FanFic-Archive
Deutsche Fanfiktion

Julius Andrews - Auf seinem Weg in die Zaubererwelt von Thorsten Oberbossel

[Reviews - 1]   Inhaltsverzeichnis
Drucker Kapitel oder Geschichte


- Schriftgröße +

Julius dachte erst, alles aus den letzten zwei Tagen nur geträumt zu haben. Das war schon viel, was ihm da passiert war. Doch er fühlte den leichten Muskelkater in Armen, Beinen, Bauch und Rücken. Er fühlte einen warmen, sanft pulsierenden Körper neben sich liegen und atmete den Duft dieses Körpers, sowie den frischen Bauholzes, Bettwäsche und Vorhänge ein. Nein, er hatte also nicht geträumt. Er sah auf seine Armbanduhr, die er kurz vor dem Einschlafen wieder an seinem linken Arm befestigt hatte. Sie zeigte halb sechs. Sollte er noch etwas liegenbleiben? Doch er dachte, daß er besser so leise es ging aufstehen und sich schon mal tagesfertig machen sollte. Er setzte sich so behutsam er konnte auf, beugte sich leicht nach vorne, wobei er fühlte, wie gut er sich doch angestrengt hatte. Er drehte sich behutsam, um die Beine aus dem Bett zu strecken ... Eine schlanke, warme hand klatschte ihm auf den Rücken.

"Hallo, mußt du wohin, Monju oder wolltest du dich davonschleichen, ohne mir einen Gutenmorgenkuß zu schenken?" Millies erheiternd säuselnde Stimme ließ ihn einen angenehmen Schauer empfinden.

"Ich wollte dich noch ein wenig schlafen lassen, weil du ja nicht schon um acht zum Schach mußt", antwortete Julius.

"Dann hätte mich der Temmie-Wecker wachgebrüllt, Monju", widersprach millie und zog ihren Mann halb zurück in die Waagerechte. Er gab ihrem sachten Zug nach und ließ sich auf den Rücken fallen. "Außerdem denke ich mal, daß du mit den elektrostromlosen Haushaltsgerätschaften noch nicht so gut bist wie ich."

"Willst du mir echt erzählen, daß das Frühstückmachen Frauensache sein soll?" Fragte Julius herausfordernd.

"Das nicht, aber bevor du die wenigen Zauber ausprobierst, um was hinzukriegen, dauert das. Wir beide kriegen das zusammen besser hin", bemerkte Millie dazu. Da erscholl das lautstarke Schmettern einer Trompete von der Wand rechts von der Tür her. "Mann, ihr hättet ruhig noch was schlafen können", lamentierte eine Stimme, die irgendwie anwesend war und doch so klang, als spreche da jemand aus einem hochwertigen Lautsprecher. Julius erkannte die verärgerte, hohe Stimme. Sie gehörte einem der Musikzwerge, die Claire mal für ihn gemalt hatte. Und als reiche das nicht aus, die beiden zu wecken erfüllte ein forderndes Muhen wie von einer echten Latierre-Kuh den Raum. Julius konnte sehen, wie die Miniatur-Artemis von ihrem runden Sockel aufflog und einmal durch den Raum schwirrte, bevor sie wieder auf ihrer grasgrünen Unterlage aufsetzte. Julius wollte sich schon wieder aufrichten. Da zog Millie ihn an sich. Er gab sich dieser Nähe hin und küßte seine Frau lange und leidenschaftlich. Erst dann ließ sie von ihm ab. Die Mini-Temmie brüllte noch einmal, fordernder. Der Musikzwerg auf dem Wandbild krakehlte: "Das ist gemein, unsere Musik durch dieses Rindvieh zu ersetzen." Julius achtete nicht darauf. Er stellte den besonderen Wecker so ab, wie er es gelernt hatte. Dann sagte er zu den nun vollständig im Bildvordergrund versammelten Musikzwergen:

"Ihr könnt meiner Frau gerne ein Gutenmorgenlied spielen."

"Wir haben zwei große Badezimmer, Monju. Ich stehe auch auf. Willst du dich hier oben oder unten für den Tag klarmachen?"

"Ich geh runter", sagte Julius und zog seine neuen Hausschuhe an, die nach seinem Größenzuwachs fällig geworden waren.

Julius brauchte mit den üblichen Morgenverrichtungen einschließlich Rasur zwanzig Minuten. Als er wieder im dritten Stock war, war das Badezimmer noch geschlossen. Er hörte Millie zu den Klängen der Musikzwerge summen. Er betrat die Küche und sah die ganzen für ihn vorsintflutlich wirkenden Gerätschaften an. Es stimmte schon, daß er nur mit Elektrosachen Frühstück oder kleinere Mahlzeiten bereiten konnte. aber er konnte zumindest ein Feuer im Ofen entzünden. Er nahm den Zauberstab und ließ aus einem Sack eine gewisse Menge Holzkohle in den ofen fliegen. Diese Brennstoffmenge entzündete er mit einem nur gedachten "Incendio!" Dann überlegte er. Sie brauchten Brot. Das lag wie alle anderen Lebensmittel im Konservierungsschrank. Das einzige, was wirklich wichtig war war die Zubereitung von Kaffee. Tee könnte er auch so aufbrühen. Aber zum einen wußte er nicht, wie lange es brauchte, um die Herdplatten vorzuheizen. Zum anderen trank Millie zum Wachwerden Milchkaffee, wobei sie die Milch gerne heiß in den Kaffee einfüllte. Er suchte schon mal nach den entsprechenden Töpfen. Da betrat Millie die Küche.

"Huch, hast schon ein Feuer im Ofen. Dann machen wir zuerst deinen Tee und meinen Kaffee und für uns beide heiße Milch", legte sie die Marschroute vor. Julius beobachtete sie dabei, wie sie aus dem Vorrat Kaffeebohnen eine kleine Menge in die magische Kaffeemühle warf, die zur Grundausstattung des Hauses gehört hatte. Laut Schabend und scharrend zerkleinerte das durch Zauberstabstubser in Gang gesetzte Gerät den Kaffee zu Pulver. Julius indes setzte den größten Teekessel voll Wasser auf.

Als sie beide die Heißgetränke fertig hatten, holte Julius das Essen aus dem Schrank. Sie konnten wegen der großen Küche gleich hierbleiben und genossen das erste gemeinsame Frühstück außerhalb ihrer Elternhäuser und ohne sonstige Erwachsenen, die in der Nähe waren. Julius erwähnte dabei, daß er sich wohl wieder angewöhnen sollte, Frühsport zu machen, um seine gute Form zu halten.

"Ich habe mich nicht beschwert", meinte Millie nur hintergründig lächelnd dazu. Julius nickte darauf nur.

Gegen viertel vor acht nahm er seine Schachmenschen, prüfte, ob er korrekt genug angezogen war und verließ das Apfelhaus auf seinem Ganymed 10. Millie würde erst einmal auf eine Eule von ihrem Großvater Ferdinand warten, wann der Kaminanschluß vorgenommen würde. Dann wollte sie auch in die dichter bewohnten Bereiche von Millemerveilles fliegen, um mit Caro und anderen jungen Hexen zu plaudern. Beide hatten vereinbart, über ihre Liebeserlebnisse niemandem was zu sagen. Das gehörte einzig ihnen, was sie taten und empfanden. Julius war darüber froh. Denn Caroline, womöglich auch Sandrine, mochten in Beauxbatons darüber herziehen.

Der Flug dauerte keine fünf Minuten. So traf er bereits um zehn vor acht vor dem Rathaus ein. Dort fanden sich gerade die ersten Turnierteilnehmer und Zuschauer ein. Darunter war auch Ursuline Latierre. Diese winkte Julius zu sich heran und fragte ihn vergnügt lächelnd, wie er die erste Nacht unter eigenem Dach verbracht hatte.

"Wir haben uns wunderbar von allem erholt, was in den letzten Tagen um uns passierte, Oma Line. Danke der Nachfrage."

"Das habe ich gehofft", erwiderte sie schmunzelnd. Ihre Tochter Patricia unterhielt sich gerade mit Jeanne, die appariert war. Julius begrüßte alle, die er kannte. Dann gingen sie in das Rathaus.

Das Auslosungsverfahren lief wie üblich Ab. Aus vier Wandelraumtruhen mit den Kennbuchstaben A bis D zog Monsieur Pierre die Namen für die Eröffnungspartien. Julius war vor allem gespannt, gegen wen er und seine Mutter zuerst antreten würden. Trafen sie beide im allerersten Spiel aufeinander konnte der Tag sehr lang werden. Doch das ging ja nicht, erkannte Julius. Seine Mutter war genauso auf der Spielstufe D eingeteilt wie er. Das erkannte er, als sie der Imkereihexe Begonie L'ordoux zugelost wurde, während er Florymont Dusoleil zugeteilt bekam. Ursuline und die beiden anerkannten Schachmeisterinnen Delamontagne und Faucon bekamen ebenfalls zu überwindende Gegner zugelost.

Nach anderthalb Stunden wußte Julius, daß er seine Partie so gut wie gewonnen hatte. Ihm fehlten nur noch vier Züge zum Schachmatt, und sein Gegner wußte das.

"Warum sie mich immer noch dabeihaben will weiß der grüne Wichtel", meinte Florymont, als die verbleibenden Züge gespielt waren. Mit "sie" meinte er Madame Delamontagne, die noch spielte. Julius verfolgte die Partie seiner Mutter, die sich die nötige Zeit nahm, um gegen Madame L'ordoux keinen unnötigen Fehler zu begehen. doch auch sie brauchte für ihre erste Partie weniger als zwei Stunden. Ursuline saß auch schon da und blickte ihren Gegner aufmunternd an, der verdrossen auf das bereits leere Schachbrett stierte.

"Alle Partien sind gespielt", verkündete der Turnierüberwacher, als Madame Delamontagne als letzte fertig wurde. Wie es die Turnierregeln geboten wurde die nächste Partie erst nach dem Mittagessen gespielt, falls von denen, die die erste Partie noch nicht beendet hatten, ihre Partie nicht noch fortsetzen mußten. Doch das hatte Julius bisher nicht erlebt.

Patricia freute sich, weil sie ihren Gegner in nur einer Stunde besiegt hatte, obwohl dieser der D-Gruppe angehörte.

Nach dem Mittagessen wurde die nächste Runde ausgelost. Julius erkannte, daß seine Mutter nun gegen Madame Pierre ranmußte, die ihre Partie knapp gewonnen hatte. Julius bekam es mit Antoine Castello, dem zopfbärtigen Quidditchveteranen und ehrenamtlichem Schiedsrrichter der Freizeitspiele zu tun. Diesmal sah es sehr eng für ihn aus, und er mußte sich aus mehreren Fallen herausarbeiten, bis er nach drei Stunden endlich die Oberhand gewann und dann nur noch aufpassen mußte, keine Unterlassungssünde zu begehen. Nach vier Stunden war die Partie entschieden. Julius hatte mit wenigen verbliebenen Schachmenschen den gegnerischen König in eine ausweglose Stellung gezwungen und damit mattgesetzt.

"Da spiele ich schon über siebzig Jahre Schach und erkenne, daß es doch nicht nur auf die Erfahrung ankommt", bemerkte Monsieur Castello zum Verlauf der Partie. "Auf jeden Fall werden das spannende Schlußrunden."

"Ich fürchte, wenn ich nicht gegen Madame Faucon oder Madame Delamontagne ins Halbfinale komme, lande ich früher oder später meiner Mutter oder Schwiegergroßmutter gegenüber. Ob ich das kann oder will, weiß ich noch nicht", gestand Julius ein. Doch Castello erwiderte dazu nur:

"Ich habe gegen jeden erwachsenen Verwandten, von meinen Eltern bis allen Onkeln, gespielt und auch gewinnen können, junger Monsieur. Das kriegen Sie auch hin."

Als die verbliebenen acht ermittelt waren waren außer den aus den Begegnungen der A- und B-Gruppe hervorgegangenen Achtelfinalisten Angeline Dubois, François Pierre, Bernard Clopin und Cyrus Perpignan nur noch Madame Delamontagne, Ursuline Latierre, Martha Andrews und Julius übriggeblieben. Patricia hatte es eingesehen, daß sie gegen Madame Delamontagne nichts ausrichten konnte. Richtig spannend war die Partie zwischen Martha Andrews und Madame Faucon verlaufen, die bis zum späten Abend andauerte. Doch es erwies sich, daß Madame Faucon einige Tricks doch noch nicht kannte, mit denen Julius' Mutter sie elegant aus dem Turnier spielte. Anders als das letzte Mal gegen Ursuline Latierre nahm Madame Faucon diese frühe Niederlage mit einem Lächeln hin.

"Die Hüte bleiben wohl alle in der Familie", scherzte Line Latierre, als sie Julius vor dem Verlassen des Rathauses noch einmal antraf.

"Kommt darauf an, gegen wen ich morgen ran muß, Oma Line. Angeline Dubois ist eine sehr gute Spielerin, ebenso Cyrus Perpignan. Gegen die beiden habe ich in Beaux schon gespielt."

"Und verloren?" Fragte seine Schwiegergroßmutter. Julius zögerte. Dann schüttelte er den Kopf. Sie lächelte ihn an und umarmte ihn. "Ich will morgen oder übermorgen gegen dich spielen, mein Junge. Oder meinst du, weil Millie und du schon jetzt ein eigenes Häuschen habt wolltest du hier nicht mehr mitspielen? Das laß aber bloß nicht die werte Madame Delamontagne hören! Sonst nimmt die es euch glatt wieder weg, mit allem, was da dranhängt", mentiloquierte sie ihm.

"Ich werde mich hüten", erwiderte Julius ebenso nur für sie vernehmbar. Für alle noch hinhörenden Ohren sagte er noch: "Ich stelle nur klar, daß ich das nicht für selbstverständlich halte, bis ins Halbfinale reinzukommen. Weil dann brräuchte ich gar nicht vor dem Halbfinalspiel hier anzutreten, Oma Line."

"Ich verstehe was du meinst, Julius", antwortete Ursuline Latierre. Dann wünschte sie Julius eine erholsame Nacht.

"Gut, daß ich bei Camille und Florymont wohne", meinte Julius' Mutter, bevor er seinen Besen bestieg. "Bei Madame Faucon wüßte ich nicht, ob ich heute noch was zum Abendessen bekäme."

"Wieso? Das Spiel ist entschieden. Das würde ihr nichts bringen, dich jetzt verhungern zu lassen, Mum", erwiderte Julius überlegen grinsend. Martha Andrews nickte. Dann verabschiedete sie sich von ihrem Sohn und riet ihm, genug Stunden zu schlafen. Er gab ihr zurück, daß das jetzt wunderbar ginge und saß auf seinem Ganymed 10 auf.

"Lümmel!" Schickte seine Mutter ihm noch nach, als er im Katapultstart davonschoß.

Als Julius beim Apfelhaus landete schnupperte er. Millie hatte was gekocht? Er wußte nicht, daß sie das schon so drauf hatte.

"Na, ist Oma Line noch im Rennen?!" Rief Millie aus dem Fenster, das über der Tür im dritten Stock lag. Julius bejahte es laut.

"Pattie ist schon in der zweiten Runde gegen Ratssprecherin Delamontagne ausgeschieden. Ich durfte Florymont und Monsieur Castello in Urlaub schicken", informierte er seine Frau.

"Und Martha, also deine Mum?" Wollte Millie noch wissen.

"Die ist auch noch dabei", verkündete Julius mit einem gewissen Stolz.

"Dann bleiben die vier kleinen Hütchen wohl alle in derselben Familie", meinte Millie und winkte ihm, endlich zu ihr hinaufzukommen.

"Hat deine Tante Patricia auch gesagt", lachte Julius. Dann ließ er die von außen unsichtbare Tür aufschwingen und legte den besen auf die nächste Sitzbank in der großen Halle. Er eilte die Wendeltreppe hinauf und war zufrieden, daß ihn der schnelle Aufstieg nicht schwindelig werden ließ.

"So rennen mußt du auch nicht, Monju", begrüßte seine Frau ihn amüsiert lächelnd. "Aber ich nehme das mal als Kompliment, daß du zu meinem dritten alleine hinbekommenen Essen nicht schnell genug hinkommen konntest."

"Wenn du mir zeigst, wie das so alles geht, helfe ich dir natürlich", stellte Julius gleich klar, daß er nicht auf die klassische Rollenverteilung in einer Ehe ausging.

"Ich hatte nichts größeres vor, nachdem ich mit den Mädels einen halben Tag über Beaux und was wir jetzt haben geredet habe. Opa Ferdinand hat geschrieben, daß Debbies Vater morgen rüberkommt und den Kamin anschließt. Ansonsten konnte ich mir die Zeit nehmen, Uroma Barbaras Menü für Sportler und Denker nachzukochen. Sie hat jedem weiblichen Abkömmling eine Sammlung ihrer Hexenkochrezepte geschenkt, als wir zwölf wurden, Oma Line, Ma, Tine und mir. Und natürlich auch Großtante Cyn und Großtante Diane.""

"Menü für Denker und Sportler?" Fragte Julius und wollte in die einzelnen Töpfe reinkucken. Doch Millie hielt ihm die Augen zu und wies ihn darauf hin, daß er das erst zu sehen bekäme, wenn es auf den entsprechenden Tellern landete. So genoß er die Überraschung und das viergängige Essen, das aus einer Tomatencremesuppe mit diversen Zutaten, gemischtem Salat aus rohem Gemüse, Rinderragout in leichter, würziger Soße an Bratkartoffelecken und gekochtem Gemüse bestand, zu dem jedoch keine Hülsenfrüchte oder Kohlsorten gehörten, um den Kopf frei von übermäßigem Gasdruck im Bauch zu haben. Der Nachtisch war eine Art Eistorte mit früchten.

"Abgesehen vom Fleisch bekommt Uroma Barbara ja alles aus dem eigenen Garten", sagte Millie. "Wenn der Anschluß steht können wir uns auch Kirschen besorgen", sagte Millie. Julius hatte von jedem Gang eine zweite Portion genommen. "Ob wir von einem bestimmten Baum Kirschen pflücken sollen, frage ich mich", nahm er Millies Bemerkung auf.

"Wenn wir den Baum ganz lieb fragen, ob wir welche pflücken dürfen bestimmt", erwiderte Millie zuversichtlich.

Julius erkannte, wie einfach es einem Zauberer fallen konnte, den Abwasch zu bewältigen, wenn er das wirklich wollte. Er hatte das ja auch schon auf der Reise nach Hogwarts unter Aufsicht Professeur Faucons hinbekommen. Millie sah ihm dabei zu und unterhielt sich mit ihm über das, wovon sie wußte, daß es ihn interessieren mochte und hörte sich an, was er ihr erzählte, wovon er dachte, daß ihr das nicht zu viel Schachgeplauder war. Julius dachte einmal daran, daß morgen der Kamin angeschlossen würde. Vielleicht sollte er auch eine neue E-Mail-Adresse einrichten, wo er einen eigenen Computer hatte. Das schlug er Millie vor, als das Geschirr blitzblank und trocken in seinem Schrank verstaut war.

"Als wenn du nur in den Pilz möchtest, um eine Elektropostanschrift zu ändern, Monju. Du möchtest die Fernsehnachrichten gucken, damit du weißt, was außerhalb von Millemerveilles Schutzglocke so passiert ist. Julius blickte auf seine Armbanduhr. Dann nickte er. Von der Zeit her paßte das. "Gut, mon Cher, wenn das für uns zwei nicht zu eng in dieser kleinen Außenstelle deiner Herkunftswelt ist möchte ich die mitsehen", sagte sie.

So gingen sie beide in den knapp drei Meter hohen Geräteschuppen, den Florymont dem zwölf Meter hohen Pilzhaus der Varancas nachempfunden und mit magisch umgesetzten Solarzellen bestückt hatte. Julius schaltete erst den kleinen Fernseher ein und drehte an der dreiarmigen Zimmerantenne, bis er den Sender schlierenfrei einfing, der gleich die Nachrichten bringen würde. Dann fuhr er seinen neuen Laptop hoch, wartete, bis alle von seiner Mutter vorinstallierten Anwendungen in Funktion waren und schaltete das bestimmt sündteure Satellitenmodem ein. Dieses suchte sich erst den stärksten Kommunikationssatelliten. Danach stellte es die Internetverbindung her. Julius suchte einen kostenlosen E-Mail-Adressenanbieter, dessen Kennung nicht auf .com endete, weil er nicht wollte, daß eine auf Gewinn hinarbeitende Firma mit seinen Daten herumjonglierte oder jede seiner E-Mails mit unerwünschter Werbung beglückte. Er war jedoch noch nicht mit seiner Suche durch, als die Nachrichten kamen. Deshalb trennte er die Verbindung einstweilen und verfolgte mit millie, was an diesem Tag geschehen war. Als sie dann noch vom Wettermann vom Dienst erfuhren, wie der morgige Tag wohl aussehen würde meinte Julius nur:

"Ich kann Camille fragen, ob die uns von ihren Wetterpflanzen einige in den Garten setzen möchte."

"Hat sie schon angeboten", meinte Millie. "Als ich heute mittag von den Dumas' zurückflog traf ich sie auf den Weg zu diesen hin. Sie möchte sich dann am Vortag des Balls noch mal mit uns unterhalten, ob wir den Garten so lassen wollen oder noch um dieses oder jenes erweitern."

"Stimmt, ein Regenbogenstrauch wäre nicht schlecht. Aber der braucht jede Woche Pflege, weiß ich aus Hogwarts."

"Hast du das jetzt raus, wie deine Mutter dir von Paris aus Elektrobriefe schreiben kann? Vielleicht ist es doch günstiger, wenn wir den Kaminanschluß dafür nehmen."

"Ja, nur der kann nur innerhalb von Frankreich Nachrichten übermitteln. Aurora Dawn und ihre Tante haben auch E-Mail. Und vielleicht kriege ich es hin, mich mit Mr. Marchand zu einigen, daß wir uns nicht gegenseitig annerven, wenn wir uns E-Mails schicken. Britt könnte eine eigene Adresse einrichten, auf die sie in einem Internetcafé zurückgreifen kann. Gleiches gilt für Mr. Abrahams, der meiner Mum bei der Fluchthilfeorganisation geholfen hat. Sicher könnte ich auch weiter die nehmen, die ich schon hatte. Aber neuer Anfang, neue Adresse." Dann fand er beim Anbieter Wordworld.net, der auf den Austausch von frei kopierbaren Texten spezialisiert war die Möglichkeit, eine kostenlose E-Mail-Adresse mit einer Postfachgröße von zwanzig Megabyte einzurichten. Er gab als gewünschte Adresse "Pommedelavie@wordworld.net einund gab seinen Namen mit Julius Latierre an. die Wohnadresse wurde nicht abgefragt. Er erhielt die Bestätigung, daß diese Adresse noch nicht besetzt war, durfte zweimal ein nur ihm bekanntes Passwort eintippen und erhielt die Mitteilung, daß die Adresse nun eingerichtet war. Danach stellte er die Kontodaten seines computereigenen E-Mail-Programms auf die neue Adresse ein und klickte auf "Senden und Empfangen". Keine zehn Sekunden später kam das aus zwei Tönen bestehende Signal, daß neue Nachrichten eingegangen waren. Er fand in seinem neuen Postfach die Bestätigung, daß er nun als kostenloser Nutzer eingetragen war. So schickte er an Aurora Dawn, Mrs. June Priestley und seine Mutter die Mitteilung, daß er nun eine neue, eigene E-Mail-Adresse besitze und wartete, bis das Programm den Vollzug der Versendung bestätigte. Dann fuhr er den Laptop wieder herunter. Er blickte noch einmal zu dem Stromverteiler, den Florymont hingestellt hatte. "Kein Spannungsabfall. Florymont ist echt gut drauf, wenn es drum geht, neue Sachen zu lernen und zu machen."

"Das war für ihn doch eine große Herausforderung, den Kontakt mit unseren Muggelstämmigen hinzubiegen, ohne laute, qualmende Dampfkraftmaschinen benutzen zu müssen", wandte Millie ein. Julius nickte. Dann öffnete er die Tür zum Geräteschuppen. Würzige, laue Sommerabendluft strich zu ihnen herein. Die Sonne blinzelte mit letzten Strahlen über den höchsten Baumwipfel und tauchte diesen in flammenloses Feuer. Der westliche Himmel schimmerte im selben orangeroten Farbton, den das neue, runde Haus der Latierres besaß. Millie und er genossen die Ruhe, die um sie herrschte. Kein Laut war zu hören, außer dem sachten Rauschen des Windes in den Blättern und Zweigen. Sie standen nur da, sahen, wie die Sonne hinter den Bäumen verschwand, wie ihr restliches Licht immer röter und dunkler verglühte und dann dem Dämmerungsblau wich. Julius mußte wieder einmal feststellen, wie schnell die Sonne im Süden verschwand und wie kurz die Abenddämmerung war. In London dauerte ein Sonnenuntergang mehr als zehn Minuten. Hier meinte er vom reinen Bauchgefühl her, daß Sonnenuntergang und Abenddämmerung nur zehn Minuten dauerten. Die hellsten Sommersterne traten aus dem dunkler werdenden Himmel hervor. Ihnen folgten bald die weniger leuchtkräftigen Nachtlichter. Ein zarter Silberglanz im Osten kündigte den Mond an. Da erhob sich dieser auch schon, so lautlos, wie die Sonne untergegangen war. In seinem Licht hatten Mildrid und Julius zueinander gefundn. In seinem Licht waren sie zu Mann und Frau geworden. In seinem Licht badeten sich die beiden auch nun und sahen auf ihr Haus, das nach dem scheinbaren Erlöschen der Sonne in einem mittelhellen Grauton schimmerte. Es war immer noch angenehm draußen.

"Kannst du uns den kleinen runden Tisch und zwei Stühle aus der Halle apportieren, Monju?" Fragte Millie fast flüsternd, als stünden sie in einer Kirche oder einem Lesesaal. Julius nickte. Die fortgeschrittenen Zauber hatte er ja schon häufiger angewendet. Millie hatte sie bisher nicht lernen müssen oder dürfen. So versetzte er ungesagt den runden Tisch aus der Eingangshalle auf die Landewiese und tat das gleiche mit zwei hochlehnigen Stühlen. Danach wurde er gebeten, noch eine Schwebende Kerze heraufzubeschwören. Daß er das konnte wußte sie bestimmt von den Montferre-Schwestern. Trotz der Anstrengung nach dem Schachspiel schaffte er es mit "Candeleviosa!" eine jener magischen Kerzen aus dem Nichts zu beschwören, wie sie in Hogwarts oder Beauxbatons zu tausenden über den Tischen schwebten. Der Zauberspruch war das einfachste an diesem Vorgang. Denn es galt, sich die brennende Kerze in der Schwebehöhe vorzustellen, ohne daran zu denken, daß sie auf den Boden fallen konnte. Außerdem mußte er dabei noch an frisches Wachs denken. Wer das ungesagt konnte und dazu ein ganzes Geschwader schwebender Kerzen in einen Raum hineinzaubern konnte war gut, erkannte Julius. Denn er brauchte zwei Ansetze, um eine Kerze zu beschwören, die nicht sofort zerlief und in einem Funkenregen zerstob.

Die beiden saßen noch eine Stunde draußen auf der Wiese und lauschten dem nun einsetzenden Konzert der Grillen. Sie hörten Eulen, naturwüchsige und magisch gezüchtete, die in den umliegenden Waldstücken ihre Revierrufe erklingen ließen. Und vom See der Farben her wehte ganz leise das vielstimmige Quaken von Fröschen verschiedener Arten herüber.

"Oh, wußte nicht, daß am See der Farben Frösche wohnen", wunderte sich Julius, ebenfalls so leise sprechend, um die Erhabenheit und den Frieden dieser Abendstimmung nicht zu brechen.

"Tagsüber sieht man die wohl nicht", erwiderte Millie. Julius nickte beipflichtend.

"Kann mir vorstellen, warum Jeanne hier so gerne bleiben wollte und Sandrine Gérard bearbeitet, mit ihr auch herzuziehen", wandte Millie ein. Julius erwiderte darauf, daß Gérard wohl gerne weit genug von seinen Eltern wegziehen wolle. Millie grinste.

"Klar, weil die werte Professeur Laplace ihn wohl immer sofort gepiesackt hat, wenn er in Beaux was verbockt hat. Die bekam es doch brühwarm von ihren Kollegen oder hat es selbst mitbekommen können."

"Aurora Dawn meinte mal, daß ihre Mum wohl deshalb nach ihrem zweiten Jahr erst einmal aus Hogwarts rausgegangen ist, um ihrer Tochter nicht Mutter und Lehrerin zugleich sein zu müssen. Jetzt möchte sie wohl wieder hin."

"Ist auf jeden Fall besser als abends draußen in London oder Paris", meinte Julius dann noch.

Ob es die Luft war oder die wohlige Sattheit oder die sich nun ganz unmißverständlich äußernde Anstrengung nach zwei Schachpartien. Nach einer halben Stunde draußen fühlte Julius seine Augenlider immer schwerer werden. Sein Mund öffnete sich zum Gähnen. Millie strich ihm mit der Hand über die Wange. Dann holte sie ihren Zauberstab hervor und ließ die schwebende Kerze mit "Vanesco Solidus!" im Nichts verschwinden. Julius sah darin wohl die Aufforderung, Tisch und Stühle wieder in die Wohnhalle zurückzubringen. Doch er stellte fest, daß er sich nicht mehr auf einen derartigen Zauber konzentrieren konnte. Doch das war kein Problem, fand Millie. Sie ließ die Möbel einfach einschrumpfen und nahm sie unter den linken arm. Julius schloß die Haustür auf und ließ seine Frau eintreten. In der Wohnhalle machte er mit dem Auslösewort "Illuminato!" Licht. Millie stellte die Möbel wieder so, wie sie ursprünglich gestanden hatten und ließ sie mit dem Remagnus-Zauber auf die gewohnte Größe zurückwachsen.

"Sandrine ist ein wenig neidisch, weil ich in deinem Besenwindschatten schon frei zaubern darf, hat sie gesagt. Aber du hättest ja wohl einiges durchgemacht, sagt sie, und da sei das völlig in Ordnung, daß sie dir deine und meine Volljährigkeit vor dem siebzehnten geschenkt hätten."

"War nicht zu verhindern, daß das rumgeht", grummelte Julius. Millemerveilles war eben doch nur ein Dorf.

"Wenn du das nicht wirklich gewollt hättest hätten wir Madame Delamontagne nicht sagen dürfen, hier zu wohnen", wandte Millie daraufhin ein. Er stimmte ihr da wohl oder übel zu. Aber dabei dachte er einen winzigen Moment daran, daß es auch durchaus Sandrine mit ihm zusammengebracht haben könnte, falls Claires in Ammayamiria weiterbestehendes Selbst ihn unbedingt mit ihr hätte zusammenführen wollen.

"Wenn ich das richtig im Kopf habe hat Sandrine im März nächstes Jahr schon den siebzehnten", brachte Julius ein. Mildrid nickte. Auch sie kannte die Geburtstage der Pflegehelferkollegen, immer darauf hoffend, das mitzukriegen, wenn einem oder einer an einem Sonntag vor versammelter Mannschaft gratuliert wurde.

"Sie ist ja auch nicht wirklich neidisch. Weil sie ja nach dem nächsten Schuljahr eh frei hätte zaubern dürfen", sagte Millie. Sie sah Julius mit ihren rehbraunen Augen sehr genau an und schnurrte: "Aber sie ist ein wenig eifersüchtig, daß du bei mir gelandet bist. Nicht das sie von Gérard schon genug hätte. Aber irgendwie fühlte sie sich wohl Claire gegenüber verpflichtet. Jetzt weiß sie wohl, daß dem nicht so ist."

"Mag sein, Millie. Ich weiß nur, daß ich jetzt doch ziemlich müde bin", gab Julius von sich, ein weiteres Gähnen unterdrückend.

So lagen sie zehn Minuten Später in ihrem großen Bett und kuschelten sich aneinander. Mehr passierte zwischen ihnen an diesem Abend nicht.

__________

"Ich hoffe für Mildrid, sie hat dich ja gut frühstücken lassen", begrüßte Line Latierre ihren Schwiegerenkel und beklopfte seinen Bauch, um zu horchen, ob er leer oder voll war. Julius unterdrückte den Drang, auf die selbe Art zurückzugrüßen. Er meinte nur:

"Ich habe so gut gefrühstückt, daß ich meinen könnte, für zwei gegessen zu haben." Er wußte, daß Line Latierre mit dieser Art von Scherzen wunderbar umgehen konnte. So überraschte es ihn nicht, daß sie sagte:

"Dann hoffe ich mal, daß mein kleiner Urenkel dir genauso gute Tipps für die nächste Partie gibt wie meine Kleinen das konnten, als ich für sie mitgegessen habe." Sie drückte ihren angeheirateten Enkel an sich. "Dann auf, damit die vier Hütchen alle zu uns kommen!" Spornte sie ihn noch an, bevor sie zur Auslosung ging.

"Madame Andrews trifft auf ... Angeline Dubois", verkündete Monsieur Pierre, nachdem er in zwei verschiedene Truhen gegriffen hatte. Dann loste er Julius Cyrus Perpignan zu und Madame Delamontagne François.

Als der für die Partie von Julius zuständige Beisitzer nach nur einer Stunde den Sieg des häufigen Trophäengewinners Julius Latierre notieren konnte fand der Sieger Zeit, sich die anderen Partien anzusehen. Cyrus hatte versucht, ihn mit dem Schäferzug gleich am Anfang aus dem Turnier zu werfen. Doch Julius kannte diesen Überrumpelungstrick zu gut und hatte sich mit Cyrus darauf ein wildes Gemetzel der Schachmenschen geliefert, bis er seine verbleibenden Streiter in die erfolgreichste Stellung bringen konnte. Der Weiße König, dessen Farbe von Cyrus geführt wurde, schmetterte seine Krone wutschnaubend auf das Feld, von dem er nicht mehr heruntergehen konnte. "Der hätte diesen niederen Bauernlümmel auf das Ausgangsfeld der Schwarzen schicken sollen", schimpfte der winzige, gerade barhäuptige König. Einer der Bauern, der drei Felder vor dem Startfeld eines von Julius Läufern stand, atmete hingegen auf.

Ursuline Latierre beendete ihre Partie eine Viertelstunde nach Julius. Martha Andrews stellte fest, daß Angeline wirklich eine gute Spielerin war, die nicht auf Vormarsch und ruppigen Raumgewinn spielte, sondern auf Ausweichen und Deckung. Dennoch büßte sie nach und nach wichtige Figuren ein, bis fast nur noch der König auf dem Brett herumlief und bereits Gesten der Verärgerung machte, immer auf die ihm verbliebenen deutete und meinte, deren günstigste Züge vorherplanen zu müssen. Dann hatte Julius' Mutter ihn im Schachmatt, und der kleine König warf sich mit der Krone zusammen zu Boden. Madame Delamontagne saß derweil schon wie Julius vor einem leeren Brett. Ihr Opponent starrte nur auf den Boden.

"Damit, Messieursdames et Mesdemoiselles, steht das Halbfinale des sechshundertdreiundfünfzigsten Schachturnieres zu Millemerveilles fest", verkündete der oberste Aufseher des Turniers. Er deutete auf Madame Delamontagne, Martha Andrews, Ursuline Latierre und Julius Latierre. "Madame Latierre schickt sich an, um den Einzug ins Finale zu spielen, und damit um die zweite Titelverteidigung. Doch sowohl unsere respektable Ratssprecherin Delamontagne, sowie die so bravurös in diesem Turnier debütierende Martha Andrews und ihr Sohn Julius werden wohl alles daransetzen, diese Titelverteidigung zu vereiteln. Wir werden wohl zwei sehr spannende Spiele zu sehen bekommen, schätze ich."

Nach dem Mittagessen zog der Turnierausloser die Karten mit den Namen der ersten Partie aus einer kleineren Schachtel, wo sie klackernd gemischt wurden. Allen war klar, daß mit einer Auslosung die zweite Halbfinalbegegnung bereits feststand. Nur wer gegen wen spielen durfte oder mußte war noch spannend.

"Die erste Halbfinalbegegnung findet statt zwischen ... Madame Ursuline und Monsieur Julius Latierre!" Boing! Genau das hatte Julius befürchtet. Seine Mutter mußte demnach gegen Eleonore Delamontagne spielen.

"Schade, also heute schon", begrüßte Line Latierre ihren Schwiegerenkel. "Morgen wäre mir lieber gewesen."

"Wenn schon, dann wollte ich morgen gegen meine Mutter spielen", konterte Julius. "Nach den ganzen Interessenten hier kommt sie nicht mehr dazu, gegen mich anzutreten."

"Dann mußt du aber ganz genau zusehen, daß du an mir vorbeikommst, Süßer", erwiderte Ursuline lächelnd. Julius lächelte zurück. Madame Descartes bat nun darum, die Partie zu beginnen.

Wie Julius befürchtet hatte kostete ihn das Spiel eine Menge Kraft. Er schwitzte heftig, weil er andauernd Fallen ausweichen oder eigene Angriffe ausarbeiten mußte. Beinahe hätte er seine Opponentin in eine Pattsituation gezwungen. Doch diese fand noch eine Rückzugsmöglichkeit und gewann die Oberhand. Er konnte nur auf bloßes Ausweichen oder Verteidigen spielen oder mußte so frech vorpreschen wie Cyrus. Doch die Zeit schwand und mit ihr die Anzahl der im Spiel befindlichen Figuren. Es lief immer weiter. Einmal sah es so aus, als wolle Ursuline ihren König auf einem Randfeld aufmarschieren lassen, was Julius die Möglichkeit gegeben hätte, diesen von drei Seiten her zu bedrängen. Doch dann zog sie im folgenden Zug ihren Springer, und Julius konnte es vergessen, seinen Turm in Schlagstellung zu bringen. Bis abends um acht dauerte die Partie. Zwischendurch trank Julius etwas Wasser, auch weil Line ihn tadelnd ansah und demonstrativ nach dem Turnierhelfer mit der Wasserkaraffe winkte. Um viertel nach acht war es dann offenkundig, daß Julius mit seinem verbliebenen Rest an Figuren nicht mehr gewinnen konnte. Ihm blieb nur die Hoffnung auf ein Remis. Doch die vereitelte Line ihm, als sie den zweiten Springer von ihm vom Brett schickte und dadurch den König in zwei Zügen mattsetzen konnte. Julius dachte fast zehn Minuten über einen Ausweg nach. Dann machte er einen Zug mit dem König, der diesen erst einmal aus unmittelbarer Gefahr brachte. Doch weil der König ja nur ein Feld pro Zug verrücken durfte, dauerte es dann eben noch drei Züge, bis nichts mehr ging, und ein bulliger Bauer aus Lines Schachmenschensammlung den schwarzen König überlegen angrinste. So blieb dem Siege gewohntem König von Julius' nur die Aufgabe.

"Fast, Julius", meinte Line zu ihm, als Madame Descartes das gut vollgeschriebene Notizbuch zum Turnieraufseher brachte. "Da, wo du mich fast gekriegt hättest hätte es gereicht, den Läufer nicht um vier sondern nur zwei Felder zu bewegen. Dann wäre ich da so nicht rausgekommen, ohne dir eine neue Angriffsmöglichkeit zu bieten. Aber du bist und bleibst ein sehr guter Spieler, Julius. Du solltest nur häufiger was trinken, wenn dich das so anstrengt. Ich weiß, wovon ich rede."

"Als wenn Sie in manchen Zuständen immer wert auf körperliches Wohlbefinden legen würden", knurrte Madame Delamontagne. Julius sah jetzt erst, daß die beiden anderen Halbfinalistinnen ihm und Line schon lange zugesehen hatten.

"Das haben Sie gerade nötig, Madame Delamontagne. Wenn ich bedenke, daß sie vor zwei Jahren gespielt haben, ohne zu wissen, in welchem glücklichen Zustand Sie da waren", konterte Line Latierre. Madame Delamontagne errötete. Ob es vor Scham oder Wut war konnte Julius nicht sagen. Seine Mutter lächelte ihn nur an und meinte:

"Fast hätten wir beide uns morgen mal vor aller Öffentlichkeit gegenübergesessen."

"Wieso, hast du deine Partie gewonnen?" Fragte Julius.

"War nicht leicht, aber am Ende doch eindeutig", erwiderte Martha Andrews.

"Dann kommt es morgen zum Duell der Gigantinnen", spann Julius bereits den Faden zum Finale.

"Auf jeden Fall bleibt der goldene Hut in der Familie", meinte Line Latierre dazu.

"Morgen werde ich dir noch einige Sachen mehr zeigen, als mein Sohn dir schon vorgeführt hat, Ursuline", prophezeite Martha Andrews.

"Oh, das hoffe ich aber sehr. Nicht das mir nachher wer nachsagt, ich hätte von dir verlangt, mich gewinnen zu lassen", entgegnete Ursuline. Dann umarmten sie sich und dann Julius.

"Somit darf Madame Martha Andrews morgen zum ersten Mal als Turnierteilnehmerin das große Endspiel bestreiten und Madame Latierre herausfordern", kommentierte Monsieur Pierre den Ausgang dieser Halbfinalrunde.

Als Julius danach zum Apfelhaus zurückkehrte traf er seinen Schwiegeronkel Otto und seinen Schwiegergroßvater Ferdinand, die aus dem Haus kamen.

"Hui, du siehst aber abgekämpft aus. Gegen wen mußtest du ran?" Fragte Ferdinand vergnügt grinsend.

"Erst gegen einen Burschen Namens Cyrus Perpignan, der meinte, mich mit einem Überrumpelungsmanöver auskontern zu können. Dann wurde ich deiner Frau zugelost. Das ging bis jetzt."

"So wie du aussiehst kommt mir der dunkle Verdacht, daß meine Line mit dir was anderes angestellt hat", grinste Ferdinand. Otto Latierre zwinkerte herausfordernd.

"Das zu vergleichen fehlt mir die Erfahrung", erwiderte Julius darauf. Ferdinand sah ihn nun verdutzt an, während Otto nur "Häh?" machte. "Ich habe gegen Millie noch nie Schachgespielt, um zu wissen, ob das das gleiche ist", sagte Julius noch.

"Gute Antwort", lachte Ferdinand und hieb Julius auf die Schultern. Sein Schwiegeronkel meinte: "Hast dich wohl gerade noch vor einem Duell mit Papa gerettet. Wir wollten dann gleich gehen, bevor Florian Flaubert hier aufkreuzt und uns erwischt."

"Wie, der war noch nicht da?" Fragte Julius.

"Mußte noch nach Sonstwo, weil wer Flohpulver mit zerstoßenem Einhornhorn zusammengeschüttet hat, um die Wirkung zu verbessern. Dabei wurde der wohl im Hui durch das Netz gepustet, während es seinen Kamin aus der Wand geblasen hat. Will wohl heute um neun Noch zu euch. Da fanden Maman und Papa, wir könnten euch noch den fehlenden Schrank bringen." Julius verstand.

"Wo steht der jetzt?" Fragte er.

"In eurer Bibliothek", sagte sein Schwiegeronkel. "Ähm, bei der Gelegenheit kann ich dich gleich fragen, von wem du das Buch "Ad Astra - Die Macht der Gestirne im Magischen Fokus" hast."

"Von jemand, der oder die nicht möchte, daß das jeder weiß, Onkel Otto. Aber du kannst es dir gerne einmal ausleihen. Ich denke, in den UTZ-Klassen kriegen wir nur die reinen Elementar- und erweiterten Bezauberungszauber dran."

"Millie kam mir auch schon damit, daß das keiner wissen darf. Ähm, dann stell besser Bücher, die wen interessieren anderswo ein, damit du nicht in eine solche Bredullie kommst", grummelte Otto Latierre. Ferdinand sagte nur: "Das weißt du doch, daß Millie und Julius dir nicht erzählen können, wo Julius war und warum er eine derartige Aufmerksamkeit verdient hat. Wie gesagt, der fehlende Schrank steht jetzt bei euch in der Bibliothek." Julius nickte seinem Schwiegergroßvater zu und folgte den beiden Verwandten und seiner Frau ins runde Haus.

In der Bibliothek im zweiten Stock stand ein orangeroter Schrank, der fast aussah wie ein Kleiderschrank. Doch als die beiden Besucher ihn öffneten, meinte er, in eine grenzenlose Dunkelheit zu blicken. Ferdinand und Otto verabschideten sich von Millie und Julius und zwengten sich in den Schrank. Otto Latierre sagte dann nur noch:

"Gilbert möchte sein Interview haben. Am besten macht ihr das mit ihm klar, bevor er sich in diese Rita Kimmkorn verwandelt und einfach was in seine Zeitung schreibt. Seit dem Ende von Ihr-wißt-schon-wer passiert ja nichts mehr, wofür er seine Ein-Mann-Zeitung betreiben müßte."

"Wir geben am ersten August eine Einweihungsparty. Wenn er morgens kommt kriegt er sein Interview", grummelte Julius. Millie fügte dem hinzu, daß er dann auch mit beim Dekorieren helfen dürfe. Die beiden Besucher lachten. Dann zog Otto die Schranktür von innen zu. Es rauschte einen Moment. Julius meinte, den Schrank kurz erzittern zu sehen. Dann stand das Möbel ganz ruhig da. Millie machte ihn noch einmal auf und sah nur die orangerote Rückwand.

"Die Wand siehst du nur, wenn jemand am anderen Ende den Schrank aufgemacht hat", wisperte sie. Da verschwand die Rückwand auch schon und machte einer erneuten Dunkelheit Platz. Millie nickte, drückte die Tür zu und schloß den Schrank ab. "So, wer durch den zu uns will muß anklopfen", sagte sie. Julius verstand und nickte beipflichtend.

"Opa Ferdinand hat recht. So wie du aussiehst könntest du sonst was mit Oma Line angestellt haben. Aber ich habe schon genug Onkel und Tanten, Monju. Iss besser was, bevor Debbies Vater hier ankommt!"

"Wann wollte der ursprünglich hier gewesen sein?" Fragte Julius auf dem Weg zur Wohnküche im dritten Stock.

"Um drei Uhr nachmittags. Aber dann kam seine Eule, daß einem Scherzbold in Nizza Einhornpulver ins Flohpulver gerutscht ist. Einhörner sind Erd- und Wasserwesen. Das vertrug sich nicht mit den Feueressenzen im Flohpulver, denke ich."

"Schade, ich hätte gerne meine brummende Birne zu deiner Mutter geschickt um der zu sagen, daß ich ihre Mutter fast unten hatte. Und dann war sie doch wieder oben. Dafür darf die morgen gegen meine Mutter ran."

"Ui, dann sollte ich mir das auch ansehen, allein um zu wissen, wann du wieder nach Hause kommst", erwähnte Millie, bevor sie das in gleichwarm bezauberten Töpfen und Pfannen bereitgehaltene Essen auftrug. "Kannst froh sein, daß ich jetzt auch frei zaubern darf. Onkel Otto ist ein Naschkater vor der großen Himmelsschwester. Wenn Tante Trice und Oma Line den nicht dauernd dranhielten, sich jeden Tag abzustrampeln würde der so aussehen wie Oma Line mit Esperance und Felicité unter ihrem Umhang."

"Damit kam ich heute deiner Oma, als die wissen wollte, ob du mir auch genug zum Frühstücken gegeben hast, daß ich meinte, für zwei gegessen zu haben."

"Und sie hat dich umarmt, daß du unser erstes schon rumträgst, Monju. Aber ich denke, das werde ich dann doch besser machen. Aber jetzt hau rein!" Julius kam dieser Aufforderung nur all zu gerne nach. Dabei merkte er jedoch, daß er mehr Durst als Hunger hatte. Es stimmte also doch, daß man bei einer anstrengenden Schachpartie einige Pfund Körpergewicht ausschwitzen konnte. Hinzu kam ja noch das mit der ausgeatmeten Luft abgeführte Kohlendioxyd, das aus den Zucker-, Fett- und Eiweißverbindungen der Nahrung entstand und bei großer Anstrengung eben noch schneller verbraucht wurde.

Um zehn Uhr läutete das magisch erzeugte Glockenspiel des Türmelders. Draußen stand ein sichtlich abgekämpft aussehender Zauberer, der von Haar- und Augenfarbe her der ehemaligen Pflegehelferkollegin Deborah Flaubert glich. "Oh, ich hoffe, ich bin nicht zu spät dran, die Herrschaften. Mußte dringend dieses Problem in Nizza ... Na ja, ich hoffe Ihre Frau hat Sie schon diesbezüglich unterrichtet", keuchte Monsieur Flaubert. Julius bejahte es und geleitete den späten Besucher ins Haus.

"Sie hätten doch auch erst einmal ausschlafen und morgen kommen können", sagte Julius.

"Nein, der Chef sagte, vor dem sechsundzwanzigsten fertigmachen. Seitdem Ihr verschwiegerter Großvater den Rat führt kehrt ein eiserner Besen. Drei Kamine, ein Anschluß?"

"So steht das wohl fest", sagte Millie. Julius zeigte dem Besucher den Kamin in der großen Erdgeschoßhalle. "Können sie den als Mutteranschluß ans Netz hängen und von dem aus die beiden anderen Kamine verbinden, so daß wir uns immer einen davon aussuchen können?"

"So geht das leider nicht, junger Mann. Ich muß jeden von den dreien mit dem einen Anschluß verbinden und dann erst klarstellen, welcher Kamin gerade passierbar und welche unpassierbar gemacht werden können", erwiderte Florian Flaubert. Dann ging er daran, den Kamin zu prüfen, nickte bejahend und wirkte dann jene Zauber, die er auch schon im Haus Rue de Liberation benutzt hatte. Als der Kamin wohl angeschlossen war schickte er seinen Kopf zum Testkamin hin.

"Pomme de la vie eins", hörte Julius Monsieur Flaubert ansagen. Sein Kollege am anderen Ende der Kaminverbindung bestätigte das. Dann erschien der Kopf des Flohnetzfachzauberers wieder auf dem Hals seines Besitzers. Es ging zum nächsten Kamin nach oben. Dort vollführte er dieselben Verbindungszauber und testete diesen durch Kontaktfeueranruf. "Pomme de la Vie zwei", hörten sie ihn wie aus einem Brunnenschacht. Dann ging es zum dritten Kamin. Als dieser ebenfalls eine Verbindung mit dem restlichen Netz besaß kam die eigentliche arbeit. Der Kamin wurde mit Runen und Zaubern derart bearbeitet, daß er nur dann funktionierte, wenn die beiden unteren Kamine unpassierbar waren. Selbes wiederholte er dann eine Etage weiter unten und schließlich noch ganz unten. Dann mußte er die Kamine verbindungsmäßig so miteinander verknüpfen, daß der eine Zielanruf den Reisenden zum freien Kamin lenkte. Als er nach einer Stunde mehrmals die Wendeltreppe hinauf- und hinuntergestiegen war keuchte er noch einmal auf. Dann zeigte er Millie und Julius, wie sie die Kamine versperren konnten, die gerade nicht gebraucht wurden. Wie bei Martha Andrews genügten hier Sperrsteine. Das Prinzip hatte sich also bewährt, erkannte Julius.

"So, den hier unten nehme ich jetzt als Test- und Abreisemöglichkeit", sagte er noch. Ich werde dann gleich noch prüfen, ob die Verknüpfungen richtig greifen. Dann kann ich nach Hause."

"Kriegen Sie Überstundenzuschläge?" Fragte Julius. Millie funkelte ihn leicht verärgert an.

"Nicht von Ihnen, hat der Chef gesagt", wehrte Monsieur Flaubert diese Frage ab und schickte seinen Kopf mit "Test" noch einmal los. "Pomme de la Vie!" Meldete er nur. Sein Kollege bestätigte das. "Schick deinen Kopf mal dahin, Brian!"

"Geht klar, Florian", erfolgte die Bestätigung. Der Flohnetzexperte zog seinen Kopf wieder aus dem Kamin. Keine zwanzig Sekunden später erschien mit lautem Plopp der Kopf eines kraushaarigen, dunkelbraun getönten Zauberers auf dem von Flammen belebtem Rost. "Du siehst mich, ich sehe dich, Florian. Bin also wohl bei dir angekommen."

"Gut, dann klappt die Verbindung. Mehr als zwei Kamine in einem Haus mit selbem Anschluß hatten wir schon lange nicht mehr", erwiderte Florian Flaubert zufrieden. "Dann kann ich mich endlich empfehlen.

"Kommen Sie gut nach Hause, Monsieur Flaubert!" Wünschte Millie. Julius gab dem Zauberer noch einen Gruß an seine Tochter Deborah mit.

"Die ist schon aus dem Haus, auf der Suche nach eigenem Herd", sagte Monsieur Flaubert. Sein Kollege Brian zog seinen Kopf wieder durch das Flohnetz zurück. Monsieur Flaubert ließ die Eheleute Latierre noch unterschreiben, daß der Anschluß am 25. Juli 1998 erfolgreich unter dem Namen Pomme de la Vie eingerichtet worden sei. Dann fauchte er mit Flohpulver aus dem apfelhaus hinaus.

"Erst Badewanne und dann ins Bett", legte sich Julius fest. Millie nickte nur beipflichtend.

Julius genoß das duftende, warme Badewasser. Gegen halb Zwölf lag er, noch gut erwärmt vom Wannenbad, neben seiner Frau, die das untere Bad benutzt hatte. Die wohlige Wärme und die Erschöpfung des langen Tages trugen ihn in den Schlaf.

_________

"Das bleibt von dir aus bei den dreißig Leuten, die wir per Eule einladen wollen, Monju?" Fragte Millie beim Frühstück. Julius überschlug noch einmal im Kopf, wen sie am ersten August zur Einweihungsfete für das Apfelhaus einladen wollten. Sie mußten sich überlegen, wem sie erzählen wollten, daß sie bereits beide die Rechte volljähriger Mitglieder der magischen Welt waren. Mußte das wirklich schon jeder wissen? Es könnte ihnen in Beauxbatons einiges Ungemach bereiten, weil einige ältere Mitschüler wieder mal meinen könnten, Julius würde grundsätzlich alles in den Allerwertesten geschoben, weil er sich so nett und folgsam alles gefallen ließ, was wer auch immer ihm auflud. Daß Millie ebenfalls schon etliche Monate vor dem siebzehnten Geburtstag für volljährig erklärt wurde würden ihr im roten Saal auch einige nicht so recht gönnen, vor allem Bernadette Lavalette, von der die beiden noch nicht wußten, was genau mit ihr demnächst geschehen würde. Aber sie waren auf dreißig Leute gekommen, viele davon aus Millemerveilles, einschließlich der Redlief-Schwestern, Brittany Forester, Gloria Porter, Pina Watermelon und Aurora Dawn. Das Endspiel des Schachturnieres, das Duell der Gigantinnen, wie Julius es heimlich genannt hatte, würde erst am Nachmittag um zwei Uhr beginnen. Bis dahin konnten sie die Eulen losschicken, noch einige Vorräte einlagern, vor allem Getränke. Millie und Julius hatten sich darauf geeinigt, mehr alkoholfreie als alkoholische Getränke anzubieten. Zum einen würden ja einige von Millies jüngeren Verwandten dabei sein, zum andren auch Babette und Denise. Brittany war zwar volljährig. Doch als bekennende Veganerin lehnte sie den Genuß aller Rauschmittel ab. So besorgten sie sich ein kleines Faß Met und zwei kleinere Fässer Wein. Ansonsten gab es zehn verschiedene Säfte, die ebenfalls in Fässern angeboten wurden, die selbst schon mit dem Conservatempuszauber belegt waren, so daß ihr Inhalt jahrelang gelagert werden konnte. Überhaupt besorgten sie viel Obst, aber auch Partynaschwerk. Zudem hängten sie am Zentralteich von Millemerveilles und am öffentlichen Aushangsbrett vor dem Gemeindehaus eine kurze Mitteilung aus, daß sie feiern würden und interessierte Nachbarn gerne dazustoßen dürften, es von den Gastgebern auf Grund noch nicht vorhandener Einkommensverhältnisse nicht möglich sei, mehr als dreißig Leute aus eigener Tasche zu bewirten und es deshalb freudig begrüßt werde, wenn einige Gäste Essen oder Trinken zur Party beisteuern mochten.

"Die zwei Tage danach ist dann wohl großes Aufräumen fällig", feixte Jeanne, die Julius beim Anbringen der Mitteilung traf. Dieser nickte.

"Na ja, wenn wir nur eine kleine Truppe da haben spricht sich das in Millemerveilles rum, und einige werden uns dann nicht mit dem Hintern angucken", meinte Julius. Ihm ging jetzt erst auf, welchen Riesenklotz sie sich mit der Einweihungsparty ans Bein gebunden hatten. Andererseits konnten sie das jetzt nicht mehr zurücknehmen.

"Ist ja wohl klar, daß wir euch da nicht damit alleine lassen", bekräftigte Jeanne. "Ihr hättet das gleich als eure Hochzeitsnachfeier anbringen müssen. Käme aufs gleiche Raus. So kamen Bruno und ich zumindest um eine Einweihungsfete herum", führte sie dann noch an. Julius nickte. Das hatten Millie und er ja schon überlegt. Er hatte auch ein gewisses Problem damit, daß er von sich aus auf die Teilnahme von Kevin Malone verzichtet hatte. Doch Kevin hatte sich bei seiner Geburtstagsparty wieder so knapp an einer heftigen Blamage entlangbewegt, daß er ihm diese Supernachricht im Moment nicht servieren wollte. Denn dann wäre das in einer Stunde in England und Irland herum, und die Leute in Hogwarts würden sich fragen, mit welchem Recht ein Zaubereiminister jemanden mit sechzehn für volljährig erklären konnte, ohne daß derjenige irgendwas überragendes geleistet hätte. Sicher - an dieser Stelle kam er mit seinen Gedanken immer wieder an - sein magisch herbeigeführter Wachstumssprung könnte als Begründung allemal herhalten. Doch besser war es, den Kreis der Wissenden erst einmal klein zu halten. In einem Jahr würden sie beide so oder so für volljährig angesehen. Dann würde kein Hahn mehr danach krähen, hoffte er. Praktisch war für ihn nur, daß Millie und er schon jetzt frei zaubern durften. Da kam ihm ein Gedanke, und er fragte sich, ob Jeanne ihn vielleicht aufgefangen hatte. Denn sie fragte:

"Und, wann meldest du dich für einen Ferienkurs Apparieren an?"

"Öhm, woher weißt du, daß ich gerade -?" Julius sah Jeanne verblüfft an. "Ähm, wußte nicht, daß es sowas gibt. Ich meine, wir haben unsere Ferien schon ziemlich gut verplant."

"Nun, eigentlich machen die meisten das in Beaux. Aber für Leute, die kurz vor dem zwölften Geburtstag eingeschult wurden und die also kurz nach Beginn des sechsten Schuljahres siebzehn werden gibt es einen Intensivkurs über drei Wochen, wo du im Zwei-Tages-Rhythmus Theorie und Praxis erlernst und eine Prüfung ablegen kannst. Bestehst du diese, kannst du mit Eintritt der Volljährigkeit frei apparieren und davor in engen Grenzen, also auf dem elterlichen Grundstück, deine Form aufrecht halten", sagte Jeanne. "Barbara und ich wollten das zwar machen. Doch Professeur Faucon hat uns durch einen Blumenstrauß verraten, daß wir uns für interessantere Sachen in Form halten und die Ferien besser zur Erholung genießen sollten."

"Na ja, die drei Wochen haben wir wohl nicht mehr, weil Millie und ich einige Tage nach Viento del Sol wollen", seufzte Julius, der nicht erst fragte, wie teuer dieser Ferienkurs sei. "Am fünfundzwanzigsten August geht das neue Schuljahr los. Wird also ziemlich knapp."

"Vielleicht hast du recht, und es ist für euch zwei auch stressfreier, wenn ihr mit den anderen Sechstklässlern zusammen den Kurs macht", wandte Jeanne leicht beschämt ein. Denn sie konnte an Julius' Gesicht ablesen, in welches Dilemma sie ihn getrieben hatte. Sie wußte, daß er die Kunst des zeitlosen Standortwechsels eigentlich schon längst beherrschen wollte. Andererseits wußte sie auch, daß er sich an gemachte Zusagen hielt und womöglich auch nicht zu viel auf Einmal machen wollte. Hinzu kam, daß er durch das Schachturnier und den Sommerball ja auch nicht so frei entscheiden konnte, ohne sich mit einigen Leuten zu verkrachen.

"Ich habe zwei Appariertestbeamte mitgeheiratet, Jeanne. Ich frage Millie mal, ob ihr das zu heftig wäre, wenn dieser Kurs statt im zwei-Tages-Rhythmus auf tägliche Übungen zusammengefaßt wird. Falls sie das nicht möchte und kein Problem damit hat, falls ich sowas machen kann, bevor das Schuljahr losgeht, könnte ich nach dem Ausflug nach VDS so einen Kurs vielleicht machen. Falls das nicht geht, dann eben im nächsten Schuljahr." Er dachte dabei, daß seine Eltern ihm immer wieder gesagt hatten, daß man längst nicht alles haben konnte, und das was ginge, nicht alles auf einmal zu kriegen sei. Unlogischerweise machte er in Gedanken dem Minister und dem Zwölferrat den Vorwurf, ihm mit der Volljährigkeit nicht auch gleich einen solchen Ferienkurs vermittelt zu haben. Immerhin wußten einige Mitglieder dieses Zwölferrates doch, wie wild er nach dieser Ausbildung war. Jeanne sah ihn beruhigend an und sagte:

"Falls du das nicht so hinkriegen kannst, Julius, ist das für dich im Moment auch noch nicht so gravierend. In Beaux kannst du eh nicht Apparieren, und in Millemerveilles ist alles ein paar Besenflugminuten voneinander entfernt. Aber deine Mutter sollte sich das mal überlegen, wo Maman und Madame L'eauvite die so heftig vorantreiben, ihre magischen Kräfte auszufeilen." Jeanne lächelte, als sie das sagte. Das steckte Julius an.

"Was meinst du, was sie meiner Mutter andauernd vorbeten, Jeanne. Aber ich denke, ihr ist das nicht so wichtig, apparieren zu können, weil das ja doch ein gewisses Risiko ist. Im Grunde, so wußte er, war ihr das Besenfliegen auch nicht so ganz geheuer, auch wenn sie von Madame Faucons Schwester und Camille unerbittlich dazu angehalten worden war, es zu erlernen. So sagte er abschließend:

"Sagen wir so: Ich war ja gefühlsmäßig schon drauf eingepeilt, daß ich erst in der sechsten Klasse das Apparieren lerne. Ist vielleicht besser, wenn ich das auch so angehe. Ich weiß nicht, wie Millie drauf ist, ob sie das jetzt schon in diesem Sommer können muß oder lieber fliegt und läuft. Das nächste Jahr wird ja so oder so ziemlich anstrengend. Da sollten wir uns vielleicht freuen, in den Ferien keine Hausaufgaben machen zu müssen."

"Stimmt, ihr habt ja jetzt die Ruhe vor dem großen Endlauf", erkannte Jeanne. Dann meinte sie noch, daß sie sich ihre Frage von eben vielleicht besser hätte verkneifen sollen. Julius wehrte diese Bemerkung mit einem Kopfschütteln ab und wandte ein, daß es gut gewesen sei, die Frage offen zu stellen, weil er sonst keine Gelegenheit gehabt hätte, für sich selbst eine Antwort zu finden. Jeanne nickte beruhigt. Dann wechselten sie das Thema und sprachen über das Endspiel des Turniers und die noch zu erledigenden Einkäufe und die Partydekoration. Julius wandte ein, daß er was Raum- und Gartenschmuck anging nicht so gut bescheid wußte und das vielleicht doch von Millie erledigt werden mochte. Jeanne grinste dazu nur.

"Hat Bruno auch behauptet, daß er sich mit sowas nicht auskennt und auch keine Lust hat, sich damit herumzuschlagen. Aber irgendwie kriegt ihr das wohl hin."

"Denke ich auch", schaffte es Julius, dieses ihm nicht ganz so genehme Thema zu beenden.

Gegen Mittag trafen Millie und er sich wieder beim Apfelhaus. Camille war inzwischen da gewesen und hatte noch einige Gemüsesämlinge in die Beete gestreut. Dabei hatte sie die beiden jungen Eheleute eingeladen, bei ihrer Familie zu Mittag zu essen und anschließend zum Endspiel des Turniers hinzufliegen.

So traf Julius seine Mutter beim Mittagessen im Haus der Dusoleils wieder. Einer unausgesprochenen Vereinbarung folgend verloren sie alle kein Wort über das anstehende Endspiel. Alle hier wußten, daß Julius' Mutter und Ursuline Latierre schon häufig gegeneinander gespielt hatten und sich daher wohl so gut kannten, daß es eine lange und schwierige Partie für beide werden würde. Den schachkundigen Zuschauern versprach das zwar ein großes Spiel. Aber wer gewinnen würde war zum jetzigen Zeitpunkt noch ganz offen.

"Und du wolltest Kevin nicht noch einmal hierherkommen lassen?" Fragte Martha Andrews ihren Sohn.

"Sagen wir es mal so, Mum: Wenn der sich bei der Geburtstagsnachfeier nicht wieder so blöd verhalten hätte und nur zurückgezogen hat, weil Mr. Porter ihm ein Donnerwetter seiner Eltern angedroht hat, müßte ich ihn unbedingt einladen. Aber der würde die Party garantiert kaputtquatschen, weil er dann rummotzen würde, daß die mich entweder übermäßig verhätscheln oder mich mit dieser Volljährigkeitserklärung erst recht am Führstrick hätten, von wegen Dankbarkeit und Verpflichtungen und so weiter. Da ich das schon alleine überlegt habe und keine wirklich klare Antwort drauf finden konnte, will ich mir das gerne ersparen. Gloria ist in der Hinsicht hoffentlich umgänglicher."

"Gloria könnte finden, daß du vielleicht zu früh für volljährig erklärt wurdest", meinte seine Mutter. "Ich meine, sie weiß ja nicht, von wem und warum du vorzeitig für erwachsen erklärt wurdest. Das wird sie natürlich interessieren, weil du ihr wohl kaum verkaufen kannst, daß wir euch als Minderjährige schon ohne Aufsicht in einem großen Haus mit Grundstück wohnen lassen." Julius mußte seiner Mutter zustimmen. Ähnlich dürfte Pina das sehen, vor allem, weil Millie ja ebenfalls vorzeitig volljährig gesprochen wurde. Da hatte Camille den rettenden Einfall:

"Ich weiß zwar nicht, warum wir das verschweigen sollten, weil ihr beiden, Millie und Julius keinen Grund habt, euch zu schämen. Aber Martha hat schon recht, daß es in England einiges Kopfzerbrechen bereiten würde, wenn das rumgeht. Ich schlage also vor, daß wir euch dieses Haus zusammen schenken, damit ihr im nächsten Sommer darin einziehen könnt und wir es jetzt schon feierlich einweihen wollen, damit ihr wißt, wohin ihr zurückkehren werdet, wenn ihr beide mit der sechsten Klasse durch seid. Das ist noch nicht einmal so heftig geschwindelt, weil ihr nach dem nächsten Schuljahr ja doch gleich dort einziehen könnt. Zumindest aber dürfte das für eure Bekannten aus dem Ausland reichen. Die haben ja schließlich auch mitbekommen, daß Eleonore euch dieses geheimnisvolle Päckchen überreicht hat." Martha sah Millie und Julius an, die überlegten. Florymont sah seine Frau an und nickte ihr dann zu. Dann fügte er hinzu:

"Es ist doch kein Problem, zu sagen, daß Millie im nächsten Schuljahr siebzehn wird und ihre Eltern und wir schon was für euch gefunden haben, wo ihr bleiben könnt, wenn die Schule um ist. Ob ihr nach der Feier dort alleine zurückbleibt oder bei Camille und mir oder Jeanne und Bruno übernachtet muß ja keiner wissen."

"Warum dann überhaupt diese ganze Kiste mit der vorgezogenen Volljährigkeit, wenn das besser noch keiner wissen soll?" Fragte Millie herausfordernd. Doch sie legte unverzüglich die Antwort vor: "Wohl weil die im Ministerium das nur gemacht haben, weil sie wußten, daß wir das nicht gleich an die große Glocke hängen. Das ist doch deren Belohnung für Julius, weil er mitgeholfen hat, die Friedenslager und die Schlangenkrieger zu erledigen. Das soll ja auch keiner außerhalb der Familie und des Ministeriums wissen." Julius nickte sehr heftig.

"Gut, dann machen wir das so, daß wir die party geben, um das Haus vorzuwärmen", sagte Julius entschlossen. "Gut, daß wir die Kaminverbindung noch nicht angegeben haben."

"Willst du Kevin dann trotzdem nicht einladen?" Fragte seine Mutter. Julius überlegte. Die Frage war doch, inwieweit er ihn als guten Freund ansah oder nicht. Doch dann schüttelte er den Kopf. "Das würde nichts an seiner Ansicht ändern, die würden mich hier auf irgendwas dressieren oder mir für den Schulabschluß schon was schweres aufladen, mich festlegen wollen, Mum. Nein, das hat der sich leider verbaut. Der kann meinetwegen zu meinem siebzehnten noch mal rüberkommen. Vielleicht hat er dann raus, daß er mir nicht damit hilft, mir irgendwas einzureden, mit dem ich hier nur Probleme kriege."

"Der ist bloß neidisch, weil wegen deiner Ruster-Simonowsky-Kräfte so viele Erwachsene daran interessiert sind, was du so kannst und vorhast, Julius", sagte Millie. "Womöglich hat er sich drüben in Thorny häufig genug gewünscht, ähnlich gut zaubern zu können, um denen da zu imponieren. Wissen wir das?" Julius schüttelte den Kopf. "Ja, und Gloria und Myrna haben auch nicht alles erzählt, was sie so erlebt haben", fügte Millie noch hinzu. Damit war das Thema Kevin einladen oder nicht erledigt.

Kurz vor vierzehn Uhr trafen die beiden Endspielgegnerinnen im großen Saal des Gemeindehauses zusammen. Monsieur Pierre verkündete noch einmal, daß es Ursuline Latierres zweite Titelverteidigung werden mochte und sie damit zum dritten Mal Turniersiegerin werden könne, während Martha Andrews als Gast der Dusoleils die Chance hatte, das Turnier bei ihrer ersten Teilnahme zu gewinnen. Eine ähnliche Chance hatte Julius ja selbst bei seinem ersten Turnierauftritt bekommen.

Auch wenn Camille und Millie sich kein Stück für das Spiel der weißen und schwarzen Schachmenschen interessierten saßen sie mit Jeanne und Julius zusammen in den Reihen der Zuschauer. Martha Andrews bekam Weiß zugelost und durfte folglich den ersten Zug des Endspiels machen. Sie überlegte eine Minute und befahl dann: "Springer von g1 nach f3!" Der winzige weiße Ritter stieß seinem schneeweißen Schlachtroß die geharnischten Schenkel in die Flanken, wodurch das Pferd mit einem geschmeidigen Sprung aus dem Stand über den sich vor ihm duckenden Bauern hinwegsetzte und vor ihm aufkam, um mit einer grazilen Schrittfolge ein Feld weiter nach links zu rücken. Ursuline Latierre sah dem Zug zu und befahl scheinbar unbeeindruckt: "Bauer von e7 auf e5!" Damit konnte sie beim nächsten Zug den linken Läufer, den König oder die Dame ziehen, wenn sie das für richtig hielt. Sowas lief im Schach unter einer klassischen Eröffnung.

"Ursuline zog jedoch nach Marthas nächstem Zug ihren linken Springer, womit ihr linker Turm zumindest ein Feld weiter nach rechts rücken könnte, falls sie nicht vorhatte, erst eine Stellung für eine Rochade herauszuspielen. Martha schickte den zuerst aufgerufenen Springer zwei Felder weiter nach vorne und schlug den auf e5 stehenden Bauern Ursulines.

Vier Züge später hatte Julius' Mutter beide Springer und beide Läufer im offenen Feld. Drei weitere Züge darauf fehlten auf beiden Seiten schon drei Bauern. Keiner der Schachkundigen wußte jetzt zu sagen, wer die Oberhand besaß. Denn Julius' Mutter spielte mit einer Taktik der Verlockung und des Rückzuges, wenn wichtige Figuren in Gefahr gerieten. Die Partie schritt Zug um Zug voran. Ursuline, die wußte, daß ihre Opponentin nicht auf schnelles Vorpreschen setzte, behielt sich die Möglichkeit offen, den gegnerischen König erst dann bedrohen zu können, wenn es ihr gelang, bewegliche Figuren wie die Springer zu schlagen. So lief die Partie erst einmal als reines Stellungsspiel ohne erkennbare Strategie der einen oder anderen Spielerin ab. Kam es dann doch zu Figurengewinnen wurde dies von den Zuschauern durch beifälliges Nicken quittiert. Die Zeit verging auf diese Weise so unbemerkt, daß nur die über den Himmel wandernde Sonne, die mal zum einen und dann zum anderen Fenster des Saales hereinschien anzeigte, wie viele Stunden bereits verstrichen waren. Millie verfolgte die Partie mit gemäßigter Konzentration. Da sie die Regeln nie so recht lernen wollte konnte sie nur registrieren, wenn ihre Großmutter oder ihre Schwiegermutter eine Figur der Gegnerin aus dem Feld schlug, was bei der Art der animierten Schachmenschen immer ziemlich ruppig über den Tisch ging. Erst langsam konnte Julius erkennen, daß seine Mutter wohl auf reine Abwehr von Angriffen spielte, um durch sich bietende Gelegenheiten Ursulines wichtige Figuren zu schlagen. Doch diese wollte offenbar nicht gegen eine Gummiwand anspielen, die sich immer nach Bedarf zurückzog und ihre Angriffsversuche ins Leere laufen ließ. Sie gruppierte die ihr verbleibenden Schachmenschen um den König herum, den sie alle zwei oder drei Züge weiter in die Mitte des Brettes führte. Damit würde es schwierig sein, ihm Schach zu bieten, wenn immer genug schwarze Hilfstruppen dazwischengezogen werden konnten. Als die beiden dann eine längere Pause einlegten, um zu essen und zu trinken fragte Patricia Latierre ihren Schwiegerneffen: "Will deine Mutter nicht gewinnen?"

"Die beiden kennen sich. Womöglich hat meine Mutter häufiger die Taktik der vorangetragenen Angriffe benutzt und will deine Mutter jetzt mit einer Hinhaltetaktik zu einer langen Partie zwingen. Ist bisher ja auch aufgegangen."

"Ja, aber Mamans König ist jetzt ziemlich gut abgedeckt", wandte Patricia ein.

"Tja, dann werden die beiden im übernächsten Zug feststellen, daß eine von den beiden ihre bisherige Taktik aufgeben muß, wenn sie den goldenen Hut haben will", bemerkte Julius dazu. "Deine Mutter müßte ihren Flankenschutz auflösen oder meine Mutter die Gummiwandtaktik gegen einen raschen Vorstoß austauschen. Mit dem Stellungsspiel kommen die beiden zumindest nicht vor Mitternacht zum Schachmatt."

"Du kennst deine Mutter als Schachspielerin besser als Maman oder ich. Kann die so gewinnen?" Fragte Patricia.

"So oder so, Pattie. Denn sie braucht so oder so nur darauf zu setzen, daß deine Mutter was übersieht oder die Geduld verliert und einen schnellen Angriff durchzieht, auch wenn sie dabei eine sichere Stellung vergibt", erwiderte Julius. Doch so richtig wußte er nicht, wer von den beiden gerade bessere Chancen auf den Turniersieg hatte. Ihm kam es sogar vor, als legten es die beiden darauf an, auszureizen, wie lange sie eine Partie spielen konnten, bis ein Remis oder Schachmatt nicht mehr aufzuhalten war. Außerdem fiel ihm die Raumschiff-Enterprise-Folge ein, wo der Android Data ein kompliziertes Strategiespiel gegen einen Großmeister beliebig in die Länge ziehen konnte, weil er nicht auf Sieg, sondern nur auf Verteidigung gespielt hatte und sein arroganter Gegner das nicht kapierte, daß Data nicht gegen ihn gewinnen wollte. Ging seine Mutter gerade auf dieses Ziel aus? Ging es ihr nicht um den Turniersieg, sondern nur um die Ehre, so lange es ging gegen seine Schwiegergroßmutter zu spielen? Auf diese Frage konnte er im Moment glatt mit Ja antworten. Ja, Ursuline hatte das sicher erkannt und die Ruhe genutzt, um sich zumindest gegen ein schnelles Schachmatt zu wappnen. Sogesehen konnten die beiden noch mehrere Tage spielen. Überhaupt eine Interessante Frage, erkannte Julius. Bei wie wenigen Figuren war ein reines Stellungsspiel ohne Figurengewinn oder -verlust möglich, das kein klares Remis oder Patt war, sondern beiden Gegnern die Möglichkeit des Sieges offenließ? Vielleicht bekamen er und die anderen Turnierteilnehmer und Schachinteressierten heute die Antwort auf diese Frage. Er erkannte, daß die meisten Turnierteilnehmer, er eingeschlossen, immer auf eine möglichst schnelle Entscheidung hingespielt hatten. Weil die Gegner das wußten, vereitelten sie diese natürlich immer, und die Partien der beiden Endrunden wurden doch länger als von den Spielern erhofft. Doch wenn sich beide Gegner darauf verständigten, nicht auf die schnelle Entscheidung, sondern eine möglichst lange Partie auszugehen, dann mochten die Zuschauer besser schon mal den morgigen Tag freinehmen, dachte Julius. Zumindest traute er seiner Mutter und seiner Schwiegergroßmutter zu, des Spiels wegen zu spielen und nicht der Trophäe wegen. Anders als im Kampfsport gab es im Schach keine Regel, die die Gegner dazu zwang, ausschließlich auf einen Sieg hinzuspielen. Zumindest wußte er von keiner solchen Regel im Zaubererschach.

Nach der Pause ging die Partie tatsächlich so weiter, daß beide nach wenigen Figurengewinnen nur noch Stellungsspiele betrieben und Martha ihre weißen Linien zur reinen Abwehr einsetzte. Julius dachte an Fußballspiele, wo eine Mannschaft alle Spieler im eigenen Strafraum behielt und die Gegner immer wieder drauf auf das eigene Tor vorstürmen ließ. Doch diese Taktik griff nicht so häufig. Wer andauernd bestürmt wurde kassierte am Ende auch mehr Treffer, wenn er nicht mindestens einmal oder zweimal konterte oder ein gescheites Mittelfeldspiel aufzog. Aber was machte er hier gerade? Er verglich Fußball mit Schach. Da konnte er ja gleich Kürbisse mit Zitronen vergleichen.

In den Reihen der bereits ausgeschiedenen Turnierteilnehmer gährte eine gewisse Ungeduld, konnte Julius an den Gesichtern seiner Mitstreiter ablesen. Auf denen von Madame Faucon und Madame Delamontagne schien förmlich die Frage zu stehen, ob die beiden Endspielgegnerinnen sie alle hier nach Strich und Faden veralberten, weil sie ihre Figuren umeinander herumtanzen ließen wie Ballerinen. Wenn es dann doch mal irgendwo irgendwen zu schlagen gab schien das für die beiden eher ein zusätzlicher Raumgewinn zu sein. Jede von beiden hatte noch die Dame im Spiel. Die Miniaturköniginnen schienen mit dem Vorgehen ihrer Spielerinnen auch nicht mehr so glücklich zu sein. Sie warfen immer wieder fragende Blicke zu den sie führenden Hexen hinauf, während der weiße König ungeduldig auf dem gerade anbefohlenen Feld herumtapste und der schwarze König sichtbar seine Muskeln spielen ließ, weil er am liebsten losgelaufen wäre, um seinem weißen Gegner persönlich die Krone vom Kopf zu pflücken.

Das Licht in der Halle wurde golden, dann orangerot und wirkte dann wie mit Feuer vermischter Rotwein. Die Sonne ging unter. Erst jetzt schien es den beiden Opponentinnen darum zu gehen, vielleicht doch mal dem gegnerischen König Schach zu bieten. Für Julius' Mutter ergab sich diese Möglichkeit, als Ursulines Rundumsicherung doch durchlöchert wurde. zehn Züge später mußte Martha ihren Abwehrriegel lösen, um die nun löcherigen Flanken des schwarzen Königs auszunutzen, wollte sie nicht selbst eine wichtige Figur einbüßen.

Das Tageslicht verglühte. Nach und nach entflammten die Kronleuchter im großen Saal. Die Uhr zeigte nun schon eine Stunde vor Mitternacht. Die ersten Besucher gähnten müde. Einige schafften es, ungesagt ein paar Kissen heraufzubeschwören und sich so bequem zu betten, daß sie bis zum irgendwann mal fälligen Ende schlafen konnten. Doch Julius wollte es genauso wie Patricia wissen, ob ihre Mütter noch lange spielen konnten, ohne eine Entscheidung unausweichlich vor sich zu haben. patricia flüsterte Julius zwischen zwei Zügen zu, daß sie beide wohl schon längst fertig geworden wären. Dabei kuschelte sie sich einen Moment lang an ihm an. Millie grinste jedoch nur, als ihre drei Jahre jüngere Tante sich sowas herausnahm, wo sie dabeisaß. Julius schwieg nur.

Die Mitternachtsstunde verstrich. Monsieur Pierre sah die beiden Spielerinnen mit einer gewissen Ungeduld an. Würde er die Partie zum Remis erklären oder für diese Nacht unterbrechen und morgen fortsetzen lassen? Julius hatte die Geschichte des Millemerveilles-Schachturniers nicht studiert. Er wußte daher nicht, ob es schon einmal oder vielleicht häufiger vorgekommen war, daß ein Endspiel vertagt werden mußte. Beim Tennis gab es das, daß trotz Flutlicht zu einer Stunde der Nacht eine Unterbrechung angesetzt wurde. Und wo kein Flutlicht den Platz ausleuchten konnte galt die Dämmerung als Unterbrechungsmarke. Irgendwie schienen beide Endspielgegnerinnen auch nicht so müde zu sein, daß sie entweder aufgeben oder die schnelle Entscheidung herbeiführen wollten. Hoffentlich hatte seine Mutter keinen Wachhaltetrank geschluckt, dachte Julius. Tränke, die körperliche oder geistige Leistungsgrenzen eines Spielers erweiterten waren beim Schach ebenso verboten wie bei den körperlichen Sportarten. Zumindest das wußte er mit Sicherheit.

"Ein Uhr, Julius", flüsterte Millie, während in den Zuschauerreihen ebenfalls gewispert wurde. "Kann Pierre die Partie für beendet erklären?"

"Wenn er es macht, kann er es", wußte Julius nur darauf zu antworten.

Um kurz vor zwei erkundigte sich Monsieur Pierre nach dem körperlich-geistigen Zustand der Spielerinnen und des Beisitzers, der sich in den Pausen zwischen den Zügen immer wieder die Augen gerieben hatte und bereits damit anfing, sich durch Reck- und Streckübungen wachzuhalten. Als der Beisitzer betonte, daß er wohl nur noch eine Stunde durchhalte, ohne wichtige Züge zu verpassen, sagte Monsieur Pierre:

"Dann berufe ich mich auf Sonderregel zwei der Turnierordnung, eine unentschiedene Partie, deren Ausgang noch offen ist, für die Dauer von acht Stunden zu unterbrechen. Brett und Figuren bleiben bis neun Uhr unberührt. Die Partie ist unterbrochen." Viele atmeten auf. Keiner hatte wirklich noch die Kraft, die ganze Nacht hier zuzusehen.

"Das war zu befürchten, daß die beiden sowas aushecken", knurrte Madame Delamontagne, als Julius seiner Mutter noch eine gute Nacht wünschen ging.

"Ich weiß nicht, ob die dich noch mal einladen, Mum. Wenn es das ist, worauf du hinauswolltest hast du wohl Glück", meinte Julius zu seiner Mutter.

"Die haben wohl gehofft, wir beiden würden uns mit heftigen Gefechten rasch und sicher verausgaben", sagte Martha Andrews. "Aber Schach ist nicht nur Sieg oder Niederlage. Ursuline weiß das, und ich weiß das auch. Gute Nacht, mein Sohn!"

"Du bist doch morgen um neun wieder hier, Julius?" Fragte Line Latierre.

"Natürlich. Ich will doch wissen, ob der Tag sich heute gelohnt hat, Oma Line", erwiderte Julius, bevor seine angeheiratete Großmutter ihn umarmte.

"ich weiß schon, warum ich lieber einem Quidditchspiel zusehe, Monju", bekannte Millie, als sie mit Julius zum Apfelhaus zurückflog.

"Die beiden wollen wissen, wie lange sie gegeneinander aushalten. Allerdings fürchte ich, daß Monsieur Pierre den beiden morgen früh mitgibt, daß sie doch bitte auf eine klare Entscheidung hinspielen, damit das Turnier nicht auch noch am Tag des Sommerballs fortgesetzt wird."

"Ich kapiere es nicht. Deine Mutter und Oma Line haben schon so häufig gegeneinander gespielt und immer in ein paar Stunden klargemacht, wer gewinnt oder verliert. Wieso nicht ausgerechnet heute?"

"Weil die beiden vor uns aus dem Publikum zeigen wollten, daß sie auch lange spielen können, ohne daß die eine oder andere im Vorteil ist", erwiderte Julius.

"Die sollten beim Schach auch sowas wie einen Schnatz einführen. Wer den fängt beendet das Spiel."

"Tja, wenn eine Mannschaft den fangen will, Millie. Wenn es um Punkte geht kann ein Sucher den Schnatz auch mal durchflutschen lassen. Hauptsache, die andere Mannschaft kriegt den nicht. Dann kann eine Partie auch Tagelang durchgespielt werden."

"So wie damals ihr gegen Suzannes Truppe, als ihr meintet, Tore auf Vorrat schießen zu müssen und die hundertfünfzig Schnatzfangpunkte euch nicht genügt haben", knurrte Millie. Julius grinste und bestätigte das.

Wieder in ihrem eigenen Haus zogen sich Millie und Julius gleich ins Schlafzimmer zurück. Die Miniaturtemmie würde sie schon früh genug wieder wecken.

__________

Als die Partie fortgesetzt wurde saßen gerade noch die Turnierteilnehmer im Publikum. Die übrigen, die aus reiner Solidarität mit ihren Familienangehörigen zugesehen hatten, wollten wohl heute was anderes als schwarze und weiße Schachmenschen sehen, die wo es ging umeinander herumliefen, weil beide nicht klar auf Sieg spielten. Millie hatte Julius gesagt, daß sie mit Camille schon mal für die große Feier vordekorieren wollte.

Die Partie lief noch bis zwölf Uhr. Dann erst sah Ursuline Latierre ihre Chance, dem weißen König Schach zu bieten. Julius überflog die Stellungen. Wenn Line Latierre jetzt auf Sieg spielte, konnte sie seine Mutter in fünf Zügen mattsetzen. Diese hingegen konnte von ihrer jetzigen Stellung aus in acht Zügen zum Schachmatt gelangen. Gegen halb eins hatten beide Endspielteilnehmerinnen sich jedoch so manövriert, daß jeder weitere Zug Sieg oder Niederlage bedeutete. Den entscheidenden Zug machte dann Line Latierre, die drei Züge zuvor wohl doch einen Feldvorteil erspielt hatte, den Julius nicht bemerkt hatte. Jedenfalls hatte seine Mutter nur noch einen Zug zur Verfügung. Danach würde ihr König unweigerlich matt sein. Sie überlegte noch, ob es einen Ausweg gab, die Partie doch noch etwas länger zu spielen. Doch ihr fiel keiner mehr ein. Sie zog den König noch hinter ihrem verbliebenen Turm. Dann zog Line ihren verbliebenen Springer, der durch das geschlossene Helmvisier "Schach und matt", triumphierte.

"Und wofür war das jetzt gut, solange diese Hinhalte und Umschleichungstaktik zu verfolgen?" Schnarrte Madame Delamontagne, als der Beifall für die doch noch ermittelte Gewinnerin erklang.

"Die wollten nur wissen, wie lange beide ohne einen entscheidenden Fehler zu machen spielen konnten. Keiner kann jemanden dazu zwingen, sich ihm bietende Gelegenheiten zu nutzen", bemerkte Madame Faucon, die den Verlauf und Ausgang der Partie mit einer größeren Gelassenheit zur Kenntnis nahm.

"Das sollten wir also in die Regeln schreiben, daß Rückzug ohne Bedrängnis als unerlaubtes Mittel gewertet werden und bei einer gewissen Zahl solcher unnötigen Rückzüge der Partiegewinn dem Gegner zugesprochen wird."

"Warum, Eleonore? Fürchtest du, daß wir in den nächsten Jahren nur noch derartige Final- oder auch Halbfinalspiele zu sehen bekommen werden?" Fragte Madame Faucon.

"Worum geht es beim Schach, Blanche: Strategisches, vorausschauendes Denken, Zielstrebigkeit, Flexibilität und Beharrlichkeit, um eine klare Entscheidung zu erlangen", dozierte die Ratssprecherin von Millemerveilles.

"Oder um es kurz zu sagen, Eleonore: Es geht um Schwarz oder Weiß, Sieg oder Niederlage", faßte Madame Faucon die Unmutsbekundungen ihrer Nachbarin zusammen. "Ich stimme dir zu, daß wir was die Partielänge angeht ein wenig an den Regeln verändern sollten und die Endspiele nicht mehr über Mitternacht hinausgehen lassen sollten. Dann sollten die Figurenwerte und die Werte der von ihnen besetzten Felder in Beziehung gesetzt werden. Wer dann die meisten Wertungspunkte hat wird zum Turniersieger erklärt. Stellt sich vorher ein Remis ein gibt es eben keinen silbernen Zaubererhut."

"Ich werde mit dir und Monsieur Pierre noch einmal darauf zurückkommen", erwiderte Madame Delamontagne. Julius hörte nicht weiter darauf. Er beglückwünschte erst die Siegerin, wie es sich gehörte, um dann seiner Mutter zum silbernen Zaubererhut zu gratulieren. Doch dabei konnte er es sich nicht verkneifen ihr zu sagen, daß sie den auch früher schon hätte haben können, wenn sie ihre reine Abriegelungstaktik früher beendet hätte.

"Soweit ich weiß, mein Sohn, muß der goldene Schnatz beim Quidditch nicht von einem Sucher gepackt werden, wenn dessen Mannschaft lieber noch ein paar Tore schießen möchte. Warum sollte es also beim Schach zwingend vorgeschrieben werden, sich bietende Angriffsmöglichkeiten konsequent zu nutzen?" Julius verstand das und meinte dazu nur:

"Ja, aber die Mannschaft, die lieber noch ein paar Tore schießen möchte muß immer damit rechnen, daß die andere Mannschaft den Schnatz fängt. Beim Quidditch ist das nur begrenzt möglich, die anderen vom Schnatzfang abzuhalten."

"Jedenfalls hat mir die Partie viel Spaß gemacht, und wenn es nicht Line gewesen wäre, sondern einer aus der A- oder B-Gruppe, hätte ich mit dieser Taktik auch gewinnnen können", erwiderte Martha Andrews. Das stimmte. Denn sie hätte ja dann des anderen Figuren aus der Abwehr heraus schlagen können, bis sie eine unüberwindliche Überzahl erreicht hätte und so jederzeit das Schachmatt erzwingen konnte.

"Wir werden wohl bis nächsten Sommer erörtern, inwieweit ein reines Stellungsspiel ohne ersichtlichen Punktgewinn in den Turnierregeln erlaubt bleibt", sagte Madame Delamontagne. Martha Andrews und Line Latierre ließ diese Ankündigung kalt.

Die Halbfinalisten und die beiden Finalgegnerinnen posierten dann für die Kameras der eingeladenen Fotographen, die eigentlich schon gestern die Bilder für die Zeitung und das Gemeindearchiv knipsen wollten. Ursuline Latierre hatte den Titel zum zweiten Mal verteidigt und freute sich. Martha Andrews hatte trotz der vielen unverständlichen Spielweise gezeigt, daß sie durchaus fähig und daher berechtigt gewesen war, die goldene Trophäe zu gewinnen. Julius nahm seinen Bronzehut als weitere Trophäe hin.

"Nächstes Jahr möchte ich wieder gegen dich im Endspiel antreten", sagte Line Latierre zu Julius. Seine Mutter grinste dazu nur und meinte, daß sie dazu ja erst einmal über das Halbfinale hinauskommen müsse. Dann ging es nur noch darum, wo sie zu Mittag essen wollten.

Julius flog mindestens sieben Runden über dem kreisrunden Grundstück in der Nähe des Sees der Farben. Camille war gerade dabei, einige Leuchtballons in der Form von vierblätterigen Kleeblättern an langen, beinahe unsichtbaren Schnüren zwischen den Bäumen aufzureihen. Vor der getarnten Haustür rollte Millie einen weißen Teppich zusammen, der mindestens dreißig Schritte lang sein mochte, so dick wie die Rolle am Ende wurde. Mit Einschnürzaubern fixierte Millie die Teppichrolle zwischen zwei starken Seilen und ließ ihn dann durch die sich auf Wink ihres goldenen Schlüssels zeigende Türöffnung hindurchschweben.

"Warum kein Roter Teppich für die Ehrengäste, Millie?" Fragte Julius von oben her.

"Häh? Rot? Bei den Muggeln vielleicht. Aber bei französischen Zaubererfesten ist der Ehrenteppich entweder weiß oder golden!" Rief Millie nach oben und winkte. Julius landete vor der noch offenen Haustür.

"Wie ging dieses Spiel jetzt aus?" Fragte sie ihren Mann noch. Dieser erzählte es ihr. Dann kam Camille.

"Wir sind mit der Dekoration fast durch. Den Rest möchten wir dann übermorgen machen, weil wir da die Lichter vom Sommerball nehmen können. Mildrid meinte, daß ihr vielleicht ein paar Kirschbäume einpflanzen möchtet. Stimmt das?" Julius bestätigte das umgehend. "Gut, dann essen wir erst einmal bei uns. Dann könnt ihr die Kirschkerne besorgen, von denen deine Frau sprach", sagte Camille.

Nach dem Essen bei den Dusoleils kehrten Millie und Julius zum Apfelhaus zurück. In der Wohnküche im dritten Stockwerk sagte Millie leise:

"ich habe Camille nicht verraten, von welchem Baum genau wir die Kirschen holen werden. Ich sagte nur, daß wir auf Tante Babs' Hof die Kirschkerne holen möchten, um eine Verbindung zwischen diesem und hier zu schaffen. Sie meinte dann, daß sie uns im Herbst ja einige Apfelkerne geben würde."

"Stören wir Tante Babs jetzt beim Essen?" Fragte Julius.

"Die essen doch mittags nicht viel, wenn keine Gäste da sind, Monju", erwähnte Millie. "Da können wir jetzt ruhig hin."

So flohpulverten sie mit ihrer neuen Kaminverbindung hinüber zum Valle des Vaches von Barbara Latierre, der jüngeren. Diese begrüßte Mildrid und Julius herzlich und erkundigte sich auch nach dem Ausgang des Schachturnieres.

"Und deine Mutter wollte wirklich nicht auf Sieg spielen, Julius?" Fragte Barbara Latierre.

"Sah eine ganz lange Zeit lang nicht danach aus, Tante Babs", sagte Julius.

"Wäre wohl anders gelaufen, wenn sie gegen dich oder die gestrenge Madame Faucon hätte antreten dürfen, oder?"

"Eindeutig", bestätigte Julius Latierre. Dann bat er darum, ein paar besondere Kirschen pflücken zu dürfen.

"Da mußt du mich nicht fragen, Julius. Wenn du einen bestimmten Baum beehren möchtest, mußt du dort selbst fragen, ob's gestattet ist. Aber beeil dich, bevor die restlichen Kirschen abgefressen werden! Vögel fragen nicht danach."

Millie und Julius flogen auf ihren Besen in den Obstgarten des Latierre-Hofes, genau auf einen alle anderen Bäume überragenden Kirschbaum zu, der im Mittelpunkt eines Kreises aus anderen Bäumen freistand. Als sie landeten, wisperte eine weibliche Gedankenstimme: "Ah, die beiden jungen Eheleute besuchen mich. Ich hörte, daß man euch bereits mündig gesprochen hat. Gratuliere, Mildrid. Das haben deine Oma Line und ihre Geschwister nicht erreicht."

"Das wollten sie wohl auch nicht, Uroma Barbara", erwiderte Millie. Dann stupste sie Julius an. An ihm war es, die Bitte vorzubringen.

"Die vom Ministerium und aus Millemerveilles meinten, uns mit der Volljährigkeit gleich ein eigenes Haus mit Grundstück zu geben. Da sind extra Flächen für Obstbäume und Zierpflanzen freigehalten worden. Millie und ich sind deshalb hier, um zu fragen, ob wir von dir ein paar Kirschen haben können, um deren Kerne einzupflanzen. Dürfen wir?"

"Ihr müßt die Kirschen essen, um die Kerne für die Aussaat vorzubereiten", erwiderte die in seinem und Millies Kopf klingende Stimme von Barbara Latierre der älteren, die vor Jahren aus Einsamkeit heraus befunden hatte, ihr restliches Leben größtenteils in der Gestalt eines Kirschbaums zubringen zu wollen. Die unteren Äste des majestätischen Baumes bogen sich einladend nach unten.

"Achso, weil die Kerne dann vom Verdauungstrakt vorbehandelt sind", erkannte Julius, was seine angeheiratete Urgroßmutter meinte.

"Das ist der Pakt zwischen Pflanzen und Tieren, Julius. Die Pflanzen verbreiten ihre Nachkommen, weil die Tiere ihre Früchte essen und fern der Mutterpflanzen die freigelegten Samen auf den Boden fallen lassen, meistens mit eigenem Dung angereichert und damit fähig, die ersten Monate zu überstehen. Möchtest du anfangen?"

Julius turnte den Baum hinauf und pflückte drei Kirschen, die er besah und dann in den Mund schob, als er weder Vogeldreck noch Wurmbefall erkennen konnte. Millie war die nächste. Als sie die je drei Kirschen durchgekaut und die Kerne verschluckt hatten, sprachen sie durch reines Denken noch ein wenig mit der Königin der Kirschbäume, als die sich die ältere Barbara Latierre verstand. Diese räumte ein, daß mit der frühen Mündigkeit auch eine frühe Verantwortung einherging. Doch andererseits traute sie Millie und Julius zu, daß sie mit dieser ein Jahr früher auferlegten Verantwortung umgehen konnten. Julius fragte Ursulines Mutter dann noch, ob sie sich das neue Haus gerne einmal ansehen kommen wolle. Sie hätten eine Kaminverbindung.

"Ich kann in diesem Monat noch eine volle Stunde herumlaufen", antwortete Barbara Latierres Gedankenstimme, die Julius fast mit den Ohren zu hören glaubte. "Zu eurem großen Herdwärmungsfest werde ich zwar nicht erscheinen, weil ich da ja relativ schnell verschwinden müßte, um kein dummes Gerede herauszufordern. Aber wenn ihr beiden morgen Nachmittag eine halbe Stunde Zeit habt, komme ich gerne kurz vorbei. Meine Enkelin und Namensträgerin hat mir bereits geschildert, daß der für Béatrice gedachte Verbindungsschrank bei euch untergekommen ist. Dann brauche ich diese Wirbelei durch den Kamin nicht über mich ergehen zu lassen."

"Den haben Ferdinand und Otto beim Hinstellen ausprobiert", wandte Julius nur denkend ein. Da er dabei jedoch den Herzanhänger an die Stirn drückte, hörte Millie seine Gedankenstimme auch.

"Der funktioniert. Sonst hätten sie ihn euch nicht gebracht", versicherte die Königin der Kirschbäume.

"Und ich habe mich schon gewundert, wie schnell die so einen Transmitter- ähm, Verschwinde- oder Ortsversetzungsschrank zusammenschustern konnten", sagte Julius.

"Tja, die gute Line hat eben damit gerechnet, daß Rolands jüngste und letzte Tochter mit Beendigung ihrer Schulzeit bereits einen wackeren Zauberer auf ihren Besen heben würde und ihr von Otto und anderen einen entsprechenden Schrank zimmern und bezaubern lassen. Leider hat die gute Béatrice ihren Leib und ihre Liebe in den Dienst der Heilzunft gestellt und wird daher nicht mehr so rasch einen Gefährten finden, der mit ihr Tisch, Bett und Lebenszeit teilen möchte. Daher verstehe ich Lines Beschluß, den für Béatrice gebauten Schrank dort hinzustellen, wo sie in den nächsten Jahren mit kleinen Blutsverwandten rechnen darf, die im Falle einer Gefahr rasch in den Schutz unseres erhabenen Stammsitzes gebracht werden können." Julius verstand. Natürlich hatte Ursuline Latierre genau deshalb den orangeroten Schrank bei ihm und Millie unterstellen lassen.

"Martine hat aber keinen solchen Schrank", meinte Millie, die ebenfalls ihre Hälfte des rubinroten Herzanhängers an die Stirn gedrückt hielt.

"Natürlich hat sie einen. Doch den bekommt sie selbstverständlich erst zu sehen, wenn sie ihren Ehemann in die gemeinsame Heimstatt begleitet. So ist der uralte Brauch der Latierre-Familie. An dem für dich wurde bestimmt auch schon gebaut. Mag sein daß dies dann der neue Schrank für Béatrice sein wird", erwiderte die ältere Barbara Latierre.

"Kannst du mal sehen, Millie. Der große Verschwindibusschrankbahnhof im Sonnenblumenschloß wird immer größer", bemerkte Julius dazu.

"Bis welche aus dem Leben gehen und deren Schränke neu vergeben werden können", seufzte Millie.

"So schnell wohl nicht, hoffe ich mal", antwortete die Gedankenstimme aus dem Kirschbaum.

"Das hoffe ich auch, daß das so schnell nicht passiert", erwiderte Millie.

Sie sprachen dann noch über die Reise nach London, die Prozesse gegen Umbridge und die Todesser. Barbara Latierre erwähnte, daß sie von jenem Zauberstab, den Voldemort in seinem Größenwahn für unüberwindlich gehalten hatte schon gehört habe. Angeblich sei das vorher der Stab Grindelwalds gewesen. Doch genaueres habe sie nie erfahren, zumal der Stab nicht so unbesiegbar mache wie die Gerüchte es wissen wollten. Denn sonst hätte Dumbledore kaum gegen den damals so fanatisch und gerissen wütenden Gellert Grindelwald gewinnen können.

"Das ist wie mit Saurons Meisterring", fiel Julius ein passendes Vergleichsobjekt ein. Er mußte dann die Geschichte zusammenfassen, die in der Muggelwelt als eine reine Phantasieerzählung bekannt war. Das wesentliche war, daß der mächtige Zauberring des dort auch als dunklen Lord bezeichneten Erzbösewichts nie all zu lange bei einem Sterblichen blieb, sondern irgendwann befand, den Besitzer wechseln zu wollen.

"Soso, Unsichtbar machte dieser Ring den, der ihn anzustecken wagte", säuselte Uroma Barbaras Gedankenstimme. "Gleichermaßen verlieh dieses goldene Schmuckstück Macht über andere Zauberringe und konnte Sterbliche in gehorsame Geister verwandeln. Interessant. Womöglich ist an den alten Märchen doch mehr dran. Eines erzählt, daß drei Zaubererbrüder einmal eine Brücke über einen reißenden Strom gezaubert haben und auf dieser dem Tod selbst begegnet sind, der sich um seine Opfer geprellt aber als scheinbar fairer Verlierer sah." Millie und Julius hörten nun die Geschichte von den Heiligtümern des Todes, die bis heute als reines Zaubererweltmärchen galt, ähnlich wie die Geschichten aus dem alten Reich, das Ägypter und Griechen Atlantis genannt hatten. Julius staunte, als er von einem scheinbar undurchdringlichen Tarnumhang und einem Stein hörte, der die Toten in die Welt der Lebenden zurückholen sollte. Er vermutete, daß zumindest ein vollkommener Tarnumhang genauso existieren mochte wie der überragende Zauberstab, der sich irgendwann einen anderen Besitzer suchen mochte oder durch Diebstahl und Mord von einem zum Anderen wechselte.

"Wenn Grindelwalds grausamer Nacheiferer wirklich jenen unbesiegbaren Zauberstab erlangte, ihn aber nicht zu seinem Dienst gebrauchen konnte, ja der Stab selbst sich seinen letzten Gegner als wahren Meister ausgesucht hat, so täte der, der ihn danach an sich nahm gut daran, ihn sorgfältig zu verstecken und doch lieber mit einem anderen, ihm genehmen Stab weiterzuzaubern", gedankensprach Barbara Latierre dann noch. Dann befand sie, daß die beiden noch zu Temmie gehen sollten. Sicher wartete diese auf sie.

Die noch junge Latierre-Kuh Artemis vertrieb sich die Zeit wie die ihre Verwandten auf einer der großen Weiden des Latierre-Hofes. Sie trug im Moment kein Cogison, mit dem ihre Gedanken in hörbare Wörter umgewandelt werden konnten. So mußte Julius mentiloquieren und die Antworten für Millie übersetzen. Temmie erzählte den beiden, daß sie nun richtig spürte, daß sie neues Leben trug und nur Dank ihrer Fähigkeit, die Schwerkraft in einem kleinen Umkreis auf ein Hundrtstel abzusenken noch so federleicht herumfliegen konnte wie ihre jüngeren Cousinen und Geschwister, ja ihrer leiblichen Mutter Demeter, die selbst gerade ein Kalb trug, immer noch sehr gewandt ausweichen konnte. Als sie hörte, daß Julius bereits die Rechte eines Mannes zugesprochen bekommen hatte, erwiderte sie mit ihrer celloartig klingenden Gedankenstimme:

"Es ist gut, daß du bereits jetzt unbeschränkt deine Kräfte üben darfst, Julius. In meiner früheren Heimat galten Jünglinge auch mit zwei mal acht Jahren für reif, die Rechte und Pflichten der Männerwelt zu übernehmen. Die jungen Mädchen erlangten bereits mit drei mal fünf Jahren die Zuerkennung ihrer Rechte und Pflichten, konnten sich da bereits einem Mann anvertrauen und von diesem Kinder bekommen. Natürlich mußten sich Jüngling oder Jungfrau in einer entscheidenden Prüfung als gereift und erwachsen erweisen. Deine Prüfung war sicherlich die Erlangung von Ailanorars Stimme und die Anrufung seiner Dienerschaft. Mildrids Verdienst war es, deine Seele aus dem Dunkel der Verzweiflung und Trauer in das Licht des Lebens und der Liebe zu führen, ohne das du wohl nicht im Stande gewesen wärest, die alten zauber zu erlernen und dich den Gefahren zu stellen, die die Suche nach Ailanorars Stimme bot." Julius übersetzte das. Millie nickte. "So folgt dem gemeinsamen Weg weiter und formt ihn so, daß ihr und alle die mit euch sind Frieden und Sicherheit daraus erfahren!" Gab Temmie den beiden noch mit. Dann schickte sie an Julius noch die Ankündigung: "Ich werde mir dein rundes Haus ansehen, wenn ihr beiden aus der fernen Siedlung zurückgekehrt seid. Womöglich werde ich dann dort wohnen, wenn ihr auch da wohnt."

"Und dein Kind?" Gedankenfragte Julius zurück.

"Ich kann es auch den kurzen Weg tragen, ohne daß ihm was passiert, Julius. Die aus dunkler Kraft geformte Überdeckung des Ortes, in dem ihr wohnt kann mich nicht zurückweisen, weil meine Kraft eine andere ist als die der damit gesegneten Menschen. Doch geht erst einmal und feiert eure neue Wohnstatt!"

Barbara Latierre lud die beiden Verwandten zum Kaffee ein. Auch Béatrice Latierre war zu Besuch. Sie unterhielten sich über die bereits beendeten Todesserprozesse und auch jene gegen Didiers und Pétains Anhänger.

"Die haben noch nicht alle gefunden", sagte die jüngere Barbara Latierre. "Es gab offenbar doch mehrere Mitläufer als auf den ersten Blick herumkam. Wird wohl sein, daß auch noch einige heimliche Anhänger des gestürzten Unnennbaren in der Welt herumlaufen. Wir dürfen uns von der Ruhe nicht einlullen lassen. Was du über diese Malfoys erzählt hast, die ja auch hier Vorfahren hatten, so macht mich das genauso wütend, daß diesen Inzüchtigen eine wirklich schmerzhafte Bestrafung erspart blieb. Gold darf nicht alles regeln und auch nicht alles entschuldigen. Das ist eindeutig ein falsches Signal an unsere Kinder, was gerade passiert."

"Wieso falsches Signal, Tante Babs. Zaubererweltkinder werden sich dann erst recht reinknien, um möglichst schnell möglichst viel Gold zusammenzukriegen", warf Millie provozierend ein.

"Eben, Mildrid. Manche werden dabei jedes unzulässige Mittel anwenden, daß diesen schnellen Gewinn ermöglicht. Und sollten sie angeklagt werden, so könnten sie sich der gerechten Strafe durch großzügige Bußgeldleistungen entwinden. Wenn das die Botschaft sein soll, die du deinen Kindern mitgeben möchtest, Mildrid, dann wundere dich nicht, wenn diese die nächste Generation fanatischer, machtsüchtiger Diebe und Mörder stellen!"

"Na ja, in London gibt's gewiß viele Hexen und Zauberer, die mit dem Malfoy-Urteil auch unzufrieden sind, Tante Babs", wandte Julius ein. "Ich konnte das ja miterleben, als das Urteil gegen die Malfoys verkündet wurde. Ich glaube nicht, daß viele Eltern ihren Kindern durchgehen lassen, daß Reichtum alles rechtfertigt und verzeiht, allein schon um sicherzugehen, daß ihre Kinder nicht so verzogene Großmäuler werden wie Draco Malfoy. Aber der hat sein Fett ja wegbekommen. Jeder konnte lesen, daß er mit Lord Unnennbar zusammengearbeitet hat. Jeder weiß, daß er das Vertrauen von Hogwarts mißbraucht und Todesser dort hineingeschleust hat. Der darf ziemlich lange kein öffentliches Amt bekleiden, womit das gute Gold in wenigen Jahren für den erst einmal ganz weit weg ist. Außerdem hatte der echte Angst, als der für diesen Schweinepriester gearbeitet hat, das konnte ich dem ansehen. Und ich halte den nicht für einen tollen Schauspieler."

"Mag ja alles stimmen, Julius", setzte Barbara Latierre zum Widerspruch an. "Doch bald wird es nur heißen, daß wer genug Gold hat die schlimmsten Untaten begehen darf, auch wenn denen, die mit Gold ihre Freiheit erkaufen ein gehöriger Teil ihres Vermögens verlorengeht. Nur um genug Gold zur Entschädigung der Opfer zusammenzubekommen eine derartige Haltung zu begünstigen halte ich für genauso sinnvoll, wie eine Sabberhexe mit der Betreuung von Säuglingen zu beauftragen. Es kann gut gehen, aber die Gefahr, daß es schiefgeht ist zu groß, um es wirklich darauf ankommen zu lassen. Und den entschädigten Opfern nützt das Gold nichts, wenn sie Angehörige zu betrauern haben und wenn sie sehen, wie ihre Peiniger oder zumindest deren Helfer frei herumlaufen dürfen. Du hast nicht in eine arme Familie hineingeheiratet, Julius. Aber wir sind auch nicht so dekadent, daß wir meinen, unbekümmert auf Kosten unserer Mitmenschen leben zu dürfen."

"Das habe ich auch nie behauptet", mußte Julius schnell einwerfen, damit keiner dachte, er wolle die Latierres auch nur im Ansatz mit Leuten wie den Malfoys vergleichen. Er führte die Meinung seiner Eltern an, daß Vermögen aus Arbeit auch eine Verpflichtung sei, es nicht für völlig unsinniges Zeug auszugeben. Das würden eher die machen, die bereits mit einem Millionenkonto geboren wurden. Zumindest waren die in ständiger Versuchung, zu vergessen, daß es anderswo Leute gab, die Probleme damit hatten, an Kleidung, Nahrung und eine warme Unterkunft zu kommen. Andererseits war es schon richtig, denen Gold abzunehmen, die es durch Verbrechen oder langwierige Machenschaften mit Ministerialbeamten zusammengerafft hatten. Sogesehen war jeder Weg auf seine Weise richtig und verkehrt zugleich.

"Na ja, Tante Babs, Gold zu haben und sich einfach nur zu freuen, daß es da ist ist ja doch kein Verbrechen", wandte Millie ein. "Nur wie man drankommt muß immer klar sein."

"Ich habe meine Meinung dazu geäußert, was die in Großbritannien und demnächst wohl auch hier falsch angehen, Millie. Ich fürchte, ihr werdet euch irgendwann noch mal an meine Worte erinnern, wenn die Kinder der freigelassenen Todesser das Erbe ihrer Eltern antreten wollen."

"Dazu muß erst einmal wieder einer auftauchen, der lange genug heimlich arbeiten und stark werden kann, bevor er oder sie sich an die Öffentlichkeit traut", wandte Jean Latierre, Barbaras Ehemann ein. Julius schüttelte den Kopf und sagte:

"Da ist schon längst eine am Start, die wohl heimlich genug losgelegt hat, bis sie genug gute Freundinnen und Bundesschwestern um sich versammelt hat." Béatrice und Millie nickten. Barbara Latierre nickte auch.

"Was heißt, daß wir nicht so ruhig leben können wie viele in ihrem Überschwang glauben."

"Das konnten wir noch nie", wandte ihr Mann ein. "Wo Magie ist ist auch immer die Versuchung, mit ihr die Welt erobern zu wollen, Babs. Was meinst du, warum Professeur Faucon so hinter unserem Schwiegerneffen her ist, daß der bloß nicht auf komische Ideen kommt." Julius verzog zwar das Gesicht, sagte jedoch nichts dazu. sein Schwiegeronkel Jean hatte ja recht.

"Nur jetzt haben Sie ihm mehr Freiraum zugesprochen", sagte Barbara Latierre. "Julius muß nun lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und deren Folgen zu bewältigen."

"Ich habe genug von den dunklen Künsten mitbekommen um zu wissen, daß man damit vielleicht stark und reich werden kann, aber dabei doch innerlich kaputtgehen kann und keine echten Freunde findet", sagte Julius beruhigend klingend.

Als Millie und er nach Kaffee, Kuchen und Moraldiskussionen wieder in Millemerveilles war meinte Millie:

"Tante Babs ist das peinlich, daß die Latierres so berühmt und reich sind, daß sie meint, daß wir alle gefälligst eine Verpflichtung darin zu sehen haben. Hätte nur noch gefehlt, daß sie den Christengott oder die altkeltischen Götter als Auftraggeber für eine anständige Lebensweise angeführt hätte. Hast du Tante Trices Gesicht beobachtet, Monju? Die hat in der Heilerausbildung auch Sachen gelernt, wie sie richtige von falschen Sachen unterscheiden soll. Sie ist wohl auch nicht dafür, was mit den Malfoys passiert ist. Aber Spaß am Leben will sie dann wohl doch noch haben, während Tante Babs die familieneigene Spaßbremse ist, bleibt und wohl auch in hundert Jahren sein wird. Gut, daß das Schloß dem erstgeborenen Kind des gerade da wohnenden Vorstands zugesprochen wird, in dem Fall also Ma und Pa."

"Ganz unrecht hat Tante Babs ja nicht. Es gibt ja doch viele, die meinen, wenn sie mehr als zum leben nötig haben, alles machen und anstellen zu dürfen", sagte Julius. "Ich habe dir ja auch erzählt, daß ich mich ja deshalb mit Joes Mutter gezankt habe, weil die so eine aufgesetzte Art an sich hatte. Kann sein, daß das jetzt anders ist, nachdem sie weiß, daß ihre Enkeltöchter ganz anders aufwachsen, als sie das gedacht hat."

"Sagen wir's mal so, Monju: Oma Line zofft sich schon oft genug mit Tante Babs wegen ihrer Ansichten vom Leben. Dennoch liebt sie sie wie Ma und Onkel Otto, Mayette oder Pattie. Dann sollten wir das irgendwie auch hinkriegen."

"Sei du froh, daß du meine Verwandtschaft nicht kennenlernen mußtest. Ich denke, daß mein Onkel Claude mit deiner Tante Babs einige Gemeinsamkeiten gefunden hätte", erwiderte Julius.

"Das ist ja gerade das traurige, daß Muggelverwandte, die nicht Vater, Mutter und Geschwister sind, nicht bei Zaubererwelthochzeiten dabei sein dürfen. Aber ihr habt doch auch so keinen Kontakt mehr zu diesem Onkel oder?"

"Ich denke, der hält Mum immer noch vor, sie hätte seinen Bruder nur der Superkarriere und des dabei herumkommenden Geldes wegen geheiratet. Solange der so drauf ist will Mum mit dem nichts mehr zu schaffen haben", entgegnete Julius. Millie nickte nur.

Den Abend verbrachten sie wieder im Freien. Sie aßen an einem herausapportierten Tisch und sprachen über den anstehenden Ausflug nach Viento del Sol, den sie gleich nach der Party machen wollten. Millie erklärte dann noch, daß sie morgen Abend zum Sommerball ein jadegrünes Kleid anziehen wollte, das Martine ihr zum Einstand für die Wohnung geschenkt hatte. Dazu mochte Julius weinroter Festumhang besser passen als der himmelblaue Umhang. Gegen zwölf Uhr lagen beide in ihrem Bett und schliefen dem kommenden Tag entgegen.

__________

Der 28. Juli war ein sonniger Tag. Viele Bewohner Millemerveilles' verbrachten ihn im Freien. Julius hatte, nachdem seine Frau und er die Kerne der gegessenen Kirschen wiedergewonnen hatten, die Stellen ausgesucht, wo die künftigen Kirschbäume stehen sollten. Während Millie aus einem der in der Vielraumtruhe enthaltenen Kochbücher was für das Mittagessen zusammenzauberte, sähte ihr Mann die Kerne aus und streute aus dem Zauberstab frische Erde darüber. Dann entnahm er aus einem der Saatgutsäckchen Camilles verschiedene Kräutersamen und setzte diese in freie Beete ein. Gegen Mittag saß er bei seiner Frau in der Wohnküche und genoß die angenehm kühle Temperatur im Inneren des Apfelhauses. Durch die nach westen ausschauenden Fensterscheiben konnten sie die Bäume des Waldes sehen, der rund um die freigeräumte Lichtung wuchs.

"Man könnte meinen, du hättest das schon seit Jahren drauf", lobte Julius Millies Kochkunst, als er das dreigängige Mittagsmenü genossen hatte. Millie meinte, daß es wohl eine Frage der Einstellung sei, wie gut ein Essen würde. Abgesehen davon war das benutzte Zauberkochbuch sehr gut für Anfänger und Anfängerinnen geeignet, weil neben den Zutaten auch Zubereitungszauber beschrieben wurden. Julius überlegte, ob er nicht, um dem althergebrachten Rollenmodell zu entgehen, von Millie oder sonst wem die wichtigsten Kniffe lernen sollte, um auch einmal alleine was zuzubereiten. Sicher, ohne Zauberkraft hatte er schon Eier zu Rühreiern verarbeitet, Kaffee oder Tee gekocht oder Fertigsachen aufgewärmt. Zumindest aber hatte er es heraus, mit Zauberkraft Geschirr zu spülen, die Bratpfanne blitzblank zu scheuern und die Herdstelle zu reinigen, während Millie im kleinen Zauberradio die neuesten Meldungen über die französische Zaubererwelt verfolgte.

Um drei Uhr klopfte es im Haus. Millie lief in die Bibliothek und drehte den Schlüssel des orangeroten Verschwindeschrankes herum. Einige Sekunden später klappte die Tür auf, und die ältere Barbara Latierre, gekleidet in einen blattgrünen Leinenumhang, entstieg dem Versetzungsmöbelstück. Sie lächelte.

"Mal wieder schön, eine andere Umgebung anzusehen und für ein paar Minuten auf eigenen Beinen darin herumzulaufen", grüßte sie die beiden Jungen Eheleute. Dann ließ sie sich, weil ihre Zeit als Menschenfrau begrenzt war, durch das runde Haus führen und besichtigte noch den Garten. Fünf Minuten vor dem Zeitpunkt, an dem sie für den Rest des Monats ein Kirschbaum bleiben mußte, gab sie den beiden Hausbesitzern noch mit auf den Weg, dieses Haus und sein Grundstück als Ort der schönen Tage und der Freundschaft zu heiligen und immer darauf zu achten, mit ihren Nachbarn und Verwandten friedliche Stunden darin zu verbringen, sofern die anderen das zuließen. Dann kletterte sie in den Verschwindeschrank und zog die Tür zu. Der Schrank erzitterte einen Moment, wobei Julius scherzhaft "Energie!" rief. Dann war Uroma Barbara aus dem Apfelhaus verschwunden. Sie würde im Château Tournesol ankommen. Dort mußte sie dann in den Schrank einsteigen, dessen Gegenstück auf dem Latierre-Hof stand.

"Wenn ich nicht daran denken würde, daß Hogwarts damals mit solchen Möbeln unterwandert wurde könnte ich nur gutes über diese Art zu reisen sagen", meinte Julius. Abgesehen davon dachte er auch an die erste Flucht aus der Festung der Morgensternbrüder, bei der Aurélie Odins Verschwindeschrank ihr und ihm geholfen hatte.

Gegen sieben Uhr zogen sich beide für den Sommerball um. Es war nur zu klären, ob sie jeder auf einem einzelnen Besen, zusammen auf einem der Ganymed 10 oder auf dem neuen Familienbesen fliegen sollten. Sie einigten sich nach kurzem Dafür und Dagegen auf den schnittigen Ganymed von Julius.

"Ah, die Eheleute Latierre", begrüßte Madame Lumière die beiden neuen Mitbürger. "Ihr dürft euch zu den Eheleuten Camille und Florymont Dusoleil, Dumas und Delamontagne setzen. Deine Mutter nimmt bei den alleinstehenden Hexen und Zauberern Platz, da sich ihr Status ja seit letztem Jahr geändert hat."

"Ist Barbara auch da?" Fragte Julius die Dorfrätin für kulturelle Angelegenheiten.

"Die wird gleich noch mit ihrem Gatten und dem kleinen Charles im Ankunftskreis der Reisesphäre eintreffen", informierte Madame Lumière ihn.

Millie und Julius begrüßten höflich ihre Tischgenossen. Madame Geneviève Dumas, Sandrines Mutter und Leiterin der dorfeigenen Grundschule, lächelte die beiden neuen Mitbürger an. Ihr Mann nickte ihnen einladend zu. Julius hatte erst gedacht, mit Ratssprecherin Eleonore Delamontagne am selben Tisch zu sitzen. Doch es handelte sich um Monsieur Phoebus Delamontagne und seine Ehefrau. Der ehemalige Gegenminister der französischen Zaubererwelt strahlte Julius genauso erfreut an wie Camille Dusoleil, die einige Minuten nach der Ankunft der Latierres an den Tisch kam. Julius fühlte sich irgendwie zwischen zwei Gefühlen festhängend. Zum einen war da eine gewisse Erhabenheit, weil er am selben Tisch mit so hochkarätigen Hexen und Zauberern sitzen durfte. Zum Anderen fühlte er sich doch ein wenig befremdet, weil er jetzt schon in diesen erlauchten Kreis aufgenommen worden war. Um seine leichte Verlegenheit zu überspielen blickte er sich um, wer alles mit wem an den anderen Tischen saß. Sandrine war zur Sprecherin eines Tisches erklärt worden, an dem auch Jacques Lumière saß. Caroline Renard saß mit Elisa Lagrange am selben Tisch und blickte immer wieder herüber, um zu sehen, wo Mildrid und Julius saßen. Martha Andrews bildete mit Madame Faucon und Hera Matine einen kleinen Hexenzirkel und schien, so vermeinte Julius es am Gesicht seiner Mutter ablesen zu können, noch weniger der meinung zu sein, in diese Runde zu gehören wie er meinte, zu den erwachsenen Paaren zu gehören. Doch wenn sich seine und ihre Blicke trafen lächelte sie ihm aufmunternd zu. Monsieur Delamontagne saß zunächst allein an einem Tisch mit Jeanne und Bruno, sowie den Eheleuten Lagrange. Seine Frau Eleonore fehlte noch.

Julius blickte sich genauso wie alle bereits angekommenen Festteilnehmer um, als von der Dorfmitte her sieben weitere Gäste eintrafen. Madame Eleonore Delamontagne führte die auf drei Besen sitzenden Paare an. Er sah Barbara van Heldern mit ihrem Mann und dem kleinen Charles, der in einem hochlehnigen Sitz in der Mitte eines Familienbesens festgemacht saß. Die vier Gäste kannte er nicht. Es waren Ehepaare wie die van Helderns, jedoch wohl dreißig Jahre älter als diese und ohne minderjährige Kinder. Julius fiel vor allem der vollschlanke Mann auf dem Besen hinter dem Eleonores auf. Er besaß hellblondes Haar, das ordentlich gescheitelt war und trug einen mitternachtsblauen Festumhang. Seine hellgrauen Augen musterten die Versammlung der bereits eingetroffenen Ballbesucher. Im Gegensatz zu ihm wirkte seine Frau dünn wie ein Zweig und sah mit ihren haselnußbraunen Haaren und Augen auch fast so aus wie ein zur Frau gewordener Zweig. Sie trug ein silbriges Kleid, das an verwobenes Mondlicht denken machte. Das zweite Paar besaß ohne Zweifel afrikanische Vorfahren. Ja, und beim Näherkommen konnte Julius nun auch eine gewisse Ähnlichkeit der ebenholzfarbenen Hexe mit den Friday-Drillingsschwestern erkennen. Da fiel ihm auf, daß die beiden ihm fremden Paare auf US-Amerikanischen Bronco-Besen ritten, während Barbara und Gustav van Heldern auf einem französischen Cyrano-Besen flogen.

"Kuck mal, Millie, das sind die Eltern von Dawn, Hope und Eve Friday, Brittanys Mannschaftskameradinnen!" Wies Julius seine Frau auf die Neuankömmlinge hin. Millie nickte jedoch nur. Natürlich hatte sie das dunkelhäutige Paar schon längst eingeordnet.

"Sie kennen die Fridays, Monsieur Latierre?" Fragte Phoebus Delamontagne. Julius räumte ein, nur die drei Töchter zu kennen, mit denen er bereits einmal Quodpot gespielt hatte. "Zebulon Friday ist ein Kollege meiner Schwiegertochter", bemerkte der ehemalige Gegenminister. "Er ist Dorfrat für gesellschaftliche Angelegenheiten in Viento del Sol. Seine Frau Thelma ist eine ehemalige Mitspielerin der Windriders und sitzt heute im Vereinsvorstand."

"Dann haben deren drei Töchter also Quodpot in ihren Erbanlagen", bemerkte Julius vielleicht eine Spur zu locker. Doch Monsieur Delamontagne nickte nur heftig. "Die anderen Eheleute aus Übersee sind wohl Mr. Fornax Hammersmith und seine Frau Stella. Mr. Hammersmith ist Ratssprecher in Viento del Sol, also gleichrangig mit meiner Schwiegertochter und zugleich Sprecher der nordamerikanischen Vereinigung magischer Handwerker und Künstler", fungierte Monsieur Delamontagne weiter als Herold.

"Interessant, Monsieur", erwiderte Julius. "Mildrid und ich haben wohl demnächst auch einen Gast aus Viento del Sol hier. Die Dame hätte dann gleich mitreisen können."<

"Oh, da hätten Sie mit meiner Schwiegertochter abklären können, ob sich das hätte einrichten lassen", erwiderte Phoebus Delamontagne darauf nur. Dann blickte er wie alle andren zum Tisch Madame Delamontagnes, die ihre Gäste dort mit einem einladenden Wink bat, Platz zu nehmen. Barbara und ihr Mann gesellten sich derweil zu Jeanne und Bruno. Julius sah Barbara van Heldern genau an. Vom Aussehen her wies nichts darauf hin, daß sie bereits das zweite Kind trug.

Madame Lumière betrat die Bühne und winkte den Gästen zu. Ein Tusch von den Musikern des Abends kündigte eine kurze Ansprache an. Stille ergriff die Festgesellschaft. Die Dorfrätin tippte sich mit ihrem Zauberstab an den Kehlkopf, um den Stimmverstärkerzauber zu wirken. Dann erklang laut und klar verständlich, was sie zu sagen hatte. "Chers Messieursdames et Mesdemoiselles! Ich bin höchsterfreut, Sie und euch heute Abend alle hier im Musikpark von Millemerveilles begrüßen zu dürfen. Mit großer Freude und Erleichterung darf ich feststellen, daß die meisten von Ihnen und euch das vergangene, turbulente und bedrückende Jahr, heil überstanden haben und habt. Es war durchaus nicht abzusehen, ob die düstere Lage, in die der Fanatismus eines übermächtigen, gewaltsüchtigen Magiers und seiner Anhänger unseren Erdteil stürzten, so rasch und für uns hier doch einigermaßen glimpflich vorübergehen würde. Um so erleichterter bin ich, daß wir nach den schrecklichen Ereignissen und bedrohlichen Aussichten den ersten Sommerball in einer freien, friedlichen und hoffentlich recht sicheren Welt begehen dürfen. Vieles geschah im verstrichenen Jahr, das Anlaß zur Freude, aber auch Anlaß zur Trauer bot. Wir mußten von uns lieb gewordenen Mitmenschen Abschied nehmen und uns einer aus Angst geborenen Gräuelperiode erwehren. Millemerveilles bot für viele unserer Mitmenschen eine sichere Zuflucht und erwies sich als wichtiges Rückzugsgebiet und Bollwerk gegen die aus Angst erwachsene Unterdrückung von Janus Didier und seinen Helfern und Helfershelfern. Ich bitte Sie nun alle darum, bevor wir uns an unserer Unversehrtheit und Freiheit erfreuen und diesen ersten Sommerball einer neuen Ära der Freiheit und des Friedens begehen, all jener zu gedenken, die der Gewaltherrschaft des unnennbaren Zauberers und seiner Kreaturen zum Opfer fielen!" Eine Minute lang schwiegen die Festgäste mit geneigten Köpfen. Als sich Madame Lumière für die Anteilnahme bedankt hatte, begrüßte sie die vier ausländischen Gäste und deutete auf die beiden Tische, wo Martha Andrews und ihr Sohn mit seiner Frau saßen. "außerdem begrüße ich Madame Martha Andrews, die in diesem Jahr durch eine unvorhergesehene, aber sehr erfreuliche Begebenheit in den Kreis vollwertiger magischer Menschen eingetreten ist, sowie ihren Sohn Julius, der mit seiner Ehegattin Mildrid in diesem Sommer auf Veranlassung unseres respektablen Zaubereiministers und der Mithilfe unserer respektablen Ratssprecherin Madame Delamontagne und der Familie Dusoleil als neue Mitbürger unserer beschaulichen Gemeinschaft begrüßt werden durfte. Monsieur Julius Latierre ist den meisten Anwesenden hier ja bereits wohlbekannt und vertraut." Julius fürchtete, sie würde die bisher gewonnenen Tanzschuhe in Gold und Bronze erwähnen. Doch sie verzichtete darauf. So konnte er aufatmen, als die übrigen Festgäste Millie und ihn durch kurzen Beifall begrüßten. Danach bedankte sich Madame Lumière bei der Musikgruppe Melodia Magica, die sich bereitgefunden hatte, an diesem Abend aufzuspielen. Julius erkannte einige der Musiker wieder. Die hatten auch schon bei seinem ersten Sommerball in Millemerveilles aufgespielt. Doch es waren wohl im Verlauf der letzten Jahre einige neue Mitglieder dazugekommen. Als die Festgemeinde den Klangkünstlern applaudiert hatte, eröffnete Madame Lumière den Ball. Die Tischsprecherinnen und Tischsprecher mochten passende Partner auffordern. Ansonsten galt Herrenwahl. Da Monsieur Delamontagne von seiner Schwiegertochter zum Tischsprecher angelobt worden war, bat er seine Frau zum Tanz. Julius tat das gleiche mit Millie.

Nach dem Eröffnungstanz, einem Walzer, durften sich die anwesenden Damen einen Tanzpartner erwählen. Millie ergriff die Gelegenheit sofort, Julius für einen weiteren Tanz zu sichern. Es war ein flotter Tanz, den sie in Beauxbatons auch schon im Freizeitkurs eingeübt hatten. Danach durften wieder die Herren wählen. Julius fragte Millie, ob sie was dagegen hätte, wenn er seine Mutter zum Tanz führen wolle. Sie hatte nicht. Doch als er an den Tisch herantrat, an dem seine Mutter gesessen hatte stellte er fest, daß diese bereits von Monsieur Pierre aufgefordert worden war. Da Millie gerade von Bruno aufgefordert wurde, beschloß Julius, Barbara van Heldern aufzufordern, deren Mann mit Jeanne tanzen wollte.

"Ich habe mich sehr über eure Einladung zur Einweihungsparty gefreut. Ich hörte das", sprach Barbara, als sie beide auf der Tanzfläche waren, "daß sie Mildrid und dich schon mit sechzehn für volljährig erklärt haben. Jeanne hat's mir per Eule mitgeteilt. Wie fühlst du dich dabei?"

"Ist noch neu für Millie und mich, daß wir jetzt für uns alleine leben und entscheiden dürfen", erwiderte Julius darauf. "Auch das mit dem Haus, das wir geschenkt bekommen haben, ist noch was neues für uns."

"Es ist sicher nicht leicht, so schnell alles klarzubekommen, was ihr nun könnt und dürft. Aber wenn Madame Maxime bei der ganzen Sache für Millie und dich eingestanden hat denke ich schon, daß ihr damit gut klarkommt. Ich denke nur, daß sie und Professeur Faucon besorgt sind, ihr könntet noch vor den UTZs mit Beauxbatons schlußmachen."

"Das wurden wir echt gefragt, Barbara", entgegnete Julius. Natürlich wollte die junge Madame van Heldern dann wissen, ob er das wirklich vorhabe. Er schüttelte den Kopf und fügte gleich an, daß auch Millie die beiden UTZ-Jahre noch machen wolle. Dann fragte er Barbara leise, ob er ihr gratulieren dürfe. Sie schmunzelte und mentiloquierte, daß Jeanne ihn wohl vorgewarnt habe. Sie wolle es aber erst morgen bei einer kleinen Feier in Jeannes Haus aufdecken. "Jacques weiß das auch noch nicht", hörte er ihre Stimme unter seiner Schädeldecke. "Kann mir vorstellen, daß der mich dann komisch anguckt."

Nach dem Tanz war wieder Damenwahl. Julius sah, wie Madame Eleonore Delamontagne zu ihm herüberkam und ihn anblickte. Als sie ihn fragte, ob sie "darf ich bitten, Monsieur Latierre?" fragte, willigte er ein. Millie sah die Ratssprecherin zwar erst merkwürdig an, nickte dann aber und steuerte das östliche Buffet an, an dem bereits Mr. Friday stand.

"Eigentlich wollte ich haben, daß ihr beiden bei Eduard und mir am Tisch sitzt. Da hat die gute Roseanne wohl was falsch aufgefaßt", begann Madame Delamontagne eine leise Unterhaltung, während sie sich von Julius über den Tanzboden führen ließ. "Denn üblicherweise ist es so, daß neue Mitbürger mit den Dorfräten für gesellschaftliche Angelegenheiten oder dem amtierenden Ratssprecher am selben Tisch sitzen. Offenbar meinte die gute Roseanne, daß ich wegen unserer Ehrengäste die alten Gepflogenheiten für diesen Abend ausklammern möge. Aber sei es. Ich hoffe, ihr amüsiert euch auch ohne besondere Ehrung gut."

"Ich auf jeden Fall, Madame Delamontagne. Sie wissen ja, daß mir nicht viel an großen Ehren liegt", erwiderte Julius.

"Ja, das ist mir durchaus noch sehr bekannt", entgegnete Madame Delamontagne lächelnd. Dann sagte sie: "Nun, da ihr beiden mich und meine Familie ja zu eurer Hauseinweihung eingeladen habt, ergibt sich zu dieser Gelegenheit ja alles, was sonst bei einem Sommerball üblich ist." Julius fragte sogleich, was sie genau meine. Doch sie setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf und vertröstete ihn auf den ersten August.

"Ähm, ich möchte nicht zu neugierig erscheinen, Madame Delamontagne. Aber gibt es einen bestimmten Anlaß, weshalb die Eheleute Hammersmith und Friday aus VDS eingeladen wurden?"

"Du meinst, weil du dort selbst ja schon einige Male warst, Julius? Nun, es gibt einen solchen Anlaß. Er fußt darauf, daß das vergangene Jahr überdeutlich gezeigt hat, wie wichtig internationale Zusammenarbeit ist und es nicht dem Wohlwollen von Zaubereiministerien überlassen bleiben sollte, wie eine internationale magische Zusammenarbeit gestaltet wird. Hat die junge Ms. Forester dich dahingehend informiert, was gerade in ihrer Heimat im Gange ist?"

"Sie sagte was, daß wohl bald ein neuer Zaubereiminister gewählt werden könnte", erwähnte Julius.

"Nun, der gerade noch amtierende glänzt derweil durch Unauffindbarkeit. Allerdings beharrt er wohl darauf, die Amtsführung zu behalten, obwohl es genug Gründe gibt, ihm einen geordneten Rücktritt nahezulegen. Einer dieser Gründe ist, daß er sein Land von der überwiegend friedlich geführten Mehrheit der internationalen Zaubererwelt isoliert hat und im Namen der Sicherheit gewisse Maßnahmen ergriff, die mehr schaden als nützen. Daher kamen die gewählten Vorstände rein magischer Siedlergemeinschaften darüber ein, eine inoffizielle Zusammenarbeit zu beginnen, die ohne Ansehen amtierender Zaubereiminister und -ministerinnen ausgeübt werden kann. Indirekt bewog mich die Einladung von Ms. Brittany Forester, einen lange gehegten Wunsch an den Rat ihrer Heimatsiedlung zu richten. Ich bin sehr erfreut, daß die Dorfräte Hammersmith und Friday meiner Bitte entsprachen und die Einladung zu unserem Sommerball annahmen. Ich bin zuversichtlich, daß sich für uns daraus etwas sehr wichtiges und aufbauendes ergeben wird", erwähnte Madame Delamontagne. Julius dachte sich seinen Teil und hakte nicht nach. Er wußte aus der magielosen Welt, daß Städte unabhängig von politischen Vorgaben Partnerschaften miteinander eingingen. Vor allem, wo die Welt noch in zwei Machtblöcke eingeteilt gewesen war, hatten sich solche Partnerschaften schon als sehr vorteilhaft für die grenzübergreifende Verständigung erwiesen. Warum also nicht auch zwei magische Siedlungen, die durch einen Ozean voneinander getrennt waren?

"Nun, ich dachte schon, Sie hätten wegen der im nächsten Jahr stattfindenden Quidditch-Weltmeisterschaft angefragt, ob Mrs. Friday sich hier schon einmal umsehen wolle, um in ihrem Land für eine Nationalmannschaft zu werben", brachte Julius eine Vermutung an.

"Das obliegt dann doch deiner Schwiegermutter", entgegnete Madame Delamontagne leicht ungehalten. Doch dann lächelte sie wieder und sagte, daß die US-amerikanischen Hexen und Zauberer erst einmal klären müßten, ob sie eine Mannschaft zur Weltmeisterschaft schicken wollten, da Quidditch in den Staaten ja doch nicht so verbreitet sei wie Quodpot. Das weitere sei aber dann wohl die Angelegenheit der zuständigen Ministerialabteilungen. Sie verbarg jedoch nicht, daß es ihr schon wichtig sei, wer wann und wie lange nach Millemerveilles käme und sie wohl mit Hippolyte Latierre noch einiges diesbezügliche zu erörtern habe. Doch das Jahr sei ja noch lang genug, und die Auslosung der Eröffnungsbegegnungen fände ja erst um Weihnachten herum statt.

"Da Mildrid und ich eine Gegeneinladung bekommen haben werden wir wohl einen Tag nach der Einweihungsfeier nach Viento del Sol reisen. Deshalb hoffe ich, fragen zu dürfen, ob die Hammersmiths und Fridays schon morgen oder erst in einigen Wochen wieder abreisen oder wir mit ihnen zusammen abreisen können", wagte Julius doch eine konkrete Frage zu stellen.

"Nun, das hängt von den Vereinbarungen und deren Umsetzung ab, wann die Gäste des Dorfrates die Heimreise antreten werden", antwortete Madame Delamontagne etwas ausweichend. "Aber ich gehe davon aus, daß dies dich und deine Frau nicht in euren Reiseplänen beeinträchtigen wird", fügte sie noch hinzu. Dann fragte sie Julius noch, ob er die Eigenständigkeit schon bereue oder langsam damit warm werde. Julius hütete sich davor, ihr zu erzählen, daß Millie und er froh waren, ein gemeinsames Schlafzimmer zu haben und antwortete so ruhig er konnte, daß er allen danke, die schon jetzt so viel Vertrauen in ihn und Millie setzten. Daß er fürchtete, daß irgendwann doch noch was heftiges dafür verlangt würde erwähnte er nicht.

"Nun, über deinen neuen Status werden wir uns erst einmal nicht über die Landesgrenzen hinaus äußern, falls ihr das nicht von euch aus wünscht", versicherte Madame Delamontagne. Julius bedankte sich dafür.

Mehrere Tänze mit Millie, Jeanne und Virginie folgten. Dann forderte Madame Dumas ihn auf, während ihr Mann mit Camille auf die Tanzfläche ging und Millie ihren verschwägerten Onkel Florymont zum Tanz begleitete.

"Ich denke, Hera und Blanche werden deine Mutter vielleicht doch dazu gewinnen, ihre sehr erfolgreiche Arbeit als Rechenkunstlehrerin fortzusetzen. Aber um sicherzugehen, daß meine gewissen Hoffnungen vielleicht doch erfüllt werden, wollte ich dich bitten, für mich noch ein gutes Wort bei ihr einzulegen", rückte Sandrines Mutter damit heraus, was sie von Julius wollte. Dieser lächelte leicht verlegen und erwiderte, daß er seiner Mutter keine Ratschläge oder Anweisungen erteilen dürfe und sie wohl mit dem, was sie bei den Grandchapeaus tat auch viel für die Zaubererwelt geleistet habe und noch leiste.

"Nun, das ist unbestreitbar, Julius. Ich muß jedoch daran denken, daß es für uns, die wir nicht auf ein Leben ohne Zauberkraft hinerzogen werden müssen, nicht leicht ist, die reinen Naturwissenschaften und daraus erwachsenen Methoden in der auch für uns gebotenen Weise zu unterrichten und daß deine Mutter es nach der verständlichen Beklommenheit sehr gut verstand, den hiesigen Schulkindern die Anwendung und Benutzung rein mathematischer Gegebenheiten beizubringen und ich befürchten muß, daß meine Kollegen und ich die entstehende Bildungslücke nicht so hervorragend ausfüllen können, die ihr Fortgang erzeugen wird. Aber natürlich hast du recht, wenn du mir sagst, daß du deiner Mutter nicht vorschlagen oder vorschreiben kannst, was sie beruflich macht. Vor allem jetzt, wo Mildrid und du zu vollwertigen Mitgliedern der magischen Gesellschaft erklärt wurdet wird sie sich nicht mehr daran gebunden fühlen, ausschließlich für deine Ernährung und Ausbildung sorgen zu müssen, selbst wenn die Volljährigkeit eines Kindes seine Mutter nicht davon abbringt, es immer noch als zu behütendes Kind anzusehen. In nicht einmal mehr einem Jahr wird Sandrine siebzehn und erhält damit dieselben Möglichkeiten, ihr Leben zu planen und zu führen wie Mildrid und du jetzt schon. Aber deswegen wird sie nicht aufhören, meine Tochter zu sein. Aber ich möchte dich nicht länger mit Dingen behelligen, die du nicht machen möchtest oder von denen du überzeugt bist, sie nicht machen zu dürfen. Ich wollte dir nur noch sagen, daß ich froh bin, daß du dich mit Sandrine und ihrem Freund gut genug verträgst, um die kommenden zwei Jahre für euch und Beauxbatons so harmonisch es sich machen läßt gestalten zu können."

"Ich denke, Gérard muß erst wie ich damit klarkommen, daß er die silberne Brosche zugeschickt bekommen hat", wandte Julius ein. "Aber ich stimme Ihnen vollkommen zu, daß es schon leichter ist, mit einem guten Kameraden an das alles ranzugehen als mit einem, der warum auch immer Probleme mit mir hat."

"Das sehe ich auch so", erwiderte Madame Dumas. Dann verbrachte sie mit Julius noch einige schweigsame Minuten auf der Tanzfläche.

Bevor sie ihn wieder dazu auffordern würden ging Julius ans Buffet und holte sich was zu trinken. Dabei traf er auch Mrs. Friday. Diese bedankte sich bei ihm, weil er ihren Töchtern und den anderen der Windriders die Dawn'sche Doppelachsenwende beigebracht hatte. Julius räumte ein, daß er dieses Manöver ja nicht erfunden habe und Mrs. Friday sich wohl eher bei Aurora Dawn persönlich bedanken möge. Doch Mrs. Friday beharrte darauf, daß er es ja nicht an Brittany und die anderen hätte weitervermitteln müssen. Julius mußte darüber grinsen.

"Ich fürchte, daß hätte mir Brittany doch irgendwie übelgenommen, wenn ich das abgelehnt hätte", sagte er. "Aber ich hörte, die Windriders hätten so überragend gut gespielt, daß ihnen der goldene Quod nicht wegzunehmen gewesen wäre."

"Es gibt einige Mannschaftsfunktionäre, die uns das neiden, daß wir mit diesem Manöver wichtige Punkte erspielt haben. Vor allem die sonst so auf eigene Vorteile bedachten Rossfield Ravens und die Slingshots haben immer mal wieder protestiert, weil die Windriders einen ungeahnten Vorteil haben. Dann werden die wohl nicht umhinkommen, dieses Manöver selbst einzustudieren. Könnte für die Quidditchauswahl, die wir hoffentlich nächsten Sommer zu euch schicken sehr praktisch sein."

"problem nur, daß zumindest die Australier dieses Manöver auch lernen können", erwiderte Julius darauf mit verschmitztem Grinsen. Mrs. Friday nickte dazu nur.

Julius gab bei einem Tanz mit seiner Mutter Madame Dumas' Anfrage weiter und erwähnte auch, daß er ja nicht berechtigt sei, ihr irgendwas vorzuschlagen.

"Sagen wir es so, Julius: Die gute Geneviève wäre ja auch schön dumm, wenn sie es nicht weiter versucht hätte, mich für die Kleinen hier weiterzubeschäftigen. Aber wenn mir die Arbeit des letzten Jahres eines gezeigt hat, dann ist es das, daß ich meine Kenntnisse besser für eine große Mehrheit erwachsener Hexen und Zauberer bereitstellen möchte. Ich habe Madame Dumas aber genug Bücher und Lehrmethoden an die Hand gegeben, um die nötigen Unterrichtseinheiten auch ohne mich durchzunehmen. meine Notizen und Eintragungen im Lehrplan dürften ihr da auch sehr gut weiterhelfen. Aber ich verstehe, daß sie ihrer jüngeren Tochter wegen hofft, diese könnte auch von mir unterrichtet werden, wie Babette und Denise unterrichtet wurden." Julius nickte.

Kurz vor Ende des Balles wurde Julius von Madame Faucon zum Tanz gebeten. Sie unterhielten sich über das Schachturnier und die neuen Möglichkeiten, die Julius jetzt hatte. Dann meinte sie noch: "Ich wurde von Professeur Tourrecandide gebeten, dir noch shöne Grüße und Glückwünsche zur erlangten Mündigkeit auszurichten. Sie hat sich mittlerweile von dem Erlebnis erholt, das sie beinahe aus der Bahn geworfen hat und bat mich ausdrücklich, dir zu versichern, daß sie dir für das, was ihr zustieß niemals Schuld gab und dies in Zukunft auch nicht tun wird, egal, was ihr Handeln für Folgen nach sich zieht." Julius nickte nur und bat dann darum, daß die Beauxbatons-Lehrerin ihrer Vorgängerin und Mentorin ausrichten möge, daß er sich für ihre guten Worte im Zwölferrat bedanke und er hoffe, daß die Angelegenheit, die ihr zugesetzt habe doch noch bereinigt werden könne.

"Nicht, wenn die einzige Alternative eine Tötungshandlung erzwingt", schnarrte Madame Faucon. "Aber vielleicht ergibt sich ja doch noch eine Gelegenheit, den von meiner werten Nachbarin Roseanne Lumière erwähnten Frieden in der Zaubererwelt zu erreichen, ohne eine neue Bedrohung fürchten zu müssen. Die Erfahrungen mit dem Mörder meines Mannes und den aus Angst vor ihm selbst zu Verbrechern gewordenen sollte uns lehren, nur zwischen richtigen und falschen Mitteln zu unterscheiden und nicht zwischen einfachen und schweren Lösungen. Ich hoffe darauf, daß dir das bewußt ist, welche große Verantwortung wir alle nun tragen, die mit den Folgen des letzten Jahres umgehen müssen."

"ich weiß zwar nicht genau, was ich noch groß tun soll, Madame Faucon. Doch ich versichere Ihnen, daß ich mir völlig klar bin, daß mit dem, was ich gelernt habe und noch lernen werde eine Menge Verantwortung verbunden ist", versicherte Julius der Lehrerin. Diese nickte wohlwollend.

"Nun, ich wollte dies nur klären, bevor du in die weite Welt hinausziehst und einen eigenen Weg im Leben betrittst. Meine Tochter Catherine empfing nach ihrem letzten Schultag in Beauxbatons ähnliche Worte von mir wie du jetzt. Insofern ist es nichts, was dich in Verlegenheit bringen sollte." Julius nickte.

Den Rest des Abends verbrachte er mit seiner Frau auf der Tanzfläche. Als es dann darum ging, wer die bronzenen, silbernen und goldenen Tanzschuhe erhalten würde, waren alle gespannt. Als dann erst Jeanne und Bruno mit den bronzenen Tanzschuhen und dann Mildrid und Julius Latierre mit den silbernen Auszeichnungen bedacht wurden, klatschten viele Beifall. Die Gewinner der goldenen Tanzschuhe waren Camille und Florymont, die damit den Rekord verheirateter Gewinner dieser Auszeichnung überboten. Als Millie und Julius dann über das nächtliche Millemerveilles hinweg zu ihrem neuen Haus flogen sagte Julius' Frau: "Wir steigern uns, Monju. Nächsten Sommer holen wir die goldenen Schühchen ab."

"Wußte nicht, daß dir das so wichtig ist, Mamille", erwiderte Julius darauf.

"Nicht im Sinne, daß ich die unbedingt haben muß, Monju. Es zeigt mir aber, daß die hier langsam kapieren müssen, daß wir beide gut miteinander leben können. Wenn wir unser restliches Leben hier wohnen wollen müssen die das ja kapieren."

"Restliches Leben", wiederholte Julius einen Ausdruck Millies. "Das klingt so lang oder so, als würde das nicht mehr lange dauern. Auf jeden Fall etwas merkwürdig."

"Für mich auch, Monju", gestand Millie ihm mit einem leisen Lachen ein. "Aber mir vorzustellen, daß das mit uns gerade erst so richtig anfängt gefällt mir wunderbar." Julius bestätigte, daß er sich genauso fühlte.

__________

Die drei letzten Tage des Juli brachten die Bewohner von Millemerveilles damit zu, in ihren gewohnten Alltag zurückzufinden. Für die neuen Bürger Mildrid und Julius Latierre hieß das jedoch zuerst, die Einweihungsfeier vorzubereiten. Die ersten Eulen trafen ein. Bisher brachten diese nur Zusagen. Die Porters und Watermelons wollten zusammen kommen, Hippolyte und Albericus Latierre mit Tine, Miriam und den anderen Latierres würden auch herüberkommen. Brittany Forester hatte mit den Redliefs eine Reisegemeinschaft vereinbart und würde mit diesen von New Orleans aus anreisen. Julius' Mutter war nach dem Schachturnier und dem Ball nach Paris zurückgekehrt. Da Julius einen eigenen Computer mit Internetanschluß besaß, tauschten sie E-Mails aus, auch wenn ein Flohnetzanschluß vorhanden war. Camille Dusoleil half Julius noch dabei, den neuen, großen Garten vorzeigbar hinzubekommen, während Millie von ihrer Mutter und ihrer großen Schwester unterstützt wurde, das runde Haus von der großen Halle im Erdgeschoß bis zum Wintergarten hinauf zu dekorieren.

Am Morgen des ersten Augustes beehrte Madame Delamontagne die neuen Mitbürger. Sie trug ihr goldenes Kleid der ranghohen Dorfrätin, daß sie einmal zu Jeannes und Brunos Hochzeit angezogen hatte. Sie bat Darum, eine kurze Ansprache halten zu dürfen, wenn alle geladenen Gäste eingetroffen seien. Millie und Julius erfüllten ihr diese Bitte.

Gegen halb elf steckte Gilbert Latierre seinen Kopf durch den gerade offengehaltenen Kamin im dritten Stock, wo Millie und Julius das Mittagessen durchplanten. Der Kopf mit dem fast bis auf die Kopfhaut heruntergeschorenen rotblonden Borsten schnüffelte genüßlich. Dann fragte er:

"Gilt das noch, daß ich von euch zweien ein Interview kriegen kann, wie es euch geht und welche Gedanken die Öffentlichkeit von euch erfahren darf?"

"Wir haben eine halbe Stunde Freiraum, Gilbert", sagte Julius. "Dekoriert ist alles schon."

"Gut, dann komme ich durch den Schrank zu euch. Welcher ist das jetzt?"

"Der eigentlich für Tante Béatrice gedachte", erwiderte Julius geheimnisvoll. Doch Gilberts Kopf ruckte nur kurz vor und zurück.

"Der orangerote also. Hätte ich mir auch denken können, daß Tante Line den für euch freigegeben hat. Bin gleich mit meinen zwei Kameras und meiner flotten Feder da. Keine Angst! Ich habe nicht vor, euch blöd rüberzubringen wie das die Chermot oder die Kimmkorn getan hätten."

"Wir infanticorporisieren dich und lassen dich in die zusammengeknüllte Zeitung reinpinkeln, in der du uns blöd darstellst", meinte Millie.

"Neh, dann will Tante Line mich als Kind dreizehn behalten und aufziehen. Ich habe keine Lust drauf, mit Schach gestillt zu werden. Bis gleich!"

"Der ist echt einer für sich", meinte Julius, als der Kopf aus dem Kamin verschwunden war.

"Zwei wie der hätte Großtante Cynthia auch nicht länger als ein Jahr ausgehalten", erwiderte Millie. Machst du mal den Schrank auf, weil ich hier gerade die Omelettes abstimmen muß." Julius nickte und stieg aus der Wohnetage zum zweiten Stockwerk hinunter, wo er den Schrank in der Bibliothek aufschloß. Eine Minute Später klappte die Tür auf, und Gilbert Latierre, angetan mit einem violetten Stehkragenumhang, verließ mit zwei schwarzen Taschen den Schrank. In einer war wohl eine Fotoausrüstung. In der anderen führte er wohl Schreibzeug und Notizmaterial mit.

"Millie werkelt in der Küche?" Fragte Gilbert.

"Wir werkeln beide", sagte Julius und deutete auf seine blaßblaue Küchenschürze.

"Freiwillig?" Fragte Gilbert.

"Ich könnte sonst in meinem Nachrichtenpilz sitzen und elektronische Botschaften senden oder empfangen. Aber ich will lernen, wie magisches Kochen geht."

"Verstehe, damit du auch mal selbst was zusammenkochuspokussen kannst, wie Maman das nennt. Die wollte übrigens wissen, ob das stimmt, daß ihr ein Varanca-Haus gekriegt habt, weil die für ihre Urlaubsreisen auch eins anschaffen will."

"Okay, wollen wir erst einmal Bilder haben?" Fragte Julius. Der Chefreporter, Chefredakteur und Herausgeber der Temps de Liberté nickte. Allerdings sollte Julius nicht in Küchenschürze vor der Haustür posieren. Unter der Schürze trug Julius einen tulpenroten Umhang, der bei Außenaufnahmen wohl gut kontrastieren konnte. Gilbert wollte einen Satz Schwarz-Weiß-Bilder und einen mit Farbfotos machen, weil er plante, einen Artikel für die Familienchronik zu verfassen, solange nichts neues in der Zaubererwelt passierte.

So ließ Julius sich vor der offenen Haustür fotografieren, dann einige Dutzend Schritte entfernt, um den gesamten Lebensapfel ins Bild zu bekommen. Danach wurden die große Empfangshalle, eine Ansicht der Wendeltreppe von oben und die beiden Hausbewohner in Küchenschürzen in der Wohnküche auf Film gebannt. Da gerade ein munteres Kaminfeuer prasselte, machte sich das neben dem ebenfalls befeuerten Herd recht hell und heimelig. Dann setzte Gilbert seine Flotte-schreibefeder an und stellte sich und seine Interviewpartner vor. Dann bedankte er sich, daß sie Zeit für ihn gefunden hätten und begann damit, die Fragen zu stellen.

Das Interview behandelte die Zuteilung der vorzeitigen Volljährigkeit, die für die Öffentlichkeit geeigneten Gründe, wobei Julius hauptsächlich seinen Alterssprung und Millies Hilfe bei der Bewältigung der Schlangenmenschenattacke anführte. Millie erwähnte in die Kamera lächelnd, die auf Zuruf des Interviewers automatisch auslösen konnte, daß sie sich sehr freute, schon mit sechzehn als vollwertige Frau und Hexe anerkannt worden zu sein. Das sei eine unerwartete Überraschung für sie gewesen, mehr als die goldene Saalsprecherinnenbrosche, die ihre Schwester Martine ja schon einmal zugeschickt bekommen habe. Gilbert fragte nach den Formalitäten, die sie beide schon zu erfüllen hatten und wollte wissen, wie sie mit den neuen Nachbarn zusammengekommen wären. Julius erwähnte, daß sie beide herzlich willkommen geheißen worden seien, sowohl von Ratssprecherin Delamontagne, sowie Dorfrätin Lumière, Dusoleil und Dumas und sie beide hofften, diesen Vertrauensvorschuß verdient zu haben. Gilbert erkundigte sich dann natürlich, ob die vorzeitige Volljährigkeit für Julius, der ja weithin bekannt überragende Zauberkräfte besaß, eine Art Festlegung auf mögliche Aufgaben in der Erwachsenenwelt sei.

"Nun, Minister Grandchapeau hat mir keine Bitte zugeschickt, ich möge auf die beiden ausstehenden Schuljahre verzichten. Soweit mir aus dem Sitzungsprotokoll bekannt ist, fürchteten die in Beauxbatons tätigen Mitglieder des einberufenen Rates, ich könne meine Ausbildung dort abbrechen, wenn es mir erlaubt würde, das zu tun. Ich konnte sie und kann Sie alle beruhigen, daß ich weiterhin Schüler in Beauxbatons bleiben werde und meine Frau Mildrid ebenfalls auf die UTZ-Prüfungen hinlernen möchte. Ich war wie erwähnt sehr überrascht und überwältigt, zu meinem Geburtstag den Brief zu erhalten, jetzt schon als Erwachsener zu gelten. Womit ich das auch immer genau verdient habe muß ich jetzt damit leben lernen. Daher möchte ich die mir noch zustehenden Schuljahre gerne nutzen, mich auf die Eigenständigkeit bestmöglich vorzubereiten."

Gilbert fragte dann Millie, ob sie mit ihrer Volljährigkeit mehr verbinde als die Unabhängigkeit von ihren Eltern. Millie erwähnte, daß sie weiterhin hoffe, daß ihre Eltern ihr helfen würden, wenn sie darum bitte. Ansonsten fühle sie sich etwas unbeschwerter, wenn sie und Julius sich irgendwann in den kommenden zwei Jahren bereits für ein Kind entscheiden sollten. Julius beherrschte sich sehr. Jetzt ging das bald durch die Zeitung, daß Millie mit ihm schon bald was kleines haben wollte. Doch Gilbert war wirklich fair. Er fragte nicht, ob sie schon darauf hinarbeiteten, sondern fragte nur, ob sie eine erwachsene Hexe darüber deutete, daß diese Kinder hatte. Millie erwiderte darauf, daß sie eine erwachsene Hexe nicht danach beurteilte, ob sie eigene Kinder habe. Sie fände es nur schön, mit dem Mann, mit dem sie sehr gerne zusammenlebte, was gemeinsames zu haben und daß Kinder die deutlichste Gemeinsamkeit seien. Dann ging es nur noch um die Einweihungsfeier. Millie und Julius hatten sich darauf festgelegt, die Gästeliste nicht öffentlich zu machen, sondern erwähnten nur, daß sie Freunde und Verwandte und interessierte Bewohner Millemerveilles eingeladen hätten, aber aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Gäste keine Namen erwähnen wollten. Das nahm Gilbert hin und bedankte sich für das Interview.

"Ich schicke euch den fertigen Artikel zu und lasse euch entscheiden, ob der so in die Temps darf. Ist das anständig genug?"

"Eindeutig", bejahte Julius. Millie nickte. Gilbert nahm die Notizen und seine Fotoausrüstung und kehrte durch die Verschwindeschrankverbindung ins Sonnenblumenschloß zurück. Millie schloß den Schrank ab und sagte, daß die Gäste aus der Verwandtschaft nun alle durch den Kamin oder mit Besen anreisen sollten.

Kurz nach Mittag mentiloquierte Brittany Julius an, daß sie gerade im Ankunftskreis der Reisesphäre gelandet seien und jemand sie bitte abholen kommen möge. Millie und er stimmten sich noch einmal ab, daß sie auch den Porters und Watermelons lieber doch die ganze Geschichte erzählen sollten, weil sonst irgendwer von den anderen Gästen es erwähnen mochte. Julius flog dann los, die Gäste aus Übersee zu begrüßen und zu seinem Haus zu führen.

"Bei uns ist gerade eine miese Stimmung, Julius. Wishbone hat behauptet, daß alle, die seinen Rücktritt fordern, von dieser dunklen Lady beeinflußt werden, die dir aus dieser Kiste mit der Abgrundstochter und diesem Bokanowski rausgeholfen hat", vermeldete Brittany, kaum das Julius sie begrüßt hatte. "Dann warf der noch seiner eigenen Tante vor, sie habe versucht, ihn als Strohmann zu benutzen, weil sie eigentlich für eine dunkle Schwesternschaft arbeite, deren Ziel es sei, den Hexen die ganze Welt zu erobern, aber nichts mit dieser mysteriösen Person zu tun haben wollten, die ihren kleinen Hexenclub aufgemacht hat, um dieser Sardonia nachzueifern. Der weiß genau, warum der seit dem nicht mehr aufzufinden ist."

"Moment, der hat behauptet, seine eigene Tante hätte versucht, ihn zu benutzen, um heimlich für eine Hexenschwesternschaft das Land zu kontrollieren?" Fragte Julius, während sie zum See der Farben flogen. Melanie Redlief bestätigte das.

"Lino, die gestern wieder nach Hause kam, ist schon an der Sache dran", sagte Brittany. "Jedenfalls ist das so, daß diese Tante von Wishbone im Herold behauptet hat, ihr Neffe wolle sie öffentlich runterputzen, weil er nicht zugeben könne, daß er mit ihr zusammenleben wolle und jetzt meine, sich auf diese "billige Art" von ihr freimachen könne."

"Ohne sie leben? Ähm, wie alt ist dieser Wishbone?" Fragte Julius.

"Der könnte dein Vater sein, Julius", erwiderte Mr. Redlief. "Zumindest hat diese Dame im Herold behauptet, sie und Wishbone führten seit einigen Jahren eine heimliche Liebesbeziehung, die nur deshalb nicht öffentlich gemacht worden sei, weil Wishbone sonst nicht Minister hätte werden können. Jetzt aber, wo er sie offen der Gefahr aussetze, von einer rachsüchtigen Dunkelhexe ermordet zu werden sei es wohl offenkundig, daß er seine Zusagen nicht mehr einhalten wolle. War für die Reporter des Herolds ein Riesenknüller. Da wird diese Lino nicht mithalten können."

"Moment, der hat mit seiner eigenen Tante was gehabt?" Fragte Julius sehr verwundert. Melanie räumte ein, daß die das zumindest behaupte und Wishbone ja bis jetzt nicht mehr aufzufinden sei.

"Diese Hexe ist die Schwester von Wishbones Mutter, Julius. Vielleicht bildet die sich nur ein, ihr Neffe hätte sie zu lieben oder was eigentlich nicht so gerne gesehenes mit ihr anzufangen", warf Brittany ein. "Aber natürlich ist das ein gefundenes Fressen für die Zeitungen."

"Zumindest könnte diese Dame recht haben, daß Wishbone sie tatsächlich zum Abschuß freigegeben hat, weil er behauptet, die Erbin Sardonias könnte von der erledigt werden", sagte Julius. "Offenbar geht der davon aus, daß die seine Tante abmurkst, wenn sie die erwischt. Ich fürchte nur für den, daß die beiden sich gegen ihn zusammentun, falls die Sardonianerin längst nicht so locker dreinschlägt wie Lord Unnennbar."

"Echt? Ich dachte, die hätte den Tod von Daianira Hemlock auf dem Gewissen, weil sie in der eine Konkurrentin gesehen hat", meinte Melanie. Brittany und Julius wunderten sich. "Hat zumindest Aubartia behauptet, die sich mit einer aus England herübergeholten Artgenossin darüber hatte, daß die ihr Leben dieser Sardonianerin verdanke."

"Sagen wir mal so", setzte Julius an. "Wenn die Sardonianerin wen ermorden will, dann bestimmt nicht, weil jemand ihr wen dafür anbietet. So wie ich die mitgekriegt habe sucht die sich ihre Feinde selbst aus. Wahrscheinlich hätte sie Voldemort selbst kaltgemacht, wenn sie gewußt hätte, was den am Leben hielt. Immerhin hat sie ja die Entomanthropen auf seine Schlangenkrieger gehetzt."

"Ja, aber wenn Wishbone echt was ausgeplaudert hat, was seine Tante angezettelt hat oder nicht", setzte Brittany an. Doch Mr. Redlief schnitt ihr das Wort ab:

"Ist das immer noch ein Unterschied, ob diese Sardonianerin eine Hexe oder einen Zauberer zum Feind hat. Ich fürchte eher, daß Julius, der dieser Person ja schon zweimal über den Weg gelaufen ist und damit diese Hexe besser kennt als wir alle zusammen, irgendwo recht haben könnte. Sie könnte eine Hexe eher zur Zusammenarbeit zwingen als sie einfach umzubringen." Julius nickte und räumte sofort ein, daß er die Erbin Sardonias nicht so gut kenne, daß er das mit Sicherheit behaupten könne.

"Nach meiner Ansicht muß ich dieser dunklen Lady nicht noch mal über den Weg laufen, Mr. Redlief. Mir wäre es lieber, wenn die ähnlich abrupt von der Bühne abtritt wie Lord Massenmord", knurrte er dann noch. "Aber es ist zumindest wichtig für mich, was bei Ihnen und euch gerade in den Zeitungen steht."

"Wir haben es Lino noch nicht erzählt, daß Millie und du schon für volljährig erklärt wurdet", sagte Brittany. "Ich habe es auch Mom und Dad nicht erzählt, weil ich nicht weiß, wie die beiden damit klarkommen. Wenn ihr wollt, daß die das wissen, möchtet ihr ihnen das erklären, wenn ihr zu uns rüberkommt."

"Wenn Lino und wer sonst noch lange Ohren macht sollte das außerhalb von Frankreich erst einmal keiner wissen, Brittany. Dir habe ich das ja geschrieben, weil Millie und ich dich und die Redliefs bei der Einweihungsparty dabeihaben wollen und du ja wissen solltest, warum wir dich dabeihaben möchten."

"Verstehe", sagte Brittany. "Vor allem jetzt, wo das mit dem Zaubereiministerium so unklar ist."

Wieder zurück beim Apfelhaus ließ Julius die Gäste aus Übersee erst einmal das große, orangerote Gebäude bestaunen. Inzwischen waren auch die Latierres und Montferres eingetroffen.

"Glo und die anderen kommen erst gegen nachmittag?" Fragte Melanie. Julius bestätigte das.

Gegen zwei Uhr trafen die Dusoleils ein. Gegen drei landete Martha Andrews im unteren Kamin, den die Latierres heute als den Zugangskamin freigemacht hatten. Dann trafen noch die Delamontagnes, Sandrines Familie mit Gérard, Céline mit Robert und Madame Faucon mit ihrer Schwester Madeleine ein. Gegen Viertel nach drei trafen die van Helderns aus Brüssel fast zeitgleich mit Madame Matine ein, die Julius gegen Millies gewisses Unbehagen auch eingeladen hatte. Um halb vier fauchte es im Kamin, und Aurora Dawn, die ein grasgrünes Kleid trug, erschien in der Wohnhalle. Gegen vier purzelten die Porters und Watermelons aus dem Kamin. Die ausländischen Gäste durften ihr Gepäck für einen Tag in den bereitgemachten Gästezimmern unterbringen. Dann versammelten sich alle vor der Haustür an einem wuchtigen, mit einer blütenweißen Decke geschmückten, kreisrunden Tisch. Madame Delamontagne ließ sich offiziell von den Gastgebern begrüßen und allen hier anwesenden vorstellen. Dann ergriff sie das Wort.

"Es ist mir eine große Ehre, Sie und euch heute alle hier vor dieser außergewöhnlichen Heimstatt begrüßen zu dürfen, an deren Errichtung wohl vor zwei Wochen noch niemand einen Gedanken verschwendet hätte. Daran zeigt sich mir und auch Ihnen, wie schnell nicht nur unangenehmes, erschwerendes oder erschütterndes uns alle treffen kann, sondern auch, daß das Positive, erhebende, befreiende und sichernde mit hoher Geschwindigkeit eintreten kann. Wir alle sind nun aus weiten Teilen der runden Welt vor einem Haus versammelt, das selbst so rund wie die Erdkugel ist und damit ein Symbol für die natürliche Idealform. In der belebten und unbelebten Natur sowie allen Zweigen der Magie gelten der Kreis und die Kugel als vollkommen. Damit vermag auch ein gerundetes Haus die Geschlossenheit und Geborgenheit eines darin stattfindenden Lebens zu verkörpern, selbst wenn es sehr hohe Anforderungen an seine Planer und Erbauer stellt und bei der Einrichtung viel Kreativität und Überblick erfordert. Doch möchte ich gerne zum wesentlichen kommen, dem Grund, warum wir alle heute an diesem Ort zusammengekommen sind." Sie machte eine drei Sekunden lange Pause, um die Zuhörer auf das einzustimmen, was sie sagen wollte.

"Wir alle sind heute hier versammelt, um Mildrid Latierre und ihren Gatten Julius zu feiern, die es im vergangenen Jahr durch Fleiß, Durchhaltevermögen und für ihre Mitschüler vorbildliches Verhalten geschafft haben, das Wohlwollen der Schulleitung von Beauxbatons sowie des Zaubereiministeriums von Frankreich zu erringen. Einiges von den Verdiensten, die sich die beiden zu ehrenden erworben haben, betraf die Sicherheit und Versorgung ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler, indem sie halfen, eine magische Abriegelung von Beauxbatons unwirksam zu machen, durch die ein unrechtmäßig das Amt des Zaubereiministers ergreifender Zauberer das Ende der freien Bildung in der französischen Zaubererwelt erzwingen und der magischen Bevölkerung seinen Willen aufzwingen wollte. Mildrid und Julius haben zusammen mit ihren Familienangehörigen dafür gesorgt, daß der Terror des wahnhaften Massenmörders aus England nicht zu einem unerschütterlichem, dauerhaftem Terrorregime führte, das aus der puren Angst vor dem mordlüsternen Feind geboren wurde. Beide erwiesen sich bei einem Angriff von Kreaturen, die der Erzfeind aus ewigem Schlaf erweckte, als mutig, diszipliniert und verantwortungsvoll, indem sie ihren Mitschülern halfen, vor der Gefahr zu flüchten und im Falle von Julius Latierre nicht eher aus Beauxbatons evakuiert werden wollten, als daß alle Mitschüler in Sicherheit gebracht seien. Dabei wurde Julius von einer dieser Kreaturen angefallen und ihrem tückischen Gift ausgesetzt, das arg- und schuldlose Menschen in diese Kreaturen verwandeln sollte. Nur seine Selbstbeherrschung und der Umstand, daß es eine Person in der Nähe gab, welche gegen dieses heimtückische Körperelixier gefeit war, bewahrten ihn und damit auch uns vor dem grausamen Los, der willenlose, schier unverwundbare Erfüllungsgehilfe des britischen Feindes zu werden. Die Heilbehandlung gegen das schwarzmagische Gift verlangte von ihm große Anstrengungen und den mehrwöchigen Verzicht auf seine vollständige Beweglichkeit und geistig-seelische Verfassung. Hier erwies sich seine Frau als hilfreicher Rückhalt, nahm bedingungslos alle von ihm unbeabsichtig geäußerten Gefühlswirrungen in Kauf und schaffte es damit, seine vorher schon ausgeprägte Selbstbeherrschung wiederherzustellen, so daß er am Ende der Heilbehandlung gestärkt und befreit in die Gemeinschaft seiner Mitschüler zurückkehren konnte und trotz der Belastungen für Geist und Körper hervorragende Ergebnisse in den so wichtigen Zauberergradprüfungen erzielen konnte. Wie gereift seine Gattin schon war erwies diese, indem sie trotz der ihr auferlegten Sorgen um ihren geliebten Ehemann ebenfalls die Ruhe und Beharrlichkeit aufbrachte, um aus den Zauberergradprüfungen mit vorzeigbaren Endergebnissen hervorzugehen. Beide haben damit bewiesen, daß sie bereits ein Jahr vor der allgemeinen Volljährigkeitsgrenze alle Aufgaben und Verantwortung erwachsener Hexen und Zauberer erfüllen können. Somit wurde seitens der Schulleiterin von Beauxbatons sowie dem nach langer Gefangenschaft befreiten Zaubereiminister Grandchapeau beraten, ob die beiden heute zu ehrenden in den Genuß einer Sonderregel kommen dürfen, die altersmäßig minderjährigen bereits alle Rechte und Pflichten mündiger Hexen und Zauberer zugestehen kann. Die Beratung, an der sowohl die hier anwesende Professeur Faucon, der ebenso anwesende Monsieur Dusoleil und ich selbst persönlich teilgenommen haben, kam zu dem Schluß, daß Mildrid und Julius Latierre diese seltene Auszeichnung zugebilligt werden darf. Doch daraus ergaben sich zwei Probleme: Das erste betraf die weitere Ausbildung. Mildrid und Julius mußten sich entscheiden, ob sie aus eigenem Willen und dem Verständnis aller daraus erwachsender Folgen ihre Ausbildung in Beauxbatons bis zu den UTZ-Prüfungen fortsetzen oder sich mit den erlangten Zauberergraden zufrieden geben wollten. Beide versicherten in Anwesenheit von Professeur Faucon, die als stellvertretende Leiterin der Beauxbatons-Akademie deren rechtliche Interessen und Zeugenschaft übernahm, daß sie ihre magische Ausbildung bis zu den letzten Prüfungen fortsetzen wollten. Das zweite Problem daß ein volljähriger Mensch ob magisch oder nicht zu lösen hat, stellt sich in der Unterkunft dar. Sicher gibt es viele junge Menschen, die bis zu einer Eheschließung oder dem Antritt eines Berufes unter dem Dach der Eltern weiterleben, ja sogar auch nach diesen markanten Änderungen ihres Lebens dort wohnhaft bleiben. Die meisten jedoch ziehen es dann vor, ihre Eigenständigkeit auch in der Wahl einer eigenen Unterkunft zu behaupten. Da Mildrid und Julius ja schon seit einem Jahr mit Erlaubnis ihrer Eltern als Ehepaar geführt werden, hatten sie drei Möglichkeiten zur Auswahl, weiterhin in Paris bei Julius' Mutter zu wohnen, bei Mildrids Eltern oder Angehörigen einzuziehen oder von elterlicher Aufsicht ledig eine ganz eigene Unterkunft zu suchen und einzurichten. Um ihnen diese schwerwiegende Entscheidung abzunehmen und ihnen damit genug Ruhe und geistige Freiheit zur Fortsetzung ihrer Schulzeit einzuräumen, boten wir vom Dorfrat von Millemerveilles auf den Vorschlag von Monsieur Dusoleil und seiner Frau Camille an, daß Mildrid und Julius Latierre auf dem Boden unserer traditions- und geschichtsträchtigen Gemeinde ihre eigene Heimstatt erhalten könnten, falls die beiden dieses Angebot annehmen wollten. Nun, da wir alle nun hier stehen und das von den italienischen Geschwistern Varanca ursprünglich als mobiles Wohnhaus konzipierte Gebäude vor uns haben, ist jedem hier klar, daß die beiden Befragten das Angebot der Dorfgemeinschaft von Millemerveilles dankbar begrüßt haben und außerhalb ihrer Schul- und Arbeitszeit mit meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und mir zusammenleben werden. Ich habe daher nun die erhabene Pflicht und große Ehre, Mildrid Ursuline Latierre und ihren Gatten Julius Latierre geborener Andrews in der Mitte unserer Gemeinde begrüßen zu dürfen." Sie griff in eine Außentasche ihres goldenen Kleides und zog einen kleinen Beutel hervor, der unvermittelt anwuchs und zwei zusammenliegende, stangenartige Gebilde erkennen ließ. Sie griff in den raschelnden Beutel hinein und befreite zwei Baguettes aus ihrem Behälter. Dann fischte sie auch noch zwei kleine weiße Säckchen aus dem Beutel, der danach unvermittelt verschwand. Sie ging zuerst zu Millie. Sie umarmte sie, was bei dem Größen- und Leibesumfangsunterschied der beiden Hexen ein wenig komisch wirkte. "Empfange von mir, der aus der Mitte unserer Gemeinschaft erwählten Sprecherin unseres Rates, Brot für immer währende Versorgung mit Nahrung und Geborgenheit und Salz als Würze aus dem Schoß der Erde, auf daß dein Leben niemals fade und abweisend sein möge!" Damit überreichte sie Millie eines der Stangenbrote und einen der kleinen weißen Beutel. Dann küßte sie Millie auf jede Wange und nahm ihre Erwiderung entgegen. Danach ging sie zu Julius und umarmte ihn erst, bevor sie zu ihm sagte: "Empfange Brot als Zeichen des Willkommens und der Hoffnung auf sorgenfreies Leben und das Salz als Würze all dessen, was dein Leben in unserer Gemeinschaft mit sich bringen mag!" Dann küßte sie auch ihm auf die Wangen und nahm seine Wangenküsse entgegen. Damit war ihre Ansprache und die Willkommenszeremonie zu Ende. Millie sah Julius an, der nun vor die geladenen Gäste trat und seinerseits das Wort ergriff.

"Zunächst einmal möchte ich mich bei Madame Delamontagne für ihre Worte und das Willkommen im Namen aller Bewohner Millemerveilles' bedanken." Das wiederholte er dann noch auf Englisch und fuhr in seiner Muttersprache fort: "Zum zweiten möchte ich mich bei allen Gästen entschuldigen, die kein Französisch können, daß ich der Sitte folge, in Rom wie ein Römer zu handeln und die nächsten Sätze in der hier gepflegten Sprache zu sprechen. Ich bin jedoch bereit, jedem nachher kurz zu übersetzen, was ich gesagt habe. Viel ist das eh nicht." Alle Englisch verstehenden lachten leise. Sie dachten wohl, daß viele Redner gerne so anfingen, um den Zuhörern die Angst vor einer ellenlangen Ansprache zu nehmen. Doch Julius deutete nur auf das Apfelhaus und sagte nun auf Französisch: "Meine Frau und ich haben im letzten Jahr viele Überraschungen erlebt. Einige davon würden wir liebendgerne wieder vergessen oder ungeschehen machen. Dieser bösartige, wohl auch geisteskranke Zauberer, der sich selbst Voldemort nannte", auch die Nichtfranzosen zuckten bei der Erwähnung dieses Namens zusammen, "übernahm das Zaubereiministerium in meiner Heimat. Er erklärte alle Hexen und Zauberer, die keine magischen Eltern hatten zu Geächteten und ließ sie von einer ihm beharrlich dienenden Hexe jagen und einsperren, sofern sie nicht auch welche von ihnen ermorden ließ, auf der Flucht erschossen, wie es die Muggel gerne nennen. Aus Angst vor den Dementoren, die von meinem Geburtsland aus über Europa und wo sonst noch herfielen gelangte ein verfolgungswahnsinniger und gleichermaßen machtversessener Magier auf den Stuhl des französischen Zaubereiministers, der nur seine Meinung gelten ließ und jeden, der sich offen oder heimlich gegen ihn stellte, zu Feinden erklärte und in abgeriegelten Lagern einsperren ließ. Ich bin stolz, die Frau, die ihm die restlose Unterwerfung der Zauberergemeinde Frankreichs verdorben hat, meine Mutter nennen zu dürfen." Martha lächelte verlegen. "Denn sie deckte die Pläne Didiers und Pétains auf und konnte die rechtschaffenen und mutigen Hexen und Zauberer früh genug warnen, um den nötigen Widerstand zu organisieren. Ich bin froh, daß ich mithelfen durfte, meinen Mitschülern in Beauxbatons die Nahrungsversorgung zu sichern und auch den Zugriff durch Handlanger Didiers vereitelt habe. Denn dieser am Ende doch sehr armselig auftretende Zauberer wollte mich Voldemort und seinen Banditen ausliefern, weil er dachte, damit Ruhe vor seinen Kreaturen zu haben. Sie hätten so oder so weiter angegriffen, wissen wir alle hier heute ganz genau. Meine Mutter wurde aus einer not heraus, außerhalb von Millemerveilles gejagt und getrieben leben zu müssen von einer fernen Verwandten von uns beiden mit einem aufopferungsvollen Ritual mit magischer Energie aufgefüllt, die dazu führte, daß meine Mutter selbst nun magische Fähigkeiten besitzt." Seine Mutter lief an den Ohren rot an. Mußte das wirklich hier jeder wissen? Doch es stand ja in den französischen Zeitungen drin. Also nickte sie, während ihr Sohn weitersprach. "Das gehörte zu den wenigen angenehmen Überraschungen in diesem Jahr. Sie half nun mit, den Widerstand gegen Didiers Verfolgungswahn zu organisieren. Dann kamen die Kreaturen dessen, dessen Namen ihr und Sie wohl immer noch nicht ohne Angst hören könnt, die Schlangenmenschen, die vor langer Zeit erschaffen und für Jahrtausende in einen Überdauerungsschlaf versetzt worden waren. Das trieb eine Hexe, die sich als Erbin der Dunkelmagierin Sardonia versteht - komisch, bei dem Namen erschrickt hier keiner - dazu an, Sardonias Züchtungen aus Menschen und Honigbienen aus einem Überdauerungsschlaf zu wecken oder selbst neu zu züchten, um gegen diese Schlangenwesen zu kämpfen. Dann kamen noch diese kleinen, schnellen Kampfdrachen von einem Ort, der als "Die Elfenbeininsel" bekannt ist und wo alle die wohnen, die mit der magielosen Welt überhaupt nichts mehr zu schaffen haben wollen. Das Chaos war komplett. Dann wurde Didier selbst zu einer Schlangenkreatur und mußte mit diesen Wesen zusammen gegen die Menschen kämpfen. Wir waren alle in Gefahr. Woher jene grauen Vögel kamen, die wohl in der Zeit dieser Bestien entstanden und zu ihren natürlichen Erzfeinden herangezogen wurden, wird wohl deren Geheimnis bleiben. Jedenfalls vernichteten sie alle Schlangenkreaturen wohl restlos. Damit war diesem Massenmörder Voldemort", diesmal beherrschten sich alle Zuhörer, "eine sehr schlagkräftige Streitmacht entrissen. Ich selbst mußte, wie Madame Delamontagne es erwähnt hat, monate lang in Madame Maximes Nähe zubringen, um mich von dem Gift und der einzig wirksamen Behandlung dagegen zu erholen. In der Zeit bekam ich mit, wie jener sogenannte dunkle Lord, der in Wirklichkeit wohl den Namen Tom Riddle besessen hat, in einem letzten Duell mit Harry Potter über seine eigene Überheblichkeit stolperte und von einem von ihm selbst geschleuderten Todesfluch getötet wurde. Auch wenn in meiner alten Heimat noch viele Trümmer und Scherben zusammenzukehren und viele Tote und körperlich oder seelisch verstümmelte Menschen zu beklagen sind dürfen wir wohl hoffen, jetzt friedlicheren Tagen entgegenzugehen, auch wenn jene, die die Insektenkreaturen erschaffen oder aufgeweckt hat noch in der Welt herumläuft. Meine Frau und ich haben nicht darum gebeten, jetzt schon für volljährig zu gelten. Doch wir wissen beide, daß wir dieser Ehrung gerecht werden und uns mit allem was wir schon können und irgendwann können werden dafür erkenntlich zeigen wollen. Jedenfalls freuen wir beide uns heute, am Tag, an dem in meinem Geburtsland das dunkle Jahr dieses Tom Riddles und seiner Bande anfing, Sie und euch hier bei uns in unserem Haus Apfel des Lebens begrüßen und seine Einweihung feiern zu dürfen. Vielen Dank, daß ihr da seid!" Er verbeugte sich, um zu zeigen, daß er endlich fertig war und nahm den Applaus seiner Gäste entgegen. Dann grinste er jungenhaft. "Jetzt habe ich doch länger geredet, als ich wollte. Ich hätte mich vielleicht doch besser an die Redekunst des für uns allen dahingegangenen Professor Albus Dumbledore halten sollen, der eine Feier einfach mal mit "Haut rein!" eröffnet hat." Alle die Französisch konnten lachten. Um die anderen nicht auszugrenzen wiederholte er seine letzten beiden Sätze auf Englisch. Dann deutete er auf den Tisch und zog seinen Zauberstab aus dem Festumhang. Mit einigen scheinbar leicht wirkenden Bewegungen ließ er Geschirr auf dem Tisch erscheinen und apportierte dann noch mehrere große Platten mit Kuchen, Kannen voll Tee, Kaffee und Kakao und brachte zum Schluß noch eine große Messingvase voller Sommerblumen auf dem Mittelpunkt des Tisches unter. Dann durften sich alle draußen hinsetzen. Da der Tisch kreisrund war wie die legendäre Tafelrunde König Arthus' gab es keine bevorzugten Plätze. Das hatten die Latierres auch so haben wollen. Es wurde nur darauf geachtet, daß die, die beide hier möglichen Sprachen konnten, so zusammensaßen, daß für die einen oder andren übersetzt werden oder herkunftsübergreifende Unterhaltungen geführt werden konnten. Die Gastgeber aßen erst von den extra gebackenen Kuchen und tranken Kaffee oder Tee. Dann wanderten sie um den Tisch herum, um mit den Gästen zu reden. Als Julius einmal bei den Montferre-Zwillingen ankam, die sich mit Hilfe Ursulines mit Brittany über Quidditch und Quodpot unterhielten, meinte Sabine zu ihm:

"Unsere Eltern sind deiner Mutter heute noch dankbar, daß sie die Standorte dieser verdammten Friedenslager rausgefunden hat, sonst wären wir wohl noch heute mit Thisiphone und ihrem pelzigen Kumpan zusammen. Suzanne ist ja gerade unterwegs in Algerien. Sie läßt schön grüßen."

"Ich bin froh, daß wir alle aus dieser Kiste rausgekommen sind, Bine", erwiderte Julius bescheiden. "Ob ich da wirklich so viel getan habe kann ich so nicht sagen."

"Immerhin konnten die in Beaux ruhig weiterlernen", sagte Sandra Montferre dazu. Ihre Schwester Sabine nickte bestätigend. Dann durfte Julius noch einmal beschreiben, wie er Quidditch und Quodpot gespielt hatte. Brittany ließ ihn übersetzen, daß sie jetzt ein eigenes kleines Haus in VDS besaß, daß zum teil von der Mannschaft bezahlt wurde, zum anderen Teil aus einem Bausparvertrag finanziert wurde, den ihre Großeltern väterlicherseits bei ihrer Geburt eingerichtet und mündelsicher angezahlt hatten. Julius erwähnte, daß Millie und er das Haus und das große Grundstück geschenkt bekommen hatten und er wohl drei oder vier Bausparverträge gebraucht hätte, um das alles hier zu bezahlen. Dann mußte er natürlich erklären, was das überhaupt war, ein Bausparvertrag.

"Achso, eine Wohngeldrücklage", erkannte Sabine. "Kennen wir auch. Eltern können bei den Gringottskobolden ein Verlies buchen, in dem sie Gold unterbringen lassen können, bis das Kind volljährig ist und den Schlüssel überreicht bekommt. Davon kann das Zaubererkind dann entweder ein eigenes Haus anzahlen oder sich bei irgendwem einmieten oder die weitere Ausbildung bezahlen. Hat deine Mutter nicht sowas ähnliches für dich angelegt?" Julius bestätigte das.

"Hmm, wenn wir dann morgen zu uns reisen", setzte Brittany an, "ist es vielleicht doch für euch praktischer, wenn wir das Mom und Dad zumindest sagen, was mit euch ist. Ich kann es ja meloen, damit Lino nicht drauf gestoßen wird, falls die es nicht woanders herkriegt." Julius räumte ein, daß Millie und er keine Probleme damit hätten, wieder in getrennten Schlafzimmern zu übernachten, weil sie das eh in Beauxbatons wieder tun müßten. Sabine Montferre meinte dazu mit leicht verruchtem Unterton:

"Wenn du's hinkriegst, Millies Traum vom ersten Baby noch vor dem nächsten Schuljahr zu erfüllen kriegt ihr in Beaux eine kleine Ehegattenbude zugeteilt. Hat deine Urahnin Viviane damals durchgesetzt, daß für eltern werdende Ehepaare sowas bereitzustehen hat. Die beiden und ihr Ungeborenes müssen nur vor den Schulleiter hin und die Elternschaft offen anmelden. Unsere Urgroßeltern mütterlicherseits haben das vor achtzig Jahren als letzte ausnutzen dürfen, als sie vor Antritt des letzten Schuljahres Oma Perinelle auf den Weg gebracht haben. Bekommen haben sie die aber dann in den Osterferien."

"Zauberer können sehr alt werden. Leben eure Urgroßeltern noch?" Fragte Julius neugierig.

"Uroma Ostara hat vor vier Monaten ihren Hundertsten gefeiert. Opa Reinier starb vor zwei Jahren beim Versuch, einen bretonischen Blauen einzufangen, der in der Nähe von Lyon aufgekreuzt war", sagte Sandra. "Muß dir jetzt nicht leid tun, Julius. Er wollte immer mit den gefährlichsten Biestern kämpfen, weil er meinte, daß ein echter Mann nur im Angesicht tödlicher Gefahren seinen Wert beweist. Der hätte dich womöglich geknuddelt, weil du mit diesem Schlangenmonster und danach mit Madame Maxime zusammengetroffen bist. Uroma Ostara ist nie so die Familienhexe gewesen, hat sie an Oma Perinelle weitergegeben, die möglichst häufig außer Landes ist, um bei großen Feiern nicht dabei sein zu müssen. Die wollte ja nicht mal zu unserem siebzehnten Geburtstag hinkommen."

"Ich habe auch noch beide Urgroßelternpaare mütterlicherseits, gleichmäßig über die Staaten verteilt", erwähnte Brittany, als Julius Sabines und Sandras Familienerwähnung übersetzt hatte. "Aber die können keine Muggel ab, hatten damals Stress gemacht, weil Mom Dad geheiratet hat und würden mich wohl als Fehltritt hinstellen, wenn Mom sie einladen würde. Ich weiß, daß Moms Oma Lobelia in der Broomswood-Akademie war. Wahrscheinlich meinte Mom deshalb, da als Lehrerin hingehen zu müssen. Aber wir wissen ja beide, warum die da nicht angestellt wurde." Brittany grinste verächtlich. Julius nickte und erwähnte Sabine und Sandra gegenüber, was die Broomswood-Akademie war und warum Brittanys Mutter dort nicht angestellt worden war. Bine Montferre meinte dazu nur:

"Stimmt, hat Millie Tante Hipp erzählt, als du letzten Sommer kurz in der alten Heimat unterwegs warst, Julius."

So sprachen sie noch über die Zaubererschulen in den Staaten und Beauxbatons. Dann ging Julius weiter um den Tisch, wo er kurz einer Unterhaltung seiner Mutter mit Raphaelle Montferre zuhörte, die sich darum drehte, ob Martha nun weiter im Ministerium arbeitete oder vielleicht doch auf Madame Dumas' Anfrage einging, hauptamtliche Grundschullehrerin zu werden. Bei Madame Faucon angekommen erfuhr er, daß Madame Maxime zur Zeit in der Nähe der Riesin sei, die Ende Juni nach Frankreich gekommen sei und sich wohl noch mit den Leuten aus der Zauberwesenbehörde darüber einigen mußte, wie diese übergroße Humanoidin weiter zu betreuen sei. Dann sagte die Lehrerin noch:

"Wahrscheinlich wird euch morgen oder wann ihr abreist eine weitere Ehre zu Teil werden, Julius. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen."

"Huch, wollen Sie eine Reisesphärenverbindung zwischen hier und Viento del Sol einrichten?" Fragte Julius Madame Faucon.

"Nein, keine Reisesphäre, da diese französisches Patent ist und zudem zu leicht zugänglich wäre, wenn jemand die entsprechenden Zielwörter kennt. Nein, es werden zwei Luftschiffe zu uns gebracht, die den direkten Transport zwischen Viento del Sol und uns ermöglichen sollen. Die Abordnung aus Viento del Sol ist gerade mit dem Leiter der Abteilung für magischen Personenverkehr aus Paris und den USA zusammen, um die entsprechenden Abkommen dafür zu unterschreiben. Wenn die rechtlichen Formalitäten erledigt sind, werdet ihr wohl zu den ersten Passagieren gehören, die von hier nach Viento del Sol reisen können."

"Ich habe es gar nicht mitbekommen, daß zwischen uns und den Bewohnern von Viento del Sol eine Siedlungspartnerschaft geschlossen wurde", meinte Julius. "In den amerikanischen Zeitungen stand davon nichts und hier auch nicht."

"Sie wird übermorgen, am Gründungstag von Viento del Sol, offiziell verkündet", sagte Madame Faucon.

"Am dritten August? Oha, der Tag steht auch ganz groß in meiner eigenen Chronik", seufzte Julius. Madame Faucon nickte verstehend. Dann sagte sie, daß die Siedlung Viento del Sol vor einhundertfünfzig Jahren begründet wurde, im Jahr des großen, kalifornischen Goldrausches. "Auch magische Menschen lockte das Metall der Sonne an. Den Muggeln gegenüber genossen sie jedoch die Vorteile, Edelmetalle in der Erde magisch aufspüren zu können. Aber vielleicht sollte eure baldige Gastgeberin, Ms. Brittany Forester, dir diese Geschichte erzählen, falls sie das möchte." Julius nickte. Dann redeten sie noch einmal vom Zwölferrat und Professeur Tourrecandide. Julius bat behutsam darum, sich mit Professeur Tourrecandide unterhalten zu dürfen, da ihn die Sache nicht recht losließ.

"Nun, sie hat sich erst davon erholt, Julius. Es wäre ihr gegenüber respektlos, wenn du darauf beharren würdest, dir die ganze leidige Angelegenheit erklären zu lassen und birgt auch die Gefahr in sich, daß du oder wer noch dieses Wissen erlangt, Nachstellungen von nicht gerade gutmütigen Leuten zu befürchten hättest, sollten diese erfahren, daß du in ihre Angelegenheiten eingeweiht wurdest." Gedankensprachlich fügte sie hinzu: "Lade dir nicht noch mehr ungemach in dein Gedächtnis, Julius! Du trägst schon mehr als genug mit dir herum." Hörbar fügte sie noch hinzu: "Aber ich werde Professeur Tourrecandide ausrichten, daß du hoffst, bei den UTZ-Prüfungen wieder von ihr examiniert zu werden, falls dir das recht ist." Das war Julius natürlich recht. "Wir sprechen uns sicherlich noch einige Male heute abend", erwähnte die Lehrerin dann noch. Julius nickte und verabschiedete sich für's erste von Madame Faucon.

"Das war wohl besser, Kevin nicht herzubitten", sagte Gloria, als Julius bei ihr und ihren Cousinen war, die links von den Dusoleils flankiert wurden. Millie sprach derweil mit Pina, die bei Sandrine und Céline saß.

"Einmal im Monat solchen Terz reicht mir völlig aus", bekundete Julius. "Sicher habe ich ein schlechtes Gewissen, ihn bei einer der wichtigsten Partys nicht dabeizuhaben. Aber wenn der meint, jede Party von mir vermiesen zu müssen, soll der sich nicht wundern. Der kann gerne zu meinem siebzehnten Geburtstag herkommen. Dann nölt der eh rum, daß die Millie und mich hier fest eingebucht haben. Das muß nicht heute schon laufen, wo Madame Delamontagne, die Dusoleils und Madame Faucon dabei sind."

"Da rennst du bei mir offene Türen ein, wie du ja mitbekommen hast", schnarrte Gloria. Julius nickte bestätigend. "Ich bin froh, daß du hier gut aufgenommen wurdest und das zwischen dir und Millie wohl doch was sehr sicheres ist, auch wenn mir ihr Ehrgeiz, rein körperlich so schnell sie kann zur Frau zu werden etwas unangenehm ist. Aber ich erkenne doch langsam, was euch zwei verbindet und warum du mit ihr wohl eine sehr lange Zukunft erleben wirst."

"Es ist zu viel in den letzten Jahren passiert, daß ich hoffe, daß ich zumindest im Privatleben Ruhe habe", erwiderte Julius. Gloria nickte.

Als Julius bei Madame Delamontagne vorbeikam bekam er mit, wie diese sich gerade mit Brittany unterhielt und dabei die anstehende Siedlungspartnerschaft besprach. So konnte Julius guten Gewissens einflechten, auch schon davon gehört zu haben.

"Eigentlich wollte ich es Mom überlassen, dir das zu erklären, Julius. Aber wenn Professor Faucon dir das schon erzählt hat kann ich das auch jetzt rauslassen. Die Sache mit dieser übermächtigen Entomanthropenbrutkönigin, die uns ein paar mal beharkt und Cloudy Canyon ziemlich übel erwischt hat brachte uns drauf, einen möglichst sicheren Fluchtweg zu finden, falls wir noch mal von solchen Biestern oder Schwarzmagiern angegriffen werden. Da hier in Millemerveilles dieser alte Schutzbann gegen Träger dunkler Kräfte wirkt war das für den Gemeinderat ein willkommenes Angebot, eine direkte Verbindung einzurichten. Das ganze läuft meiner Info nach schon seit zwei Monaten an. Was ihr beim Sommerball mitkriegen konntet ist im Grunde der letzte Akt."

"Auf jeden Fall was, was wohl einmal in Geschichtsbüchern stehen kann", brachte Julius mit einer Mischung aus Belustigung und Ehrfurcht an. Madame Delamontagne stimmte ihm mit einem Lächeln zu.

"Nun, Blanche hat dir ja erzählt, daß wenn die nötigen Vorkehrungen und Einrichtungen noch vor eurer Abreise vollendet werden können, ihr sehr wahrscheinlich auf diesem, direkten Weg an euer Reiseziel gelangt, anstatt die internationale Kaminverbindungen zu bemühen."

"Da werden die in der Grenzstation sich aber umgucken, wenn ihnen Reisende aus Millemerveilles durch die Lappen gehen, wenn sie in die Staaten wollen", sagte Julius mit gewisser Schadenfreude.

"Abgesehen davon, daß sowohl die US-amerikanischen als auch unsere Personenverkehrsabteilung dem zustimmen mußten, um die internationalen Reisebestimmungen einzuhalten, erscheint die Zahl der Besucher, die die neue Verbindung regelmäßig nutzen werden sicherlich zu gering, als einen Umsatzeinbruch im internationalen Flohnetzverkehr befürchten zu müssen", erwiderte Madame Delamontagne. "Hinzu kommt ja auch, daß viele magische Reisende auf die Ausdauer eigener Besen oder Flugtiere schwören und zudem noch die Linienschiffe des fliegenden Holländers nutzen, wenn sie die Weltmeere überqueren wollen."

"Geht auch ganz gut", sagte Brittany. "Meine Klassenkameradin Sharon ist damit einmal unterwegs gewesen. Wer viel Gepäck hat kann damit besser reisen. Dauert zwar etwas länger, ist aber um so bequemer als die Flohwirbelei. Abgesehen davon, Madame Delamontagne und Julius, haben die von Bronco mit dem Parsec einen Weltumrunderbesen hingelegt, mit dem man in wenigen Stunden einmal um die Erde fliegen kann."

"Haben die die Maximalgewichtszahl mittlerweile nach oben bekommen können?" Fragte Julius, der sich noch an die Werbung für die ersten sprungfähigen Flugbesen erinnerte. Madame Delamontagne sah ihn mißbilligend an. Brittany meinte nur, daß sie das wohl nicht so leicht hinbekämen, weil dafür einige der Supereigenschaften zurückgeschraubt werden müßten. Darauf antwortete die Ratssprecherin von Millemerveilles:

"Nun, das war und ist das leidige Problem bei der Herstellung magischer Fluggeräte, daß sie ihre antigravitatorischen Eigenschaften ja auf das Transportgut respektive ihre Benutzer übertragen müssen und hierbei die bekannten Pinkenbachgesetze nicht so einfach entkräftet werden können. Wenn ich einen Besen mit großer Zuladekapazität wünsche, muß ich womöglich auf Komfortzauber wie die Windumlenkung oder große Etappenreichweite verzichten. Will ich höhere Geschwindigkeiten, so gehen diese wohl auf die Belastbarkeit. Insofern schon beachtlich, welche Fortschritte bei uns und auch bei Ihnen drüben erreicht wurden, Ms. Forester."

"Hinzu kommen dann nötige Einbauten wie Innerttralisatus und Polsterungszauber", wandte Julius ein, der sich was magietechnische Einzelheiten anging doch schon gut zurechtfand.

"Jedenfalls will Bronco an den bereits fertigen Parsec-Besen nichts mehr verändern. Stand zumindest im Westwind drin, wo Linda Knowles mit dem Pressesprecher von Bronco gesprochen hat", erwähnte Brittany. Da trat Melanie Redlief an die sich unterhaltenden heran.

"Nichts für ungut, Julius. Müssen wir ins Haus, wenn wir mal müssen?" Fragte sie leise. Julius nickte und fragte, ob er sie kurz hineinlassen sollte. Florymont hatte ja einen Zauber gewirkt, der nur die Bewohner des Hauses direkt hineinapparieren ließ.

Als er dann einige Minuten später mit Melanie zurückkehrte meinte sie, daß er doch eigentlich schon den zeitlosen Ortswechsel lernen könne. Julius lächelte und merkte an, daß Jeanne ihn schon darauf hatte bringen wollen. Jetzt, wo sowohl seine Schwägerin Martine als auch Monsieur Michel Montferre da waren wäre das eigentlich die Gelegenheit für ihn, das mal auszuloten. Aber die Reise nach VDS machte den Zeitplan vielleicht doch zu eng dafür.

"Hier haben wir zwei, die im Appariertestzentrum zu tun haben, Mel", sagte Julius. "Ich fürchte jedoch, daß weder Millie noch ich das in nur zwei Wochen bis zu einer Prüfung lernen können. Ende August geht die Schule ja wieder los. Im Zweifelsfall lernen Millie und ich das dann mit den anderen Sechstklässlern zusammen."

"Das würde ich aber zumindest mal rausfinden, wie lange das dauern kann, Julius", erwiderte Melanie. "Gloria sagt, du wolltest das eigentlich schon längst können. Wenn die meinen, dir schon alles aufzuladen, was erwachsene Hexen und Zauberer können, solltest du auf den Donnervogel aufspringen und mitnehmen, was schon geht!"

"Dann dürfen wir aber Britts Eröffnungsspiel nicht sehen", entgegnete Julius.

"Wäre nicht so schlimm, ihr Gejammer nicht mithören zu müssen, wenn die Ravens die Windriders auf eigenem Platz versenken", erwiderte Melanie schnippisch.

"Kein Kommentar", erwiderte Julius darauf.

Als hätte Melanie nicht von sich aus das Thema Apparierkurs angeschnitten sondern Martines, Millies und Michels Gedanken aufgefangen winkte Millie ihren Mann zu sich. Sie saß gerade bei ihrer großen Schwester und dem Vater Bines und Sans.

"Julius, Onkel Michel sagt gerade, daß er sich wundert, daß du noch nicht im Appariertestzentrum angefragt hast, wann jemand frühestmöglich einen Kurs machen und die Prüfungen bestehen kann", begrüßte ihn Millie.

"Lustig, hat Mel Redlief auch schon gefragt", erwiderte Julius. Die Erwähnte grinste belustigt. Michel Montferre wandte sich Julius zu und sagte:

"Martine meinte sowas, daß du immer hast anklingen lassen, du wolltest am liebsten schon apparieren können. Da ist mir eingefallen, daß wir Ferienkurse anbieten, weil es durchaus Schüler gibt, die sich die Zeit in der sechsten Klasse lieber für Schularbeiten freihalten wollen. Immerhin werden die Übungen ja ab Februar zehn Wochen lang jeden Samstag abgehalten. Die meisten schaffen dabei die Prüfungsbedingungen. Also, wenn du das so siehst, zehn Lerntage, wobei du natürlich die Grundlagen und Verhaltensregeln dazulernen mußt, um bei der theoretischen Prüfung die nötige Punktzahl zu erreichen, ohne die du nicht zur praktischen Prüfung zugelassen wirst. Insofern wundert es mich wie erwähnt, daß deine erste amtliche Anfrage im Leben als volljähriger Zauberer nicht an uns erging."

"Ich weiß nicht, ob ich in zwei Wochen Intensivkurs fit genug dafür wäre. Abgesehen davon möchte ich den gerne mit Millie zusammen machen. Ich weiß, das kann jetzt überheblich rüberkommen: Vielleicht kriege ich das wegen der Ruster-Simonowsky-Kräfte schnell auf die Reihe. Aber ich weiß nicht, wie lange Millie dafür braucht."

"Ich war nach dem zweiten Kurstag fähig, die paar Meter Übungsstrecke zu überspringen, Julius", sagte Tine Latierre. Millie sah ihren Mann mit einer Mischung aus gewissem Unmut aber auch Aufforderung an. Doch als Martine ihm zuversichtlich mitteilte, daß es die Latierres wohl alle früh heraushatten und sie eindeutig wisse, daß Millie ihre Schwester sei lächelte diese vergnügt. Dann meinte Millie für Julius ganz unerwartet:

"Ich habe uns zwei bei Michel und Tine schon für die Wochen nach dem fünften August angemeldet, Julius. Ich sehe und höre mir das nicht an, wie du dir Gedanken machst, ob das zu früh oder zu stressig für dich ist, wenn du das eigentlich schon gestern können wolltest. Und wenn Tine sagt, daß wir Latierres das Talent zum guten Apparieren im Blut hätten will ich das auch wissen. Pa konnte das auch schon nach dem dritten Kurstag. Und dem haben sie immer erzählt, daß er wegen Oma Tetie wohl nicht disapparieren könnte." Julius sah sie verdutzt an. Hatte sie doch mal eben, ohne sich mit ihm zu beraten und abzusprechen entschieden. Sollte er sie jetzt dafür anmotzen oder küssen? Sicher, wer wenn nicht sie wußte zu genau, daß er diese magische Kunstfertigkeit schon längst lernen wollte. Aber wie würde sie reagieren, wenn er mal eben was entschied, was ihrem Leben eine gewisse Veränderung brachte, ohne sie gefragt zu haben. Doch jetzt hatte sie es erwähnt, und er hörte im Geiste zwei Stimmen, die wie seine klangen und sich kurz aber heftig darüber hatten, ob er das jetzt aus männlichem Stolz abzulehnen habe oder sich einfach drauf freuen solle, daß Millie ihm diese Entscheidung mal eben aus den Händen genommen hatte. Sogesehen konnte er seine Teilnahme ja noch widerrufen. Er hatte ja nichts dergleichen unterschrieben. Dann siegte jedoch die freudige Aussicht, schon vor der sechsten Klasse apparieren zu können. Hinzu kam noch etwas, das ihn jede berechtigte oder unberechtigte Ablehnung gegen Millies Vorstoß vergessen machte. Damals in der Wüste, fast auf den Tag zwei Jahre her, hatte er sich so sehr gewünscht, apparieren zu können. Auch als er Bokanowskis Monsterburg entkommen war hätte er am liebsten den Sprung durch die fünfte Dimension gemacht. Gut, Colonades hatte ihm schmerzhaft gezeigt, daß das nicht geklappt hätte. Doch das Gefühl, mit Brittany oder Jane Porter große Entfernungen überspringen zu können war zu erhaben, es als kindisches Vergnügen abzutun. Was wenn ihm in der Muggelwelt jemand angeboten hätte, ihm in zwei Wochen für die Führerscheinprüfung für ein Auto oder ein Motorrad fit zu machen? Da hätte er bestimmt nicht nein gesagt, allein schon um sich freier und erwachsener zu fühlen. Sicher, mit dem Besen war er schneller unterwegs als mit einem Auto. Und die Freiheit beim Fliegen war auch größer als beim Motorradfahren. Doch das ging ja nur, weil er ein Zauberer war. Doch was war das Fliegen im Vergleich zum fast zeitlosen Überspringen von mehreren hundert Kilometern, dem Verschwinden aus einer brenzligen Lage und dem raschen Auftauchen an einem Ort? Schon damals, als Professor McGonagall aus dem Haus der Winston-Churchill-Straße einfach so verschwunden war, hatte er daran gedacht, das so schnell wie möglich zu lernen, wenn es erlernbar war. Also, warum nicht schon diesen Sommer? Dann drang noch Waltraud Eschenwurzes Stimme aus den Tiefen seiner Erinnerungen. Sie hatte ihm erzählt, daß sie es schon ausprobiert hatte. Das hieß, sie konnte es, wenn sie auch wohl nicht frei in der Gegend herumspringen durfte. Damals waren sie beide in der vierten Klasse gewesen, das Jahr, in dem Claire mit ihrer Großmutter zu Ammayamiria wurde. Auch etwas, wo er sich insgeheim gewünscht hatte, auf schnellstem Weg vorankommen zu können. So sah er erst seine Frau an und lächelte zustimmend. Dann sah er Michel Montferre an und fragte:

"Muß ich da was unterschreiben? Ähm, und kostet der Ferienkurs auch zwölf Galleonen wie der Schulkurs?"

"Da ihr beide volljährig seid müßt ihr unterschreiben, daß ihr uns vom Testzentrum damit beauftragt, euch die Apparition beizubringen und darum bittet, die Zulassungsprüfung ablegen zu dürfen. Die Pergamentvernichtungsraupe der Bürokratie will das so", sagte Michel. Martine sah Julius sehr durchdringend an und sagte mit unüberhörbarer Entschiedenheit:

"Die vierundzwanzig Galleonen für euch beide kriegt ihr von mir, weil ich nicht mit miriam in einem Zimmer schlafen muß, seitdem Millie bei dir wohnt. Wenn ihr wiederkommt fangen wir an, ich mit Millie und Michel mit dir."

"Lieber andersrum", grummelte Millie, der jede Freude aus dem Gesicht verschwunden war. Martine schüttelte jedoch so heftig den Kopf, daß ihr auf den Rücken wallendes Haar zu einem rotblonden Fächer auseinanderflog.

"Meinst, weil ich deine Schwester bin dürfte ich das nicht. Aber wenn du schon meinst, dir und Julius den Kurs klarmachen zu müssen, dann werde ich diejenige sein, die dir das beibringt. Geprüft werdet ihr eh von Madame Mistral oder einem Altgedienten aus dem Zentrum."

"Oha", murrte Millie. Julius grinste innerlich. Doch dann sagte er, daß er mit den Bedingungen einverstanden sei. Michel Montferre lachte erheitert und wandte ein, daß er die besser erst einmal Tinte auf Pergament vor sich sehen solle, bevor er sich einverstanden erklärte. Julius nickte. Melanie grinste und winkte Julius zu, ihr zu folgen. Millie sah ihr zwar befremdet und womöglich ein wenig bedröppelt nach, weil sie sich Martine ausgeliefert hatte. Doch sie sagte nichts.

"Kannst du mal sehen, Julius, wie schnell Millie Entscheidungen trifft. Paß bloß auf, daß die vor dem Schuljahresanfang nicht schon was Kleines auf euren Tisch legt."

"Dann müßte sie auf die Wochen der Schwangerschaft verzichten", sagte Julius unbeeindruckt. "Ich denke nicht, daß sie diese wichtige Vorbereitungszeit auslassen will."

"Mag sein, Julius. Ich persönlich weiß nicht, ob ich mir die Tortur wirklich mal antun soll. Und Glo ist wohl auch eher damit unterwegs, lieber Wissen und Kenntnisse aufzunehmen als wen ganz neues auszubrüten. Aber ich wollte dich zu Myrna bringen. Die wollte von deiner Klassenkameradin Céline noch was über die Ganymedbesen wissen, zumindest das, was jeder darüber wissen darf."

"Ihr dürft doch eh keine bei euch benutzen. Ist doch so wie hier auch", wandte Julius ein. Melanie nickte beipflichtend.

Julius übersetzte für Myrna, was Céline Dornier erzählte und antwortete auf Roberts jungenhaft belustigte Frage, ob er mit Monsieur Montferre schon den Apparierkurs klargemacht habe:

"Ich komm dann in einem Sprung nach Beaux rüber und brauche dann nicht mit den anderen in der Sphäre zu fliegen, Robert."

"War mir klar, daß die bei dir ein offenes Tor dreimal so groß wie das von Beaux einrennen", grummelte Robert erst. Doch dann hellte sich sein Gesicht wieder auf. "Aber wir kriegen das ja in dem Jahr eh. Dann müßt ihr zusehen, was ihr mit der Zeit machen könnt."

"Schade, daß Laurentine nicht auch schon jetzt den Kurs machen kann und zu Weihnachten ihre Prüfung ablegt", bedauerte Céline. "Dann könnte die endlich ganz frei und ohne dieses ganze Getöse mal zu mir rüberkommen." Julius nickte. Laurentine war eine der ersten in seiner Klasse, die im laufenden Schuljahr geburtstag feiern konnten. Ihrer lag am elften November. So würde sie einige Monate vor dem eigentlichen Schulkurs volljährig. Ein gewisses schlechtes Gewissen überkam ihn, weil er dann hoffentlich schon längst die Prüfung geschafft haben würde. Er konnte auch verstehen, daß Laurentine aus der reinen Muggelstadt nicht so locker nach Paris oder Millemerveilles reisen konnte, weil sie keinen Flohnetzanschluß besaß und auf einem Besen nicht über die ganzen Muggel wegfliegen durfte. Da mußte man ihren magieablehnenden Eltern schon Heuler oder Eulenschwärme ins Haus schicken, um sie mit ihren Kameraden in Kontakt bleiben zu lassen. Für sie wäre das Apparieren ein ungeheurer Gewinn. Er dachte daran, daß Laurentine als stellvertretende Saalsprecherin ja eigentlich auch gewisse Möglichkeiten haben sollte. Doch Sandrine betäubte sein schlechtes Gewissen als sie sagte:

"Laurentine möchte es wohl nicht so früh können, Céline. Ich habe ja mit ihr drüber gesprochen, wie schwierig das für sie war, zu uns nach Millemerveilles zu kommen und ob das mit Apparieren nicht für sie leichter würde. Da meinte sie nur, daß sie vieles lernen wolle, was Claire und du ihr zu lernen klargemacht hättet. Aber Apparieren, was sie auch mal Teleportation nannte, würde ihren Vater komplett aus der Bahn werfen, und sie wolle ja doch nicht so krass von ihren Eltern loskommen, daß sie mal eben vor ihrem Vater disappariere, auch wenn er das jetzt schon ein paar mal bei anderen gesehen habe."

"Stimmt, habe ich auch mitgekriegt, wie der geguckt hat, als Brittany letzten Sommer vor dem Gartenzaun Madame Delamontagnes appariert ist", erinnerte sich Julius. Er mochte sich vorstellen, wie unangenehm das für reine Muggeleltern war, wenn ihre magischen Kinder unvermittelt mit leisem oder lautem Knall im Nichts verschwanden oder ganz ohne Vorwarnung aus leerer Luft auftauchten. Bei denen vom Raumschiff Enterprise war ja immer mehrere Sekunden lang das Flirren des Transporterstrahls zu sehen. Beim Apparieren konnte man im Zweifel nur die einleitende Drehbewegung sehen, bevor der Apparator verschwand. Er merkte es wieder einmal, wie unheimlich und auch bedrohlich es für seine Eltern und die von Laurentine erschienen war, was Hexen und Zauberer konnten und daß sie und er das auch einmal hinbekommen würden. So meinte er noch zu Céline:

"Na ja, für Monsieur Hellersdorf findet sowas eben nur in Büchern statt und gehört nur dahin, weil es gegen die ihm beigebrachten Naturgesetze verstößt, wenn etwas ohne Flügel oder Propeller fliegt, was schwerer als Luft ist oder wenn jemand mal eben mit einem Plopp verschwindet oder auftaucht."

"Ich denke aber schon, daß sie das lernen wird, wenn es uns anderen angeboten wird. Und wenn Millie und du das schon in diesem Sommer lernt kannst du sie anrufen und abholen, oder?" Fragte Céline. Julius nickte ohne groß zu überlegen. Ihm war klar, daß Céline wollte, daß Laurentine so oft es ging in der Zaubererwelt unterwegs war. Allein schon, daß ihre Eltern ihr das untersagt hatten, heute zur Einweihungsparty zu kommen sollte ihm das doch zu denken geben. Wußten die Hellersdorfs, daß er Heuler verschicken konnte? Aber nein, so wütend durfte ihn das nicht machen. Er mußte es respektieren, daß Laurentines Eltern noch darüber zu bestimmen hatten, was ihre Tochter tun und lassen sollte. Er war nicht dafür zuständig, ihr Unterricht oder Ratschläge zu erteilen, zumindest nicht außerhalb von Beauxbatons.

"Also, ihr macht den Kurs im Sommer und wollt die Prüfung schon vor dem ersten Tag vom neuen Schuljahr packen", faßte Robert zusammen. Julius nickte dazu nur. "Das wird aber dann nicht mehr viel mit der Erholung. Und so wie Millie gerade ausgesehen hat kann ich mir vorstellen, daß ihre große Schwester ihr persönlich Unterricht geben will. Ich hätte da Probleme, wenn meine Mutter oder eine meiner Tanten mir das beibringen wollten."

"Hast richtig hingeguckt, Robert. Martine wird sich das nicht entgehen lassen. Mich wird wohl Bines und Sans Hersteller unterrichten, falls ich das Antragsformular dafür richtig ausfülle."

"Als wenn du ein Formular nicht ausfüllen könntest", grummelte Robert. "Die hätten dich sicher nicht schon für volljährig erklärt, wenn das da klemmen würde. Die Maxime hat dich doch ganz sicher hunderte von nicht geheimen Briefen und Formularen schreiben lassen, wo du schon mal bei der angekettet warst." Julius überhörte die leichte Gehässigkeit in Roberts Worten und erwiderte ruhig:

"Stimmt, wenn die eine ZAG-Prüfung Briefeschreiben und Formulare Ausfüllen auf dem Plan gehabt hätten wäre ich da wohl mit einem unterstrichenen O rausgegangen." Céline grinste. Robert nickte geschlagen und Sandrine strahlte Julius an.

"Auf jeden Fall geht's erst einmal nach Viento del Sol, Brittanys Mannschaft beim Siegen zusehen", sagte Julius. Melanie kicherte verächtlich. "Mit dem Doppelachsenmanöver können die genausowenig verlieren wie ein Ferrari gegen eine Ente." Er mußte natürlich dann erklären, was ein Ferrari und eine Ente in der Muggelwelt waren. Melanie grummelte nur was, daß die Ravens das irgendwann auch lernen würden. Myrna stichelte dagegen, daß die Windriders schon aufpaßten, nicht ausspioniert zu werden. Melanie meinte dazu nur, daß es reichen würde, bei den Spielen gut genug zuzusehen und mit den Omnigläsern genug Wiederholungen bei voller Verzögerung durchlaufen zu lassen, um Körperhaltung und Grifftechniken abzuschauen. Das konnte Julius nicht abstreiten. Es war in jeder Sportart so, daß überlegene Techniken oder Hilfsmittel, die nicht verboten wurden irgendwann bei allen Konkurrenten auftauchten, ob im Fußball, Laufsport oder Radrennen. Immerhin war ja vor einigen Wochen auch die alljährliche Tour de France durch das Land geradelt.

"Spannend wird das wohl alle mal", warf Julius so neutral er es anbringen konnte ein. Dann übersetzte er mit Melanie zusammen eine Diskussion zwischen Céline und Myrna, wo die US-amerikanischen und französischen Rennbesen ihre Vorzüge und Nachteile hatten. Darüber verging noch eine geraume Weile, bis seine Mutter ihn fragte, ob sie schon einmal bei der Vorbereitung des Abendessens helfen könne. Da sie für Brittany ein veganes Mehrgängemenü zusammenstellen wollten hatte die junge Quodpotspielerin schon angefragt, ob sie dabei helfen dürfe. Im wesentlichen sollte es außer einem Suppengang mit Bouillabaisse und Zwiebelsuppe gegrilltes Fleisch, aber auch grillfähiges Gemüse wie Auberginen, Tomaten und Zucchinis mit selbstgemachten Pommes Frites und anderen draußen zuzubereitenden Sachen geben. Brittany hatte der von ihr abgenickten Menüfolge noch Maismehltortillas und fleischlose Burritos zur Auswahl gestellt, die mit den richtigen Zaubern kein Akt waren und nicht nur ihr oder anderen fleischlos essenden schmecken würden. So waren nach dem langen Kaffeetrinken und -geplauder schnell die Rollen verteilt. Die Männer feuerten die drei großen Grillöfen an, die jungen Mädchen kümmerten sich um das Gemüse und den Salat, während die älteren Hexen im Haus mit Millie und ihren weiblichen Verwandten die Kocharbeiten erledigten. Da sie ja zwei Küchen zur Verfügung hatten konnten Gastgeber und Gäste unbedrängt voneinander schaffen. Julius zeigte Robert und Gérard, wie bei den Muggeln Würstchen, Steaks und Frikadellen gegrillt wurden, schaute sich aber auch allzugerne ab, wie Michel Montferre und Florymont Dusoleil Fleischspieße und Filets über dem Grill rotieren ließen. Madame Faucon war natürlich in ihrem Element, als Millie sie aus Höflichkeit und Neugier fragte, ob sie ihr zeigen mochte, wie eine anständige Bouillabaisse hinbekommen wurde. Abgesehen davon hatte die begeisterte Hobbyköchin noch einige andere Rezeptte in Petto, um hier bloß niemanden verhungern zu lassen. Brittany gesellte sich, nachdem sie die Suppen- und Salatarbeitstruppen besichtigt und angeleitet hatte an den dritten Grill, wo Albericus Latierre mit Melanie Redlief die Gemüsespieße und mit Reis oder Fruchtschnipseln gefüllten Auberginen, Paprikaschoten und Zucchinis über dem ohne Holzkohle brennenden Feuer rösteten. Wenn das Essen soweit war wollten sie zuerst die alkoholfreien Getränke auffahren und später für die Gäste über zwölf die Wein- und Metvorräte anbrechen. Julius bedauerte es ein wenig, daß Catherine und ihre Familie nicht dabei sein konnten.

"Bitte Platz machen!" Rief Martha Andrews auf Englisch und Französisch, als sie eine gewaltige Suppenschüssel vor sich herschweben ließ. Madame L'eauvite folgte ihr mit einsatzbereitem Zauberstab. Offenbar hatte Madame Faucons Schwester darauf bestanden, daß ihre Hexenschülerin ihre bereits eingeübten Zauber anzuwenden hatte. Als Martha die imposante Schüssel auf dem Tisch abgesetzt hatte winkte Madame L'eauvite Brittany zu sich.

"Kürbis-Tomatensuppe mit Weizenmehlzaubernudeln in vielen Formen", pries sie der Veganerin die gerade aufgetischte Suppe an. "Mir ist eingefallen, daß unsere Mutter Blanche und mir schon einige fleischlose Sachen zum Kochen gezeigt hat, weil sie uns beibringen wollte, nicht für jedes Essen Tiere opfern zu müssen, wenn es auch anders ging."

"War Ihre frau Mutter Vegetarierin?" Fragte Brittany.

"Das nicht, aber sie legte Wert auf eine bewußte Ernährung. Deshalb hat sie von geschlachteten Tieren auch alles verwendet, wo es sich machen ließ." Brittany verzog das Gesicht. "Aber das habe ich dann doch nicht übernommen. Die Suppe kannst du ruhig essen. Da ist kein Gramm tierische Zutat drin."

"Britt, da kannst du deine Maistortillas vielleicht durchziehen", meinte Myrna, die gerade die ersten mexikanischen Teigwaren auf den Tisch brachte. Dann kam die Bouillabaisse, die in einer noch größeren Schüssel von der Schöpferin persönlich aus dem Haus telekiniert wurde.

"Blanche, da wirst du wohl die Hälfte von wegschütten müssen", stichelte Madame L'eauvite ihre Schwester.

"Sagst du immer, werte Madeleine. Aber dann warst es unter anderem du, wegen der ich noch mal was hätte nachkochen dürfen", entgegnete Madame Faucon. Millie folgte ehrfürchtig, wobei sie einen großen Brotkorb vor sich herschweben ließ, aus dem mehrere Baguettes herauslugten, wohl auch die, die sie und Julius als Willkommensgeschenk erhalten hatten.

"Dann langen wir erst mal bei den warmen Vorspeisen zu", verkündete Florymont Dusoleil und sorgte dafür, daß die ersten Würste, Steaks und Frikadellen auf warmhaltenden Platten verstaut wurden.

Dem Suppengang folgten die Salate und Grillsachen. Denise durfte an den Fässern mit Kürbis-, Trauben- und Apfelsaft zapfen.

So vergingen drei volle Stunden, während denen magisch gespeicherte Lieder aus dem Musikfaß erklangen. Millie und Julius nutzten die Gänge zu den Grills oder Salaten, um mit ihren Gästen zu plaudern und sich mal mit den einen oder den Anderen zusammenzusetzen. Nach dem großen Abendessen baute Julius auch die Fässer mit Met und Wein im Garten auf. Florymont Dusoleil bot sich an, den Ausschank zu machen, damit Julius genug Ruhe hatte, mit seinen Gästen zu reden. Als er mit einem vollen Glas Rotwein herumging und mit allen, die auch volle Gläser hatten auf ihr Wohl anstieß und sich bedankte, daß sie alle gekommen waren, langte er auch einmal bei den beiden Schwestern Madeleine L'eauvite und Blanche Faucon an.

"Ich freue mich sehr, Sie beide heute Abend auch hier begrüßen zu dürfen", sagte Julius und stieß wohlklingend mit den beiden älteren Hexen an. "Mir ist ganz klar, was ich Ihnen beiden zu verdanken habe."

"Julius", setzte Madame Faucon an und wandte sich mit ihrem Glas zu ihm hin. "Es ist bei uns in Millemerveilles so üblich, daß erwachsene Bewohner einander mit Vornamen und dem persönlichen Du ansprechen. Ich breche mir keine Verzierung ab, wenn ich dir außerhalb unseres üblichen Lehrer-Schüler-Verhältnisses diese Gepflogenheit nahebringe. Eleonore wird es dir wohl auch antragen. Also habe ich kein Problem damit. Also ich bin Blanche." Julius erstarrte für eine Sekunde. Zwar hatte er damit gerechnet, irgendwann das Du angeboten zu bekommen. Doch irgendwann war für ihn eigentlich mindestens in zwei Jahren oder so. Dennoch bedankte er sich für dieses Angebot und stellte sich auch mit Vornamen vor. Allerdings fragte er, ob er sie nur hier in Millemerveilles duzen dürfe, solange es rein privat war. Sie lächelte ihn an und bekräftigte, daß er sie außerhalb von Beauxbatons beim Vornamen nennen möge, auch wenn ihr Schwiegersohn zuhören mochte. Genau deshalb hatte Julius diese Frage gestellt. Er konnte sich nämlich vorstellen, daß Joe sehr komisch gucken mochte, vielleicht auch Babette. Da Madame Faucon ihm das Du angeboten hatte konnte Madeleine L'eauvite natürlich nicht zurückstehen.

p>"Also, wenn meine kleine Schwester findet, du könntest privaten von schulischem Umgangston unterscheiden, so möchte ich, als deiner Mutter inoffizielle Wegführerin in die Zaubererwelt nicht hintan stehen. Und bevor du noch anfangen könntest, mich Grandmaman zu nennen möchte ich, daß du Madeleine zu mir sagst, wenn wir uns nicht rein beruflich begegnen." Kling! Auch ihr Weinglas stieß noch einmal mit dem von Julius zusammen. Er bedankte sich und stellte auch sich noch einmal vor.

Obwohl er noch keinen großen Schluck Wein im Bauch hatte fühlte er sich ein wenig schwindelig, als er weiterging und dann natürlich auch bei Madame Delamontagne ankam.

"Wahrscheinlich hat dich Blanche schon damit vertraut gemacht, daß erwachsene Bürgerinnen und Bürger Millemerveilles einander beim Vornamen nennen. Insofern möchte ich diese Gelegenheit nutzen, nach deiner Frau auch dich in unserer Gemeinschaft zu begrüßen. Ich bin Eleonore!" Julius erwiderte den Vorstellungsakt und fragte, ob sie damit nicht ein wenig früh dran wären.

"Wie erwähnt gilt die Sitte für alle erwachsenen Bewohner Millemerveilles. Wenn wir uns auf förmlicher Ebene begegnen dann nur, wenn jede Privatheit auszuschließen ist. Für ein friedliches Miteinander ist eine engere Verbundenheit doch besser als die reine Förmlichkeit." Julius schluckte die Bemerkung hinunter, daß er jemanden auch mit Sie ansprechen konnte, wenn er ihm ein Schimpfwort an den Kopf warf. Ex-Minister Pole aus den Staaten hätte das jederzeit bestätigen können. Ihm wurde jedoch auch klar, daß mit dem Angebot der persönlichen Anrede eine weitere Verpflichtung an ihn herangetragen wurde. Er war jetzt Teil einer Gemeinschaft, mehr als als Schüler unter Schülern. In und mit dieser Gemeinschaft würde er den Großteil seines Lebens zubringen. Es lag nun an und bei ihm, ob er sich unnötige Unstimmigkeiten erlaubte oder ein friedliches Leben führen durfte. Er gehörte jetzt eindeutig zu den Leuten aus Millemerveilles. Hatte er die letzten Jahre nur Ferien mit diesem magisch abgesicherten Ort verbunden, so galt er nun als eingemeindeter Mitbürger mit allem, was an dieser Stellung dranhing.

Offenbar hatten sich die Bewohner Millemerveilles' abgesprochen oder einfach am doppelten Zuprosten erkannt, daß nun die Förmlichkeiten aufgegeben wurden. Denn die Dumas' baten Julius ebenfalls darum, sie künftig beim Vornamen zu nennen, ebenso Madame Matine, die Julius danach noch einmal näher heranwinkte.

"Mir ist natürlich bewußt, daß ich damals einen abweisenden Eindruck bei deiner Frau und ihren Angehörigen hinterlassen habe und Mildrid daher eine gewisse Abneigung gegen mich erwidert. Aber ich habe sie dennoch als neue Mitbürgerin begrüßt und akzeptiere sie als deine Angetraute. Solltet ihr irgendwann Nachwuchs erwarten, gehört es sich zwar, daß die nächste niedergelassene Heilerin darüber informiert und gegebenenfalls als begleitende Hexe angeworben wird. Doch ich habe bei den vielen Kindern der Latierres, die im vorigen Jahr zur Welt kamen beobachten dürfen, daß deine Schwiegertante durchaus kompetent ist, Hexen vor und nach der Geburt zu betreuen. Allerdings muß ich darauf bestehen, daß ihr beiden bei eingeplantem Nachwuchs ausschließlich auf heilkundlich ausgebildete Hexen zurückgreift und euch nicht von dieser Heimatflüchtigen Zwergin beschwatzen laßt, eure Kinder holen zu dürfen, auch wenn sie unleugbare Erfahrungen damit hat und deine zweite Schwiegergroßmutter ist. Es käme für mich einer Beleidigung gleich, wenn dieses überhebliche Geschöpf die hohen Werte unserer Zunft unterminiert."

"Der Höflichkeit und des Respekts wegen möchte ich darauf erst einmal nichts sagen", erwiderte Julius. "Außerdem haben Mildrid und ich noch nicht vor, ein Kind zu bekommen. Es läuft eh schon alles schneller ab, als wir beide es eigentlich gedacht haben."

"Das macht dir Angst?" Fragte Hera Matine. Julius konnte das nicht ganz von der Hand weisen. "Es ist der natürliche Prozess des Reifens und werdens, Julius. Sicher haben wir dir weniger Zeit gelassen, in diese Eigenverantwortung hineinzuwachsen. Aber ich hätte dem bestimmt nicht zugestimmt, wenn ich der Meinung wäre, daß du damit nicht umgehen und daran erstarken könntest. Die Stufen im Leben, vom heranwachsen im Mutterleib, der Geburt, Schulbeginn und damit erste Trennung von den umsorgenden Eltern, höhere Ausbildung, erwachsen werden und den eigenen Platz in der Welt finden sind beängstigende und einschneidende Vorgänge. Doch sie finden statt und wollen bewältigt werden. Ich habe schon einige Kinder zwei oder drei Wochen vor dem eigentlichen Termin ans Licht dieser Welt holen müssen, und sie haben es mir mit lautem Geschrei gezollt. Aber sie alle empfanden es später als nicht so tragisch, vor dem eigentlichen Tag anzukommen. Man gewöhnt sich an das unabwendbare, Julius. Sicher, es ist nicht einfach. Aber es findet statt. Ich mußte mich auch im höheren Alter an neue Sachen gewöhnen, die ich eigentlich nicht erleben wollte, jedoch wußte, daß sie mir eines Tages widerfahren würden. Bei den angenehmen Sachen war es die Freude, es geschafft und erreicht zu haben und es mit guten Freunden und Verwandten teilen zu dürfen. Bei den unangenehmen Dingen fand ich immer den Trost, damit nicht alleine zu sein und trotz aller Trauer, Furcht oder Abscheu darüber hinwegzukommen. Das Leben wäre langweilig, wenn es unveränderlich verliefe, wir alle keine Gedanken an die Zukunft richten bräuchten, weil das was heute ist auch in fünfzig Jahren sein wird."

"Da haben Sie ...ähm, hast du wohl recht, Hera", erwiderte Julius darauf. "Es wäre langweilig, wenn jeder hundert Jahre oder mehr nichts anderes erlebt."

"Ich habe mal einen Traum gehabt, Julius", setzte Hera an und zog ihn sacht zu sich heran. "Ich war in einer gewaltigen Höhle, und ein Volk ungeborener Kinder klagte mich an, was mir einfiele, sie in eine Welt zu zerren, in der es so viel Schmerzen und Schrecken gebe und sie dort, wo sie seien keine Gewalt und kein Verlust herrschten. Ich habe ihnen dann gesagt, daß es nicht an mir läge, daß sie existierten und sie froh sein müßten, mehr von der Welt zu erleben als all die ungezeugten und vorzeitig verlorengegangenen Kinder und daß sie die Angst vor dem Leben überwinden würden, weil es das größte Geschenk ist, das wir alle je empfangen durften. Natürlich konnten sie das nicht verstehen und forderten von mir, ihr Wachstum anzuhalten, so daß sie niemals geboren würden. Da meinte ich nur, daß sie alle dann in das Nichts zurückwandern müßten, in dem sie überhaupt nichts empfänden. Nur wer die Welt außerhalb des Mutterschoßes erfahren durfte, vermöge sich und seine Taten dauerhaft zu bewahren. Lautes Geschrei war die Antwort darauf, das mich aus dem Traum weckte. Es ist so, Julius. Durch unsere Existenz hinterlassen wir Spuren in der Zeit und auf dieser Erde. An uns liegt es, welche Spuren es sind und wer ihnen folgt. Du denkst jetzt, wir hätten deine Füße in zu große Schuhe gesteckt und verlangten jetzt von dir, damit ohne zu stolpern einen Dauerlauf zu bestreiten. Aber die Schuhe sind nicht zu groß. Sie wollen nur richtig eingelaufen werden. Und keiner hier verlangt von dir übergroße Taten, die das übersteigen, was du bereits geschultert hast." Sie drückte ihn kurz an sich und wünschte ihm die Ruhe, Kraft und Freude am Leben und immer etwas, an dem er weiterwachsen könne. Julius bedankte sich höflich. Dann setzte er seine Runde um den Tisch fort.

Als die Sonne untergegangen war beschwor Madame Delamontagne mehrere Dutzend kleiner Kerzen herauf, die sie jedem in die Hand drückte. Millie und Julius baten dann ihre Gäste, sie ins Haus zu begleiten. Sie zündeten ihre Kerzen mit Zauberkraft an und gingen an den Gästen vorbei, wobei sie deren Kerzen mit ihren eigenen Kerzenflammen entzündeten. Als jeder eine brennende Kerze in der Hand hielt sagte Julius, als wenn er es mit Millie und dem Dorfrat eingeübt hätte: "Jetzt möchte ich euch bitten, mit mir zusammen Licht und Wärme in unser Haus zu bringen, damit es dort immer hell und warm genug ist." Die anderen folgten ihm und Millie in das Apfelhaus. Die Luft flimmerte etwas. Offenbar lauerte der Feuerlöschzauber darauf, die vielen winzigen Flammen auf einen Rutsch auszulöschen. Doch die magische Brandlöschvorrichtung trat nicht in Aktion. Julius ließ von Madame Delamontagne den unteren Kamin entzünden. Florymont durfte den Kamin auf dem zweiten Stock entzünden, und seine Mutter steckte mit ihrer Kerzenflamme einen Fidibus im Kamin der eigentlichen Wohnetage an, der die bereitgelegten Holzscheite nach und nach aufflammen ließ. Erst als die im Haus befindlichen Feuerstellen von tanzenden, prasselnden und knisternden Flammen erfüllt waren, rief Julius "Illuminato!", worauf überall dort, wo Gäste standen, die Deckenbeleuchtung flammenlos erglühte. Die Kerzen wurden in die entfachten Kamine geworfen, wo sie dampfend und zischend zerrannen und im lodernden Feuer aufgingen. Fünf Minuten blieben alle drei Kamine entzündet. Dann löschte Millie erst den obersten Kamin, dann den unteren. Nur der in der Wohnhalle durfte weiterbrennen, während das Musikfaß hereingerollt wurde und in der von den Tischen freigeräumten Halle zum Tanz aufgespielt wurde.

Das Fest dauerte bis Mitternacht an. Dann verabschiedeten sich die Gäste, die heute noch in ihre eigenen Häuser zurückkehrten und benutzten den Kamin oder disapparierten zwanzig Meter außerhalb des Hauses oder flogen auf ihren Besen davon. Brittany, die Redliefs und Porters, sowie Aurora Dawn blieben im Apfelhaus und hatten die große Ehre, die Gästezimmer einzuweihen. Um ein Uhrrfüllte nur die friedliche Stille und bergende Dunkelheit der Nacht alle Räume des Apfelhauses aus. Millie und Julius lagen aneinandergekuschelt in ihrem Bett und genossen es, einander zu haben, ohne einander ganz geben zu müssen. Berauscht vom langen Fest, dem Wein und dem Met glitten sie auf den sanften Wogen ihrer Atmung hinüber in einen wohltuenden Schlaf.

__________

"Morgen!" Rief Millie auf Englisch, als die Miniatur-Temmie mit lautem Muhen wirklich jeden hier im Apfelhaus geweckt hatte. Julius blieb einige Sekunden mit angehaltenem Atem liegen und lauschte. Aus allen besetzten Gästezimmern klangen teils müde, teils muntere Antworten. Melanie protestierte gegen den so frühen Krach, während Brittany erheitert lachte und fragte, ob das der übliche Wecker sei. Gloria rief halb gähnend zurück, daß man ihr das ruhig hätte sagen können, daß hier um sieben schon geweckt würde. Myrna maulte, daß doch Ferien seien und sie doch noch zwei Stunden hätten schlafen können. Julius holte dann Luft und rief zurück, daß sie noch eine Stunde liegenbleiben konnten, während Millie und er das Frühstück vorbereiteten.

"Auch 'ne tolle Übung", bemerkte Millie mit amüsiertem Grinsen. Julius verstand, was sie meinte. Irgendwann würden ein oder zwei Kinder oder noch mehr davon in diesem Haus wohnen, die genauso unterschiedlich auf das Wecken reagieren mochten wie die über Nacht beherbergten Partygäste.

"Mein Kopf ist ein Bergwerk voller arbeitswütiger Zwerge", knurrte Mrs. Redlief für alle hörbar. Darauf konterte Brittany aus ihrem auf der zweiten Etage liegendem Zimmer:

"Deshalb trinke ich keinen Alkohol."

"Ich helfe euch beim Frühstückmachen", vernahm Julius Aurora Dawns Gedankenstimme unter seiner Schädeldecke. Er gab es an Millie weiter, die gerade die verkleinerte Version von Artemis vom grünen Rain symbolisch molk, um ein neuerliches Muhen zu vermeiden.

"Haben wir noch das Insektenvertreibezeug von Camille?" Fragte Mildrid ihren Mann. Dieser nickte. "Dann frühstücken wir doch alle draußen", schlug sie daraufhin vor. Julius wollte das aber mit den Gästen abklären, weil einige vielleicht keine rechte Lust hatten, auf einer Wiese zu frühstücken.

Die Mehrheit der Gäste wollte sich das aber nicht entgehen lassen, auf der großen Fest- und Landewiese zu frühstücken. So trafen sich dann alle um neun Uhr draußen. Die Sonne hatte bereits alle Rottöne ihres Wiedererwachens abgelegt und ergoß ihr gleißendgelbes Licht über den runden Tisch, an dem jetzt nur ein Viertel der Leute saß, die gestern beim großen Einweihungsfest dabei gewesen waren. Brittany hatte wie Aurora auch beim Frühstückmachen geholfen, wohl auch, um Millie und Julius ein paar Tips für eine vegane Morgenmahlzeit zu geben. Sie sprachen nun alle Englisch miteinander. Alle bestätigten, daß sie in den Gästebetten tief und erholsam geschlafen hatten. Sie redeten von den aktuellen Ereignissen in Frankreich, England und den Staaten, auch wenn der große Scherbenhaufen, den Voldemorts Terrorherrschaft angerichtet hatte, eigentlich nichts für eine fröhliche Frühstücksrunde war. Als sie beim dritten und letzten Frühstücksgang des gemischten amerikanischen, britischen und französischen Frühstücks anlangten, segelte eine Gruppe aus fünf Eulen aus nordwestlicher Richtung heran. Alle blickten auf die Postvögel, die bei ihrem Zielanflug die Formation auflösten und zu fünf verschiedenen Adressaten hinabglitten. Gloria bekam eine Ausgabe des Tagespropheten, die sonst wohl um sieben ausgeliefert wurde, wegen ihres Aufenthaltsortes aber um zweieinhalb Stunden verspätet eintraf. Pina und Olivia erhielten eine Eule mit zwei Briefen, auf denen Julius das Wappen von Hogwarts erkennen konnte. Mrs. Porter bekam einen dicken Umschlag von einem Schleiereulenmännchen, das ähnlich wie Francis aussah, Julius' eigener Eule, die auch zur kleinen Botengruppe gehörte. Francis trug seinen eigenen Käfig auf Streichholzschachtelgröße verkleinert am rechten Bein und einen Briefumschlag am linken bein. Brittany wurde von einem Rauhfußkauz angesteuert, der ihr eine Zeitung brachte, von der Erscheinung her die Stimme des Westwindes.

"Huch, hat Mom dich armes Mädel durch die Kamine gejagt?" Fragte Brittany den Postvogel, der sich sichtlich erschöpft neben ihrem Teller niederließ. Melanie wunderte sich, daß Bonnie, die Rauhfußkäuzin der Foresters, schon mit der neuesten Ausgabe der Zeitung losgeschickt werden konnte. Denn in Kalifornien war ja gerade die Mitternachtsstunde verstrichen.

"Ist 'ne Sonderausgabe vom Abend, Mel", bemerkte Brittany und gab der gerade 25 Zentimeter großen Eule ein Stück Maismehlbrot ab, das sie vor sich liegen hatte. Sie entfaltete die Zeitung und studierte die Schlagzeilen. Dann verkündete sie:

"Wishbone ist tot. Er wollte mit einem Mitarbeiter aus dem Ministerium plaudern, als drei weiß gekleidete Hexenschwestern ihn mit dem Todesfluch ermordet haben. Sein Begleiter vom Sicherheitstrupp konnte gerade noch disapparieren und hat's weitergemeldet."

"Oha, da hat sie ihn also erwischt", seufzte Julius, der sich ausmalte, wer den Minister ermordet hatte.

"Wer ist der neue?" Fragte Mr. Redlief verärgert klingend. Brittany überflog den Aufmacher und fand einen Hinweis auf den Amtsnachfolger. "Cartridge kommt zurück, Mr. Redlief", gab Brittany die entsprechende Auskunft.

"Der wollte doch nicht mehr", wunderte sich Melanie. "Der hatte doch wegen dieser Vampirlady stress, dieser Nyx."

"Die von einem ihrer Konkurrenten erledigt worden sein soll, Mel", bemerkte Gloria dazu. "Hat im Herold gestanden und hat mir einer von Oma Janes Kollegen geschrieben."

"Dann steht der jetzt auf der Abschußliste dieser Fanatikerin?" Fragte Mrs. Redlief verängstigt.

"Wenn er ihr dummkommt, Mom", stieß Melanie aus. Millie nickte. Verächtlich bemerkte sie dann:

"Mit anderen Worten, jeder Zaubereiminister in den Staaten oder weltweit darf solange leben, wie sie das will. Das heißt, die Zaubereiminister dieser Welt arbeiten mit ihrer Erlaubnis."

"Toll, Voldemort ist endgültig erledigt, seine Bandenmitglieder in Askaban, auf der Flucht oder tot, und jetzt haben wir eine andere Pestbeule am Hals", knurrte Gloria. "Kein Wunder, daß Wishbone alle Hexen pauschal zu Umstürzlerinnen erklärt hat. Wahrscheinlich war das die Quittung für dieses Verhalten." Diese Bemerkung ließ Julius zusammenfahren. Denn ihm war bei diesen Worten etwas eingefallen, das irgendwie nicht paßte.

"Wäre doch ziemlich bescheuert von einer, die bisher so schlau und aus dem Hintergrund gearbeitet hat, einen Minister wegen seiner Abneigung der Hexen so offen umbringen zu lassen, daß dessen Meinung nachträglich noch gerechtfertigt wird. Da hätte die nichts von."

"Wieso?" Wollte Melanie wissen, während Gloria ihren früheren Schulkameraden sehr genau anblickte und dann behutsam nickte.

"Weil diese Fanatikerin damit ja zeigt, wie heftig ihr Wishbones Antihexenpolitik zugesetzt hat und diese deshalb völlig in Ordnung geht, um sie niederzuhalten. Mann, war ich blöd. Julius, du meinst, das könnte auch wer anderes gemacht haben?"

"Interessante Idee, Gloria", erwiderte Julius darauf. "Wishbone war politisch erledigt, habt ihr alle aus den Staaten mir erzählt. Mit anderen Worten, ob er tot oder lebendig irgendwo wieder aufgetaucht wäre oder spurlos verschwunden geblieben wäre, die hätten einen neuen Zaubereiminister genommen, so oder so. Der oder die hätte dann Wishbones Beschlüsse zurückgenommen, wohl auch das Berufsverbot für Hexen, daß bis auf die Lehrerinnen von Thorntails alle anderen anständigen Hexen betroffen hat. Nur wegen ein paar durchgeknallter Mordschwestern alle Hexen zu verurteilen und auszuschließen kann sich kein anständiger US-Regierungsbeamter leisten, wenn er bei andren Gelegenheiten von der Gleichheit und Berufsfreiheit aller Menschen in seinem Land reden möchte. Also muß klargemacht werden, daß alle Hexen heimliche oder offene Anhängerinnen dieser Sardonianerin sind. Wie geht das am besten?"

"Stimmt", knurrte Mr. Redlief und sah seine Frau an. "Das wäre höchst unlogisch, wenn die Fanatikerin alle mit der Nase darauf stößt, daß Wishbones Aktionen gegen Hexen gerechtfertigt wären. Andererseits wäre eine landesweit verbreitete Meldung über einen Fememord an Wishbone die perfekte Rechtfertigung für seine Politik. Mit anderen Worten, wer immer es getan hat, arbeitete für Wishbones Anhänger und nicht für die Fanatikerin."

"Wishbone hat seine eigene Ermordung in Auftrag gegeben?" Fragte Myrna verunsichert.

"Dumbledore hat das auch gemacht", entschlüpfte es Julius unüberlegt. "Wenn der Plan und das Ziel es wert sind, gab's immer schon Leute, die ihr eigenes Leben opfern, wenn nichts andres bleibt. Jesus Christus hat sich lieber kreuzigen lassen, als seinen Jüngern zu erlauben, mit Gewalt gegen seine Gegner vorzugehen. So steht es zumindest in der Bibel. Damit hat er seine Ideen unsterblich und unzerstörbar gemacht, wenn man mal von den ganzen Glaubenskriegen absieht, bei denen sein Name mißbraucht wurde."

"Stimmt, wenn Wishbone mitbekommen hat, daß Dumbledore Snape dazu angehalten hat, ihn in einer brenzligen Lage umzubringen, um den eh schon feststehenden Tod durch was auch immer dem passiert ist vorzuziehen, könnte Wishbone ähnliche Ideen gehabt haben", vermutete Mr. Porter. "Aber habt ihr nicht erzählt, die Angelegenheit mit der Entomanthropenkönigin sei so abgelaufen, daß er einen Doppelgänger hingeschickt hat?"

"Stand im Herold, Onkel Plinius", sagte Melanie. "Opa Livius hat sich mit seinem Redaktionskollegen drüber unterhalten, was der Reporter, der die Vernichtung der Insektenmonster beobachtet hat, erwähnt hat."

"Dann können wir nicht mit Sicherheit sagen, daß da der echte Lucas Wishbone gestorben ist", entgegnete Glorias Vater trocken wie Wüstensand. Julius nickte heftig. Auch Gloria stimmte ihrem Vater stumm zu.

"Moment mal! Wollt ihr jetzt alle sagen, daß diese Meldung auf einem trollgroßen Schwindel aufgebaut ist?" Fragte Millie nun verdrossen.

"Wahrscheinlich hat Mom mir deshalb die Zeitung so früh geschickt, damit wir das wissen und drüber reden", antwortete Brittany darauf.

Gloria prüfte nun ihre Zeitung und fand nichts über den US-amerikanischen zaubereiminister. Der Tagesprophet machte mit dem Prozeß gegen Albert Runcorn auf, dem vorgeworfen wurde, er habe unter dem imperisierten Zaubereiminister Thicknesse Ministeriumsmitarbeiter ausspioniert und die echten oder scheinbar muggelstämmigen unter ihnen an Umbridges Kommission ausgeliefert. Runcorn berief sich laut Gerichtsreportage darauf, von einem gewissen Yaxley unter den Imperius-fluch gezwungen worden zu sein. Doch das wollten ihm viele nicht abnehmen, zumal die wegen ihm in Askaban gelandeten beschworen, er habe sie ihrer Rangstellung im Ministerium wegen fälschlich für Muggelstämmige ausgegeben.

"Wenn der sich auf Imperius rausreden kann war das gegen die Malfoys ja noch echt was", meinte Julius verächtlich, als er den Artikel leise durchgelesen hatte. Dann fiel ihm nach der ganzen Diskussion um Wishbone und seine tatsächliche oder vorgetäuschte Ermordung ein, daß er ja auch noch Post bekommen hatte. Francis hatte ihm den eingeschrumpften Käfig und den Umschlag auf den Tisch gelegt und saß mit den anderen Eulen auf den umstehenden Bäumen. Der Brief war von seiner Mutter, die Millie und Julius eine gute Reise und viel Spaß in Viento del Sol wünschte. Julius vergrößerte den Eulenkäfig wieder und trug ihn ins runde Haus, wo er ihn in einem der oberen Zimmer abstellte. Er öffnete das Fenster und rief seine Eule zurück. Wenn sie nachher abreisen würden wollte er das Schleiereulenmännchen mitnehmen.

Wieder draußen am runden Tisch ging es noch eine Weile um das, was in den vereinigten Staaten gerade passierte. Julius war nun fest davon überzeugt, daß Sardonias wiederverkörperte Nichte Anthelia bestimmt nicht so dumm war, einen gegen Hexen eingestellten Zaubereiminister so offen umbringen zu lassen und dafür noch Zeugen zu hinterlassen. Wenn sie ihn wirklich hätte loswerden wollen, hätte sie sicher einen hinterhältigeren Anschlag verübt, der auf jemanden anderen hingewiesen hätte oder glatt als Unfall durchgegangen wäre. Also hatte jemand so getan, als sei er oder sie in Anthelias Auftrag losgezogen. Damit wären zwei Fliegen mit einer Klappe erledigt, warf Julius ein. Die neue Hauptfeindin der freien Zaubererwelt war als skrupellose Ministermörderin abgestempelt und die unbeliebten Ideen Wishbones hatten einen Märtyrer. Er hielt es sogar für denkbar, daß Wishbone wen anderen als seinen Doppelgänger in den grünen Todesblitz hineingetrieben hatte. Vielsaft-Trank-Benutzer verwandelten sich nach ihrem Tod nicht in ihre Ausgangserscheinung zurück.

Gegen zwölf uhr apparierten zwei vollschlanke Personen am Rande des Grundstücks Pomme de la Vie. Es waren Madame Delamontagne und ihr Amtskollege Fornax Hammersmith aus Viento del Sol. Julius winkte den beiden Ankömmlingen einladend zu.

"Ich hoffe, wir stören Sie alle nicht", begrüßte Madame Delamontagne die Tischgemeinschaft. Alle schüttelten die Köpfe. "Mein Kollege Mr. Hammersmith und ich wollten Ihnen nur auf direktem Wege mitteilen, daß die Vorbereitungen für die direkte Passage nach Viento del Sol um drei Uhr Nachmittag abgeschlossen sein werden. Die beiden uns zugesagten Luftfahrzeuge landen um zwei Uhr. Eines davon wird Sie dann im Direktflug nach Viento del Sol hinüberbringen."

"Eine Himmelswurst?" Fragte Brittany. "Ich dachte, die dürften außerhalb der Staaten nicht verkehren."

"Das ist eben die große Ausnahme", sagte Mr. Hammersmith. "Unsere beiden Siedlungsräte haben beschlossen, eine direkte Pendelverbindung zwischen Millemerveilles und Viento del Sol einzurichten, die vom Flohnetz unabhängig ist und eine Reise unter drei Stunden ermöglicht. Wir wollten zwar eigentlich ein Teleportal einrichten. Aber Millemerveilles Schutzdom würde jeden Versuch, ein festes Ferntor zu errichten vereiteln."

"Unter drei Stunden von hier nach Kalifornien?" Fragte Julius beeindruckt. "Das wäre ja mindestens viermal so schnell wie der Schall in der Luft."

"achtmal so schnell", berichtigte Mr. Hammersmith den jungen Zauberer. "Die Reisezeit dauert tatsächlich nur anderthalb Stunden, weil unsere Luftschiffe weit oben in der Atmosphäre mit verbesserten Innertralisatus- und Windumlenkungszaubern versehen fahren können und das Phänomen der Luftverdrängung bei überschallschnellen Objekten unterbinden."

"Die Reisesphäre zwischen hier und New Orleans ginge doch auch", wunderte sich Gloria. Doch Madame Delamontagne schüttelte den Kopf.

"Wie sich mehrfach erwiesen hat kann die Sphäre von der einen oder anderen Seite unterbunden werden. Sollte wieder etwas eintreten wie das Didierregime oder die Überängstlichkeit eines US-amerikanischen Zaubereiministers, wären Flohnetz und Reisesphäre unbenutzbar." Julius nickte. Er wußte ja zu gut, wie schnell die sonst so treffliche Reisesphärenverbindung durch einfach mit Diebstahlschutzzauber belegte Gegenstände blockiert werden konnte. Diesem Umstand verdankte Madame Faucon, daß sie vor zwei Jahren mit einem Linienflugzeug der magielosen Welt zu ihm hinüberfliegen mußte, aber auch, daß Beauxbatons nicht von Didiers Leuten gestürmt werden konnte.

"Gut, dann treffen wir uns wo und wann?" Fragte Julius Latierre.

"Wenn Sie bis drei Uhr an der westlichen Ortsgrenze sind wäre das sehr gut", sagte Mr. Hammersmith. Brittany, Millie und Julius nickten zustimmend.

"Dann bis nachher", verabschiedete sich der Sprecher des Dorfrates von Viento del Sol und disapparierte. Eine halbe Minute später folgte ihm Eleonore Delamontagne.

"Dann kriegst du es jetzt auch mit, wie das mit diesen schnellen Himmelswürsten abgeht", sagte Brittany. Gloria nickte bestätigend. Immerhin hatte ein solches Luftfahrzeug sie ja über dem Atlantik aufgenommen und nach Thorntails gebracht.

"Wollte ich schon immer wissen", bekannte Julius.

Gegen ein Uhr aßen sie die aus dem Conservatempus-Schrank geholten Reste des Festmahls von gestern. Danach halfen alle mit, die Gästezimmer zu säubern, die Bett- und Tischtücher einzusammeln und in der Nähe des Wasch-Trocken-Schranks zu stapeln. Millie und Julius wollten alles erst nach ihrer Rückkehr waschen. Gegen zwei Uhr verabschiedeten sich die Porters und Watermelons. Pina bat Julius eindringlich, sich nicht mehr auf Sachen einzulassen, die für ihn tödlich enden konnten. Gloria versprach ihm, sich über die bekannte Verbindung zu melden, bevor Hogwarts wieder anfing. Er versprach ihr, sich zu melden, wenn er die Apparierlizenz tatsächlich vor dem neuen Schuljahr schaffen sollte. Gloria meinte dazu nur schnippisch:

"Als wenn du die freiwillig vermasseln würdest, Julius. Mach's gut!"

Aurora Dawn verabschiedete sich um viertel vor drei von den Latierres und wünschte ihnen noch angenehme und erholsame Ferien. Als sie wie alle anderen Gäste zuvor mit Flohpulver aus dem Kamin der Wohnhalle im Erdgeschoß verschwunden war ging es daran, die nötigen Sachen für die Reise einzupacken.

Da Millie und Julius nun frei zaubern durften war das Packen nur eine Sache von einer Minute. Julius nahm auch seine Schachmenschen mit, falls er gegen Brittanys Mutter spielen konnte. Als sie alle das Apfelhaus verlassen hatten verschloß er die Tür und alle Fenster mit dem Zuruf "Tür verschließen!"

Da die Redliefs fragen wollten, ob sie mit an Bord der ersten Luftschiff reise über den Atlantik und quer über den nordamerikanischen Kontinent reisen durften, apparierten sie im Seit-an-Seit-Verfahren. Brittany nahm Millie mit, Melanie Julius, während Mr. Redlief Myrna mitnahm. Erst ging es zum Zentralteich. Von da aus überwanden sie in einem Sprung die Strecke bis kurz vor die magische Begrenzung im Westen. Schon aus zweihundert Schritt Entfernung konnten sie zwei zigarrenförmige Gebilde erkennen, die wenige Meter über dem Boden in der Luft schwebten und mit keinerlei Ankertau oder sonstigen Sicherungsvorrichtungen am Ort gehalten wurden. Die beiden knapp fünfzig Meter langen Luftschiffe, die denen des Grafen Zeppelin nur dahingehend ähnelten, daß sie unter den Auftriebszellen schlanke Gondeln mit mehreren Bullaugen besaßen, schimmerten himmelblau im Licht der Nachmittagssonne. Julius Latierre hatte einmal ein solches Luftfahrzeug gesehen, als er Gloria, die Hollingsworths und Kevin vom Château Tournesol aus auf den offenen Atlantik hinausgeflogen hatte. Mr. Hammersmith wartete bereits am unteren Ende einer herabhängenden Holzleiter.

"Hallo zusammen! Ich freue mich, Sie alle zur Einweihung der Direktverbindung zwischen Millemerveilles und Viento del Sol begrüßen zu dürfen", grüßte Mr. Hammersmith die Ankömmlinge. Dann sah er die Redliefs an und sagte: "Das war mir klar, daß Sie von der Familie Redlief die Gunst der Stunde nutzen würden, den ersten Direktflug in die Staaten mitzumachen. Ich habe keine Bedenken, Sie auch mitzunehmen."

"Ist sonst keiner hier?" Fragte Julius.

"Die Abordnung aus Millemerveilles wird wohl gleich eintreffen", sagte Fornax Hammersmith. Da hörten sie auch schon das fröhliche Schmettern von Trompeten, trillern von Flöten und dazu den wummernden Takt von Zugpauken und Trommeln. Als Julius einen Blick über die rechte Schulter warf konnte er zwanzig fliegende Besen erkennen, auf denen je zwei Personen saßen. Die Vorderleute spielten ihre Instrumente, während die Hinterleute lenkten. Als der fliegende Festzug nahe genug herangekommen war erkannte Julius Madame Delamontagne, die hinter ihrem Klarinette spielenden Mann den Familienbesen lenkte. Der gemeinsame Sohn Baudouin saß in einem korbartigen Transportsitz zwischen ihnen. Auch die Dusoleils gehörten zu den fliegenden Musikern. Jeanne spielte Picoloflöte, während ihr Mann Bruno den Familienbesen lenkte. Die kleine Viviane saß zwischen ihnen beiden. Ähnlich traten Camille und Florymont Dusoleil auf. Camille lenkte den Besen, während Florymont sein Akordeon spielte. Dann waren sie alle heran und überflogen in einem weiten Kreis die beiden Luftschiffe. Eines davon würde gleich abheben und jedem auf der Welt je gebauten Flugzeug gnadenlos den Rang ablaufen. Doch zuerst landete die fliegende Zugkapelle. Madame Delamontagne begrüßte noch einmal Mr. Hammersmith und erwähnte in wenigen Worten, daß ab heute eine neue Ära der internationalen magischen Zusammenarbeit beginnen würde. Anschließend wünschte sie den ersten Passagieren der neuen Direktverbindung eine gute Reise. Hier erfuhr Julius auch, daß beide Familien Dusoleil mit Millie und ihm zusammen nach Viento del Sol reisen würden. Das war für Julius doch eine Überraschung. Unter schmetternden Fanfaren bestiegen die ersten Passagiere der neuen Direktflugverbindung über die Holzleiter die schlanke, silberblaue Gondel durch eine runde Luke. Julius half Jeanne und Camille mit den kleinen Kindern. Florymont half Denise, deren Gesicht vor Aufregung ganz rot glühte.

"Na, hast du nicht gedacht, daß wir uns das nicht entgehen lassen", meinte Bruno zu Julius. Dieser gab zu, daß er sich überrascht und überwältigt fühlte.

"Es muß ja mindestens jemand mitkommen, der als offizieller Repräsentant des Dorfrates von Millemerveilles auftritt", sagte Camille dazu und knuddelte Julius. Dann galt es, die Plätze einzunehmen.

Julius hatte eigentlich gedacht, entweder Reihen von Sesseln wie im Flugzeug oder Kabinen wie bei den magielosen Zeppelinen vorzufinden. Doch das Innere der Gondel bestand aus mehreren Sälen, die mit Tischen und Bänken möbliert waren. Er meinte, im Himmel selbst zu sein, weil alles in Himmelblau, Wolkenweiß und sonnengelb gehalten wurde. Die vielen Luken erwiesen sich als große Fenster, durch die sie weit hinausblicken konnten. Julius schätzte, daß in diesem Überseelufttaxi mindestens hundert Leute sitzen konnten. Er durfte zusammen mit Florymont Dusoleil in die Steuerkanzel, einem großen, kugelförmigen Auswuchs an der Unterseite der Gondel, wo er sich wie im inneren einer Kristallkugel vorkam. Hier saßen zwei Zauberer in sonnengelben Umhängen. Einen vermeinte Julius zu erkennen.

"Guten Tag, die Herren! Oh, sind Sie vielleicht mit einem Kestrel Jones verwandt?" Grüßte Julius die beiden Piloten oder wie sie sich hier nennen würden. Der, den er als Verwandten des Quodpotstadionsprechers Kestrel Jones zu erkennen meinte nickte bestätigend.

"Robin Jones", sagte er dann noch. "Ich habe die Ehre, Sie und euch alle rüberzubringen. Die Kollegen im anderen Stratofeger werden aufsteigen, wenn wir losgeflogen sind, um die hiesigen Kollegen auszubilden. Das dürfte in einem Tag erledigt sein. Die Stratomädels sind sehr pflegeleicht und umgänglich", sagte Robin Jones. Sein Kollege Greg Waterford bemerkte dazu:

"An und für sich können die Schnuckelchen abgerichtet werden, auch ohne uns am Himmel langzuflitzen. Aber unsere Verkehrsabteilung und auch die von den Franzosen besteht darauf, daß zum Personentransport bestimmte magische Fluggeräte von mindestens zwei damit vertrauten Steuerleuten geführt werden müssen, nur für den Fall, daß uns so'n Feuersprühvogel der Muggel zu nahe kommt oder die Wetterschutzlackierung nicht mehr ganz dicht ist und wir uns Blitze oder Hagelkörner einfangen könnten. Aber an und für sich zischen wir so hoch über den Wolken weg, daß wir weder das eine noch das andre zu befürchten brauchen."

"Darf ich zusehen, wie Sie starten, oder ist das geheim?" Fragte Julius.

"Du bist doch der Julius Andrews, der mit dieser Abgrundstochter und dieser Ministermörderin zusammengerasselt ist", erwiderte nun Waterford. Julius nickte verhalten und schüttelte dann den Kopf. "Ich heiße seit einiger Zeit Julius Latierre, Sir. Ich dachte, Sie hätten eine Passagierliste."

"Was? Sowas hamwer nich'", erwiderte Robin Jones grummelig. "Der alte Fornax hat gesagt, daß er Leute aus Millemerveilles mit dem ersten Stratofeger rüberbringen will. Wen er meinte hat er uns nicht gesagt."

"Aber noch mal auf meine Neugier zu kommen, die Herren, ist das geheim, wie die Himmelswürste geflogen oder gefahren werden?" Hielt Julius an seiner Frage fest.

"Dann dürften wir's den Franzosen nich' zeigen", konterte Waterford. "Ist eigentlich 'ne ganz einfache Sache. Du setzt dich hier in den Lenkerstuhl, klappst die Metallkapuze über den Kopf und denkst der Lady zu, wo sie hin soll. Wie genau die das dann umsetzt ist patentiert. Deshalb bleibt die Wartungsmannschaft ja auch bei euch in diesem Dorf der alten Sabberhexe, deren sogenannte Erbin unseren überängstlichen Minister hat totfluchen lassen."

"Julius, übersetzt du mir das bitte mal. Ich bin mit dem Englischen von den Briten schon schwer am ringen, wenn ich keinen Wechselzungentrank nehme. Aber das der Yankees ist ja noch schwieriger", flüsterte Florymont Julius zu. Jones hatte das Wort "Yankees" herausgehört und protestierte. "Meine Eltern sind aus Mississippi, Mister. Das sind keine Yankees. Gut, meine Angetraute hat Großeltern in Philly. Da kann die aber nix für."

Julius grinste und übersetzte erst, was Florymont gemeint hatte. Dann übersetzte er zurück, was Mr. Waterford über die Steuerung erzählt hatte.

"Ungesagtes Steuern, Julius. Wir Thaumaturgen nennen das Kybermentik, die magische Verschmelzung zwischen dem Verstand eines Zauberers und den magicomechanischen Elementen eines Fahrzeuges. Hat lange gedauert, bis wir raushatten, wie die Zwerge das machen, ihre Laufrüstungen zu steuern oder ihre fliegenden Sessel. Aber jetzt können wir das auch." Julius staunte nur wenig. Er wußte ja schon vom Besenfliegen, daß die hochwertigen Renner nicht mehr nur auf Körperverlagerung und Handgriffe alleine reagierten. Sein Ganymed 10 ließ sich auch über Gedankenbefehle steuern, wenn er Körperkontakt mit dem Besen hielt.

"Alle Passagiere an Bord, Rob und Greg. Wir können!" Klang Mr. Hammersmiths Stimme wie aus rundum eingebauten Lautsprechern.

"Alles klar, Sir! Sagen Sie den Steckenreitern da draußen, sie möchten mindestens zwanzig Längen Abstand nehmen, weil unsere Flugzauber die sonst wild durcheinanderwirbeln", rief Robin Jones dem Hauptteil der Gondel zugewandt. Dann setzte er sich in den grünen Sessel auf der rechten Seite, während sein Kollege im roten Sessel links Platznahm. Aus den hohen lehnen klappten Kopfbedeckungen wie eine Mischung aus Hauben und Kapuzen über die Köpfe. Die beiden Zauberer befestigten sie mit Kinnriemen sicher an ihren Köpfen.

"Wir können", klang Mr. Hammersmiths Stimme wie von allen Seiten. Das war wohl das Startsignal. Unvermittelt vibrierte die Glaskugel, und wie nach unten wegstürzend versank die Landestelle von Millemerveilles. Julius sah noch, wie die Besenflieger im sicheren Abstand mit nach oben stiegen, doch dann immer weiter zurückfielen. "Das glaubt ihr aber, daß ihr uns nur eine Sekunde lang am Hintern klebt", lachte Robin Jones. Das Vibrieren des Schiffskörpers wurde zu einem sachten Summen, das in der Tonhöhe immer weiter nach oben glitt und zu einem kaum wahrnehmbaren Sirren wurde. Dann überschritt die Tonhöhe den für normale Menschenohren hörbaren Bereich. Gleichzeitig konnte Julius sehen, wie unter ihnen die Landschaft zusammenfiel, wie sie dabei immer schneller nach vorne glitten, so daß alles unter ihnen zu einem wild verschwimmenden Schemen und dann zu einer formlosen, grün-grau-braunen Erscheinungsform wurde. Dann flog etwas weißes von vorne auf sie zu und stürzte mit wahnwitziger Geschwindigkeit unter ihnen hindurch. Julius ärgerte sich, nicht auf die Uhr gesehen zu haben. Seinem eigenen Zeitgefühl nach waren sie gerade dreißig Sekunden unterwegs und schon mitten in den Wolken, die an diesem Sommertag spärlich am Himmel gesäht waren. Immer wieder fegte ein weißes Dunstgebilde nach dem anderen immer tiefer unter ihnen vorbei. Florymont sah fasziniert auf die nun kaum zu erkennende Landschaft und die dahinfegenden Wolken. Julius fragte, ob sie schon mit Überschall flogen.

"Joh", war Robin Jones Antwort. "Das packt kein Besen. Auch nicht der Parsec von den Gildforks. Der Überschallschutz geht nur bei geschlossenen Flugkörpern."

"Schon genial", meinte Julius. Mr. Waterford grummelte nur:

"Bei uns schon ein uralter Hut. Aber du kannst 'ne Menge ab, wie? Andere haben hier schon den Unterboden vollgekübelt, wenn sie in unserem Himmelsauge mitbekamen, wie wir durch die Wolken gezischt sind. Moment, der Spürer hat was."

"So'n Vierdüser von Westen nach osten, knappe vier Meilen unter uns, Greg. Der kriegt nix von uns mit", meinte Robin. Das interessierte Julius aber jetzt, wie deren Version eines Radargerätes abgelesen wurde. Robin bot ihm an, ihm den Spürer vorzuführen, wenn "das Prachtmädel" auf Kurs und Fahrtgeschwindigkeit war. Da brauchte der für alles technische und magische begeisterungsfähige Jungzauberer nur zwei Minuten zu warten. In der Zeit hatten sie bereits das französische Festland hinter sich gebracht und flogen über das Mittelmeer, das aus dieser großen Höhe eine einzige, strahlendblaue Fläche war. Julius erkannte dabei auch, daß sich in dieser Höhe die Erdkrümmung schon bemerkbar machte. Die Wasserfläche unter ihnen wölbte sich ganz sacht. Der Himmel über ihnen war bereits dunkelblau und wolkenlos und erhellte sich beim Blick nach unten fließend, bis das Meer unter dem hellen Horizont gebogen unter ihnen lag.

"Okay, wir sind jetzt bei neuntausend Stundenkilometern und vierzig Kilometern Höhe. Wer hier aussteigt braucht 'ne Stunde um runterzufallen", scherzte Robin Jones. Julius wollte ihm das nicht so abnehmen und begann auszurechnen, wie schnell jemand aus dieser Höhe unten ankommen würde, wenn die reine Erdschwerkraft wirkte. Davon mußte er dann wohl noch den Luftwiderstand bezogen auf die Körperfläche abziehen, was ihm im Moment zu kompliziert war. Er tat also einmal so, daß es keine Erdatmosphäre gab und rechnete ganz ruhig durch, wielange jemand fallen würde.

"In einem luftleeren Raum würde jemand aus der Höhe nach neunzig und drei Zehntel Sekunden unten aufschlagen", sagte Julius nach einer halben Minute. "Wenn der Luftwiderstand jedoch mit einbezogen wird dauerte das dann wohl ein paar Minuten länger, weil in der dichteren Atmosphäre keiner schneller als der Schall fallen kann, bei größerer Körperfläche sogar noch wesentlich langsamer."

"Häh! Wie hast du das denn jetzt rausbekommen wollen?" Florymont grinste, als Julius ihm übersetzte, was er ausgerechnet hatte. Dann erklärte er den beiden Piloten, wie hoch die durch die Erdschwerkraft ausgeübte Fallbeschleunigung war und zeichnete auf einem Stück Pergament die Formeln, die eine Wegstrecke im Bezug zur Zeit und einer wirkenden Beschleunigung brachten. Während der Zeit überquerte der Überschallzeppelin die Meerenge von Gibraltar und schoß auf den offenen Atlantik hinaus.

"Ist mir zu kompliziert", meinte Robin Jones. "Ich brauch nur die Strecke und die Geschwindigkeit. Mit dem Spürer kann ich die Küste abklopfen und sagen, wie weit wir davon weg sind." Julius nickte. Das war doch das Stichwort. Er fragte, ob er nun, wo die Geschwindigkeit anlag, den Spürer ausprobieren durfte. Robin Jones wandte sich an seinen Kollegen, der den Kapuzenhelm löste und nach hinten klappte. Julius durfte dann im roten Sessel platznehmen. Robin Jones würde den Flug überwachen.

"Als Julius den Kapuzenhelm aufgesetzt und unter dem Kinn befestigt hatte, meinte er, mehrere summende und klopfende Töne zu hören und auch, durch einen bläulichen Dunst in alle Richtungen sehen zu können. Waterford wies ihn ein, sich auf die einzelnen Töne zu konzentrieren. Julius tat es und erkannte, daß er sie nun unter und vor sich liegenden Lichtpunkten zuordnen konnte. Je mehr er sich darauf konzentrierte, desto deutlicher war ihm zu Mute, daß er dahingleitende Objekte auf die Winkelsekunde genau orten konnte. Der Abstand von ihm würde sich aus der Stärke und Tonhöhe des damit verbundenen Zieltones erklären. Julius fühlte auch, wie seine Tast- und Lageempfindungen sich veränderten. Er meinte nun, nicht mehr zu sitzen, sondern mit ausgestreckten Armen und Beinen in um ihn herumströmendem Wasser zu liegen und versuchte, gegen den Strom anzuschwimmen. Da war ihm, als griffe jemand von rechts nach ihm und halte ihn zurück.

"Komm besser aus der Steuerung wieder raus, Jungchen, bevor du uns noch bis zum Mond feuerst!" Schnarrte Robin Jones. Julius erkannte nun noch deutlicher die Erde unter sich, wie sie leuchtete und meinte, hohe Berge und tiefe Schluchten unter sich zu sehen. Da war kein Wasser mehr. Er dachte, sich nach vorne beugen und darauf zugleiten zu müssen. Da packte ihn etwas oder jemand um den Oberkörper und zog ihn wieder in die waagerechte Lage.

"Ey, lass unser Mädel schön auf ihrem Kurs und tanz nicht mit der rum!" Schnarrte Mr. Jones. Julius fragte und wunderte sich nicht schlecht, seine Stimme wie in einem großen Saal hallen zu hören, wie er aus der Steuerung rauskam. "Denke an dich, wie du sitzt und verdränge das Gefühl im Strom zu schwimmen", hörte er Mr. Waterfords Stimme von links, aber wie durch eine Holzwand gedämpft. Julius erkannte, daß er sein Bewußtsein tiefer als er wollte in die Steuer- und Ortungszauber des Luftschiffes hatte eintauchen lassen. Das war ja kinderleicht, diese Überschallwurst zu fliegen, aber auch gefährlich, wenn jemand sich nicht gut konzentrieren konnte. Er dachte an sich, wie er saß und den Kapuzenhelm aufhatte. Es dauerte zwei Sekunden, bis seine Empfindungen mit seiner Vorstellung gleichzogen. Die tief unter ihm dahinziehenden Berge, Schluchten und Ebenen wurden von hellblauem Schimmer verdrängt, und er fühlte den Kapuzenhelm um seinen Kopf. Schnell löste er den Kinnriemen und streifte den Helm zurück. Dabei fühlte er sich etwas schwindelig. Das war ein ähnliches Gefühl gewesen, wie damals, als er für einige Sekunden in Artemis' Körper gesteckt hatte. Allerdings war das hier wirklich was rein mechanisches, das er mit seinem Willen ausblenden oder an sich herankommen lassen konnte.

"Der Bursche hat uns die Lady ganze zweitausend Meter runtergehen lassen. Gut, daß die Innerttralisatus-Zauber bei hundert Prozent sind", schnarrte Robin Jones. Julius erbleichte. Er erkannte, in welche Gefahr er sie alle gebracht hatte. Wer zu ungestüm war konnte dieses Luftschiff locker in den Boden rammen oder eben bis in die Erdumlaufbahn schießen. Waterford zog an Julius' Arm. Das war deutlich. Der junge Zauberer stand freiwillig auf und überließ den Sessel dem erfahrenen Piloten. Dann bedankte er sich für diese einmalige Vorführung und verließ mit Florymont, der auf Grund von Julius' Versuch besser darauf verzichtete, sich kybermentisch in die Steuerung einzuschalten, die gläserne Steuerkugel.

"Die waren nicht drauf gefaßt, wie stark deine RS-Begabung die Steuerung anspricht. Weil du dich wunderbar auf deren Spürzauber eingestimmt hast, konntest du ganz locker in deren Flugüberwachung einwirken", sagte Florymont, der ein jungenhaftes Grinsen zur Schau trug. "Die gehen davon aus, deren sogenannte Stratofeger könne nur wer beherrschen, der mindestens eine Stunde oder mehr mit dem Kybermentikhelm auf dem Kopf dasitzt. Gut zu wissen, daß wir bei dir mit der Empfindlichkeit etwas runtergehen müssen, wenn wir raushaben, wie diese Mademoiselle beim Tanzen geführt wird."

"Schon unheimlich, was mit Magie alles geht", meinte Julius. Dann erreichten sie den Himmelssaal, in dem die anderen Passagiere saßen. Diese hatten von Julius' kurzfristiger Ruderübernahme nichts mitbekommen, weil der Flug über den Atlantik wegen der großen Höhe und Geschwindigkeit nichts besonders betrachtendswertes mehr geboten hatte. So staunten sie auch, als Florymont und Julius berichteten, wie das in der Steuerkugel war. Brittany meinte dazu, daß die Steuerung mit dem magischen Ruhepotential des Steuernden zusammenwirkte.

"Das wird den netten Mr. Jones ziemlich erschreckt haben, daß Julius dieses Ding so locker umgelenkt hat", meinte Jeanne Dusoleil dazu. Millie grinste und sah Julius an. Dann sagte sie:

"Wer so'n Dickschädel wie eine Latierrekuh nach kurzer Zeit steuern kann kriegt so'n magicomechanisches Luftwürstchen wohl nach einer Minute unter."

"Nur, daß Temmie oder eine andere Latierre-Kuh noch einen eigenen Willen hat und sich dagegen wehren dürfte, wenn ihr jemand sagt, mal eben abzustürzen", wandte Julius ein.

"Davon darfst du ausgehen", erwiderte Millie. Denise, die sich am blau glänzenden Meeresspiegel noch nicht sattgesehen hatte wollte nun wissen, was da unten für dunkle Sachen seien. Julius und Brittany traten an das mindestens drei Meter durchmessende Bullauge aus gleichwarm bleibendem und unzerbrechlich gezaubertem Glas und blickten nach unten. Brittany deutete auf eine besonders große Erscheinung und verkündete:

"Das sind die kanarischen Inseln. Da ist Teneriffa mit dem Teide, dem höchsten Berg Spaniens. Von so weit oben aus kann man nur schwer einzelheiten erkennen, schon gar nicht bei dem Tempo."

"Achtzig Kilometer weiter oben könnten wir wohl noch die iberische Halbinsel im Osten sehen", vermutete Julius, der überlegte, ob es wirklich schon die Kanaren sein konnten. Aber wenn sie mit achtfacher Schallgeschwindigkeit flogen und so hoch in der Stratosphäre, konnte man die Inseln wohl schon in Sicht bekommen. Er fühlte sich fast wie ein Astronaut, der die Pracht der Weltkugel genießen durfte.

die Inseln zogen langsam unter ihnen dahin. Es wurde etwas dunkler, und es trat etwas ein, was keiner so richtig erwartet hatte. Die Sonne wanderte schnell über den Himmel, allerdings nicht in Westrichtung, sondern erst in den Süden und dann nach Osten, als würde die Zeit rückwärts laufen. In gewisser Weise war das ja auch so. Julius erklärte Denise, die das Phänomen bestaunte wie das achte Weltwunder, daß sie mit jedem Längengrad nach westen vier Minuten des Tages zurückgingen, nicht so, daß sie wirklich in der Zeit reisten, aber zumindest an Orten vorbeikamen, wo es immer früher am Tag war. Er sah auf seine Weltzeituhr. Der rote Standortstundenzeiger bewegte sich wahrlich sehr rasch Ziffer um Ziffer zurück. Julius lauschte, wie die Mechanik damit fertig wurde. Doch er hörte nur das Tick-Tick-Tick des weiterbewegten Sekundenzeigers. Außerdem konnte seine Uhr wesentlich schneller zurücklaufen, wie er aus unangenehmer Erfahrung wußte. Sie stellte sich im Bezug zu den Gestirnen und irgendwelchen Linien im Erdgradnetz auf die gültige Zeitzone ein, nicht die sonnenbezogene Ortszeit, sondern die vereinbarten Zeitzonen, wie sie auch für die Muggelwelt galten.

"Die Sonne geht unter", stellte Denise fest, weil der erdnächste Fixstern immer näher zum Horizont hinabglitt. Brittany fragte, ob Denise meinte, daß die Sonne jetzt im Osten unterginge. Julius nickte. Jeanne wandte ein, noch nie auf diese Art nach Westen gereist zu sein.

"Dagegen ist die Concorde eine Schnecke mit Flügeln", meinte Julius. Nun glitten sie bereits über nordamerikanisches Festland. Julius suchte große Netzstrukturen, die auf Städte wie New York hindeuteten. Doch das Luftschiff flog über die Südstaaten dahin. Die Rocky Mountains waren für einige Minuten als weißer Knick in der gewölbten Landschaft auszumachen. Dann war das von Nord nach Süd aus Kanada bis in den Anden endende Gebirgsmassiv unter dem östlichen Horizont versunken, als habe jemand den übergroßen, angeleuchteten Globus stetig zur Sonne hingedreht, die noch weiter absank.

"An alle Passagiere, wir gehen jetzt von unserer Flughöhe runter und werden in etwa zehn Minuten in Viento del Sol landen", erklang Robin Jones Stimme wie aus den Wänden kommend.

"Er hat vergessen ins Mikro zu pusten", warf Julius grinsend ein und erklärte seinen Mitreisenden, daß Flugzeugpiloten das häufig taten, bevor sie ihren Passagieren etwas über den Flug oder die bevorstehende Landung erzählten.

"Hat Professeur Faucon uns auch mal erzählt", sagte Jeanne. "Sie meinte, daß diese Eisenvogelsteuerleute damit wohl klarkriegen wollten, daß sie auch jeder hörte."

"Wenn ich bedenke, daß ihr letzter Flugzeugflug wegen mir war", seufzte Julius, der schlagartig von amüsiert auf nachdenklich umgestimmt war. Doch dann raffte er sich zusammen. Er hatte doch gelernt, seine Gefühle nicht mit ihm durchgehen zu lassen. So sagte er schnell, daß ihr das wohl sehr wichtig war, bei ihm zu sein, wo die Sache mit der Abgrundstochter passiert war.

"Drachenmist! Das war doch am dritten August 1996", erkannte Brittany. "Das hätte ich vielleicht überlegen sollen", seufzte sie. Doch Julius sah sie beruhigend an und sagte, daß er froh sei, diesen Tag nicht groß daran denken zu müssen. Er habe von Madame Faucon gehört, daß das der Jubiläumstag von Viento del Sol sei.

"Holla, das hättest du uns aber mal erzählen dürfen, Ms. Brittany", meinte Millie dazu. "Gut, daß ich meine Festsachen eingepackt habe. Da geht doch wohl morgen was ab, oder?"

"Ganz sicher", erwiderte Brittany. "Deshalb wundert mich auch nicht, daß Mel und ihre Familie gerne mit uns fliegen wollten als über das Flohnetz nach Hause zu wirbeln. Könnte nur sein, daß Charlie schon alles unterhalb der Drachenhornklasse vergeben hat."

"Du glaubst doch nicht, daß wir wegen der großen Sause nach VDS mitkommen wollten, Britt", erwiderte Melanie schnippisch. "Wir wollten einfach mal die Gelegenheit nutzen, die Strecke vom alten Europa bis in das Land der Freiheit zu fliegen. Und die Kiste mit der rückwärts wandernden Sonne und dem dunklen Himmel über uns war es auch wert."

"Millie und Julius schlafen eh bei mir", stellte Brittany fest. "Mom hat bestimmt noch alle Gästezimmer frei", erwiderte Brittany.

"Du glaubst echt, daß deine korrekte Mom die beiden bei dir übernachten läßt, wo dann keine Meldezauber zwischen deren Zimmern liegen?" Fragte Melanie verwegen.

"Das wirst du erleben, Mel", erwiderte Brittany.

Als das Luftschiff unter Schallgeschwindigkeit gefallen war und nur wenige Kilometer über Kalifornien dahinglitt lohnte sich das hinaussehen auf jeden Fall wieder. Die Sonne wanderte jetzt nicht mehr rückwärts. Sie stand nun groß und gelb weit genug über dem Horizont. Dann tauchte der Uhrenturm von Viento del Sol als streichholzdünne Erhebung auf. Auch das Oval des Quodpotstadions war nun immer deutlicher zu erkennen. Turm und Stadion wuchsen innerhalb einer Minute an. Dann kam der Erdboden rasch näher. Das Luftschiff trieb erst im flachen Neigungswinkel auf eine freie Fläche zu. Unvermittelt wurde es von einem Trupp Besenfliegern umzingelt, der es bis zur punktgenauen Landung begleitete. Wieder setzte das zigarrenförmige Gefährt nicht fest auf, sondern blieb knapp drei Meter über dem Boden einfach in der Luft stehen, als wären Wind und Schwerkraft hier nicht wirksam.

"Mr. Hammersmith, wir sind angekommen", verkündete Mr. Jones. "Die Ehrenwache ist auch schon da."

"Als wenn wir erstens und zweitens nicht mitbekommen hätten", erwiderte Mrs. Friday, die unter den Besenfliegern ihre drei Töchter erkannt hatte. Auch Venus Partridge war bei der Empfangsformation mitgeflogen, sah Julius nun, als die Besenflieger neben dem Luftschiff landeten.

"Dann bleibt mir jetzt die ehrenvolle Aufgabe, auszusteigen und Sie und euch nacheinander bei uns willkommenzuheißen", sagte Mr. Hammersmith erfreut und ging voran zum Ein- und Ausstiegsbereich. Mit einem Zauberstabwink ließ er die große, runde Luke aufklappen und die breite Holzleiter wie eine Ziehharmonika ausfahren. Millie hatte dafür nur ein gelangweiltes grinsen übrig.

Fröhliche Musik empfing die Ankömmlinge aus Millemerveilles. Fornax Hammersmith kletterte als erster hinab. Dann ließ er Camille Dusoleil in ihrem smaragdgrünen Kleid als Vertreterin des Dorfrates von Millemerveilles hinabsteigen. Sie trug Chloé auf ihrem Rücken. Florymont hielt den Zauberstab bereit, um seiner Frau zu helfen, falls sie ausrutschte und mit dem Baby abstürzte. Doch sie turnte grazil wie eine Ballerina nach unten und gönnte sich den Scherz, die letzten zwei Sprossen mit einem gewandten Sprung nach unten auszulassen. Dann kam Florymont, der Denise auf den Schultern trug. Ihm folgte Jeanne, dann Bruno. Als vorletzte rief Mr. Hammersmith: "Madame Mildrid Ursuline Latierre!" aus dem Luftschiff heraus. Millie hatte Camilles gekonnten Abstieg beobachtet und sprang bereits bei der viertletzten Sprosse ab, um locker in den Knien federnd aufzukommen. Viele Beobachter lachten und klatschten Beifall, als Millie sich vor Mr. Hammersmith verbeugte und seine Begrüßung entgegennahm.

"Dann habe ich noch die Ehre, Monsieur Julius Latierre geborenen Andrews bei uns begrüßen zu dürfen, den großen Helfer unserer hervorragenden Mannschaft", verkündete der Ratssprecher von Viento del Sol. Julius verdrängte die Verlegenheit, die diese großartige Ankündigung ihm bereitete und stieg gesittet und ohne eine sportliche Einlage zu bieten hinunter.

"Willkommen in unserem sonnigen Städtchen Viento del Sol", begrüßte ihn Mr. Hammersmith mit Handschlag. Julius bedankte sich höflich und sagte den zuhörenden Leuten:

"Ich bedanke mich bei Ms. Brittany Forester, ihrer Familie und dem Rat von Viento del Sol für die Einladung hierher und die Ehre, als einer der ersten die neue Reisemöglichkeit aus Millemerveilles hierher benutzen zu dürfen. Ich freue mich auch, daß ich in zwei mich so herzlich willkommen heißenden Orten der Magischen Welt die ersten Ferien nach dem Alptraum der Todesserherrschaft verbringen darf. Vielen Dank für die Einladung!" Er nahm den Beifall hin und ging zu seiner Frau, die bereits von den Friday-Drillingen und Venus Partridge umringt wurde. Dann kam noch Brittany aus dem Luftschiff, die von ihren Mannschaftskameraden und -kameradinnen begrüßt wurde. Die Redliefs wurden auch von Mr. Hammersmith persönlich begrüßt. Da Melanie mit der Niederlassung des Kosmetikhandels ihrer Tante Dione mittlerweile eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, auch und vor allem nach dem heftigen Theater, daß Madam Pabblenut und ihre Mitstreiterinnen von Broomswood dagegen aufgeführt hatten.

"Mr. Latierre, bitte einmal hier herübersehen!" hörte Julius eine erfreute Männerstimme. Er sah kurz in die Kamera, die ihm entgegengehalten wurde und nahm es hin, daß sie sein Lächeln und seine erfreute Mine auf Zaubererfilm bannte. Lino war ja gerade weit weg unterwegs.

Brittanys Eltern standen in einer Menge Zuschauer, die die Landung des ersten Verbindungsluftschiffes beobachtet hatten. Sie winkten den Besuchern aus Millemerveilles und ihrer Tochter zu. Julius setzte sich deshalb nach dem Willkommensgruß in Bewegung, um die Thorntails-Lehrerin für Pflege magischer Geschöpfe und ihren nichtmagischen, vegan lebenden Ehemann zu begrüßen.

"Du bist erheblich gewachsen", war das erste, was Mrs. Forester sagte, nachdem sie Julius kurz umarmt hatte. Julius nahm diese Feststellung mit einem sachten Nicken zur Kenntnis. Er wollte es nicht hier erklären, woran das lag, daß er nun über einen Meter neunzig groß war. Mr. Forester betrachtete den Gast aus Frankreich etwas genauer und meinte dann:

"Wir haben es von Brittany, daß du im Februar bis Mai wohl wegen irgendwelcher Monster einer experimentellen Behandlung unterzogen wurdest, die dein Wachstum gesteigert hat. Brittany konnte oder wollte jedoch nicht genau darüber sprechen, was für eine Behandlung das war. Mußten dafür irgendwelche unschuldigen Tiere sterben?"

"Zu Ihrer Beruhigung, Sir, es mußte niemand dabei sterben. Allerdings hätten Sie die Behandlung wohl abgelehnt, weil dabei eine Bluttransfusion im Spiel war", mußte Julius nun doch etwas dazu sagen. Lebensweisen hin oder her. Gewisse Sachen mußten eben gemacht werden, fand er.

"Von wem oder was?" Fragte Mr. Forester. Seine Frau sah ihn dafür verunsichert an. Julius deutete auf die umstehenden Bewohner von Viento del Sol und bat darum, das nicht hier zu bereden, weil das Thema nicht mit einem Satz abgehandelt werden konnte. Brittany nickte und schlug vor, sie könnten zuerst zu ihrer Wohnung fliegen und dann zu ihren Eltern. Mr. Forester sah Millie und Julius an und schüttelte dann den Kopf.

"Lorena und ich haben beschlossen, daß die beiden wieder bei uns wohnen. Sie sind schließlich noch nicht volljährig, und du hast nur ein Gästezimmer zur Verfügung."

"Abgesehen davon, Dad, daß Millie dann mit mir das Zimmer teilen könnte gibt es da einiges, was wir wohl besprechen sollten, um Mißverständnisse loszuwerden", erwiderte Brittany. Julius fragte sich, ob dieses überstrenge Gebaren ihres Vaters auf seine immer noch empfundene Minderwertigkeit als Muggel unter Hexen und Zauberern zurückging oder er wegen dieser Mora-Vingate-Sache, auf die Brittany sich mal eingelassen hatte so überkritisch und bestimmend rüberkam. Mrs. Forester nickte ihrer Tochter, ihrem Mann und den beiden geladenen Gästen zu. Julius sah die Dusoleils, die gerade mit zwei Repräsentanten des Zaubergartens von VDS sprachen. Daneben bemerkte er noch eine ältere Hexe mit dunkelblondem Har und moosgrünen Augen, die einen wasserblauen Umhang und eine weiße Heilertasche trug. Brittany bemerkte, wen er ansah und stellte die Hexe als Chloe Palmer vor, die niedergelassene Heilerin und Hebamme von Viento del Sol.

"Noch 'ne Chloe", scherzte Julius. "Bei den Eauvives gibt's eine, und Madame Dusoleil hat im Mai eine gekriegt."

"Stimmt", erwiderte Brittany. Dann sah sie ihren Vater an und sagte: "Wir bringen erst Millies und Julius' Sachen zu mir und kommen dann zu euch, um richtig miteinander zu sprechen, Dad. Kuck mich jetzt nicht so mißmutig an. Das paßt nicht zu dem Vater einer erfolgreichen Quodpotspielerin. Die Leute hier könnten meinen, du hättest was gegen meinen Beruf."

"Das wissen die eh alle, daß mir das nicht recht paßt, daß du bei diesem Mörderspiel dauernd dein noch junges Leben riskierst, meine Tochter. Und was das mit Mildrid und Julius angeht ..."

"Wobei du den Nachnamen schön verschweigst, Dan", warf Mrs. Forester ein. Das saß wohl, erkannte Julius. Offenbar hatte Brittanys Mutter doch mehr Humor oder gewährte mehr Freiheiten als er sie in Erinnerung hatte. Es war ja auch schon wieder ein ganzes Jahr vergangen, seitdem sie bei den Foresters gewohnt hatten.

"Okay, Brittany. Wenn du meinst, dich den Eltern der beiden gegenüber verantworten zu müssen, falls deren minderjährige Kinder etwas tun, was diesen mißfallen muß, lade dir das auf!" Schnarrte Mr. Forester. Brittany nickte nur und winkte den beiden Gästen. Diese nahmen ihre Flugbesen von den Reisetaschen, hängten die Taschen dafür an die Besen und saßen auf. Brittany bestieg ihren Bronco Millennium und hob ab. Sie flogen im für die drei Rennbesen langsamem Tempo los. Unter ihnen lag das Zaubererdorf, in dem auch Menschen ohne Magie wohnen konnten, ohne einen Willkommenstrank einnehmen zu müssen. Brittany zeigte auf ein kreisförmiges, silbern glänzendes Gebäude in Neun-Uhr-Richtung. Millie und Julius nickten. Sie kannten das Haus und seine beiden Bewohnerinnen. Die waren nicht beim Begrüßungskommitee dabei gewesen. Das Haus, das wie ein gelandetes UFO aus Weltraumgeschichten der Muggelwelt wirkte fiel hinter sie zurück. "Ms. Swann hat das von einer gemalten Ausgabe einer früheren Hexe aus Hogwarts, was dir passiert ist und hat's mir erzählt, weil sie wußte, daß mich das betreffen würde. Aber ich hatte das schon von Mel, die es von Myrna und Gloria hatte."

"War mir klar, daß Ms. Swann das nicht unbeeindruckt läßt", erwiderte Julius leicht ungehalten. Brittany wollte deshalb natürlich wissen, was ihn daran verärgerte. Er erwähnte deshalb, daß es für ihn eine schwere Zeit gewesen sei und es ihm schon überwindung gekostet habe, die französische Zaubererwelt darüber zu informieren und er nicht wisse, wie gewisse Leute anderswo das aufnehmen mochten. Er räumte dabei jedoch ein, daß jene gewissen Leute anderswo ihre Quellen in Frankreich haben mochten, die ihnen das brühwarm gemeldet hätten.

"Wenn du diese Sardonianerin meinst, Julius, dann hast du wohl recht. Die könnte das auch interessant finden, was dir passiert ist. Aber ich habe mir von einigen Leuten zuverlässige Warn- und Abwehrzauber in mein kleines Häuschen einwirken lassen, um früh genug zu erfahren, wenn wer unerwünschtes und unangenehmes zu uns vordringen will."

"Hat Peggy Swann diese Zauber eingerichtet?" Fragte Millie direkt heraus.

"Die auch, weil sie als Hexe ja unter Wishbones netter Politik genug Zeit hatte. Aber nicht nur sie", erwiderte Brittany. Julius überlegte schon, ob Peggy Swann da vielleicht ein Hintertürchen für ihre Bundesschwestern freigehalten hatte. Wenn das bei Schutzzaubern ähnlich ging wie bei Sicherheitssystemen von Großrechnern konnte zumindest sie unbehelligt und ungemeldet an das Haus herankommen.

"Da vorne ist mein eigenes Stückchen Lebensraum", verkündete Brittany und deutete auf ein sechseckiges Gebäude mit leuchtend rotem Ziegeldach und beigen Wänden. In der Mitte des Daches reckte sich ein schlanker Schornstein in den kalifornischen Sommermorgenhimmel, der wie ein leicht plattgedrückter Zylinder aus rotem Backstein aussah.

"Ja, wie unser Honigwabenhaus", sagte Millie anerkennend.

"Honig ist nix für eine Veganerin", erwiderte Brittany amüsiert. "Deshalb heißt meine Kaminadresse auch Buchecker."

"So sieht das Haus aber nicht aus", meinte Millie. Julius wußte, daß die beiden jungen Hexen sich wie Schwestern käbbeln und vertragen konnten. Deshalb wunderte es ihn nicht, daß Brittany antwortete:

"Hauptsache es klingt schön. Ich wollte es ja Britts Bucheckernhaus nennen. Dann aber habe ich beim Flohnetzanschlußantrag nur Buchecker als gewünschte Kaminadresse angegeben."

"Millie, in ist, was drin ist", brachte Julius einen Spruch aus der Muggelwelt an.

"Sag das mal Gloria", erwiderte Millie. Doch sie lächelte dabei. Gloria legte wohl wert auf gutes Aussehen, war aber auch auf gute Bildung und gutes Benehmen bedacht, wußte sie ja ausgiebig.

Sie konnten auf einer kleinen Wiese an der Nordostseite des Hauses landen. Es machte von außen den Eindruck, nur für eine Person geeignet zu sein. Kleine Spitzbogenfenster traten mit breiten, hohen Rechteckfenstern mit abgerundeten Kanten in Gegensatz. "Ist nicht so exotisch wie euer Apfelhäuschen", meinte Brittany. "Aber dafür ist es zumindest genauso heimelig." Sie zog ihren Zauberstab hervor und tippte damit drei runde Metallerhebungen an der Tür an. Jedes Mal sprang innen Klickend eine Verriegelung auf. Dann brauchte sie nur noch mit "Alohomora", die Tür aufspringen zu lassen.

"So viel Sicherheit", meinte Julius zu Brittany, als sie durch die Tür gingen. Dabei fühlte er, wie etwas ihn über Kopf und Oberkörper streichelte und empfand einen warmen Schauer an seinem rechten Handgelenk, wo das Pflegehelferarmband anlag.

"Haben wir alle kostenlos bekommen, als diese Brutkönigin uns besucht hat. Die drei Schlösser gehen nur auf, wenn ich die entsprechenden Passwörter denke und bauen den zwanzig Meter um das Haus wirkenden Apparierwall ab. Wenn ich am Ort bin mache ich nur den unmagischen aber von keinem Schlüssel zu öffnenden Verschluß zu. Wir leben hier nicht in den Muggelgegenden, wo meterhohe Zäune oder Mauern nötig sind, wenn du das meinst." Julius nickte bestätigend. Ein Mindestmaß an Sicherheit war nicht verkehrt.

"Beim Reinkommen werden wir abgetastet, ob wir Freund oder Feind sind?" Fragte Millie. Brittany bestätigte das. "Eure Silberarmbänder reagieren wohl drauf", erkannte die Gastgeberin, bevor sie Millie und Julius herumführte und ihnen die fünf Zimmer, die Küche und das geräumige Badezimmer vorstellte. Tatsächlich besaß sie ein großes Wohnzimmer mit dem an das Flohnetz angeschlossenen Kamin, den sie bei der Gelegenheit mit Zauberstabstupsern entsperrte. Die Küche wurde von einem wuchtigen Herd mit Backofen beherrscht. Ein kleiner Tisch, an den höchstens drei Leute paßten und die dazu gehörenden, übereinandergestellten Stühle bildeten neben über dem Herd hängenden Schränken und einem Regal für Töpfe, Pfannen und Kessel das Mobiliar. Brittanys Schlafzimmer war nach Osten ausgerichtet, so daß gerade die Sonne hereinschien. Neben dem Bad mit der Toilettennische, einem grünen Waschtisch und einer wasserblauen Badewanne lag das Gästezimmer, in dem bis zu drei Leute schlafen, sitzen und ihre Kleidung unterbringen konnten. Eine der drei Kleiderschranktüren trug einen mannshohen Spiegel, und in der Ecke des Zimmers stand ein Frisiertisch mit verstellbaren Spiegeln bereit. Es gab ein Etagenbett und ein Himmelbett.

"Mom meinte, ich hätte noch ein Kinderbett oder eine Wiege reinstellen sollen, wenn ich mal eine ganze Familie zu Besuch habe. Kore ist ja umgezogen, habe ich euch ja gestern erzählt." Julius nickte. Millie meinte dann, daß sie dann wohl eine eigene Wiege oder ein Kinderbett wie das für Claudine eingeschrumpft mitgenommen hätte, wenn es schon gebraucht würde. Man konnte ja nicht darauf gefaßt sein, daß Gastgeber auf kleine Kinder eingestellt seien.

Dann gab es in dem einstöckigen Haus noch ein Zimmer, wo Brittany ihre ganzen Bücher und ein paar Musikinstrumente verstaut hatte, sowie einen Vorratsraum, der vom Flur und von der Küche her erreichbar war und zwei Conservatempus-Schränke enthielt.

"So, ihr stellt eure Taschen besser schon mal im Gästezimmer ab und sucht euch aus, wer oben und wer unten schläft, weil ich denke, daß das Himmelbett für zwei zum drin erholsam schlafen zu schmal ist", legte Brittany fest. Millie und Julius bestätigten das und verstauten ihre Reisetaschen im Gästezimmer.

als Sie ihr Gepäck sicher abgestellt hatten reisten sie mit Flohpulver ins "Rotbuchenhaus!" Wwo Brittanys Eltern wohnten. Julius hatte auf Brittanys Vorschlag hin die amtlichen Dokumente in seinem Practicus-Brustbeutel, die Millie und ihn für volljährig erklärten. Doch zunächst tranken beide vom Ortszeitanpassungstrank, der ihre Körper auf die hiesige Tageszeit einstimmte. So konnten sie mit Brittany und ihren Eltern frühstücken. Dan Forester sah so aus, als störe ihn etwas. Als Brittany ihn auf ihre direkte Art darauf ansprach meinte er mürrisch:

"Es ist das, daß deine Mutter und du immer noch meinen, mir nicht alles sagen zu müssen und ich mich wieder einmal frage, was ich hier soll und für euch bin, Britt. Oder will deine Mutter mich veralbern, wenn sie behauptet, ich müsse mir um die beiden keine Gedanken mehr machen, weil die schon mit sechzehn für volljährig erklärt worden seien?"

"Nein, deine Frau will dich nicht veralbern", erwiderte Brittany und deutete auf Julius, der diese Geste so verstand, daß er die entsprechenden Dokumente hervorholte. Mrs. Forester las sie, reichte sie weiter an ihren Mann und nickte Julius zu.

"Mit anderen Worten, die haben wegen Sachen, die dir zugesetzt und dir dabei nicht geschadet haben schon ein Jahr vorher alles erlaubt?" Hakte Dan Forester nach. Millie und Julius nickten bestätigend. Brittanys Vater las die drei Pergamentseiten noch einmal. Dann gab er sie an Julius zurück. "Wenn das keine Fälschung ist muß ich das wohl zur Kenntnis nehmen. Ich wollte ja nur sicherstellen, daß man uns nicht für verantwortungslos hält, euch hier sicher unterzubringen."

"Niemand unterstellt dir was böses, Dad", erwiderte Brittany darauf und schenkte ihrem Vater einen einschmeichelnden Blick. "Wenn diese Erklärung nicht wäre hätte ich entweder Millie bei mir im Zimmer mitübernachten lassen oder die beiden bei euch wohnen lassen."

"ich kenne die Leute nicht, die auf diesen getrockneten Tierhäuten unterschrieben haben. Deshalb kann ich nicht ganz unbekümmert sein, Britt", erwiderte Mr. Forester. Seine Frau nickte beipflichtend. Doch sie sagte, daß die meisten der Unterzeichnenden ihr nicht als voreilig oder unbesonnen bekannt seien und sie die im Beratungsprotokoll erwähnten Argumente nachvollziehen könne. Sie kannte auch den entsprechenden Absatz im Zaubereigesetz. Mrs. Forester kündigte an, daß sie für die europäischen Gäste ein umfangreiches Mittagessen vorbereitet habe und es sich nicht nehmen lassen wolle, die beiden damit bewirten zu können. Millie und Julius willigten unverzüglich ein, bis zum Mittagessen zu bleiben. So ging es nun darum, was in den letzten Monaten gelaufen sei und womit die beiden Gäste ihre vorzeitige Volljährigkeit wohl verdient hatten. Julius erwähnte die Zeit bei Madame Maxime, die schon sehr genau darauf geachtet hatte, sich und ihn nicht in peinliche oder unstatthafte Situationen geraten zu lassen, beschrieb den Angriff der Schlangenkrieger auf Beauxbatons, die Prozesse gegen Didier, Pétain, Umbridge und die Malfoys und erfuhr, was in den Staaten passiert war und welche Wogen der Mord an Wishbone schon schlug.

"Wir hatten das heute morgen, als wir die Sonderausgabe von dir bekamen, Mom", sagte Brittany. "Irgendwie glauben wir jetzt nicht mehr, daß das zum einen der echte Wishbone war und zum andren die Sardonianerin angerichtet hat."

"Soso", erwiderte Mrs. Forester lächelnd. "Ist euch das auch zu glatt und eindeutig vorgekommen? Mir auch, und ich fürchte, wenn das ganze von A bis Z erlogen oder noch schlimmer mit einem echten Toten vorgetäuscht wurde, hat wer immer das angezettelt hat jetzt ein sehr großes Problem."

"Ach ja, Lorena. Diese Lauscherin, die gerade erst wegen ihres Nervenzusammenbruchs in der Zaubererpsychiatrie war würde sich wohl voll drauf stürzen, die Mörder zu jagen", erwiderte Mr. Forester. "Welchen Zweck sollte ein getürkter Anschlag haben?"

"Ein Feindbild zu bauen oder zu verstärken", wagte Julius eine Antwort darauf. "Wishbones Politik ist ziemlich unbeliebt geworden. Wenn seine Anhänger oder er selbst sie trotzdem weiter durchziehen wollten mußte ein konkreter Fall her, um sie zu rechtfertigen. Ein Schulkamerad meines Vaters, der beim britischen Geheimdienst gearbeitet hat, meinte, wenn etwas so glatt und sauber aussieht, daß man sich drin spiegeln kann, dann liegt der Schmutz unterm Teppich." Das verstand Mr. Forester.

"Dann will dieser Wishbone, der geprahlt hat, uns vor allem beschützen zu können und gleichzeitig Frauen, weil sie Hexen sind von allen Berufen ausschließen wollte als Märtyrer dastehen?"

"Genau", erwiderte Brittany. "Nur hält der wohl die meisten Leserinnen und Leser für trolldoof. Und wenn wer von denen mit der Sardonianerin kungelt und der das steckt, daß sie Wishbone umgebracht haben soll, und die war das nicht, wird die rauskriegen wollen, wer ihr das untern Umhang jubeln wollte. Und dieser wer hat dann echt ein Problem."

"Solange der oder die sich nicht gut versteckt", erwiderte Julius darauf.

"Sie rufen im Westwind laut nach der unverzüglichen Hinrichtung der Sardonianerin und aller ihrer Helfer und Helferinnen", sagte Mrs. Forester. "Insofern habt ihr wohl Glück gehabt, daß VDS nicht komplett abgeriegelt wurde. Das war nämlich ein Vorschlag aus dem Ministerium. Cartridge hat das aber sofort abgelehnt. Man dürfe nicht eine überwiegende Mehrheit unschuldiger Leute in ihren Häusern einsperren. Das habe Janus Didier in Frankreich versucht und sei daran gescheitert."

"Falls nicht wer die Idee hat, Cartridge für den Mord an seinem Nachfolger und Vorgänger verantwortlich zu machen", unkte Julius.

"Klar, weil dessen Frau in Broomswood war und da bestimmt mit einer Männer hassenden Hexenclique zusammen war, zu der die heute noch Kontakt hat", bemerkte Brittany verächtlich. Ihre Mutter rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.

"Sagen wir es mal so", setzte Mrs. Forester an. "Wenn wirklich wer den Mordanschlag fingiert hat, lenkt er diese Fanatikerin von uns unbescholtenen Leuten ab. Das könnte man als guten Gefallen auslegen." Julius mußte grinsen. So hatte er das jetzt nicht betrachtet.

Weil sie Linda Knowles schon erwähnt hatten durfte Julius die Artikel über die Vernichtung der als Valery Saunders bekannt gewordenen Entomanthropenbrutkönigin nachlesen. Linda Knowles war seit einigen Tagen aus der Honestus-Powell-Klinik heraus und interviewte auch schon wieder fleißig Leute, darunter Leda Greensporn, die über ihre späte Mutterschaft und die daraus entstandenen Diskussionen mit der Heilerzunft sprach.

"Die wird morgen natürlich hier sein, Lino meine ich", warnte Brittany ihre Gäste vor. "Mach dich schon mal drauf gefaßt, daß die wieder was von dir wissen will." Julius bestätigte das.

Es klopfte an ein Fenster. Mrs. Forester öffnete und ließ eine Eule ein. Diese brachte einen Brief für Millie und Julius. Mr. Hammersmith lud darin die Gäste aus Millemerveilles zum Mittagessen mit den führenden Persönlichkeiten von Viento del Sol im Speisesaal für Gäste der Luxusklassen Gold bis Drachenhorn ein. Offenbar waren die entsprechenden Zimmer entweder nicht bewohnt, oder die Gäste durften dem Willkommensmahl beiwohnen. Mrs. Forester las den Brief selbst und nickte schwerfällig.

"Das war zu erwarten, daß Fornax Hammersmith euch den anderen vorstellen möchte. Es steht auch drin, daß die Quodpotmannschaft und verdiente Bürger dieses Ortes mit ihren Ehepartnern eingeladen seien. Das gilt dann auch für uns, Dan und Britt."

"Fornax ist bekannt, daß Britt und ich keine Speisen und Getränke aus tierischen Bestandteilen oder mit berauschender Wirkung zu uns nehmen?" Fragte Dan Forester. Seine Frau nickte bestätigend. "Charlie Beam weiß das und wird wohl schon auf eure Wünsche eingehen, wo Britt schon mehrmals mit den anderen bei ihm die Siege gefeiert hat."

"Dann schwingen wir uns schon mal ein auf die große party morgen", bemerkte Julius dazu. Millie nickte und wies darauf hin, daß sie dann wohl in gehobener Garderobe antreten sollten.

"Na, nicht immer, Mildrid. Fornax Hammersmith kam zu einer Ratsversammlung auch schon mal in Hemdsärmeln und kurzer Sporthose, weil er sein Lauftraining kurz vor der Besprechung hatte. So wie ihr seid könnt ihr beide hin. Gilt auch für dich, Britt. Dan, du möchtest dir aber zumindest ein weißes Hemd und die feine Hose anziehen, die du von deiner Mom bekommen hast. Nur weil Fornax nicht so auf äußeres Erscheinungsbild wertlegt muß das nicht für dich gelten."

"Haha, Lorena. Am besten ziehe ich mir den schweren Umhang an, den deine Mutter mal mitgebracht hat, weil sie fand, daß ich nicht jeden mit der Nase drauf stoßen müsse, kein echter Zauberer zu sein. Wie Julius' Mutter das aushält?"

"Ganz gut, Dad", sagte Brittany. Daß Martha Andrews nun selbst eine Hexe war hatten sie und ihre Mutter ihrem Vater nicht erzählen wollen. Sein Minderwertigkeitsgefühl würde an einer solchen Nachricht sicher noch mehr wachsen.

"Gut, dann brauche ich mich nicht in die Küche zu stellen", sagte Mrs. Forester. "Was machen wir fünf dann mit der Zeit bis eins?"

"Für eine anständige Schachpartie ist die Zeit zu kurz", meinte Julius. Millie funkelte ihn an, grinste dann aber erheitert. "Was macht ein Tourist hier, wenn er nur zwei Stunden Zeit hat?"

"Er besucht das Quodpotstadion und sucht sich schon mal einen passenden Umhang aus, um beim Heimspiel der Windriders nicht blöd auszusehen", meinte Brittany.

"Ihr habt schon alles besichtigt", sagte Mrs. Forester. "Außer unsere Neuzugänge im Tierpark." Millie und Julius nickten. Sie wußten zwar, wen Mrs. Forester meinte und hätten so keine große Neugier mehr gehabt, die zu besichtigen. Doch weil die Zeit reichte stimmten sie zu.

So reisten sie mit Flohpulver in die Besucherankunftshalle des magischen Tierparks, wo sie sich für eine Führung anmeldeten.

Glen McFusty, ein leitender Pfleger der magischen Tiere, freute sich ehrlich, die beiden Gäste der Foresters zu sehen. Sein feuerrotes Haar und der ebensorote Vollbart leuchteten im Sonnenlicht. Er war ein Angehöriger des schottischen Zaubererclans der McFustys, die auf den Hebriden die dort heimische Drachenart überwachten. "Wollt bestimmt sehen, ob eure großen Mädchen hier gut untergekommen sind, nicht war?" Millie und Julius bejahten es unmißverständlich. Millie brachte danach noch einen Scherz an:

"Meine Tante Barbara hat mich angewiesen, sicherzustellen, daß die von uns hierhergebrachten Latierre-Kühe artgerecht gehalten werden, sonst sollte ich die alle wieder mit nach Hause nehmen." Glen McFustys Bart erbebte einen winzigen Moment. Dann lachte der Zaubertierhüter schallend auf.

"Das würde ich zu gerne sehen, wie du allein die ganzen dicken Mädchen und den wilden Burschen hinter dir herziehst und zu euch über den Salzwassergraben bringst. Aber ich fürchte, wir haben denen genug Platz und Futter reserviert, daß ich dieses Vergnügen wohl nicht erleben werde. Dann kommt mal mit."

Die über den Atlantik herübergebrachten Latierre-Kühe, zu denen auch eine von Temmies Cousinen gehörte, hatten ein mehrere Kilometer langes und breites Grundstück erhalten, das von einer sieben Meter hohen Hecke umfriedet war und außer einer von den Bewohnern ständig niedergerupften Weide und einem mit Frischwasser versorgtem Teich als Wasserstelle noch metergroße Lederbälle zum Spielen hatten, wenn sie sich nicht bei Spielen im freien Flug austobten. Eine der Kühe trug gerade ein Kalb von dem einzigen Bullen, den die aus insgesamt fünf Tieren bestehende Herde besaß.

"Die haben uns Säcke voller Galleonen gebracht, weil deren Milch junge Hexen richtig kräftig macht", sagte McFusty. Damit holen die Locker die Mehrkosten für den täglichen Ankauf von Futterpflanzen wieder rein. Ein paar Bauern aus der Gegend mögen die zwar nicht, weil die deren Normalokühen den Rang abgelaufen haben. Aber die haben jetzt auf Schweinezucht umgestellt."

"Super!" Knurrte Brittany.

"Mädchen, wenn du Kaninchen, Kühe und Ziegen so gerne lebendig siehst darfst du denen nicht das ganze Futter wegessen", meinte McFusty unvermittelt dreist. Brittany schien bereits an diese oder ähnliche Antworten gewöhnt zu sein und sagte nur, daß das Futter für Kaninchen gut genug nachwachse.

Temmies Cousine Nuagette kam herangeflogen und sah Millie und Julius an. Sie gab ein zufriedenes Schnauben von sich.

"Die hat Trueno auch vor kurzem ganz doll lieb gehabt", sagte Mr. McFusty. "Könnte sein, daß die dann in zwei Jahren auch was kleines auf die Wiese wirft."

"Der hat bestimmt alle, die noch nicht besprungen wurden ganz doll lieb gehabt, Glen", vermutete Brittany mit biestigem Unterton.

"Wenn ich so'n Prachtbursche wäre und mit vier jungen Damen zusammen einquartiert wäre hätte ich die auch schon alle ganz innig besucht, Britt", erwiderte McFusty.

"Lass das Shauna nicht hören, Glen, daß du neuerdings auf weißes Fell und Hörner stehst", feixte Brittany.

"Die ist doch schon auf Megan eifersüchtig, Brittany", lachte Glen. "Aber unserer kleinen gibt sie jetzt von der Latierre-Kuh-Milch, damit die meinen Großonkel in einem Jahr beim Baumstammwerfen fertigmacht."

"Den habe ich vor ein paar Tagen getroffen", sagte Julius. "Allerdings nicht gesprochen, weil wir zu weit auseinandersaßen."

"Stimmt, Laddy, der war bei den Prozessen gegen die Kröte Umbridge und die Wildsäue Carrow im Zuschauerraum. Aber mit Ceridwen hast du ein paar Worte gewechselt, hat sie uns geschrieben. Deshalb kam das für mich nicht so heftig rüber, daß du mit der gutgebauten Mädmeusell hier schon verbunden bist und die in dem einen Jahr fast überflügelt hast", erwiderte McFusty. Julius erkannte mal wieder, wie gut die Buschtrommeln in der Zaubererwelt funktionierten. Da er daran gewöhnt war beeindruckte ihn das nicht weiter.

"Meine Tante erwähnte, Sie würden auch Ausritte auf den Kühen anbieten", sagte Millie. "Das wird dann aber schwierig, wenn der Bulle da die alle geschwängert hat."

"Dann reiten wir auf dem", erwiderte McFusty. Doch der scherzhafte Unterton verriet, daß das wohl nicht so gemeint war. Latierre-Bullen waren zum Tragen von Sachen und Menschen denkbar ungeeignet. Dagegen wäre ein Rodeo ein harmloses Ponyreiten auf dem Jahrmarkt und ein Stierkampf ein Kuscheln mit einem Schaf im Streichelzoo, hatte Julius für sich selbst den Vergleich gezogen. Der Latierre-Bulle, der aus einer Zucht in Andalusien herausgenommen worden war, um hier die neue Herde zu unterhalten kam wie auf Stichwort angeflogen und setzte mit donnernden Hufen auf. Schnell wichen die Besucher hinter die Schallschlucklinie zurück, gerade als der mit zwei Rückhalteringen versehene Bulle ein bauchfellmassierendes Brüllen von sich gab.

"Damit haben wir's wohl amtlich, daß er die kleine Wolkenprinzessin mit seinem Thronfolger beladen hat", bemerkte Mr. McFusty. Millie und Julius stimmten ihm wortlos zu.

"Wenn die alle kalben", setzte Brittany eine Frage an, "Wie viele sollen dann hierbleiben?"

"Die Kälber sollen alle entweder nach Europa zurück oder runter nach Argentinien, wo die gerade mit Madam Latierre unterhandeln, ob die auf ihren großen Weiden nicht auch noch ein paar von denen halten können. Die Kolumbianer sind auch interessiert, ebenso die aus Mexiko. Wir müssen nur aufpassen, daß wir von denen nicht zu viele in Südamerika haben, weil die sonst den anderen Tieren da alles wegfressen und womöglich noch den Regenwald anfressen, wo die Muggel da schon Riesenflächen rausgehauen oder rausgebrannt haben. Wird nicht einfach. Im Zweifelsfall müssen wir die ersten Latierre-Ochsen der amerikanischen Geschichte bei uns halten oder was finden, was die keine Kälber mehr kriegen läßt, ohne deren Milchproduktion komplett versiegen zu lassen. Muggel haben doch sowas erfunden, was deren Frauen beeinflußt, daß die irgendwie andauernd ohne Kinder schwanger sind oder sowas."

"Das bringen Sie den Kühen aber mal bei, daß die verhüten und den Bullen, daß die keine stierigen Kühe mehr angucken dürfen", erwiderte Millie. "Aber die Trag- und Milchzeit ist schon lang genug."

"Tja, nur daß die Tiere über sechzig Jahre alt werden können", warf Brittany ein. "Das ist eben das große Problem bei der Züchtung großer Zaubertiere."

"Wir klären das noch", meinte McFusty. "meine Cousine kennt genug Rezepturen, um die Fortpflanzung zu regeln. Da kommt bestimmt was brauchbares bei rum." Julius nickte. Ceridwen Barley war als Zaubertrankbraumeisterin eine Berühmtheit. Sicher hatte die auch aus eigenen Interessen genug Trankrezepte, um Lust ohne Frust zu gewährleisten und die Familienplanung von Hexen und Zauberern abzusichern.

Wie geht's Rudolph und Brooke?" Fragte Mrs. Forester, die sich nicht hatte nehmen lassen, den Zauberzoo mitzubesuchen.

"Brooke sitzt wieder auf fünf Eiern. Wo wir's schon davon haben, große Tiere nicht zu viele werden zu lassen, Lorena. Aber Donnervögel sind ja einheimische Tiere, und wenn die Küken flügge sind kommen die und Brooke anderswo unter", sagte der Tierhüter.

So betrachteten sie noch das brütende Donnervogelpaar aus sicherer Entfernung. Ebenso besuchten sie das einen Kilometer durchmessende Kratergehege der schwarzen Hebridin Megan, die wohl gerade in Paarungsstimmung war, weil sie langgezogene, röhrende Rufe ausstieß.

"Alle zehn Jahre werden die Weibchen wuschig", erklärte McFusty, obwohl alle hier das wohl wußten. "Ist das erste mal hier bei uns, daß die diese Phase erreicht. Wir müssen noch überlegen, ob wir die mit einem Männchen zusammenbringen oder hoffen können, daß die das übersteht, ohne ihr Gehege komplett umzugraben." Sie sahen, wie das imposante Drachenweibchen wie eine aufgescheuchte Krähe über ihrem Felsenkrater herumschwirrte und hörten trotz der Lärmschutzbannlinie ihre langen, irgendwie auch melodischen Rufe. Julius dachte an die Vulkanier aus Star-Trek und an seine Erfahrungen unter dem Einfluß von Madame Maximes Blut. Wie würde ein Drachenweibchen klarkommen, das kein paarungswilliges Männchen fand? Immer wieder flog die Hebridin gegen die sie zurückweisende Zauberkraftbarriere an, die durch einen um ihrem Hals festgenagelten Rückhaltering in Kraft gesetzt wurde. Sie schnaubte und spie meterlange Feuerzungen aus, weil sie offenbar aus dieser sie doch gut einengenden Umfriedung heraus wollte.

"Hoffentlich entwickelt die nicht noch mehr Kräfte", unkte Brittany. "Wenn die ausbricht verschwindet VDS von der Landkarte und alle Bewohner landen wohl in deren Bauch. Drachenweibchen fressen in der Paarungsstimmung dreimal so viel wie sonst schon."

"Mädchen, der Drache ist schon da", sagte McFusty und deutete auf Megan. "Brauchst keinen weiteren großen mehr zu rufen", vollendete er die Antwort auf Brittanys Befürchtung.

"Dann muß sie wohl erlegt werden", erwiderte Mrs. Forester darauf ganz kühl. Immerhin war das Drachengehege so weit von der Ansiedlung fort, daß genug Vorwarnzeit blieb, um bei einem Ausbruch Gegenmaßnahmen zu ergreifen, deren Ablauf sie selbst immer mal wieder probte. Um das auch so schon leicht erregbare Drachenweibchen nicht noch mehr zu reizen zogen sie sich ruhig aber zielsicher zurück.

Als die weltberühmte Turmuhr von Viento del Sol viertel vor eins schlug verließen die Foresters und Latierres den magischen Tierpark per Kamin. Mr. Forester hatte sich noch nicht umgezogen, weil er gerade im Garten stand und mal wieder gegen eine Horde vorwitziger Gnome kämpfte, die seine Gemüsebeete durcheinanderbrachten.

"Wird wohl wieder Zeit für Gnomverdränger", sagte Mrs. Forester. Dann forderte sie ihren Mann auf, endlich ins Haus zu gehen und sich umzuziehen.

"Damit diese Kartoffelköppe meinen Garten komplett umpflügen?" Wollte Dan Forester wissen.

"Geh rein, ich kriege die aus dem Garten raus", sagte Mrs. Forester.

Mr. Forester ging ins Haus, während Brittany und ihre Mutter Gnomverdrängungselixier ausbrachten, das die kleinen Gartenschädlinge in wilder Flucht davonlaufen ließ. Brittany richtete dann das Erdreich und die Beete wieder her. Dann erschien Mr. Forester in weißem Hemd und dunkelgrauer Tweethose. Statt einer Krawatte trug er eine schwarze Fliege. Julius überlegte, ob er sich nicht besser auch eine Halsverzierung umbinden sollte. Doch Mrs. Forester meinte, daß das für Zauberer bei einem reinen Begrüßungsessen ohne Öffentlichkeit nicht nötig sei.

"Hoffen wir nur, daß Lino da nicht reinplatzt", meinte Brittany, die ihren Flachsumhang noch einmal nach Erd- oder Aschespuren absuchte.

"Da ihr mich weder fliegen noch teleportieren dürft fahre ich schon mal mit dem Rad los", sagte Mr. Forester.

"Als wenn ich dich hier noch nie auf eine Seit-an-Seit-Apparition mitgenommen hätte, Dan", meinte Mrs. Forester und griff ohne weitere Reden nach dem rechten Arm ihres Mannes. Keine Sekunde später verschwanden beide mit vernehmlichem Plopp.

"Ist zwar eigentlich nicht erlaubt, wird aber hier von keinem echt groß beachtet", sagte Brittany. Dann trat sie zwischen Millie und Julius. "Ich kann euch zwei auf einmal mitnehmen, wenn ihr euch gut darauf konzentriert, vor dem Haus zum sonnigen Gemüt ankommen zu wollen. Das macht euch für mich leichter mitzunehmen, wenn ich da auch hin will. Kriegt ihr das hin?" Fragte Brittany. Millie und Julius bejahten es. So ergriff jeder von beiden einen Arm der Quodpotspielerin und schloß die Augen. Sie stellten sich vor, vor dem Haus zum sonnigen Gemüt zu stehen und wünschten es sich immer deutlicher, bis sie fühlten, wie Brittany eine schnelle Drehbewegung machte und sie unvermittelt in jenen viel zu engen Gummischlauch hineingezwengt wurden, als der sich der Übergang zwischen Ausgangs- und Zielpunkt einer Apparition empfinden ließ. Doch sofort kehrte die Welt mit ihrem Licht und ihrer Geräumigkeit zurück. Sie standen genau vor der Eingangstür des Gasthauses von VDS.

"Wau, das war ja nicht so schlimm wie sonst", sagte Brittany. "Offenbar habt ihr die Zielausrichtung schon richtig hinbekommen. Dann kommt ihr als lizenzierte Apparatoren zurück nach Beauxbatons."

"Zwei auf einmal Britt. Holla, willst du einen Rekord brechen?" Hörten sie eine bewundernd klingende Frauenstimme von hinten. Als sie sich nach der Quelle dieser Stimme umwandten sahen sie die blonde Venus Partridge, die mit ihren Eltern schon vor der Tür gewartet hatte.

"Spart Zeit. Außerdem wollen die beiden ja ein Gefühl dafür kriegen, wie sie das mal alleine hinkriegen können", erwiderte Brittany. Dann begrüßten sie einander. Venus schnurrte Julius ins Ohr:

"Jau, mit dem Körperbau paßt du jetzt noch besser zu Millie. Noch mal meinen nachträglichen Glückwunsch zu eurer Hochzeit." Julius bedankte sich. Millie bekam auch noch ein Kompliment für ihren Umhang und daß sie wohl einen sehr guten Griff getan hatte, als sie Julius für sich begeistert hatte.

Charles Beam, der Wirt und Eigentümer des Gasthauses zum sonnigen Gemüt, begrüßte die Gäste aus Millemerveilles und ließ diese von seiner Nichte zum Speisesaal der Gäste aus den Zimmern der Komfortklassen Gold bis Drachenhorn führen. Julius erinnerte sich daran, daß der Saal mit hunderten von Tischen für bis zu drei Personen möbliert gewesen war. Doch jetzt stand ein aus mehreren Einzeltischen zusammengestellter Tisch mit einer schweren Tischdecke in den Farben von Viento del Sol in der Mitte. Andere Tische standen an den Wänden zusammen. Vor Kopf saß bereits Mr. Hammersmith. Als er die Gäste sah erhob er sich und begrüßte diese mit Handschlag. Einige Minuten später trafen auch die Dusoleils zusammen mit der Heilerin Chloe Palmer und einem untersetzten Zauberer mit schütterem Blondschopf und blaugrünen Augen ein. Sie stellten ihn als Mortimer Gemmestone vor, den ältesten der niedergelassenen Heiler von Viento del Sol. Mrs. Hammersmith nahm am Fuß der Tafel platz und ließ sich von Julius Latierre zu ihrer rechten flankieren. Millie saß rechts von Julius. Gegenüber der beiden saßen Venus Partridge und Brittany Forester mit ihren Familien. Rechts von Mr. Hammersmith saß Camille Dusoleil mit ihrem Mann und deren Töchtern Jeanne und Denise. Chloé Dusoleil wurde in ihrem inwändig gepolsterten Tragekorb in Camilles Nähe abgesetzt, während Jeannes Tochter Viviane in ihrem hohen Kinderstuhl zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater zu sitzen kam. Die Fridays saßen in einer langen Reihe den Dusoleils gegenüber. Außerdem gesellten sich noch weitere Mitglieder der Quodpotmannschaft und der gesamte, siebenköpfige Dorfrat mit Ehegatten und Kindern dazu. Mr. Hammersmith begrüßte noch einmal alle Besucher aus Frankreich und drückte seine Hoffnung aus, daß die ab heute geltende Flugverbindung zwischen den beiden Zaubererdörfern eine Ära der Freundschaft und Verbundenheit begründen würde. Über Wishbone oder sonst einen Zaubereiminister verlor er kein Wort. Dann durfte Camille Dusoleil sprechen. Sie sprach ohne Akzent in astreinem Englisch. Offenbar hatte sie den Wechselzungentrank eingenommen, der für eine Stunde jede von Menschen und menschenähnlichen Wesen benutzte Lautsprache verstehen und sprechen ließ und nach Abklingen nur noch die Lautsprache sprechen machte, die der Trinker oder die Trinkerin zuletzt gehört und benutzt hatte. Camille bedankte sich noch einmal im Namen des Dorfrates von Millemerveilles für die Einladung, Viento del Sol zu besuchen und verlieh ihrer Freude Ausdruck, daß durch diese neue Gemeindepartnerschaft jedem stur auf Landesgrenzen festgelegtem Zaubereiministerium eine übergeordnete Verbundenheit gegenübergestellt würde. Dann bedankte sie sich auch im Namen ihrer Familie, dieses Dorf in Kalifornien einmal direkt besuchen zu dürfen, von dem sie von so vielen schon so viel interessantes gehört hatte. Brittany lächelte dabei. Sie kündigte an, diese Dankbarkeit am Nachmittag noch genauer bekräftigen zu wollen.

Nach den kurzen Ansprachen Hammersmiths und Camilles erschien das Essen auf dem Tisch. Julius wußte nicht, ob Charlie Beam Hauselfen hatte oder menschliche Köche beschäftigte. Jedenfalls schmeckte das aus mehreren Gängen bestehende Mittagessen ausgezeichnet. Auch die anderen Besucher des Speisesaales, wohl Inhaber der entsprechenden Zimmer, genossen das Essen, das sie jedoch wohl aus einer Speisekarte heraus bestellten. Während sie aßen sprachen die unmittelbaren Sitznachbarn miteinander, um auszuloten, was sie so an nicht zu privaten Sachen interessierte. Mrs. Hammersmith erkundigte sich bei Julius, ob er sich eher den zauberstabbasierenden oder alchemistischen zauberfächern verbunden fühle. Er erwähnte, daß er sehr viel Übung bei praktischen Zaubern habe, sich aber auch sehr für Zaubertränke und Kräuterkunde interessiere und darin wohl auch seine UTZ-Prüfungen ablegen würde. Stella Hammersmith begann dann mit ihm über die Prüfungsbedingungen in Beauxbatons zu plaudern. Millie beteiligte sich an der Unterhaltung, als es um zauberkunst und magische Tierwesen ging. Mrs. Hammersmith war hauptsächlich der Zauberkunst und Astronomie zugetan und hatte einige Aufsätze über die Auswirkungen von Schwerkraftbeeinflussungszaubern geschrieben.

"Die Damen und Herren, die das Luftschiff entwickelt haben, mit dem wir über den Atlantik gekommen sind vergessen gerne, daß die theoretischen Grundlagen des Stratovolatus-Zaubers, der Flüge schneller als Schall in Luft ermöglicht, auf meine Abhandlung über die Aerotranslokation zurückgehen, die ich dem internationalen Verband für freischaffende Zauberkünstler vorgestellt habe. Sie beteiligen sich zwar an der geschäftlichen Umsetzung dieses Zaubers, tun aber nach außen hin gerne so, als hätten sie die glorreiche Erkenntnis gehabt, wie in Flugrichtung befindliche Luftmassen vor einem festen Objekt geräuschlos entstofflicht und direkt dahinter rückverstofflicht werden, so daß das Objekt nicht auf Widerstand trifft und die sogenannte Schallmauer daher unwirksam wird. Ist ja gerade erst zwanzig Jahre her, wo ich diese Veröffentlichung machte. Heute muß ein Zauberer, der diesen magischen Kunstgriff benutzen möchte, Lizenzgebühren an die Stratofeger-Kompanie bezahlen."

"Das mit den Luftschiffen begann doch schon bei der Gründung von Thorntails", erinnerte sich Julius. Stella Hammersmith nickte und erwähnte, daß diese damals aber gerade so schnell wie ein Rennbesen fliegen konnten und die Anreise schon fast einen Tag dauern konnte. Das erinnerte Julius an den Hogwarts-Express, der ja auch einen halben Tag bis zur Schule fuhr.

"Durch den Aerotranslokationszauber dauert die Reise nur noch eine halbe Stunde", bemerkte Mrs. Hammersmith. Julius nahm es nickend zur Kenntnis. Dann fragte er, warum nicht auch Besen so bezaubert werden könnten, daß die Windumlenkung, die von der Schallmauer doch sehr ausgezehrt wurde, weggelassen werden könnte.

"Das liegt daran, daß wir auf freien Besen doch Luft zum atmen brauchen. Bronco wollte zwar bei der Entwicklung ihres Parsec-Besens den Überschallflugzauber verwenden, weil die Reiter ja die mitgelieferten Flugreisekleidungsstücke mit eingewirktem Kopfblasenzauber tragen könnten. Doch Stratofeger hat unbezahlbare Lizenzgebühren verlangt, und Bronco entwickelte den Kurzstreckensprungzauber für Flugbesen. Weil die Luftschiffe bereits mit Flug-, Hochgeschwindigkeits- und Innertralisatus-Zaubern, sowie dem Innendruckerhaltungs- und Aequicalorus-Zauber belegt sind, können diese keine Raumsprungzauber mehr aufnehmen. Das ärgert wiederum die Mechanomagier von Stratofeger."

Julius erwähnte Muggelflugzeuge wie die Concorde, mehrstufige Großraketen für Transporte in den Weltraum und die Luftschiffe des Grafen Zeppelin.

"Ich hörte von diesen starren, mit Hydrogen aufwärts getriebenen Luftfahrzeugen. Das Hydrogen, das ja aus dem Wasser herausgelöst wurde, strebt aber danach, bei ausreichender Einwirkung von Feuer den andren Stoff, Oxygen, zur neuen Verbindung zu zwingen, was es zu einem sehr gefährlichen Brennmittel macht, nicht wahr." Julius bestätigte das und erwähnte in dem Zusammenhang das, was er von der Katastrophe des Passagierluftschiffes Hindenburg und der Explosion des Außentanks der Raumfähre Challenger mitbekommen hatte.

"Nun, die großenAuftriebskörper unserer Luftschiffe werden mit steuerbaren Levitationszaubern aufgefüllt. Räumliche Ausdehnung und Materialmenge entscheidet ja über die Stärke eines Zaubers. Hinzu kommen ja noch die anderen erwähnten Zauber", erinnerte Stella Hammersmith daran, was Millie und Julius aus dem Unterricht schon kannten. Julius meinte dann, daß mit dem Überschallflugzauber und den anderen Zaubern doch locker die Raketentechnik der Muggelwelt übertroffen werden könnte und echte Raumschiffe möglich seien, die nicht nur den Mond, sondern alle Planeten des Sonnensystems erreichen konnten. Doch als die Frau des Ratssprechers antwortete, hätte er sich am liebsten gleich eine runtergehauen, weil die Antwort ihm auch hätte einfallen können.

"Antigravitatorische Zauber wirken leider nur so gut, wie das Schwerefeld, in dem sie ausgeführt werden. Je schwächer es wird, desto schwerfälliger wirken sie. Es ist daher bisher nicht möglich, Planetenschiffe zu konstruieren. Abgesehen davon besteht in der Zaubererwelt kein Verlangen, andere Himmelskörper anzufliegen, weil zum einen noch nicht ganz ausgeschlossen werden kann, daß die auf der Erde geltenden Ursachen und Wirkungen von Magie auch auf Mond, Venus oder Mars gültig sind und zum zweiten eine solche Reise beträchtliche Lufterneuerungszauber benötigt, zumal außerhalb der Erdatmosphäre auch unsichtbare Strahlungen wirken, die die Gesundheit und das Leben der Reisenden gefährden." Julius nickte und erwähnte, wie die Muggel diese auch diesen bekannte Probleme angegangen und zum Teil gelöst hatten. Er schlug vor, die Partikelstrahlung von der Sonne durch ein starkes Magnetfeld um ein Raumfahrzeug herumzulenken und ähnliche, eben weniger ausgedehnte Felder zum Schutz der Reisenden zu verwenden. Das Problem mit der an die Schwerkraft gebundenen Wechselwirkung von Flugzaubern konnte er jedoch nicht lösen. Das wäre was gewesen, ein magisch betriebenes Raumschiff zu bauen und als erster Mensch auf dem Mars, einem Jupitermond oder dem ganz weit draußen um die Sonne ziehenden Pluto zu landen. Doch er sah ein, daß auch in der Magie der Weltraum die letzte aller Grenzen blieb und es nicht mit einem Zauberspruch getan war, Menschen zu den Sternen reisen zu lassen. Da, so erkannte er, hatten die magielosen Menschen tatsächlich einen erheblichen Vorsprung, zumindest was den Flug zu den Nachbarplaneten anging. Die wußten aber auch, was sie dort wollten und waren sich sicher, dieselben Naturgesetze anzutreffen, denen sie auch auf der Erde ohne Magie unterworfen waren. So erwähnte er die Pathfindermission im letzten Jahr und den Wettlauf der USA und der Sowjetunion in die Erdumlaufbahn bis zum Mond.

"Na ja, um eine Weltanschauung als einzig richtig und gültig zu behaupten fanden Hexen und Zauberer schon zu häufig erdgebundene Methoden, ohne den Frieden der Planeten stören zu müssen", seufzte Mrs. Hammersmith. "Womöglich brauchen die Menschen ohne Magie solche teilweise albernen Spielchen, um einander zu überflügeln und den eigenen Fortschritt voranzutreiben. Aber dabei vergessen sie gerne, daß längst nicht jede Neuheit ausschließlich gutes mit sich bringt."

"Das ist leider wahr", mußte Julius bestätigen. "Das mit den Raketen war ja auch, weil beide Staaten Atomwaffen damit zu ihren Feinden schicken wollten, wenn diese einen Krieg anfingen. Atomwaffen sind Sprengkörper, die aus den kleinsten Grundstoffeinheiten der Materie übermächtige Energien freisetzen und damit ganze Städte mit einem einzigen Schlag vernichten können."

"Dann muß ich mich korrigieren und das mit den albernen Spielchen zurücknehmen", seufzte Mrs. Hammersmith. Denn ihr wurde offenbar klar, daß ihr eigenes Land, zumindest ein überwiegender Teil der Bevölkerung, systematisch daran gearbeitet hatte, sich und die restliche Menschheit auszulöschen, ohne daß sie, Stella Hammersmith, davon etwas mitbekommen hatte. Mr. Forester, der die Unterhaltung bisher nur zuhörend verfolgt hatte grinste überlegen und sagte, daß die scheinbar so hilflosen Muggel die Zauberer schnell das Fürchten lehren könnten, wenn es darauf ankäme. Julius fühlte sich dazu berufen, einzuwenden, daß gegen Atomexplosionen bereits Zauber erfunden seien, um Millemerveilles und französische Zauberereinrichtungen zu schützen. Für sich alleine dachte er an das Tausendsonnenfeuer, eine verheerende Kraft, die die Bewohner des alten Reiches entdeckt und benutzt hatten. Vielleicht war es Fusionsenergie, vielleicht aber auch Antimaterie. Dann wären die Muggel den Zauberern von damals um mindestens zehntausend Jahre hinterher. Doch mit Altaxarroi war wohl auch das Wissen um die Erzeugung dieser Vernichtungskraft untergegangen. Das hoffte Julius wenigstens.

"Oh, besteht die Möglichkeit, auch Viento del Sol gegen diese Grundstoffkernzerstörungswaffen zu schützen?" Fragte Mrs. Hammersmith.

"Hmm, das müssen Sie dann wohl mit den zuständigen Zaubereibehörden abklären", erwiderte Julius. Vielleicht war es nicht so klug gewesen, den Schutzzauber über Millemerveilles zu erwähnen. Andererseits wußte er selbst ja nicht, wie Professeur Fixus ihn genau ausgeführt hatte. Mrs. Hammersmith nickte nur. Da Julius ja auch nicht genau erwähnt hatte, wie die Atombombe funktionierte, mußte sie ja schon wen fragen, der den Zauber genau ausführen konnte.

Um von angenehmeren Dingen zu sprechen erkundigte sich Millie bei Mrs. Hammersmith, ob sie eigene Kinder habe. Julius grinste innerlich. Mrs. Hammersmith strahlte und erwähnte, daß sie zwei Söhne und drei Töchter geboren habe, von denen alle schon mit Thorntails fertig seien. Doch alle, so mußte sie leicht betrübt einräumen, hatten das Leben in Viento del Sol gegen das wilde Leben in anderen Orten mit ihren Ehepartnern eingetauscht. Immerhin habe sie deshalb auch schon neun Enkelkinder, die morgen mit ihren Eltern auch zur 150-Jahr-Feier von VDS kommen würden. Millie scherzte, daß sie dann wohl ein volles Haus haben würden.

"Ja, ein Haus voller Leben, Mrs. Latierre", erwiderte Stella Hammersmith vergnügt. Millie grinste belustigt. Auch Julius dachte bei dieser Antwort an ein bestimmtes Buch einer mit ihm verschwägerten Verwandten.

So ging es um die für Außenstehende ruhig zu erwähnende Einzelheiten über die Familienangehörigen der Hammersmiths und Latierres. Die Foresters beteiligten sich an dieser Unterhaltung mit Erwähnungen, wie sie nach Viento del Sol gekommen waren und daß Dan Forester sich trotz der Verbundenheit mit seiner Familie hier bis jetzt nicht richtig heimisch fühlen konnte. Stella Hammersmith erwiderte darauf, daß es nicht am Rat der Siedler lag, wie hier der Dorfrat offiziell genannt wurde. Brittany fühlte sich berufen, die Vorbehalte ihres Vaters zu erklären, was diesem zwar nicht gefiel, er aber auch nicht verhinderte.

"Vielleicht wäre es doch günstiger, Dan, wenn Sie mit einem der Heiler hier über Ihre seelischen Belastungen sprächen und eine Methode erarbeiten, diese zu beheben oder zumindest zu verringern."

"Das lasse ich mir nicht einreden, Stella. Ich bin nicht krank", protestierte Dan Forester. Brittany nickte ihrem Vater beipflichtend zu. Julius verstand, was den Nichtmagier nun sehr ärgerte. Ablehnung und Probleme, sich irgendwem oder irgendwas unterzuordnen sollten nicht als Krankheit abgetan und mit was auch immer ausgeschaltet werden. Doch das konnte er so nicht laut sagen. So fragte er lediglich, ob jeder nichtmagische Ehepartner hier von den Heilern betreut würde. Mrs. Hammersmith sah Mr. Partridge an, der einige Stühle weiter saß und sich mit Mr. Friday unterhielt. Venus' heilkundiger Vater kam kurz herüber und ließ sich schildern was war. Dan Forester spannte sich an, als müsse er gleich aufspringen und gegen einen ihn angreifenden Gegner kämpfen. Als Mrs. Hammersmith ihm die Lage schilderte, schüttelte Heiler Partridge den Kopf und bekräftigte zu Dan Foresters großer Erleichterung, daß Eingliederungsprobleme keine Sache für Heiler seien, weil hierbei die Willensfreiheit gelte, die laut Heilerstatuten nicht angerührt werden dürfe. Julius dachte wieder an die Sonderregeln von Beauxbatons. Vielleicht war es doch nötig, die Disziplinierung von Pflegehelfern neu zu erörtern, wenn er aus der Schule heraus war oder selbst Kinder vor der Einschulung hatte. Jedenfalls würde Mr. Forester nicht durch magische Heilkunst dazu gebracht, alles um sich herum wunderbar zu finden. Da Heiler Silvester Partridge nun einmal in der Nähe war fragte er Millie und Julius, wie sie das letzte Jahr im Dienst der Pflegehelfer zugebracht hatten. Danach ging es um Kore Blackberrys Baby und das es trotz aller Schutz- und Gegenmaßnahmen wieder eine Mora-Vingate-Party gegeben habe. Millie fragte den Heiler, wie das aufgenommen wurde, daß Leda Greensporn von einem Unbekannten ein Baby bekommen habe, wo die Heilersitten doch den außerehelichen Sex verböten.

"Das solltest du besser mit ihr selbst besprechen, Mildrid", erwiderte Heiler Partridge. "War nicht so einfach, ihr das zu erlauben, als sie Mitte Mai mit Umstandsbauch zu uns kam und uns erklärte, wie sie diesen erworben hat. Mortimer Gemmestone und Octavio Espinoza haben lange überlegt, ob das Kind nicht von jemandem anderen zu Ende getragen werden könnte, um den Ruf der Heilzunft nicht zu gefährden. Aber dann kamen wir überein, daß die Ursache für die Schwangerschaft es ihr erlaube, diese öffentlich zu bekennen und das Kind zur Welt zu bringen."

"Weil sie das Baby nicht durch Zeugung empfangen hat?" Fragte Julius nun frei heraus. Heiler Partridge blickte ihn für einen Sekundenbruchteil verdutzt an, fing sich dann aber.

"Wie erwähnt ist Mrs. Greensporns Schwangerschaft ihre Angelegenheit und betrifft ansonsten nur die Heilerzunft, die ihr die Mutterschaft genehmigt hat."

"Wie soll die denn das Kind sonst in den Bauch gekriegt haben, Julius?" Fragte Brittany. Julius überlegte, ob er ihr von Auroras Hinweis auf den Transgestatio-Zauber erzählen sollte. Doch Millie übernahm das für ihn:

"Heilerinnen können was, um die ungeborenen Kinder von anderen Hexen in ihren Schoß zu übernehmen und ganz normal weiter auszutragen und sogar zur Welt zu bringen, Brittany." Heiler Partridge räusperte sich zwar verdrossen, nickte aber dann. Er stellte jedoch fest, daß dieser Eingriff nur dann erlaubt sei, wenn das Leben der Mutter und/oder des Ungeborenen akut bedroht sei und daher eine Heilerin das Ungeborene übernehmen dürfe, wenn die werdende Mutter dies ausdrücklich erlaube, sonst nicht, weil sonst in die Unversehrtheit von Menschenleben eingegriffen werde, da eine Schwangerschaft keine Krankheit sei, wie manche junge Frauen in der Muggelwelt wohl dachten, wenn sie sorglos die Tötung ihrer Leibesfrucht befürworteten. Julius fragte, ob diese Gesetze für jeden Heiler gelten. Millie nickte ihm zu.

"Seit der weltweiten Vereinbarung aller magischen Heiler, die zehn obersten Heilergrundsätze zu befolgen für jeden zu jeder Zeit an jedem Punkt ... der Welt", erwiderte Silvester Partridge. Irgendwie kam er wohl darauf, warum die beiden Pflegehelfer das nun klar wissen wollten. So sagte er rasch: "Falls ihr Interesse habt, die grundlegenden Heilergesetze bei mir nachzuschlagen kommt nachher bei mir vorbei, sofern der gute Fornax nicht ein großes Bild für die beiden Zeitungen mit euch haben möchte."

"Sehr gerne, Sir", erwiderte Julius spontan. Millie blickte ihn kurz an, nickte dann.

"Seid ihr bei Brittany oder bei ihren Eltern untergebracht?" Wollte er wissen. Brittany warf sich in die Brust und sagte, daß sie die beiden Gäste beherberge.

"Gut, dann bitte ich dich, sie gegen vier zu mir zu schicken", erwiderte Venus' Vater.

"Geht klar, Silvester", bestätigte Brittany.

"Millie sah so aus, als wolle sie hier vor allen ihre Hälfte des Zuneigungsherzens hervorholen und Julius damit anmentiloquieren. Dieser vermutete das zumindest und schickte ihr auf die übliche Weise des Gedankensprechens zu: "Könnte höchst interessant werden, warum Madame Rossignol dann bisher nicht aus der Zunft geflogen ist. Sag und frag nichts weiteres dazu!"

Das Mittagessen ging nun in eine lockere Unterhaltung der Gäste mit den Gastgebern über, wobei so leise es ging die Plätze getauscht wurden, so daß Julius auch einmal neben Mrs. Friday zu sitzen kam, während Millie bei Heilerin Palmer hängen blieb. Mit der Mutter der Quodpot-Drillinge unterhielt er sich über die am fünften steigende Partie gegen die Rossfield Ravens.

"Die Saison wurde angefochten, weil nach dem Überfall dieser Monsterbiene auf Cloudy Canyon weder die Climbers noch die Floaters in der Verfassung sind, Heimspiele auszurichten. Da haben die in Cloudy Canyon zwei Mannschaften und können nicht spielen, weil deren Stadion Schauplatz eines großen Massakers wurde", seufzte Mrs. Friday. "Aber die Heimspiele der beiden Mannschaften finden jetzt im Bayoo-Stadion statt, hat die Abteilung für magische Spiele und Sportarten verkündet. Sie werden wohl irgendwann ein unter freiem Himmel liegendes Stadion in Cloudy Canyon bauen und das unterirdische Stadion verschließen."

"Ein Unterirdisches Stadion?" Fragte Julius. Daraufhin erfuhr er von den Fridays, daß in dem sehr schmalen Ort das Quodpot-Stadion tief unter der Erde gelegen hatte und auch als Schutzbunker für die Bewohner gedient hatte. Letztere Funktion sei diesen jedoch übel bekommen, als die durch alle bekannten Apparierbarrieren brechende Brutkönigin der Entomanthropen dort aufgetaucht sei und sich aus den dort Schutz suchenden Opfer herausgefischt habe. Julius erschauerte. Davon hatte Brittany nichts genaues erzählt. Jetzt wußte er auch, warum. Das mußte für alle ein sehr grausamer Schock gewesen sein und genug Futter für wochenlange Alpträume bieten. Also sollte er das vielleicht sehr schnell wieder vergessen. Wieder einmal schalt er sich einen Idioten, weil er seiner Neugier nachgegeben hatte und dabei wieder einmal was erfahren hatte, was er besser nicht hätte wissen sollen, wie vor zwei Jahren schon einmal.

"Deine Doppelachsenflugtechnik hat meinen drei Süßen den goldenen Pot eingebracht", sagte Mrs. Friday noch. Julius erwähnte, daß Brittany ihm das schon erzählt hatte. "Die wollen morgen noch einmal trainieren, bevor der Höhepunkt des Jubiläumsfestes dort stattfindet."

"In Millemerveilles haben die eine ganze Woche lang gefeiert", sagte Julius.

"Tun wir auch schon seit Anfang Juli. Aber der große Höhepunkt kommt morgen und dauert dann noch eine Woche, ähnlich wie der brasilianische Karneval."

"Jau, mit Sambagruppen?" Fragte Julius, der die farbigen Bilder vom Karneval in Rio aus dem Fernsehen noch gut in Erinnerung hatte.

"Zumindest werden die Windrider mehrere Ehrenrunden über VDS fliegen und dabei mit ihren Ehegatten, Freunden oder jedem, der Mut hat einige Soziusmanöver vorführen", erwiderte Mrs. Friday. Ihre Tochter Dawn meinte lächelnd:

"Hat Brittany dich schon für ihren Besen gebucht, Julius, oder können wir noch vorbestellen?"

"Wäre vielleicht nicht so gut, weil ich nicht weiß, ob deine zwei Schwestern dann nicht blöd gucken, Dawn", erwiderte Julius. Die älteste der Drillinge sah ihre beiden jüngeren Schwestern an und lachte mit denen zusammen.

"Stimmt, dann müßten wir dich in drei Teile zerlegen und auf unsere Besen aufteilen. Das wäre aber eine ziemliche Sauerei und würde die Party komplett kaputtmachen. Lassen wir also Brittany den Spaß, falls sie meint, dich hinten draufzunehmen."

"Ist vielleicht besser", sagte Julius nur.

Als er bei der Plauderrunde bei Heilerin Palmer anlangte sagte diese zu ihm, daß sie schon von ihm gehört und gelesen habe und auch, daß er Aurora Dawn kenne, deren Flugtechnik er den Profis hier beigebracht habe. Dann erwähnte sie noch, daß ihr von Hera Matine per Blitzeule mitgeteilt worden sei, daß Millie und er bereits für volljährig erklärt worden seien. "Wenn du also hier jemandem magischen Schaden zufügst kann ich das dir nicht durchgehen lassen", sagte sie dann noch. Julius beteuerte, niemanden hier mit seinem Zauberstab angreifen zu wollen, solange ihn keiner angreife. Das nahm die Heilerin mit einem wohlwollenden Lächeln zur Kenntnis.

Gegen drei Uhr lud Mr. Hammersmith seine Gäste ein, die Sehenswürdigkeiten Viento del Sols zu besichtigen. Gegen fünf sei auf dem Marktplatz ein Interview mit den Reportern der beiden Zeitungen und des magischen Rundfunks angesetzt. Julius verzog zwar das Gesicht, als er das hörte. Doch wenn die Reporter wußten, wer mit dem Luftschiff gekommen war, würden Millie und er sich nicht mal eben so verkrümeln können. Allerdings war ja vorher noch der Besuch bei den Partridges angesetzt.

Da Millie und Julius den Tierpark schon am Morgen besucht hatten und nicht mit hunderttausend Leuten im Zaubergarten herumlaufen wollten baten sie Brittany, sie erst mit sich in ihr Haus Buchecker zu bringen. Sie entschuldigten sich bei Mr. Hammersmith, daß sie nicht an der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten teilnehmen wollten, weil sie ja eigentlich Brittanys Gäste seien und mit ihr ungestört über einige Sachen reden müßten. Das akzeptierte Mr. Hammersmith und ließ die beiden jungen Eheleute mit ihrer Gastgeberin ziehen.

Im Wohnzimmer Brittanys baute diese einen Klangkerker auf und sah ihre beiden Übernachtungsgäste genau an.

"So, für den Fall, daß Lino ihre Ohren doch in den Speisesaal reingehangen hat und das von eben mitbekommen konnte, Julius: Wie kamst du darauf, daß Leda Greensporn ihr Baby nicht durch heiße Liebe in den Bauch bekommen hat, sondern das bereits wachsende einer anderen Hexe übernahm?"

"Weil die Heilersitten so heftig spießig sind, daß eine Heilerin kein Kind kriegen darf, wenn nicht von einem Ehemann, den sie, sofern da schon Heilerin, erst von der örtlichen Zunft erlaubt bekommen muß", erwiderte Julius. "Hat was mit Anstand und Vorbildfunktion zu tun", fügte er mit gewisser Verärgerung hinzu. Millie nickte und warf ein, daß ihre Tante Béatrice deshalb wohl die einzige aus der Familie sei, die unberührt ins Grab gesenkt würde.

"Mann, dann hättest du das mal besser mentiloquiert, Julius", schnarrte Brittany. "Für Lino wäre das ein gefundenes Fressen, wenn die Cousine von Daianira Hemlock diesen Zauber gemacht und das so umgepackte Baby als eigenes zur Welt gebracht hat."

"Wenn die das nicht schon weiß, Brittany", verteidigte sich Julius. "Vielleicht hat Leda Greensporn ihr, um das klarzumachen, daß es nicht in die Zeitung gehört, reinen Wein eingeschenkt und damit abgesichert, daß Lino nichts ausplaudert."

"Könnte sein, daß dieses Baby von ihrer netten Cousine war, die im April gestorben ist", meinte Millie verächtlich. Brittany verzog das Gesicht.

"Dann hätte die einen Grund, Lino klarzumachen, besser nichts davon in den Westwind reinzubringen, wenn die das von irgendwem doch aufschnappt. Lieber eintopfen als abgeben, auch wenn man dabei rausgeknallt werden kann. Aber dann möchte ich jetzt von euch wissen, was euch so verwundert, daß die Heiler alle zusehen müssen, daß kein Mensch durch sie verletzt oder in seiner körperlichen oder seelischen Verfassung beeinträchtigt wird." Julius erwähnte die Pflegehelferbestrafung. Brittany verzog das Gesicht. "Laut Venus gilt diese weltweite Übereinkunft schon seit mehreren hundert Jahren. Wenn eure Schulheilerin echt noch sowas machen würde gehörte die glatt vor das Heilertribunal, weil ein Heiler oder eine Heilerin den zehn Grundsätzen überall zu folgen hat und nur den Sprechern der Heilzunft gegenüber weisungsgebunden ist und somit keine Angst haben muß, aus ihrer Niederlassung oder Anstellung als Firmen- oder Schulheilerin entlassen zu werden, wenn sie Sachen ablehnt, die gegen diese zehn Grundsätze verstoßen. Venus hat sich schon ziemlich schlau gemacht, weil sie wohl nach der Quodpot-Karriere oder wenn sie wie Kore was Kleines kriegt nach was sicherem für den Rest des Lebens ausschau hält. Die hat mir die zehn Grundsätze auf Pergament gezeigt."

"Kann es nicht doch sein, daß Ausnahmeregeln bestehenbleiben, die schon vor der weltweiten Vereinbarung im Gebrauch waren?" Wollte Julius wissen.

"Absolut nicht, weil das ja dann die obersten Grundsätze der Heilzunft außer Kraft setzen würde", erwiderte Brittany kategorisch. Millie sah sie dann an und antwortete:

"Dann müßte Madame Rossignol ja schon längst aus der Heilerzunft gefeuert werden, weil die doch das mit zwei leuten gemacht hat, Julius."

"Sogesehen auf jeden Fall", erwiderte Julius.

"Klar", erwiderte Brittany biestig. "Mir hat man als Dreijährige noch erzählt, der Klapperstorch und der Regenbogenvogel hätten sich darum gezankt, wer mich als Baby zu meiner Mom bringen dürfe, weil Dad ja vom Klapperstorch geliefert wurde und Mom vom Regenbogenvogel. Außerdem wurde mir häufig gesagt, daß wenn ich nicht anständig sei die Tierwärter kämen und mich an die Donnervögel im Zauberzoo verfütterten, wie das mit bösen Hexenmädchen und Zaubererjungs passierte. Später habe ich dann rausgekriegt, wie ich genau bei meiner Mom abgeliefert wurde und lernte auch von ihr, daß das dumme Gerede von Dad wegen der Donnervögel Quatsch sei, weil die keine Menschen fressen würden sondern Büffel und Pferde fressen würden, wenn sie Fleisch bräuchten und sonst eher Bäumen die Kronen abrupfen oder deren Stämme vermampfen. Seid ihr zwei nicht zu alt, um euch derartig einschüchtern zu lassen?"

"Brittany, ich weiß dann nicht, wieso uns Geraldine Redlief eine Story erzählt hat, eine ihrer Klassenkameradinnen im Austauschjahr hätte mitbekommen, wie einer ihrer Pflegehelferkameraden wegen Organklauzauber zur Bettpfanne wurde", erwiderte Julius darauf.

"Vor Zeugen?" Fragte Brittany. Julius nickte.

"Hmm, die haben mitgehört, wie sie die Vivo-ad-Invivo-Formeln gesprochen oder die betreffenden Zauberstabbewegungen gemacht hat?"

"Ähm, das habe ich sie nicht gefragt", erwiderte Julius. Millie sagte dann, daß sie einmal mit dem Umbroriginis-Zauber ein Bettpfannenregal abgetastet und echt zehn Menschenauren erfaßt hatte. Da schlug sich Julius vor den Kopf.

"Bin ich vernagelt", stieß er aus. "Jahrelang habe ich das gewußt und nichts daraus geschlossen", fügte er noch hinzu. Da erst fiel ihm jedoch ein, daß er vielleicht mit was herausrücken müßte, was er bisher nur sehr wenigen Leuten erzählt und vorgeführt hatte. Es betraf seinen Vater, der seit zwei Jahren für tot gehalten wurde und rein gedächtnismäßig wohl auch tot war. So mußte er sich schnell eine Ausrede ausdenken, wie er das, was ihn so heftig angerührt hatte erklären konnte oder die Wahrheit herauslassen. Er entschloß sich zu letzterem. Mit einem Blick auf den Klangkerker meinte er:

"Ich fürchte, ich muß euch jetzt was erzählen, was ihr bitte bitte bitte nicht aus diesem Klangkerker rauslassen dürft. mein Vater ist zwar nicht mehr am leben, was seine Persönlichkeit angeht, aber sein Körper lebt noch. ..." Es war zu erwarten gewesen, daß die beiden Hexen darüber sehr verwundert, ja zu tiefst betroffen waren. Julius überließ sie und sich dem darauf folgenden Schweigen. Erst als Millie fragte, was denn echt passiert sei, erzählte er so gefaßt er konnte die Geschichte, daß er Hallitti nur entkommen war, weil die Hexen der Wiederkehrerin seinen Vater mit Infanticorpore belegt und damit vom Mann zum Säugling zurückverwandelt hätten, was den Einfluß der Abgrundstochter beendet habe. Allerdings sei sie wohl irgendwie mit seiner Persönlichkeit verbunden geblieben, so daß sie nach der Schwächung ihrer Macht bei ihrer Vernichtung sein Gedächtnis mit zerstört hätten. Er müsse morgen wohl seinen zweiten Wiedergeburtstag feiern und irgendwo leben, wo niemand von der Zaubererwelt was gehört habe.

"Ach du meine Güte", seufzte Millie. "Hast du Mart... , deiner Mutter das erzählt?" Julius schüttelte den Kopf. Er begründete sein Schweigen damit, daß sein Vater so oder so wie tot war. Der kleine Junge, der sozusagen aus dem Nichts neu geboren worden war, wisse nichts mehr davon, wem sein Körper früher mal gehört habe. Für seine Mutter sei Richard Andrews so oder so tot.

"Und was hat das jetzt mit Madame Rossignols Bettpfannen zu tun?" Wollte Millie wissen, die diese Antwort ungewöhnlich locker wegzustecken schien, während Brittany nachdenklich dreinschaute.

"Daß ein in was anderes verwandelter Mensch nicht lange als solcher erkannt werden kann, weil die Originalaura mit der Zeit verschwindet", sagte Julius. Brittany nickte zustimmend. Dann sagte sie:

"Hat mir Venus auch erzählt, daß die wohl im Verhältnis zur ursprünglichen Gestalt und Zauberkraft abnehme. Nur wer sich selbst verwandelt habe behielte sie, weil er oder sie ja noch genug Magie für eine Rückverwandlung gespeichert habe. Das wisse aber nicht jeder wie lange das ginge."

"Moment, dann dürften jahrhunderte alte Bettpfannen, die angeblich Schüler waren ja solche Auren nicht mehr haben", knurrte Millie. Brittany und Julius nickten. Er meinte dann verärgert, daß er nachdem, was mit seinem Vater passierte vielleicht mal diesen Originalanzeiger hätte versuchen sollen, als er wieder in Beauxbatons war.

"Das waren stabile Erscheinungen, Julius", bekräftigte Millie.

"Hmm, so oder so, Millie. Wenn echt eine Heilerin Leute gegen ihren Willen in tote Sachen verwandelt, verstößt sie gegen die zehn Grundbestimmungen. Wenn in tote oder andere Gestalten verwandelte länger als von ihrer vorhandenen Zauberkraft her verwandelt sind, verwischt ihre Originalformanzeige immer mehr. Selbst wenn Zauberer und Hexen über hundert Jahre leben können würden mehr als zweihundert Jahre alte Bettpfannen keine Körperaura eines Menschen mehr zeigen. Davon abgesehen haben wir gelernt, daß Metallgegenstände, die nicht aus Gold oder Platin sind irgendwann immer verrosten, wenn sie nicht mit dem Contraferrugo-Zauber behandelt werden, der jeden Rostansatz blockiert, damit Eisensachen noch nach Jahrtausenden so glänzen wie bei ihrer Herstellung oder unter Wasser Jahrhunderte halten. Wenn jemand verwandelt wurde, so Professor Turner, kann keine andere Zauberei an ihn rühren, die nicht einer anderen Verwandlung dient."

"Aua!" stieß Millie aus. "Aber wie soll dann bitte eine echte Menschenformanzeige gehen. Ich habe die gesehen", beteuerte sie dann noch.

"Das würde mich jetzt auch sehr interessieren", erwiderte Brittany. Julius sah dann beide Hexen an.

"Wäre es möglich, die Originalformanzeige zu kopieren, daß bei dem Anzeigezauber eine falsche Menschenaura erscheint und dieser Zauber echt lange hält?"

"Du meinst wie die Bilder in deinem Elektrorechner, die nur dann zu sehen sind, wenn dieses Bildanzeigeprogramm aufgerufen wird?" Fragte Millie. Julius nickte. Das mußte es sein, die Kopie einer echten Aura, die in einen toten Gegenstand eingewirkt wurde und beim Originalanzeigezauber aktiviert wurde. Aber dann blieb immer noch das Ding mit der vor Zeugen vollstreckten Verwandlungsstrafe.

"Das wäre tatsächlich eine Erklärung, wenn ich auch nicht weiß, ob sowas geht", sagte Brittany. "Hmm, das darf uns dann Venus' Vater erklären. Ich habe da nämlich den ganz dumpfen Eindruck, daß er euch zwei genau deshalb eingeladen hat." Julius nickte.

"Tun wir jetzt mal so, als wenn die ganze Sache mit der Bettpfannenstrafe eine einzige große Veralberung ist, Julius. Warum machen die das nicht einfach mit Strafpunkten und Rauswurf und so?"

"Ganz einfach, weil die Pflegehelfer einige Sachen mehr lernen dürfen als die anderen Schüler und durch das Wandschlüpfsystem mehr Bewegungsmöglichkeiten haben und daher viele gerne Pflegehelfer sein wollen. Wenn da nicht eine ganz furchtbare Strafe dranhängt, wenn wer Mist baut, könnten die Pflegehelfer ja tun, was sie wollten, wenn sie dann nur rausgeworfen würden, wie das mit den anderen passiert."

"Also ich persönlich glaube, daß ihr keine Angst mehr haben müßt, irgendwann mal als Nachtgeschirr herzuhalten", sagte Brittany. "Die Heilerregeln verbieten das einfach."

"Und trotzdem wird das uns Pflegehelfern als eines der ersten Dinge eingeredet", knurrte Millie. "Wenn das echt ein großer Schwindel ist, wurden ganze Jahrgänge in Angst und Schrecken gehalten, wie meine Schwester Tine und Jeanne. Das will ich jetzt ganz klar wissen, ob das nicht doch erlaubt ist und wenn nicht, wie dann allen vorgemacht werden kann, daß es doch gemacht wird und warum die Heilerzunft in Frankreich das nicht als unzulässige Sache veranschlagt."

"Ich will das jetzt auch wissen", sagte Julius.

"Das fragt ihr dann Silvester Partridge", erwiderte Brittany. Dann wollte sie noch wissen, ob Julius sich jemals erkundigt hätte, wo sein Vater hingekommen sei. Dieser erwähnte, daß er genau das nicht wissen wolle und er hoffe, daß der Junge ohne Angst und Sorgen aufwachsen würde.

"Na ja, ob ich meinen Vater so einfach für tot angesehen hätte weiß ich nicht", sagte Brittany. "Andererseits würde es mich wohl ziemlich fertigmachen, wenn irgendwer mir unbekanntes herkäme und behaupten würde, mein Kind, Bruder oder sonst wer zu sein. Ist vielleicht besser so." Millie nickte ihr beipflichtend zu.

Um vier Uhr rauschten Brittany, Millie und Julius per Flohpulver in den Kamin der Partridges. Venus erwartete sie.

"Dad wartet auf die beiden, britt. Wir sollen solange über das Training und unsere Garderobe für den Rundflug reden, hat er ganz streng gesagt."

"Nur wenn die beiden mir danach erzählen dürfen, wie das bei denen in Beauxbatons läuft und ob das gegen die zehn Heilergrundsätze verstößt oder nicht", sagte Brittany sehr entschlossen. Venus verfiel in nachdenkliche Stille. Zumindest sah es so aus. Dann meinte sie:

"War zu befürchten, daß dich das neugierig gemacht hat und du die beiden lange genug bearbeitest, bis die damit herausrücken, Britt. Also geh zu Dad. Ich klär das dann nachher mit dir, was noch zu klären ist. Ähm, aber hast du Julius schon gefragt, ob er mit dir auf dem Paradebesen fliegt?"

"Neh, habe ich nicht. Aber gute Idee, Venus", erwiderte Brittany und sah Julius an. Venus verzog ihr Gesicht, nickte dann aber.

"Müssen das nur andersgeschlechtliche Partner sein?" Fragte Millie keck. Brittany und Venus schüttelten die Köpfe. "Okay, dann möchte ich bei dir mitfliegen, Britt", sagte Millie. Die erwähnte sah sie kurz verdutzt an, grinste dann und umarmte die gleichgroße Junghexe innig. "Okay, Venus, wenn du ihn nett fragst und er will, dann ja", sagte Brittany dann noch.

"Julius, was hältst du davon, ein paar aufschneidende Burschen aus den Staaten so richtig zu ärgern und morgen bei der Parade hinter mir auf dem Besen zu sitzen?" Fragte Venus.

"Jetzt darf ich ja frei zaubern. Da muß ich wohl keine Angst vor denen haben", sagte Julius darauf und nickte dann. "Ich möchte mit dir mitfliegen."

"Okay, was für einen flugtauglichen Festumhang hast du?"

"Der weinrote geht auch für schnelle Flüge", sagte Julius.

"Weinrot? Hmm, okay, dann nehme ich meinen rotgoldenen vom Abschlußball. Da passe ich noch rein", sagte Venus. Brittany fragte dann Millie, wie sie sich anziehen würde und klärte mit dieser ab, daß Millies meergrüner Umhang gut zu einem gold-smaragdgrünen Rüschenumhang paßte, den Brittany bei ihrem Abschlußball getragen hatte. Danach trafen die drei Besucher sich mit Silvester Partridge in seinem zum Dauerklangkerker gemachten Sprechzimmer. Julius kam gleich zur Sache und erwähnte, was ihm an den Heilergesetzen und der Bestrafung für Pflegehelfer so komisch vorkam.

"Ich habe menschenförmige Originalauren gesehen", beteuerte Millie. "Falls das Fälschungen waren, wie geht sowas?"

"Also das mit der Bestrafung ist eine wohl bei den französischen Heilern schon seit der Gründung von Beauxbatons bekannte Sache", sagte Heiler Partridge ruhig. "Serena Delourdes hat aus Zufall bei ihrer Arbeit als Heilerin vor der Gründung von Beauxbatons einen Zauber gefunden, mit dem die Originalauren von lebenden Menschen auf tote Objekte übertragen werden können. Dabei kommt es auf das Ruhepotential des Ausgangsmenschen und das der den Zauber ausführenden Person an. Das wird nicht in den öffentlich zugänglichen Büchern thematisiert und nur Heilern und Verwandlungslehrern beigebracht, zum Glück für mich nicht unter magischem Eid. Ich könnte dich jetzt zum Beispiel in diesen Tisch da verwandeln, Julius", sagte er und zog behutsam seinen Zauberstab. Doch als er diesen vorsichtig bewegte schüttelte er den Kopf. "Hmm, eure Armbänder könnten mich verraten, weil die in sie eingewirkten Überwachungszauber darauf ansprechen könnten", sagte er dann noch. "Okay, wenn du schon mal da bist, Brittany", sagte Heiler Partridge. Brittany verzog zwar das Gesicht, nickte dann aber. Doch anstatt einer echten Verwandlung passierte was anderes. Mr. Partridge verwandelte den Tisch mit einigen voll konzentrierten Zauberstabbewegungen in Brittanys genaues Abbild.

"Ich habe eine rein animalische Kopie von dir hergestellt, Brittany", sagte der Heiler, als die aus dem Tisch gezauberte Brittany 2 sich zu rühren begann. "Wie bei der Ding-zu-Tier-Verwandlung können aus Sachen gewordene Lebewesen nach wenigen Sekunden ähnlich reagieren wie echte Tiere, allerdings ohne Gedächtnis, nur mit dem, was bei ihrer Zeugung und Geburt schon an Grundfähigkeiten verfügbar war." Die zweite Brittany atmete und versuchte, sich aufzurichten. Doch die Bewegungen wirkten eher unbeholfen. Doch irgendwie schien sie langsam zu lernen, wie sie ihre Arme und Beine bewegen mußte.

"Dinge in Menschen zu verwandeln ist doch verdammt schwer", meinte Julius. "In den Wegen zur Verwandlung steht auch nicht, wie das geht."

"Lassen wir besser auch mal unerwähnt, wie das geht", sagte der Heiler. Die auf dem Boden liegende Doppelgängerin öffnete den Mund und stieß einen babyhaften Schrei aus. "Ihr habt ja wohl von den Dementoren gehört", sagte Heiler Partridge. Millie und Julius erwähnten, sogar welche gesehen und vor allem gespürt zu haben, was sie gerne wieder vergessen würden. "Dinge, die zu Tieren werden, können innerhalb von Sekunden tierische Verhaltensweisen immitieren. Dinge, die zu Menschen werden, müssen über vierzig Wochen warten, bis sie eine eigene Seele ausbilden, ähnlich wie es mit ungeborenen Kindern geschieht, nur daß diese durch die Einflüsse im Mutterleib und die spährlichen Wahrnehmungen der Außenwelt wesentlich schneller eine Grundform besitzen, während diese Kopie von dir da gleich mit den Außenwelteinflüssen fertigzuwerden hat. Das aus toter Materie entstandene Gehirn ist bereits so weit entwickelt, daß es mit einer Flut von Wahrnehmungen konfrontiert ist. Allerdings braucht es tatsächlich die übliche Reifungszeit, um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln." Diesmal wimmerte die immer noch am Boden liegende Brittany-Kopie. Millie und Julius staunten über diese Belehrung. Doch was Mr. Partridge eigentlich zeigen wollte kam jetzt erst.

"Heilern war und ist es nicht verboten, für wenige Minuten aus toten Gegenständen Menschen zu machen, solange sie mit diesen Pseudanthropen alleine sind, um beispielsweise reine körperliche Aktivitäten zu erforschen. Allerdings müssen sie diese künstlichen Menschen spätestens nach einer halben Stunde wieder in ihre unbelebte Ausgangsform zurückversetzen, weil diese sonst das was wir Heiler als Vitalimpuls bezeichnen besitzen, also etwas wie eigene Lebenskraft. Aber für meine euch sichtbar beeindruckende Vorführung brauche ich nur noch eine Minute." Die am Boden liegende Brittany-Kopie versuchte, sich auf Hände und Knie zu stellen. Die Bewegungen wirkten sehr mechanisch, als sei es ein Roboter, dessen Stromzufuhr sehr schwach war. Heiler Partridge zielte mit dem Zauberstab für eine Sekunde auf Brittany. Dann richtete er diesen auf die sich am Boden bewegende Kopie. Einen Moment später erglühte diese in einer hellen, gelben Leuchterscheinung, die anfing, zu pulsieren. Der Heiler sah dabei sehr konzentriert aus, als müsse er etwas ganz schweres ausführen oder an etwas sehr kompliziertes denken. Dann erlosch die Leuchterscheinung wieder. Mit einem schnellen Schlänker des Zauberstabes und einem violetten Blitz ließ er die seelenlose Brittany-Kopie wieder zu jenem Tisch werden, der sie vorhin war.

"So, ihr dürft wohl alle den Originalanzeigezauber benutzen", sagte der Heiler. Julius trat vor und zielte mit seinem Zauberstab auf den Tisch: "Revelo Umbroriginis!" Rief er aus, weil alle es mitkriegen sollten. Da entstand um den Tisch herum eine ihrem natürlichen Körper rotgolden nachbildende Leuchterscheinung von Brittany Forester, jedoch nicht so konturscharf, daß wirklich jedes Körpermerkmal zu sehen gewesen wäre.

"Ich habe erst eine Kopie von dir erstellt und diese mit einem Abdruck deiner echten Lebensaura angefüllt. Als ich die Kopie in die Ausgangsform zurückführte, verlieh ich ihr damit den magischen Abdruck deiner Körperaura, Brittany", erwähnte der heiler. "Dieser Abdruck bleibt nun solange bestehen, wie das Objekt von keinem weiteren sein Erscheinungsbild verändernden Verwandlungs- oder Zerstörungszauber berührt wird. Wenn der Tisch zweihundert Jahre hält, ohne magisch verändert zu werden, könnte jeder, der oder die den Originalanzeiger benutzt meinen, der Tisch seist du, Brittany."

"Es gibt also auch Illusionisten unter den echten Magiern", stellte Julius mit einer Mischung aus Anerkennung und Verblüffung fest. "Und wenn sie nur eine Sekunde brauchen, die echte Aura eines Menschen magisch abzutasten und für den Verhüllungszauber zu speichern gilt wohl der Taschenspielerspruch: "Die Hand ist schneller als das Auge."

"Ich hörte von dieser Losung der sogenannten Zauberkünstler der Muggelwelt", grinste der Heiler. "Einige der hier lebenden Magielosen haben mir beschrieben, mit welchen Täuschungen die so arbeiten, daß es wie echte Magie aussehen mag. Wie dem auch sei, durch die zeitweilige Verdopplung von Brittanys Originalerscheinungsaura und der vervielfachten Übertragung auf die zum Leben angeregte Kopie speicherte ich diese als neue Originalaura des Tisches. Als dieser wieder ein Tisch wurde, prägte ich ihm damit diese neue Aura auf, die nur bei dem Originalanzeigezauber sichtbar wird und bis zu einer neuen magischen Veränderung stabil bleibt. Damit hast du deine entdeckten Originalauren, Mildrid." Diese nickte verdrossen. Dann fragte sie, wie es möglich war, daß jemand einen Schüler vor den Augen seiner Kameraden in eine Bettpfanne verwandeln könne. Da schlug sich Julius vor den Kopf und sah Millie an.

"Ich bin ein Riesenroß. Madame L'eauvite hat doch meine Mutter aus dem Zaubereiministerium rausgezaubert, als die von Pétain verhaftet werden sollte. Statt ihr lag da nur ein Schnuller im Ministerium rum."

"Ja, Julius, das ist richtig. Translokationszauber. Aber dabei wird jemand doch der Gegenstand, mit dem der Platz getauscht wird", warf Millie ein. Brittany schlug sich jetzt auch vor den Kopf. Mr. Partridge nickte heftig und lachte.

"Ich hörte davon, als endlich wieder Nachrichten aus Frankreich zu uns gelangt sind", sagte er jungenhaft amüsiert. "Die gute Madeleine L'eauvite ist eben aus demselben Schoß wie ihre Verwandlungskundige Schwester. Durch diesen Zauber kann jemand scheinbar in etwas anderes Verwandelt werden. Wenn die Höchstzeit für Verwandlungen von Menschen von nur zehn Minuten zum Zwecke des Unterrichts eingehalten wird, kann jemand den an den letzten Standort des Ortszuversetzenden gezauberten Gegenstand wieder an seinen Ausgangsort zurückversetzen und die Verwandlung des Betroffenen durch einen neuerlichen Translokationszauber somit aufheben. Da der Zielgegenstand dadurch nur versetzt aber nicht verändert wird ..."

"Bleibt eine vorher aufgedrückte Pseudoaura intakt", knurrte Julius. Millie schnaubte, weil ihr so heftig klar wurde, wie einfach man Leute wie sie verschaukeln konnte, wenn man wußte, wie.

"Zehn Minuten ist die Höchstgrenze?" Fragte Julius. "Verstehe", fügte er noch hinzu. "Und das auch nur zu Unterrichtszwecken."

"Das gilt zumindest für anständige Heiler und Verwandlungslehrer", sagte Mr. Partridge. "Ich würde also nicht auf die Idee kommen, dich in etwas zu verwandeln, was einen Tag lang herumsteht oder benutzt werden soll. Hinzukommt, daß die absichtliche mechanische, thermische oder magische Beschädigung eines als in Tote Daseinsform gezwungenen Menschens, die zu dessen Zerstörung und damit Tod führt wie ein Mord geahndet wird. Würde ich dich, Millie jetzt in eine Vase transfigurieren und absichtlich zu Boden stürzen lassen, wäre ich nicht nur meine Heilerzulassung los, sondern auch ein neuer Einwohner von Doomcastle", sagte Partridge Millie zugewandt. "Und würde ich dich, Julius in eine frische Windel verwandeln und deiner Nachbarin Camille Dusoleil überlassen, auf das sie dich an ihrer kleinen Tochter verwendet, würde ich mich gegen die zehn Heilergebote vergehen. Um das jetzt ein für allemal zu klären: Das mit euren Bettpfannen in Beauxbatons ist ganz sicher eine disziplinarische Lüge, wie die Geschichte von menschenfressenden Donnervögeln, die Kinder holen, die ihren Teller nicht leeressen."

"Genau wie die Behauptung, daß böse Menschen nach dem Tod in die Hölle kommen?" Fragte Julius.

"Das könnte als Entschuldigung für euch Pflegehelfer herhalten, daß ihr euch mit siebzehn noch von dieser Strafandrohung eingeschüchtert fühlen dürft", sagte Mr. Partridge. Millie nickte.

"Nur das mit der Hölle geht eben immer, weil ja keiner weiß, was genau nach dem Tod mit der Seele von einem passiert, der nicht als Geist wiederkommt. Die singende Nonne, ein Geist bei uns in Thorntails, ist ja deshalb ein Geist geworden, weil sie eine Ordensschwester der Muggel war und totale Angst bekam, als sie merkte, daß sie eine Hexe war, was ja ihrer anerzogenen Meinung nach ganz ganz böse war und sie dafür ganz sicher in diese Hölle reinkäme", sagte Brittany. Julius nickte und erwähnte, daß Gloria ihm das auch erzählt habe.

"Ja, aber wenn das kein Schwindel ist und Madame Rossignol echt Schüler verwandeln und so lassen darf?" Fragte Millie und kniff sich verärgert in die Nase. "Aber neh, das ist doch ein Schwindel, wegen der Originalauren. Wie lange sollen die von echt verwandelten halten?"

"Magisches Ruhepotential mal Lebensjahre durch die Differenz von Ausgangsgröße zur Endgröße, wobei jede Vergrößerung mit minus eins multipliziert wird", sagte der Heiler. Julius schmunzelte.

"Und da sage noch mal wer, in der Magischen Welt bräuchte man keine Mathematik."

"Das sind wenige Gesetze, die so klar in Zahlen ausgedrückt werden können", sagte Brittany. Millie und Julius sahen sich an. Dann fragte Millie den Heiler:

"Müssen Sie jetzt nicht Angst haben, daß wir es unseren Pflegehelferkameraden erklären und diese Drohung damit lächerlich machen?"

"Sagen wir es mal so, Mildrid. Ich weiß nicht, warum genau Serena Delourdes diese Androhung in Umlauf brachte und welche Gründe es gab und bis heute gibt, daß sie aufrecht erhalten wird, obwohl jeder, der die zehn Heilergrundsätze kennt weiß, das die Strafe an sich von keinem Heiler an keinem Ort der Welt zu keiner Zeit vollstreckt werden darf. Insofern würde ich nur denen die Wahrheit sagen, die es eurer Meinung nach verdient haben."

"Hmm, Sandrine gegenüber wäre das gemein, auch Belisama und Carmen gegenüber", sagte Julius. "Sicher verstehe ich es, wenn Strafen angedroht werden. Ich würde sogar damit leben, wenn diese Strafe echt vollstreckt würde, weil es Sachen gibt, die so heftig sind, daß sie heftig bestraft würden. Aber ich würde meine Ansichten von gemeinen Lügen der Religionen und böswilliger Einschüchterung von Menschen widersprechen, wenn ich diese Lüge echt so stehen lassen würde. Ich denke, das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren."

"Ich auch nicht. Vor allem aber freut es mich, wenn ich das Tine auf die Nase binde, daß die vier Jahre lang Angst hatte, jemand könnte was in sie reinmachen."

"Wenn die das nicht schon längst wußte und wegen der Disziplinierung dichtgehalten hat", knurrte Julius. Allerdings dachte er daran, daß Millie und er heute nicht zusammen sein würden, wenn Hippolyte nicht ernsthaft geglaubt hätte, Millie und Belisama könnten wegen ihm zu Bettpfannen werden.

"Abgesehen davon, daß diese Verwandlungsobergrenze gilt wirkt sich eine Verwandlung in tote Gegenstände für einen Menschen immer so aus, daß er sich nach einer gewissen Zeit, die von seiner Willensstärke abhängig ist, in der Vorstellung verliert, immer schon so ein Gegenstand gewesen zu sein und damit die Bestrafung als solche negiert wird. Wer immer schon dachte, eingesperrt gewesen zu sein, sieht das Eingesperrtsein nicht mehr als ihn bedrückende Situation an, ja kann es sogar als beängstigend betrachten, wenn ihm jemand die Tür öffnet", bemerkte Silvester Partridge noch dazu.

"Eine Frage bleibt aber, Julius", erwähnte Millie. "Was passierte mit denen, die angeblich verwandelt wurden wirklich?"

"Natürlich", erkannte Julius. "Hmm, entweder wurden die von Sicherheitszauberern abgeholt und weggesperrt, bis kein Hahn mehr nach ihnen gekräht hat, oder Nicht-Heiler haben denen das Gedächtnis genommen oder sonstwie dafür gesorgt, daß sie keinen Schaden mehr anrichten konnten. Jedenfalls hörte nie wieder wer was von denen."

"Ist ja auch fies", knurrte Brittany. "Am liebsten würde ich eure Heilerin gleich heftig anpampen, ob das echt so ist, wie Silvester uns vorgeführt hat und was dann mit den betreffenden Leuten echt passiert ist. Und es ist auch fies, wenn ein Heiler das Abführen von wem ermöglicht, ohne daß Eltern oder Freunde das mitkriegen."

"Magische Festnahmen sind uns im Rahmen dessen, Leute zu hindern, anderen Menschen zu schaden erlaubt", sagte Mr. Partridge. "Wer davon was und wie viel erfährt ist allerdings nicht vorgeschrieben."

"Verstehe, dann kann man wen verschwinden lassen, ohne ihm körperlichen Schaden zuzufügen", grummelte Millie. Julius nickte. Das hatte doch was von einem Polizeistaat, dachte er. Doch vorher hatte er noch kein Problem damit gehabt, das derartig drakonische Strafen in Beauxbatons vollstreckt würden. Was sollte das also jetzt?

"Ich hoffe, ihr könnt etwas tun, was ihr mit eurem Gewissen vereinbaren könnt", sagte Silvester Partridge. "Klärt aber immer ab, welche Auswirkungen euer Handeln nach sich zieht! Ihr seid immerhin jetzt volljährig und damit für alles was ihr tut und auf den Weg bringt verantwortlich."

"Wir klären das nachher", sagte Julius und sah Millie an.

"Gut, dann sollten wir wohl langsam zusehen, uns beim Marktplatz zu treffen, um uns den Bilderknechten und Schallansaugern der Nachrichtenzunft zu präsentieren", sagte Venus' Vater abschließend.

"Kommt Lino auch?" Fragte Brittany.

"Ich gehe wohl davon aus, daß sie herüberkommt", grummelte Mr. Partridge. "Gäste aus Millemerveilles läßt sie sich sicher nicht entgehen, wo sie wieder ganz die Alte ist."

"Na toll", knurrte Julius. "Gut, daß die keine Gedanken hören kann."

"Das wäre für mich sehr übel", sagte Heiler Partridge. "Was ich an streng vertraulichen Dingen erfahre dürfte sie sicher interessieren. Das mit Kores Schwangerschaft war ja ein gefundenes Fressen für die Zeitungsmacher."

"Die wohnt jetzt woanders", sagte Brittany. "Die wollte hier nicht bleiben, wo jeder ihr dumm nachquatschen könnte."

"Kann ich ihr nachfühlen", entgegnete Julius.

Zusammen mit Mrs. Partridge und Venus ging es zum Marktplatz. Dort versammelte sich bereits eine große Menschenmenge, um die Gäste aus Millemerveilles zu bestaunen. Um fünf Uhr traf dann auch der gesamte Rat der Siedler ein. Julius sah sich um, wer noch alles kam. Ja, da waren Peggy Swann und die kleine Larissa, über deren Entstehung er auch mehr gehört hatte, als ihm lieb war.

"Ach, da ist die glückliche Mutter", zischte Millie Julius ins Ohr. Julius nickte. Millie brauchte ihm nicht zu zeigen, wen sie meinte.

Der Fototermin war eine viertelstündige Angelegenheit. Das Interview, bei dem wirklich auch Linda Knowles anwesend war, verlief dagegen schon länger. Wie zu befürchten stand wurden auch Mildrid und Julius befragt, wieso sie jetzt einen gemeinsamen Nachnamen hatten, weshalb sie als Ehrengäste mitgereist waren und wie sie sich unter all den Ehrenhexen und -zauberern fühlten. Als Linda Knowles fragte, ob Julius noch immer an seinen Vater denken müsse sagte dieser ganz ruhig:

"Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich in seine Augen, Ms. Knowles. Ich weiß, daß morgen dieser Tag ist, an dem ich ihn verloren habe. Aber er wäre jettzt bestimmt stolz, wenn er wüßte, daß die ganze Zaubereiausbildung sich für mich doch gelohnt hat und immer noch lohnen würde. Das macht mich dann sehr glücklich. Das dürfen Sie zitieren."

"Sehr gerne, Julius", erwiderte Linda und zwinkerte ihm mit ihren fast schwarzen Kulleraugen zu. Julius hätte sie zur Vergeltung für diese doch sehr in die Seele schlagende Frage gefragt, was genau bei der Vernichtung der Entomanthropenkönigin passiert war und warum sie das so runtergezogen hatte. Doch er war nicht so gemein, das hier und jetzt anzubringen. Außerdem würde die ihn dann als Feind oder besonders zu drangsalierenden Typen ansehen und nachbohren, was so alles passiert war. Im Moment sollte er sich freuen, daß sie ihn nur als Ehrengast sah.

Gegen sieben Uhr durften die Ehrengäste noch einmal in das Gasthaus zum sonnigen Gemüt, wo nur sie und der Dorfrat aßen. Anschließend reisten Millie und Julius zu Brittany zurück. Um Linos Ohren nicht zum Klingen zu bringen sprachen die beiden sich ab, daß Millie im einzeln stehenden Bett übernachten wollte, während Julius das obere Bett des Etagenbettes belegte. In ihren Betten mentiloquierten sie dann weiter.

"Wie kriegen wir das mit den Bettpfannen aus dem Kopf?" Fragte Millie.

"Wenn wir das deiner Mutter erzählen, und die hat das echt geglaubt, könnte sie unsere vorzeitige Eheschließung anfechten, weil diese unter falschen Voraussetzungen stattfand", schickte Julius zurück.

"Denkst du das echt, daß sie unter falschen Voraussetzungen stattfand?" Fragte Millie etwas ungehalten.

"Ich meine nicht, daß wir nicht zusammenleben dürften oder wollten, Millie. Ich meine nur, daß deine Mutter uns zur Burg der Mondschwestern gebracht hat, weil sie Angst hatte, du könntest in eine Bettpfanne verwandelt werden", schickte Julius zurück.

"Das meinst du, Monju? Vielleicht wußte die das aber und wollte es dir nur nicht sagen, damit du denkst, sie hätte aus Angst gehandelt und nicht, weil sie immer schon fand, daß du und ich endlich klarkriegen müßten, ob da was ginge oder nicht, weil sie ja wußte, daß ich dich sehr gerne zum festen Freund haben wollte und du von zu vielen Leuten davon abgehalten wurdest, dich mal klar zu entscheiden, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu kriegen", erwiderte Millie für Ohren unhörbar.

"Und falls Tine das nicht wußte wußte Hippolyte es auch nicht", sandte Julius seine Gedankenantwort zurück.

"Wir müssen auf jeden Fall in Beaux klären, ob die Kiste mit den falschen Körperauren stimmt oder nicht. Falls sie stimmt, brauchen wir zumindest keine Angst mehr zu haben, daß du oder ich mal von Claudines Kindern vollgepullert werden. Schon eine abgedrehte Vorstellung, das dann vielleicht als absolutes Glücksempfinden zu erleben. Aber die Begründung von Mr. Partridge scheint wohl zu passen, daß jemand, der sich dem Verwandlungszustand anpaßt, sich dann ja nicht mehr bestraft fühlt und damit die ganze Kiste hinfällig wird."

"Die Todesstrafe wurde auch nicht vollstreckt, um den einen Verbrecher für immer zu verängstigen", wußte Julius. "Es war vielmehr gedacht, um die anderen davon abzuhalten, die damit bedrohten Verbrechen zu begehen. Allerdings hat das nicht viel gebracht. Geklaut und gemordet wurde trotzdem. Hier in den Staaten gilt sie auch, und trotzdem bringen immer mehr Leute andere Leute um oder vergewaltigen Menschen auf grausame Weise."

"Ja, aber die Vorstellung, daß jemand dauerhaft verändert wird und sie dem andauernd begegnen können könnte schon was machen. Ich meine, ich habe schon wegen dieser drastischen Strafe gedacht, echt aufpassen zu müssen, nicht zu häufig wandzuschlüpfen oder irgendwem eine runterzuhauen."

"Oder schlimmeres mit wem zu tun", erwiderte Julius unhörbar. "Aber ob ich jetzt, wo ich mehr Anhaltspunkte habe, daß es ein Riesenschwindel ist hingehen soll, um das laut rauszuposaunen, weiß ich auch nicht. Jedes Jahr veranstalten sie auf der ganzen Welt so einen Zirkus wegen dem Weihnachtsmann, und viele viele Menschen tun nur was gutes, weil sie Angst vor der Hölle haben, wo die meisten wissen, daß Menschen anderen Menschen die Hölle eher auf Erden bereiten und es auch keine Garantie für den Himmel gibt, in dem all die guten Leute landen."

"Du meinst, wir sollten das erst einmal für uns behalten?" Fragte Millie.

"Ich sagte schon, daß mich das sehr stört, bei einer Angstmacherlüge mitzumachen. Vielleicht sollten wir das mit unseren Pflegehelferkameraden klären, ob die sich nicht auch so anständig benehmen können und irgendwann im letzten Schuljahr mal die Frage aufwerfen, ob diese Drohung nicht gegen was anderes ausgetauscht werden soll, was genauso heftig reinhaut, aber niemanden dafür lebenslänglich verändert."

"Besser ist das", schickte Millie zurück. "Ich könnte wohl auch nicht mehr gut schlafen, wenn ich wüßte, daß Belisama und Sandrine nachts davon träumen, in diesem Regal herumzustehen, sich nicht mehr bewegen zu können und womöglich anfangen, darauf zu warten, daß jemand sie gebraucht."

"Wunder mich echt, daß du so besorgt um Belisama bist", schickte Julius seiner Frau zu.

"Als wir endlich klar hatten, warum wir uns gestritten hatten und der Grund dafür geklärt war kamen wir doch gut miteinander klar, vor allem, nachdem das mit Hercules passiert ist", wußte Millie die passende Antwort. "Belisama akzeptiert, daß du mein Mann bist und demnächst der Vater meiner Kinder bist, weil sie will, daß es dir gut geht. Ich denke, wenn ich dich aus irgendeinem mir absolut nicht klaren Grund wieder loswerden wollte, dann bekäme ich richtigen Ärger mit der."

"Lieben heißt loslassen können", schickte Julius zu Millie zurück. Diese fragte ihn mentiloquistisch, was er damit meine. Er erwiderte auf die gleiche Weise, daß das Eltern gesagt würde, die ihre Kinder in das eigene Leben entlassen mußten oder wenn jemand den, den er oder sie begehrte, ziehen ließ, wenn der Auserwählte dadurch glücklich wurde.

"Dann sei froh, daß mindestens zwei süße Mädchen auf dich aufpassen, Monju!" Erwiderte Millie über die Herzanhängerverbindung. Julius stellte klar, daß er das sehr hoch schätzte. Dann wünschten sich beide mit hörbarer Stimme noch eine gute Nacht und schliefen bald darauf.

__________

Da Millie und Julius es von Frankreich her gewöhnt waren, keine Wurst oder sonstiges Frühstücksfleisch zu essen, genossen sie ohne Probleme Brittanys vollvegetarisches Frühstück. Da die junge Quodpotspilerin das Brot selbst buk roch es im Haus schon früh am Morgen nach Bäckerei. Verschiedene Marmeladensorten und die in den Staaten so verbreitete Erdnußbutter standen als Brotaufstrich bereit. Dazu gab es Früchte verschiedener Art. Nur Tee oder Kaffee fehlten. Stattdessen trug Brittany eine Kanne mit einer heißgemachten Fruchtsaftmischung auf, die ein wenig süß und gleichzeitig sauer schmeckte. Dazu gab es Maismehlpfannkuchen und Ahornsirup.

"Oha, so prall wie wir jetzt sind können wir aber nicht jetzt schon auf die Besen", sagte Millie. Brittany grinste. Sie hatte von jedem nur ein wenig gegessen, weil sie gleich noch trainieren würde.

"Es ist bedauerlich, daß wir heute morgen nicht mit euch trainieren können. Doch unsere Führung will, daß wir noch einmal alle möglichen Spielzüge durchgehen, mit denen uns die Ravens kommen können. Zuschauer dürfen leider auch nicht rein, weil doch glatt wer mal versucht hat, mit Vielsaft-Trank als Sharon Silverbells Mom ins Stadion zu kommen. Das flog nur deshalb auf, weil die echte Mrs. Silverbell früher aus der Schlafdunstbetäubung aufwachte und Alarm schlug. Daher wurde beschlossen, keine Trainingszuschauer mehr reinzulassen. Fies ist das schon, vor leerem Stadion zu trainieren. Aber wenn es uns den goldenen Pot sichert, warum nicht?"

"Wir beschäftigen uns dann so, bis die Besenparade passiert", sagte Millie.

"Die ist heute Nachmittag um drei. Seid also da schön angezogen vor dem Stadion. Venus wäre sicher ziemlich beleidigt, wenn du sie versetzen würdest, Julius. Und ich wäre auch nicht gerade begeistert, allein auf dem Besen zu sitzen, Millie", mußte Brittany noch anbringen. Doch sie lächelte dabei, daß beide wußten, daß sie nicht so streng war, wie es geklungen haben mochte.

Als Brittany dann zum Stadion apparierte flogen Millie und Julius über VDS herum und sahen dem bunten Treiben zu. Die magische Ansiedlung schien im Moment zehnmal mehr Einwohner zu haben als sonst. Der Marktplatz war gerammelt voll mit Hexen und Zauberern in bunten Umhängen. Vor dem Gasthaus zum sonnigen Gemüt saßen die Gäste an hell gedeckten Tischen und frühstückten. Auch vor dem Uhrenturm, dem Mittelpunkt der Ansiedlung, drängten sich die Leute. Jemand hatte die Idee gehabt, Eintrittsgeld zu kassieren, wo der Turm und das in ihm beherbergte Uhrenmuseum sonst kostenlos zu besichtigen waren. Auf der Spitze des Turmes, da, wo eine riesige Sonnenuhr angebracht war, die selbst bei Bewölkung einen Schatten werfen konnte, drängten sich alleine hundert Besucher.

"Oha, nirgendwo weniger als fünfzig auf einem Haufen", seufzte Julius. Millie stimmte ihm zu. Das schlimme war auch, daß sie nicht die einzigen waren, die über dem Dorf herumflogen. In jeder Richtung konnten sie mindestens zwanzig Besen ausmachen.

"So viel war in Millemerveilles nicht los", vermutete Millie. Doch Julius wies sie darauf hin, daß sich die Menschenmenge über mehr Raum verteilen konnte. Sie flogen zum Zauberpflanzengarten. Auch hier tummelte sich eine große Menge Leute. Auch hier wurden heute Eintrittsgelder verlangt. Julius rief mentiloquistisch nach Camille Dusoleil. Diese antwortete ihm einige Sekunden später. Sie befand sich mit ihrer Tochter Chloé im Haus der Hammersmiths. Die Reise nach Amerika hatte die jüngste Dusoleil wohl doch nicht so unbeeindruckt überstanden wie ursprünglich gedacht war. Sie quängelte mehr und wollte andauernd gekuschelt und gestillt werden. Florymont war mit seinem Schwiegersohn unterwegs, um die Vorbereitungen des Festes zu verfolgen. Jeanne war mit Denise und Viviane auf dem großen Kinderspielplatz im Osten des Dorfes.

"Wir sind gerade um das Stadion herumgeflogen. Die haben es mit einer Art Nebelbarriere umschlossen, daß niemand von oben reingucken kann", schickte Julius zurück. Dann sah er wieder Peggy Swanns silbernes Rundhaus in der Sonne glitzern. Millie und er blieben eine Weile im freien Flug und flogen mal zur einen und mal zur anderen Grenze hinüber. Irgendwann ließen sie sich in einem der Parks nieder, wo bereits festliche Musik erklang. Dort trafen sie auf Kestrel Jones, der sonst Stadionsprecher bei den Windriders war und unterhielten sich eine lange Zeit über das letzte Jahr und die verstrichene Quodpot-Saison. Was in Frankreich passiert war hatten sie hier in den Staaten ja nicht mitbekommen. Dafür war die Zeit von Minister Wishbone, die Wiederkehrerin und die Entomanthropenkönigin ja außerhalb der Staaten weitgehend unerwähnt geblieben. Kestrel meinte zum Mord an Wishbone:

"Wenn diese Verrückte ihn wirklich hätte abmurksen wollen wäre ihr das wohl schon bei der Vernichtungsaktion eingefallen. Sie hätte dann zwar nur einen Doppelgänger erwischt ..."

"Womit sie wohl gerechnet hat", erwiderte Julius darauf. "Aber ich denke auch nicht, daß diese Hexe Wishbone umgebracht hat. Die hätte den ganz elegant verschwinden lassen oder was ganz lächerliches anstellen lassen, daß man den aus dem Amt getragen hätte."

"Angeblich hatte der was mit seiner Tante mütterlicherseits, sagt diese."

"Klar", erwiderte Millie. "Wenn das echt so wäre, würde die das bestimmt nicht in die Zeitung setzen."

"Die hat in einem der letzten Kristallherolde gesagt, sie habe zunächst nur im Namen ihrer verstorbenen Schwester aufpassen wollen, daß "dem Kleinen" nichts zustoße und dann erkannt, daß der kleine Neffe ein sehr attraktiver und intelligenter Zauberer sei, und sich in ihn verliebt. Wishbones Leute haben das natürlich sofort als Lüge bezeichnet und gefordert, daß diese Tracy Summerhill ihre Behauptungen zurücknimmt. Die Broomswoodianerinnen sind da natürlich voll drauf eingestiegen und verlangen eine Überprüfung der Wahl und aller danach getroffenen Maßnahmen. Na ja, jetzt wo Cartridge wieder im Amt ist, wird das wohl noch eine Weile so gehen."

"Vielleicht hat diese Hexe echt was mit dem Minister angefangen und wollte nicht, daß der sie so einfach in die Ecke stellt", sagte Julius nachdenklich. "Gab's schon oft, daß Geliebte von Politikern mit den ganzen Sachen rausgekommen sind, weil deren Liebhaber sie nicht mehr um sich haben wollten."

"Ja, aber die eigene Tante?" Fragte Kestrel. "Wie bescheuert muß ein Mann sein, sich mit einer einzulassen, die aus demselben Stall ist wie seine eigene Mutter?"

"Da kann ich Ihnen auch keine Erklärung für liefern", antwortete Julius Latierre kleinlaut. Dann sah er Linda Knowles, wie sie auf einem Besen über sie hinwegflog. Julius konnte nur hoffen, daß bei den vielen Leuten Linos magische Ohren nicht mehr recht herausfiltern konnten, wo es was interessantes zu hören gab. Die Reporterhexe flog auch unbeirrt weiter. Vielleicht war sie auf dem Weg zu einem Interview. Vielleicht wollte sie auch nur die große Menschenansammlung beobachten. Dennoch fanden Millie und Julius, daß sie besser weiterflögen. Wieder in der Luft steuerten sie das Haus der Foresters an. Rauch quoll aus dem Schornstein. Mr. Forester arbeitete im Garten. Mrs. Forester war im Haus.

"Na, ist euch der Trubel zu viel?" Fragte Mr. Forester leicht verächtlich. "Das wird noch mehr, wenn erst Mittag ist und diese Reisebusse die Abordnungen aus den ganzen anderen Zauberersiedlungen anbringen."

"Ist Ihnen wohl zu viel, wie?" Fragte Julius.

"Komm mir vor wie in Chicago", erwiderte Mr. Forester darauf nur mit einer Spur Verachtung in der Stimme.

Als Mrs. Forester hörte, wer vor dem Haus war, kam sie heraus und fragte, ob Millie und Julius ein wenig vom herumfliegen ausruhen wollten. So verbrachten sie die Zeit bis Mittags mit Geplauder über die Latierre-Kühe, die von Professeur Fourmier vorgestellten Zaubertiere und Schach, weil ja gerade erst wieder das Turnier gelaufen war. Als Mrs. Forester eine Gedankenbotschaft ihrer Tochter empfing, wo Millie und Julius seien, lud sie Brittany zum Essen ein.

Nachmittags zogen sie dann alle in ihren Festumhängen zum Quodpotstadion, wo die Profi-Spieler gerade Aufstellung nahmen, um auf ihren schnellen Bronco-Besen mehrere Flugkunststücke zu zeigen. Auch Brittany gehörte zu denen, die eine ganze Stunde lang unter Aaahs und Uuuhs der Zuschauer haarsträubende Flugkunststücke zeigten. Dann landeten die Quodpotter wieder vor dem Stadion und nahmen neue Aufstellung. die Besenpartner der Spieler und Spielerinnen wurden per Handzeichen aufgefordert, zu ihren Pilotfliegern hinzugehen. Als Julius auf Venus' Besen zuschritt fühlte er die aufmerksamen Blicke in seinem Rücken. Doch er drehte sich nicht um. Er ging zu der athletischen, hochgewachsenen blonden Hexe hin und wartete darauf, daß diese ihm sagte, sich hinter ihr auf den Besen zu schwingen. Millie und Brittany bestiegen bereits den Bronco Millennium.

"Du brauchst keine Angst zu haben", sagte Venus. "Wir beide machen das jetzt ganz gut." Dann wies sie Julius an, sich hinter ihr auf den Besen zu schwingen. Als sie vor ihm saß bugsierte sie seine Hände am Stiel so, daß er sich gut festhalten konnte, ohne seine Finger zu nahe an ihrem Schritt zu platzieren. Dann ging es auch schon nach oben.

Julius hätte fragen sollen, ob Venus die Staffelführerin war. Doch das war ohnehin egal. Denn sie brauste mit ihm so ungestüm dahin, daß er sich gerade gut genug festhalten konnte.

"Jetzt mal eine Viertelrolle!" Gab Venus Partridge vor und kippte nach rechts auf neunzig Grad Schlagseite. Nach fünf Sekunden rollten sie sich wieder in die richtige Fluglage zurück und jagten mehrmals um den Uhrenturm herum. Dann ging es im Hui über Viento del Sol hinweg bis zur Nordgrenze, steil nach oben, fast im freien Fall wieder hinunter und zurück zum Zentrum, weiter nach Süden, In wilden Schleifen fliegend, die Julius jede frühere Karussellfahrt vergessen machten. Knapp sechzig Minuten dauerte dieser wilde Hexentanz mit Soziusfliegern. Dann stoben sie auseinander und landeten so, daß jeder Spieler und jede Spielerin vor dem eigenen Haus landete, wo bereits begeisterte Fans der Mannschaft warteten. Julius überspielte den leichten Schwindel, als er sich von Venus' Besen löste und in die Gesichter vieler ihn beneidend ansehenden Jungen blickte. Doch er beherrschte sich und ließ sich nicht anmerken, wie ihn der wilde Flug beeindruckt hatte.

"Hältst eine Menge aus, Julius", lobte ihn die athletische Quodpotterin und hakte sich bei ihm unter. Jetzt, nachdem er in einem Vierteljahr mehr als fünfzehn Zentimeter mehr in die Länge gewachsen war und auch breitere Schultern bekommen hatte, wirkte er nun kräftiger neben der blonden Quodpot-Hexe, die ganz lässig mit ihm die Reihen der staunenden Fans abschritt, nachdem sie ihrer Mutter den Rennbesen zurückgereicht hatte. Kameras blitzten auf, während die beiden das Spalier der Wartenden abschritten und Venus mehrere Autogrammkarten verteilte. Dann sahen sie Peggy Swann mit der kleinen Larissa.

"Schön, dich mal wieder so aus der Nähe zu sehen, Julius. Es hat sich ja doch einiges bei euch und vor allem dir getan, wie ich sehen kann", begrüßte Peggy Swann ihn munter. Er erwiderte so ruhig er konnte, daß er froh sei, dieses Jahr überstanden zu haben und jetzt hoffe, noch ein paar friedliche Tage in Viento del Sol zu verbringen.

"Wieso bist du bei Venus mit aufgestiegen, wo es herumgegangen ist, daß Brittany dich und deine überraschend früh angetraute Ehefrau eingeladen hat?" Wollte Peggy wissen.

"Weil meine Frau mit Brittany ein Hexentandem gebildet hat und Ms. Partridge hier mich gefragt hat, ob ich dann nicht bei ihr aufsteigen wolle", erwiderte Julius. Die nun auf eigenen Beinen laufende Larissa klammerte sich mit ihren kurzen Armen um sein linkes Bein und jubelte.

"Na du? Kannst ja jetzt alleine laufen, wie ich sehe", grüßte Julius das kleine Mädchen, in dem der Geist einer bereits lebenserfahrenen Hexe steckte.

"Bist ja ganz groß", sagte Larissa mit ihrer Kinderstimme. Julius schloß seinen Geist, um keine Gedankenbotschaften durchkommen zu lassen. Offenbar versuchte die zu ihrer eigenen Enkelin gewordene Larissa Swann, ihm etwas zuzuschicken. Doch er fühlte nur einen sachten Druck auf den Kopf.

"Wir gehen jetzt auch zur Festansprache von Ratssprecher Hammersmith. Wird deine Frau da auch hinkommen?" Wollte Peggy Swann wissen.

"Ich treffe sie dort sicher", erwiderte Julius und löste die kleinen Arme Larissas vorsichtig von seinem Bein. Das kleine Mädchen lief zu der Hexe, die es vor wohl bald zwei Jahren zur Welt gebracht hatte und doch nicht einfach nur dessen Mutter war.

"Du strahlst was aus, was kleine und große Mädchen auf dich fliegen läßt", scherzte Venus, als sie Julius in eine halbe Umarmung nahm. "Millie muß gut auf dich aufpassen", fügte sie noch hinzu. Dann drehte sie sich mit ihm in eine Apparition hinein, deren Endpunkt der Marktplatz war, wo die ganzen Stände nun durch zwei hohe Tribünen und ein Rednerpodest ersetzt worden waren. Venus blieb nun bei Julius untergehakt. Dieser führte sie zu Brittany und Millie, die sich mit den Friday-Drillingen unterhielten.

"Sage der blonden Dame, die dich so wild auf ihrem Besen durchgeschüttelt hat, daß wir Ehrengäste alle auf der Nordtribüne sitzen", hörte er Camilles Gedankenstimme. Er schickte zurück, daß er auf dem Weg zu ihr war. Dann deutete er auf die Nordtribüne, wo er unverkennbar etwas leuchtendgrünes ausmachen konnte.

"Ach, die Ehrenloge. Dann mal rauf da!" Trieb Brittany Julius an. Millie hakte sich nun rechts bei ihm ein und ließ sich von ihm hinaufführen, während die fünf Quodpotterinnen eine respekterheischende Nachhut bildeten.

"Florymont wollte nicht mit mir hinter euch herfliegen", begrüßte ihn Camille mit hörbarer Stimme. "Wir sind dann appariert, wo die Hauptrede stattfindet."

Als die Tribünen zum Zusammenbrechen voll besetzt waren und immer noch eine Unmenge Leute auf den Platz strömte, enterte Mr. Hammersmith das Rednerpodest und zupfte seinen dunkelblauen Umhang zurecht. Dann gebot er mit einer sachten Handbewegung Ruhe und wirkte den Stimmverstärkerzauber. Er begrüßte alle Anwesenden und danach namentlich alle Ehrengäste, zu denen nicht nur die Bewohner aus Millemerveilles gehörten, sondern auch die Repräsentanten der übrigen Zaubererdörfer. Dann sprach er von der Geburtsstunde von Viento del Sol. Camille legte derweil ihre wieder quängelnde Tochter Chloé im Sichtschutz einer ggrasgrünen, aber gut luftdurchlässigen Schürze an und wiegte sie sacht.

"Wer Reichtum sucht, dich oft verflucht", schrieb der Zauberer und Sänger Arion Floot 1848, als er als Augenzeuge des großen kalifornischen Goldrausches mit dabei war, wie mehrere Magier mit auf Golderkennung abzielenden Zaubern diesen Landstrich durchkreuzten und dabei von Sonne und heißem Wind drangsaliert wurden. Doch die Zauberer wurden fündig. Mindestens zwölf Tonnen Gold waren über diesen Landstrich verteilt. Somit beschlossen sie, ihre Familien nachzuholen, den Ort magisch gegen Muggel abzuschirmen und diese Ansiedlung nach dem von der Sonne selbst zu stammenden Luftstrom zu benennen. Der spanische Name kam daher, daß fünf der acht Zauberer aus Mexiko heraufgekommen waren, um den dortigen Nöten zu entrinnen. Das Gold wurde innerhalb eines halben Jahres abgebaut. In der Zeit gesellten sich auch andere Glückssucher der magischen Welt hierher und bauten ihre Häuser, lebten ihre Freizeitbeschäftigungen aus und gründeten den Markt. Zehn Jahre nach der ersten, in Zaubereigeschichtsbüchern nachzulesenden Erwähnung von Viento del Sol erhob sich bereits der Uhrenturm, der dem Londoner Big Ben eine gewisse Ehre machte. Die Idee, darin verschiedene Zeitmeßgeräte auszustellen kam dem Zauberkunsthandwerker Arepo Hammersmith, meinem Ururgroßvater, als er nach einer Reise durch Europa erkannte, daß die nichtmagische Welt erhebliche Fortschritte auf dem Gebiet der Mechanik machte. Um uns, die wir mit Zauberstab und Trankkessel wahre Wunderdinge zu vollbringen fähig sind, zu zeigen, daß die restliche Menschheit weder dumm noch ungeschickt war, sammelte er alle ihm legal zugänglichen Artefakte der Zeitmessung und reihte sie im Uhrenturm nebeneinander und übereinander.

Mit der Zeit entstand das Quodpotspiel in seiner heutigen Form, und unsere Gemeinschaft brachte immer wieder exzellente Mannschaften hervor. Doch vor allem wurde unser Dorf durch zwei große Atraktionen bekannt, den magischen Tierpark und den weitläufigen Garten mit Zauberpflanzen. Auch wurde die Abwehr nichtmagischer Menschen entfernt, weil es doch den einen Zauberer oder die andere Hexe gab, der oder die mit dem Ehepartner gerne hier leben wollte. Um unser magisches Blut frisch und jung zu halten hießen wir die Bewohner aus der nichtmagischen Welt herzlich willkommen." Julius sah, wie Dan Forester verächtlich dreinschaute, hörte ihn aber nichts sagen. "Das gold ist nun restlos erschöpft. Doch wir haben etwas bleibendes geschaffen, etwas, daß alle mit der Zeit leergewordenen Siedlungen, die die Muggel Geisterstädte nennen, überdauert hat und überdauern wird. Und jetzt, heute auf den Tag genau nach hundertfünfzig Jahren, bin ich stolz und grlücklich, verkünden zu dürfen, daß wir einen großen Schritt hin zu einer über alle Staatsgrenzen erhabenen Gemeinschaft getan haben. Wir haben als erste nordamerikanische Zauberersiedlung die längst fällige Brücke nach Europa geschlagen und in Millemerveilles, dem magischen Dorf in Südfrankreich, einen Partner gefunden, um mit diesem die Auswirkungen der schweren Krise des vergangenen Jahres und alle Höhen und Tiefen der Zukunft zu überstehen." Er nickte den Bewohnern Millemerveilles' zu und erwähnte dann noch, daß er stolz sei, eine kompetente Gartenhexe wie Camille Dusoleil angetroffen zu haben. Diese hatte gestern, wo sie die Sehenswürdigkeiten besucht hatten, mehrere Regenbogensträucher angepflanzt, deren Samenkörner sie aus Millemerveilles mitgebracht hatte. Da sie gerade wegen ihrer Mutterpflichten nicht aufstehen konnte, übernahm Jeanne es, sich für ihre Mutter zu bedanken, daß sie alle hatten herkommen dürfen. Alle klatschten Beifall.

Dann durften auch andere Ehrengäste sprechen und Viento del Sol zum Jubiläum beglückwünschen. Nun flogen auch die Quodpotmannschaften der eingeladenen Zauberergemeinden auf und führten ein Luftballett vor, das Julius erstaunte. Danach lud Mr. Hammersmith alle zum Grillfest vor dem Gasthaus zum Sonnigen Gemüt ein. Brittany und ihr Vater, die nicht davon ausgingen, fleischlose Sachen zu essen zu bekommen, verabschiedeten sich bis auf weiteres von Millie und Julius.

"esst euch satt, ihr zwei. Wenn ihr den Trubel nicht mehr vertragen könnt ruft mich", schickte Brittany an Julius. Dieser bestätigte es unhörbar.

Außer zwanzig Grillöfen und Goulaschkanonen gab es vor dem Gasthaus noch eine Bühne, auf der verschiedene Musiker und Bands aufspielten. Wer sich kräftig und nicht zu voll fühlte konnte zu dieser Musik tanzen. Julius kam so gar nicht groß dazu, zu viel zu essen, weil er andauernd von tanzwilligen Hexen aufgefordert wurde, die natürlich mitbekommen hatten, daß er kein schlechter Tänzer war. Millie ließ es zu, daß er mit allen weiblichen Quodpot-Profis tanzte, bis sie von ihm auf die Tanzfläche geführt wurde. Irgendwo in der Menge konnte Julius Linda Knowles ausmachen, die sich wohlweißlich zurückhielt, um vielleicht das eine oder andere aufzuschnappen.

Gegen elf Uhr mentiloquierte Julius Brittany an, die mit ihrem Vater in dessen Haus gesessen und nach dem Essen die neuesten Nachrichten aus der Muggelwelt ausgetauscht hatte. Brittany holte die beiden nacheinander ab. Julius wurde gefragt, warum er nicht länger aufbleiben dürfe, wo der Abend doch erst so richtig in Schwung käme. Doch Julius räumte ein, daß er Mrs. Forester noch eine Schachpartie zugesagt hatte, die er gerne so wach er konnte spielen wollte.

Um zwölf lagen die Latierres wieder in ihren Betten. Millie mentiloquierte ihm:

"Ich habe das wohl gesehen, daß Venus dich am liebsten nicht nur auf dem Besen gehabt hätte. Aber ich weiß auch, daß sie dich mir nicht wegnehmen will. Sie wollte es nur genießen, mit einem jungen Zauberer, der sie nicht überehrfürchtig anbetet zusammenzusein."

"Sie ist eine von Brittanys Freundinnen, Mamille", schickte Julius zurück. "Ich denke, sie wollte auch mit mir zusammen sein, weil sie wissen wollte, was Britt und du an mir so findet. Ob sie eine Antwort gefunden hat weiß ich nicht. Denn der einzige Weg zum Vergleichen wäre unanständig gewesen."

"Das hätte ich dir wohl übelgenommen, wenn du Venus für mehr als einen wilden Ritt auf dem Besen begleitet hättest, Monju. Denn du weißt, daß wir das voneinander fühlen können, was der andere empfindet."

"Ich fände es vor allem unfair dir gegenüber, weil du dich im letzten Sommer und das ganze Mistjahr lang für mich so reingehängt und von Bernadette so viel Unsinn abgekriegt hast", schickte Julius zurück.

"Weil ich weiß, daß wir zwei zueinander gehören, Monju. nächstes Jahr werden wir zwei so ein schnuckeliges Baby auf den Weg bringen wie Chloé eines ist", erwiderte Millie. "Dann wird's jeder kapieren, wer zu wem gehört."

"Das ist noch ein ganzes Schuljahr hin", gedankensprach Julius.

"Jedenfalls müssen wir uns überlegen, wie wir mit dem Zeug umgehen, was Venus' Vater uns gestern erklärt hat", dachte ihm Millie zu. "Bin mal gespannt, wie Jeanne oder Martine das aufnehmen, was uns da erklärt wurde."

"Die werden sich ärgern, sich davon haben beeindrucken zu lassen", erwiderte Julius für Ohren unergründlich.

"Wenn die beiden das nicht ab irgendeinem Zeitpunkt wußten", erfolgte Millies Antwort. Draußen gröhlten schon gut angetrunkene Zauberer. Brittany hatte vorsorglich alle Abwehrzauber in Stellung gebracht.

"Tja, jetzt ist VDS eine Partnergemeinde von Millemerveilles, und wir sind die Vertreter Millemerveilles. Könnte uns nur passieren, daß Lino noch einmal was von uns hören und schreiben will", schickte Julius an seine Frau. Diese mentiloquierte mit Hilfe des Zuneigungsherzens zurück:

"Soll die doch. Wir haben nichts erlebt, was die interessieren könnte."

"Wollen wir hoffen, daß sie das auch so sieht, wo hier gerade genug passiert und passiert ist, was die interessieren sollte", gedankenerwiderte Julius darauf.

"Wenn du nix rüberkommen läßt, was die auf uns aufmerksam macht, Monju. Aber jetzt will ich schlafen", erhielt er Millies Antwort. Er wünschte ihr dann hörbar noch eine gute Nacht.

Du musst dich anmelden (anmelden) um ein Review abzugeben.
Disclaimer: All publicly recognizable characters, settings, etc. are the property of their respective owners. The original characters and plot are the property of the author. No money is being made from this work. No copyright infringement is intended.

Bad Behaviour hat in den letzten 7 Tagen 92 Zugriffe blockiert.