bis hinten komplett erlogen ist."

"Die Kimmkorn würde so ein Faß nicht ins Rollen bringen, wenn die weiß, daß sie mehr Ärger als sonstwas dafür zurückbekommt", erwiderte Julius.

"Den kriegt die so oder so, Julius", wandte Brittany ein. "Einem Minister zu unterstellen, er ließe sich von seiner Frau oder einer Doppelgängerin täuschen läßt der nicht auf sich sitzen. außerdem kommt dann ja noch die Frage dazu, woher sie diese superheiße Geschichte hat. Wehe allen, die da drinhängen."

"Hmm, könnte nicht die ganze Familie aus Doppelgängern bestehen?" Fragte Pina. "Die sind doch alle angekommen, auch der erste Sohn von denen. Einem Kind vorzuspielen, seine Mutter zu sein ist doch ziemlich schwierig."

"Stimmt, Vielsaft-Trank könnte von der Abwehrglocke ignoriert werden. Die ist auf Persönlichkeiten ausgerichtet", sagte Julius.

"Dann muß jemand anderes ein Kleinkind spielen, freiwillig Gugu-Gaga sagen, so tun, als ob er nicht viel von der Umwelt mitbekommt und in Windeln machen?" Wandte Gloria ein. "Kein toller Job."

"Ja, aber wenn wirklich die Gefahr besteht, daß die Cartridge-Familie angegriffen wird ist ein kampfstarker Zauberer besser dran als ein hilfloses Kleinkind", sagte Brittany. "Außerdem können Einjährige schon einiges mitkriegen. Nur mit dem Sprechen ist da noch nicht viel. Die kleine Larissa Swann hatte es zumindest schon früh raus, wie der Gartenschlauch bei uns aufgedreht wird." Julius hätte fast gesagt, daß larissa das Paradebeispiel dafür war, wie gut sich jemand in die Baby- und Kleinkindrolle einfügen konnte. Doch er behielt das besser für sich. Auch Millie beließ es nur bei einem flüchtigen Augenzwinkern.

"Also, was machen wir jetzt damit, was wir gerade durchgespielt haben?" Fragte Brittanys Mann. "Wenn das alles stimmen sollte, sind wir genauso gefährdet wie die Kimmkorn oder das Ministerehepaar. Und wenn das echt nur eine planetengroße Seifenblase war kriegen nur wir den Ärger ab."

"Okay, deshalb habe ich euch alle ja hier in den Raum gebeten", sagte Julius. "Wir können nur hoffen, daß es deine planetengroße Seifenblase ist, Linus. Alles andere wäre ziemlich fies. Besser ist es, wir reden da nicht vor anderen Ohren drüber."

"Ja, aber wenn die ganze Welt davon betroffen ist, Julius?" Fragte Millie.

"Sollten die zumindest davon wissen, die mehr Ahnung und Erfahrung haben, sowas zu bekämpfen, vor allem Leute, die die Verbindungen haben."

"Gut, das wird einige Eulen geben", sagte Linus Brocklehurst. "Noch mal will ich mich und meine Mutter nicht von solchen Monstern überraschen lassen."

"Okay, wenn ihr das möchtet schicke ich einige E-Mails an die Leute aus der Zaubererwelt rum. Aber nach Zachary Marchands Brief wissen die Minister das schon. Womöglich treffen die sich heimlich hier, wo sie fast alle da sind, um abseits der Stadien und Randveranstaltungen abzustecken, wie sie damit umgehen sollen", sagte Julius. Er erntete Zustimmung.

"In Rita Kimmkorns Haut möchte ich nicht stecken", bemerkte Gloria noch. "Die meint, ihre Schlammschleuderei könne ihr nicht gefährlich werden. Womöglich hat sie sich jetzt den falschen ausgesucht."

"Zumindest Lino schickt der keine Weihnachtsgrüße mehr", stellte Brittany fest.

"Die hat sich mit Dumbledore angelegt. Die hat sich mit Fudge angelegt und mit Voldemort auch. Die merkt nicht, wenn der Himmel über ihr einstürzt", seufzte Gloria

"Tja, aber Fudge ist sein Amt los und die beiden anderen sind tot", sagte Julius knochentrocken. Millie fügte dem noch hinzu:

"Jedenfalls wird man den Tagespropheten jetzt wieder öfter lesen, um mitzuverfolgen, wann Rita Kimmkorns letzter Artikel drinsteht."

"Das ist ein geniales Schlußwort", meinte Brittany. Julius und die anderen grinsten. Dann verließen sie den Klangkerker. Julius tat so, als hätten sie im Schutz des Klangkerkers drüber gesprochen, wie dämlich doch Rita Kimmkorn sei, sich offen mit einem Zaubereiminister anzulegen und was die beim trimagischen Turnier alles verzapft hatte.

Julius fand bei seinem Dienst schnell heraus, wer den Tagespropheten aboniert und gelesen hatte. Viele Gruppen tuschelten über die Artikel. Als Julius bei den Malones vorbeikam kam ihm Kevin schon entgegen:

"Ey, hast du Ritas neusten Drachenmist auch schon mitbekommen. Diese Lino soll hinter einem von deinen Verwandten her sein, weil der die Fäden in wichtige Abteilungen in der Hand hat. Und das mit dem Cartridge ist ja die Vollverarsche. Denn das kriegt so'n Mann doch raus, wenn der neben seiner Frau im Bett liegt, ob die nur so'n Blubberbeutel unterm Nachthemd hat oder sein Kind in der rumturnt. Außerdem ist der mit seinem ersten Sohn da. Der wird ja wohl seine Mutter besser kennen als die meisten Erwachsenen."

"Der ist es in diesem Sommer noch zu kalt, die will Feuer unterm Hintern haben", sagte Julius knochentrocken. "Überleg mal, was die alles beim trimagischen abgesondert hat, vor allem über Hermine Granger und Victor Krum oder daß Harry Potter verrückt sei. Nur mit Madame Maxime und Hagrid hatte sie wohl recht. Dann ist aber zu fragen, wie die an die Info gekommen ist?"

"Unsichtbar machen?" Fragte Kevin.

"Wo Madeye Moody alles gesehen hat, was hinter einer dicken Wand war und selbst durch Tarnumhänge gucken konnte?"

"Geht also nicht. Bleibt nur Verwandlung in was kleines. Stimmt, ihr hattet es ja davon. Oha, könnte gehen. Aber dann gnade der jeder Gott der Erde."

"Lassen wir die Sache von der mal laufen, solange wir da nicht mit reingezogen werden", sagte Julius ruhig. Kevin nickte.

"Hallo, Julius. Was ist das mit diesem Tagespropheten?" Fragte ihn Venus Partridge, als er bei einem hauptsächlich von Amerikanern bewohnten Zeltlager vorbeikam.

"Gloria Porter hat uns da heute morgen draus vorgelesen. Ich glaube, die Kimmkorn dreht am Rad, wie die Muggel sagen. Sie will wohl eine Konkurrentin für Sensationen loswerden."

"Das ist diese Hexe mit den roten Krallen und der Krokodiltasche, richtig? Die läuft hier auch immer wieder rum und will Interviews. Die ist bei Gildfork voll abgeblitzt."

"Echt, und hat die noch nicht durch den Kakao gezogen?" wunderte sich Julius. Venus grinste.

"Phoebe Gildfork hat einen Exklusivvertrag mit dem Herold. Die kennt da einen Reporter persönlich. Den füttert sie ab und an mit netten Geschichten aus ihrem Prominentenleben. Da kann die Kimmkorn nicht drüber schreiben."

"So geht's auch", sagte Julius. Dann setzte er seinen Rundgang fort und verteilte die Spielpläne der nächsten Runde, unterhielt sich mit Gästen aus England, Irland, Australien und den USA und besuchte auch Ceridwen Barleys Familie. Die rothaarige Hexe bat ihn mentiloquistisch in das Zelt, in dem sie mit ihrer Tochter Galatea, ihrem Schwiegersohn Tim und dem kleinen Garwin lebte.

"Die Leute werden sehr nervös. Viele haben den Tagespropheten gelesen und wissen jetzt nicht, wie sie darüber denken sollen", sagte Ceridwen. Das könnte für dich schwierig werden, wenn die Leute sich gegenseitig verdächtigen."

"Ich habe denen erzählt, daß Rita Kimmkorn schon beim trimagischen Turnier viel Unfug verzapft hat. Wenn Linda Knowles wirklich ein mieses Spiel mit meinem Verwandten Gilbert Latierre treibt, wird die danach suchen, wie sie es Rita Kimmkorn heimzahlen kann."

"Eben, sie könnte zwei Lager schaffen, wo das eine für Linda Knowles und das andere für Rita Kimmkorn eintritt. Hast du das schon überlegt?"

"Ich bin nicht der einzige Besucherbetreuer hier", warf Julius ein.

"Ja, aber der, der sich in der britischen Zaubererwelt genauso zurechtfindet wie in der französischen. Und nach Amerika hast du ja mittlerweile auch einige Kontakte. Du könntest also in die Zwangslage kommen, zu vermitteln. Auch könnte es dir passieren, daß du in offene Streitigkeiten eingreifen mußt, weil so schnell kein Sicherheitszauberer zur Stelle sein kann."

"Ich glaube, ich sollte auf die hundert Galleonen Ferienlohn verzichten", seufzte Julius.

"Abgesehen davon, daß jemand, der eine höchst gefährliche Befreiungsaktion für seine Freunde durchgeführt hat wohl kaum bei der ersten Unstimmigkeit davonrennt mußt du das auch nicht fürchten. Wir haben genug Vertrauen zu dir, daß du mit dieser Situation zurechtkommst. Deshalb möchte ich dir und deiner Frau etwas mitgeben, was euch beiden sehr gute Dienste leisten wird."

 

"Wer ist "Wir"?" Wolte Julius wissen, obwohl er sich die Antwort denken konnte.

"Meine Familie, tim, Galatea, meine Tochter Megan, die natürlich dieses und jenes über ehemalige Schüler in Hogwarts mitbekommen hat, einige mehr und ich natürlich, weil ich deine öffentlich gemachten Verdienste und die Berichte über das Zusammentreffen mit der Abgrundstochter und Bokanowski gelesen habe. Auch ist Pina sehr von dir begeistert."

"Woher kennen Sie Pina?" Fragte Julius.

"Ich traf sie bei der Hochzeit meiner Tochter an einem gesicherten Ort", sagte Mrs. Barley. "Also kannst du zuversichtlich sein, daß wir möchten, daß du nicht unter vorhersehbaren Problemen zusammenbrechen mußt. Du hast die Annäherung Hallittis überstanden, es geistig verkraftet, deinen Vater als ihren Abhängigen zu sehen und du hast die Ungeheuer Bokanowskis angesehen und die der Wiederkehrerin auch."

"Die Wiederkehrerin? Ist die denn noch am Leben. Es hieß, die hätte sich mit einem Vampirmutanten angelegt und sei dabei draufgegangen."

"vielleicht ist das auch passiert. Aber es deuten einige Zeichen darauf hin, daß sie aus diesem Kampf oder einem anderen wesentlich stärker hervorging. Was hältst du von der Behauptung Kimmkorns, Minister Cartridges Gattin täusche ihre Schwangerschaft vor?"

"Entweder totaler Mumpitz oder eine böswillige Behauptung oder eine Information, die niemand bekommen sollte, auch Ms. Kimmkorn nicht", zählte Julius auf.

"Dann wird sich diese Dame sicherlich gut versteckt halten, bis der von ihr aufgescheuchte Hornissenschwarm sich wieder beruhigt hat." Julius erschauderte bei dem Gedanken an einen wütenden Hornissenschwarm. "Wie dem auch sei. So Sachen wie der Aufruhr nach dem Spiel Südafrika gegen Tirol oder der zwischen Australien und Spanien könnte durch einen großen Aufruhr zwischen Kimmkornanhängern und -widersachern überschattet werden. Daher bitte ich dich, mein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk an dich anzunehmen und es dann zu verwenden, wenn du um deine Unversehrtheit oder die von Freunden und geliebten Mitmenschen fürchten mußt." Julius sah, wie Ceridwen mit den Fingern über eine der Holzvertäfelungen strich. Diese glitt zur Seite und gab ein Geheimfach frei. Darin stand eine sehr große Flasche mit einer goldenen, an der Oberfläche wild sprudelnden Flüssigkeit. Julius klebte mit den Augen an der Flasche. Er erkannte den Trank auf der Stelle. "Felix Felicis", glitten ihm die beiden Worte aus dem Mund. Ceridwen Barley nickte bestätigend.

"Ich reise immer mit einem gewissen Vorrat davon, auch wenn seine Herstellung zeitaufwendig ist und keinen Fehler duldet. Aber ein paar Tropfen davon zu haben motiviert bereits, sich einer beschwerlichen Situation zu stellen. Wie du siehst habe ich genug davon da, um euch beiden eine Ration für die Wirkungsdauer von je einem Tag abzufüllen und dann immer noch genug davon zu behalten. Also, erweist du uns den Gefallen und nimmst die Gabe an?"

"Als Geschenk oder Leihgabe?" Fragte Julius.

"Ich sagte vorhin, es dürfe als vorzeitiges Geburtstagsgeschenk an dich gelten", sagte Mrs. Barley, während sie aus einem hinter einer anderen Täfelung gelegenen Regal zwei verkorkbare Fläschchen holte und den Korken aus der großen Flasche zog. Julius hörte es leise und fröhlich prickeln. Er sah, wie die aus der Flasche sprudelnden Tropfen ohne danebenzugehen in das Gebräu zurücktropften. Er hatte gelesen, daß die Kraft in dem Trank jeden Tropfen verband, aber immer von winzigen Überschwangimpulsen durchsetzt wurde. Wie genau der Trank ging war hohe Zaubertrankbraukunst. Wohl wahr, es dauerte lange, diesen Trank zu brauen und bedurfte über hundert genau dosierter Zutaten, die in einem sekundengenauen Zeitraum auf bestimmte Weise darin vermischt werden mußten. Ceridwen füllte die beiden kleinen Flaschen ab und verkorkte sie so fest, daß bestimmt kein Tropfen danebengehen konnte. Julius überlegte, ob er die Fläschchen in seinem Brustbeutel lagern konnte. Denn darin steckte schon eine menge nützliches Zeug, vor allem das Antidot 999 und die Goldblütenhonigphiole, die schon ein gewisser Schutz vor mittelstarken Flüchen war. Er wählte die beiden Innentaschen des Umhangs aus. Er bedankte sich sehr artig und herzlich für dieses so wertvolle Geschenk und fragte, ob die Flaschen unzerbrechlich seien. Das waren sie. "Du kannst sie sogar noch mit dem Diebstahlschutz versehen. Ein Zaubertrankbrauertrick, Julius: Die eingesetzten Korken werden mit dem Mihisolus-Zauber belegt. Dann blockieren sie auch schon die unerlaubte Entwendung der Flaschen, ohne mit darin wirkenden Zaubern oder dem Trank wechselzuwirken." Einen Tag hundertprozentigen Erfolg, wohl dosiert konnte das einem vor bösen Folgen schützen. Allerdings ließ der Trank sich nicht mit jedem Trank kombinieren. So verdarben sich Felix Felicis und der Wachhaltetrank gegenseitig. Vielleicht sollte er den Trank von Aurora oder Béatrice gegenprüfen lassen. Vertrauen war gut, Kontrolle war besser. Dennoch wirkte die Vorstellung, er habe jetzt etwas, daß ihm aus mancher brenzligen Situation helfen könne, bereits erleichternd. Ceridwen verschloß die große Flasche, stellte sie in das Geheimfach zurück und verschloß auch dieses.

"Am besten führst du nun deine Aufgaben weiter aus. Grüß mir deine Frau, Julius Latierre!"

Julius bedankte sich noch einmal und ließ sich von Ceridwen zur Tür geleiten.

 

Er hörte sich auf seinem Rundgang die Ansichten zu den Geschichten im Tagespropheten an und traf sogar Linda Knowles, die von aufgeregten Schotten umringt wurde.

"Es ist richtig, daß ich mich mit dem Kollegen Latierre gut unterhalten habe. Es stimmt auch, daß er nicht nur an meiner Tätigkeit interesse gezeigt hat. Doch es stimmt nicht, daß ich darauf angewiesen sein soll, meinen Körper und meine Seele dafür herzugeben, an für mich unzugängliche Nachrichtenquellen zu gelangen. Halten Sie mich für eine magielose Dirne oder eine Wonnefee?" Julius hörte keinen ton der Wut aus ihrer Antwort. Er fragte sich jedoch, ob sie nicht doch darauf ausging, einen lebenslustigen Junggesellen zu bezirzen, damit er ihr Exklusivgeschichten ausplauderte?

"Sie lächeln so zuckersüß, Lady. Könnte mir vorstellen, daß mancher ungebundene Mann den Verstand verliert", sagte ein älterer Schotte im traditionellen Kilt.

"Ach, und Sie hoffen darauf, daß gebundene Männer Verstand besitzen?" konterte Lino. Gerade junge Männer lachten laut. Einer rief mit rauher Stimme: "Da hast du's, Glenn. Kein Mann mit Verstand läßt sich von 'ner Frau einfangen und anbinden."

"Lern du erst mal 'nen Baumstamm zu heben, bevor du dich über erwachsene Männer ausläßt, Gordon", blaffte der Zauberer im Schottenrock zurück. Dann sah er Julius Latierre und winkte ihm:

"Aye, Laddy, schon den neusten Tagespropheten gelesen?"

"Wenn sie meinen, Ms. Knowles könnte demnächst meine verschwägerte Großcousine werden ... Dann müßte sie den Job beim Westwind aber aufgeben, weil Gilbert sicher nicht aus Frankreich raus will. Und sie müßte einen Familienbesen fliegen lernen und Säuglingspflege lernen, weil ihre mögliche Schwiegertante ihr sicher in den Ohren liegt, ihrer Schwester auch ein paar süße Enkelkinder zu schenken. Ich weiß nicht, ob ich das alles auf mich nehmen würde. Wenn dann nur, wenn ich genau wüßte, daß die Sache es wert ist."

"Sie halten mich also nicht für eine eiskalte Betrügerin, die für Informationen alles tut?" Fragte Linda Knowles lächelnd.

"Ich halte Sie für intelligent, neugierig, aufdringlich, aber auch wohlüberlegt handelnd, Ms. Knowles. Wenn sie wegen nur einer Information ein Leben lang mit einem Mann verbringen wollen, den sie nicht lieben, müßten Sie entweder eine Masochistin sein, also Befriedigung an eigenem Leid fühlen, oder die mögliche Information für alles andere ausgleichend ansehen. Aber das wissen Sie, daß eine Zeitungsmeldung nicht das ganze Leben umschmeißen darf."

"Ja, doch sie weiß sicher, ob das mit dem Yankee-Zaubereiminister eine Seifenblase oder was handfestes ist, nicht wahr?" Fragte der junge Zauberer namens Gordon.

"Ich kann Ihnen allen verbindlich versichern, weil ich sie in den letzten Monaten immer wieder getroffen und interviewt habe, daß Mrs. Godiva Cartridge ein Kind erwartet. Wer etwas anderes behauptet muß das beweisen oder schweigen", sagte Linda Knowles. Julius mußte sich anstrengen, seine Erheitterung zu verbergen. Sie hatte nicht gesagt, daß die Frau bei Cartridge schwanger sei, sondern den Namen genannt. Damit verriet sie ihm mehr als sie vielleicht wollte.

"Ja, aber auch wenn Ihre Kollegin eine echte Schmierhexe ist kommt die mit sowas nicht raus, ohne sich abzusichern. Die hat Potter wegen Sie-wissen-schon-wem interviewt. Hat ja am Ende alles gestimmt. Und ich habe mir das Buch über Snape schon bestellt", sagte Glenn.

"Weil du Galleonen furzen kannst, Gordon. Ich kann mir so teures Klopapier nicht leisten", blaffte Gordon.

"Hmm, braucht mich hier irgendjemand noch für Informationen oder Wegführungen?" Fragte Julius, dem das hier jetzt schon wieder zu lange dauerte.

"Ja, Laddy, gib an deinen Zaubereiminister raus, der soll das prüfen, ob die Kimmkorn da was vom grünen Einhorn gekleckert hat", sagte Gordon.

"Das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich, Sir", antwortete Julius schlagfertig. Glenn lachte.

"Aye, Mr. Latierre, hören Sie nich' auf den Bubi. Der ist gerade erst zwei Jahre aus Hogwarts raus", sagte Glenn. Dann sagte er zu Julius, daß er zumindest bei den anderen Landsleuten herumerzählen könne, daß am Abend ein schottischer Musikzug durch den runden Park ziehen würde. Julius nickte und ging dann los. Linda Knowles schlängelte sich geschmeidig aus der Umzingelung heraus und folgte ihm.

"Sie haben da was sehr interessantes gesagt, Mr. Latierre, nämlich daß ich mir überlegen muß, welche sache etwas wert ist. Ich gedachte, diese Kimmkorn wegen Rufschädigung anzuzeigen. Aber das wäre wertlose Zeitverschwendung. Angenehmen Tag noch." Sprach's und disapparierte, bevor Glenn und Gordon sie noch einmal einkreisen konnten. Julius sah das als guten Vorschlag und wechselte zeitlos zu einem anderen Bereich des Lagers, wo er ein paar Fragen zum Freizeitangebot für Kinder beantwortete.

Als er mittags im Haus Pomme de la Vie eintraf war er alleine. Zumindest konnte hier niemand hineinapparieren. In den Schuppen ginge es zwar. Doch damit mußte er leben. Er aß genug, um den Nachmittag zu überstehen. Dann wechselte er kurz ins Sonnenblumenschloß hinüber und bat seine Schwiegertante Béatrice, den Inhalt seiner Flasche Felix Felicis zu prüfen.

"Von wem hast du den Trank?" Fragte Béatrice verständlich neugierig und vielleicht auch besorgt. Julius sagte es ihr.

"Die konnte hier gefahrlos rein, als du mit den anderen den großen Ausflug gemacht hast", mentiloquierte sie. Dann füllte sie eine kleine Phiole von dem Trank ab. "Wenn er echt ist hast du dann nur noch für achtzehn Stunden Wirkungsdauer", wies sie Julius hin. Dieser nickte einverstanden. "bis morgen habe ich das Ergebnis. Ich mentiloquier es dir."

"Um Gloria brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Ich meine, ich halte es für unwarhscheinlich ..."

"Gloria hat sich zu sehr gestreßt und kam deshalb mit ihren natürlichen Prozessen in Konflikt. Ich habe sie tatsächlich auf ihren V.-I.-Status überprüft. Sie muß ihr Leben nicht grundweg umstellen. Doch sie sollte sich mit heftigen Anstrengungen ohne großen Nutzwert zurückhalten. Sie macht wohl noch einen gewissen Wachstumsschub durch. Aber jetzt dürfte sie ihre Lektion gelernt haben." Julius bedankte sich für die Analyse und wollte gerade noch fragen, wie teuer die sein würde. Das schien Béatrice zu ahnen und sagte rasch:

"Für die Familie mache ich das sehr gerne und kostenlos. Und jetzt zurück nach Millemerveilles mit dir, bevor sie dich da vermissen!" Julius nickte.

Den restlichen Nachmittag handelte Julius bereits wie eine Routine ab. Auch wenn einzelne Gruppen schon lauter miteinander sprachen oder gar stritten behielt er seine Selbstbeherrschung.

Abends im Bett erzählte er seiner Frau von Ceridwens Geschenk.

"Und Tante Trice prüft das Zeug? Hätte ich auch gemacht. Wir wissen ja, mit wem die werte Ceridwen wohl zu tun hat, auch wenn sie locker ins Château kommen konnte."

"Ich habe den gemäßigten gegenüber auch keine Abneigung. Nur Leute wie Larissa Swann und ihre Mutter sind mir verdächtig", sagte Julius.

"Ja, aber die hängen irgendwie doch alle zusammen. Aber du hast recht, wegen ein paar Sabberhexen den ganzen Laden abzufackeln wäre fies."

 

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Die nächsten drei Tage hatten Julius und Millie wechselnde Schichten. Mal mußte Julius früh heraus, um Leute aus den USA abzuholen. Mal mußte Millie früh aufstehen, um Leute aus Südamerika willkommenzuheißen. Béatrice Latierre gab am Donnerstag Abend durch, daß der Trank so wirkte wie er sollte und auch frei von verdächtigen Substanzen sei, die eine zusätzliche Wirkung bedingen mochten. So vollzogen Millie und Julius in der Nacht den Diebstahlschutz-Zauber, wobei Julius die bereits angebrochene Flasche auf sich prägte.

"Ob das Zeug auch hilft, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden, wann der Regenbogenvogel uns am besten hört, Monju?" Fragte Millie.

"Möglich ist das. Aber ich denke, ich möchte meinen Trank doch lieber für wirklich bedrohliche oder schwierigere Sachen aufbewahren."

"Du meinst es ist leicht?" Fragte Millie und umklammerte ihren Mann. "Meinst du das echt?" Fragte sie ihn. Er antwortete ihr auf andre Weise.

 

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Samstags hatten die beiden Eigentümer des Apfelhauses frei. Das hatte seinen Grund. Denn Hippolyte hatte sich von Catherine Brickston und Antoinette Eauvive überzeugen lassen, daß bestandene ZAGs gefeiert und nicht bestandene ZAGs vergessen gemacht werden mußten. Brittany bekam am Morgen die Stimme des Westwindes, in der sich Linda Knowles über Rita Kimmkorns Artikel äußerte. Sie unterstellte Kimmkorn Eifersucht, weil diese bisher keinen wirklich großen Knüller an Land gezogen hatte und jetzt welche erfinden müsse. Sie beschrieb die Atmosphäre in Millemerveilles und erwähnte auch das Gerücht über Godiva Cartridges angeblich nicht stattfindende Schwangerschaft. "Ganz sicher sollte sich die Kollegin mal bei den Heilern melden und daraufhin untersuchen lassen, ob ihre eigenen Wünsche nicht zu Scheinwirklichkeiten werden. Vielleicht hört die gute in ihren Träumen Kinder schreien, die sie selbst nicht bekommen hat. Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, daß Mrs. Cartridge im August ihr zweites Kind erwartet."

Mittags kontaktfeuerte Martha Eauvive mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter: "Alle zwölf erreicht. In Zauberkunst, Verteidigung gegen dunkle Künste und Arithmantik "Ohne gleichen", alles andere "Erwartungen übertroffen", auch Verwandlung, obwohl ich da immer noch meine seelischen Blockaden habe. Aber dieser Énas hat gesagt, das sei normal, wenn jemand nach so langer Zeit erst dieses Fach lernt und nicht mit kindlicher Neugier oder jugendlicher Leidenschaft darangeht. Von dem soll ich dich schön grüßen, wie der Sohn, so die Mutter."

"Wollte Antoinette da nicht feiern?" Fragte Julius unschuldig tuend.

"Um vier bei ihr", war die Antwort seiner Mutter. "Ihr dürft alle eure Hausgäste mitbringen."

"Was ist mit Leuten wie Lino und Kimmkorn?" Fragte Julius.

"Die sind nicht eingeladen", sagte seine Mutter.

So zogen sich alle nach einem leichten Mittagessen festlich um. Um vier Uhr flohpulverte erst Julius los, gefolgt von Brittany und Pina. Dann kam Gloria, dann Linus und am Ende Millie.

Die ZAG-Feier wurde zu einem großen aber im Rahmen gewisser Ordnung ablaufenden Fest, zu dem auch die Latierres, Brickstons und Dusoleils mit ihrer Gastbewohnerin Aurora Dawn kamen. Julius war froh, die wilden Gedanken vom Morgen vergessen zu können. Er freute sich für seine Mutter, daß sie einen neuen Lebensabschnitt geschafft hatte und erinnerte sie daran, daß am zwanzigsten ja seine große Feier stattfände.

Das bestellte Orchester aus Fleisch und Blut spielte abends zur Tafel und danach zum Tanz auf. Julius durfte mal wieder keinen Tanz auslassen, weil zu viele Damen auf zu wenige Herren zusammenkamen. Der Ball ging bis ein Uhr. Dann kehrten alle derzeitigen Bewohner des Apfelhauses zurück in ihre runde Wohnstatt.

 

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Am achtzehnten Juli fragten Gilbert Latierre und Linda Knowles vor dem morgen anstehenden Spiel USA gegen Belgien nach Interviews. Linda wollte Brittany zu ihrer Meinung befragen, Gilbert wollte mit Julius über seine Meinung zur internationalen Zaubererwelt nach dem letzten Jahr sprechen. In einem Zimmer, das Julius als sein Arbeitszimmer ausgewählt hatte, baute er einen Klangkerker auf, während Lino mit Brittany in der großen Empfangshalle platznahm.

"Dir ist klar, daß wir Lino nicht mit leeren Händen weggehen lassen können, Julius?" Fragte Gilbert.

"Ach, läuft da doch was zwischen euch?" Preschte Julius ungestüm vor. Gilbert errötete sacht an den Ohren.

"Wenn du diesen Kokolores meinst, den die Kollegin Kimmkorn verzapft hat, daß die mich um den Finger wickeln will, um über mich bestimmte Türen aufzukriegen sage ich dir und allen anderen, daß ich mehr Ahnung von Frauen habe als so mancher Zauberer, der zwanzig Jahre älter als ich ist. Sicher, die sieht richtig süß aus und weiß genau, wie sie wirken muß, um zu kriegen, was sie will. Aber weil ich das weiß, wie sie das macht bin ich da nicht so leicht rumzukriegen, wie dieses kleine verlogene Kollegenschweinchen aus deinem Geburtsland es hinstellt. Ich weiß aber auch, daß sie sich irgendwie auf dich eingeschossen hat und es in den Staaten noch viele Leute gibt, die daran interessiert sind, wie du über die Sache mit dieser Höllenbraut weggekommen bist."

"Ich bin verheiratet, habe Spaß an der einvernehmlichen Liebe und hänge nicht in einer Gummizelle rum. Das nur ganz inoffiziell ohne Erlaubnis, das zu zitieren", erwiderte Julius. Gilbert nickte und bat dann darum, ein für sein Ansehen unschädliches Zitat niederschreiben zu können. So sagte Julius:

"Es hat mich schon sehr belastet, daß mein Vater gestorben ist und ich feststellen mußte, der Köder an einem Angelhaken der mir bis dahin unbekannten Schwesternschaft in Weiß zu sein. Doch ich habe mit Hilfe meiner Mutter, meiner erwachsenen Bekannten, den Brickstons, sowie den verständnisvollen Lehrern der Beauxbatons-Akademie und meinen Schulfreunden dort lernen dürfen, darüber hinwegzukommen, ohne alles zu vergessen. Diesen Leuten danke ich für diese Chance, ein reichhaltiges Leben führen zu dürfen." Gilbert ließ dabei seine Flotte-Schreibe-Feder über Pergament flitzen. Dann hielt er das magische Schreibgerät wieder fest und kam auf Linos mögliches Interesse zurück:

"Es ist im Miroir gewesen und wohl auch im Tagespropheten, was ddir nach dem Schlangenmenschenüberfall passiert ist. Du bist sicher nicht naiv, zu glauben, daß Linda Knowles keine netten Kollegen hat, die ihr das weitergereicht haben, nachdem sie die Erstverwertung ausgeschöpft haben. Deshalb denke ich, daß wir, um wilden Spekulationen von ihr den Boden entziehen zu können, einen Teil dieses Interviews überlassen sollten, damit sie was authentisches von dir hat, zu dem du auch stehen kannst. Du kennst eine Drachenbremse oder das Wolfsfleisch?"

"Moment, Wolfsfleisch? Den Begriff hat mir meine Mutter mal irgendwann ... Ach, das ist das Fleisch, was vor wölfen flüchtende hinter sich werfen, damit die hungrigen Wölfe sie nicht weiterjagen. Ist das identisch mit der Drachenbremse?"

"Ja, leider. Denn bei der Drachenbremse handelte es sich um einen Besenflieger, der den Drachen so lange aufhielt, bis die mit ihm flüchtenden in Sicherheit waren. Die meisten, die sich auf sowas einließen starben dabei. Aber seitdem es genug erschwingliche Besen gibt, die anderthalb bis viermal so schnell wie ein Drache fliegen können ist diese Selbstopferungstaktik nicht mehr angewandt worden."

"Du meinst also, ich soll dir und damit Ms. Knowles was zu fressen hinlegen, damit sie nicht andauernd an mir dranbleibt?" Fragte Julius. Gilbert nickte. Mit seinem rotblonden Stoppelhaar sah das irgendwie niedlich aus. Julius konnte sich vorstellen, daß manche Hexe oder Muggelfrau ihn deshalb für einen braven Jungen hielt, bis sie ihn besser kannte. Vielleicht hatte Lino wirklich nicht nur interessanter Quellen wegen ihre fast schwarzen Kulleraugen auf ihn geworfen. Er überlegte nun einige Sekunden, was er erzählen durfte, ohne zu viel zu verraten und ohne sich unnötig aufzuplustern. Dann nickte er und beantwortete Gilberts Fragen so, daß sie auch im Westwind zitiert werden konnten. Als das Interview vorbei war sagte Gilbert:

"Ich diktiere Ms. Knowles die Passagen, die du freigegeben hast in ihre Feder. Dann kann sie das Material gleich verwerten. Danke für das Interview!" Julius nickte. Er hatte lediglich darüber gesprochen, wie er mit der Belastung nach dem Schlangenmenschenüberfall zurechtkommen mußte und daß er dabei noch manchmal an die Ereignisse in der Mojave-Wüste und der Burg des Monstermachers Bokanowski hatte denken müssen. Am Schluß hatte er sich bei Madame Maxime für ihre Geduld, aber auch die notwendige Führung bedankt, um ihn wieder in die richtige Spur zu kriegen, damit er das Leben, das ihm gefiel, weiterführen konnte.

Linda Knowles bedankte sich kurz vor dem Hinausgehen auch bei Julius. Dieser erwähnte nur: "Ich halte sie für seriöser als Ms. Kimmkorn. Deshalb habe ich Monsieur Latierre gestattet, einige Teile für anderssprachige Zeitungen freizugeben, wenn er die Erstverwertung behält. Erweisen Sie sich dieses Vertrauens bitte würdig!" Linda Knowles nickte und lächelte beruhigend. Dann verabschiedete sie sich von Brittany und den anderen Hausbewohnern.

 

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Julius durfte am neunzehnten Juli wieder mit den Redliefs und Brocklehursts in einer Reihe sitzen, als die vom ersten Sieg berauschten Fans der USA lautstark "Noch einmal, USA! Noch einmal, USA!" brüllten. Bob Bigfoot posierte mit breiter Brust auf der Seite, wo die Spielerinnen und Spieler der US-Mannschaft aus der Bodenluke flogen. Die Belgier hatten als Maskottchen einen Trupp blaubemützter Zwerge mit lärmigen Instrumenten aufgeboten. Sie tanzten wild herum, daß ihre langen, braunen, schwarzen, grauen und roten Bärte nur so flogen.

Brittanys Landsleute gingen mit hohem Tempo in die Partie und versuchten den Belgiern ihr Spiel aufzuzwingen. So holten sie in zwei Minuten zwei Tore. Doch dann wendete sich das Blatt. Die Belgier, fünf Zauberer und zwei Hexen, führten ein schnelles Passspiel auf und rückten nie näher als zehn Besenlängen an das gegnerische Tor heran. angeschnittene, Wellen beschreibende und sichelförmig fliegende Bälle trieben den Hüter der US-Quidditchmannschaft den Schweiß auf die Stirn. Von zwölf Würfen konnte er gerade fünf parieren. Die Spieler aus dem Nachbarland Frankreichs ließen die Amerikaner nicht mehr zum Zug kommen. Selbst die Dawn'sche Doppelachse, die einer der Jäger beherrschte, half nicht, den immer größeren Rückstand auszuräumen. Zwar schafften die Spieler aus den Staaten noch drei mühsame Tore. Doch weil sie im Gegenzug auch mehrere Strafwürfe verschuldeten stand es nach knapp einer Stunde bereits 300:50 für Belgien. Brittany war die einzige, die sich sichtlich über jedes belgische Tor freute. Melanie grummelte dauernd, daß die Leute aus ihrer Heimat offenbar noch vom ersten Spiel besoffen seien. Lautstarkes Buhen und Pfeifen brauste der nordamerikanischen Mannschaft entgegen. Einige tausend Fans riefen Parolen, daß sie ihr Geld zurück haben wollten.

"Komisch, mein Interview mit Lino kann doch noch gar nicht bei denen angekommen sein", grinste Brittany Schadenfroh, als Belgiens Hüter einen brutal ausgeführten Angriff mit ganzem Körpereinsatz abwehrte. Dann sahen sie und alle anderen den belgischen Sucher, der nicht größer war als einen Meter fünfzig, wie er seinen amerikanischen Gegenspieler ausbremste und dann im Hui zwischen beide Klatscher hindurchstieß. Keine fünf Sekunden später hielt er den Schnatz in der Hand und versetzte den Amerikanern damit den vollständigen K.O.-Schlag. Brittany mentiloquierte über den Jubel der mehrheitlich Belgien unterstützenden Zuschauer hinweg: "Schön, Bob darf nach Hause fahren. Braucht sich deine Schwiegertante nicht weiter mit diesen Typen von der Quidditchmannschaft rumzanken. Wird sie sicher freuen."

"Oha, die sind sauer, deine Landsleute", stellte Julius fest. Brittany deutete zur Ehrenloge, wo Hippolyte sich gerade wilde Wutausbrüche von Gildfork anhören mußte. Zaubereiminister Cartridge gratulierte seinem belgischen Kollegen.

"Ihr seid doch bloß ein Ferienverein, Ferienverein, Ferienverein!" Johlten die Belgien-Fans, als die US-Mannschaft wie bleierne Enten so schwerfällig über das Feld kreisten, während die Helden des Abends wilde Bahnen über Feld und Tribünen flogen und vor allem der erfolgreiche Sucher, Jeroen Laiden, wild mit seiner Beute winkte.

"Oh, die Gildfork glotzt mich an, als wolle dir mir gleich was ganz böses anhexen, Cunnicrematus oder dergleichen", feixte Brittany und ließ ganz behutsam ihre Hand dorthin gleiten, wo sie ihren Zauberstab verstaut hatte.

"Britt, die Gildfork ist dick und überheblich. Aber blöd ist die nicht", knurrte Melanie.

"So wütend wie die ist muß ich aber davon ausgehen, Mel", erwiderte Brittany. Julius wies sie jedoch darauf hin, daß die Ehrenloge gegen Flüche abgesichert war, sowohl von dort ausgehend wie nach dort hinreichend. Brittany grinste, als sie das hörte und winkte zur Ehrenloge hoch. Julius sah die Beauxbatons- und die Hogwarts-Schülergruppe. Dann erkannte er auch Corinne Duisenberg mit ihrer Verwandtschaft. Er hatte nicht mitbekommen, wann sie angereist waren. Er blickte sie genau an und mentiloquierte ihr: "Gratulation!" Corinne sah ihn an und strahlte ihn über ihr ganzes rundes Gesicht an. Unvermittelt fühlte er eine unbändige Freude in sich aufsteigen. Sie hatte ihm ihre Stimmung übermittelt. Er wehrte sich nicht dagegen, obwohl er sich locker abschirmen konnte. Millie bemerkte das natürlich. Sie kuschelte sich an ihn und genoß es, über die beiden Herzanhänger etwas von diesem Hochgefühl abzubekommen. Julius hatte ihr kurz nach der Rückkehr aus der Schule im Vertrauen erzählt, was Corinne noch alles konnte. Daher wußte sie, woher sein unvermitteltes Glücksgefühl kam.

 

"Die Gildfork sieht aus wie ein mit Haut umkleideter Feuerball. Nachher macht's noch Bumm, und die Ehrenloge ist Asche", feixte Brittany. Julius hörte diese gehässige Bemerkung durch das Meer von Überschwang und Euphorie hindurch und dachte mit kurzem Schrecken daran, daß innerhalb der Ehrenloge keine Fluchabwehr herrschte. Deshalb rief er Brittany zu, sie solle keinen Drachen rufen.

Julius hatte die für heute schwere Aufgabe, den enttäuschten, traurigen und auch höchstverärgerten US-Fans noch einen angenehmen Abend und noch eine schöne Zeit in Millemerveilles zu wünschen. Er war dabei auf der Hut vor magischen Wutausbrüchen. Einige legten es wirklich darauf an und zogen ihre Zauberstäbe, um damit johlende Belgien-Fans, die ein riesengroßes Bierfaß zwischen sich in der Luft tanzen ließen, etwas anzuhexen. Doch mit einer Sonnenlichtmauer zwischen den Amerikanern und Belgiern verbaute er diese Möglichkeit, ohne einem weh zu tun.

"Ihre Mannschaft braucht Sie alle für die nächsten Spiele, Gentlemen", sagte Julius. "Da dürfen Sie sie nicht im Stich lassen, indem Sie wegen unnötiger Sachen ihre Zauberstäbe abgeben müssen", sagte er noch.

"Julius, um Mitternacht erste Portschlüssel richtung US-Ostküste. Bitte fertige sie mit gebotener Sachlichkeit ab!" Hörte er Hippolytes Gedankenstimme in sich. Er schickte zurück, daß er die Abreise überwachen würde und holte die Information über den Abreisepunkt ein.

Auf den Leinwänden, die das Spiel im Hauptstadion übertragen hatten, erschienen die spontan ausgearbeiteten Abreisezeiten.

"Millie, unsere Chefin hat mich mal eben zur Portschlüsselabfertigung um Mitternacht abkommandiert. Geh bitte schon mal schlafen!" Mentiloquierte er seiner Frau ohne Hilfe des Herzanhängers. Sie konnte ihm nicht ohne Hilfe antworten. Aber er ging davon aus, daß sie ihm zustimmte.

Sie trafen sich dann doch noch in einem Festzelt mit belgischen Fans. Brittany wagte es, als Amerikanerin mit den Siegern zusammen zu feiern und ganz ehrlich ihre Freude über diesen Sieg zu verkünden. Als sie von Corinne, die unter den Feiernden war gefragt wurde, warum sie sich über das Ausscheiden ihrer Mannschaft so freute sagte Brittany:

"Mir tut der große pelzige Kerl leid, den meine Landsleute als Vorführpüppchen erniderigt haben. Der darf jetzt nach Hause reisen, womöglich schon morgen."

"Der ist aber traurig, weil seine Mannschaft verloren hat", sagte Corinne. Brittany überhörte das einfach. Ihr war wichtig, daß Bob Bigfoot nun Ruhe vor überfüllten Stadien hatte.

"Ich habe morgen frei. Da bleibe ich bei dir. Ma hat mir nicht befohlen, vor dir ins Bett zu gehen", sagte Millie. "Ich würde eh wach, wenn du nach Hause kommst."

Millie und Julius brachten ihre Gäste ins Apfelhaus zurück. Julius fragte sich, wie er den nächsten Tag überstehen mochte, wenn er jetzt weit über Mitternacht traurige Amerikaner nach Hause verabschieden mußte. So wollte er eigentlich nicht in seinen siebzehnten Geburtstag reinfeiern.

Millie zog sich für den Nachtausflug ein helleres Kostüm an und tat geheimnisvoll mit ihrer Handtasche. Julius ahnte, daß es was mit seinem Geburtstag zu tun haben mochte. Doch er wollte ihr den Spaß an der Überraschung nicht verderben und fragte nicht danach. Denn er hatte ja auch was für sie besorgt.

Kurz vor zwölf Uhr war Julius auf dem Posten. Seine Frau hielt sich im Hintergrund. Die ersten Gruppen kamen angetrottet. Die schwere Enttäuschung stand ihnen allen im Gesicht. Sie sagten keinen Ton mehr als nötig. Punkt Mitternacht verschwand eine große Zinkbadewanne mit zwanzig Leuten in einer blauen Lichtspirale. Dann trug ein mottenzerfressener Ohrensessel sieben personen auf einmal davon. Insgesamt gingen zwanzig Portschlüssel ab, alle groß genug, daß mindestens fünf und meistens zwanzig Personen einen Finger daran legen konnten. Zwei Stunden dauerte dieser trübselige Exodus amerikanischer Schlachtenbummler. Dann war auch die alte Federkernmatratze, aus der die Innereien schon herausstachen mit fünfzehn Reisewilligen in einer blauen Lichtspirale verschwunden. Jetzt stand niemand mehr da. Julius meldete mit einem bezauberten Glöckchen die Abreise des letzten Portschlüssels. Die nächsten würden morgen abgehen. Aber das konnten dann die Ministeriumsleute überwachen.

Millie winkte Julius zu sich hin und griff in ihre Handtasche. Sie zog ein sehr großes Paket heraus und überreichte es Julius. "Meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum siebzehnten Geburtstag, Julius Latierre! Dank sei deinen Eltern, daß es dich gibt!" Rief sie und küßte ihn leidenschaftlich auf den Mund. Mehr als zwanzig Sekunden dauerte diese zärtliche Berührung. Julius fühlte seine Knie weich werden. Doch dann straffte er sich. Er griff in seinen Dienstumhang und holte eine eingepackte Schachtel mit rosa Schleife heraus. Die Schachtel war mit kleinen, feuerroten Herzen bedruckt. In goldenen Buchstaben stand "Alles gute zum Hochzeitstag" darauf. Millie strahlte. "Ich hab's noch hinbekommen, es wegzustecken, ohne daß du es mitbekommst", sagte er lächelnd. Dann fragte er, ob er das Paket hier auspacken sollte.

"Das machen wir besser bei uns, Julius", hauchte Millie ihm zu. Dann flogen sie auf ihrem Familienbesen zurück ins Apfelhaus.

Dort angekommen legte Millie den Mitbewohnern einen Zettel auf den Tisch:

Es wurde spät bei uns. Bitte nicht böse sein, wenn ihr euch das Frühstück selbst machen müßt. Müssen gut genug ausschlafen, damit wir mit euch zusammen den schönen Tag durchstehen können.

Julius konnte das Paket in einem der kleineren Zimmer auspacken. Es enthielt ein ausfaltbares Planetarium, eine Glaskugel, in der alle Sterne der Galaxis naturgetreu leuchtend enthalten waren und fünfzehn weitere Kleinigkeiten für ein Leben nach seinen Interessen. Dazu gehörte ein Satz Kletterhandschuhe und Füßlinge, um in hohen Bäumen herumklettern zu können. "Habe ich bei Uroma Barbara im Obstgarten schon ausprobiert", sagte Millie. "Die meinte, du könntest zwar auch gut ohne diese Sachen klettern, ist aber beruhigt, daß du dich damit aber besser auf fremden Bäumen halten kannst." Dann war da noch ein neuer, himmelblauer Festumhang und ein Paar Tanzschuhe aus blauer Drachenhaut. "Die sind für wichtige Festlichkeiten, also gleich für die Feier nachher", schickte sie ihm über die Herzanhängerverbindung zu. Darüber hinaus bekam er noch Bücher über das Alltagsleben der Zaubererwelt, einen Sammelband über die besten Quidditchspiele Frankreichs und ein Buch mit erotischen Gedichten, wo unter anderem auch das von dem Rosengärtner drinstand, von dem Millie es nach Bernadettes Abschiedsbrief hatte. Millie packte die Schachtel aus. Sie enthielt mehrere Halsketten aus Silber, dazu passende Armbänder und einen Satz im dunkeln blau glimmender Ohrringe.

"Die Sachen probiere ich nachher bei der Feier aus, Monju", hauchte Millie. "Schön, daß du kein Gold ausgewählt hast. Silber harmoniert abends besser mit dem Mondlicht. Dann kam sie auf etwas anderes:

"Mich haben die Mädels an meinem siebzehnten in eine Wanne mit kaltem Wasser gesteckt und solange abgeschrubbt, bis vom Schmutz der Mädchenzeit nichts mehr an mir war", sagte Millie und deutete auf die Garnitur Unterwäsche und Socken, die auch in dem Paket waren. "Das darfst du gleich nach dem Aufstehen alles anziehen", flüsterte sie. Julius nickte. Neues Leben, neue Kleidung. Obwohl er schon ein Jahr für volljährig befunden war merkte er jettzt, was für ein wichtiger Geburtstag gekommen war. Wenn er überlegte, daß vor etwas mehr als einem Jahr jüngere als er bei der Schlacht von Hogwarts gestorben waren mußte er sich bei irgendwem im Himmel oder sonstwo für diesen Geburtstag bedanken.

"Wir würden die anderen wecken, wenn wir jetzt noch eine Badewanne vollmachen würden", wisperte Julius. Millie grinste verwegen und führte ihren Zauberstab: "Nudato!" Julius verlor unvermittelt alle Kleidung, die nicht durch Diebstahlschutz gesichert war. Julius legte seine Uhr und den Brustbeutel auch ab. Dann fand er sich auf einmal im unsichtbaren Tragegeschirr des Mobillicorpuszaubers schweben und bekam mit, wie Millie ihn mit einem Gemisch aus warmem Wasser und duftender Seifenlauge aus dem Zauberstab regelrecht abduschte. Julius dachte daran, daß das Wasser auf den Boden tropfen mußte. Doch als er mal durch den Schleier aus Seifenschaum vor seinem Gesicht hindurchblicken konnte sah er, daß Millie einen Impervius-Zauber über den Bettvorleger gesprochen hatte. Das Wasser sammelte sich darüber wie in einem Aquarium. Als Millie befand, ihren Mann gründlich genug abgeduscht zu haben ließ sie ihn völlig ungesagt in einem tropenwarmem Luftstrom trocknen. Dann drehte sie sich und stand unvermittelt selbst ohne Kleidung da. Sie ließ erst das über dem Bettvorleger schwappende Wasser verschwinden. Danach gab Sie Julius aus dem Körpertransportzauber frei.

"Hast du das geübt?" Fragte Julius.

"An Brittany. Die kennt die Tradition des Freiwaschens von der Kinderzeit auch", sagte Millie. Julius erkannte, wie viel doch alles passiert war, während er seinen Ferienberuf ausgeübt hatte. Julius kam Millies Bitte nach, nun auch sie noch einmal gründlich abzuduschen. Der Aguamenti-Zauber gekoppelt mit dem Sapoliquidum-Zauber war ein sanfterer Reinigungszauber als Ratzeputz, aber schon gründlicher als der Tergeus-Zauber. Nach fünf Minuten hatte Julius seine Frau ebenfalls gründlich genug abgeduscht und sie mit dem Calidiventus-Zauber trockengefönt.

"Noch wach genug?" Fragte Millie. Julius tat begriffsstutzig und fragte "Wofür?"

"In unseren gemeinsamen Hochzeitstag richtig hineinzufeiern", erwiderte Millie darauf. Julius überlegte. Er hoffte, daß Lines Lebenskraftverstärkungs-Zauber ihn ausdauernd genug hielt und ging auf Millies Vorschlag ein. Vielleicht wurde an diesem Tag ja der Funke eines neuen Lebens entzündet.

 

__________

 

Mit dem Ausschlafen wurde es nichts. Um sieben Uhr erklang von außerhalb des Apfelhauses ein Chor aus singenden Hexen und Zauberern. Dieser wurde von Musikern tatkräftig unterstützt. "Nur drei Stunden Schlaf", grummelte Julius. Doch er fühlte trotz des ordentlich erschöpften Körpers frische Lebenskraft in sich aufwallen. Seine Frau grummelte auch ein wenig. Julius beschloß, daß er sie schlafen lassen wollte und warf sich einen Bademantel über. Er ging aus dem Schlafzimmer und schloß leise die Tür. Dann apparierte er so leise er konnte vor der Haustür.

"Alles gute zum Geburtstag!" Riefen ihm mindestens zwanzig Leute entgegen. Julius bedankte sich leise und erwähnte, daß es in der Nacht spät geworden sei, weil er frustrierte Amerikaner nach Hause hatte schicken dürfen. Kevin, der mit seiner Cousine zusammen mit den Redlief-Schwestern unter den Gratulanten war grinste.

"Portschlüsselverschicken. den Ausdruck kennt Dad noch nicht dafür."

"Was du nicht sagst, Kevin", grinste Julius. Dann sagte er, daß er sich noch zwei Stunden hinlegen wolle, damit er den langen Tag gut überstand. Camille Dusoleil sagte dann noch, daß sie mit ihrer Familie gegen drei Uhr eintreffen würde, um bei der Dekoration des Gartens mitzuhelfen. Julius konnte ihr das nicht abschlagen. Die Geburtstagsgratulanten saßen dann auf ihren Besen auf und flogen in Formation davon.

Julius kehrte zeitlos ins Apfelhaus zurück und legte sich wieder hin. Millie kuschelte sich an ihn und fragte leise, wer alles gratuliert hatte. "Die Malones, die Dusoleils inklusive Jeanne und Viviane, die Redliefs, Watermelons, Porters und Madame Faucon zusammen mit Catherine, Babette und Claudine und dann noch Madeleine L'eauvite mit meiner Mutter.

"Meine Mutter war nicht dabei?" Brummte Millie halb ins Kopfkissen.

"die weiß, daß die mich vor neun nicht zu wecken braucht", grummelte Julius. Dann rollte er sich in seine Lieblingsschlafstellung und fand nach einigen Minuten in ein paar weitere Stunden Schlaf.

Er konnte sich nicht recht entsinnen, wovon er geträumt hatte. Er wußte nur, daß er was geträumt hatte. Es war ihm vorgekommen, als sei er in einem dunklen Raum gefangen und höre dauernd ein dumpfes Pochen und die Stimme Professeur Tourrecandides flüstern. Doch was sie flüsterte und wo er war fiel ihm nicht mehr ein, als er aufwachte. Die verbliebenen Eindrücke verwehten ebenfalls, als er sich mit Millie und den gemeinsamen Gästen auf den langen Tag vorbereitete.

Er zog Millies brandneue Festbekleidung an und wollte schon in der Küche mithelfen. Doch Brittany und Millie wiesen ihn streng und unerbittlich darauf hin, daß er dort bis zum einundzwanzigsten Juli nichts verloren hatte. Geschirr aus der unteren Küche wurde nach oben gebracht. Die Küche auf der Wohnetage der Latierres wurde heute richtig ausgelastet. Weil er nicht untätig herumsitzen wollte dekorierte er mit Pina und Linus die Wohnhalle mit bunten, aus sich leuchtenden Luftballons und hängte sogar riesige, goldene Ballons außen an das rund Haus. Gegen Mittag gab es lediglich belegtes Baguette, um für das große Festessen hungrig genug zu bleiben. Gegen drei Uhr apparierten Florymont und Camille mit der Geburtstagstruhe, die Julius und Millie gleichsam als Geschenk zu ihrer Hochzeit bekommen hatten. Camille hängte Girlanden in die Büsche, drapierte farbenfrohe Lichterketten in denWipfeln der Bäume und fegte mit einem Erdreichglättungszauber die leeren Beete flach, bevor sie die zwischen den Wegplatten hervorlugenden Grashalme abschnitt und auf den großen Komposthaufen hinter dem Haus fliegen ließ. Linus holte derweil mit Florymont und Julius die wetterfesten Möbel nach draußen und baute das Musikfaß auf.

Gegen vier uhr trafen die ersten Gäste ein. Zu ihnen gehörten Martha Eauvive und Madeleine L'eauvite, die eine dreistöckige Geburtstagstorte mit siebzehn goldenen Kerzen darauf mitbrachten. Dann kamen Aurora Dawn und die restlichen Dusoleils auf Besen angeflogen. Catherine Brickston reiste mit Babette und Claudine per Flohpulver an. Die Porters, das Ehepaar Mike und Prudence Whitesand zusammen mit Mikes Schwester, die in der Zaubererwelt Melissa hieß, die Malones, Hollingsworths, Redliefs und Watermelons flogen in einer großen Formation an. Prudence hatte den kleinen Perseus in einem Tragetuch über der Schulter hängen. Dann trafen noch die Delamontagnes, die van Helderns mit ihren Kindern und Antoinette Eauvive ein. Gustav van Heldern grinste, als er die Redliefs sah. Melanie sah ihn dafür verdrossen an. Julius sagte ruhig: "Lassen wir die Weltmeisterschaft besser außerhalb des Grundstücks, Leute!" Laurentine kam zusammen mit der Familie Lagrange nebst Belisama. Auch die Dumas' erschinen vollzählig. Waltraud Eschenwurz hatte die Genehmigung der Gräfin Greifennest erhalten, ebenfalls an der Feier teilzunehmen. Die restlichen Mitglieder der Pflegehelfertruppe trafen per Flohpulver ein.

"Der Name für das Haus ist schön, und das haus sowieso", sagte Patrice Duisenberg zur Begrüßung. Damit sprach sie den meisten aus dem Sinn. Julius fragte Florymont, ob die Truhe nicht irgendwann zu voll werden konnte.

"Da paßt hundertmal so viel rein wie die äußeren Abmessungen andeuten", sagte Florymont beruhigend. Er hängte noch viele schwebende Kerzen im Garten aus.

"Deutschland spielt noch, die Rumänen sind Maurer vor dem Herren", sagte Laurentine. "Deine Schwiegermutter hat mir aber für den Rest des Tages freigegeben. Ah, wenn man vom Teufel ... ich meine, guten Tag, Madame Latierre." Hippolyte war appariert. Sie blickte sich um und fütterte die in der großen Halle wartende Truhe mit ein paar Geschenken. Dann flohpulverten auch die übrigen Latierres in das Apfelhaus. Die Montferres kamen auf Besen. Sabine und Sandra hatten unter der Bedingung die Erlaubnis bekommen, mitzufeiern, wenn sie keinen Alkohol tranken und um Mitternacht wieder im Mannschaftsquartier waren. Frankreich würde ja erst am dreiundzwanzigsten das nächste Spiel bestreiten.

"Meine Fresse, so viele Gäste hatte ich bei keinem meiner Geburtstage", bemerkte Kevin Malone zu Julius, als er grob durchgezählt hatte, wie viele Leute nun da waren.

Als alle geladenen Gäste mit Ausnahme Madame Faucons eingetroffen waren hielt Julius eine kurze Ansprache, in der er sich bei allen bedankte, die heute erschienen waren. Vor allem dankte er allen, die geholfen hatten, daß er diesen Tag überhaupt erleben konnte und freute sich über jeden, der die dunklen Zeiten der Todesser- und Didier-Diktatur überstanden hatte. Dann wünschte er sich und allen einen schönen Tag zum feiern. Martha Eauvive entzündete ungesagt zaubernd alle siebzehn Kerzen. Julius lobte sie dafür. "Madeleine hätte mich nicht mehr vor die Tür gelassen, wenn ich das nicht gelernt hätte", sagte seine Mutter mit einer gewissen Verdrossenheit. Julius blies die Kerzen alle in einem einzigen Ansatz aus. Dabei wünschte er sich, daß Millie, er und alle anderen UTZ-Schüler hier ein erfolgreiches letztes Schuljahr hatten. Sowas wie Ruhe oder Frieden für sich wünschte er sich im Moment nicht. Das schien ihm ein wenig zu optimistisch. als auch die letzte Kerzenflamme der Kraft von Julius' Lungen unterlag klatschten alle Gäste Beifall.

Julius schnitt die Torte mit einem silbernen Messer an und verteilte gleichgroße Stücke an die Festgäste. Doch dann war immer noch was von dem Festtagskuchen übrig. Julius saß zwischen Millie und seiner Mutter am Tisch. So konnte er leise fragen, wie lange es gedauert hatte, diese Torte zu backen.

"Madeleine hat einen Ofen groß wie ein Kinderzimmer. Kam mir schon vor wie die Hexe im Märchen von Hänsel und Gretel, als ich den Kuchen da hineinbugsiert habe. Das Backen dauerte dann drei Stunden lang. Madeleine meinte, ich solle in meiner spärlichen Freizeit einen magischen Kochkurs bei ihr oder ihrer Schwester machen. Ihr Problem ist nur, daß ihre Schwester keine Zeit hat, mir auch noch was neues beizubringen." Als habe Martha Eauvive damit ein Stichwort gesagt krachte es vernehmlich. Auf der Landewiese standen Madame Faucon und die sie weit überragende Mademoiselle Olympe Maxime. Die ehemalige Schulleiterin von Beauxbatons trug ein federleicht um ihren Körper wallendes schwarzes Seidenkleid. Brittany bekam bald Augen groß wie Untertassen. Madame Faucon hatte sich ein bonbonfarbenes Kleid angezogen und ihren schwarzen Schopf wie üblich zu einem strengen Haarknoten hinter dem Nacken gewunden. Die beiden ehrwürdigen Hexen gratulierten Julius zu seinem siebzehnten. Julius stellte Mademoiselle Maxime allen vor, die sie bisher noch nicht gesehen hatten. Er bedankte sich bei ihr, daß er diesen Tag überhaupt als Mensch mit freiem Willen erreicht hatte. Sie übergab ihm ein Paket und sagte für alle des Französischen mächtigen verständlich:

"Ich habe Ihnen auch zu danken, daß Sie mir und der Beauxbatons-Akademie dabei halfen, das dunkle Jahr Didiers und Riddles zu überstehen und damit mein letztes Jahr als Schulleiterin zu einem Erfolg gemacht haben. Diese kleine Gabe zu Ihrem siebzehnten Geburtstag erscheint mir daher noch nicht annähernd gleichwertig zu diesen Leistungen. Julius fragte, ob die beiden Damen länger bleiben mochten, weil noch genug von dem Kuchen da sei, den seine Mutter gebacken habe.

"Wir wollten Ihnen nur gratulieren, Monsieur Latierre. Leider können wir die Einladung nicht annehmen. Meine familiären Pflichten verlangen meine volle aufmerksamkeit", sagte Mademoiselle Maxime. Madame Faucon nickte und erwähnte, daß sie durch die Verpflichtung für die angereisten Beauxbatons-Schüler ohne erwachsene Begleitung auch keine Zeit für eine angemessene Feier hatte. So blieb Julius nur, sich noch einmal für die Hilfe in den zurückliegenden Jahren und das Geschenk zu bedanken.

Die beiden ehrwürdigen Hexen disapparierten, nachdem sie sich von allen anwesenden verabschiedet hatten. Kevin meinte leise: "Hätte nie gedacht, daß die übergroße Zuchtmeisterin apparieren kann. Ich hab' immer geglaubt, Riesen und Halbriesen könnten das nicht."

"Das mußte ich auch erst lernen, daß das doch geht", antwortete Julius. Dann setzten sie die Feier fort.

Nach dem Kaffeetrinken, bei dem sich Brittany nur an die aufgestellten Früchte gehalten hatte, packte Julius die Geburtstagsgeschenke aus. Es waren viele Bücher dabei, Globen von den vier inneren Planeten mit Monden und Saatgut für die freien Beete. Von den Malones bekam er einen irischen Dudelsack und eine typisch irische Metallflöte. "Damit die hier in der Gegend mal andere Musik zu hören kriegen", sagte Kevin. Außerdem bekam er noch kleine Drachennachbildungen von allen auf der Erde bekannten arten. Alle waren mit schwachen Animierzaubern belegt. Das hieß, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen, aber ihre Körperhaltung verändern konnten.

"Kriege ich Ärger mit der Tierwesenbehörde, wenn ich die alle im Haus habe, Madame Latierre?" Fragte Julius seine Schwiegertante Barbara.

"Nur wenn diese Drachen auch Feuer speien und Eier legen können", sagte die Leiterin der Behörde für magische Tierwesen in Frankreich.

Hera Matine hatte, weil sie wegen der vielen Gäste in Millemerveilles nicht persönlich kommen konnte einen Satz Säuglingspflegeutensilien inklusive einschrumpfbarem Wickeltisch geschickt. Dabei lag noch ein Brief für Millie und Julius. Diesen wollten sie dann aber erst lesen, wenn sie für sich alleine waren, da Julius dachte, es sei was sehr persönliches.

"Will die euch dazu anhalten, schon im nächsten Jahr was kleines hinzukriegen?" Fragte Kevin Malone.

"Sie will zumindest, daß wir nicht unvorbereitet sind, wenn es soweit ist", sagte Millie an Julius' Stelle.

Aurora Dawn hatte dem jungen Ehepaar Bücher über australische Zauberpflanzen und Tierwesen und für Julius selbst noch eine Tragetasche in die Truhe gelegt, die mit einem Rauminhaltsvergrößerungs-, einem Federleicht- und einem Apportationserleichterungszauber belegt war. Darin konnte er wichtige Dinge verstauen, die er an jedem Ort wo er sich aufhielt benötigte. Die Tasche besaß sogar verschließbare Fächer für Flaschen, Phiolen und kleine Töpfe, eine richtige Heilerausrüstungstasche, nur ohne das bei Heilern übliche Erkennungssymbol.

"Ich fürchte, du mußt doch am Jahresende bei mir vorsprechen, Julius", sagte Antoinette Eauvive strahlend. "Du bekommst eine hervorragende Ausrüstung. Das wäre schade, wenn du das dazu passende Wissen und Können so einfach ausschlägst." Béatrice Latierre und Aurora Dawn blickten sich kurz an und nickten dann der Direktrice der Delourdesklinik zu.

"Das klären wir besser erst dann, wenn ich meine UTZs habe", sagte Julius diplomatisch.

Von den Latierres bekam er den zu einem großen Wandteppich ausrollbaren Familienstammbaum der Latierres von Orion Lesauvage angefangen. "Euch ist bekannt, daß unser Haus runde Wände hat?" Fragte Julius.

"Der schmiegt sich an jede Wand an", sagte Ursuline Latierre und half mit ihrem Sohn Otto und ihrer ältesten Tochter Hippolyte, den mindestens sechzehn Quadratmeter großen Wandteppich in der dritten Etage an einer Flurwand anzubringen, die nicht rund war, sondern nur in einem schrägen Winkel geführt wurde. "Unser Teppich im Château ist fünfmal so groß. Aber ihr könnt beim näher herantreten alle Namen gut lesen", sagte Ursuline. Dann deutete sie auf den untersten Rand. Dort las Julius seinen Namen, sah sogar, daß die Linie seiner Eltern bis zur fünftletzten Generation nachgezeichnet wurde und erkannte, daß für noch mindestens drei Generationen Platz war.

Wieder zurück in der großen Halle ging das Geschenkeauspacken weiter. Babette hatte ihm ein eigenes Zauberergemälde geschenkt, das drei grüne und drei rote Drachen über einem kräftige Flammen-und Lavafontänen ausstoßenden Vulkan zeigte. Er hängte es in die obere Küche, wo das Herdfeuer ja zu Hause war. "Ich habe lange rumprobieren müssen, bis ich das mit den Feiertagszaubern draufhatte", sagte Babette stolz. "Aber jetzt feuert der Vulkan an jedem eurer Geburtstage. Um Weihnachten rum können die Drachen drei Weihnachtslieder singen. Mehr bekam ich nicht so recht hin. Ich kann das leider noch nicht so wie Claire das konnte."

"Ich freue mich aber, daß du dir die Mühe überhaupt gemacht hast, Babette. Und ich bin sicher, Claire freut sich auch, daß da jemand ist, der mir auch schöne Zauberbilder malen kann, wo sie das ja nicht mehr tun kann", sagte Julius so ruhig er konnte. Was wäre alles anders gelaufen, wenn er dieses vermaledeite Bild Gregorians in Ruhe gelassen hätte? Das wußte er nicht. Und weil er nur das wußte, was er seit dem erlebt hatte und es mehr schöne als traurige Tage waren wollte er es nicht weiter ausmalen.

Von den Brickstons hatte er Futter für seinen Laptop und eine Externe Festplatte bekommen, sowie einen magischen Terminkalender. "Normalerweise ist es üblich, daß Zauberer an ihrem siebzehnten Geburtstag eine Armband- oder Taschenuhr bekommen. Aber mit deiner Weltzeituhr bist du über Jahre gut ausgerüstet. Daher der Terminkalender. Du brauchst ihm nur zu sagen, an welchem Tag du welche Sache zu erledigen hast, und er erinnert dich mit Musik und deinen eigenen Worten daran", sagte Catherine.

Der Rest waren Wunderwerkzeuge von Prazap oder Arcadia Priestleys Laden, um damit noch schneller und gründlicher zu werkeln. Von Florymont Dusoleil bekam er zwei Paare Transfrequenzaurikulare mit je einem der Stimmanpassungsvorrichtungen. Kevin staunte, als der Erfinder dieser Geräte ihm stolz erzählte, was die konnten.

"Damit kommen wir nach der Weltmeisterschaft mal auf den Hof, um zu hören, ob sich Demie und die anderen im Infraschall unterhalten können", kündigte Julius seiner Schwiegertante an. Diese nickte.

"Die Tier- und Zauberwesenbehörde hat dem erfindungsreichen Monsieur Dusoleil bereits mehrere Dutzend davon abgekauft", sagte Barbara Latierre.

Als Julius alle Geschenke ausgepackt und verstaut hatte ging die Feier draußen weiter. Das Musikfaß wurde in Gang gesetzt und spielte Lieder aus der Zauberer- und Muggelwelt.

Das Abendessen fand im Schein der vielen frei schwebenden Kerzen und Lampions statt. Brittanys veganes Menü fand nicht nur bei ihr Anklang. Die Montferre-Mädchen mixten aus den verschiedenen Fruchtsäften lustige Cocktails, die auch von den Kindern getrunken werden konnten, während die Erwachsenen mit Met, Butterbier und Cidre ihre Stimmung auflockerten. Eine Eule segelte mit einem kleinen Zettel zu Hippolyte herüber.

"Ah, Deutschland ist weiter. Endstand 1000:890", verkündete sie. "Und Norwegen hat sich mit 500:400 gegen Albanien durchgesetzt."

"Das wird interessant. Deutschland muß dann gegen Norwegen ran?" Fragte Laurentine. Hippolyte nickte.

Die Montferre-Schwestern verabschiedeten sich um kurz nach elf Uhr und wünschten noch viel Spaß bei der Feier. Eine Viertelstunde vor Mitternacht wurde das Musikfaß ausgestellt. Die meisten Gäste verabschiedeten sich und flohpulverten, apparierten oder flogen nach Hause. Camille und Madeleine L'eauvite ließen sich nicht davon abbringen, beim Aufräumen zu helfen. Dann kehrten auch sie in ihre Wohnhäuser zurück. Stille erfüllte das Apfelhaus. Julius und Millie begutachteten die neuen Sachen, die er und auch sie beide zusammen bekommen hatten. Dann zogen sie sich wie ihre Gäste zum Schlafen zurück.

"Kevin hat gar nicht gemault, weil das Haus und das Grundstück so groß sind. Sonst tönte der doch immer, dir würden sie zu viel geben, damit du schön tust, was man dir sagt", wunderte sich Millie.

"Ich denke, der hatte ganz andere Sachen im Kopf, Millie. Hast du das mitgekriegt, wie Patrice mit dem lange gesprochen hat. Irgendwie scheint da doch was möglich zu sein, was er sicher ganz bestimmt abstreiten wird."

"Dann müßte Patrice aber aus Frankreich raus. Ich glaube, daß Kevin nicht von seiner Heimatinsel runter will", erwiderte Millie. "Aber ich habe das auch gemerkt, daß er heute nicht so am motzen war wie letztes Jahr. Kann aber auch dran liegen, weil seine Eltern und die Cousine dabei waren."

"Jedenfalls eine Menge Leute, die wir heute da hatten. Britt hat sich ja gefreut, daß noch andere ihr Abendessen haben wollten."

"Vor allem das mit den zwanzig Fruchtsäften war eine geniale Idee von ihr. Die Kleinen sind ja richtig selig gewesen, aus so vielen Sachen was auszuwählen", bemerkte Millie dazu.

"Und außer Gilbert war kein Reporter da", sagte Julius.

"Lino hat sicher ihre Ohren ausgefahren und muß jetzt überlegen, was sie davon verwenden darf. Oder die ist schon mit ihren Landsleuten in Amerika", vermutete Millie.

"Ich glaube, daß die noch da ist. Die will jetzt wissen, wer das gewinnt, weil außer Laurie Beaumont ja kein amerikanischer Zeitungsreporter hier ist. Aber die Kimmkorn hat sich schön zurückgehalten", erwähnte Julius.

"Ich denke eher, daß sie sich an die ganzen Berühmtheiten wie Harry Potter und die anderen hängt, um noch ein paar nette Gemeinheiten zu finden", erwiderte Millie. Julius nickte. Das konnte immerhin sein.

Als sie beide müde nebeneinander lagen dachte Julius daran, daß eine von Leas Schwestern ja heute auch Geburtstag feierte, Medea hieß sie wohl.

 

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Julius hörte dumpf wie aus einem geschlossenen Sack erst unverständliche Laute. Dann fand er sich in einem hellen, behaglich eingerichteten Schlafzimmer mit hellen, vorgezogenen Vorhängen. Er sah zwei Frauen. Eine war schon sehr alt, strahlte jedoch eine unerschütterliche Energie aus. Die andere saß auf einem Gebärstuhl und stand wohl unmittelbar vor der Niederkunft. Er erkannte die beiden Hexen. Die kleine, ältere Hexe mit den silbernen Haaren und der goldenen Brille war Eileithyia Greensporn. Er hatte ihr Bild auf dem Deckel eines Buches gesehen, daß Millie ihm gezeigt hatte. Die andere war jung, dennoch vermeinte Julius, Daianira Hemlock zu sehen. Aber das konnte nicht sein, die war keine zwanzig Jahre mehr alt. Abgesehen davon war sie im April des letzten Jahres verstorben. Die hochschwangere Frau da konnte aber eine Tochter von ihr sein. Dann hörte er die Stimmen der beiden Hexen und noch eine, die er kannte:

"Es geht los. Warum schneiden die mich nicht raus? Aaarg!" Das war Professeur Tourrecandides Stimme. Sie kam aus dem Bauch der Gebärenden, bei der schon die Eröffnungswehen einsetzten. Julius hörte die Anweisungen Eileithyia Greensporns und versuchte was zu sagen. Doch er hing über dem Boden und konnte nicht sprechen. Es war, als habe ihn wer mit dem Bewegungsbann knapp einen Meter über dem Boden in leere Luft gehängt. "Das paßt wirklich vom Tag her", hörte er die baldige Mutter keuchen. Wieder hörte er Tourrecandides Stimme, die sehr gequält klang: "Zu Eng, zu eng! Ich ersticke! Bitte aufhören!" Er fühlte sich sehr beklommen. Das, was da ablief konnte nur ein Traum sein. "Wenn ich das überlebe und nicht vergesse schreibe ich das mir auf, daß ich niemals freiwillig diesen Zauber mit wem anwende. Warum werde ich nicht einfach ohnmächtig?" vernahm Julius noch einmal die Stimme Tourrecandides. Ja, er erkannte, daß er träumte. Doch er fühlte sich trotzdem hellwach. Zu nichts im Stande hing er in diesem Raum und bekam mit, wie das Baby, dessen Gedanken er hörte, immer weiter ausgetrieben wurde. Als der große Kopf richtig zu sehen war erkannte er schwarze Haarbüschel, ähnlich wie damals bei Cytheras Geburt. "Mein Kopf! Aaarg!" Hörte er die qualvoll klingenden Worte, die mit Tourrecandides Stimme gesprochen wurden. Die junge Gebärende, die wie Daianiras Tochter aussah wand sich, schrie und stöhnte. Zwischendurch wurde sie zum Atmen angehalten. Dann kam der Kopf frei. "Das licht! Zu hell!" Hörte er wieder die ihm vertraute Stimme, die er eigentlich nie mehr zu hören gedacht hatte. Doch wenn das ein Traum war, dann würde er diese Stimme auch nie wieder im Leben hören. "Brrrr, ist das kalt! Hätte ich das gewußt! Aber besser das als Lucilles Blutsaugertochter!" Bibberte die Stimme, nun klar verständlich, bevor sie zusammen mit dem gerade vollständig freikommenden Kind schrie. Es war der erste Schrei eines neuen Menschen.

"Sie konnte es nicht erwarten, Theia. Ich mußte ihr nichts hinten draufgeben", frohlockte Eileithyia Greensporn, während sie das neugeborene Baby zu einer Waage hinübertrug. Dann sah Julius sie. Sie war so groß wie er und strahlte aus sich selbst heraus in diesem rotgoldenen Schein, der Wärme und Ruhe vermittelte. "Komm, Julius, sie muß ihr Leben leben und du deins", hörte er die schwebende Frauengestalt mit einer ihm so sehr vertrauten Stimme sprechen, daß er keinen Gedanken an irgendwelche Fragen verschwendete. Sie nahm ihn an die Hand. Der nächste mit zwei Stimmen ausgestoßene Schrei ergriff beide und trug sie immer schneller davon. Sie umarmte ihn, während er in einen Wirbel aus Farben hineinflog. Dieser endete in einen Schacht, dessen Grund seine Seite des schalldichten Ehebettes war. Keuchend fand er zu sich, mußte die Bilder und Geräusche, Wörter und Gedanken sortieren. Er fühlte sich so, als habe er eine weite Reise gemacht, um das alles mitzubekommen. Er hatte Tourrecandides Stimme aus dem runden Bauch der Gebärenden gehört. Die junge Mutter sah aus wie eine jüngere Ausgabe Daianira Hemlocks. Alles paßte, die haselnußfarbenen Haare, die Augen. Dann war Ammayamiria erschienen und hatte ihn sanft aber unwiderruflich davongetragen. Er hatte wohl noch sehen können, daß da ein kleines Mädchen angekommen war. Millie erwachte neben ihm.

"Huh, hast du wieder was merkwürdiges geträumt?" Fragte sie ihren Mann. Er fragte, ob sie vielleicht auch was merkwürdiges geträumt hatte.

"Ich habe in einer Lichtkugel geschwebt, die rotgolden aussah. Dann hörte ich die Stimme, die so ähnlich klang wie die von Claire. Sie sagte, wir müßten dich zurückbringen, weil die alte Verbindung dich gerufen hat. Die Stimme kam von allen Seiten. Das war wie damals mit dem Traum von Darxandria und Temmie, Julius, wo ich am Ende in dieser Darxandria hängengeblieben bin. Dann hörten wir Frauenstimmen, eine gab Geburtsanweisungen. Die andere hat geschrien, gestöhnt und geatmet. Das klang aber für mich wie durch dicke Wände. Ich wollte nach dir rufen. Aber es ging nicht. Dann hörte ich ein Baby schreien und die Stimme die wie Claires klang sagen, daß sie ihr Leben leben solle und du jetzt zurückkehren solltest. Was war das?"

"Dann haben wir ähnliches geträumt. Ist nur die Frage, ob wir etwas wahres geträumt haben oder nur eine gemeinsame Vorstellung verarbeitet haben", antwortete Julius und erzählte seiner Frau seinen Traum. Was sollte es?

"Tourrecandides Stimme? Das wäre ja heftig. Dann wäre das Baby ja eine Wiedergeburt von der", sprach Millie etwas aus, was tief in Julius' Bewußtsein geruht hatte.

"Ammayamiria hat dir was von alten Verbindungen gesagt, die mich dahingezogen haben?" Fragte Julius.

"Ja, hat sie gesagt. Wenn das so ähnlich ist wie mit der Insel und daß du mitbekommen hast, daß Tourrecandide verschwunden ist ... Oha, das wäre der Überhammer."

"Millie, ich fürchte, selbst wenn das stimmt, was ich gesehen und gehört habe und du das auch durch Ammayamirias schützenden Schoß mitbekommen hast, dürfen wir das keinem erzählen. Stell dir mal vor, da gibt es eine Verbindung zwischen einer Tochter Daianiras und Tourrecandide, und die ist nicht gestorben, sondern in dieser Frau herangewachsen und jetzt wiedergeboren worden", erwiderte Julius. Dann erinnerte er sich an den unklaren Traum vom Morgen, wo er noch einige Stunden Schlaf genommen hatte. Da hatte er auch Tourrecandides Stimme gehört, allerdings mit den Geräuschenunterlegt, die er aus zahllosen Erinnerungen an die Sinneswahrnehmungen eines Ungeborenen kannte. Hatte sie ihn etwa gerufen, um ihm zu sagen, daß sie demnächst wiedergeboren würde?

"Stimmt, Monju, die Kiste klingt sowas von abgedreht, das glaubt uns eh keiner."

"Vor allem, wenn dann doch stimmt, was ich schon als total verrückt angesehen habe, daß nämlich zwischen Tourrecandides Verschwinden und dem plötzlichen Untertauchen von Leda Greensporn und ihrer Tochter Lysithea ein Zusammenhang besteht. Madame Faucon hat damals rausgelassen, daß Professeur Tourrecandide irgendwo irgendwas mit einem der alten Zauber gemacht hat und deshalb was abbekommen hat, was ihr arg zugesetzt hat. Könnte sein, daß sie auf die lebende Daianira gestoßen ist und sich mit der irgendwie verknäuelt hat. Aber Daianira ist verschwunden. Dann war das mit Lysithea. Und als Tourrecandide verschwunden ist mußte Lysithea versteckt werden. Oder die war auch verschwunden, und es durfte niemand wissen, wieso. Tourrecandide verschwand in einem goldenen Licht wie beim Infanticorpore-Fluch. Und irgendwie hing die Wiederkehrerin da wohl mit ... drin .... Oha! Neh, wir sagen das bloß keinem, Millie. Wir machen das am besten zu einem Latierre-Geheimnis."

"Moment, Julius, du meinst, diese Daianira ist nicht gestorben, sondern genauso verschwunden, nachdem Tourrecandide einen der alten Zauber benutzt hat, den Fluchumkehrer vielleicht."

"Genau den, Millie. Ich habe dir doch von dem Traum damals erzählt, wo ich von diesen Entomanthropen gefangengenommen wurde und von Anthelia befreit wurde, die da mit Daianira schwanger gewesen sein soll. Aber da hat wer oder was auch immer die Tatsachen verdreht, fürchte ich. Nicht Anthelia wurde Mutter, sondern Daianira, und Tourrecandide hat durch den Fluchumkehrer die Rollen von Mutter und Kind vertauscht, wie auch immer das ging, weil der Iterapartio-Zauber nur bei vollkommenem Vertrauen beider Partner geht."

"Du meinst, Daianira hat Anthelia dazu verflucht, ihre Tochter zu werden, damit die ihr lieber in den Bauch tritt als auf der Nase tanzt?" Fragte Millie.

"Wie gesagt, das klingt total verrückt. Aber sollte wer anderes das gewußt haben ... Natürlich, deshalb mußte ich meine Träume ja auch schützen, weil irgendwer erkannt hat, wo ich da ganz aus Versehen drauf gestoßen bin."

"Ja, aber es hieß doch, daß du nur das träumst, was mit den alten Zaubern in Verbindung steht", erinnerte sich Millie.

"Oder mit dem alten Reich", erwiderte Julius. "immerhin haben die Entomanthropen die Schlangenmenschen bekämpft, waren also deren Feinde gewesen wie die Wolkenhüter und ich. Das könnte die Verbindung zwischen denen und Anthelia gewesen sein. Und weil irgendwas anderes dazwischengewirkt hat, wurden die Verhältnisse umgepolt. In Wirklichkeit war Daianira mit Anthelia schwanger und wurde von Tourrecandide zur Ungeborenen verwandelt. Aber warum hat das ihr zugesetzt, während Anthelia sich danach wieder blicken lassen konnte, um ihre aus dem Ruder gelaufenen Entomanthropen zu erledigen?"

"Ganz einfach, Julius, weil Daianira nicht in Anthelias finsterem Wanst gelandet ist sondern bei Tourrecandide. Irgendwie hat der Fluchumkehrer ihr die zurückverjüngte Daianira untergejubelt, und Anthelia hat sich bedankt, wieder selbst atmen zu dürfen. Weißt du noch, daß Madame Faucon mehrere Tage weg war?'"

"Ja stimmt, und vorher hatte sie was erwähnt, daß wir hoffen müßten, daß nicht irgendwas passiert, das alle Hexen der Welt unterwirft oder so was. Tourrecandide hat da wohl versucht, etwas zu verhindern und dabei Murks gemacht, obwohl der Fluchumkehrer Idiotensicher ist. Obwohl, Moment, Madame Faucon hat erwähnt, daß es nicht der ideale Zauber ist, wenn es um Lebewesen geht. Der Fall Dorfmann hat es ja gezeigt. Ich Riesenross. Da hätte mir doch schon ein Licht aufgehen können.""

"Du kannst nur so gut über etwas nachdenken, von dem du genug weißt, Julius. Dann hat Daianira Anthelia zu ihrer Tochter machen wollen. Tourrecandide hat das umgekehrt, hätte dann aber Daianiras Mutter werden müssen. Sie war aber nicht schwanger als sie verschwand."

"Klar, weil sie Daianira nicht ausgetragen sondern Leda Greensporn überlassen hat. Transgestatio-Zauber. Viele Heilerinnen können den ja."

"Und dann ist Daianira als Lysithea geboren worden und irgendwas hat dann wieder was gemacht, daß die Rollen schon wieder vertauscht wurden, vielleicht ein neuer Fluch, eine Rache Anthelias."

"Neh, die hat damit nichts zu tun, Millie. Denn an dem Tag ist die schwarze Spinne zum letzten Mal in Australien gesehen worden. Da muß es zur Vereinigung zwischen Anthelia und Naaneavargia gekommen sein", raunte Julius. "Also muß wer oder was anderes in die Verbindung zwischen Tourrecandide und Daianira Hemlock reingepfuscht haben, und Plopp, Tourrecandide verschwand aus ihren Klamotten, und Lysithea wurde danach nur noch wenige Male gesehen."

"Immer vorausgesetzt, wir beide haben die Wirklichkeit im Traum mitbekommen, Monju. Wie spät ist es eigentlich?" Julius sah auf die Uhr. Es war jetzt drei Minuten nach drei Uhr morgens.

"Die Vorhänge waren zu, hast du gesagt?" Julius prüfte erschrocken die Schnarchfängervorhänge. Doch die waren fest geschlossen. Kein Laut drang aus dem Bett hinaus. Dann sagte er, daß die Vorhänge in dem Zimmer zugezogen waren. Dann mochte es da auch Nacht gewesen sein. Ammayamiria hatte Millie in sich aufgenommen, weil die mit ihm zu diesem Raum geflogen ist. Ihn hatte sie nach der Geburtsszene zurückgebracht.

"Vielleicht hatte Daianira auch wirklich eine Tochter, und Tourrecandide hat sich in dieser wiedergefunden. Wie gesagt, das irgendwem zu erzählen könnte Ärger geben. Entweder hält man mich doch noch für durch den Wind oder glaubt mir und hält mich dann für eine Art Nostradamus oder sonst einen Hellseher. Da möchte ich drauf verzichten, weil das nämlich heißt, daß Anthelia noch einen Grund hätte, sich an mich dranzuhängen, wenn sie weiß ... Ouu, Scheiße!!" Julius' derber Fluch war eher aus einem plötzlichen Schreck als aus Wut erfolgt. Millie fühlte es, wie die Angst in ihrem Mann wuchs.

"Natürlich weiß die, wer Tourrecandide die alten Zauber beigebracht hat, weil die mit Naaneavargia verschmolzen ist. Wundere mich echt, daß die mir nicht schon längst auf die Bude gerückt ist, um mich zu erledigen, weil ich was kann, was der gefährlich werden kann."

"Hat dieser Windmacher Ailanorar dir nicht gesagt, sie würde dir dankbar sein, diese Spinnenschlampe?" Fragte Millie. Julius bejahte es. "Tja, und wenn stimmt, was du da gerade zusammengereimt hast, wovon ich auch nicht weiß, ob ich das echt für möglich halten kann, dann ist Anthelia indirekt durch dich davor bewahrt worden, bei Daianira zum Vorderausgang herausgezwengt zu werden. Würde mir auch nicht schmecken, wenn ich Bernie Lavalettes Tochter werden müßte. Dann kann die dir zweimal danken, eben weil du ihr geholfen hast, nicht als Daianiras Baby außer Gefecht zu sein und zum zweiten, weil du diese Spinnenschlampe aus dem roten Berg befreit hast, damit die sich ihr als Körper- und Wissenszusatz zur Verfügung stellen konnte. Neh, Julius, die bringt dich nicht um. Die wird über dich und damit über mich wachen, wobei ich nicht weiß, ob mir das gefällt. Aber hier kommt sie nicht hin, und nach Beauxbatons wohl auch nicht. Denn sonst wäre sie schon längst bei dir im grünen Saal erschienen und hätte dich gefragt, was du von ihr dafür haben möchtest, daß du ihr zweimal geholfen hast."

"Weil wir im Grunde genommen quitt sind, Millie. Sie hat mir ja zweimal geholfen", rechnete Julius vor. Millie grummelte. Dann sagte sie:

"Ja, aber das war Absicht, daß sie dich da rausgeholt hat. Naaneavargia hat noch einen gut bei dir, daß sie jetzt noch mehr über unsere Zeit weiß und womöglich nicht immer nur als Spinne herumlaufen muß. Aber ich denke, ob das geträumte echt passiert oder passiert ist oder nicht, Ammayamiria hat dir klar angesagt, daß du dein Leben leben sollst. Sicher ist das die allerbeste Entscheidung."

"Du hast recht, Mamille. Ich bin kein Superheld, der immer die Welt retten muß. Und was auch immer passiert ist oder noch passiert, ich kann da eh nichts dran drehen. Also können wir nur unser Leben leben und hoffen, daß Anthelia uns beide in Ruhe läßt. Es kann auch sein, daß Tourrecandide ihr ganzes früheres Leben bei ihrer Wiedergeburt vergessen hat. Dann ist sie eh nur ein hilfloses, unwissendes Baby."

"Genau wie die, die da drin noch darauf warten, daß sie meinen warmen Unterbau anmieten dürfen", sagte Millie und führte Julius Hand unter ihr Nachthemd. Er wußte nicht, ob das jetzt der richtige Moment für die Liebe war. Aber sie wollte ihn offenbar nur fühlen lassen, daß in ihrem Leib das Leben pulsierte, ein Leben, daß irgendwann im nächsten Jahr von ihnen beiden geboren werden sollte. Sie ließ ihn einige Sekunden ihren Körper berühren. Dann fragte sie, ob er in der richtigen Stimmung war. Er bedauerte es. Er mußte da erst drüber schlafen, was er geträumt hatte. Vielleicht bekam er in einem der nächsten Träume mit, was weiterpassierte. Er streichelte seine Frau noch einmal zärtlich über ihre privatesten Stellen und hauchte ihr zu: "Aurore oder Taurus wird bald in dir herumkullern. Aber dann moser bitte nicht so viel herum wie Connie Dornier!"

"Das ist ja auch ein himmelweiter Unterschied, Monju. Aber nächste Nacht rufen wir noch mal nach dem Vogel", säuselte sie. Dann wand sie sich behutsam von ihrem Mann ab und nahm ihre bevorzugte Einschlafhaltung ein. Julius tat es ihr gleich.

 

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Der einundzwanzigste Juli war ein genauso herrlicher Tag wie der zwanzigste. Julius hatte wieder Dienst. Es galt, noch einigen Amerikanern eine Rückreisemöglichkeit zu bieten. Dabei traf er auch Linda Knowles.

"Es wäre schön gewesen, wenn wir noch weitergekommen wären. Aber ich werde Ihnen noch bis zum Finale erhalten bleiben. Laurie wird mir nämlich nichts von ihren Notizen zukommen lassen. Da muß ich schon selbst am Quaffel bleiben."

"Haben Sie das spiel mal selbst ausprobiert?" Fragte Julius kühn.

"Die Stadien sind alle belegt, und hier in Millemerveilles darf man nicht über privaten Grundstücken spielen, wenn man dort nicht selbst wohnt."

"Das stimmt", sagte Julius. Dann wünschte er Linda Knowles noch einen erfolgreichen Tag. Sie sagte dazu nur:

"Das hoffe ich, daß ich hier einen habe. Die wahre Musik spielt wohl schon wieder in den Staaten. Aber dazu lesen Sie bitte die Ausgaben des Westwinds von gestern und vielleicht der nächsten Tage. Mehr möchte ich wegen der anderen Kollegen nicht ausplaudern."

"Wieso, Mrs. Cartridge bekommt doch erst im August ihr Baby", sprach Julius.

"Da bin ich hoffentlich wieder in den Staaten. Aber es gibt noch einiges andere, daß genauso interessant ist. Da können wir vielleicht drüber sprechen, wenn der Westwind es gebracht hat. Womöglich möchten Sie mir da noch einmal als unfreiwilliger Experte über die Wiederkehrerin zur Verfügung stehen."

"Experte? Wenn ich das sein wollte müßte ich mit der zusammenleben, und ich bin immer noch und hoffentlich ein Leben lang glücklich verheiratet. Das dürfen Sie auch gerne zitieren, wenn wieder wer meint, ich kenne diese Hexe gut genug."

"Danke schön, Mr. Latierre", erwiderte Lino lächelnd. Dann disapparierte sie, um einen Interviewtermin wahrzunehmen.

"Hoffentlich habe ich damit nicht jetzt doch den schlafenden Drachen gekitzelt", dachte Julius. Dann erkannte er, daß er nicht zum dumm rumstehen unterwegs war und ging seiner selbstgewählten Ferientätigkeit nach.

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